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Full text of "Vierteljahrsschrift für deutsch- und englisch-theologische Forschung und Kritik 4 (1871)"

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JAMES WALKER, D.D., LL.D., 

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o 


TOTEUAHRSSCHRIFT 

FÜR 

DEUTSCH- UND ENGLISCH -THEOLOGISCHE 
FORSCHUNG UND KRITIK. 


HERAU8GEGEBEN VON 

D" M. HEIDENHEIM. 


IV. BAND. 





ZÜRICH , 

S. HÖHR. 

LONDON: WILLIAMS & NORGATE. 
1871. 


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J TL . 8 0& 4r 

cp. 33 ,r 



Druck ¥00 David Bürkli in Zürich. 



INHALT. 

I. Abhandlungen. . 

Seite 

Assyrische Forschungen. Von A. Scheuchzer 3. 283 

Der Todesgedanke Jesu. Von E. Graf 46 

Beiträge zum bessern Verständniss der »Ascensio Moysis«. Von 
Dr. M. Heidenheim. 

1. Einleitende Bemerkungen 63 

2. lieber das Citat im Judasbriefe 70 

3. Erklärung schwieriger Stellen 76 

Die Apocalypse des Apostels Paulus. Von Dr. P. Zingerle . . . 139 

Die samaritanischen Legenden Mosis. Von Dr. Leitner .... 184 

Bemerkungen zu den Legenden Mosis. Von Dr. Heidenheim . . 212 

Das Hinscheiden Mosis. Von Dr. M. Heidenheim 216 

Zu der Parabel vom ungerechten Haushalter. Von E. Graf . . 321 
Die altjüdische Schriftauslegung der Psalmen. Von Dr. M. Heidenheim 447 
Zur Textkritik der Proverbien. Von Dr. M. Heidenheim . . . 468 

Die Christologie der Karaiten. Von Dr. M. Heidenheim .... 488 

II. Mittheilungen. 

Schriftauslegungen. Von Dr. M. Heidenheim. 

1. Ueber Gen. 47, 3 105 

2. Ueber das Citat aus Psalm 40, 7 im Hebräerbriefe . . 106 

3. Ueber das Citat Jes. 61, 1 im Lucasevangelium . . . 109 

Samaritanische Festhymnen. Von Dr. M. Heidenheim 110 

1. Midrasch des Priesters Abraham 112 

2. Midrasch des Priesters Tobiah’s 118 

Zur Logoslehre der Samaritaner. Von Dr. M. Heidenheim . . . 126 

Die hebräischen Evangelien des Vaticans, nebst Facsimile. Von 

Dr. M. Heidenheim 227 

Gebete der samaritanischen Hohenpriester Markah und Amram. 

Von Dr. M. Heidenheim 237 

Erklärungen schwieriger Stellen des samaritanischen Targums. Von 

Dr. M. Heidenheim 247 

Actenstücke zpr neuesten Kirchengeschichte. 

A. Schreiben des griechischen Patriarchen zu Constantinopel 

an den Erzbischof von Canterbury 251 

B. Encyclica der anglikanischen bischöflichen Synode . . 254 

C. Schreiben des Erzbischofs von Canterbury 257 


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* IV 


Seite 

Die samaritanische Chronik des Hohenpriesters Elasar. Yon Dr. 

M. Heidenheim 347 

Gebete des Hohenpriesters Amram. Von Dr. M. Heidenheim . . 890 
Actenstücke zur neuesten Kirchengeschichte. 

Sendschreiben # der h. Synode der griechischen Kirche an 

den hochwürdigsten Erzbischof von Canterbury . . 405 
Antwortschreiben des hochwürd. Erzbischofs von Canterbury 407 
Die wichtigsten Resultate der Ausgrabungen in Palästina. Von 

Dr. M. Heidenheim 519 

Zur samaritanischen Angelologie und Astrologie. Ein samaritani- 

sches Gebet. Von Dr. M. Heidenheim 545 

111. Kritik. 

Schatz des liturg. Chor- und Gemeindegesanges in der deutschen 

evangelischen Kirche. Von Dr. L. Schöberlein 129 

Macray’s Annals on the Bodleian library 261 

Malans, Plea for the authorised Version 263 

Hurts History of Ratioualism 264 

Seebohm, the Oxford Reformers . 266 

Wordsworth’s History of the Church of Ireland 269 

The Doctrine of the Church of England 271 

Liddon’s Bampton Lectures 272 

Colquhoun’s Church Association Lectures '. ....... . 274 

Haddan’s Apostolical Succession 276 

Moore’s thoughts on preaching 278 

Good’s Sermons 279 

The Christian Observer 280 

The Reformation of the Church of England 412 

Science and the Gospel 426 

St. Paul’s Epistle to the Philippians 428 

The Speakers Commentary 560 

Bibliographie englisch-theologischer Schriften 429. 565 


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ABHANDLUNGEN. 


ViertolJ Ahrsschrift. IT. 1. 


1 


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I. 


Assyrische Forschungen, 

mit besonderer Rücksichtnahme auf die Aussagen der 
ägyptischen Denkmäler über asiatische Völker 
und Reiche. 

Von 

£d)rud)jrr in Zürich. 


1. Die Niniaden ond die Assyrer. 

Die literarischen Quellen assyrischer Geschichte sondern 
sich leicht in zwei Gruppen. Die einen gehen auf die baby- 
lonische Ueberlieferung zurück, so der Kanon, Berosus, 
Herodot, die Bibel. Diesen allen steht Ktesias gegenüber 
mit den Autoren, die auf derselben Grundlage fussen oder 
aus ihm schöpfen, wie Kastor, Diodor, Kephalion, die 
christlichen Chronographen. Der Widerspruch zwischen der 
babylonischen und der ktesianischen Erzählung ist bis jetzt 
noch nicht vollständig gelöst. Nach der letztem wird das 
assyrische Reich, nachdem es etwa 1300 Jahre bestanden, 
durch den Fall von Ninus mit Einem Schlage vernichtet. 
Nach der erstem stellt sich die Sache nicht so einfach. 
Man ist genöthigt, sich vor Allem klar zu machen, was 
unter dem assyrischen Reiche zu verstehen sei. Denn nicht 
nur dem ninevitischen Reiche kommt dieser Name zu , son- 
dern auch das babylonische Reich hat Anspruch an den- 
selben. Babylon ist so gut eine assyrische Metropole als 
Ninus. Wenn Herodot von Assyrien spricht, so ist meist 
an Babylonien zu denken (I. 178. 192; III. 92; IV. 39), ob- 
schon dieses nicht das einzige assyrische Land ist, sondern 

1 * 


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4 


A. Scheuchzer. 


das übrige Mesopotamien und das nachmalige Syrien eben 
so wohl Assyrien war und hiess. 

Ueber die Lage der einen assyrischen Metropole, Ninus, 
hier nur dieses.*) Vorerst darf nicht an das spätere Ninus, 
östlich vom Tigris im jenseitigen Adiabene , gedacht werden, 
dessen Anfänge kaum über unsere Aera zurückreichen , und 
welches auch nicht in alt - assyrischem , sondern in alt- 
medischem Lande gelegen war. Es kommen vielmehr zwei 
andere Lokalitäten in Betracht. Bei Herodot finden sich 
zwei, wenn er es gleich nicht ausdrücklich sagt, doch unter 
sich verschiedene Ninus -Städte erwähnt. Die eine, nach 
deren völliger Zerstörung die assyrische Residenz nach Baby- 
lon verlegt ward (I. 178), kann nicht dasjenige Ninus sein, 
welches die Meder des Cyaxares (626 v. Chr.) als Bundes- 
genossen Nabopolassars einnahmen, aber nicht zerstörten 
(1. 106. 185). Denn Babylon war ja lange vor 626 könig- 
liche Residenz, zum Mindesten seit Nabonassar (747), in 
dessen Zeit Herodot die Semiramis setzt, die Personifikation 
der Befestigung Babylons. Herodot verlegt Ninus an den 
westlichen Tigrisarm, in welchen der grosse Euphratkanal 
ausmündet (I. 193. 189). Dieses Ninus war demnach inner- 
halb Babyloniens gelegen. Dieses babylonische Ninus, wie 
man es zur Unterscheidung von dem commagenischen und 
dem adiabenischen Ninus füglich nennen kann, muss freilich 
weiterer Erörterung Vorbehalten bleiben. Herodot (I. 178) 
gibt die Zeit seiner Zerstörung nicht an. Sie wird indess 
mit der ersten Katastrophe des assyrischen Reiches, mit 
dem grossen Abfall der Bundesgenossen um 750 v. Chr. 
Zusammentreffen. 

Vor Nabonassar war das assyrische Reich ein einiges, 
ungetheiltes. Erst nach seiner Zeit, nach dem allgemeinen 
Abfall der Bundesgenossen werden zwei assyrische Reiche 


*) Die nähere Ausführung und Begründung in meinem Aufsatze: 
Die Lage der verschiedenen Ninus-Städte , im Rhein. Museum für Philol. 
Neue Folge XVUL S. 329 ff. 


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Assyrische Forschungen. 


5 


erwähnt, die Assyrer von Ninus von andern Assyrern (denen 
von Babylon) unterschieden (Herod. I. 102). Die Könige 
der VI. Dynastie des Berosus sind anerkannt Assyrer, die 
über Babylonien herrschten. Für denjenigen, der sich über- 
zeugt hat, dass dieselben nicht im adiabenischen Ninus, 
dessen Existenz in so alter Zeit nichts weniger als erwiesen 
ist, residiren konnten, entsteht die Frage, ob Babylon oder 
das babylonische Ninus die Residenz dieser Assyrer gewesen 
sei. Ein Moment, welches hiebei von Bedeutung sein kann, 
ist folgendes. Josephus redet von der Neubefestigung Ba- 
bylons durch Nebukadnezar. Die Worte lauten im armeni- 
schen Eusebius etwas anders als in der Schrift gegen Apion 
(1, 19) und den Antiquitäten (10, 11). Im Eusebius heisst 
es nach Aucher (pag. 68) etwas bestimmter: »er leitete in 
die vorhandene Altstadt die regellos ausserhalb derselben 
fliessenden Wasser und zog einige Orte in die Befestigung 
hinein, damit nicht in Zukunft die Belagerer den Strom 
gegen die Stadt richten könnten.* Im griechischen Text 
des Josephus geschieht jener wilden in die Stadt geleiteten 
Wasser keine Erwähnung. Wenn aber daselbst gesagt ist, 
der König habe Vorrichtungen getroffen, »damit die Belagerer 
den Strom nicht mehr gegen die Stadt richten könnten*, 
so lässt sich annehmen, dass dieses bei einer frühem Be- 
lagerung vorgekommen sei. Es fragt sich, bei welcher? 
Man könnte an die Zeit denken, da Sanherib nach Ueber- 
windung des Elibus sich Babylons bemächtigte (680 v. Ch.). 
Allein damals geschah die Entscheidung durch eine Feld- 
schlacht, und auf eine Belagerung deutet der Polyhistor 
mit keinem Wort. Daher ist vielmehr die Zeit der ersten 
Katastrophe des assyrischen Reiches um 750 ins Auge zu 
fassen. Wie hier die Wasser des Euphrat für Babylon, 
freilich durch Vermittlung der Menschen, Verderblich wer- 
den, 60 riss nach Ktesias das Anschwellen des nämlichen 
Stromes einen Theil der Mauern von Ninus nieder. * Sollte 
nicht ein und dasselbe Ereigniss beiden Erzählungen zu 
Grunde liegen? Das euphratensische Ninus des Ktesias rückt 


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A. Scheuchzer. 


sehr nahe mit Babylon zusammen. Der tumulus des Ninus 
vor den Thoren Babylons bildet die Vermittelung (Diodor 
II. 3. 7. Ovid, Metam. 4, 88. 95). In dem fruchtbaren Baby- 
lonien, in dieser vagina urbium konnte sich wohl Stadt an 
Stadt drängen. Wenn Herodot das babylonische Ninus nicht 
an einen Tigrisarm verlegte, so würden wir es unbedenk- 
lich mit Babylon identificiren , nach der Notiz bei Suidas 
(v. 2epitpafiiis) , Semiramis habe zuerst Ninive mit Mauern 
umgeben, und der Stadt den andern Namen Babylon bei- 
gelegt. So aber müssen wir die Frage nach der Residenz 
der VI. Dynastie unentschieden lassen. 

Von dem babylonischen Ninus verschieden ist das von 
den Medern 626 v. Chr. eingenommene Ninus. Dieses kann 
nicht in Babylonien gelegen haben ; denn Herodot sagt aus- 
drücklich (I. 106), die Meder hätten nach dessen Einnahme 
sich Assyrien mit Ausnahme Babyloniens unterworfen. 
Dieses andere Ninus war die Residenz einer jüngern assy- 
rischen Dynastie; die Geschichte dieser von Nabopolassar 
gestürzten Dynastie, welche ihre Herrschaft von dem Stamm- 
lande Babylonien aus nach Nordwcsteu ausdehnte und mit 
ihren Eroberungen die Seeküste Kanaans und Ciliciens 
erreichte, führt darauf, ihre Residenz mit dem »alten Ninus« 
zu identificiren, welches Ammian (14, 8) in Commagena 

erwähnt: Commagena, nunc Euphratensis Hierapoli, 

veiere Nino et Samosata, civitatibus amplis illustris. 

Wir müssen also schon im Verlauf der alten assyrischen 
Geschichte zwei Ninus -Städte unterscheiden, von welchen 
die eine innerhalb, die andere ausserhalb Babyloniens ge- 
legen war. Nach den Worten Herodots (I. 178) war das 
babylonische Ninus die Residenz der assyrischen Könige 
vor Nabonassar. Das ausserhalb Babylonien gelegene Ninus 
war eine spätere assyrische Residenz. Bald nach Nabonassar 
nämlich wird neben dem assyrischen Reiche in Babylon ein 
zweites assyrisches Reich erwähnt, dessen Herrscher wenig- 
stens zeitweise in dem andern Ninus residiren, welches 
schliesslich den Medern in die Hände fiel (626). Babylon 


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Assyrische Forschungen. 


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selbst war oder blieb die Residenz des einen der zwei assy- 
rischen Staaten, in welche das früher ungetheilte Reich 
einige Zeit nach der Katastrophe um 750 aus einander ging, 
welche indess in der Folge durch Unterwerfung des einen 
unter den andern wieder eine Zeit lang in derselben Hand 
vereinigt wurden. Die assyrischen Könige in Babylon, vor 
und nach der Wiedervereinigung der beiden Reiche, sind 
im Kanon einzeln aufgeführt. Die Könige des von Babylon 
sich ablösenden assyrischen Reiches ebenfalls vor und nach 
der Wiedervereinigung sind, zwar unvollständig und ohne 
Angabe der Regierungszeit, in der Bibel genannt. 

Die Dauer des ungetheilten assyrischen Reiches war 
schon aus Herodot bekannt Berosus gibt sie genau zu 
526 Jahren an. Die Uebereinstimmung zwischen beiden 
Autoren zeigt, dass bei Herodot (I. 95) in jenem Zeitraum 
nicht von einem assyrischen Reiche die Rede sein kann, 
welches seinen Mittelpunkt ausserhalb Babyloniens gehabt 
hätte. Jene 526 Jahre reichen, wie schon B. G. Niebuhr 
hervorgehoben hat, nur bis zur Aera Nabonassars, 747 v. Ch. 
Die 45 Könige dieses Reiches bilden die sechste der Dyna- 
stien, welche seit der Sintfluth über Babylon regiert haben. 
Von den beiden assyrischen Staaten , die im Verfolg aus dem 
ungetheilten Reiche hervorgingen, beschäftigt den Berosus 
zunächst nur der babylonische. Das Niuevitenreich wird erst 
erwähnt, seit die Geschicke Babylons davon betroffen werden. 

An die 526 Jahre der VI. Dynastie schliesst sich un- 
mittelbar die erste Abtheilung des Regentenkanons des Pto- 
lemäus. Hier werden unter der Ueberschrift assyrischer 
und medischer Könige die Fürsten zusammengefasst, welche 
von Nabonassar bis Cyrus während eines Zeitraumes von 
209 Jahren in Babylon regiert haben. Berosus hat diese 
Reihenfolge nicht als ein Continuum auf seine VI. Dynastie 
folgen lassen; sie enthält auch nicht bloss eine einzige, 
sondern mindestens drei Dynastien. Die gewaltigsten Um- 
wälzungen sind in diesen 209 Jahren beschlossen. Die 
trockenen Namen des Kanon erhalten durch die Auszüge 


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A. Scheuchzer. 


aus Berosus ihre Erläuterung. Vielleicht war das _Haus 
Nabonassars schon mit dem ersten Interregnum (44 Nabon.) 
vom Thron gestossen. Jedenfalls war dieses bei dem zweiten 
Interregnum geschehen, dessen 8 Jahre eine Zeifder grössten 
Zerrüttung für das Reich waren. Ein Bruder Sanheribs 
hatte den Thron von Babylon eingenommen ; ein Usurpator 
den andern in rascher Folge gestürzt. Die beiden assyri- 
schen Reiche von Babylon und von Ninus waren damals, 
wenn nicht schon früher, mit einander in Krieg gerathen. 
Mit der Eroberung Babylons durch Sanherib (680 v. Ch.) 
kam eine neue Dynastie daselbst auf, das Haus des Sanherib : 
Asordanes und dessen 2 Nachfolger, welche während 55 Jah- 
ren (680—626 v. Ch.) Babylon beherrschten. Diese 3 Könige 
des Kanon (13—15) sind keine andern als die 3 letzten 
Nineviten der jüngern Linie, unter welchen die beiden Reiche 
bis zum Fall von Ninus vereinigt blieben. 

Die Auszüge aus dem Polyhistor gehen stillschweigend 
über diese zweite Katastrophe der assyrischen Geschichte 
hinweg. Aber ein Stück aus Abydenus und der Syncelhis 
(p. 210 B.) erwähnen, wenn auch in äusserster Kürze, der 
Einnahme von Ninus. In beiden Stellen ist es deutlich ge- 
sagt, dass der Vater des Nebukadnezar, und nicht dieser 
selbst, welcher damals (626) bei seiner Verlobung mit 
Amuhia noch ein junger Knabe gewesen sein muss, den ent- 
scheidenden Schlag gegen Ninive geführt hat. Der Fall von ' 
Ninus und die Erhebung Nabopolassars können unmöglich 
in zwei verschiedene Epochen aus einander gerissen werden. 
Die 28 Jahre der Skythenherrschaft nöthigen nicht dazu, 
die Einnahme von Ninus, wie ziemlich allgemein geschieht, 
in das Jahr 606 herabzusetzen. Denn der medisch-lydische 
Krieg zwischen Cyaxares und Alyattes (615 — 610) setzt 
voraus, dass die Meder das Erbe des Ninevitenreiches bereits 
angetreten hatten ; sonst hätten sie das lydische Reich kaum 
berührt (Herodot I. 74. 103). Wenn man aber jetzt wieder 
behauptet, die Sonnenfinsterniss , welche dem Kampf der 
beiden Heere ein Ende machte, sei nicht die von 610, 


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Assyrische Forschungen. 


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sondern von 585 v. Ch. , so geräth man damit in Wider- 
spruch mit Herodot. Denn in diesem Fall fiele der Krieg 
nicht mehr unter Cyaxares, sondern unter Astyages. 

Die dritte erkennbare Dynastie im ersten Theil des 
Regentenkanons ist also die des Nabopolassar, welche das 
ninevitische Haus gestürzt hat. Sie umfasst in 5 Regierun- 
gen die letzten 87 jener 209 Jahre. Es ist die letzte Zeit 
des Bestehens eines assyrischen Reiches von Babylon. Diese 
Stadt war wieder Residenz der assyrischen Könige; aber 
mit der Nebenbuhlerin Ninus war die Hälfte der Gesammt- 
monarchie für die Assyrer verloren. 

Da die Chaldäer des Ninevitenreiches nur an wenigen 
Stellen gedenken, so sind wir für die Geschichte desselben 
vornehmlich auf die Bibel angewiesen. Das allmälige Vor- 
rücken desselben von Babylonien aus nach Nordwest, den 
Strömen nach aufwärts, und bis an den Orontes und 
die Seeküste lässt sich besonders nach 2. Kön. 19, 12. 13 
und Jesajas 10, 9 einigermassen verfolgen. Dieses Reich 
kann sich erst seit Nabonassars Tod von dem assyrischen 
Reich in Babylon abgelöst haben. Denn Tiglat-Pileser 
und Salmanassar sind die ersten Könige eines assyrischen 
Reiches, welches Babylonien nicht mehr umfasste. Hätten 
sie über Babylon regiert, so wären sie so gut wie Sanherib 
und Asordanes von Berosus erwähnt worden. Dann aber 
würde Eusebius sie sicher angeführt haben, da er ja so 
sehr darauf aus ist, alle in der Bibel vorkommenden Namen, 
die sich auch bei Berosus erwähnt finden, aufzuzählen. 
Ueber Phul , den ersten in der Bibel genannten assyrischen 
König, hier nur diess. Da er nach Berosus über Babylon 
regiert hat, da er ferner als Haupt einer Dynastie erscheint 
und Zeitgenosse Menahems von Israel ist, welcher nach der 
berichtigten Zeitrechnung von 739—730 v. Ch. regiert hat, 
so kann er gar kein anderer König, als Nabonassar sein. 
Eusebius nennt ihn mit dem Namen, den er in der Bibel 
führt, während der Kanon seinen Thronnamen hat Also 
erst nach Phul wird ein von Babylonien getrenntes assy- 


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A. Scheuchzer. 


risches Reich erwähnt Wenn M. v. Niebuhr (Assur und 
Babel, S. 128. 142. 494) Phul den »letzten König Ninives, 
der noch über Babel regierte«, nennt und ihn an das Ende 
der 45 Könige setzt, also noch der VI. berosischen Dynastie 
zuweist, so sehen wir darin einen Grundirrthum der Neuern 
in der Auffassung assyrischer Geschichte. Denn erstlich ist 
Phul im Alten Testament keineswegs als König von Ninive 
bezeichnet, sondern als König von Assur, welche Bezeich- 
nung ihm als Herrscher von Babylon de jure zukommt. 
Dann wird er bestimmt von den 45 Königen der VI. Dynastie 
geschieden. Es heisst deutlich : »Nach diesen war ein 
Chaldäer -König, des Namens Phul« (Aucher p. 41). Der 
Irrthum sitzt aber noch tiefer, insofern die Bezeichnungen 
assyrisch und ninevitisch als durchaus identisch genommen 
werden mit Verkennung dessen, dass die erstere, als ein 
weiterer Begriff, auch das babylonische umfasst. Man setzt 
allgemein voraus, dass es im 13. Jahrhundert ausserhalb 
Babyloniens ein assyrisches Reich mit der Hauptstadt 
Ninive gegeben habe, von welchem Babylonien unterworfen 
und während der Dauer der VI. Dynastie in Unterwerfung 
gehalten worden sei. Allein die Existenz eines von dem 
babylonischen verschiedenen assyrischen Reiches während 
des genannten Zeitraumes ist aus unsern Geschichtsquellen 
nicht zu erweisen. Wohl stand Babylon von 1273 bis 748 
unter assyrischen Königen. Man hat sich diess aber nicht 
so zu denken , als ob im 1 3. Jahrhundert bereits ein der Ge- 
schichte anderweitig bekanntes assyrisches Reich bestanden 
habe, welches Babylon unterworfen und so die assyrische 
Herrschaft daselbst begründet habe. Vielmehr kennt die 
Geschichte kein älteres assyrisches Reich, als dasjenige in 
Babylonien. Nach Diodor (Lib. 2, 1. 3.) sind die Assyrer 
Herren von Babylonien, ehe nur eine Stadt Ninus gegrün- 
det wird.’ Nun sind die Assyrer freilich nicht Autochthonen 
in Babylonien. Wir haben anderswo*) die Vermuthung 

*) Zur Geschichte von Assur und Babel , in Bd. XVI der Zeitschrift 
der deutschen morgenl. Gesellsch. S. 483 f. 


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Assyrische Forschungen. 


11 


geäussert, dass sie ursprünglich mit den arischen Oxydrakern 
im Peutschab zusammengehören und demnach von Iran aus 
sich Babylon unterworfen haben. Allein ihre Einwanderung 
liegt jenseits der. bekannten Geschichte. In dieser ist Baby- 
lonien die Wiege ihres Reiches, welches erst von hier aus 
über die Länder, die seither ihren Namen tragen , bis an die 
Küste des Mittelmeeres sich ausgebreitet hat. Das erste in 
der Geschichte erwähnte Auftreten der Assyrer fällt ja gleich 
mit ihrer Herrschaft in Babylon zusammen. Die 520 Jahre 
ihres Reiches in Oberasien sind ja der VI. Dynastie des 
Berosus in Babylon ganz gleichzeitig. Wenn aber Herodot 
(I. 102) den Assyrern von Ninus die frühere Herrschaft über 
die Bundesgenossen, also in derzeit vor 750, zuschreibt, 
so haben wir gesehen, wie bei ihm zwei unter sich ver- 
schiedene Ninus-Städte Vorkommen, von denen er freilich 
nur die Lage der einen angibt. Aber gerade diese eine 
kommt nach seiner Angabe innerhalb Babyloniens zu liegen. 
Dieses babylonische Ninus gehört eben der Zeit vor 750 
an, in welcher die Assyrer ihrer Bundesgenossen noch 
mächtig waren. Wir Hessen es oben unentschieden, ob die 
Residenz des assyrischen Reiches jener frühem Zeit Babylon 
oder das babylonische Ninus gewesen sei. Im einen und 
andern Falle war sie in Sinear gelegen. Welche Bewandt- 
niss es aber mit dem assyrischen Reiche des Ktesias habe, 
das schon um 2200 v. Chr. beginnt, darauf werden wir im 
Verfolge zu sprechen kommen. 

Was nun das von Babylon sich seit Tiglat-Pileser ab- 
lösende, mit jeder folgenden Regierung gewaltiger auftre- 
tende Reich betrifft, so kann Inan es das assyrische Reich 
des andern Ninive nennen. Nur ist es gar wohl möglich, 
dass die Residenz desselben nicht von dessen Anfang an 
jenes zweite Ninive war. Diese Stadt wird erst unter 
Sanherib als Residenz erwähnt, 2. Kön. 19, 36. Dass sie es 
schon unter Salmanassar gewesen , dafür haben wir nur 
das apokryphische Zeugniss des Buches Tobias (1, 11. 13), 
und es ist auffallend, dass unter den Orten, wohin die 


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A. Scbeuchzer. 


Israeliten unter Salmanasar und früher deportirt wurden, 
in der Bibel Ninive nicht genannt ist (2. Kön. 17, 6. 
1. Chron. 5, 26). Als das neu entstehende Reich noch auf 
die mesopotamischen , näher an Babylonien gelegenen Land- 
schaften beschränkt war, mochte leicht die Residenz in 
einer der früher eroberten Städte gewesen sein. 

Wir haben berührt, wie der erste Theil des Regenten- 
kanon drei bis vier Abschnitte enthält: 

1) Das Haus Nabonassars während der ersten 43 Jahre 
dieser Aera, 747 — 705 v. Chr. 

Daran schliesst sich 

2) ein von zwei Interregnen eingeschlossener Zeitraum, 
welcher mit diesen"24 Jahre umfasst: 704—681 v. Chr. 

3) Das Haus Sanheribs füllt in 3 Regierungen 55 Jahre : 
680—626. 

4) Das Haus Nabopolassars umfasst die 87 letzten Jahre 
der Gesammtzeit von 209 Jahren: 625 — 539. 

Hiedurch und durch die Auszüge aus Berosus ist die 
Chronologie für diesen Zeitraum mit einer Genauigkeit ge- 
geben, die allen ächten Ueberlieferungen aus Babylon eigen 
ist. So kennen wir die Dauer der einzelnen Regierungen 
der ninevitischen Linie während ihrer Herrschaft über 
Babylon , d. h. seit Sanherib , nicht aber aus der Zeit vor- 
her. Es ist stets als eine schmerzliche Lücke empfunden 
worden, dass wir über die Regierungszeit Tiglat-Pilesers 
und Salmanasars keine ächten, auf wirklicher Ueberlieferung 
beruhenden Angaben besitzen, sondern nur solche, die aus 
Reflexion hervorgegangen sind. Denn solcher Art sind die 
Zahlen, die wir bei den christlichen Chronographen für 
jene beiden Könige finden. Doch sind sie keineswegs so 
ganz willkürlich und werthlos, wie man geurtheilt hat, 
sondern beruhen in ihrer Gesammtheit auf sicherer Grund- 
lage, wie folgende Betrachtung der beiden von M. v. Nie- 
buhr (p. 338) hervorgehobenen Listen zeigen soll. 


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Assyrische Forschungen. 


13 


Samuel von 

Ania. 

Anonymus 

bei Mai. 

Phua .... 

16 Jahre 

Phula . . . 

. 14 Jahre 

Thaglathphalsar 

27 » 

Theglaphassar 

. 23 . 

Salmanasar . . 

16 » 

Selmanassar . 

. 15 » 

Senecherim . . 

18 » 

Senacherim . 

. 16 » 

Asordanes . . 

8 » 

Assoromus . . 

. 15 » 


85 Jahre 


83 Jahre 


Niebuhr hält die Zahlen der 3 ersten Regierungen für 
künstlich gemacht, und erklärt z. B. die 27 Jahre des Tiglat- 
Pileser daraus, dass von dessen Zug gegen Judäa bis zur 
Einnahme Samarias ebensoviel Jahre verflossen seien. Diese 
Erklärung jener Zahlen aus Daten, die Eusebius aufbewahrt 
hat, schiebt aber die Lösung der Frage nach ihrer Ent- 
stehung nur einen Schritt weiter hinaus. Die Zahlen be- 
ruhen wohl auf einer andern Betrachtung. Vorerst springt 
die grosse Uebereinstimmung der obigen Listen mit dem 
Regentenkanon in die Augen. Die Zahl der ersten Regie- 
rung ist keine künstliche, sondern eine überlieferte. Die 
14 Jahre des Phula sind eben nichts anderes als die 14 Jahre 
Nabonassars. Die kleine Abweichung bei Samuel rührt 
wohl daher, dass die 2 Jahre des Nadius mit der ersten 
Regierung zusammengefasst sind. Da die Zahlen der beiden 
auf Phul folgenden Könige nicht urkundlich überliefert sind, 
so war es ein ganz vernünftiger Gedanke, die Zeit zwischen 
Nabonassars letztem und Sanheribs erstem Jahre in irgend 
welcher Weise auf die beiden Regierungen zu vertheilen. 
Sanherib und sein Sohn Asordanes haben den Auszügen 
ai*s Berosus zu Folge 18 8 d. i. 26 Jahre regiert. Wenn 

der Kanon dem Asordanes (Asaradin) 13 Jahre zulegt, so 
sind ihm die 5 ersten derselben mit seinem Vater gemein. 
Sanheribs erstes Jahr bestimmt sich sonach auf 55. Nabon. 
oder 693 v. Chr. Nun liegen nach dem Kanon zwischen 
Nabonassars Ende und dem letzten Zeitpunkt genau 40 Jahre, 
welche auf die Regierungen Tiglat-Pilesers und Salmanasars 
zu vertheilen waren. Statt der richtigen Zahl 40 hat freilich 


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14 


A. Scheucbzer. 


Samuel (27 + 16 =) 43, der Anonymus bloss (23 + 15 =) 
38 Jahre. Diese Abweichungen rühren zum Theil daher, 
dass dem Sanherib und Asordanes statt 18 -4- 8 = 26 Jahre 
18 + 13 = 31 Jahre, also 5 Jahre zu viel* beigelegt wurden. 
Die Liste bei Samuel ist zwar darin richtig, zeigt aber in 
der Gesammtsumme’Von Phua bis Asordanes Ende 85 Jahre, 
statt der 80 Jahre des Kanon während desselben Zeitraums 
d. h. von 1. Nabonassar bis Ende Asaradin. Da dem Phul 
bei Samuel noch die 2 Jahre des Nadius in den 16 Jahren 
zugelegt sind, so liegt die Entstehung der 27 Jahre des 
Tiglat-Pileser nach dieser Liste klar zu Tage. Der Urheber 
derselben erstreckte diese Regierung von Nadius Ende bis 
zum Anfang des ersten Interregnums excl. Die 3. bis 6. 
Regierung des Kanon ergeben genau 27 Jahre. Die 16 Jahre 
Salmanasars aber sind vom Anfang des ersten Interregnums 
incl. bis zum zweiten excl. gezählt: 7. bis 11. des Kanon 
ergeben diese 16 Jahre. Der Fehler ist nur, dass diese 
noch in die Zeit Sanheribs hinübergreifen und dessen 5 erste 
Jahre einschliessen. Daher der Ueberschuss der 5 Jahre in 
der Gesammtzeit gegen den Kanon. Sonst war es nicht 
ungeschickt, zur Vertheilung der 40 Jahre auf die 2. und 
3. Regierung das erste Interregnum des Kanon 2u Hülfe zu 
nehmen, da eine Ueberlieferung fehlte. S. Beilage I. 

Anders geschah die Vertheilung der 40 Jahre in der 
Liste des Anonymus , aber ebenfalls mit Zugrundelegung des 
Kanon. Es ist ziemlich klar, dass beim Anonymus die 
40 Jahre ursprünglich zu 24 und 16, statt zu 23 und 15 
vertheilt waren. Jetzt findet sich freilich jeder Regierung 
ein Jahr abgezogen , vielleicht um die Differenz der 5 Jahre 
gegen die Gesammtzahl der 80 Jahre des Kanon bis Ende 
Asaradin zu verringern , oder um die Abhängigkeit von den 
Zahlen des Kanon nicht allzu offen hervortreten zu lassen. 
Der Kanon hat zwischen Ende Nabonassar und 1. Regebel 
d. i. 1. Sanherib 8 Regierungen. Von diesen wies der Ano- 
nymus jedem der beiden Ninevitenkönige 4 oder die Hälfte zu. 
Die 4 ersten, 2 — 5, enthalten genau 24, die 4 folgenden, 6—9, 


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Assyrische Forschungen. 


15 


genau 16 Jahre. Die Liste des Anonymus ist in zwei 
Punkten richtiger als die bei Samuel: erstlich lässt sie jene 
40 Jahre mit Ende Nabonassars, nicht erst nach Nadius 
beginnen, und zweitens gehen sie vor 1. Jahr Sanherib zu 
Ende und reichen nicht mehr in dessen Zeit hinüber. Das 
einzige Versehen ist, jäass dem Sanherib und seinem Sohne 
die 5 gemeinsamen Jahre doppelt angerechnet sind, 31 statt 
26 Jahre. Die 31 Jahre sind indess ursprünglich ohne 
Zweifel richtiger zu 18 und 13, statt wie jetzt zu 16 und 15 
vertheilt gewesen. 

Wir stimmen also keineswegs in das ungünstige Urtheil 
über diese Listen ein, namentlich nicht in deren erstem 
Theil. Die Urheber derselben hatten eine richtige Einsicht 
in das Verhältniss der beiden seit Nabonassar sich tren- 
nenden assyrischen Reiche zu einander und fügten die 
Ninevitenkönige an richtiger Stelle in die Reihe der Baby- 
lonier des Kanon ein. So kommt Sanheribs 1. Jahr in 
Ninive nahezu richtig auf 55. Nabonassar, nicht schon wie 
bei den meisten Neuern unrichtig auf 35. Nabonassar. Mit 
Sanherib ist die Reihe der Nineviten und der Babylonier, 
sowie die beiden Reiche wieder Eines geworden, sowie sie 
unter Nabonassar noch ungetrennt waren. Wenn aber die 
im Wesentlichen richtige Zeitreihe der Listen seit Afrikanus 
an ganz unrichtiger Stelle mit der Olympiadenrechnung 
verknüpft ist, so dass das Jahr 1. Phuls 15 Jahre vor die 
erste Olympiade , statt 01. 8, 2 gesetzt wird , so fällt diess 
ihren Urhebern nicht zur Last. — S. Beilage II. 

Von Asordanes bis Ilmarudach stimmt die Liste des 
Samuel ganz mit Berosus, nur dass Merodach Baladan an 
ganz unrichtiger Stelle hinter Nabupalsar eingeschoben ist, 
und ihm willkürlich dessen 10 letzte Jahre zugelegt sind. 
Beim Anonymus zeigt sich von Assoromus (Asordanes) an 
besonders in den Zahlen eine grosse Verwirrung, welche 
dadurch herbeigeführt ist, dass alle in der Bibel vorkom- 
menden Königsnamen aus Babylon in die Reihe eingefügt sind. 
Hier erscheinen nicht nur Merodach Baladan , sondern auch 


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16 


A. Scheuchzer. 


dessen Vater Baladan (2. Kön. 20, 12) in besonderen Regie- 
rungen. Die Entstehung der diesen beigeschriebenen Zahlen 
19 und 31 ist uns unerklärlich. 

Die Nachfolger Nebukadnezars sind ausser Evil Merodach 
mit den im Buche Daniel vorkommenden Namen genannt. 
Bei Samuel ist Baltasar mit IlmarucUch identificirt, dann 
folgt Astyages mit 1 Jahr, endlich ist Darius in zwei Per- 
sonen: Darius Medus und Darius Arsaviri (Ahasveri), ge- 
spalten. 

Der Anonymus setzt Baltasar an die Stelle des Neriglissor 
mit 4 Jahren. Den Astyages hat er nicht und den Darius 
nur einfach, aber mit 27 Jahren. Bei aller Abweichung in 
den Zahlen der letzten Regierung ist doch die Abhängigkeit 
beider Listen vom Kanon klar, wie folgende Zusammen- 
stellung zeigt : 


Samuel Jahre 

Nabuchodonosor . 43 

Baltasar oder I 2 
Umarudach / * * 

Astyages ... 1 

Darius Medus . . 4 

Darius. Arsaviri . 3 

Diess sind nun 


Anonymus Jahre 
Nabuchodonosor 44 

Marodach . . 2 

Baltasar ... 4 

[Darius Medus . 27] 

zwei verschiedene 


Der Kanon Jahre 
Nabokolassar . 43 

Illoarudam . . 2 

Nerigassolassar 4 
Nabonadius . . 17 

Versuche aus dem 


Alterthum, die zwei Danielischen Namen von Nachfolgern 
Nebukadnezars mit den gewöhnlichen historischen Benen- 
nungen derselben zu identificiren. Im ersten ist Belsazar 
für Evil-Merodach, im zweiten für Neriglissor genommen. 
Dem Nabonned kommt jedesmal ein Darius gegenüber zu 
stehen. Von jeher hat man die Bezeichnungen des Buches 


Daniel in sehr verschiedener Weise mit den sonst bekann 


ten Königsnamen zusammengestellt. Man ist von der An- 
sicht zurückgekommen, in Belsazar den letzten babylonischen 
König zu sehen, unter welchem Babylon von Cyrus einge- 
nommen worden ist. Gute Gründe sprechen dafür, dass 
er der Evil-Merodach ist, für den ihn u. a. auch Niebuhr 
hält (S. 91), obschon sich auch Einiges für seine Identität 
mit Labrossoarchod anführen liesse, welcher ebenfalls auf 


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Assyrische Forschungen. 


17 


gewaltsame Weise auf die Seite geschafft ward; ein Enkel 
Nebukadnezars und unmittelbarer Vorgänger des Nabonned. 

Nicht so einig ist man über den Darius Medus. Die 
Meinungen theilen sich besonders zwischen Cyaxares IL und 
Astyages, dem letzten Mederkönig. Cyaxares II., nach der 
Cyropädie (I, 5, 2) ein Sohn des Astyages, ward von Schulze 
für einen jüngern Bruder des Astyages gehalten und mit 
Darius Medus identificirt. (Cyrus der Grosse, in Studien 
und Kritiken, 1853, III.). Nun ist aber die Geschichtlich- 
keit dieses zweiten Cyaxares zum mindesten gesagt nicht 
erwiesen, und die andere Meinung, die den Darius Medus 
für den Astyages hält, setzt, wie wir glauben, irrig voraus, 
Darius Medus sei medischer König und Sohn des Königs 
Cyaxares I. gewesen (M. v. Niebuhr, S. 92). Nun wird aber 
Darius im Buch Daniel gar nicht als Meder könig, sondern 
nur als von medischer Abstammung bezeichnet, und wäre 
Ahasver der König Cyaxares I., so würde der Königstitel 
auch beim Vater in C. 9, 1 eben so wenig fehlen als bei 
Belsazar C. 7, 1. 8, 1 und in der Grabschrift des Eschmunazar 
bei dessen Vater. Darius war vor seiner Erhebung auf den 
chaldäischen Thron so wenig König als sein Vater, sondern 
bloss ein medischer Grosser, der, wie sich aus Berosus bei 
Josephus c. Ap. 1, 20 ergibt, in Babylon gewohnt haben 
muss. Die Khasdim oder die Kschatrija’s von Babylon,*) 
welche schon die Thronfolge Nebukadnezars entschieden 
(c. 19, 1. c.), hatten den Laborossoarchod beseitigt und über- 
trugen die Herrschaft an Nabonned, einen der Verschwornen: 
rf/v ßaöiXsiav 7t£piiSrjxav NaßorvTjöco nvt rcov ix Baßv- 
X&vos 1. c. Diese Ausdrucksweise hat etwas Auffallendes, 
man würde eher av8p\ BaßvXcovi(p oder etwas Aehnliches 
erwarten. Hiess es etwa ursprünglich Naßorrrfdcp Mq8cp 
rtvt tgüv ix BaßvXcbros? Die Situation ist ganz dieselbe 
wie bei Daniel C. 5, 30. 6, 1. Die Identität des Darius Medus 


*) Zur Geschichte von Assur und Babel. Zeitschr. d. D. M. Ges. 
Bd. XVI, 493. 

Viert«y«hr»»chrift. IV. 1 . 2 


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18 


A. Scheuchzer. 


und Nabonned wird freilich unter die längst aufgegebenen 
Ansichten verwiesen (M. v. Niebuhr, S. 91). Wir halten sie 
dennoch für richtig. Beide Herrscher haben das mit einander 
gemein, dass mit ihrer Thronbesteigung das frühere Königs- 
haus verlassen ward. Bei Darius wird jedesmal an seine 
medische Abstammung erinnert (C. 6, 1. 9, 1. 11, 1). Das 
war also das Auffallende dieser Wahl gewesen, dass die 
Kschatrija’s zwar gewiss einen ihrer Standes-, aber nicht 
ihrer Volks- Genossen auf den Thron gesetzt hatten. Zu 
diesem Vorgang passt völlig der Ausdruck bei Daniel 6, 1 : 
»er empfing das Reich« , als Mandatar der Grossen. Der 
neue König ist auch gar nicht unabhängig von denselben. 
Ihrem einmüthigen Ansinnen vermag er nicht zu wider- 
stehen (1. c. V. 6 — 9), was bei einem Wahlkönige wie Nabon- 
ned begreiflich ist. Dass medische Grosse in Babylon wohnten, 
rührt wohl aus der Zeit her, da Amuhia dem jungen Nebu- 
kadnezar vermählt ward. Die medische Königstochter wird 
nicht allein, sondern mit glänzendem Gefolge nach Babylon 
gekommen sein, welches sich leicht als bleibende Colonie 
in der Hauptstadt des verbündeten Reiches ansiedeln konnte. 
Auch andere Betrachtungen sprechen für die Identität des 
Darius Medus und Nabonned. Letzterer hat längere Zeit, 
17 Jahre regiert, und das seit Nebukadnezar unterbrochene 
Werk der Befestigung Babels wieder aufgenommen, die 
Mauern längs der Flussufer vollendet. So wird Darius Medus 
als ein sorgfältiger Regent geschildert. Seine Einrichtung 
der 120 Satrapien unter drei Ministern setzt eine längere 
Dauer der Regierung voraus, so dass es schon deshalb fast 
undenkbar ist, dass dieser Darius der Astyages gewesen 
sein sollte, welcher nur ein Jahr, das letzte seiner Herr- 
schaft in Medien, über Babylon regiert haben könnte. Das 
Buch Daniel, obgleich es nur das erste Jahr des Darius 
erwähnt, enthält nichts, w r as einer längern Regierung des- 
selben widerspricht. Die ganze Erzählung des 6. Kapitels 
setzt vielmehr eine solche voraus. Das Alter des Propheten 
ist nicht dagegen. Auch das Alter des Königs nicht. Wenn 


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Assyrische Forschungen. 


19 


Darius auch erst in seinem 62. Lebensjahre den Thron be- 
stieg und bis in das 17. Jahr regierte, so war er noch nicht 
völlig 80 Jahre alt, als ihm Cyrus Karmanien zum Aufenthalt 
anwies. Freilich scheint aus einer Stelle des Abydenus in 
der Eusebischen Chronik (Auclier I, pag. 61) hervorzugehen, 
dass Nabonned noch die Regierung des Darius Hystaspis 
erlebt habe, und in diesem Falle müsste er nahezu hundert- 
jährig geworden sein. Allein diese Notiz fehlt in der Prae- 
paratio evang. und Berosus bei Josephus (c. Ap. 1. 20 und 
Euseb. chron. Aucher I. p. 74) weiss nichts davon, dass 
Nabonned von dem persischen Darius aus seiner Provinz 
vertrieben worden sei, sondern er sagt ausdrücklich, Na- 
bonned habe seine Lebenszeit in Karmanien beschlossen. 
Die Stelle des Abydenus ist überdiess nach Auchers Urtheil 
äusserst dunkel und vielleicht verstümmelt, so dass aus 
derselben kein Grund gegen die Identität des Nabonned 
und Darius Medus entnommen werden kann. Es könnte eine 
Verwechslung des Nabonned mit Naditabira und Arakha vor- 
liegen, den zwei Usurpatoren, von denen jeder sich für den 
Sohn des Nabonned ausgab. Aus den Inschriften von Behistan 
ergibt sich vielmehr, Nabonned habe die Regierung des per- 
sischen Darius nicht mehr erlebt, weil die zwei Usurpatoren 
unter dem Namen seines Sohnes (Nebukadnezar) auftreten. 

Aus dem Obigen folgt also, dass von einer medischen 
Herrschaft über Babel, wie sie M. v. Niebuhr u. A. annehmen, 
nicht die Rede sein kann, denn nicht ein König von Medien, 
sondern ein König medischer Herkunft regierte über dieses 
Reich der Chaldäer. Es ist die letzte Periode eines selbst- 
ständigen assyrischen Reiches in Babylon (Herodot I. 188). 
Erst mit der Einnahme Babylons durch Cyrus bat die assy- 
rische Geschichte als Geschichte eines selbstständigen Reiches 
ihr Ende erreicht. Dieses Reich wird mit gleichem Recht 
ein chaldäisches und ein assyrisches genannt. Diese Namen 
bilden keinen nationalen Gegensatz. Die Chaldäer sind der 
Herrscherstamm bei den Assyrern. (Vgl. den angeführten 
Aufsatz zur Geschichte von Assur und Babel.) 

2 * 


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20 


A. Scheuchzer. 


Vergegenwärtigen wir uns noch einmal die verschiedenen 
Perioden assyrischer Geschichte nach den Quellen, die auf 
Babylon zurückgehen, so haben wir zuerst ein ungeteiltes 
assyrisches Reich in Babylonien, dessen Residenz jedenfalls 
innerhalb dieses Hauptlandes gelegen war. Dieses unge- 
teilte Reich bestand seit 1273 v. Chr. über 520 Jahre bis 
um 750. Damals erfolgte der allgemeine Abfall der Bun- 
desgenossen, d. h. aller unterworfenen Völker, nach dem 
Vorgang der Meder. Man kann aber hier nicht von einem 
Aufstand der Meder und Babylonier, von einem Abfall 
der Babylonier vom Ninevitenreiche reden (M. v. Niebuhr, 
S. 150. 156). Denn die Babylonier, d. h. die Assyrer in 
Babylon, waren ja selbst das herrschende Volk, dessen 
Herrschaft durch den allgemeinen Abfall der Bundesgenossen 
auch im Stammland Babylonien erschüttert war. Die Her- 
stellung eines »unabhängigen Staates« in Babel ist nicht so 
zu verstehen, als ob die alte einheimische Bevölkerung 
daselbst in glücklichem Aufstand den Nachkommen der 
assyrischen Eroberer die Herrschaft wieder entwunden hätte. 
Von einer derartigen Bewegung ist keine Spur zu entdecken. 
Vielmehr haben die Assyrer auch seit Nabonassar die Herr- 
schaft in Babylon behauptet, wie schon die überwiegend 
arischen Namen der Fürsten dieser Dynastie zeigen, welche 
so gut wie die vorhergehende eine assyrische war. Nabonassar 
ist der JKönig, welcher die bedrohte Herrschaft seines Volkes 
im Hauptlande Babylonien neu zu befestigen und fortzu- 
setzen wusste. Alles diess geschah freilich nicht »im Kampf 
gegen Ninive«, sondern im Kampf gegen die ringsum von 
den Assyrern abfallenden Völker. 

Mit Nabonassar beginnt in der assyrischen Geschichte 
ein Zeitraum von 209 Jahren, der sich nicht unter Einen 
Gesichtspunkt bringen lässt, welcher daher auch von Berosus 
nicht wie die frühem Dynastien in Babylonien als ein Ganzes 
zusammengefasst ist. Erst in diesem Zeitraum wird ein von 
dem babylonischen getrenntes zweites assyrisches Reich er- 
wähnt, dessen Hauptstadt in der Folge ein von dem alten 


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* Assyrische Forschungen. 21 

babylonischen Ninus verschiedenes zweites Ninus war, wie 
wir annehmen, das kommagenische. 

Aus der Vergleichung der biblischen Nachrichten mit 
dem Kanon und Berosus ergibt sich, dass dieses zweite 
assyrische Reich um 733 v. Chr. sich von dem babylonischen 
ablöste und in nicht viel mehr als 30 Jahren — denn Sa- 
maria fiel 699 — seine Eroberungen über die nördliche 
Dschesire, Aram, die cilicische und kananitische Küste nebst 
Israel ausdehnte. Das ältere Reich in Babylon blieb an 
Macht weit hinter dem jüngern Reich zurück und fristete 
sein Dasein unter grossen innern Stürmen bis zum Jahr 680, 
in welchem Jahr es dem Angriff Sanheribs erlag. Sanherib 
war bei Berosus stark hervorgehoben. Es begann in der 
That mit ihm eine neue Dynastie für Babylon. Abydenus 
nennt Sanherib freilich nicht den 25sten ninevitischen 
König, der Babylon unterwarf, wie M. v. Niebuhr (S. 308) 
irrig sagt; sondern überhaupt den 25sten Eroberer Babylons. 
Diese Zählung lässt sich kaum verfolgen. Sie geht wohl bis 
zur zweiten Dynastie, welche Babylon nach Berosus unter- 
worfen hat, bis zur medischen zurück. Es werden alle 
Eroberer Babylons gezählt sein , nicht aber ihre Nachfolger, 
die das Reich durch Succession antraten. Schon deshalb 
ist die Meinung, dass die 24 ersten Niniaden der ktesiani- 
schen Liste mit Sanherib jene 25 »Nineviten* ausmachen, 
unstatthaft. 

Während der Vereinigung der beiden assyrischen Reiche 
in Einer Hand wird man sich Babylon wenigstens zeitweise 
als Residenz zu denken haben, da Manasse (675 — 641) nach 
Babel, nicht nach Ninus abgeführt ward (2. Chron. 33, 11). 
Noch waren die zwei Reiche vereinigt, als die andere Metro- 
pole, Ninus, den wiederholten Angriff zweier raedischer 
Könige siegreich bestand (um 634). Zur Zeit des dritten 
Angriffs (626), in Folge dessen die Stadt fiel, residirt der 
letzte König des vereinigten Reiches in Ninus. Es ist indess 
möglich, dass er erst bei der herannahenden Gefahr sich von 
Babylon an den bedrohten Punkt der Monarchie begeben bat. 


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22 


A. Scheuchzer. 


Die nähern Umstände des Falles von Ninus sind vielmehr 
dem Stück aus Abydenus, als dem Diodor zu entnehmen. 
Denn die Diodorische Erzählung geht wesentlich auf die 
frühere Katastrophe um 750, als die Assyrer ihre sämmt- 
lichen Bundesgenossen und mit ihnen ihre ältere Hauptstadt 
verloren, wenn gleich dieser Erzählung auch Züge einver- 
leibt sind, die auf die Zeit von 626 passen, wie besonders 
das Bündniss zwischen den Babyloniern und Medern und 
die Person des Belesys (Nabopolassar). Dagegen enthält 
das Fragment des Abydenus die merkwürdige Angabe, dass 
in dieser letztem Zeit das assyrische Reich durch einen 
von der Seeküste her nahenden Angriff bedroht war: eine 
aus verschiedenen Völkern zusammengesetzte Heeresmasse 
sei vom Meere her im Anzug gegen Ninus gewesen. Bei 
der ersten Kunde hievon habe König Sarak seinen Heer- 
führer Busalussor nach Babylon geschickt, wohl um von 
dort her Hülfe herbeizuführen. Allein dieser habe den gün- 
stigen Augenblick zur Empörung ersehen und sei im Ein- 
verständnis mit dem Mederfürsten als Feind vor Ninus 
erschienen. Die Erwähnung des Meeres ist für die Lage 
der damaligen Hauptstadt Ninus von Wichtigkeit. Man hat 
sich letztere auch hienach nicht allzuweit von der Seeküste 
entlegen zu denken. Gerade nach dieser zu hatten sich die 
assyrischen Eroberungen ausgedehnt. An derselben Seeküste 
hatten sich die Assyrer etwa 50 Jahre früher unter Sanherib 
eingedrungener Griechen erwehren müssen. So kann es auch 
damals (626)*ein erneuerter Colonisationsversuch der Grie- 
chen in Verbindung mit den Resten der Kimmerier und 
Trerer gewesen sein, gegen welchen der letzte König des 
vereinigten assyrischen Reiches seine Hauptstadt schützen 
wollte. Es ist begreiflich, dass B. G. Niebuhr, welcher der 
damals und jetzt noch herrschenden Ansicht gemäss das 
Ninus im jenseitigen Adiabene für die assyrische Metropole 
hielt, unter dem Meer nicht das mittelländische, sondern 
das caspische verstand. Allein auch unter dieser irrigen 
Voraussetzung müsste der Ausdruck eines vom Meere her 


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Assyrische Forschungen. 


23 


kommenden Feindes auffallen, welcher ja zuvor eine Reihe 
von Gebirgszügen überschreiten musste, ehe er das tief im 
Binnenland gelegene, von den kurdischen Bergen im Norden 
und Osten eingeschlossene Adiabene erreichen konnte. Die 
Erzählung hätte kaum so absolut vom Meere geredet, wenn 
sie das adiabenische Ninus vor Augen gehabt hätte. Dabei 
bat Niebuhr das gemischte Heer des Abydenus mit den 
Skythen identificirt. Allein bei Abydenus ist von der Zeit 
unmittelbar vor dem Falle von Ninus die Rede; die Skythen 
dagegen erscheinen bei der frühem , durch sie unterbroche- 
nen Belagerung. Durch das gemischte Heer sind die Assyrer 
bedroht; die Skythen bedrohen vielmehr deren Gegner, die 
Meder. Diess alles deutet auf zwei unter sich verschiedene 
Ereignisse. Nach Abydenus lässt sich nicht eigentlich an- 
nehmen, dass die Babylonier als solche Bundesgenossen der 
Meder gewesen seien. Jedenfalls waren sie gegenüber dem 
assyrischen König als Bewohner des Hauptlandes der Monar- 
chie in einer völlig andern Stellung als das fremde Volk. 
Es ist nicht leicht, sich von der damaligen Bewegung inner- 
halb der assyrischen Monarchie eine richtige Vorstellung zu 
machen. Nach den wenigen uns erhaltenen Angaben scheint 
sie nicht den Charakter eines Bürgerkrieges, einer durch- 
greifenden Spaltung der Nation zu haben. Es war eher 
die Empörung eines einzelnen Heerführers., der über eine 
ansehnliche Heeresmacht gebot, und welcher die Bedrängniss 
seines Königs benutzte , um sich an dessen Stelle zu setzen. 
Hiefür gab er die zweite Hauptstadt des Reiches nebst 
einem Theil der Provinzen Preis. 

Auch nach dem Fall von Ninus war in Vorderasien 
längere Zeit an keine geordnete Herrschaft zu denken, so 
lange jene Länder von den wiederholten Raubzügen der 
Skythen heiragesucht wurden. Selbst Kanaan ward von 
ihnen überflutbet, wie dem Jeremias im 13. Jahr des Königs 
Josia, das ist eben im Jahr des Falles von Ninus (626), 
durch den siedenden Topf von Mitternacht her vorgebildet 
ward. Jerusalem musste erleben , wie diese Hirten ihre 


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24 


A. Scheuchzer. 


Zelte rings um seine Mauern aufschlugen (Jerem. 6, 3), und 
schon begann Aegypten vor diesen neuen Hyksos zu zittern, 
als Psammetich den nahenden Sturm in Palästina beschwor. 
Diese skythische Anarchie war es ohne Zweifel, was den 
Fortgang der babylonischen Macht lange Zeit aufgehalten 
hat; denn erst gegen das Ende Nabopolassars fing dieses 
Reich an , seine Schwingen zu lüften. Nun aber sah es sich 
einer andern Macht gegenüber, der ägyptischen, deren 
Waffen seit der Zeit der Tuthmosen und Ramessiden Naha- 
rina und Sinkar nicht wieder erreicht hatten. Der Zug 
Pharao Necho's an den Euphrat 608 v. Chr. setzt voraus, 
dass die Skythenherrschaft daselbst aufgehört hatte; denn 
er war gegen den assyrischen König gerichtet (2.Kön. 23. 29), 
unter welchem nur der damalige König von Babel, Nabo- 
polassar, verstanden sein kann. Wäre die Meinung richtig, 
welche den Fall Ninive’s erst in diese Zeit, 606 v. Chr., 
setzt, so würde Necho’s Zug ein direkter Angriff auf den 
letzten Nineviten gewesen sein ; Necho erschiene faktisch als 
Bundesgenosse Nabopolassars und der Meder. Aber keine 
Nachricht über den Fall Ninive’s enthält auch nur die lei- 
seste Hindeutung auf ein Eingreifen oder eine Betheiligung 
der Aegypter bei diesem welthistorischen Ereigniss. Das 
Fragment des Berosus bei Josephus (c. Apion. 1. 19) schildert 
die politische Situation in der letzten Zeit Nabopolassars. 
Fiele die Belagerung und die endliche Einnahme Ninive’s 
in jene Jahre, so hätte diess irgendwie berührt werden 
müssen; denn Ereignisse von solcher Bedeutung mussten 
nothwendig bei der Stellung Aegyptens zu Babylonien zur 
Sprache kommen. 

Nach 2. Kön. 23, 29 zog Necho wider den König von 
Assyrien an den Euphrat, oder wie es 2. Chron. 35, 20 
heisst, zu streiten wider Kharkhemisch am Euphrat. Nach 
Jeremia 46, 2 schlug der babylonische König Nebukadnezar 
das Heer des Pharao Necho, welches war am Flusse Euphrat 
bei Kharkhemisch, und zwar im vierten Jahr Jojakims von 
Juda. Diese drei Stellen bezeichnen doch klar den Anfang 


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Assyrische Forschungen. 


25 


und das Ende des nämlichen Feldzuges, welcher sich 
freilich durch vier Jahre hindurchzog , 608 — 605 v. Chr. 
Das Ziel des Feldzuges oder der Ort, wo der Krieg aus- 
gefochten wird, ist derselbe, die eine der Krieg führenden 
Mächte ist in allen drei Stellen dieselbe, also wird auch 
die gegnerische Macht in der einen wie in der andern Stelle 
dieselbe, der König von Assyrien in 2. Kön. 23 kein anderer 
als der babylonische König bei Jeremia, das Haus, mit 
welchem Pharao nach 2. Chron. 35, 21 im Streit lag, kein 
anderes als das babylonische Königshaus sein, dessen Re- 
genten Könige von Assur waren und hiessen (Herod. I. 178. 
188. 192. III. 92). Babylonien war ja assyrisches Land im 
eigentlichsten Sinn. 

Das Stück aus Berosus zeigt , dass die drei angeführten 
Stellen der Bibel nicht so verstanden werden können, als 
ob Necho anfänglich (608) gegen den letzten König von 
Ninive aufgebrochen, zuletzt aber (605), also wie man an- 
nimmt im Jahr nach dem Fall von Ninus, von einem ganz 
andern, neuen Gegner, dem babylonischen König in völliger 
Veränderung der politischen Situation geschlagen worden 
sei. Wäre Ninive erst im Jahre 606 gefallen, so hätte 
Nabopolassar Necho’s Unternehmung nicht von Anfang an 
als gegen sich gerichtet betrachten können, was doch nach 
Berosus der Fall war. Asordanes (680 — 668) war der letzte 
König gewesen, von welchem gemeldet wird, dass er Theile 
des innern Syriens , *) d. i. Cölesyrien und selbst Aegypten 
den Assyrern unterworfen habe (Abydenus in Euseb. chron. 
I. p. 54). Unmöglich ist es nicht, dass die Assyrer damals 
Fortschritte wenigstens in Unterägypten machten; es waren 
die Zeiten der Dodekarchie vor Psammetichs Alleinherrschaft. 
Dass die Assyrer unter Asordanes nach Palästina gekommen 
sind, zeigt auch die Gefangennehmung Manasse’s (2. Chron. 
33, 11). Diese letzte, sowie die Eroberungen der frühem 


*) So Mai p. 25. Aucher dagegen: des untern Syriens (Euseb. 
cbron. I, 54). 


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A. Scheuchzer. 


Könige begründeten die Ansprüche der Assyrer auf Phöni- 
cien, Palästina, ja sogar auf Aegypten. Mit dem Fall von 
Niniis (626) gingen diese Ansprüche auf das durch dieses 
Ereigniss bedeutend reducirte assyrische Reich von Babylon 
über ; sie konnten aber bei der Erschütterung der assyrischen 
Macht zwei Decennien hindurch nicht zur Geltung gebracht 
werden. Das Umsichgreifen der Aegypter in den vordem 
Ländern ist das beste Zeugniss für die damalige Schwäche 
Assyriens. Die Unternehmungen der Aegypter beginnen 
schon einige Zeit vor der Einnahme von Ninus. Wenn 
Psammetich das philistäische Asdod 29 Jahre lang bela- 
gerte (Herod. II. 157), so musste die Belagerung spätestens 
um das Jahr 640, also zur Zeit Kinneladans, des letzten 
Königs des vereinigten assyrischen Reiches , begonnen haben. 
Dass die Aegypter so lange Zeit ihre Plane nach dieser 
Seite hin ungestört verfolgen konnten, setzt voraus, dass 
die Assyrer anderweitig (von den Medern) in Anspruch ge- 
nommen waren. Necho (seit 610 v. Chr.) nahm die Plane 
seines Vaters besonders durch die Einnahme von Kadytis 
oder Gaza auf und erweiterte die Grenzen seiner Herrschaft 
bis^ an den Euphrat (2. Kön. 24, 7). Als diess geschah, 
regierte freilich längst kein assyrischer König mehr in Ninus. 
Wir wollen nicht über den Namen des letzten derselben 
rechten; aber diess steht uns fest, dass der König, welcher 
nach Abydenus den Nabopolassar nach Babylon schickte, 
der letzte gewesen ist, und dass weder dieser selbst, noch 
sein vermeintlicher Nachfolger vom Jahr 626 an gegen 
zwanzig Jahre neben dem babylonischen König Nabopo- 
lassar friedlich in Ninus fortregiert hat. Diese sehr ver- 
breitete Ansicht steht in geradem Widerspruch mit dem 
Fragment des Abydenus, wonach die Ereignisse seit Nabo- 
polassars Entsendung nach Babylon in rascher Folge, Schlag 
auf Schlag sich entwickelten. Es ist fast unbegreiflich, 
wie z. B. M. v. Niebuhr (S. 112 f.) hat annehmen können, 
Nabopolassar habe seit 626 noch volle sechszehn Jahre, 
d. b. bis nach Austrag des medisch - lydischen Krieges im 


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Assyrische Forschungen. 


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Jahr 610 zugewartet, ehe er nur den ersten Schritt der 
Vorbereitung zum Abfall von seinem König that, sich mit 
Cyaxares in Bündniss einliess. Der Bruch zwischen Ninus 
und Babylon fiele demnach erst in 609 oder 608. War 
aber die assyrische Macht bis zu diesen Jahren hin vereinigt 
geblieben , so ist es auffallend , dass die Aegypter so lange 
keinen Widerstand von den Assyrern erfuhren; denn ihre 
Festsetzung in Palästina beginnt schon in der Zeit Psam- 
metichs. Josephus (Ant. 10, 5) sagt deutlich, Necho sei an 
den Euphrat gezogen, um die Meder und Babylonier zu 
bekriegen, oi Trjv’Aöövpicov KareXvöav apxpv* Die Unter- 
nehmung begann im Jahr 608. Die assyrischen Ansprüche 
auf die Länder diesseits des Euphrat konnten nicht vor 
dem Fall von Ninus auf Babylon übergehen , und doch soll 
Ninus nach der herrschenden Ansicht erst 606 eingenommen 
worden sein. Bei dieser Annahme wäre die Belagerung 
Ninive’s der Unternehmung Necho’s völlig gleichzeitig, die 
Einnahme der Stadt träfe in das vorletzte Jahr Nabopo- 
lassars; damals war aber dieser König bereits altersschwach, 
ausser Stand, die Strapazen eines Feldzuges auszuhalten, 
er, der bei dem Angriff auf Ninive eine Hauptrolle gespielt 
hat. Wäre die Schlacht bei Kharkheraisch , die unbestritten 
in 605 fallt, gleich im Jahr nach der Einnahme Ninive’s 
geschlagen worden, wie die herrschende Ansicht annehmen 
muss, so würde daraus folgen, dass die Babylonier schon 
vor Ninive von Nebukadnezar angeführt waren, was dem 
Abydenus direkt widerspricht. Nabopolassar hätte dann- 
zumal seinen Sohn von Ninive weg unmittelbar den Aegyp- 
tern entgegen geschickt. Wie hätte aber Berosus (Joseph, 
c. Ap. 1, 19) bei der unmittelbaren Aufeinanderfolge der 
zwei entscheidenden Kriegszüge Ninive unerwähnt lassen 
können? Aus seinen Worten geht vielmehr hervor, dass 
im Kriege gegen Necho dem babylonischen Königssohne 
zum ersten Mal der Heerbefehl anvertraut ward. 

Ueber die Theilung des assyrischen Reiches nach der 
Einnahme von Ninus sagt Herodot (I. 106) leider ganz kurz, 


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A. Scheucbzer. 


die Meder hätten sich die Assyrer unterworfen , ausser dem 
babylonischen Antheil. Unter dem letztem ist nicht Baby- 
lonien allein zu verstehen, sondern alles, was den Baby- 
loniern ausserdem vom assyrischen Reiche blieb. Die Meder 
behielten vor allem Ninive selbst (Herodot I. 185). Wir 
haben hiebei nach dem Obigen das kommagenische Ninus 
im Auge. Sind wir hierin im Recht, so ist damit gesagt, 
dass die Meder ein Gebiet diesseits des Euphrat sich zu- 
eigneten, wie denn begreiflich ist, dass jede der beiden 
gegen Ninus verbündet gewesenen Mächte hohen Werth 
darauf legen musste, einen Theil der Küste am Mittelmeer 
zu besitzen. Dadurch würde die Angabe des Josephus 
(Ant. X, 5) bestätigt, dass nicht nur die Babylonier, sondern 
auch die Meder durch die Unternehmung Necho's, die sich 
doch diesseits des Euphrat hielt, betroffen waren. Es Hesse 
sich etwa denken, dass die Meder Commagene und die 
Küste am Golf von Issus bis zum Orontes für sich behalten 
hätten. Jedenfalls erwarben sie die nördlich von Commagene 
gelegenen assyrischen Gebietsteile , wie die Leukosyrer in 
Kappadocien am Pontus ; denn Cyaxares unterwarf sich alles 
Land östlich vom Halys (Herodot I. 103). Von den assy- 
rischen Besitzungen in Cilicien wird dieses freilich kaum 
gelten; denn der Cilicier Syennesis tritt bei der Friedens- 
vermittlung zwischen Medien und Lydien im Jahr 610 wie 
ein selbstständiger Fürst auf (Herod. I. 74). Dieser ganze 
Vorgang zeigt übrigens ziemlich deutlich, dass die assyrische 
Herrschaft in dem nahen Ninus damals aufgehört hatte. — 
Von dem Gebiet jenseits des Euphrat kann den Medern 
nicht die ganze nördliche Dschesire zugefallen sein; denn 
bei Circesium war Babylonien von Necho angegriffen. Also 
gehörte mindestens die Landschaft Gosan am Chabor zum 
babylonischen Antheil. Vielleicht bildete der Belich die 
Grenze. Dass die vorderen Länder: Coelesyrien, Phöni- 
cien, selbst Aegypten, als alte assyrische Eroberungen von 
den Babyloniern in Anspruch genommen wurden, geht aus 
Berosus hervor. Allein hier konnten sie ihre Ansprüche 


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Assyrische Forschungen. 


29 


während der skythischen Anarchie lange Zeit nicht geltend 
machen, und nachher mussten sie diese Länder erst den 
Aegyptern wieder entreissen. 

Die Könige vom Hause Nabopolassars setzten die assy- 
rische Herrschaft nach dem Verlust der einen Metropole, 
von der andern, von Babylon aus fort. Der bedeutendste 
derselben, Nebukadnezar , heisst freilich in der Bibel regel- 
mässig König von Babel, oder auch König der Chaldäer, 
wie in 2. Chron. 36, 17, und nicht König von Assur. Ja 
diese beiden Bezeichnungen werden in Jeremias 50, 17. 18 
einander geradezu entgegengesetzt. Dennoch lässt sich nicht 
läugnen, dass auch die babylonischen Könige als solche 
Könige von Assur waren. Babylonien war seit Anfang der 
VL Dynastie des Berosus assyrisches Land geworden. Als 
sich nun seit Nabonassars Ende ein zweites assyrisches 
Reich bildete und von dem ältern in Babylonien bestehen- 
den ablöste, so entstand das Bedürfniss, diese beiden assy- 
rischen Reiche durch verschiedene Bezeichnung von einander 
zu unterscheiden. In der Bibel heissen die Könige des ältern 
Reiches in der Regel Könige von Babel (2. Kön. 20, 12), 
während der assyrische Name vorzugsweise den Königen des 
neuern, den Ländern diesseits des Euphrat immer gefähr- 
licher werdenden Reiches beigelegt wird. So heisst zur Zeit 
Sanheribs, als noch beide Reiche neben einander bestanden, 
Merodach Baladan, der König des ältern Reiches, König 
von Babel. Als nun geraume Zeit die beiden Reiche seit 680 
wieder vereint waren, nannte sich der Beherrscher der 
vereinigten Reiches König von Assur, wenn er auch zeit- 
weise in Babel residiren mochte, wie man wenigstens an 
Einem Beispiel sieht: 2. Chron. 33, 11. Als nach dem Ver- 
lust von Ninus das assyrische Reich bedeutend an Umfang 
verloren hatte und Babylon wieder die alleinige Metropole 
geworden war, wurden die Könige nach der letztem in der 
Regel Könige von Babel genannt, obschon ihr Reich ein 
assyrisches war. Es waren aber seit oder durch die Erhe- 
bung Nabopolassars die Chaldäer oder Khasdim, das heisst, 


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30 


A. Scheuchzer. 


wie wir anderswo zu zeigen suchten, die Kschatrija’s , der 
Herrscherstamm bei den Assyrern, zu bedeutender Macht 
und unmittelbarem Einfluss auf die Thronfolge und die Re- 
gierung gelangt, so dass dieses assyrische Reich in Babylon 
anfing ein Chaldäerreich zu heissen (Daniel 9, 1). Diese 
beiden Namen bilden keinen Gegensatz; im Heere des Xerxes 
sind die Chaldäer eine Abtheilung der Assyrer (Her. VII. 63). 
Wenn auch der assyrische Name vor dem chaldäischen 
zurücktritt, so bleibt das babylonische Reich fortwährend 
ein assyrisches; es heisst so unter Nabonned (Herod. 1, 188). 
Der persische König ist durch den Besitz von Babel König 
von Assur geworden (Esra5, 13. 6,22). Noch an zwei 
Stellen der Bibel wird ein babylonischer König mit diesem 
Namen bezeichnet. Phul, der bei Berosus eine neue Dynastie 
in Babylon beginnt, und den der Polyhistor einen Chaldäer- 
könig nennt, heisst 2. Kön. 15, 19 König von Assur. Die 
zweite Stelle ist die oben behandelte, 2. Kön. 23, 29, wo 
unter dem König von Assur, gegen welchen Necho an den 
Euphrat zog, nach allen angeführten Gründen nur der 
damalige König von Babel gemeint sein kann. Diese beiden 
Beispiele gehören einer Zeit an , wo kein zweites assyrisches 
Reich (in Ninus) von dem babylonischen unterschieden wer- 
den musste. Es ist aber bemerkenswerth , dass die Könige 
jenes spätem Reiches in den geschichtlichen Büchern nie- 
mals nach ihrer Residenz Könige von Ninive genannt wer- 
den. Ein König von Ninive kommt einzig ira Buche Jona 
(3, 6) vor, während Nahum 3, 18 in der Schilderung von 
Ninive’s Fall dessen Beherrscher als König von Assur be- 
zeichnet. 

Wie verhält sich nun der chaldäischen Darstellung 
assyrischer Geschichte gegenüber die ktesianische Erzählung ? 
Hier ist der Verlauf assyrischer Geschichte ein ununter- 
brochener, durch kein Epoche machendes inneres Ereigniss 
in verschiedene Perioden sich zerlegender. Der grosse Abfall 
der Bundesgenossen fällt gleich mit dem Fall der Haupt- 
stadt in Eine Katastrophe zusammen. Jene ununterbrochene 


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Assyrische Forschungen. 


31 


Folge erleidet einzig insofern eine Ausnahme, als nach Bion 
bei Agathias (II. p. 63) das Geschlecht der Semiramis mit 
Beleus dem Derketaden gestürzt ward und mit dem könig- 
lichen Gärtner Beletares eine andere Dynastie den Thron 
bestieg und bis zu Sardanapals Sturz behauptete. Einen 
Dynastiewechsel deutet auch Kephalion an, wenn er sagt, 
dass zur Zeit des Belim Perseus nach Assyrien gekommen 
sei (Euseb. Chron. P. I. p. 94. Aucher) , wobei aus Herodot 
(VII. 61 u. A.) zu suppliren ist, dass sein Geschlecht die 
Herrschaft in Assyrien erworben habe. Dieses Ereigniss 
wird in die Mitte der Gesaramtdauer * des assyrischen Rei- 
ches, 640 Jahre nach Ninus gesetzt. Bei den Autoren, die 
mit Ktesias auf demselben Boden stehen, ist dieses das 
Gemeinsame, dass sie die assyrische Geschichte an eine 
Reihe von 30, 36 bis 40 Königen knüpfen, die mit Ninus 
beginnt, mit Sardanapal schliesst, und welche wir der Kürze 
wegen die Niniadenreihe nennen wollen, wenn sie auch zwei 
Dynastien enthalten sollte. Die eigentliche Geschichte be- 
schränkt sich bei diesen Autoren wesentlich auf die Sagen 
von Ninus und Semiramis und die Erzählung von Sardanapal 
und dem Untergange der Hauptstadt und des Reiches. Das 
zwischen beiden Endpunkten inne liegende trockene Namens- 
verzeichniss wird nur an wenigen Stellen durch fremde 
Gleichzeitigkeiten unterbrochen. Die nach Ktesias auf etwas 
mehr als 1300 Jahre zu setzende Dauer des Reiches ist bei 
Kastor auf 1280, bei Eusebius auf 1240 Jahre gekürzt, 
beim Syncellus zu einer Siriusperiode von 1460 Jahren 
ausgedehnt. 

Man sieht auf den ersten Blick, dass eine solche Be- 
handlung der assyrischen Geschichte schon in der chrono- 
logischen Frage sich in vollständigem Widerspruch mit 
Herodot und den Chaldäern befindet, nach welchen das 
Reich bis zum Fall von Ninus 526 -{— 122 = 648, bis zum 
Fall von Babylon aber 526 -f- 209 oder 735 Jahre be- 
standen hat. Die erstere Katastrophe trifft nach Ktesias 
in 884, nach den Chaldäern in 626 v. Chr. Der Anfang 


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32 


A. Scheuchzer. 


des Reiches nach Ktesias um 2200, nach den Chaldäern 
in 1273 v. Chr. 

Man hat in den 7 bis 8 letzten Namen der Niniaden- 
reihe die Könige von Phul bis zum zweiten Nachfolger des 
Asordanes finden wollen (M. v. Niebuhr S. 318. Brandis, 
über den historischen Gewinn aus der Entzifferung der assy- 
rischen Inschriften. S. 14 ff.). Wären aber jene Namen 
identisch, so müsste man die Könige der ktesianischen Reihe 
über 200 — 300 Jahre tiefer ansetzen, als sie nach den grie- 
chischen Gleichzeitigkeiten zu stehen kommen; denn der 
Endpunkt der letztem Reihe fällt jedenfalls noch in das 
9. Jahrhundert (884 nach Ktesias, 843 nach Abydenus, 
818 nach Eusebius). Dass aber die assyrischen Könige seit 
Phul nichts mit der Niniadenreihe zu thun haben, geht 
schon aus den Worten Diodors (II. 22) und Kephalions bei 
Eusebius (Chron. P. I. p. 93. Aucher) hervor, es sei unnöthig 
und unerquicklich, die Namen der ktesianischen Könige 
einzeln anzuführen, da sie mit Ausnahme der den Trojanern 
gesandten Hülfe nichts Denkwürdiges gethan hätten. Wie 
könnte man so reden, wenn Fürsten wie Salmanassar und 
Sanherib in jener Reihe aufgenommen wären? Soll aber 
die ktesianische Königsreihe mit der VI. Dynastie des Berosus 
identisch sein, jenen 45 Königen vor Phul, wie M. v. Nie- 
buhr glaubt? (S. 494 Anm. 5.) Wir halten auch diess für 
unrichtig. Denn Ninus, das Haupt der Niniaden, steht am 
Anfang der geschichtlichen Reiche in Asien, während der 
VI. Dynastie wenigstens vier andere geschichtliche Dynastien 
vorangehen.. Ninus folgt bei Kastor auf Belus, den Zeit- 
genossen der Titanen- und Gigantenkämpfe und des Ogyges, 
er gehörte also jedenfalls nicht in die VI. , sondern in die 
I. Dynastie des Berosus, welche den Uebergang von den 
mythischen Perioden zur historisch bestimmbaren Zeit ver- 
mittelt. Die Niniadenreihe entspricht weder in der Zahl 
ihrer Könige, noch in ihrer Gesammtdauer von 1300 Jahren, 
noch in ihrem Anfang und Endpunkt der VI. berosischen 
Dynastie, auch dann nicht, wenn man zu letzterer noch 


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Assyrische Forschungen. 


33 


die 122 Jahre hinzunimmt, welche von 747 v. Chr. bis zur 
Einnahme Ninive’s verflossen sind. Man hat zwar den 
Widerspruch zwischen Ktesias und den Chaldäern gewalt- 
sam zu beseitigen gesucht und den Endpunkt der Niniaden- 
reihe ganz gegen die Weise, in welcher sie von Diodor und 
bei Eusebius mitgetheilt wird, aus dem 9. in das 7. Jahr- 
hundert v. Chr. herabgezogen ; zugleich hat man den Ktesias 
beschuldigt, er habe die für die Dauer des assyrischen 
Reiches überlieferten Zahlen geradezu verdoppelt, so dass 
man sich berechtigt glaubte, seine 1300 Jahre auf die Hälfte 
zu kürzen. Man kann diese Prokrustesarbeit allerdings an 
ihm vollziehen, nur soll man dann nicht meinen, man habe 
damit die ächte Ueberlieferung des Ktesias hergestellt und 
damit den Widerspruch zwischen ihm und den Chaldäern 
gelöst. 

Wir suchen die Lösung nach einer andern Seite hin. 
Ein Reich, dessen Anfänge so weit zurück reichen, dass 
man annahm, es habe zur Zeit des troischen Krieges 
bereits tausend Jahre und mehr bestanden, lässt sich in 
keiner Weise mit der 520jährigen Herrschaft der Assyrer 
vereinigen, welche nach den Chaldäern in jener Zeit eben 
erst begann, den Zug gegen Troja nach der ältern Bestim- 
mung um 1270 angenommen. Ktesias und Berosus sind 
deshalb nicht im Widerspruch mit einander, weil sie gar 
nicht von der nämlichen Monarchie redeten. Das Niniaden- 
reich hat ausser dem Namen nichts mit den assyrischen 
Königen der Chaldäer und der Bibel gemein , und auch der 
assyrische Name kann ihm nur durch Anticipation beigelegt 
werden. 

Auf dieses Resultat leitet schon die Anlage der Euse- 
bischen Chronographie. Hier wird zuerst die Geschichte 
Babyloniens nach den Chaldäern in ihren Hauptperioden 
vor und nach der Sintfluth mitgetheilt, und zwar in Aus- 
zügen aus Alexander Polyhistor, aus Abydenus und aus 
Josephus. In dieser übersichtlichen Aufzählung der Beherr- 
scher Babylons waren auch noch die Persischen Könige 

Vierteljahrsschrift. IV. 1. 3 


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34 


A. Scheuchzer. 


begriffen (Euseb, 1. c. p. 45), wie Abydenus Worte keinen 
Zweifel darüber lassen, wenn er (p. 76) sagt: »Auf diese 
Weise zählen die Chaldäer die Könige ihres Landes von 
Alorus bis Alexander auf.« Wir bemerken dieses bei- 
läufig, weil es dafür spricht, dass die Chaldäer den zehnten 
Sarus nach der Fluth nicht schon mit Cyrus, sondern erst 
mit Alexanders Eroberung zu Ende gehen Hessen. Ebenso 
ist in der Stelle bei Diodor (Lib. 2, 31) der ganze ungeheure 
Zeitraum seit »Beginn der Sternbeobachtungen« d. h. seit 
der Erscheinung der Sterne nicht bis auf Cyrus, sondern 
bis Alexander berechnet, so dass mit seiner Eroberung ein 
Sarus zu Ende geht. Von der Gesammtsumme der 473,000 
Jahre fielen 5000 vor Alorus, den ersten der zehn mythi- 
schen Könige vor der Fluth. Der Rest der 468,000 Jahre 
ist gleich 130 Saren, von denen 120 vor und 10 nach der 
Fluth fallen. Ist aber der letzte dieser 10 Saren oder der 
Zeitraum von 36,000 Jahren erst mit dem Ende der per- 
sischen Herrschaft, nicht schon mit deren Anfang abgelaufen, 
so folgt weiter daraus, dass die ausgefallene Zahl bei der 
3. berosischen Dynastie nicht 258, sondern nur 51 sein 
kann, dass daher der Anfang der zweiten oder medischen 
Dynastie nicht in 2458, sondern in 2251 v. Chr. trifft. — 
Vgl. M. v. Niebuhr S. 257 f. — S. Beilage III. 

Die Geschichte Babylons geht nicht in der assyrischen 
auf. Erst die sechste der Dynastien, die seit der Fluth 
über Babylon herrschten, ist eine assyrische. Ausser diesem 
Zeitraum gehört auch der darauf folgende, die Zeit von 
Phul bis Cyrus, der assyrischen Herrschaft über Babylon 
an. Derselbe umfasst die assyrischen Könige, welche über 
Babylon regiert haben. In den Auszügen aus Berosus sind 
besonders drei Namen als Epoche machend hervorgehoben : 
Phul, Sanherib, Nabukodrossor. Von diesen zwei succes- 
siven Königsreihen bei den Chaldäern sind im Eusebius 1. c. 
p. 76 ff. die Angaben über das Niniadenrcich scharf unter- 
schieden. Die Unterscheidung beider Reiche ist um so 
schärfer hervo.rgehoben, als ein und derselbe Autor, Abydenus, 


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Assyrische Forschungen. 


35 


von dem einen und dem andern gehandelt hat, ohne sie 
zu vermengen. »Abydenus, heisst es, erzählt die Ordnung 
des Reiches der Chaldäer wiö Polyhistor und umfasst sie; 
aber die assyrischen Könige zählt er besonders und der 
Reihe nach so auf.« Als solche folgten nachher die Könige 
von Ninus bis Sardanapal. Hier sind allerdings die Ninia- 
den wie bei Ktesias auch Assyrer genannt und ihnen die 
Chaldäer entgegengesetzt. Allein Assyrer und Chaldäer bil- 
den nach dem früher Gesagten keinen ausschliessenden 
Gegensatz. Zum mindesten muss man zugeben, dass die 
beiden Königsreihen der Chaldäer assyrische Könige ent- 
halten. Abydenus hatte ja selbst den Sanherib und seine 
Nachfolger in der Ordnung des Chaldäerreiches aufgezählt, 
so dass man sieht, die später aufgeführten Niniaden gehö- 
ren nicht mit den assyrischen Königen der chaldäischen 
Autoren zusammen, sondern .stehen ausserhalb der chal- 
däischen Geschichtsbetrachtung. Abydenus, der die letztere 
wohl kannte, sagt daher geradezu : »Auf diese Weise zählen 
die Chaldäer die Könige ihres Landes von Alorus bis Ale- 
xander auf; um Ninus und Semiramis kümmern 
sie sich nicht.« Also waren diese Namen ursprünglich 
den Babyloniern fremd. Zwar hat Berosus die Semiramis 
zwischen der V. und VI. Dynastie erwähnt. Dabei ist indess 
auffallend, dass nur sie, nicht auch Ninus genannt ist. Auch 
steht sie sichtlich ausserhalb der Namen der 45 Könige der 
VI. Dynastie. N An einem andern Ort hat Berosus die Mei- 
nung der Griechen zurtickgewiesen, dass Babylon mit seinen 
Wunderwerken von Semiramis erbaut sei (Joseph, c. Ap. 1, 
20). Aber diese Ansicht war bei den Griechen, für welche 
doch Berosus die Geschichte seines Landes zunächst schrieb, 
so sehr verbreitet, dass er ihr irgendwie gerecht werden 
musste. Da Semiramis bei den Griechen längst für eine 
Assyrerin galt, so konnte er sie nirgend anders als bei einer 
assyrischen Dynastie in seine Königsreihe einfügen. An dieser 
Stelle, bei der VI. Dynastie, kann sie nicht als Stifterin, 
sondern nur als Beherrscherin Babylons erscheinen. Es ist 

3* 


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A. Scheuchzer. 


hiebei bemerkenswerth , dass Herodot (I. 184), der doch 
seine diessfalligen Angaben auch aus Babylon hatte, die 
Semiramis nicht an den Anfang der 520 Jahre assyrischer 
Herrschaft, wie Berosus, sondern erst in die zweite Periode 
derselben, in die Zeit Nabonassars, um 750 v. Chr. setzt. 
Dieses Schwanken, welches bei der sonst so sichern Zeit- 
rechnung der Chaldäer unerklärlich wäre, zeigt ebenfalls, 
dass Semiramis nicht von jeher in Babylon einheimisch war. 
Ihrer Stellung an der Spitze der Niniadenreihe gemäss hätte 
sie mit Ninus in die erste Dynastie gehört. Allein in dieser 
Urzeit konnte von Assyrern, für welche sie galten, keine 
Rede sein. 

Ein ähnliches Schwanken wie bei Semiramis, wenn 
gleich in weit engeren Grenzen, zeigt sich auch bei Sarda- 
napal. Beim Polyhistor ist er mit dem Bruder des Samuges 
identificirt. Bei Abydenus erscheint sein Name an zweit- 
letzter Stelle vor Nabopolassar. Den wahren Namen des 
Königs, unter dem Ninive verloren ging, enthält wohl der 
Kanon. Wenn sich die Chaldäer nicht um Ninus und Semi- 
ramis kümmerten , so werden sie es mit den übrigen Ninia- 
den bis auf den letzten derselben nicht anders gehalten 
haben. Der Einfluss der bei den Griechen herrschend ge- 
wordenen Erzählung zeigt sich auch hierin, dass Sardanapal 
in die chaldäischc Königsreihe aufgenommen ward. 

Wohin gehören denn aber diese assyrischen Könige, 
die in der Niniadenreihe aufgeführt, jedoch bei Eusebius 
so bestimmt von dem Assyrerreich der Bibel und der Chal- 
däer geschieden sind? Betrachtet man die nähern Angaben 
über jene, besonders nach Kephalion (Euseb. Chron. P. I. 
p. 90 — 97), so fällt die nahe Beziehung auf, in welche sie 
mit der griechischen Vorgeschichte gebracht sind. Die 
Niniadenreihe hat ihre wiederholten Berührungspunkte mit 
jener und stimmt, wie M. v. Niebuhr (p. 293 ff.) diess gut 
nachgewiesen hat, genau mit dem ältesten griechischen 
Zeitschema. Unter Belim kommt Perseus auf seiner Flucht 
vor Dionysus mit hundert Schiffen nach Assyrien. Bei andern 


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Assyrische Forschungen. 


37 


Königen werden die Argonauten , Herakles , Medea erwähnt. . 
Teutamus schickt dem Friamus den Memnon , des Tithonus 
Sohn zu Hülfe. Man ist in eine ältere Zeit, auf einen 
andern Boden versetzt, man ist in den Gesichtskreis der 
troischen Erzählungen eingetreten. Der Stamm der Semi- 
ramis wurzelt recht eigentlich in den zwischen Euphrat und 
Mittelmeer gelegenen Landstrichen. Der See, in den sich 
die Derketo stürzte, wird nach Askalon, von andern nach 
Bambyke oder Hierapolis verlegt, wo sie ihren Cult hatte 
(Eratosthenes, cataster. c. 38. Plin. H. N. V. 81). Der Name 
Sardanapals, des mythischen Stifters von Tarsus und An- 
chiale, haftet an der cilicischen Küste. Der Tradition von 
der Herrschaft der Niniaden liegt wohl eine dunkle Erin- 
nerung an ein uraltes Reich zu Grunde, welches eben jene 
Küstenländer umfasste. Einzelne Nachrichten haben die 
Kunde von einem solchen erhalten. Solinus (38, 1) spricht 
von einem Reiche, welches der Zeit nach der assyrischen 
Herrschaft voranging, dessen Mittelpunkt Cilicien war, das 
die ganze Küste von dort bis Pelusium und ausserdem einen 
guten Theil Kleinasiens bis in Armenien hinein einschloss. 
Andere Sagen erwähnen ein Aethiopenreich an eben jener 
östlichen Küste des Mittelmeeres. (Siehe Movers, Phönicier 
2. 1. S. 284.) Ein Mittelpunkt dieses Reiches ist Jope, eine 
so alte Stadt, dass deren Ursprung in die Zeit vor der 
Fluth zurück zu gehen schien, und in welcher die wunder- 
bare Keto ihren Cult hatte (Plin. II. N. V, 68). Dort an 
der palästinischen Küste gebot Kepheus, des Belus Sohn. 
Kephener und Aethiopen waren aber eins (Steph. Byz. v. Jope). 
Aethiopien hiess Kephenia (Agatharchidas bei Photius Bibi, 
p. 442). Dieses uralte Küstenreich wird nun von demjenigen 
der Niniaden kaum verschieden sein. Die wesentliche Ein- 
heit beider stellt sich in den Erzählungen von Perseus dar. 
Wenn Perseus bei Herodot (VII. 61) zu dem Beliden Kepheus 
kommt und sein Sohn Perses diesem in der Herrschaft folgt, 
in andern Erzählungen aber Perseus die Herrschaft in Assy- 
rien an sich reisst, bald früher durch Tödtung des grossen 


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38 


A. Scheuchzer. 


Sardanapal (Joann. Antiochen. in Müllers fragni. Jiist. Graec. 
IV. p. 542), bald später unter dem Niniaden Belim (Kepha- 
lion in Euseb. Cbron. I. 94), so ist von demselben Reiche 
die Rede, welches theils mit dem alterthümlichen Namen 
der Kephener, theils mit dem vieldeutigen assyrischen be- 
zeichnet ward , welcher seit der persischen Herrschaft auch 
für Vorderasien gebräuchlich geworden war (Athura in der 
Bisutun-Inschrift für Syrien). Dieses alte Küstenreich muss 
einmal, wie oben berührt, durch eine fremde Eroberung 
einen Dynastie Wechsel erlitten haben. Dass man sich aber 
das Niniadenreich als ein Küstenreich dachte, geht daraus 
hervor, dass die Sage den Perseus über Meer mit hundert 
Schiffen dahin kommen liess. Perseus, dessen mütterliche 
Vorfahren aus Aegypten stammten (Herod. VI. 53. II. 91), 
floh vor Dionysos d. h. Osiris. Die fremde Einwanderung, 
die sich an seinen Namen knüpfte, kam nach dieser An- 
deutung aus Aegypten. Es liegt nicht fern, hiebei an die 
Vertreibung der in Aegypten niedergelassenen, unter der 
Bezeichnung der Hyksos begriffenen Völker zu denken, gegen 
die sich die ächten Osirianer in glücklichem Kampf erhoben 
hatten. Perseus könnte der Eponymus der Philister sein, 
die aus Aegypten hergeleitet werden (l.Mos. 10, 14). Durch 
seine Verbindung mit Andromeda, die in Jope gefesselt ist, 
erscheint er in Palästina. # Die Sage führt ihn aber auch 
an den Orontes nach dem uralten Jone auf dem Boden des 
spätem Antiochia (bei Malalas, in C. Müllers fragm. hist, 
graec. IV. S. 468). Endlich tritt er in Cilicien auf, wo er 
den Einen als Gründer von Tarsus gilt (Ammian. XIV. 8). 
Die Tö.dtung des grossen Sardanapal durch ihn wird dort- 
hin verlegt worden sein. 

Dass Perseus bei den Niniaden erwähnt ist, zeigt, 
welches hohe Alter man ihrem Reiche zuschrieb ; denn schon 
hatte es die Hälfte seiner Dauer hinter sich (um 1600 v. Chr.) ; 
man dachte es sich im lebendigsten Verkehr mit den vor- 
hellenischen Seestaaten am Mittelmeer. Hier lässt sich wohl 
die Frage aufwerfen , woher denn die Nachrichten über das 


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Assyrische Forschungen. 


39 


Niniadenreich ursprünglich geschöpft sind. Zunächst hat 
Ktesias freilich seine Mittheilungen hierüber den persischen 
Reichsannalen entnommen. Woher hatten sie aber diese? 
Die Perser scheinen die reichen historischen Schätze Baby- 
lons gar nicht benutzt zu haben; denn sonst würden ihre 
Chroniken eine ganz andere Darstellung assyrischer Ge- 
schichte enthalten. Dagegen griffen sie die Sagen der Vor- 
zeit, die sie in den ihnen unterworfenen Küstenländern 
Vorderasiens hörten, auf. Ihre Chronisten erzählten — nicht 
ohne politische Tendenz — vom Raube der Io und Europa, 
der Medea und Helena (Herod. I. 1 — 4); sie handelten von 
Perseus »dem Assyrer«, und wie Memnon, des Tithonus 
Sohn, auf Geheiss des assyrischen Königs dem Priamus ein 
Heer von Aethiopen und Susianern zugeführt (Diodor n. 22) ; 
denn sie machten ihn um der Memnonien willen zum Statt- 
halter von Susa. Auch Sardanapal fehlte nicht, da wir 
annehmen dürfen, dass alles, was Ktesias vom Niniaden- 
reiche mittheilt, in den persischen Annalen enthalten war. 
Aus solchen vorderasiatischen Namen und Erinnerungen war 
das zusammengesetzt, was fortan assyrische Geschichte hiess, 
was aber in der That etwas ganz anderes ist. 

Das Niniadenreich heisst ein assyrisches, weil es die 
Küstenländer umfasste, in denen dieser Name seit der assy- 
rischen Eroberung in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts 
Wurzel gefasst hatte. Der seit der Ausbreitung der Assyrer 
dort herrschend gewordene Name ward im Verfolg auch 
für die frühere Zeit angewandt, in welcher von den eigent- 
lichen Assyrern noch keine Rede sein kann. Die alten 
Heroen jener Länder, wie Tithonus, Sandakus, galten für 
Syrer; Kinyras, der mythische Gründer von Paphos, heisst 
König der Syrer, wie die Griechen den assyrischen Namen 
kürzten. Thias, nach den Einen Vater des Adonis, wird 
geradezu König der Assyrer genannt (Apollodor bibl. IIL 
14, 3). Assyrer hiessen ferner die mythischen Könige von 
Sidon, vom alten Belus bis zum jüngern, dem Vater der 
Dido (Servius ad Aen. I. 646. 733). Man wird nicht so 


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40 


A. Scheuchzer. 


laicht in Versuchung kommen, diese »Assyrer« mit den 
historischen Assyrern der Bibel und der Chaldäer in Eine 
Linie zu stellen. Kein besseres Recht aber, als jene cili- 
cischen , cyprischen , phönicischen Heroen haben die Ninia- 
den auf den assyrischen Namen. Die Zusammenstellung 
Sardanapals mit Tithonus und Kinyras im Sprichwort boi 
Suidas s. v. zeigt, dass er dem Kreise der Heroen jener 
Küstenländer angehört. Sardanapal heisst in keinem andern 
Sinne König der Assyrer, als Thias und Belus so genannt 
sind. Er wird in der oben angeführten Sage bei Johaunes 
von Antiochia sehr nahe an Ninus hinan gerückt, nur vier 
Generationen von ihm entfernt. Jenes alte Niniadenreich 
nahm hienach schon mit seiner Tüdtung durch Perseus eiu 
Ende. In dem, was die persischen Chronisten für assyrische 
Geschichte ausgaben, waren ganz fremdartige, nicht zusam- 
men gehörende Bestandtheile zu Einem Ganzen, zu Einer 
Zeitreihe verbunden. Von allem, was Ktesias aus derselben 
mittheilt, gehört einzig die Erzählung von dem Falle von 
Ninus der wirklichen assyrischen Geschichte an. Ja selbst 
in dieser Erzählung sind die zwei Katastrophen von 750 
und 626 v. Chr. mit einander vermengt. Alles Uebrige geht 
auf eine ungleich ältere Zeit zurück. Im Wesentlichen be- 
schränkt sich dieses auf die Kunde von einem mächtigen 
Reiche in Vorderasien seit ungefähr 2200 v. Chr. Dauer 
und Ende desselben sind völlig unsicher. Liegt hier eine 
Erinnerung an ein kephenisches oder äthiopisches Reich 
verborgen, welches die Küste von Cilicien bis Palästina 
nebst der Insel Cypern umfasste — man denke an den 
Aethiopen Sandan in Tarsus, an Memnon und die Aethiopen 
auf Cypern*) — so wird man es nicht mehr befremdlich 
finden , wenn der Anfang dieses Reiches gegen oder in das 
23. Jahrhundert hinaufreicht. Auch von anderer Seite her 
wird das Dasein eines mächtigen Reiches in Vorderasien für 
jene Zeit bezeugt. Bei der Geschichte der Hyksos erwähnt 


*) Ammian XIV. 8. Herodot VH. 90. 


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Assyrische Forschungen. • 


41 


Manetho dasselbe, nur nennt er es, dem längst herrschen- 
den Sprachgebrauch gemäss, anticipirend ein assyrisches. 
Man ist erstaunt, zu hören, dass die Hyksos, die in Aegyp- 
ten alles vor sich niederwarfen, auch ihrerseits sich von 
einer ausländischen Macht bedroht fühlten. Gleich ihr erster 
König Salatis, welcher in Memphis seinen Sitz aufschlug, 
liess es nach Manetho (Joseph, c. Ap. I. 14) seine vornehmste 
Sorge sein, die Ostgrenze Aegyptens zu befestigen, indem 
er befürchtete, die damals übermächtigen »Assyrer« möch- 
ten ebenfalls Lust nach dem schönen Lande bekommen. 
Die jährlichen Musterungen, die er in Avaris anordnete, 
galten nicht den unterworfenen Aegyptern , sondern der 
auswärtigen Macht. Diese kann nicht wohl eine andere 
sein, als das vorderasiatische Küstenreich, welches unter 
Ninus’ Namen geht. Bemerkenswerth ist, dass die manetho- 
nische Erzählung auch zur Zeit der Vertreibung der Hyksos 
des assyrischen Reiches als einer gefürchteten Macht ge- 
denkt, also ebenfalls noch zu einer Zeit, in welcher nicht 
einmal im obern, geschweige denn im vordem Asien von 
einer Herrschaft der Assyrer die Rede sein kann. So para- 
dox es auch lautet, so wagen wir doch, es einmal auszu- 
sprechen, dass Ninus und die Niniaden keine Assyrer sind. 
Es ist nicht nachzuweisen , dass die Assyrer vor Phul nach 
Vorderasien gekommen, oder dass die Länder diesseits des 
Euphrat ihnen je früher unterworfen gewesen seien. Die 
Zeugnisse, die dieses beweisen sollen, gehören einer Zeit 
an, in welcher es längst gebräuchlich geworden war, den 
assyrischen Namen auf Personen und Völker Vorderasiens 
aus der Zeit vor der Eroberung zu übertragen. Wenn 
indels auch anerkannt wird , dass das Niniadenreich nichts 
mit der assyrischen Herrschaft zu thun hat, so fragt es 
sich doch, ob demselben die lange Dauer von 1300 Jahren, 
welche ihm Ktesias beilegt, zukommen könne, allgemeiner, 
wie sich eine solche Monarchie mit anderweitig ^pkannten 
Zuständen Vorderasiens vertrage. Nach den Auszügen aus 
Manetho hätte ein einheitliches Reich in Asien noch zur 


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42 


A. Scheuchzer. 


Zeit der Vertreibung der Hyksos, um 1670 v. Chr. bestanden. 
In wie weit ist diese Angabe in Uebereinstiuimung mit an- 
dern ägyptischen Nachrichten über jene Zeit? Denn es ist 
allerdings Aegypten, welches jetzt Licht auf Asien werfen 
muss. Die ägyptischen Denkmäler enthalten zahlreiche An- 
gaben über asiatische Völker und Staaten seit der Hyksos- 
zeit und der 18. Dynastie bis zur 22sten. Wir können 
nicht umhin, näher auf dieselben einzugehen, schon um die 
Frage möglichst vielseitig zu erörtern, seit wann sich die 
assyrische Herrschaft über Vorderasien ausgedehnt habe. 
Wenn die Assyrer, wie behauptet worden ist, schon auf 
den Denkmälern der 18. Dynastie genannt sind, so wäre 
unsere Behauptung von dem späten Auftreten derselben in 
Vorderasien gewaltig erschüttert. Die Nachrichten der 
Aegypter über ihre asiatischen Gegner und Verbündeten 
haben auch ein allgemeines historisches Interesse, insofern 
sich aus ihnen ein etwelches Bild über die Völkerverhältnisse 
Vorderasiens für verschiedene Zeitabschnitte gewinnen lässt. 
Wir machen einen Versuch, diese Daten, soweit sie durch 
die Verdienste der Aegyptologen der Geschichtforschung an 
die Hand gegeben werden, im Zusammenhänge zu betrach- 
ten. Es soll diess in einem besondern Abschnitte geschehen. 

(Schluss folgt.) 


* 


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Assyrische Forschungen. 


43, 


Beilage I. zu Seite 14. 


Zusammenstellung 

des ersten Theiles der assyrischen Königsliste des Samuel 
von Ania mit dem entsprechenden Abschnitte 
des ptolenmischen Kanon. 

Siehe Samuelis temporum .... ratio pag. 16 dgr Ausgabe 
von Zohrab und Mai. 


Der Kanon 

Jahre 

Samuel 

Jahre 

1. Nabonassar . . . 

14 

Phua 

16 

2. Nadius 

2 

3. Chinzir und Porus . 

5 



4. fluläus . ... 

5 

Thaglathphalsar . . . 


5. Mardokempad . . 

12 | 

27 

6. Arkean .... 

5 , 



7. Erstes Interregnum 

2 1 



8. Belibus .... 

3 1 



9. Aparanadius . . . 

6 

► Salmanassar .... 

16 

10. Regebel . . . . 

l' 



11. Mesesimordak . . 

4 1 



12. Zweites Interregnum 

8 

Senecherim (Sanherib) . 

18 

13. Asaradin . . . . 

13 

Asordanes 

8 

Summe 

80 

Summe 

85 


Die Zeitreihe des Samuel ist um 5 Jahre zu lang, weil 
dem Phul (Phua) 16 statt 14 Jahre zugelegt sind und gleich- 
wohl das Intervall zwischen Ende Nabonassar (Phul) und 
1. Jahr Sanherib zu 43 (27 + 16) statt zu 40 Jahren an- 
genommen wird. 


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44 


Beilage II. zu Seite 15. 


Chronologische lebersicht der assyrischen Geschichte. 

I. Aelteres assyr. Reich in Babylonien. Vite bero- 

sische Dynastie von 45 Königen in 526 Jahren Vor Chr. 
oder Herrschaft der Assyrer in Oberasien . . 1273—748 

II. Spätere Dynastien seit dem Abfall der Bundes- 
genossen. 


1. Ungetheiltes assyrisches Reich in Babylonien. 

Der Kanon : jahrc Anonymus bei Mai : Jahre 

1. Nabonassar ... 14 = Phula 14 747 — 734 


JO. Trennung in zwei Reiche. 


Assyrer in Babylon. 

2. Nadius 2 

3. Chinzir und Porus . 5 

4. Iluläus 5 

5. Mardokempad . . 12 

6. Arkean .... 5 

7. Erstes Interregnum . 2 

8. Belibus .... 3 

9. Aparanadius (NadiuH ii.) 6 

10. Regebel .... 1 

11. Mese&imordak . . 4 

12. Zweites Interregnum 8 


Assyrer in Ninus. 

Tiglat-Pileser . . [24]*) 733-710 * 
(Anonymus 23 J.) 

Salmanassar . . . [lb]*) 709—694 
(Anonymus 15 J.) 

Sanheribs erste Jahre 13 693 — 681 


3 . Wiedervereinigung der beiden assyrischen Reiche 
seit der Eroberung Babylons durch Sanherib bis 
zum Fall von Ninus (680-626). 

13. Asaradins erste Jahre 5 = Sanheribs letzte Jahre 5 680 676 

Asaradins letzte Jahre 8 = Asordanes Berosi 8 675 668 

14. Saorduchin . . . 20 ■» Samughes * 21 667 — 648 

15. Kineladan .... 22 == Sardanapal > 21 647—626 


4 . Fortbestehen des durch den Verlust von Ninus ge- 
schmälerten assyr. Reiches mit der Metropole Babylon. 


16. Nabopolassar ... 21 625—605 

17. Nabokolassar ... 43 604—562 

18. Illoarudam ... 2 561—560 

19. Nerigassolassar . . 4 569—556 

20. Nabouadius ... 17 555—539 


Ende des assyr. Reiches mit Babylons Eroberung durch Cyrus. 

Cyrus in Babylon . 9 688—530 


*) Die iwei eingeklammertcn Zahlen beruhen nicht anf babylonischer Uebcrlieferung. 


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Beilage III. zu Seite 34. 


45 


Schema der chaldiischen Zeitrechnung von Alorns 
bis Alexander. *) 

1. Antediluvianische Perioden. 

Zehn Könige von Alorus bis Xisuthrus mit durchschnittlich 12 Sari zu 
3600 Sonnenjahren, d. i. 120 Sari =* Jahre 432,000 

2. Postdiluvianische Perioden, 
a. Mythische Dynastie. 

I. 86 Könige in 9 Sari = Jahre 32,400 

» 2 Neri = * 1,200 
* 8 Sosi = * 480 

34,080 

b. Historische Zeit. 

II. 8 Meder Jahre 224 

III. 11 Ungenannte (48 4- 3?) * 51 2 ) 

TV. 49 Chaldäer ..... » 458 

V. 9 Araber » 245 

VI. 45 Assyrer » 526 

VII. 20 Assyrer (Phul bis flabonned) » 209 

VIII. 10 Perser (Cyrns bis Darias III.) » 207 

1920 

Zeit von der Sintfluth bi$ 1. J. Alexander: 

a. Mythische Dynastie 9 Sari, 2 Neri, 8 Sosi 

b. Historische Zeit — * 3 » 2 » = 1,920 

Summe 10 Sari — N. — S. =- 36,000 

Zeit von 1. Alorus bis 1. Alexander: 

1. Vor der Sintfluth 120 Sari 

2. Nach » * 10 * 

Summe 130 Sari =* Jahre 468,000 

Beginn des ll.Sarus nach der Fluth mit Alexanders 1. Jahr in Babel: 331. 


*) »Hoc pacto Chaldaei suae regionis reges ab Aloro u$<pke ad Alexan - 
drum recensent.« Abydenus bei Eusebius Chron. I, p. 76. Aucher. 

*) Die Ausgleichung der gebrochenen historischen Zahlen mit dem 
Schema der vollen Cykeln scheint bei der III. Dynastie durch Hinzu- 
fügung von 2 bis 3 Jahren statlgefunden zu haben. 


Vor Chr. 
2251—2028 
2027—1977 
1976—1519 
1518-1274 
1273- 748 
747— 539 
538— 332 


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IL 

Zorn Leben Jesu. 


Der Todesgedanke. 

Von 

<E. ®raf f Superintendent in Schalkau. 


TJnter dieser Ueberschrift hat Herr Professor Dr. Keim 
in No. 8 der Protest. Kirchenzeitung eine Abhandlung 
erscheinen lassen , die eine gar nicht unwichtige Specialität 
aus dem Leben Jesu bespricht, nämlich die Frage: ob 
Jesus den Gedanken an seinen Tod und an das Kreuz schon 
am Anfang seiner öffentlichen Wirksamkeit gehabt habe, 
oder ob es dazu bei ihm erst in der letzten Zeit seines 
Lebens gekommen sei. 

Die Aufnahme dieser Frage hängt unverkennbar mit 
dem in neuester Zeit geltend gemachten Axiom zusammen, 
dass bei Jesu, wenn seine Erscheinung historisch begriffen 
werden solle, eine allmälige Entwickelung und 
Herausbildung, ein nach und nach fortschreitendes Wachs- 
thum in geistiger und sittlicher Vollendung angenommen 
werden müsse; und so unverfänglich dieses Axiom an sich 
auch aussiebt, besonders weil es durch die eigene Erklä- 
rung der heiligen Schrift in Luc. 2, 52 (»Jesus nahm zu an 
Weisheit und Alter und Gnade bei Gott und den Menschen«) 
bestätigt zu werden scheint: so bedenklich dürften dennoch 
die Consequenzen sein, die sich, wie unten gezeigt werden 
wird, an die Annahme knüpfen, dass Jesus die No th Wen- 
digkeit seines Leidens und Sterbens im Anfang noch nicht 
erkannt haben könne. 


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Der Todesgedanke Jesu. 


47 


Vergleichen wir zunächst die zwei verschiedenen Be- 
hauptungen, welche in der Ke im 5 sehen Abhandlung zur 
Sprache kommen. Dr. Holsten hat in seiner Schrift: 
Zum Evangelium des Paulus und Petrus (Rostock 
1868) die Ansicht aufgestellt, dass ein Todesgedanke in 
Jesu erst bei seinem letzten Aufenthalt in Jerusalem ent- 
standen sei. Denn wenn auch die Evangelien, Matthäus 
voran, die Todeseröffnungen Jesu schon nach Galiläa ver- 
legen, so könne doch Jesus in Galiläa seinen Tod eben so 
wenig vorausgesagt haben, als sein Kreuz und seine Auf- 
erstehung. Oder wie sollten sonst die Jünger auf dem Wege 
von Galiläa bis Jerusalem, statt vom Kreuz, nur immer vom 
Messiasreich geträumt haben? Ja, wie wäre es sonst er- 
klärlich, dass Jesus selbst noch in Jerusalem messianisch 
eingezogen und bei den Hoffnungen seiner Herrlichkeit bis 
Gethsemane geblieben ist?*) Erst als die göttliche Hülfe 
und Action nicht eintreten wollte und der Tod als Unver- 
meidlichkeit heranschritt, d. h. am Ende der Jerusale- 
mischen Wirksamkeit, habe das zwingende Motiv zu 
dem Gedanken eines Todesleidens in ihm eintreten und 
wenigstens momentan die Schicksalsnothwendigkeit und 
den Opferwerth dieses Todesleidens, wie namentlich im 
Abendmahle, ihn beschäftigen können. Die Darstellung 
der Evangelien sei also »unhistorisch« und lediglich 
»spätere teleologische Reflexion vom Stand- 
punkte der erlebten Thatsachen und ihres fort- 
gebildeten religiösen Bewusstseins.« Die Scene 
mit Petrus aber' bei Cäsarea Philippi (Matth. 16, 21 ff.) sei 
geradezu »grell unnatürlich.« Allerdings müsse Chri- 
stus als Prophet um die Nothwendigkeit von Leiden gewusst 
haben, aber nur nicht um die Nothwendigkeit 
des Todes, ausser zuletzt. 

*) Wunderliche Kritik, die sich auf die eine Angabe der Evangelien, 
wie auf eine unzweifelhafte historische Autorität beruft, die andere aber, 
weil sie nicht zu einem vorgefassten Lieblingsgedanken passen will, für 
unhistorisch erklärt t 


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48 


E. Graf. 


Hiergegen stellt Dr. Keim die These: 

»Von Anfang hat Jesus keine Leiden, keinen 
Tod, aber später (d. h. vom Ende seiner gal i- 
läischen Wirksamkeit an) Beides erwartet.« 

Das Johannesevangelium beweise in dieser Frage nichts, 
indem es den Leidens- und Todesgedanken schon in den 
Anfang lege; die Nazarapredigt des Lucas sei ein künsteln- 
des Programm; und die Seligpreisungen in der Bergpredigt 
für die wegen Gerechtigkeit Verfolgten wären, auch wenn 
sie zu dem Urtext der Seligkeiten gehörten, in eine vor- 
gerücktere Zeit zu stellen, wie jetzt Jedermann sehe. An 
die Möglichkeit der Leiden hätte Jesus allenfalls wohl 
denken müssen, doch gar nicht an die Nothwendig- 
keit; und was man thatsächlich sehe, sei: dass Jesus 
mit froher Botschaft beginne, dass er als Bräutigam mit 
den Jüngern Freudentage verlebte, dass das Volk ihm zufiel, 
dass er den Glauben bewunderte, der ihm entgegenkam 
(Matth. 8, 10. 9, 2. 15, 28.), dass er auf ganz Israel hoffte 
(Matth. 8, 10. 10, 6. 15, 24), bis er sich enttäuschte (11, 25), 
und dass erst allmälig der Widerstand aufwuchs, sowie dass 
* er dann wehmüthig durch die dunkeln Thatsachen und er- 
schreckend am Tode des Täufers sein Schicksal des Lei- 
dens und Sterbens (17, 12) ahnte (14, 13), dann aber auch 
mit acutestem innerem Schmerze, diesem lautesten Zeugniss 
für die Neuheit jenes Bewusstseins, wirklich ergriff (16,21). 

Hierauf geht Dr. Keim zu den Beweisen dafür über, 
dass der Todesgedanke in Jesu wirklich schon am Schluss 
seiner galiläischen Wirksamkeit (also schon vor seinem 
letzten Aufenthalte in Jerusalem) hervorgetreten sein müsse; 
und was er hier gegen Dr. Holsten, der selbst in jenem 
Zeiträume noch von keinem Todesgedanken wissen will, 
beibringt, ist allerdings durchaus begründet, und es verdient 
namentlich dasjenige die vollste Zustimmung, was Keim 
hinsichtlich des Abendmahls seinem Gegner vorhält. Dieser 
hat nämlich, wie eben angedeutet wurde, um seine Behaup- 
tung zu halten, kein Bedenken gehabt, zu sagen: der 


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t)er Todesgedanke Jesu. 


49 


Todesgedanke, der bei dem Abendmalile zum Ausdruck 
gekommen, sei doch nur ein Gedanke des Augenblicks , ein 
augenblickliches Erzeugniss der Situation , kein Moment der 
eigensten, innersten, verarbeiteten Gedankenwelt Jesu ge- 
wesen. Hier müssen wir gewiss das Urtheil Keim’s unter- 
schreiben: »Rettungslos hat sich damit der neue Kritiker 
»selbst kritisirt. Das Abendmahl, das sorglich bestellte, das 
»feierlich überlegte, vollzogene, die Stiftung Jesu für die 
»zurückbleibende Gemeinde, ist eine Stiftung des Momen- 
»tes; — das momentane letzte Zittern und Wünschen in 
»Gethsemane aber ist die Grundstimmung, obgleich es auch 
»wesentlich in Resignation mündet und in die laute Ueber- 
»zeugung, dass es nach der Schrift so gehen muss! Einer 
»solchen Kritik ist Alles möglich; sengend und brennend 
»geht sie einher; wenn Alles ihren Einseitigkeiten und 
»Vorurtheilen im Wege steht, so wirft sie die einen Stellen 
»weg, beutet die andern masslos aus, und was man nicht 
»wegwerfen kann , wie das Abendmahl , dem zapft man das 
»Blut ab. Solche Kritik kann freilich Andern gegenüber 
»von unfreier Stellung zu Matthäus und von ihrer Freiheit, 
»wie gegen Johannes, so gegen Matthäus reden u. s. w.« 

Eben so gern, wie diesem Urtheile, wird map auch 
den Schlusssätzen der Keim sehen Abhandlung beipflichten 
müssen, wenn in demselben gegen Holsten gesagt wird: 
»Mit dem blossen Scharfsinn einer abstracten und mit ge- 
»wissen steifen Grundbegriffen gewaltsam durchfahrenden 
»Logik ist es nicht gethan. Das Selbstbewusstsein Jesu ist 
»concreter, menschlich voller und vielseitiger; darum ent- 
»behrt es auch der ringenden Gegensätze und Widersprüche 
»nicht. Es ist begreiflich, dass Todes- und Lebensgedanken 

»in ihm bis zu Ende kämpften ; und es ist wiederum 

»begreiflich, dass den Jüngern von Galiläa bis Jerusalem 
»der Todesgedanke weniger haften blieb, als der Messias- 
»gedanke; es war ihre jüdische Hoffnung; seine Aussagen 
»waren kurz und andeutend, weil seine Seele voll war und 
»das göttliche Schicksal erst im Werden^ weil er selbst endlich 

Viertcljahrsschrift. IV. 1 . 4 


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50 


E. Graf. 


» — mochte er vom Bleiben reden oder vom Gehen — 
»seine nahe messianifcche Herrlichkeit in den Vordergrund 
»ihres Denkens stellte. Und diese letzte Thatsache wird 
»Vieles erklären.« 

Desto bedenklicher aber muss es erscheinen, dass Jesus, 
wie Keim behauptet, von Anfang, d. h. vom Anfang seiner 
öffentlichen Wirksamkeit an, weder Leidens-, noch gar 
# Todesgedanken gehabt habe, sondern dass er erst später, 
nämlich am Ende seiner galiläischen Wirksamkeit, auf diese 
beiden Gedanken gekommen sei, und dass demgemäss, auch 
nach der ernstlichen Todesübernahme, »der 
»Einzug in Jerusalem eine letzte Anfrage an seine That- 
» kraft, schliesslich Gethsemane eine letzte Anfrage an die 
»Leidenskraft menschlicher Lebensgeister gestellt hätte.« 
Denn diese Vorstellung schliesst doch immer die Annahme 
in sich ein, dass Jesus bis zum Ende seiner galiläischen 
Wirksamkeit, d.h. also eigentlich sein ganzes Leben hindurch, 
bis auf wenige Wochen vor seinem Tode, nicht recht ge- 
wusst habe, was er wollte und sollte. Und ist diess eine 
Annahme, bei welcher Jesus noch als ein »Ideal der Mensch- 
heit« , geschweige gar als »Weltheiland« anerkannt werden 
dürfte ? Man könnte hiergegen zwar einwenden wollen : 
Für die Heilswahrheit, die Christus der Welt zu bringen, 
und für das Vorbild aller Gerechtigkeit, das er ihr in sei- 
nem Thun und Lassen zu geben hatte, nfuss es ganz gleich- 
gültig erscheinen, ob er von Anfang an gewusst hat oder 
nicht, dass er werde leiden und sterben müssen. Verlangen 
wir doch auch von jedem rechtschaffenen Menschen , gleich- 
viel ob er davon einen zeitlichen Gewinn oder Nachtheil 
für sich zu erwarten hat, dass er seine Schuldigkeit thue ; — 
und wir wissen, dass er sie bei redlichem Willen auch thun 
kann, wenn er auch über die nächsten Folgen, welche 
dieses Thun für ihn haben wird , noch völlig im Ungewissen 
sein muss. Ihr dürft also nicht sagen: Wenn Jesus von 
Anfang die Nothwendigkeit seines Leidens und seines Kreu- 
zestodes nicht erkannt hätte, so hätte er auch nicht gewusst, 


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Der Todesgedanke Jesu. 


51 


was er eigentlich wollte. Auf diese Weise würdet Ihr nur 
sein Wollen und Thun mit dem verwechseln , was sein 
Schicksal war. Was er wollte, wusste er allerdings; 
denn das war die Erlösung der Welt aus der Knechtschaft 
des Irrthums und der Sünde, auf welche doch offenbar 
jedes seiner Worte und jedes' seiner Werke berechnet ge- 
wesen ist. Sein endliches Schicksal hatte mit diesem 
höchsten Zwecke seiner Erlöser thätigkeit nichts zu 
schaffen. — Allein, so scheinbar dieser Einwand auch klingt, 
so würde in der That Christus mit demselben doch zu einem 
blossen, gewöhnlichen Menschen degradirt, und sein Er- 
lösungswerk müsste dann darauf reducirt werden, dass er 
ein recht ausgezeichneter Lehrer und ein sehr tugendhafter 
Mann gewesen sei. Diese durchaus ungenügende Ansicht 
verräth sich namentlich auch in dem vorhin angeführten 
Satze, dass der Einzug in Jerusalem eine letzte Anfrage 
an seine Thatkraft und Gethsemane eine letzte Anfrage an 
die Leidenskraft menschlicher Lebensgeister gestellt habe. 
Denn »eine letzte Anfrage an die Thatkraft« kann doch 
nichts Anderes bedeuten , als den Versuch , ob er das Volk 
noch für seine Plane werde gewinnen können, so dass er 
für die Folge jeder Gefahr überhoben sein würde. Dieses 
wäre aber doch im Grunde ein Versuch gewesen , bei wel- 
chem von einer »ernstlichen Todesübernahme« keine Rede 
mehr sein dürfte; und wir hätten alsdann auch das vollste 
Recht zum Zweifel, ob Jesus von sich sagen durfte: »Ich 
und der Vater sind Eins« — ja es wäre dann einfach eine 
Uebertreibung und Unwahrheit, dass die Kirche das Wort 
Jesu als Gottes Wort hinstellt und als solches verehrt 
wissen will. * 

. Indess — so wendet man vielleicht wieder ein — Ihr 
gehet da, bei einer Frage der historischen Kritik, von 
dogmatischen Voraussetzungen aus; und wie wollt Ihr ohne 
jene Annahme mit der eigenen Erklärung des Evangeliums 
fertig werden, dass Jesus »zugenommen habe an Weis- 
heit etc.«? 

4 * 


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52 


E. Graf. 


Als wenn — um auf das Letzte zuerst zu antworten — 
als wenn für das dort erwähnte Wachsthum nicht in den 
Jahren von seiner Kindheit bis zum Beginn seiner öffent- 
lichen Wirksamkeit Raum genug gewesen wäre! Oder als 
wenn jener Ausspruch das bezeichnen müsste, was wir 
doch offenbar als einen grossen Mangel zu betrachten hät- 
ten, nämlich dass Jesus bei seinem öffentlichen Auftreten 
insofern noch kein klares Bewusstsein von seinej* eigent- 
lichen Bestimmung gehabt haben könne, als er sich über 
die nächsten Erfolge seines Wirkens die grössten Illusionen 
gemacht hätte, und dass also mit dem Zurufe: »Das Him- 
melreich ist nahe herbeigekommen !* von ihm viel mehr 
versprochen worden wäre , als er zur Zeit noch selbst über- 
sehen konnte. 

Was aber den Vorwurf anlangt, dass wir bei einer 
Frage der Kritik von dogmatischen Voraussetzungen aus- 
gehen wollten, so versuche es doch die historische Kritik 
einmal ernsthaft, uns deutlich zu machen, wie Jesus den 
Verlauf seines Schicksals gedacht haben müsste, wenn er 
weder Leiden noch Tod in Aussicht genommen hätte. Er 
wollte also — wie er selbst ausdrücklich und feierlich er- 
klärt, und was auch die historische Kritik nicht anfechten 
wird — das Reich Gottes gründen. Aber welche Stellung 
wird er nun — sein Leiden und Sterben hinweggedacht — 
in diesem Reiche einzunehmen gehofft haben? Die eines 
Königs? Oder die eines Hohenpriesters? Oder die noch 
bescheidenere eines blossen Lehrers? Und wie soll er sich 
in dem einen oder andern Falle seinen Ausgang aus dem 
Leben gedacht haben? Denn konnte er den ungeheuerlichen 
Gedanken eines endlosen irdischen DasÄhs nicht fas- 
sen, so blieb bloss der Gedanke an einen natürlichen Tod 
oder an eine Himmelfahrt in der Weise des Elias übrig — 
und man sieht hiernach auf der Stelle, in welche unlös- 
baren Schwierigkeiten man sich verwirrt und zu welchen 
Ungereimtheiten man kommt, wenn man auf die jetzt 
beliebte Manier den Entwicklungsgang Jesu begreiflich 


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Der Todesgedanke Jesu. 


53 


zu machen sucht. Es wird also doch gerathen sein, zu der 
altkirchlichen Annahme zurückzulenken, dass Jesus seine 
Wirksamkeit gleich mit einem klaren und bestimmten Be- 
wusstsein von seinem dereinstigen Leiden und Kreuzestode 
begonnen habe, und dass er nicht erst am Ende seiner 
Laufbahn »enttäuscht« zu werden brauchte. 

Aber hat nicht Keim aus den Evangelien selbst die 
Beweise dafür beigebracht, dass diese Annahme unstatt- 
haft sei? 

Er sagt: »Jesus hat mit froher Botschaft be- 
gonnen.« Allerdings! Aber seine Lehre heisst eine frohe 
Botschaft doch nur deswegen, weil sie sich auf dasjenige 
bezog , was die Welt durch ihn gewinnen sollte ; und diese 
Botschaft schloss also keineswegs den Gedanken aus, dass 
er dafür selbst das grösste Opfer werde zu bringen haben, 
gerade so, wie z. B. die frohe Botschaft von einer gewon- 
nenen Entscheidungsschlacht die Gewissheit, dass der Sieg 
mit dem Blut und Leben vieler Kämpfer erkauft sein wird, 
zur Voraussetzung hat. 

Keim sagt ferner: »Als der Bräutigam ver- 
lebte er mit den Jüngern Freudentage.« Aber 
hat denn Jesus, als er das Gleichniss von dem Bräutigam 
gebrauchte, ebenso, wie in dem Gleichniss von der könig- 
lichen Hochzeit, etwas Anderes im Sinne gehabt, als dass 
die Welt, die durch ihn erlöst werden sollte, deshalb Ur- 
sache zur Freude hätte? Und gibt er zu diesen Gleich- 
nissen nicht selbst den besten Commentar, da er den 
Jüngern sagt: »Ihr werdet weinen und heulen, aber die 
Welt wird sich freuen«? (Joh. 16, 20.) Ja, man muss sich 
wundern, wie ein Schriftkundiger den Leidenstagen des 
Herrn die »Freudentage« entgegenstellen mag, die derselbe 
mit seinen Jüngern verlebt habe, da Jesus doch selbst, und 
zwar nicht erst am Ende seiner irdischen Laufbahn, von 
sich gesagt hat: »Die Füchse haben Gruben, und die Vögel 
»unter dem Himmel haben Nester; aber des Menschen Sohn 
»hat nicht, da er sein Haupt hinlege« (Matth. 8, 20), und 


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E. Graf. 


da die Apostel von ihm bekennen mussten, er sei arm ge- 
worden um unsertwillen, damit wir durch seine Armuth 
»reich würden« (2. Cor. 8, 9). Oder stammt nicht auch der 
Ausspruch Jesu aus einer frühem Zeit, der Luc. 12, 49 u. 50 
berichtet wird: »Ich bin gekommen, dass ich ein Feuer 
»anzünde auf Erden, und was wollte ich lieber, denn es 
»brennete schon? Aber zuvor muss ich mich taufen lassen 
»mit einer Taufe; und wie ist mir so bange, bis sie voll- 
» endet wird!« 

Keim hebt ferner für die Unmöglichkeit früherer 
Todesgedanken den Umstand hervor, dass das Volk Jesu 
zufiel, und dass er selbst den Glauben bewun- 
derte, der ihm entgegenkam. Als wenn der Herr 
nicht in so vielen seiner Reden, namentlich auch im Gleich- 
niss von dem Säemann, vom Unkraut unter dem Weizen, 
vom grossen Abendmahl u. dgl. m. unzählige Male das klarste 
Bewusstsein davon beurkundet hätte, dass der Glaube, der 
ihm von dieser und jener Seite entgegen kam, den Unglau- 
ben und die Feindschaft vieler Andern neben sich haben 
werde, oder als wenn er nicht selbst am Kreuze noch den 
Glauben des einen Schächers gepriesen hätte! 

Und wie es endlich mit der Behauptung, dass Jesus 
anfänglich auf ganz Israel gehofft habe, bestellt 
ist, leuchtet sofort bei Ansicht der Stellen ein, die diess 
beweisen sollen. Zuerst wird Matth. 8, 10 genannt; da heisst 
es in Beziehung auf den Hauptmann von Kapernaum : »W ahr- 
lich, ich sage euch, solchen Glauben habe ich 
in Israel nicht gefunden!« Mit dem nämlichen Rechte, 
mit welchem aus diesem Ausspruche gefolgert werden soll, 
dass Jesus auf ganz Israel gehofft haben müsse (doch wohl, 
weil er hier vorausgesetzt habe, dass der Glaube eben recht 
eigentlich Israels Sache sei), mit dem nämlichen, ja mit 
noch viel grösserem Rechte könnten wir sagen : dieser Aus- 
spruch zeige ja ganz deutlich , dass Jesus gleich im Anfang 
erkannt habe, wie wenig eigentlich von Israel zu 
hoffen sei. Die zweite Belegstelle soll Matth. 10, 6 sein; 


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Der Todesgedanke Jesu. 


55 


»Gehet nicht auf der Heiden Strasse, sondern 
»gehet zu den verlornen Schafen aus dem Hause 
»Israel.« Abgesehen von allem Andern braucht man hier 
bloss auf Vers 14 und 15 zu verweisen: »Wo Jemand euch 
»nicht wird annehmen, noch eure Rede hören, so gehet 
»heraus Von demselbigen Hause oder Stadt und schüttelt 
»den Staub von euern Füssen. Wahrlich, ich sage euch, 
»dem Lande der Sodomer und Gomorrer wird es erträg- 
»licher ergehen am jüngsten Gericht, denn solcher Stadt!« 
Das klingt doch in der That nicht, wie Hoffnung auf das 
ganze Israel! — — Hiernach aber braucht über die dritte 
angebliche Beweisstelle Matth. 15, 24, wo Jesus zu dem 
cananäischen Weibe sagt: »Ich bin nicht gesandt, 
»denn nur zu den verlornen Schafen aus dem 
»Hause Israel«, auch nicht Ein Wort weiter verloren 
zu werden. Man wird hierbei unwillkürlich das Urtheil, 
das Keim über die Holsten’sche Kritik gefällt hat, gegen 
ihn selbst kehren müssen: »Einer solchen Kritik (oder 
»Exegese) ist Alles möglich; sengend und brennend geht 
»sie einher u. s. w.« Ja, zu diesem Urtheil sieht man sich 
noch mehr berechtigt, wenn man erwägt, wie Keim in dem 
vorliegenden Falle seine negative Beweisführung anstellt. 

»Das Evangelium Johannis, sagt er, beweist 
»Nichts, indem es den Leidens-, weil Todes- 
»gedanken, schon in den Anfang legt.« Diess ist 
doch ein Machtspruch, wie er willkürlicher nicht gedacht 
werden kann. Während der ganze Gehalt des vierten Evan- 
geliums das vollgültigste Zeugniss dafür ablegt, dass das- 
selbe nicht bloss von einem Augenzeugen und Apostel ver- 
fasst sein muss, sondern auch das Wesen Jesu viel tiefer 
und innerlicher erfasst hat, als irgend ein anderes, verwirft 
Keim das Zeugniss desselben einfach und kurzweg darum, 
weil es »seinem Vorurtheil im Wege steht« , nämlich dem, 
dass Jesus im Anfang weder Leidens- noch Todesgedanken 
gehabt haben könne. Nicht weniger gewaltthätig ist aber 
das weitere Urtheil; »die Nazarapredigt des Lucas 


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E. Graf. 


»sei ein künstelndes Programm.« Es kann mit die- 
ser »Nazarapredigt« nichts Anderes gemeint sein, als 
die Luc. 4, 16 — 30 enthaltene Geschichte, dass Jesus gleich 
im Anfang seiner öffentlichen Wirksamkeit in der Synagoge 
zu Nazareth die Weissagung des Propheten Jesaja : »Der 
»Geist des Herrn ist bei mir u. s. w.« auslegte, und dass 
ihn die Bewohner seiner Vaterstadt schliesslich deswegen 
von dem Felsen herabstürzen wollten. Diese Erzählung will 
sich allerdings mit der Keim’schen These gar nicht wohl ver- 
tragen — darum wird sie ohne Weiteres für ein »künstelndes 
Programm« — soll doch heissen: »unhistorisch«? — 
erklärt. Aber billig muss man fragen: mit welchem Rechte? 
Dass Jesus in der Synagoge seiner Heimatsstadt einen Vor- 
trag hielt, dass er denselben an die altprophetische Stelle, 
die gerade an diesem Tage zum Vorlesen. kam, anknüpfte, 
und dass er sich durch die Zweifel seiner Landsleute zu 
dem Ausspruch veranlasst sah : »Kein Prophet ist angenehm 
»in seinem Vaterlaiule« (»Ein Prophet gilt nirgends weniger 
»denn in seinem Vaterlande«) — diess Alles erscheint doch 
nicht bloss an sich so natürlich, ungekünstelt und unver- 
fänglich, sondern ist auch durch Matthäus (13) und Mar- 
cus (6) so deutlich bestätigt, dass jenes Keim’sche Urtheil 
schon deshalb als eine Willkür erscheint. Ausserdem ist 
aber auch die bei Lucas allein stehende Nachricht, dass 
die Bewohner Nazareths Jesum vom Felsen herabstürzen 
wollten, so eigenthümlich und den localen Verhältnissen so 
angemessen, dass man darin einen ächt historischen Zug 
anerkennen muss. Denn anderwärts waren ja die Juden 
immer mit dem »Steinigen« bei der Hand; in Nazareth 
aber brachte es die Lage des Städtchens mit sich, dass sie 
dafür das »Hinabstürzen« versuchten. Einer Erdichtung 
sieht das nicht ähnlich! 

Und wenn endlich von den Seligpreisungen in 
der Bergpredigt gesagt wird, dass sie, wie jetzt Jedermann 
sehe, in eine vorgerücktere Zeit gehörten: so ist das wohl 
leicht behauptet, aber schwerlich bewiesen. Es lässt sich 


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Der Todesgedanke Jesu. 


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nicht bloss für die geschichtliche Wahrheit der Bergpredigt 
im Ganzen, sondern auch für die Richtigkeit derjenigen 
Stellen insbesondere, welche von Versuchung und Leiden 
handeln, sehr Entscheidendes anführen. Bei einer Verglei- 
chung der synoptischen Darstellungen mit denen des vier- 
ten Evangeliums ergibt sieh allerdings die Abweichung, 
dass das letztere von einem anfänglichen Aufenthalte Jesu 
in Judäa berichtet, den Matthäus und die andern Synop- 
tiker nicht ausdrücklich erwähnen. Diess erklärt sich aber 
ganz einfach daraus, dass Matthäus in jener Zeit noch 
nicht zu dem Apostelkreise gehörte. Indess setzen die 
Synoptiker doch in voller Uebereinstimraung mit Johannes 
jenen Aufenthalt in Judäa voraus, was durch das vniötpefpe 
(rediit) des Lucas ( 4 , 1 ) und von Matthäus und Marcus 
durch die Bemerkung: »da Jesus hörte, dass Johannes über- 
antwortet war, zog er »nach Galiläa« ausser allen Zweifel 
gestellt wird. Denn wenn Jesus »nach Galiläa zog«, so 
musste er bis dahin in Judäa gewesen sein und sich dort 
nach der Gefangennehmung des Täufers nur nicht mehr so 
sicher gefühlt haben, wie er in dem von pharisäischen Ein- 
flüssen weniger abhängigen Galiläa allerdings sein konnte. 
Wenn wir nun aber weiter bedenken, dass Matth. 4, 23 — 25 
bloss summarisch berichtet wird: »Jesus giug umher 
»im ganzen galiläischen Lande, lehrte in ihren Schulen 
»und predigte das Evangelium vom Reich und heilte allerlei 
»Seuchen und Krankheiten im Volk, und sein Gerücht er- 
»scholl in das ganze Syrienland, und sie brachten zu ihm 
»allerlei Kranke, und es folgte ihm viel Volk nach aus 
»Galiläa, aus den zehn Städten, von Jerusalem, aus dem 
»jüdischen Lande und von jenseits des Jordan«, — so müs- 
sen wir doch anerkennen, dass hiernach ein recht ausführ- 
licher Lehrvortrag, wie ihn die sogenannte Bergpredigt 
enthält, hinlänglich motivirt ist. Denn was kann natürlicher 
und nothwendiger erscheinen, als dass der Herr, nachdem 
er durch seine Heilungswunder u. dgl. m. die allgemeine 
Aufmerksamkeit gewonnen hatte , diese Aufmerksamkeit 


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E. Graf. 


benutzte, um die Menschen nunmehr mit den Grundsätzen 
seiner Religion genauer bekannt zu machen? — was über- 
diess auch durch den, wenn gleich kurzem Bericht des 
Lucas (6, 20 ff.) bezeugt wird. Nehmen wir nun dazu , was 
Matthäus (4, 12) und Mar.cus (1, 14) von der Gefangen- 
nehmung des Täufers berichten (vgl. Joh. 4, 1), und ver- 
gleichen wir diess mit der Erzählung des Lucas von dem 
Aufenthalte Jesu in Nazareth (4, 16 — 30), nämlich wie die 
Einwohner dieser Stadt ihn hinausstiessen , um ihn vom 
Berge herabzustürzen, so werden wir auch begreiflich, ja 
nothwendig finden, dass Jesus schon hier, also noch im 
Anfang seiner Wirksamkeit, von den Leidens- ja Todes- 
gedanken bewegt sein musste, die in einigen Stellen der 
Bergpredigt unverkennbar durchklingen. Selbst für die- 
jenigen, welche nur das, was sie »historisch begreiflich* 
finden , wollen gelten lassen , wird diese Berufung auf den 
historischen Zusammenhang als eine nicht ganz unebene 
Rechtfertigung dafür erscheinen müssen , dass die Berg- 
predigt an den Anfang der öffentlichen Wirksamkeit Jesu 
gestellt wird. Somit aber wird die Keim sehe Behauptung, 
dass jene auf Verfolgung und Leiden bezüglichen Stellen 
in eine vorgerücktere Zeit zu setzen seien, als hinfällig 
betrachtet werden müssen, wie überhaupt die ganze These : 
*Im Anfang kein Leiden und Tod, später aber Beides!« 

Zwar sucht Keim diese These, wie schon oben er- 
wähnt wurde, auch noch dadurch plausibel zu machen, dass 
er erinnert: Jesus habe, als der Widerstand gegen ihn all- 
mälig anwuchs, durch diese dunkeln Thatsachen enttäuscht 
und wehmüthig gestimmt, an dem Tode des Täufers sein 
Schicksal des Leidens und Sterbens erschreckend geahnt, 
und der acute innere Schmerz, der ihn beim Antritt seines 
Leidens ergriffen habe, sei das lauteste Zeugniss für die 
Neuheit dieses Todesgedankens. Allein auch diese Beweis- 
führung ist nichts weniger als stichhaltig. Kann man doch 
täglich beobachten, dass Menschen, die ein schmerzliches 
Ereigniss, z. B. den Tod eines geliebten Menschen, lange 


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Der Todesgedanke Jesu. 


59 


vorausgesehen haben, ja mit aller Bestimmtheit erwarten 
mussten, doch in dem Augenblicke, da das längst Befürchtete 
endlich sich verwirklicht, auf das Tiefste erschüttert werden. 
Auf diese Weise erklärt sich’s aber auch., warum Jesus in 
der Scene mit Petrus bei Cäsarea Philippi (Matth. 16, 21) 
sich so tief erregt zeigt. Keim tadelt zwar an Holsten, 
dass dieser die heftige Zurückweisung des Jüngers (mit dem 
Zurufe: »Satan!«) eine grelle, in der geschichtlichen Lage 
nicht begründete Unnatur- genannt hat, und bemerkt ganz 
richtig: »ein unverdorbenes Auge sieht hier die volle frische 
»Farbe des Lebens, weshalb denn auch diese Geschichte 
»bisher der Leugnung nie verfallen konnte.« Doch erscheint 
es eben deswegen auch gewaltthätig , dass Keim die Herb- 
heit in Jesu Gegenrede von seiner vorgefassten Meinung aus 
mit den Worten erklären will: »Weil der Einwand des 
»Petrus bei allem Gemiithston principiell war, durch den 
»Gemütbston selbst aber verführerisch und dem jungen Ent- 
»schluss bedrohlich bis ans Leben, so musste Jesus den- 
»selben mit diesem gewaltsam zusammengehaltenen Herois- 
»mus, mit diesem leidenschaftlich gestachelten »Satan!« ihn 
»heimschlagen.« Denn es wäre doch in der That, wenn 
die Schärfe, die in jener Gegenrede liegt, einer Entschul- 
digung bedürfte, der Würde Jesu angemessener, so wie dem 
innern Zusammenhang der ganzen Erzählung entsprechender, 
dass man an den scharfen Gegensatz erinnerte , in welchem 
das V. 16 angeführte Bekenntniss des Petrus: »Du bist 
»Christus, der Sohn der lebendigen Gottes etc.« zu der Ab- 
wehr steht, die er mit den Worten: »Herr, schone deiner 
»selbst etc.!« versucht hat. Je mehr sich nämlich Jesus 
über jenes Bekenntniss gefreut hatte, so dass er ausrief: 
»Selig bist du, Simon, Jona’s Sohn u. 8. w.« desto unange- 
nehmer und, wenn man will, überraschender musste ihm 
die gleich darauf gemachte Wahrnehmung sein, dass der 
nämliche Petrus doch noch gar kein tieferes Verständniss 
für den Plan der Welterlösung hatte. Begegnen wir doch 
auch gerade in jener letzten Zeit mehrfach solchen scharf 


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E.- Graf. 


tadelnden Worten, z. B. Matth. 15, 16: »Seid Ihr denn auch 
»noch unverständig?« oder 16, 8: »Ihr Kleingläubigen, was 
»bekümmert Ihr Euch, dass Ihr nicht habt Brod mit Euch 
»genommen? Vernehmet Ihr noch Nichts?« u s. w. 

Eben so wenig erscheint aber auch die Behauptung 
gerechtfertigt: »dass erst der wachsende Wider- 
»stand und das blutige Ende desTäufers Jesum 
»enttäuscht und erschreckt habe.« Wenn Jesus zu den 
Jüngern spricht: »Es muss Alles vollendet werden, was 
»geschrieben steht von des Menschen Sohn etc.«, so 
klingt das wahrlich nicht, wie wenn er sich plötzlich und 
mit Schrecken »enttäuscht« gesehen hätte. Und wenn er 
nach der Auferstehung die Jünger tadelt mit den Worten: 
»0 ihr Thoren und träges Herzens, zu glauben alle 
»dem, das die Propheten gesagt haben! Musste nicht 
»Christus Solches leiden etc.?« so wäre diess bei der An- 
nahme, dass er selber im Anfänge eben so wenig wie die 
Jünger an Leiden und Tod gedacht habe, doch nicht anders 
zu erklären, als dass er sich bis zum letzten Augenblicke 
gegen die Jünger verstellt und sich diesen, seinen vertrau- 
testen Freunden, gegenüber ein grösseres und besseres An- 
sehen zu geben gesucht habe, als er mit Recht beanspruchen 
durfte. Ja, man müsste wohl sagen: Wie viel Unverschämt- 
heit und Gleissnerei hätte dazu gehört, wenn er die Seinigen 
so scharf wegen eines Irrthums getadelt hätte, in welchem 
er doch eben so wohl, wie sie, befangen gewesen wäre! 
Kurz, es muss zu den allerfatalsten Consequenzen fuhren, 
wenn man über dem Streben, Alles im Leben Jesu durch 
eine sogenannte geschichtliche Entwicklung begreiflich zu 
machen , ihm auch eine anfängliche Unkenntniss seines end- 
lichen Schicksals zuschreiben will ; und man lasse sich daher 
ja nicht durch allerlei blendende Redensarten verhindern, 
jene Consequenzen scharf ins Auge zu fassen. 

Ausserdem ist aber auch zu bedenken, in welchem 
Lichte bei jener Auffassung die Evangelisten erscheinen 
müssen. 


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Der Todesgedanlft Jesu. 


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Angenommen nämlich, Jesus habe sich im Anfang durch 
den Zulauf des Volkes in die trügerische Einbildung ein- 
wiegen lassen, dass es ihm besser ergehen werde, als den 
Propheten (vgl. Matth. 23, 37: Jerusalem, die du tödtest die 
Propheten und steinigest die zu dir gesandt sind), und er 
sei erst später durch das Ende Johannis des Täufers »ent- 
täuscht« worden, so müsste man doch fragen: Wie kamen 
nun doch die Evangelisten dazu, dass sie in ihren Darstel- 
lungen von Anfang an dessenungeachtet den Leidens- und 
Todesgedanken bei Jesu bervortreten lassen und nur den 
Jüngern, also — was wenigstens für Matthäus und Johannes 
gilt — sich selbst nachsagen, dass sie unfähig gewesen wären, 
diesen Gedanken zu fassen, und dass sie sich deshalb die 
schärfsten Verweise Jesu zugezogen hätten? Wenn man 
annehmen wollte, sie hätten, um Jesum zu verherrlichen, 
ihm diese und jene Aussprüche untergeschoben, so müsste 
man zu gleicher Zeit annehmen , dass sie um dieses Zweckes 
willen die Jünger Unverdientermassen herabgesetzt hätten. 
So unwahrscheinlich nun das Letztere ist, so würde auch 
das Eine, wie das Andere, eine »teleologische Reflexion 
»vom Standpunkte der erlebten Thatsachen und des fort- 
»geschrittenen religiösen Bewusstseins«, d. h. am Ende doch 
nichts Anderes als eine pia fraus zu nennen sein; und Alles 
gar, was aus früherer Zeit, von den Weissagungen Simeons 
an, als mehr oder weniger bestimmte Hindeutung auf die 
Leiden und den Tod des Erlösers vorkäme, müsste als ein 
betrügerisches vaticinium post eventum betrachtet werden. 
Keim hat zwar dieses Urtheil, wenigstens implicite, bloss 
über die bezüglichen Stellen des vierten Evangeliums gefällt ; 
aber es träfe dasselbe Urtheil auch alle die vielen Stellen 
der Synoptiker, in welchen der Todesgedanke früher, als 
bei dem letzten Gange nach Jerusalem hervortritt; und 
diess hiesse doch in Wahrheit nichts Anderes, als dass es 
um unser Vertraueu auf die historische Treue und Glaub- 
würdigkeit der sämmtlichen Evangelisten für immer gethan 
sein müsste. 


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62 


E. Graf. Pli* Todesgedanke Jesu. 


Sollte man nun um diesen Preis die These : »Im Anfang 
»kein Leidens- und Todesgedanke, später aber Beides!« 
anzunehmen sich bewogen finden? Eben so gut wenigstens 
müsste man sich auch mit der Holste naschen Ansicht 
befreunden können; — und was gegen diese von Dr. Keim 
geltend gemacht wird, spricht zum allergrössten Theile auch 
gegen ihn selbst. Wer Jesum nicht zu einem Schwärmer 
oder Heuchler stempeln- und die Evangelisten nicht als ver- 
logene Tendenzschriftsteller brandmarken will, der wird 
nach der ganzen Darstellung der Evangelien vielmehr die 
These festhalten müssen: 

Mit den Worten: »Musste nicht Christus Sol- 
»ches leiden und zu seiner Herrlichkeit ein- 
»gehen?« ist der Grundgedanke ausgesprochen, 
welcher Jesum von Anfang an erfüllt und ge- 
leitet hat. 

Dadurch aber ist allerdings die von Keim hervor- 
gehobene Wahrheit gar nicht ausgeschlossen, dass in Jesu 
die Todes- und Lebensgedanken mit einander kämpften, 
und dass insofern sein Selbstbewusstsein der ringenden 
Gegensätze — nur nicht, wie Keim hinzusetzt, der »Wider- 
sprüche«! — nicht entbehrte. Denn als wahrer Mensch 
konnte und durfte er sich allerdings des natürlichen Grauens 
vor dem Todleiden nicht entschlagen ; aber als Gottessohn 
musste er auch diese innerlich überwinden, um den Seinen 
das Gebot geben zu können: Will mir Jemand nachfolgen, 
der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich 
und folge mir! — 


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III. 


Beiträge zum bessern Verständniss 
der »Ascensio Moysis«. 

Von 

Dr. Jö. Jjcibcnljchn in Zürich. 


I. Einleitende Bemerkungen. 

Nachdem uns bereits verschiedene eingehende Arbeiten 
über das von Dr. Ceriani veröffentlichte Fragment der 
Ascensio Moysis vorliegen, dürfte es vielleicht überflüssig 
erscheinen, wenn dieser Gegenstand hier nochmals erörtert 
werden soll. 

In der folgenden Abhandlung sollen aber nur solche 
Punkte eingehend besprochen werden, welche bis jetzt noch 
nicht befriedigend gelöst wurden. Kaum können wir uns 
mit einigen gemachten Textconjecturen befriedigen, wenn 
diese nicht dazu beitragen, den Sinn der Schrift uns voll- 
kommqp klar zu machen. Mit anerkennenswerthem Eifer 
haben sich zwar Hilgenfeld, Volkmar, Schmidt und Merx 
diesem Werke unterzogen ; aber alle diese Arbeiten lassen 
noch Manches zu wünschen übrig. Schriften wie die in 
Rede stehenden können ohne genaue Vergleichung mit der 
altjüdischen Schriftauslegung nicht genügend verwerthet 
werden, da sie ihren Ursprung in den Midraschen haben. 
Ja manche der bis jetzt noch ungelösten sehr wichtigen 
Fragen würden viel befriedigender gelöst werden , wenn die 
alten Quellen zu Rathe gezogen würden. Unsere neu- 
testamentliche Exegese würde bei einem solchen Verfahren 
reichlichen Nutzen ziehen. Denn bis jetzt sind wichtige 
Stellen im Neuen Testamente den Auslegern ein wahres 


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M. Heidenheim. 


Räthsel, und unsere Commentatoren sind nicht iu der Lage, 
diese hinlänglich zu beleuchten. Ob es uns gelungen ist, 
hier Neues darzubieten, müssen wir dem Urtheile unpar- 
teiischer Gelehrter überlassen. Ein Versuch, ein solches 
Texträthsel zu lösen, wird in dem Folgenden dargeboten. 
Hauptsächlich werden a£er in der nachstehenden Abhand- 
lung zur »Ascensio Moysis« folgende Punkte erörtert werden : 

1. Ueber das Abhandenkommen jüdischer Apokryphen 
und Pseudoapokryphen in den Originalschriften. 

2. Ueber das Citat im Judasbriefe. 

3. Erklärung schwieriger Stellen in der Ascensio Moysis. 

Wie kommt es, dass uns keine apokryphische Schrift 

in der Originalsprache erhalten blieb? Warum man den 
Apokryphen so abhold war, dass man nur Einzelnes aus 
ihnen der Vergessenheit zu entziehen bemüht war, ist eine 
nicht leicht zu beantwortende Frage. 

Kaum lässt sich ein Grund dafür in der Thatsache 
finden, dass diese Bücher nicht in der palestinensischen 
Sprache geschrieben wurden, da es sich ja vom ersten 
Makkabäerbuche ganz deutlich nachweisen lässt, dass es in 
der aramäischen Sprache geschrieben war! 

Schon der Name , mit dem die apokryphischen Schriften 
in der jüdischen Literatur bezeichnet werden, beweist, wie 
wenig Werth auf dieselben gelegt wurde. Weil diese JUicher 
nicht in den Canon aufgenommen wurden, werden sie als 
□MllST! »äussere Bücher«, d. h. solche, welche ausser- 
halb des Canons stehen, bezeichnet, da man ja, wie das 
noch in nicht wenigen hebräischen Bibelhandschriften zu 
lesen ist, die heilige Schrift geradezu »Tempel« nannte. 
Die Apokryphen standen also ausserhalb des Heiligthums! 
Erst spät werden andere Schriften ETD^n CT1SD »innere 
Schriften«, genannt, was sich aber wohl auf kabalistische 
Werke bezogen haben mag, wie das aus dem Citate aus dem 
Sefer Hamanhig bei Duckes ersichtbar ist! 

Das mit unserm Worte Apokryphon gleichbedeutende 
ist DTDJ, weil Bücher, deren Lektüre nicht anempfohlen 


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Einleitende Bemerkungen. 


65 


werden konnten, verborgen wurden. Wir begegnen zwar 
diesem Worte auch gerade da, wo es sich darum handelt, 
ein als kanonisch geltendes Buch unter die Klasse der 
Apokryphen zu versetzen. So wollten z. B. die Weisen das 
Buch Hesekiel seines mysteriösen Inhaltes halber apokry- 
phiren (Tl6). 

Das Ansehen der Apokryphen sank so sehr, dass man 
sie zuweilen mit griechischen Autoren in gleiche Reihe 
stellte, indem die letzteren ebenfalls »äussere Bücher« ge- 
nannt werden. Von einem Verbrennen Ersterer ist zwar nir- 
gends die Rede, während ja Resch Lakish meinte, es gebühre 
dem Homer verbrannt zu werden.*) Einzelne dachten aber 
wiederum anders, denn man erlaubte auch griechische Au- 
toren in oberflächlicher Weise, wie einen Brief, zu lesen. 
Apokryphische Schriften, die besonders unter diese Klasse 
gestellt werden , sind die Bücher Sirach’s , Ben Laana’s und 
Ben Tigla’s. »Wer mehr als die 24 BB. ins Haus bringt, 
wie z. B. die BB. Sirach und Ben Tiglah, bringt Verwirrung 
in seine Wohnung, wird geradezu gelehrt**). Mit diesem 
Ausspruche stehen freilich die Sirachscitate , denen wir im 
Talmud und den Midraschen begegnen, im Widerspruche. 
Wohl dürfen wir aber den Schluss ziehen, dass in Bezug 
auf Benützung apokryphißcher Schriften die Ansichten diffe- 
rirten. Strenge Pharisäer haben wohl ihr Bestes gethan, 
jedes nicht kanonische Buch anzuschwärzen, und vielleicht 
aus dem Grunde, weil die traditionellen Gesetze oft auf 
einem Satz der kanonischen Schriften beruhen, und man 
das feiugesponnene Gesetzgewebe in Gefahr glauben musste, 
wenn andere Aussprüche in apokryphischeti Schriften wider- 
sprächen. Aber auch die Sprache, in welcher die nicht kano- 
nischen BB. abgefasst waren, konnte leicht dieselben in ein 
unvorteilhaftes Licht stellen. So will ja z. B. Nachmanides 
das Buch der »Weisheit Salomos« in chaldäischer Sprache 

*) 8. Dockes, Rabbinische Blumenlese S. 85. 

**) Midrasch Koheleth. 

VierteljAhr»*chrift. IV. 1. 5 


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M. Heidenheim. 


gesehen haben. Assariah de Rossi ist nun der Ansicht, 
dieses Buch sei wirklich ein Werk Salomos, das er darum 
chaldäisch verfasst habe, um es irgend einem orientalischen 
Könige zuzusenden. Esra habe aber ihm die Aufnahme in 
den Canon versagt, weil es nicht in hebräischer Sprache 
geschrieben gewesen sei.*) Um aber diese kühne Hypo- 
these irgend plausibel zu machen , müsste man wohl sich 
hinzudenken, dieses Buch sei mit der hebräischen Schrift 
geschrieben gewesen, denn diese wird bekanntlich als nicht- 
heilige betrachtet, sie verunreinigt nicht die Hände. Denn 
wäre dem so, dass chaldäischen Schriften die Aufnahme in 
den Canon verweigert worden wäre, wie stimmte dieses dann 
zu den chaldäischen Theilen des Esras und Daniels , die ja 
als heilig erklärt werden und die Hände verunreinigen !**) 

Wurden nun diese apokryphischen Spruchbücher in 
Vergessenheit zu bringen gesucht, und kann man dafür sich 
wohl Gründe erdenken, so ist es schwieriger über das Ab- 
handenkommen der historischen Apokryphen Rechenschaft 
zu geben. Sie werden in den altjüdischen Schriften ge- 
radezu ignorirt. 

Fragmente aus den Makkabäerbüchern erhielten sich 
zwar in den Midraschim, jedoch ging das ganze Werk der 
jüdischen Literatur verloren, da sich kein aramäischer Text 
dieses Buches erhalten hat. Es finden sich noch eine ziem- 
liche Anzahl von Fragmenten aus den übrigen historischen 
BB. der Apokryphen in den verschiedenen Midraschen zer- 
streut, und einige derselben wurden später überarbeitet, wie 
sich das aus dem Bruchstücke des Buches Tobith zeigt. 

Anders ging es freilich mit den Pseudapokryphen. Bruch- 
stücke daraus sind uns in ziemlicher Anzahl erhalten ge- 
blieben, und besonders hat ihnen das Buch Sohar eine Zu- 
fluchtsstätte gewährt. In jenem Buche finden wir Fragmente 
des Henochs, des Adam-Buches, des Buches Aschmedai’s u. A. 


*) S. De Rossi Meor En&im Cap. 67 . 

**) S. Mischna Jadajim Cap. IV, 5. 

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Einleitende Bemerkungen. 


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Von einem Mosesbuche finden wir dort keine Spur, 
und die ältesten Nachrichten, die wir von dem »Abscheiden 
Moses 7 « in jüdischen Schriften finden, sind folgende: 

1) In dem Buche Sifri. 

2) Im Debarim Rabbah, den Zunz (s. dessen Gottesdienst- 
liche Vorträge der Juden S. 252 u. ff.) ins 9. Jahrh. 
setzt. 

3) In einem im Jalkut aufbewahrten »Midrasch Petirathx 
Mosche«. 

4) Im »Midrasch Petirath Mosche« , der nur eine Ueber- 
arbeitung des im Jalkut aufbewahrten Fragmentes ist. 

5) Im »Dibre Hajamim schel Moscheh«, welches Ibn Esrah 
in seinem Commentar zu Exod. 2, 22 mit der Bemerkung 
anführt, dass es nur Sagen seien. Dasselbe Urtheil 
wird daselbst über das Serubabelbuch , und über das 
Buch Eldad Hadani gefällt*) 

6) In den in karaitischen Handschriften enthaltenen Sagen 
über das Abscheiden Moses', die dem Tanchuma und 
der jüdischen Liturgie**) entnommen sind. 

Von einer »Himmelfahrt Moses’« ist in den jüdischen 
Schriften keine Rede, aber Einige sind der Meinung, Moses 
sei nicht gestorben. So heisst es Sifri Piska 357 HO tTI 
rvvüb rrm tow to. Manche sagen: »Moses ist 
nicht gestorben, sondern er steht und dient Oben!« 

Nur von einem verklärten Leibe Moses’ ist die Rede. 
Wie Moses und Elias nach den Evangelien ***) mit Christus 
Zusammentreffen, so berichtet uns auch der folgende Midrasch 
von einem Wiedererscheinen Moses’. »Als der Tempel zer- 

*) S. Jellinek Beth. Hamidrasch I. S. 115— 119 Frühere Ausgaben 
dieses Büchleins sind: Constantinopel 1526, Venedig 1544, Paris 1629 
und Amsterdam 1735. Eine lateinische Uebersetzung dieses Werkchens 
mit dem Dibre Hajamim schel Mosche wurde von Gilbert Gaulmyn 
herausgegeben, und wiederum von Gfrörer in seinen »Prophetae Vcteris 
Pseudepigraphi«* Stuttg. 1840 p. 306 - 362 abgedruckt. 

**) Neubauer. Aus der Petersburger Biblioth. S. 60—64. 

***) Matth. 17, 3. Mark. 9, 4. Luk. 9, 30. 

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M. Heidenheim. 


stört war, erhielt Jeremias den Auftrag, Abraham, Isak, 
Jakob und Moses aus ihren Gräbern zu rufen. Da stellte 
er sich an das Ufer des Jordans und rief: Sohn Amrams, 
Sohn Amrams, stehe auf, stehe auf, denn herangenaht ist 
die Zeit, dass Du vor Gott verlangt wirst. Da sprach 
Moses: »Warum heute mehr als sonst?« Jeremias sprach: 

»ich weiss es nicht« u. s. w »Herr der Welt, sagte 

Moses, war ich nicht vierzig Jahre lang den Israeliten 
ein treuer Hirte, bin ich nicht wie ein Pferd ihnen in der 
Wüste vorangelaufen, und als die Zeit herannahte, dass sie 
in das Land einziehen sollten, da erging über mich das 
Verhängniss, dass meine Gebeine in der Wüste fallen 
sollten , und jetzt, da sie vertrieben sind , schickst Du nach 
mir sie zu betrauern und zu beweinen. Das ist das Gleich- 
niss, dass die Menschenkinder reden: Das Gute seines 
Herrn geniesst er nicht, aber an seinem Unglücke muss er 
theilnehmen.« Da sprach Moses zu Jeremias : »Gehe vor mir 
her, dass ich hingehe und sie (die Israeliten) zurückbringe 
und sehe, wer Hand an sie lege«; Jeremias aber sprach: 
» Du kannst der Erschlagenen halber nicht den Weg be- 
treten« (d. h. du mit deinem geheiligten, verklärten 
Leibe würdest dich verunreinigen, wenn du die Leich- 
name berührtest!) »Aber ich will dennoch gehen« antwor- 
tete Moses! Darauf gingen Moses und Jeremias, bis sie an 
die Ströme Babylons gelangten. Als sie (die Israeliten) Moses 
wahrnahmen, da sprach einer zum andern : Siehe der Sohn 
Amrams kömmt, uns aus unserer Noth zu befreien! Aber 
eine Stimme liess sich hören, sprechend: »Von mir ist das 
Verhängniss ausgegangen!« Darauf sagte Moses: »Meine 
Kinder, wie ist es nun möglich euch zurückzubringen, da 
das Verhängniss beschlossen ist, aber Gott wird euch 
zurückbringen und Buhe verschaffen.« 

Fragen wir jedoch nach den Hauptdifferenzen, die sich 
zwischen den in jüdischen Schriften erhaltenen. Nachrichten 


*) S. Echa Rabba, Ed Amsterd. p. 40 a u< b. 


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Einleitende Bemerkungen. 69 

über das Abscheiden Moses’ und der in dem Buche der As- 
sumtio Moysis finden, so sind es hauptsächlich folgende: 

In den Midraschen wird von Moses nicht gesagt, dass 
er noch eigentliche Weissagungen vor seinem Ende hinter- 
lassen habe, sondern nur sein Tod geschildert. Während 
in der Assumtio Moysis Josua Alles von seinem Herrn er- 
bittet, so finden wir in den Midraschen gerade das Gegen- 
theil berichtet. 

Unser Verfasser lässt Josua weinen und seine Kleider 
zerreissen, nach dem Midrasch that dieses Moses. Der 
Midrasch Tanchumah (vgl. Jalkut Cap. 821 ) lässt Gott 
dem Moses mittheilen, die Zeit sei nunmehr da, dass Josua 
seine Stelle übernehmen werde, worauf Moses betet: »Herr 
der Welt, wenn ich Josua’s halber sterben muss, so will ich 
dessen Diener sein.« Gott gibt diesem Wunsche nach, 
worauf Moses in’s Zelt Josua’s geht, sich ihm unkenntlich 
macht, und sich zu seinen Füssen setzt. Als die Israeliten 
nachher in das Zelt Mose’s gehen, ihn dort nicht finden, 
und ihn sodann zu Josua’s Füssen sitzend wiedererkennen, 
überhäufen sie Josua mit Vorwürfen, weil sie ihn statt 
Moses auf dem lUchterstuhle finden! Josua, der dann 
seinen Lehrer erkennt, zerreisst seine Kleider und ruft 
weinend: »Mein Lehrer, mein Herr!« Du hast uns ja die 
Torah gelehrt, reden die Israeliten Moses an, der darauf 
antwortet, er habe picht länger zum Lehren Erlaubniss, 
worauf er sich zur Rechten, und Eleaser sich zur Linken 
Josua’s setzt. Josua lehrt, aber Moses kann den Vortrag 
nicht länger verstehen u. s. w. 

Fragen wir nach dem Geiste des Buches, so ist es 
nicht schwer darin den des Pharisäismus wieder zu er- 
kennen. Darüber einen Beweis zu fuhren ist unnöthig, da 
in den Erklärungen zum Texte dieses klar # bewiesen ist. 

. Was nun die Originalsprache der Ascensio Moysis betrifft, 
so ist es nicht zu verkennen, dass diese ursprünglich, wenn 
nicht die rein hebräische Sprache, so doch die palästinen- 
sische war. Zwar ist unser lateinischer Text aus einer grie- 


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M. Heidenheim. 


chischen Uebersetzung bearbeitet; allein die griechischen 
Wörter, denen wir in unserm Texte begegnen, zeugen 
geradezu für die Thatsache, dass die Originalschrift im 
palästinensischen Dialecte abgefasst war, da wir ja in diqßer 
Mischsprache entstellte lateinische und griechische Wörter 
antreffen. Wäre dem nicht so, dann würde man der Frage 
nicht ausweichen können , wie dem lateinischen Uebersetzer 
Worte wie SXtyis p. 56, äXXoqwXoi p. 57 u. a. unverständ- 
lich sein konnten. Hätte er sie in rein griechischer Sprache 
vorgefunden, so wären sie ihm nicht unverständlich gewe- 
sen; allein clibsis = SA ujns , allofili = aXXo<pvXoi und 
scene = öKrfvtf waren dem griechischen Uebersetzer unver- 
ständlich. weswegen er sie unübersetzt liess. 

Desgleichen vermochte er es nicht, Worte wie zabulus 
p. 60, chedria p. 56, scena p. 56, cornua p. 62 u. a. zu 
übersetzen, Und* er latinisirte darum dieselben, ohne selbst 
deren Sinn zu errathen. 

II. Heber das Citat Im Judasbriefe. 

Origenes*) schon sagte ja, der Bericht des Judas, wonach 
der Erzengel Michael mit dem Teufel über den Leib Mose’s 
gezankt habe, stehe in dem Buche der ascensio Moysis. 

Aus dieser Nachricht ist Folgendes evident: 1) dass 
Origenes ein Büchlein, welches über die letzten Lebens- 
umstände Moses Nachrichten enthielt, gekannt hat, und 
2) dass in diesem Schriftchen, das über die Scene des Erz- 
engels mit dem Teufel handelt, dasselbe berichtet wird, 
was sich darüber im Briefe Judä findet. Steht nun dieses 
auch fest, so ist Folgendes in Frage gestellt: Wie konnte 
Origenes behaupten, die angeführten Notizen seien vom 
Verfasser des genannten Briefes aus dem Büchlein der 
Ascensio Moysis aufgenommen worden? Angenommen nun, 


*) De princ. III. 2. Die übrigen Citate aus den Kirchenvätern, in 
denen der Ascensio Moysis erwähnt wird, hat schon Fabricius Cod. 
Pseudepigraphus V. T. Vol. I. p. 842 u, ff. zusammengestellt. 


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Ueber das Citat im Judasbriefe. 


71 


der gedachte Kirchenvater sei mit der jüdischen Literatur 
zu seiner Zeit sehr vertraut gewesen , er hätte gewusst, dass 
in damals vorhandenen jüdischen Schriften sich keine Spur 
von einer solchen Nachricht fände, würde das zur Annahme 
berechtigen, diese Notiz müsse aus der gedachten Schrift 
geflossen sein? Aus dem Berichte Origenes ist aber zu 
ersehen, dass er nur solche jüdische Schriften kannte, welche 
ihm in griechischer Sprache Vorlagen, und somit musste 
er nothwendig zu seinem Schlüsse kommen, 
Judas habe aus der Ascensio Moysis citirt. 

Wer aber mit der Geschichte des jüdischen Schrift- 
thums bekannt ist, weiss, wie es mit diesen Dingen aus- 
sieht. Lange wurden Sagen und Auslegungen traditionell 
fortgepflanzt, und erst später, als man es für gut fand, die 
mündlich fortgepflanzte Lehre durch Aufzeichnung zu er- 
halten, wurden diese niedergeschrieben. Es ist auch eine 
von Allen anerkannte Thatsache, dass das älteste Schrift- 
werk der jüdischen Tradition kein so hohes Alter, als irgend 
ein Stück des N. T’s. beanspruchen kann. Dennoch würde 
es Niemand einfallen , die eine oder die andere Epistel 
erst nach dem Ta!;:iude sich entstanden zu denken, weil 
hie und da dieselben Ansichten und Erklärungen eingereiht 
sind, wie wir sie viel ausgeprägter im Talmude fiuden. 

Es wird aber wohl gut sein, das Gesagte an einem 
Beispiele anschaulicher zu machen. Zu den Stellen, welche 
Tboluk*) zu den hermeneutischen Räthseln im Hebräer- 
briefe zählt, gehört Ps. 102, 26, und die erste Schwierigkeit, 
die sich sowohl in der Uebersetzung der LXX, sowie im 
Hebräerbrief 1, 10, wo diese Uebersetzung mit einigen Ab- 
weichungen eingerückt ist, findet, besteht in Folgendem : Statt 
Kar äpx*** steht im hebräischen Texte U'lSh d.h. »vormals«, 
»früher«, was aber die LXX nicht wie Bleek**) glaubt 
in Beziehung auf das iTttWO *im Anfänge« Genes. 1, 1. 


*) Tholuk, das Alte Testament im Neuen. Gotha 1868 S. 52. 

**) Bleek, der Brief an die Hebräer, B. II. S. 572. 


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M. Heidenheim. 


gesetzt ist, sondern aus einem ganz andern Grunde. Eine 
ähnliche Uebersetzung findet sich auch im Targum, das die 
Stelle durch Ul KTFtP p »von Anfang, als alle Geschöpfe 
erschaffen • wurden, hast du die Erde gegründet« übersetzt. 

Was die alten Uebersetzer durch ihre nicht ganz wört- 
liche Uebersetzung bezwecken wollen, ist die Auslegungs- 
weise HillePs zu adoptiren. Zwischen der Schule Schamaj’s 
und Hillel’s entstand nämlich eine Controverse, ob Gott 
zuerst den Himmel, und dann die Erde geschaffen hätte? 
Die Schule Schamaj’s behauptete das Erstere, und berief 
sich auf Gen. 1,1., wo es heisse, »im Anfänge schuf Gott 
den Himmel und die Erde« und die Schule Hillels, die 
sich auf Ps. 102, 26 berief, wo es heisse »zu Anfang wurde 
die Erde gegründet« behauptete, die Erde sei zuerst 
geschaffen worden. *) 

Dass sich die alten Uebersetzer zu Gunsten der Hillel- 
schen Ansichten entschieden, davon legen sie in ihren Ver- 
sionen das schlagendste Zeugniss ab. Nun kömmt jedenfalls 
diese Uebersetzung der christologischen Anwendung, welche 
im Hebräerbriefe davon gemacht wird, zu gute, denn es war 
der Logos , welcher die Erde gegründet. Aber es kann hier 
von keiner willkührlichen Interpolation die Rede sein, weil 
drei Zeugen , nämlich die LXX , das Targum , und die 
Hillelsauslegung, für deren Authenticität angeführt wurden. 

Angenommen nun, es käme Jemanden in den Sinn, 
diese Darstellung als nichts beweisend hinzustellen, weil die 
LXX ja öfters von Christen interpolirt worden sei, und er 
würde gerade auf die Thatsache der Hillelschen Auslegungs- 
weise Gewicht legen; welchen Schluss würde er dann zu 
ziehen haben ? Da sich die Nachricht in einem Schriftchen 
findet, das nach Einigen im 2ten Jahrhundert abgefasst 
wurde, so muss auch der Hebräerbrief erst so spät ent- 
standen sein! Wohl wird es aber Niemanden einfallen, 
eine solche Behauptung aufzustellen! 


*) Pirke, Rabbi Elieser, Cap. 18 . 


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Ueber das Citat im Judasbriefe. 


73 


Was nun aber an diesem Beispiele gezeigt werden 
sollte, ist die Schwäche der Behauptung, dass sich das 
Alter des Judasbriefes nach dem nunmehr aufgefundenen 
Fragmente der Analepsis Moysis bestimmen lasse, weil darin 
dieselbe Nachricht über den Streit des Erzengels Michael 
wie im genannten Briefe stehe. Es war dies ein Midrasch, 
der zur Zeit, da der Brief abgefasst wurde, bekannt war. 

Es haben sich im Judenthuine verschiedene Berichte 
über das Abscheiden Moses’ erhalten, und darunter auch 
der Folgende: der Engel Michael habe den Teufel ange- 
schrieen *) , als er auf die Seele Moses wartete u. s. w. 

Gerade der Vers, weichen der Engel Michael dem Teufel 
gegenüber citirt, um ihn wegzubannen, ist aus Zach. 3, 2, 
wo ja ebenfalls IW* vorkommt! Es ist ja auch eine be- 
kannte jüdische Ansicht, dass Michael der Schutzengel 
Israels stets erscheint, um die Heiligen aus der Hand 
des Teufels und anderen Gefahren zu erretten. So wird 
auch Michael immer als Vertheidiger und Samael als An- 
kläger Israels vorgelüb^ Warum heisst es, lehrt Rabbi 
Jose, gleichen Michael und Samael dem Ankläger und Für- 
sprecher?**) die vor den Schranken des Gerichtes stehen, 
dieser und jener redet, dieser und jener vollendet seine 
Worte? .... So stehet auch Michael und Samael vor der 
Schechina, der Satan klagt an, und Michael bringt das Ver- 
dienst Israels vor, da hält der Satan eine Einrede, aber 
Michael bringt ihn zum Schweigen u. s. w. Michael und 
Gabriel steigen hinab, um Abraham aus dem brennenden 
Ofen zu erretten.***) Als Isak geopfert werden sollte, 
stritten Michael und Satan mit einander u. s. w. 

Die Grundlage für den im Judasbriefe aufgenomme- 
nen Midrasch ist in Zach. III, 1 u. f. zu vermuthen. Die 
schmutzigen Kleider des Hohenpriester Joschua wurden auf 
den durch die Sünde beschmutzten Leib des Menschen 

*) Dasselbe Wort, welches Judas 1,9 vorkömmt. 

**) S. Schemoth Rabba Cap. 18. 

***) L c. C. 18. 


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M. Heidenheim. 


gedeutet. Dieser Leib muss zuerst durch einen neuen Leib 
ersetzt werden, der dann die Krone erhält, was Zach. III, 4 
durch den Engel Jehovas (d. i. die Krone) . der zu seiner 
Rechten steht, angedeutet ist. Den zur linken Seite des 
Hohenpriesters stehenden Satan deutete man auf das Ver- 
langen des Satans, den Körper des Menschen zu besitzen, 
und die Erlangung eines verklärten Körpers zu verhinderu. 
So lange der Körper im Grabe verwest und der verklärte 
Körper noch nicht erlangt ist, wartet der Teufel auf seine 
Beute, denn mit der Tödtung des Menschen ist er nicht 
befriedigt, er möchte ganz besonders die im Grabe statt- 
findende Metamorphose des Leibes verhindern.*) 

Wie das nun an diesem Bilde an Josuah gezeigt wurde, 
so wiederholt sich dieses bei jedem Menschen, und auch 
mitMoses trug sich dasselbe zu, und dieses ist, 
was im Judasbriefe als Streit des Erzengels 
Michael mit dem Teufel über den Körper Mosis 
beschriebea wird. Wir begegnen einer ähnlichen 
Ansicht in den apostolischen Sent^hreiben. Paulus nennt 
den sündhaften Körper öGo/xa tt/$* afxapria? (Rom. 6, 6) 
und 6c6jxaro<5 rou Savarov (Röm. 7, 24). Muss nun nach 
der Lehre des Apostels dieser sündhafte Körper schon in 
diesem Leben gekreuzigt werden , so soll doch erst der 
verklärte Körper d. h. »m^TO* , was nicht durch Feier- 
kleid , sondern »kostbares Gewand« Ip' im Gegensatz 
zu Kemrr kbtd^**) übersetzt werden muss***), erst im Jen- 
seits angelegt werden. Es ist dieses der Körper, von dem der 
Apostel sagt, er sei öndpetai iv artyia , iyeipeTat iv öoSr/ 
(1. Cor. 15, 43) d. i. »der sündige und der verklärte Leib!« 
Paulus lehrt aber auch , die Verklärung könne schon theil- 
weise in diesem Leben stattfinden, denn auch die öc ofiata 


*) Sohar III. p. 321 p. 81 a und b. 

**) Es ist das kostbare Kleid, das, nachdem das eine ausgezogen 
ist, (-ftrj) angelegt wird. 

***) S. die angeführte Soharstelle. 


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Ueber das Citat im Judasbriefe. 


75 


inlytia haben ihre «Sofia, nur werden sie von den der 
öojfiara Inovpdvta übertroffen! 

Diese Anschauungen über den sündhaften und verklär- 
ten Körper sind, wie hier aus der vorhergehenden Schrift- 
auslegung gezeigt wurde, ziemlich alt. Es ist begreiflich, 
wie diese Ansichten, denen allen Zach. III, 1 ff. zu Grunde 
liegt, verschiedenartig bearbeitet wurden. 

Dem Apostel Paulus war die Deutungsweise Zach. III, 1 u.f. 
bekannt, sie liegt seinen aus dem Corintherbriefe angeführten 
Ansichten zu Grunde, während die Darstellungen des Sohars 
und in dem Citate aus der Analepsis Moysis beim Origenes u. A. 
den ursprünglichen Midrasch enthalten. 

Hätten wir noch den Schluss zur Analepsis Moysis, so 
würde sich die Darstellung in diesem Buche ganz mit denen 
des Midrasch decken, allein das Büchlein bricht gerade da 
ab, wo die Midraschen beginnen. 

Dagegen wäre aber wohl einzuwenden, dass in allen 
jüdischen Darstellungen über die letzten Augenblicke im 
Leben Moses’ sich keine Spur von einem Dispute findet, den 
Michael mit dem Samael über den Leib Moses hatte. Gegen 
diesen Eiuwand kann aber das Folgende erwiedert werden, 
ln den betreffenden Midraschen wird nur der Seelenkampf 
dargestellt, welcher mit der Beerdigung des Leibes Moses 
durch Gott und die Engel schliesst. Der wegen des Leibes 
stattgefundene Streit war ein Ereigniss, das nicht nur Moses 
betraf, sondern, was aus der angeführten Soharstelle ersicht- 
bar ist, allen Menschen zu Theil wird. Dieses nochmals 
anzumerken, schien den meisten Midraschen überflüssig, sie 
setzen das als bekannt voraus! 

Es drängt sich aber hier die Frage auf: Wie konnte 
Judas ein ihm durch die Tradition bekannt gewordenes 
Ereigniss in seinen Brief aufnehmen V 

Hierauf antwortet Philippi: »Die Erscheinung Moses’ 
neben Elias auf dem Berge der Verklärung wird bei den 
Jüngern die Frage veranlasst haben, wie der gestorbene 
und begrabene Moses doch in leiblicher Gestalt erscheinen 


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76 


M. Heidenheim. 


konnte, ja wie es überhaupt bei seinem Tode und Begräb- 
nisse, über welche Thatsachen die h. Schrift so geheimniss- 
voll berichtet, zugegangen sei. Bei Beantwortung dieser 
Fragen wird der Herr den Jüngern gewiss jenen Vorgang 
mitgetheilt haben.« *) 

Wäre dieses nur die einzige Stelle im N. T. , wo wir 
einem Midrasch begegnen, dann würde diese Antwort ge- 
nügen. Der Stellen gibt es aber in den apostolischen 
Briefen nicht wenige, worin wir traditionelle Ansichten ver- 
arbeitet finden. Wie konnten die Apostel so verfahren, 
nachdem Christus selbst so oft die Tradition verdammte? 

Wohl muss aber Christus, der selbst der gangbaren 
Erklärungsweise , wie wir z. B. y aus Marc. 2, 26 ersehen, 
nicht entgegen war, seinen Jüngern über solche 
Traditionen, die auf einer historischen Grund- 
lage beruhen, die nöthigen Aufschlüsse gege- 
ben haben. Ohne diese Voraussetzung wäre in 
der That die Behauptung l.Pet.3, 17 — 22, wie sie 
die Kirche in dem apostolischen Glaubens- 
bekenntnisse auffasste, als Mythus zu betrach- 
ten.** ***) ) Petrus hat ja aber (1. Petr. 1, 18) gegen die Tra- 
dition geeifert, und er widerspräche sich ja selbst, da er 
(2. Pet. 2, 11) auf das anspielt, was Jud. .1, 9 ausführlich 
berichtet wird, hätte er nicht Aufschlüsse über die wahren 
Traditionen erhalten ! 

III. Erklärung schwieriger Stellen. 

***) Creavit enim orbem 
terrarum propter 
plebem suam a) et non 
coepit eam inceptio- 
nern creaturae 

*) S. Philippi, das Buch Henoch u. s. w. S. 165. 

**) S. A. Schweizer, Hinabgefahren zur Hölle als Mythus. Zürich 1868. 

***) Ceriani Monumenta Sacra et Protana, tom. I, fase. 1. Mediolani 
1861. p. 56, Col. 1 u. 2. 


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Erklärung schwieriger Stallen. 


77 


et ab initio orbis ter- 
rarum palam face- 
re ut in eam gentes 
arguantur et humi- 
liter inter se dispu- 
tationibus arguant 
se itaque excogitavit 
et invenit me qui ab 
initio orbis terra- 
rum praeparatus sum b) 
ut 8i m arbiter testa- 
menti illius et tune 
palam facio tibi quia 
consummatum est 
tempus annorum 
vitae meae et tran- 
sio in dormitionem 
patrum meorum 
et palam omnem ple 
bein autem 

percipe scribturam 
hanc ad recognos- 
cendam tutationem 
librorum quos tibi 
tradam quos ordina- 
bis et chedriabis c) et 
reponis in vasis fic- 
tilibus in loco quem 
fecit ab initio crea- 
turae orbis terra- 
rura at invocetur 
nomen illius usque 
in diem paenitentiae 
in respectu quo 
respicit illos dominus 
in consummatio 
ne exitus dierum 


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78 


- M. Heidenheim. 


a) Dass Gott die Welt nur wegen eines Volkes geschaffen 
habe, ist eine pharisäische Ansicht, der wir sehr oft in 
den Midraschen begegnen. Zu Gen. 1, 1 erklärt Raschi: 
mwn unpx? buner b'2W2, tna rmra »Im Anfang schuf 
(Gott) wegen der Israeliten, die der Anfang genannt wer- 
den.« Ebenso Bereschit Rabba und Jalkut, wo nur statt 
b'2&2, man »wegen des Verdienstes« steht. 

• b) Von ganz besonderer Wichtigkeit in diesem Stücke ist 
die Aussage des Moses »qui ab initio terrarum preperatus 
sum«. In der rabbinischen Literatur findet sich nichts 
Derartiges. Es lag jedenfalls in der Absicht des Verfassers, 
in Moses den »Logos« sich vorzustellen. Schon früher 
theilte ich* eine Stelle aus der samaritanischen Literatur 
mit, Wo ebenfalls gesagt wird , »Moses sei zuerst erschaffen, 
ein Licht vom Lichte.« Seit dieser Zeit fand ich noch 
ähnliche Stellen, tlie gelegentlich der Oefifentlichkeit über- 
geben werden sollen. 

c) »(Du) aber*) nimm hin diese Schrift zur Versicherung 
der Verwahrung der Bücher, welche ich dir übergeben 
werde. Sie sollst du ordnen und balsamiren und hinter- 
legen in irdenen Gefässen — an eine Stätte, die er ge- 
macht hat von Anfang der Weltschöpfung, dass (daselbst) 
sein Namen angerufen werde — bis zum Tage der Busse, 
mit Rücksicht darauf, dass der Herr bei Vollendung des 
Ausganges der Tage ihrer gedenke.« 

Bevor wir diese Stelle näher betrachten, müssen wir 
uns über das Wort »chedriabis« , welches zufolge der Con- 
jßctur Schmidts**) nach xeöpGoöeis zu erklären ist, und 
wonach Volkmar seine Uebersetzung gemacht. Er bringt 
aus chedriabis » einbalsamiren « heraus, indem er an- 
nimmt xeöpia . . iov das Cedernholz oder - öl , kann auch 
neöpiaGj oder oco bei sich führen, in demselben Sinne von : 


*) So übersetzt Volkmar. S. dessen Mose Prophetie und Himmel- 
fahrt, S. 21. 

**) S. Hilgenfeld Novum Testamen tum extra canonen receptum p. 100. 


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Erklärung schwieriger Stellen. 


79 


mit Cedern-Oel bestreichen, ihn balsamiren *). Freilich 
musste Volkmar, der in der Conjectur Schmidts nur den 
einzigen Wegweiser zu seiner Uebersetzung fand, sich auf 
diese Weise helfen. Allein was heisst das, Bücher salben 
oder einbalsamiren? Werden Pergamentrollen durch eine 
derartige Salbung vor Vernichtung bewahrt? Gewiss nicht! 
Oder wollte der Verfasser durch das Salben anzeigen, man 
sollte hierdurch die Bücher gleichsam consecriren? Hier 
können wir auf das Bestimmteste Nein sagen, und zwar 
weil aus dem Schlüsse hervorgehet, dass diese Bücher am 
Ende der Tage zum Zeugnisse dienen sollen. Es soll aber 
dieses nicht bloss ein monumentales Zeugniss sein, dass 
diese Bücher an heiliger Stätte einbalsamirt liegen! 

Der Verfasser deutet vielmehr an, Gott werde am Ende 
der Tage die an heiliger Stätte verborgenen Bücher hervor- 
nehmen , um darnach die Welt zu richten. 

Keineswegs ist also bis jetzt die Bedeutung von »che- 
driabis« gefunden. Einen bessern Sinn wird man aber 
herausbringen, wenn das Wort aus dem Hebräischen ab- 
geleitet wird, und man an »eingraben«, »zeichnen« 

denkt. Aus diesem entstand durch. Buchstabenver- 

wechselung "Ol, das mau latinisirte, woraus dann unser 
»chedriabis« entstand. Fs wäre in der That überflüssig 
aus Beispielen zu erweisen, dass derartige Entstellungen 
in jenen Zeiten vorkamen. Man vergleiche z. B. nur die 
Anzahl der griechischen Worte, wie sie in entstellter Weise 
sich in den Targumen finden. Falls nun der Verfasser 
der »Prophetia Mosis« eine im palestinen&ischen Dialekte 
abgefasste Originalschrift benutzte, ja vielleicht gar über- 
setzte, so ist es ja höchst wahrscheinlich, dass er das eine 
oder andere Wort, dessen Bedeutung ihm nicht klar war, 
geradezu gräcisirte oder latinisirte! 

Dass aber der Ausdruck »eingraben« statt »schreiben« 
gebraucht ist, darf nicht auffallen, weil ja das Schreiben 


*) S. Volkmar 1. c. S. 21. 


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80 


M. Heidenheim. 


auf dicke Pergamente quasi ein Eingraben war, und man 
doch die Feder geradezu »Griffel« (vgl. Jes.8, 1) nannte. 

Es darf ferner nicht befremden, wenn es heisst »quos 
ordinabis et chedriabis«, welche du ordnen und schreiben 
sollst. Der Verfasser dieser Schrift dachte sich nämlich 
die Sache so: Moses habe dem Josua die ganze Lehre 
übergeben, ihm aufgetragen, diese zuerst zu ordnen, und 
dann sollte er ein Exemplar abschreiben »chedriabis« u. s. w. 

Die ausgesprochene Ansicht kann aber noch durch 
Folgendes begründet werden. 

Josua erhielt den Befehl, die Bücher an einer Stätte 
niederzulegen, welche Gott yon Anfang der Weltschöpfung 
an gemacht habe. 

Hier haben wir dasselbe, was uns in rabbinischen 
Schriften über den iTH!^ p$ »Grundstein« gesagt wird. 

Exod. 28, 32 übersetzt Jonathan wie folgt: 

»Der (Sehern Hamforasch) war auch auf den Stein des 
Fundaments eingegraben und erklärt, mit welchem (Steine) 
der Herr der Welt den Mund des Abgrundes vom Anfänge 
der Weltschöpfung versiegelt hat.« 

Warum wird dieser Stein »Eben Schethiah« genannt, 
heisst es Talmud Joma 54 b, weil von ihm (dem Steine)* 
aus die Welt gegründet wurde.*) (D^IM! nntSflH JUDO Vt). 

Auf diesem Steine stand die Bundeslade, 
welche die zwei Tafeln und die Lehre enthielt. 
So heisst es Mischna Joma Cap. V : »Als man die Lade 
»(zur Zeit der ersten Tempelzerstörung) wegnahm, war dort 
»ein Stein aus den Zeiten der ersten Propheten, welcher 
»Sethiah genannt wurde, und der drei Finger hoch von 
»der Erde war.« **) 

Es wäre unnütz noch andere Stellen anzuführen, da 
aus den angeführten Belegen erwiesen ist, dass nach 

♦) Man wird hier an den »Lapis manalis« in dem Tempel des Mars 
erinnert, der ja bekanntlich über einer Oeifhung lag, die man für einen 
Ein- oder Ausgang der Schatten aus der Unterwelt hielt. 

**) S. Talmud Joma 53 b. 


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Erklärung schwieriger Stellen. 


81 


der rabbinischen Ansicht die Bundeslade auf diesem »Eben 
Schethiah« stand, und dass ferner von demselben Orte aus 
die Weltschöpfung begonnen haben soll! 

Wer will nach so schlagenden Parallelen noch im 
Dunkeln über der in Rede stehenden Stelle sein? Gewiss 
war der Verfasser der Mosesprophetie derselben Meinung, 
die Bundeslade sollte auf diesem » Grundsteine « stehen. 
Würde nun der Verfasser das »chedriabis» auf »vasis« an- 
wenden, dann wäre man im vollen Rechte dieses Wort 
durch ♦salben« zu übersetzen, da alle Geräthe in der Stifts- 
hütte gesalbt wurden, aber von einem »Salben« oder »Ein- 
balsamiren« ist nirgends die Sprache. 

Aber wie passt zu dem Erwiesenen »et repones in vasis 
fictilibus« »du sollst sie in irdenen Gefässen niederlegen«? 
Die Bundeslade war ja aus Cedernholz gefertigt! Man muss 
aber statt »vasis fictilibus« »vasis pictilibus« — »gezierte 
Geräthe« lesen. Dass die Bundeslade ausgeschmückt war, 
ist hinlänglich bekannt, und dass vas = auch die mit 
Gold belegte Lade mit einbegreift, ist klar. Zu erörtern 
bliebe darum nur noch übrig, wie man unter »vasis« nur 
die Lade zu verstehen habe, da doch von mehr als einem 
»Geräthe« geredet wird. 

Auch hier lässt uns die jüdische Tradition nicht im 
Stiche. Man fragte nämlich , wäre die » Lehre « in der 
Bundeslade aufgehoben worden, so könnte es 1. Reg. 8, 9 
nicht heissen: »Nur die zwei steinernen Tafeln wären in 
der Lade gewesen« ! Man nahm nun um diesen Widerspruch 
auszugleichen an, die Lehre wäre in einem Kasten, der bei 
der Lade gestanden habe, aufbewahrt worden. Dieses wollte 
man ganz besonders aus Sam. 6, 11 beweisen, wo noch 
neben dem HUT ]Tlit auch ein U1N genannt sei, und in 
diesem »Kasten« sei die Lehre aufbewahrt worden.*) 

Somit ist das Räthsel bezüglich der »vasis« gelöst, da 
der Verfasser der Mosesprophetie auch diese Ansicht kannte, 


*) S. Talmud Baba Bathrah 14 a u. b. und Jalkut I. Cap. 3G7. 

V i ertelj Ahrtch ri ft IV. l. f 0 


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82 


M. Heidenheim. 


und sie in seine Schrift aufnahm. Die »geschmückten Ge- 
räthe« sind also die Bundeslade und der Torahkasten. 

Man wird aber aus dieser Erörterung wohl die Ueber- 
zeugung gewinnen können, die angeführte Stelle der Moses- 
prophetie, nicht wie Volkmar übersetzt »sie sollst du ordnen 
»und balsamiren und hinterlegen in irdenen Gefässen,« son- 
dern sie sollst du ordnen und schreiben und nie- 
derlegen in geschmückten Geräthen — an der 
Stätte (in loco = DlpE? d- i. auf dem ITHt^ im 
Allerheiligsten) die er gemacht hat vom Anfang 
der Weltschöpfung.« * 


tune deus*) 

caelestis fecit pa- 
lam scenae suae 
et ferrum sanctua- 
rii sui . . . . 

Unmöglich ist es einen guten Sinn aus »fecit palam 
scenae suae et ferrum sanctuaris sui« herauszubringen. Volk- 
mar übersetzt:**) »dann hat der himmlische Gott offenbar 
gezeigt (den Ort) seiner Hütte und (das Land) seines Heilig- 
thums u. s. w.« Wohl liess es sich begreifen, wie aus 
»terram« »ferrum« entstehen konnte, aber wie steht es mit 
»palam«, das heisst ja nicht Ort. Aber auch abgesehen 
von diesen philologischen Schwierigkeiten, welche sich dieser 
Uebersetzung in den Weg stellen, gibt sie auch gar nicht 
den rechten Sinn. 

Aber Volkmar glaubt seiner Sache gewiss zu sein, 
indem er erklärend beifügt : »durch die Versetzung des 
Gottesdienstes von Sion nach Sichern (soll wohl nach Bethel 
und Dann heissen) und die zugehörige Abgötterei der 19 
Könige Israels hätte es sich völlig gezeigt, dass der Gottes- 
dienst lediglich an die heilige Stätte Sions geknüpft sei.« 

*) S. 1. c. p. 56, Col. I, Z. 16 v. o. 

*♦) S. 1. c. S. 24. 


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Erklärung schröeriger Stellen. 


83 


So konnte aber wohl kein mit der Schrift vertrauter 
Autor sich irren, denn Jehova selbst sprach ja zu Salomo, 
Er habe das ihm erbaute Haus geheiligt und sein Herz 
und Auge würden beständig dort sein (1. Kön. 9, 3). Als 
Zeichen dieser göttlichen Weihe wird ja auch (2. Chron. 7, 1) 
berichtet, »Feuer sei vom Himmel gekommen, und habe die 
Opfer verzehrt, und die Herrlichkeit Jehovas habe das Haus 
erfüllt.« 

Der Tempel zu Jerusalem bedurfte also keiner zweiten 
Bestätigung! Die Schwierigkeiten im Texte werden aber 
nur durch die Annahme einer Textcorruption gelöst. Dem 
griechischen Uebersetzer war das eine oder andere Wort 
unverständlich und er liess, wie die LXX ihm das Beispiel 
gaben, solche Worte stehen, schrieb sie mit griechischen 
Uncialen. Wir wissen wie leicht Fund Pin der genannten 
Schrift verwechselt werden können, — statt palam stand 
gala(m) was uns auf rfeT’ führt; ferrum ist eine Corruption 
aus 07repjLia — Aus der Uebersetzung der LXX Ezek. 31, 
17 erfahren wir, dass auch dort llTtT statt 11HT gelesen 
wurde. Auch in unserem Texte stand llTft, das der grie- 
chische Uebersetzer sich anders punktirt dachte, und 11T)T las. 

Die in Rede stehende Stelle hat wohl im Originale so 
gestanden : liTTD imn t6n rb? TN »dann 

wird Jehova seine Herrlichkeit und seinen heiligen Arm 
offenbaren.« Das heisst Er wird in den aufstehenden Pro- 
pheten, die dem abgefallenen Reiche Israel seine Sünde 
vorführen werden, seine Herrlichkeit (Schechina -- scenae) 
offenbaren, und ferner wird er die Abgefallenen durch 
Kriege züchtigen lassen. 


6 * 


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84 


M. Heidenheim. 


*) Tune reminiscentur 
me die illo dicentes 
tribus ad tribum. et 
homo de proximo 
suo nonne hoc est 
quod testabatur no- 
bis cum moyses in 
profetis qui multa 
passus est in aegypto 
et in mari rubro. et 
in heremo annis . XL 
testatus et invoca- 
bat nobis testes cae- 
lum et terram ne prae- 
teriremu8 manda- 
ta illius in quibus arbi- 
ter fuit nobis quae 
advenerunt nobis 
de isto secus verba 
ipsius. et secus adfir- 
mationem ipsius 
quomodo testatus 
est nobis tempori- 
bus illis et quae conve- 
nerunt usque nos 
duci captivos in par- 
tem orientis qui 
et serviert circa 
annos . LXXVII. 

Was der Verf. hier einen Stamm zum andern sagen 
lässt ist nichts anderes als die Rede, welche die in Babylon 
weilenden an ihre Mitbrüder in Jerusalem richteten, wie 
sie uns im Buche Baruch 1« und 2. auf be wahrt sind. Ganz 
gewiss hat der Verf. dieses Buch benützt, und vergleiche man 
besonders Baruch 1, 20 — 22; 2, 1 — 28 u. ff. 

*) S. L. c. p. 66 C. n, Z. 40 v. o. 


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Erklärung schwieriger Stellen. 


85 


Gewiss ist auch der folgende Text verdorben, denn 
wie konnte man von einer Reihe von Priestern sagen 
. . . *qui non sunt sacerdotes sed servi de servis nati«*) etc. 
Aber wahrscheinlich stand auch hier ursprünglich vaoö 
statt nati, und da haben wir an die Leviten zu denken, 
die ja schlechthin hpoSovXoi genannt wurden. Was der 
Verfasser andeuten will ist ja, dass diese Hohenpriester 
nicht dem eigentlichen hohenpriesterlichen Stamme ent- 
sprossen sondern einfach Tempeldiener seien. 

Wen meint aber der Verfasser hier? Denkt er, wie 
Volkmar S. 32 anzunehmen glaubt, an Johannes Hyrkanus, 
dem jedenfalls wie Josephus (Antiq. XIII, 10, 5) berichtet, 
der Pharisäer Eleasar es zum Vor würfe machte, dass er in 
der Gefangenschaft geboren worden sei! War aber Johannes 
Hyrkanus wirklich so schlimm angeschrieben ? Josephus 
schildert ihn als einen sehr frommen Mann, welcher der drei 
grössten Privilegien: des Regenten, des Hohenpriesteramtes 
und der Prophetie werth gewesen sei! 

Falls man auch die Uebersetzung Volkmars dieser 
Stelle » Sklavegebornen von Sklaven « adoptirt, so würde 
das dennoch nicht auf Hyrcanus passen, denn angenommen 
der Verfasser unseres Buches hätte sich auf die Seite der 
Pharisäer geschlagen und darum Hyrcanus als einen unwür- 
digen Hohenpriester hinzustellen gesucht, so hätte er ja ge- 
rade der anderen Lehrer zu gerne rühmend gedenken sollen. 
Aber er beschreibt ja die Lehrer jener Zeit als solche, die 
das Ansehen der Personen achteten, und die Rechtssprüche 
verkauften ! Die Lehrer thaten ja gerade das Gegentheil, sie 
wagten es ja, dem Hohenpriester ins Gesicht zu sagen, er 
solle sein Amt niederlegen! Wollte aber der Verfasser die 
Sadducäer rügen, warum hatte er denn gar nichts zum Lobe 
der Pharisäer zu sagen? Wir stossen aber auf eine andere 
Persönlichkeit, auf die diese Anspielung gut passt. Es war 
Alcimus von dem Josephus berichtet, er habe nicht zum 
Stamme der Hohenpriester gehört, welchem Demetrius das 

*) S. 1. c. p. 58 C. 1 Z. 1 v. o. 




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86 


M. Heidenheim. 


Hohenpriesterthum verlieh. Er war der Führer der drei 
schlechten Männer Simon und Menelaus, welche dem Könige 
geklagt, dass sie, weil sie die Religion ihrer Väter mit der 
des Königs vertauscht, von Judas verfolgt würden.*) 

Nach dem Berichte im Makkabäerbuche ist es sogar 
in Frage gestellt ob Alcimus Priester war, denn es heisst »es 
seien gesetzlose und gottlose Männer aus Israel, und Alcimus, 
welcher Priester werden wollte, sei ihr Anführer 
gewesen, zu Demetrius gekommen«**). Weiter wird sodann 
berichtet eine Versammlung von Schriftgelehrten 
hätten sich um Alcimus und Bachides versammelt um zu 
sehen was Recht wäre. Die Assidäer (also die Frommen 
crrori) seien die ersten unter den Söhnen Israels gewesen, 
die Frieden bei ihnen gesucht hätten. Ja es waren gerade 
die Chasidäer die da sprachen: »Ein Priester aus dem 
Stamme Aarons ist mit dem Heere gekommen , der wird 
uns nicht Unrecht thun.« ***) 

Es war also unser Verfasser nicht so ganz im Unrecht, 
wenn er über die Gesunkenheit der Lehrer klagte. Wir 
wissen ja aus dem weiteren Verlauf der Geschichte, wie 
wenig sich Alcimus um das Aufblühen des Tempelkultus 
kümmerte. Anfangs gab er sich wohl den Schein, als wäre 
es ihm Ernst, seinem Amte gewissenhaft vorzustehen, aber 
bald nahm er die Larve ab. Er liess die inneren Mauern 
des Heiligthums zum Aergernisse der Frommen nieder- 
reissen, und zerstörte die Werke der Propheten f). 

Wir fischen hier aber nicht im Dunkeln, wir stellen 
keine kühne Hypothese auf, wenn wir den Verfasser statt 
Joh. Hyrkanus, an Alcimus, und wohl auch an die ihm voran- 
gegangenen nichtswürdigen Priester Jason und Menelaus 
denken lassen. Wenn es in der Mosesprophetie weiter heisst, 
es würden ihnen Herrscher aufstehen, die sich »Priester des 

*) Jos. Antiq. XII, 9, 7. 

**) 1. Makk. 7, 5. 

***) Makk. 7, 12 — 14. 

f) 1. Makk. 9, 54 und Joseph. Antiq. XII, 10, G. 


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Erklärung schwieriger Stellen. 


87 


höchsten Gottes nennen«, so wissen wir genau uni welchen 
Zeitpunkt es sich hier handelt. — Es waren die makka- 
bäischen Hohenpriester, die sich ]H2, Hohe- 

priester des höchsten Gottes, nannten ! Sie nahmen diesen 
Titel an, weil sie wie Malkisedek Gen. 14, 18, der ja auch 
so genannt wurde, König und Priester zugleich waren. Nach 
den Berichten des Josephus*) und der Chronik des Euse- 
bius**) nahm erst Judas Aristobulus den Königstitel an, 
aber nach dem arabischen Makkabäerbuche wird schon ein 
Brief des römischen Senates an Hyrkanus mitgetheilt, worin 
er »König der Juden« titulirt ist***) und am Schlüsse dieses 
Schreibens heisst es: Als darum dieses Schreiben 
der Römer an Hyrkanus gelangte, nannte er 
sich König, da er vorher nur Hoherpriester 
genannt wurde, und so waren die königliche 
und pri es terlich e Würde in ihm vereinigt. Und 
er war der erste, welcher König der Juden zur 
Zeit des zweiten Hauses genannt wurde. f) 

Ganz mit diesem Berichte stimmt die Nachricht bei 
Abraham ben Dior, welcher Eleasar Hyrkan sagen lässt: 
Lass es dir mit der Königskrone genug sein, überlasse die 
Priesterkrone dem Saaraen Arons, ff ) 

Auf den Münzen finden wir, es haben sich nur solche 
gefunden, auf welchen Jonathan König genannt ist. 


Dunkel ist auch jdie folgende Stelle: »Erunt impii ju- 
dices inerunt in campo judicare quomodo quisquae volet.«fff ) 
U ebersetzt man mit Volkmar »auf dem Platze zu richten«, 
so ist es schwierig einen Sinn herauszubringen. Wohl ist 

*) Antiq. XIII. 11, 1 . XX. 10. 1 . Bell. Jud. 3, 1 . 

**) Chron. ed. Mai. p. 360. 

***) Arab. Makkab. Ed. Cotton Cap. 22, 1. 

+) Arab. Makkabäerb. C. 22, 8. 0. 

+t) Dibre Malche Beth Scheni Ed. Basel, p. 90. 
t+t) S. 1. c. p. 58 C. I, Z. 26 v. o. 


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88 


M. Heidenheim. 


aber »in campo« = pf"Q »im Aeusseren*, also nicht in der 
steinernen Halle. Damit stimmt die talmudische Nachricht, 
wonach das Synedrium aus dieser Steinhalle verdrängt 
wurde. Die Gerichtsverhandlungen wurden also nicht länger 
in der dafür bestimmten Tempelhalle TTTI sondern 

ausserhalb gehalten*). 

Ferner wird von den Hohenpriestern gesagt, dass sie 
vom Allerheiligsten aus (ab sancto sanctitatis) Frevel üben. 
Hier spielt der Verfasser in der Hauptsache auf Alexander 
Janäus an, nach dem einer der Schriftgelehrten während 
des Opfers mit einem »Ethrog« warf, worauf dieser König 
alle die Schriftgelehrten, die ihm seine Abstammung vor- 
hielten, in dem Tempelhofe umbringen liess. 


Eine andere Stelle, welche einer weitern Erörterung 
bedarf, ist p. 58, wo es heisst: . .**) et faciet in eis judicia, 
quomodo fecerunt in illis Aegypti, per XXX et IV annos, 
»Und er wird unter ihnen (Straf-) Gerichte ausüben, wie 
»es die Egypter unter ihnen gethan haben, während 30 und 
4 Jahre.« 

Sucht man nicht gewisse Deutungen dem Texte ab- 
ringen zu wollen, so muss der Leser sogleich an Exod. 12, 
41 denken, da der Verfasser mit klaren Worten sagt: 
»Wie die Israeliten in Egypten gestraft wurden, so sollen 
sie auch jetzt heimgesucht werden. Aber die Zahlen stimmen 
nicht zusammen, denn im hebr. Texte der Bibel ist von 
430 Jahren die Rede und hier habeif wir nur 34! 

Um nun diese Differenz auszugleichen meint Laugen 
es habe hier ein Versehen stattgefunden, es sollte XL und 
IH Jahrzehnte gesagt sein. 

Ein Versehen müsse jedenfalls stattgefunden haben, denn 
dass zuerst 430 gestanden sei, unterliege nicht dem mindesten 
Zweifel. Vergleichen wir den hebr. Text, Exod. 12, 41, 

*) Talmud Rosch Haschana p. 31a und b. 

**) S. L. c. p. 68 C. II, S. 7 v. o. 


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Erklärung schwieriger Stellen. 89 

so hilft uns dieser auf die Spur, da ja dort H31 V ülifaü 
imfctl = XXX et IV steht. Der Verfasser gab in seinem 
Originalwerke ganz die biblische Ausdrucksweise wieder, 
spätere Copisten Hessen das folgende {"YIKD aus Versehen 
weg, da wahrscheinHch letztgenanntes Wort nur abbrevirt 
war. Stand darum einfach D und vergegenwärtigt man sich, 
wie in der alten Schrift »Mem« und »Schin« ihrer Aehnlich- 
keit halber leicht verwechselt wurden, dann können wir 
dieses Versehen leicht begreifen, weil ja unmittelbar auf das 
»Mem« nXf folgt! 


*)♦... et cogentur 
stimulis blasfema- 
re verbum contu- 
meliose novissime 
post haec et leges 
quod haberent su- 
pra altarium suum 

Schon zur Zeit des zweiten Tempels gab es Synagogen, 
und in diesen waren in einem Schreine » noch jetzt 
ttnpPl heilige Lade genannt«*) **) die Gesetzrollen aufbewahrt! 
Mehrere Stufen führten zu dieser Lade, und vor derselben 
stand die nö'U »Erhöhung«, woselbst die Torah verlesen 
wurde. Volkmar hat in seiner Erklärung das Richtige ge- 
troffen, obwohl Merx glaubt dem sei nicht so, weil in 
der Synagoge nie ein Altar gewesen sei. Das ist freilich 
ganz richtig, aber der Tisch wird bei den Israeliten dem 
Altäre gleich geachtet. Die Rabbinen lehren: »Zur Zeit 
da der Tempel steht versöhnt der Altar den Menschen, 
aber jetzt, da der Tempel nicht steht, versöhnt der Tisch 
den Menschen«.***) Auch ist unter »verfyum« der »Sehern 

*) S. 1. c. p. 59 C. II. Z. 24 v. o. 

**) Schon Talmud Sabb p. 32 a wird als Ursache des Sterbens des 
Unwissenden angegeben, dass sie den Aron Hakkodesch schlechtweg 
»Aron« nennen. 

***) S.Menachothp.97a. Chagigap.27. Berachoth p.65. J&lkut II.C.381. 


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90 


M. Heidenheim. 


Hamforasch«, der ja auch Cti 4 oder D&Tl heisst (vgl. Meine 
Noten zum Schreiben Ab Sechuahs, Vierteljahrsschr. B. I, 
S. 20 und 121), zu verstehen. 


*) tune illo dicente ho- 
ino de tribu leuvi 
cujus nomen erit 
taxo . qui habens . VII . 
filios 

Diesen Taxo**) will nun Volkmar in dem Namen Akibas 
finden, allein die Zahl, welche er aus dem Namen heraus- 
zwingen will, ist aus zWei Gründen falsch. Erstens wird 
»Akiba« stets mit »Jod« geschrieben. Zweitens wird 
»Akiba« nie »Raban«, sondern immer »Rabbi Akiba« und 
auch geradezu »Akiba« im Talmud genannt. Auch schreibt 
man »Raban« nicht mit »Vav«, sondern stets p“) ohne »Vav«. 

Aus N 2 p 1? 212“) ergibt sich der Zahlwerth 431, 

1 2 100 70 50 6 2 200 

aber aus N2 11 p V 0*1 erhalten wir nur 395. 

1 2 10 100 70 10 2 200 

Aber auch abgesehen von diesem, würde die Persön- 
lichkeit des »Akiba« nicht der von dem in Rede stehenden 
Buche entsprechen. Es heisst ja Cap. XIII: »Tune illo 
dicente homo de tribu Levi cujus nomen erit Taxo.« 

Akiba war ja der Sohn des Proselyten Josephs. Als 
Gesetzlehrer nahm er die höchste Stelle ein, aber alles 
dieses konnte ihn nicht zum Leviten machen. Es kann also 
nicht Akiba sein, der unter dem mysteriösen Namen »Taxo« 
verhüllt ist. 

Dennoch scheint es uns nicht unmöglich, das in diesem 
Namenräthsel verborgen liegende Geheimniss zu enthüllen. 
Es ist ein alter Gebrauch, Namen in Räthsel zu kleiden. 

*) S. L. c. p. 59 C. II, Z. 31 v. o. 

**) Dass rafo nicht gleich mit rpunsn ist, wie Merx zuerst annalim, 
wird wohl nicht weiter von ihm vertheidigt. 


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Erklärung schwieriger Stellen. 


91 


Schon im Jesajas finden sich Spuren von dieser Spielerei. 
Man gebrauchte neben dem gewöhnlichen Alphabete noch 

(t v 

andere, wie z. B. das sogenannte tiO HK Alphabet,*) und 
hieraus erklärt sich uns der Name Jer. 25, 26, der gleich 
ist, weil Schin = Beth und Jod = Lamed ist. 

Auch in der LXX begegnen wir einem Beispiele (Jer. 
51, 28), wo 'Cp 2 1 ? durch rovs xatoiKovvras x a ^ aiov * 
übersetzt ist. Die LXX und der Targum Jonathan (vgl. auch 
Raschi und Kimchi) hätten nicht so übersetzen können, 
wenn sie nicht durch das W2 HK herausgefunden, dass 
'Op 3 1 ? = □'Td‘3 sei. **) 

Schon früh hat man also im Judenthume das eine 
und das andere Wort in räthselhafte Formen gekleidet. 
Wahrscheinlich ist dieses auch bei unserm raBo geschehen. 

Eine nähere Untersuchung zeigt, dass wirklich das 
obgenannte Alphabet hier den Schlüssel zur Lösung des 
Riithsels darbietet. Die erste Frage ist nun, welche Buch- 
staben im hebräischen Alphabet dem griechischen Alphabet 
entsprechen. 

r entspricht dem hebräischen 12, z. B. jßßf = öaravas. 
a == z. B. ’ApaXen = 

£ wird im jonischen Dialekte für öö gebraucht, z. B. 8iB,os 
statt Öiööos, jpi£,6s statt rpiötioz. ***) Aus der LXX 
ersehen wir, dass man £ = 12T1, t£D und ttfp ge- 
brauchte, z. b. NnotrnrnK = ’Apra&pBris, 

= ’Ap<pa5dd (Gen. 10, 24), pp* ’leZav (Gen. 25, 2) 
o = 1, z. B. mnn = r Oöoppa (Gen. 10, 27). 

Um raSo mit den entsprechenden hebräischen Buch- 
staben zu schreiben, würde es sich also so stellen: 
oder auch 1T2W3 


*) Vgl. hierüber Bd. I. S. 106 dieser Vierteljahrsschrift. 

**) S. Frankel, Vorstudien zu der Septuaginta S. 214. 

***) Koen. ad Greg. p. (208) 435. Tisch, p. 203 ff. u. Matthias Griech. 
Gram. I, S. 62. 


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92 


M. Heidenheim. 


tf <r 

Setzen wir nun diese Buchstaben in das t£D HN Alpha- 
bet um, so ergibt sich Folgendes: 

12 = :, V = T, 3 - b, T = V, 1 - ß 

So erhalten wir nun Sühl , was freilich keinen Sinn 
gibt. Bekanntlich begegnen wir aber schon in dem hebräi- 
schen Canon einem Gebrauche, wonach es üblich gewesen 
zu sein scheint, Worte geradezu in willkürlicher Weise um- 
zusetzen. Diese Transpositionen bildeten sich später mehr 
in der sogenannteu Temurah aus. Einige Beispiele werden 
genügen , um das Gesagte recht augenscheinlich zu machen. 
Man las z. B. 31^3 und »Welt« und vgl. 

Jes. 38, 11, Ps. 49, 2 'hüW und vgl. Esr. 2, 46 mit 

Neh. 7, 48. 

Wenden wir diese Regel auf das in Frage stehende 
Wort an, so ergibt sich worin sich leicht das 

biblische (l.Sam. 21, 3. 2. Reg. 6, 8 ) wiedererkennen 
lässt. Im vorliegenden Falle haben wir aber die aramäische 
Form 

rago ist also gleich das gleich unserem N. N. 

oder »Anonymos« ist. 

Nicht unmöglich ist es aber, dass unser Verfasser auch 
neben diesem noch auf eine bestimmte Persönlichkeit, auf 
einen ausgezeichneten Leviten hinweisen wollte, welcher in 
der That den Cyclus der Märtyrer eröffnete. Dieser ist 
aber kein anderer als der Hohepriester Ismael, wel- 
cher zur Zeit der Zerstörung des Tempels den Märtyrertod 
erlitt. Er war ein wahrer Levite. Weil er das erste Opfer 
war, darum eröffnet er auch die Reihe der sogenannten 
n wo vinn mav der zehn Reichsmärtyrer. 

Abraham ben Dior berichtet, er sei mit Simon S. Ga- 
maliels (d. i. der Sohn Gamaliels der Apostelgeschichte) 
durch Titus hingerichtet worden. Auch Gamaliel, Sohn des 
genannten Simon, sollte ein gleiches Loos treffen, allein 
der angesehene Gesetzlehrer Jochanan, Sohn Sakkai’s, habe 
sein Leben durch eingelegte Fürsprache bei Titus erhalten. 


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Erklärung schwieriger Stellen. 


93 


Dass Ismael zur Zeit der Tempelzerstörung umgebracht 
wurde, ist eine Thatsache, die fest steht. Was dagegen 
bemerkt wurde, ist nicht stichhaltig, und nur darum glaubte 
Juchasin, Ismael sei erst mit Akiba umgekommen, weil von 
einem Ismael S. Elischa’s gesagt sei, er habe bei Ueber- 
tretung eines traditionellen Gebotes gesagt: Wann der Tem- 
pel wieder aufgebaut sei, so wolle* er dafür ein Sühnopfer 
bringen. Am allereinleuchtendsten ist es , wie Juchasin 
(1. c. p. 26) selbst im Verlaufe seiner Erörterung zu bemer- 
ken sich veranlasst sieht, dass es mehrere Ismael gegeben 
habe, und dass der erste mit Simon Sohn Gamaliels, noch 
ehe Jochanan S. Sakkais präsidirender Lehrer wurde , um- 
gekommen sei. Der spätere Ismael mag, wie Juchasin 
bemerkt, Gefährte des Rabbi Akiba oder vielleicht auch, 
wie Maimonides glaubt, dessen Schüler gewesen sein. 

Hier diese Streitfrage weiter zu verfolgen , ist kaum 
der Mühe werth, wenn Autoritäten, wie Abraham b. Dior, 
Raschi u. A., uns dessen Märtyrertod zur Zeit der Tempel- 
zerstörung angeben. *) 

Von diesem Ismael wird uns das Folgende berichtet. 

Er war Hoherpriester, schön wie ein Engel, und eine 
der sieben Schönheiten der Welt. 

Die Ehe seines Vaters Jose blieb lange kinderlos. Als 
Ismaels Mutter einst ihren Gatten nach der Ursache fragte, 
antwortete er, dieses komme daher, weil die Frauen, wenn 
sie aus dem Reinigungsbade gingen, darauf Acht gaben, wem 
sie begegneten. Falls ihnen ein Unwürdiger begegne, so 
gingen sie wiederum ins Bad zurück. Worauf die Frau 
Jose’s den Rath des Mannes befolgte. Als sie hierauf ins 
Bad ging, begegnete ihr ein Hund, weshalb sie umkehrte 
und sich abermals badete: Hierauf begegnete ihr ein Kameel, 
und wiederum kehrte sie um und nahm noch ein Bad ; und 
siehe, sie hatte 80 Male umzukehren und sich aufs Neue 
zu baden! 


*) S. Abraham b. Dior in s. Sefer Kabalah Edit. Basel, p. 58 c. 


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94 


M. Heidenheim. 


Hierauf sprach Gott zum Engel Gabriel: Oftmals hat 
sich diese fromme Frau abgemühet. Steige hinab und er- 
scheine ihr ( beim Herausgehen aus dem * Bade ) unter der 
Gestalt ihres Mannes. Der Engel vollzog den Befehl Gottes. 
Und in dieser Nacht wurde sie schwanger mit Ismael, der 
so schön war wie der Engel Gabriel. *) 

Auch wird berichtet, Ismael sei ein so schöner Mann 
gewesen , dass die Tochter des Kaisers ihn gerne gesehen 
hätte, weswegen man ihm noch während seiner Lebenszeit 
die Schädelhaut abgelöst hatte. 

Schon die Sagen, mit denen seine Geburt ausgeschmückt 
ist, wonach er fast der Sohn eines Engels ist, zeigen, in 
welchem Anseben dieser Mann bei seinen Zeitgenossen ge- 
standen haben muss. Ihm erschien auch die Gottheit selbst 
im Allerheiligsten und redet ihn mit den Worten an: 
»Segne mich, mein Sohn Ismael.« 

Nachdem dem Ismael eine solche Vertrautheit mit dem 
höchsten Wesen angedichtet ward, -ist es kaum staunen- 
erregend, wenn man ihn selbst als in den Himmel auf- 
steigend schildert. 

Als der römische Kaiser die Hinrichtung einer Anzahl 
Gesetzlehrer beschlossen hatte , bat man sich drei Tage 
Bedenkzeit aus , um zu erfahren , ob das Verhängniss wirk- 
lich von Oben bestimmt sei, 

Ismael, der Hohepriester, wird von seinen Gefährten 
gebeten, durch Vermittelung des grossen Namens in den 
Himmel aufzusteigen , um zu erfahren , ob dort oben die 
Sache so beschlossen sei. Da reinigt sich Ismael durch 
Baden und andere heilige Observanzen, legt die Gebetriemen 
an, hüllt sich in den Betmantel und spricht den grossen 
Namen aus. 

Augenblicklich hebt ihn der Geist in die Höhe, setzt 
ihn in den sechsten Himmel nieder, woselbst er den Engel 
Gabriel trifft. 


*) S. Midrasch »Eleh Eskcrah« in Jollineks Bet-ha Midrasch Th. II. 
S. 65 u. ff. 


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Erklärung schwieriger Stellet». ^ 95 

Bist du Ismael, sagt Gabriel, dessen sich täglich 
dein Schöpfer rühmt, dass er einen Diener auf der Erde 
habe, der gleich dem Glanze seines Antlitzes sei? 

Ich bin es, antwortet er. 

Gabriel. Warum kommst du hier herauf? 

Ismael. W’eil die boshafte Regierung einen Erlass 
ausgehen Hess, dass zehn der Weisen Israels umgebracht 
werden sollen. Da stieg ich auf, um zu erfahren , ob das 
Verhängniss von dem Heiligen, gelobt sei er, ausgegan- 
gen sei. 

Gabriel. Falls das Verhängniss noch nicht versiegelt 
ist, kannst du es vernichten? 

Ismael. Ja! 

Gabriel. Wodurch ? 

Ismael. Durch den Namen, gepriesen sei er! 

Gabriel antwortete hierauf und sprach : Heil euch, 
Söhne Abrahams, Isaaks und Jakobs, dass euch der Heilige 
Dinge geoffenbart hat, welche er den Dienst thuenden 
Engeln vorenthielt! Bei deinem Leben, mein Sohn Ismael, 
dass ich es hinter dem Vorhänge gehört habe, dass zehn 
der Weisen Israels in die Hände des frevelhaften Reiches 
wegen der Verkaufung Josephs überliefert sind, denn täg- 
lich ruft die Gerechtigkeit den Heiligen, gelobt sei er, an 
und sagt: Hast du denn auch nur einen Buchstaben in 
deiner Lehre vergeblich geschrieben? Siehe, die Stämme 
haben Joseph verkauft, und du hast diese That w f eder an 
ihnen noch ihrem Samen vergolten! 

Ismael. Hat bis jetzt der Heilige keine Vergeltung für 
den Verkauf finden können, es sei denn der Sohn? 

Gabriel. Bei deinem Leben , Ismael dass von dem 
Tage an, wo die Stämme Joseph verkauften, fand er in 
keinem Zeitalter solche Gerechte und Fromme wie die 
Patriarchen, darum vergilt er diese That an euch! 

Als Samael der Böse dem Heiligen , gelobt sei er, sah, 
dass das Verhängniss, wonach die zehn Gerechten dem 
Reiche überliefert werden sollten, zu versiegeln wünschte, 


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96 


M. Heidenheim. 


da freute er sich sehr, sprechend: Besiegt habe ich den 
Fürsten Michael! 

Augenblicklich entbrannte der Zorn des Heiligen, gelobt 
sei er, gegen Samael den Bösen, und er sprach zu ihm: 
Willst du, Samael, dass zehn der Weisen Israels dem Tode 
entrinnen, oder willst du für die zukünftige Welt aussätzig sein ? 

Samael antwortete: Nicht erlasse ich den zehn Wei- 
sen den Tod, und nehme dafür dein über mich bestimmtes 
Verhängniss an. 

Da entbrannte der Zorn des Heiligen, -gelobt sei er, 
und er rief dem Fürsten Metatron, dem grossen Schreiber, 
und sprach zu ihm : Schreibe und versiegle es. Sechs volle 
Monate sollen Aussatz, Verderben, Ausschlag, Hautflecken, 
Gelbsucht (?) und böser Grind auf das sündhafte Eden 
und Pech und Feuer über Menschen und Vieh kommen, 
und über das Gold und Silber und über Alles, was ihnen 
gehört, so dass Einer zum Andern sagen wird: Hier hast 
du den Römer und was ihm gehört. Aber ihm wird man 
antworten: ich will ihn nicht, denn ich habe kein Ver- 
gnügen an ihm. 

Als Ismael dieses hörte, da ward er nachdenkend, ging 
im Himmel hin und her, und sah einen Altar nahe bei 
dem Stuhle der Herrlichkeit. Da sprach er zu Gabriel: 
was ist dieses? 

Gabriel. Ein Altar. 

Ismael. Und was opfert ihr täglich darauf? Gibt es 
denn auch (hier) oben Stiere und Schuldopfer?*) 

Gabriel. Die Seelen der Frommen**) werden täglich 
darauf dargebracht. 

Ismael. Wer opfert sie? 

Gabriel. Michael, der grosse Fürst. 

Hierauf stieg Ismael hinab, und als er die Erde er- 
reichte, verkündete er es seinen Gefährten, dass das Ver- 

*) Es müsste heissen und nicht wie im Jellinekschen 

Texte steht. Aber es fragt sich, ob das hier passte. 

**) Vgl. die Bemerkung hierüber aus dem Buche Sohar Bd. III. 
S. 481 dieser Vierteljahrsschrift. 


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Erklärung schwieriger Stellen. 


97 


hängniss schon ausgegangen, geschrieben und versiegelt sei. 
Einerseits beklagten sie es, dass ein so hartes Verhängniss 
über sie ergangen sei, andererseits freuten sie sich darüber, 
dass der ‘Heilige ihren Tod als Sühne für die Stämme annahm. 

Darauf sprach der Kaiser zu ihnen: Wer soll zuerst 
umgebracht werden? Hierauf antwortete Simon Sohn Ga- 
malieis: Ich bin Fürst, der Sohn eines Fürsten aus dem 
Samen des Königs David, ich will zuerst umgebracht wer- 
den. Hierauf sprach Ismael der Hohepriester; Ich bin 
Hoherpriester , Sohn eines Hohenpriesters aus dem Samen 
Aarons. Bringet mich zuerst um, damit ich nicht den Tod 
meiner Gefährten mit anzusehen habe. Darauf erwiederte 
der Kaiser: Jeder von ihnen sagt: ich will zuerst umge- 
bracht werden. Darum werfet das Loos unter einander. 
Da fiel das Loos auf Simon Sohn Gamaliels , und man ent- 
hauptete und zerstückte ihn. 

Darauf wurde Ismael ergriffen, der über ihn (Simon) 
in der Bitterkeit seiner Seele jammerte und sagte: Wo ist 
die Torah und wo ihr Lohn*? Die Zunge, welche die Torah 
in siebenzig Sprachen erklärte, wie muss sie jetzt den Staub 
auflecken! So weinte und klagte er über Simon. Hierauf 
sprach der Kaiser : Wie kommt’s, dass du so über deinen 
Gefährten jammerst, du solltest ja über dich weinen. Da 
sprach Ismael zu ihm: Ich weine ja über mich selbst, denn 
mein Gefährte in der Torah und in Weisheit grösser als ich 
war, und dass er eher als ich in die obere Schule*) kömmt. 

Noch redete er weinend und klagend, als die Tochter 
des Kaisers zum Fenster hinaussah und die Schönheit des 
Hohenpriesters Ismael erblickte. Dieser Anblick erregte 
ihre Barmherzigkeit für ihn, und sie schickte zu ihrem 
Vater , um sich eine Gunst zu erbitten u. s. w. 

Noch zu bemerken ist, dass die Schechina selbst Is- 
mael bittet, sie zu segnen! 

*) Die Rabbinen lehren, im Himmel würde das Studium der Lehre 
fortgesetzt. 

^ VUrteljfthraschrift IV. 1. 7 


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C - 3gle 


98 


M. Heidenheim. 


*) Et tune zabulus finem 
habebit et tristitiam 
cum eo adducetur 

Hier hat Hilgenfeld den Sinn wohl errathen, da unter 
zabulus der Teufel zu verstehen ist, wie auch Volkmar 
zugiebt. Aber zabulus ist nicht = diaßoXos sondern = 
hst. Unser Verfasser machte von derselben Lesart Ge- 
brauch wie wir sie im N. T. finden. Wer wird nicht in 
dem zabulus' der Mosesprophetie den BeeXseßovX (Matt. 10, 
25; 12, 24; Mark. 3, 22; Luk. 11, 15 etc.) wiedererkennen? 

Schon Wetstein u. A. haben sich viele Mühe gegeben, 
um zu erklären wie aus 313T (2. Reg. 25, 13) Bes\- 

GeßovX entstanden, und Wetst. hat mehrere Beispiele angeführt 
(vgl. dessen Note zu Matt. 10, 25), wodurch sich diese 
Abweichung erklären Hesse. Wohl darf aber angenommen 
werden, dass zur Zeit wo dieses abgefasst wurde, der Satan 
Baal Sebulus genannt wurde, denn bedeutet ja um- 
rinkter, umkreister Ort (s. Fürst s. v. ^DT), und denkt 
man dabei an Hiob 1, 7, woselbst Satan als herumschweifend 
oder herumkreisend geschildert wird , so wird sich das 
Baal-zabulus danach deuten lassen , vgl. auch Ephes. II, 2. 
Nimmtman aber ^QT in der Bedeutung »Wohnung«, so 
lässt sich ganz gut II. Thessal. 2, 3 damit vergleichen, 
wo ja der avSpoaitos rrjs avopias , welcher nach Jalkut 
Reubeni p. 126. 3 pK = Samael ist, als im Tempel 
Gottes sitzend um sich anbeten zu lassen, geschildert wird. 


**) Tune implebuntur 
manus nuntii qui 
est in summo cons- 
titutus- qui proti- 
nus vindicavit illos 


*) S. L. c. p. 60 C. I, Z. 29 v. 0 . 
**) S. L. c. p. 60 C. I. Z. 32 v. 0 . 


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Erklärung schwieriger Stellen. 


99 


ab inimicis eorum 

get enim caeles- 

tis a sede regni sui 
et exiet de hahita- 
tione sancta sua cum 
indignationem et 
iram propter filios 
suos et et tremebit 
terra usque ad fi- 
nes suos cocutie- 
tur et alti montes 
humiliabuntur 
et concutientur . 
et convalles cadent 
sol non dabit lumen 
et in tenebris conver 
tent se cornua 
lunae et confaingen- 
tur et tota conver- 
tit se in sanguine et 
orbis stellarum con- 
turavitur et mä- 
re usque ad abyssum 
decedit ad fontes 
aquarum deficient 
et flumina expaves- 
eent quia exurgit 
suminus deus aeternus 
solus et palam ve- 
niet ut vindicat gen 
tus et perdet om 
nia idola eorun 

Der Nuntius ist der Erzengel Michael, von dem schon 
oben näher gehandelt wurde. Nun folgen eine lteihe von 
Bibelversen, die nicht immer wörtlich, sondern nach einem 
vom Verfasser gebrauchten Targum angeführt werden. Zuerst 

7 * 


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100 


M. Heidenheim. 


werden die Stellen Hag. 2, 6, 21 und Jes. 2, 19 auf die 
angegebene Weise gebraucht. 

Ferner ist mit »et alti montes* etc. Jes. 40, 4 zu ver- 
gleichen, aber wir suchen »et concutientur« vergeblich in 
unserm masoretischen Texte, und in der LXX, da aber die 
LXX □'*03 Vf) unübersetzt lassen und das Targum es durch 
pTITi rV3 »Haufen, auch Bergkette« übersetzt, so scheint 
uns, dass dem Verf. eine solche Uebersetzung vorlag. Er 
leitete aber prn.3 von dem Aram. TU »umhauen« ab, und bezog 
es auf die Berge, welche nicht bloss erniedrigt sondern 
»verschüttet« werden sollen, darum übersetzt er »et alti 
montes humitiabuntur et concutiantur.« Vgl. Jes. 2, 21 
wo von Jehova gesagt wird, er sei aufgestanden um die 
Erde beben zu machen. Ein solches Erdbeben musste 
ja auch die Berge verschütten! 

Wir wollen nur noch eine Ausdrucksweise des Verfassers 
näher zu beleuchten suchen, wenn er weiter sagt: »sol non 
dabit lucem, et in tenebris convertat se cornua lunae«, 
so dachte er an die folgenden Stellen: Joel 2* 10 und 4, 15, 
Jes. 13, 10 und Ezek. 32, 7. Nun ist es freilich auffallend, 
warum er von einem fremden Bilde Gebrauch macht, näm- 
lich cornua lunae. Dieses Räthsel löst sich aber ganz 
leicht, denn der Verfasser verstand nicht das hebr. pp 
strahlen, fasste es in der Bedeutung von pp Horn auf, und 
übersetzte statt »Strahlen des Mondes« »Hörner des Mondes«. 
Hier haben wir zugleich einen Beweis mehr über die Original- 
sprache unsers Buches. 


*) .... Eamus ad e- 
os si inimici impie 
fecerunt semel ad 
huc in dominum suum 
non est defensor 
illis qui ferat pro 

*) S. L. c. p. 62, C. I, Z. 1 v. o. 


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Erklärung schwieriger Stellen. 101 

eis praeces domino 
quomodo monse 
erat magnus nunti- 
us. Qui singulis horis 
diebus et noctibus ha- 
bebat genua sua in 
fixa in terra orans 
et intuens homini- 
potentem orbem 
terrarum cum mi- 
sericordia et ius- 

titia remini8cen8 * 

testamentum pa- 
rentum. Et iure 
iurando placando 
dominum dicent enim 
non est ille cum eis 
eamus itaque et con- 
fundamus eos a fa- 
ciae terrae quod 
ergo fiet plebi isti 
domine monse et post 
quam finivit ver- 
ba iesus iterum pro 
cidit ad pedes monsi 
Et monse prendit 
manum ipsius et e- 
rexit illium in cathe- 
dra ante se . . . 

Volkmar rügt Hilgenfeld, weil er »et jurejurando 
placando dominum « gerade an reminiscens angeschlossen 
habe, und glaubt, es müsse auf orans zurückgehen! »Er 
hatte zu jeder Stunde des Tags und der Nacht sein Knie 
gebeugt zur Erde, betend und anschauend zu dem All- 
mächtigen (über die) Welt, dass er mit Barmherzigkeit 
und Gerechtigkeit gedenken des Bundes der Väter und 


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102 


M. Heidenheim. Erklärung schwieriger Stellen. 


auch mit Beschwörung milde zu stimmen ihren 
Herrn! *) 

Aber die Uebersetzung Volkmars ist hier ganz verfehlt. 
Ganz richtig ist der Punkt im Cod. nach parentum, denn 
damit schliesst ein Satz ab, dass er mit Gerechtigkeit u. s. w. 
jure jurendo etc. darf nicht durch Beschwörung übersetzt 
werden, sondern »und nach Gerechtigkeit richte um den 
Herrn zu besänftigen.« 

Dass wir hier nicht in den Tag hineinrathen, beweiset 
folgende Belegstelle. Zu’Num. 27, 18 erklärt Sifri: 

■pra mmn mm tnrn bmv vunrcb pmn p k 
min ab im mD dtoin Hntzr irr ab o^iin p 
bv UTOl pKPl P TTQin TD ITYID N1H TCtfDin 

Sofien 

»Gib dem Josua einen Lehrer, dass er bei deiner Leb- 
zeit frage und auslege und Rechtsprüche ergehen lasse, 
damit die Israeliten nach deinem Dahinscheiden aus der 
Welt nicht sagen können: Während der Lebzeit seines 
Lehrers hat er nicht gerichtet und jetzt richtet er? So- 
gleich liess (Moses) ihn (Josua) von der Erde erheben und 
setzte ihn neben sich auf den Stuhl.«**) 

Hier wird also ganz dasselbe gesagt wie in unserem 
Buche, nur ist es Gott selbst, der Moses darauf aufmerksam 
macht. Das Sitzen auf dem Sessel ist ebenfalls in dieser 
Belegstelle enthalten. Es ist nicht wie Volkmar annimmt: 
Der Verf. denkt für den Meister Israels, für Moses selbst, 
in der Stiftshütte einen Stuhl, nein, er will damit sagen, 
Moses liess zu sich auf dem cathedra = Voso sitzen. Der 
Verf. kannte auch diesen Midrasch, denn et monse prendit 
manum etc. erinnert an Num. 27, 18, welche Stelle der 
Ausgangspunkt für diese Erklärung ward. 

Wir brechen für jetzt hier ab und hoffen noch einmal 
auf dieses Fragment zurückzukommen. 

*) So übersetzt Volkmar. — **) Sifri Piska 140. 


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II. 


MITTHEILUNGEN. 


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I. 


Schriftauslegungen. 

Von 

Dr. $K. $rftenl)chn. 


I. Heber Gen. 47, 3. 

In den im dritten Bande dieser Zeitschrift veröffentlich- 
ten Abhandlungen »zur Textkritik der Proverbien« wurde an 
mehr als einer Stelle bewiesen, dass die Uebersetzung der 
LXX nicht selten von den bekannten Midraschen beeinflusst 
wurde. Wir treffen darum in der LXX denselben Geist, 
der die Targumen im Allgemeinen durchweht. Auch die 
folgende Stelle darf als neuer Beweis dafür gelten. 

Bekanntlich lasen die LXX in Gen. 47, 3 nicht Htßlp 
»Bett« , sondern ntjJQ »Stab« . . . rrjz ßaßdov avtov . Liest 
man diese Uebersetzung, so hat es den Anschein, als hätten 
die Uebersetzer sich den sterbenden Patriarchen auf seinen 
Stab lehnend gedacht. Dieses ist schon an und für sich 
eine viel einleuchtendere Version, als die, welche der maso- 
rethische Text bedingt. Man müsste darum immer fragen, 
will man die gewöhnliche Leseart adoptiren, warum sich 
Jakob nach der Kopfseite des Lagers gebeugt habe. Das sei 
darum geschehen, fügen die Erklärer bei, weil die »Sche- 
chinah« über seinem Kopflager thronte! 

Ein im Sifri auf bewahrter alter Midrasch, den wohl 
die LXX gekannt haben , gibt aber unserer Stelle eine ganz 
andere Deutung. Man las wie die LXX PlISÜ, dachte- aber 
nicht an einen Stab, sondern an einen Stamm, und über- 
setzte darum PIÖEH tftÖ bV »wegen des Stammhauptes«, 
d. h. wegen Reubens. Zur Rechtfertigung dieser Ueber- 
setzung heisst es im Sifri: 


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106 


M. Heidenheim. 


»Hat sich denn Jakob nach der Kopfseite des Lagers 
geneigt? Er dankte und pries Gott, dass nichts Verwerf- 
liches von ihm ausgegangen sei ! Manche sagen auch, Israel 
habe sich wegen des Stammhauptes gebeugt, denn 
Reuben that Busse».*) 

Reuben, der sich schwer gegen seinen Vater versün- 
digte, soll nach dem Midrasch durch lebenslängliche Busse 
sein Vergehen gebüsst haben, was auch Moses (Deut. 33, 14) 
in den Worten; es lebe Reuben und sterbe nicht, ange- 
deutet habe. 

Jedenfalls sehen wir ans diesem Midrasch, dass die 
Leseart der LXX auch von den alten Erklärern adoptirt 
wurde, ob die LXX von diesem Midrasch beeinflusst wurden, 
lassen wir dahingestellt sein. 


II. lieber das Citat aus Psalm 40, 7 im Hebrierbriefe. 

In allen unsern Commentaren suchen wir vergeblich 
Aufschluss über das im Hebräerbrief 10, 5 aus Ps. 40, 7 an- 
geführte Citat. Wir haben es hier zwar streng genommen 
nicht mit dem Verfasser des Hebräerbriefes, sondern mit 
den LXX zu thun, da das Citat wörtlich aus der griechischen 
Uebersetzung eingerückt ist. 

Die bekannte Stelle Ps. 40, 6 IVO D^TN »Ohren hast 
du mir gebohrt« übersetzen die LXX ödapa öh HaTTjpriöco pioi 
»einen Leib aber hast du mir zubereitet.« 

Bis jetzt ist es unmöglich gewesen, die Uebersetzung 
der LXX zu rechtfertigen, da sich keine dem öoopa ent- 
sprechende Variante erhalten hat. 

Bei dem Standpunkte der Sache bleiben nur zwei Aus- 
wege übrig: entweder haben die LXX hier frei übersetzt, 
oder es muss sich ein paläographischer Fehler eingeschlichen 
haben. 


*) Vgl. Sifri zu Deut. Pirka 31. 


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Schriftauslegungen . 


107 


Bleek versuchte die Schwierigkeit dadurch zu beseitigen, 
dass er annahm, die LXX hätten ursprünglich statt öajpia, 
cara oder coria gelesen, und weil man diese Leseart nicht 
verstehen konnte, so hätte sich 6oo^a eingeschlichen!*) Be- 
kanntlich findet sich aber diese Leseart erst bei Irenäus, 
und somit kann uns die darauf gegründete Conjectur nichts 
helfen. 

Viel begreiflicher ist es indessen, wie Ebrard sagt,**) 
dass wenn diese freie Uebersetzung ögojux k\. die ursprüng- 
liche war, sich später, zu des Origenes Zeit, aus dem Streben 
der Conformirung mit dem hebräischen Texte die Leseart 
cora bildete, als dass umgekehrt aus einem ursprünglichen 
oora die Leseart öco/jia entstanden sein sollte. 

Ist es auch bis jetzt nicht gelungen, diese Ueber- 
setzung zu erklären, so sollte man es nicht an Versuchen 
dazu fehlen lassen. Viele dieser Textschwierigkeiten sind 
durch paläographische Versehen entstanden, und auch im 
vorliegenden Falle kann nur von dieser Seite aus die Lösung 
des Knotens angestrebt werden. 

Wir schlagen darum die folgenden zwei Lösungs- 
versuche der Stelle vor. 

1) Betrachten wir das Wort OUTK mit dem ihm voran- 
gehenden Worte DMTN DSßn so muss zugegeben 

werden, da das erste Wort mit »Tav« schliesst, und das 
folgende mit »Alepb« beginnt, dass leicht ein Versehen statt- 
finden konnte, da a und a im alten Alphabete sehr oft 
verwechselt wurden. Ein Abschreiber konnte also das eine 
als Tav gelesen, und das andere als überflüssig beseitigt haben. 
Statt wäre dann D^T stehen geblieben. »Sain« und 

»Vav« wurden häufig verwechselt, und »Nun« konnte im alten 
Alphabete leicht für *>Pe« gelesen werden. So konnte statt 
ü'jT, D'ßl gelesen werden, was zwar keinen Sinn gab. Konnte 

*) Viel einleuchtender hat schon Semler in seinen Vorbereitungen 
zur theolog. Hermeneutik, zweites Stück p. 336, aus <ona atofia bewei- 
sen wollen. 

**) VgL dessen Commentar zum Hebräerbriefe zur Stelle. 


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108 


M. Heidenheim. 


nicht der Uebersetzer , um einen Sinn herauszubringen , ein 
Gimel zugefiigt und das gestrichen haben? War dieses 
der Fall , so ergibt sich uns aus DMTN , = öco/ia. Kam 

der Uebersetzer zu diesem Schlüsse, so konnte er sich leicht 
unter fH2 eine Corruption aus HK" Q denken, und er las 
dann ^ ntTD *|U ! 

2) Auch ist es nicht unmöglich, diese Schwierigkeit aus 
der griechischen Paläographie zu erklären. Schon Tychsen *) 
stellte die Ansicht auf, dass zuweilen der hebräische Text mit 
griechischen Buchstaben geschrieben wurde. Was nun gegen 
diese Ansicht eingewendet wurde , ist nicht hinlänglich , um 
diese Hypothese völlig über Bord zu werfen. Man kann es 
nicht in Abrede stellen, dass dann und wann hebräische 
Texte mit griechischen Buchstaben geschrieben wurden, und 
nur durch diese Annahme lassen sich manche Abweichungen 
der LXX erklären. 

Das Schreiben hebräischer Worte mit griechischen Buch- 
staben gab nun auch Veranlassung, in dem einen und dem 
andern Worte einen griechischen Ausdruck zu erblicken. 
Man vergleiche z. B. (Jes. 2, 13) jEDPl ^2 ^17*1 »und 
über alle Eichen Basans« , welches die LXX mit sm nav 
öivSpov ß dcXay ov ßaöav über alle Eichelbäume Ba- 
sans übersetzen. Wer sieht hier nicht, dass man 
= ßaXavos »Eichel« betrachtete? 

Wenden wir nun das Gesagte auf die in Frage stehende 
Stelle Ps. 40, 6 an, so finden wir auch hierdurch eine Lösung 
der Schwierigkeit. Denkt man sich mit der griechi- 

schen Uncialschrift geschrieben goCNA, so wird wohl ein- 
leuchten, wie coC leicht Cco und M leicht MA gelesen wer- 
den konnte. So kann man sich also aus coCNA CooMA ent- 
standen denken. 

Allen denen, die mit griechischen Handschriften Be- 
kanntschaft gemacht haben, muss es klar sein, wie auf diese 
Weise unser öcopa in den Text gekommen sein mag! 

*) S. Tychsens Tentamen p. 63. 


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Schriftauslegungen. 


109 


III. Heber das Citat Jes. 61 , i im Lukasevangelium. 

Auch Jes. 61, 1 findet sich eine Uebersetzung in der LXX, 
die auch Luk. 4, 18, wo diese Stelle angeführt wird, auf- 
genommen ist, welche völlig vom Urtexte abweicht. 

Es sind nämlich die Schlussworte des Verses Emofc^i 
Hip Plpfi, welche die LXX durch nai xv(p\oU dvdßXsipiv 
übersetzen. 

Auch hier können wir wiederum nach den oben ange- 
wandten Regeln die Uebersetzung auf den Urtext zurück- 
führen. Es ist klar, dass a und a, *1 und C und D, 
D und £ leicht verwechselt wurden. Es ist darum nicht 
schwer einzusehen, wie aus Emofc6i, 

= xa\ rv<pXols entstanden ist. Dass man mp flp£ durch 
avanXvpiv übersetzte, ist einleuchtend, da ja Hp£ sehen 
bedeutet. Auch fasste schon das Targum diese Worte so 
auf, weil es sich den Gefangenen im finstern Kerker dachte, 
der dann wiederum ans Licht kommen sollte. 

Der Zusatz Luk. 4, 18, dnotirdXbti rsSpavöpivovs tv 
äcpiöei findet sich nicht in der LXX, jedoch mag sich ein 
Fragment davon in dem masorethischen Texte erhalten 
haben. Um mp Hp£ erklären zu können , schlug Kenic. 
eine Vergleichung mit vor. Allein es ist nicht un- 

wahrscheinlich , dass mp das Fragment des uns im Evan- 
gelium erhaltenen Zusatzes ist. Koph und Resch wurden 
oft verwechselt. Stand also ursprünglich ITT) oder HPIp 
»Befreiung«, so können wir darin iv acpiöei, Luk. 4, 18 
wiedererkennen. 


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II. 


Samaritanische Festhymnen. 

Von 

Dr. ##. 3jribrnl)rim, 


Folgende zwei Hymnen bilden die Fortsetzung der 
Bd. I. S. 432—442 aus Cod. 19009 Add. Mss. des britischen 
Museums mitgetheilten. Dem Inhalte nach sind sie für den 
Versöhn ungstag bestimmt. Ganz besonders möchten wir die 
Aufmerksamkeit der Leser auf den Schluss der zweiten 
Hymne richten, die mit einer Bitte für die Ankunft des 
Messias (Tehaf) eingeschaltet ist. Auch diese Stücke sind 
in einem Hebräisch abgefasst, dem manchmal jede gramma- 
tische Unterlage fehlt. 

Alle samaritanischen Texte haben ihren Werth, selbst 
wenn sie auch, wie dieses bei den folgenden der Fall ist, 
erst im 14. Jahrhundert abgefasst sind. Die Abfassungszeit 
aller samaritanischen liturgischen Stücke genau zu bestim- 
men, ist bis jetzt unmöglich. Im vorliegenden Falle, be- 
sonders bei dem ersten Liede, kann dieses geschehen, weil 
der Priester Abraham V. 33 selbst das Jahr der Abfassung 
angibt. — In der zweiten Hymne (V. 33) nennt sich Tobias 
der Priester als Verfasser. *) 

An ganz eigenthümlichen Wortbildungen fehlt es auch 
in diesen Stücken nicht. So wird z. B. oft PQItJf »Busse« 


*) Was neulich gegen das hohe Alter der Dichtungen Marka’s 
(Zeitschr. der deutsch-morgenl. Gesellsch. Bd. XXII. p. 534) eingewendet 
wurde, ist, wie leicht bewiesen werden kann, falsch. Eine gleiche Be- 
wandtniss hat es mit Herrn Geigers andern willkürlichen Conjecturen und 
Entstellungen. Vorläufig sei auf die Note S. 128 verwiesen! 


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SamaritÄüische Festhymnen. 


111 


statt rawn gebraucht. *) Auch die Samaritaner beten für 
die Ankunft des Messias, wie aus V. 47 der Hymne II er- 
sichtbar ist. Mehr darüber wird in den Anmerkungen zu 
den christologischen Stücken, welche nebst andern näch- 
stens in einer Separatausgabe erscheinen werden. 

Für die Dogmatik ist es von Interesse, dass auch die 
Samaritaner an eine Erbsünde glauben, wie das aus der 
Hymne des Tobiahs V. 24 hervorgeht. Wie oft sie in ihren 
Schriftauslegungen mit der altjüdischen zusammenstimmen, 
beweist die Auslegung Gen. 21, 8. 


*) Zuweilen stösst man auf ganz unverständliche Worte, die 
vorläufig dem Sinne nach übersetzt werden müssen. So z. B. nan , das 
im Midrasch Meschalmah s (Bd. I. S. 442) vorkömmt. Erst aus der 
(Jebersetzung der Stelle Matt. VI, 6 im Cod. Hierosol. des Vatikans wurde 
die Bedeutung dieses Wortes, wie Bd. II. S. 475 angemerkt wurde, klar, 
wodurch auch ein Theil der Strophe in dem angeführten Midrasch ver- 
ständlich ist. Man hat nämlich ma rr zu übersetzen : »um 

(Kaleb) des Kenesiten willen, vergelte mir nicht.« 

Nachdem die Bedeutung des Wortes nar von mir gefunden war, 
will Herr Br. Geiger in der ihn so kennzeichnenden Weise alle Welt 
glauben machen, er habe die Bedeutung des Wortes längst - erkannt ! 
na »vergelten« sagt er (Zeitschr. der deutsch-morgenl. Gesellsch. Bd. XX. 
S. 173 Anm. 3) ist im Samaritanischen häufig, und Heidenheim selbst 

hat es bereits mehrere Male gebracht, aber verkannt « und fährt er 

weiter fort: Auch in Ab Gelugah’s Gebet heisst es: c-3*n yc nV-t 
rmshnn na*! »der nicht aufreibt wegen Schulden und vergilt nach 
Barmherzigkeit.« 

Früher hat aber Herr G. (Zeitschr. d. deutsch-morgenländ. Gesellsch. 
Bd. XVIII. S. 821) dieselbe Stelle übersetzt: »Nicht aufreibt wegen der 
Schuld und wegstreicht mit Erbarmen« (eine überaus geistvolle 
Uebersetzung)! Damals kannte er die Bedeutung von na, das, wie er 
nunmehr sagt, so oft vorkömmt, noch nicht! Wer hat ihn denn den 
Sinn dieses Wortes gelehrt? 

Nachdem er die oben angeführte Note gelesen, ist er kühn genug, 
die gelehrte Welt mit einer neuen Wortbedeutung zu bereichern. 


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112 


M. Heidenheim. 


I. 

Midrasch des Priesters Abraham. 


: ‘MITA • ZA ’ H A 

: aauffli • Ai 

• t)z ♦ uz»* 

♦ a"*A ■ aatfua 

1 

: tffl 19« • aT3V 

: am»*«« 

* ♦ za ♦ »a 

• za« ♦ f zja • tz 

2 

: vafli * v«"* 

: a»« • stav 

’ Uta« * ZA • H A 

• »a*"*a • m« 

3 

: ■ a^fli 

: aflwnjA ♦ aza 

• maa * amjj 
• Vflia} ♦ aTthtt 

4 

: aTav • aaa 

: aja« • Amz 

• aTaz * az 

* aaaz«t 

5 

: P"Ma • aavz 

: amaA • tflUAt 

• paj • aaitea 

• psb . Afna 

6 

: fliAtvafli 

: auiAV • aavz 

• fliA«a« • az 

• AiAaA • flia« 

7 

: Afliam * mjA 
: a«A • az 

• flia« • a}« 

• fliaTV ♦ »« 

8 

: ffljtv * aa«t 
: am«f • vaa 

♦ mj«a • a» 

* mj«a * a^A 

9 

: TfliaiAfliA * flia 

: aa« • umat 

• aaa • v"*j 

• T3A * m«ai 

10 

: fliAtAfga 
: aAm ♦ aattf 

• H AV ♦ flljA 

♦ STA"* ♦ mazt 

11 


‘) bedeutet nach Vers. Sam. Deut. 21, 20 Abfall 
*) L. flUUA"*} • 

5 ) Man vergleiche das hebräische nie »drängen« , wonach das Wort 
hier zu erklären ist. 

4 ) Dieses scheint der Sinn der Stelle, pju*mj ist mit pp® »ver- 
sinken« zu vergleichen. Vielleicht ist aber auch an Gen. 15, 2 zu 


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Midrasch des Priesters Abraham. 


113 


I. 

Midrasch des Priesters Abraham. 

1. 0 mächtiger Gott, vergib uns 

Durch deine Gnade, die nicht weichet I 

2. Dein Diener blickt auf (zu dir), Gott, Herrscher, 
Behüte ihn vor jeglichem Abfalle ! *) 

3. Höre, o Gott, Befreier, das Schreien. 

Dessen, der jetzt mit seiner Busse eilet! 

4. Vor dir. mein Herr, beugen 2 ) wir das Haupt 

Und mit bedrücktem 3 ) Herzen erflehen wir deine Gnade. 

5. Zu dir allein kömmt dein Diener, 

Denn ausser dir gibt’s keinen Versöhner. 

6. Durch deine Gnade befreie deinen Diener, 4 ) 

Obwohl in schwerer Sünde, erkenne ihn wieder an! 

7. Zu dir erhebe ich mein Flehen; 

Begnadige, mein Herr, einen flehenden Diener! 

• 8. Vor dir, Herr, fürchte ich mich. 

Wie kann ich zu dir für meine Heerde beten? 

9. Diese ist gleich mir, wegen meiner Sünden Menge, 
Sie ist gleich mir gehüllt im Bösen. 

10. Schwere Sünde lastet auf mir, 

Es schwinden meine Gebeine, und verbittert ist mein Geist. 

11. Meiner Sünden halber bin ich in Angst, 5 ) 

Es bebt 6 ) mein Herz, doch deine Güte ist überschwänglich. 


denken, wo die Sam. Vers, p»« -p durch ns »Vorsteher« des Hauses 
übersetzt. Der Priester ist Vorsteher des Gotteshauses. Man hätte dann 
zu übersetzen: »Befreie mit deiner Gnade den Vorsteher, 
der sich schwer versündigte« u. s. w. 

5 ) = nFjn »Furcht«. 

•) */**"• = ns» und sn» fürchten, beben. 

Viertcljahrsschrift. IV. 1. 8 


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114 


M. Heidenheim. 


: aaA ♦ Atfaa 

: aaaA • «« 

• aaa • mjA 

• aaj ♦ taa* 

12 

: Atjtv ♦ am • »v 
: atJtfA • AfflZ 

♦ AtAf a * au 

♦ Atv"*j • am 

13 

: Aa*“ • ffliVf 
: afflAtA • <n"*-Jj 

• aaA ♦ mjtv 
♦ ava«a ♦ av 

14 

: aj*f*a ♦ ti • Amz 
: afliaAi*» ♦ ma 

♦ ajva • ßijtv 
• aAt*t • aut 

15 

: Am'av ♦ mz • <«a 
: ama«* • va • J« 

* aa« • au ' aiti 

♦ AmaAtiia • ma 

16 

: «av • aaav 

: afflpffl • za •'«a 

• VAVA»at 

♦ aaa • aamz 

17 

: »"*p • mjA 

: aaj« * attfzt 

♦ • Ja • Ja» 

• ***v ♦ vaz 

18 

: mazt ♦ in"*jj 
: ama^ • aza 

• ma<nz"\fc ♦ va 
• aaaj • «av 

19 

: m3a ♦ "*ajjt 
: affirtn * JJ» 

• fflaa ♦ »ap 

• maia • zat 

20 

: ZAtt • aav 

: a«Affl • az 

• Z"Ma • Af aa 

• zjv ♦ aat 

21 

: vaffl • v*a"*-t 

: a^flit • aatmt 

• aat" ♦ aAa 
• aa^di • Ja 

22 

: aJ ♦ a* u * aatfaa 
: am^j • «aat 

«Jtv • aavt 
• ajAOia • «a 

23 


7 ) H^A ■=* »Bürde«. Vielleicht ist auch »lang« zu lesen 
und auf den andauernden Sündenstand zu beziehen. 

®) flU * ^ * AA*iI gibt keinen Sinn, man wird darum * A ftt 

zu lesen haben. 


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Midrasch des Priesters Abraham. 


115 


12. Unter der Sündenbürde 7 ) schwinde ich dahin, 

Wenn wir so verirren, was kann ich sagen? 

13. Meine Sünden gleichen dem Meere, 

Und auch meine Verbrechen sind unzählbar. 

14. Meine Sünde ist eine Bürde und lastet auf mir, 

Bis dass meine Seele vom ^Mutze voll ist. 

15. Zahllos gleich dem Staube wBf^eine Sünden, 
Offenbare nnd geheime Sünden sind in mir verborgen. 

16. Wehe mir, wenn du mein Uebel 8 ) erblickest! 

(Denn) völlig bin ich dem Bösen ergeben. 

17. Und wie ein Verirrter ist dein Diener jetzt, 

Zu dir kömmt er, o herrlicher Gott! 

18. Meine Seele ist der Gnade (ferne), ich bin verhärtet, 
Ich thue Böses, und bin dem Guten entfremdet! 

19. Meine Seele, mein Herz, weg mit dem Bösen, 

Mit gebrochenem Herzen lasst uns nun weinen! 

20. Auf (zu dir), mein Herr, lasset die Hände uns .ausbreiten, 
Und jegliche Plage wird von uns weichen! 

21. In der Herrschaft der Sünde findet der Knecht einen 

Erlöser , 

Und wie ein Gefesselter 9 ) ruft er dich an. ,0 ) 

22. Erneuere die Busse, und höre das Flehen 
Dessen, der da preiset, dankt und lobsingt! H ) 

23. Vergib durch deine Gnade deines Volkes Sünde, 

0 (du) der erhöret, denn Licht bist du! 


•) 2JV =~ is« 

,0 ) Wenn selbst Jemaqj ganz von der Sünde beherrscht wird, auch 
dann kann er noch daraus erlöst werden. 

*') st vsnt i. 

8 * 


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116 


M. Heidenheim. 


9"*9 • Za • -fflPt 
a«Ti* 13 ) • zaz 

♦ ♦ SAS 

• ajat • «zi* 

24 

H AV ♦ 9tai* 

WA * AZ * Ja 

• »ZAZAZt 

• h Afflaazt 

25 

tmva • a(t)av 

• AMT 

• tm/tf « • a“*- 

• tian as • »«9 

26 

araz"» • 

9«aTA • 9tfZ9 

♦ flizzj • az 

• mm p • aaa 

27 

ajAffl999 

9Ja ’ tjz 

• aJ"»aTA 
♦ ajsaat 

28 

9 "*a * T9VZ 

anm • a fi 

"»pam • az 

♦ JUUtpUA ♦ 

29 

aazt * A<ntta 
affltf a • mj« 

• satt* * ffljtv 

• aza • z«va 

30 

atz“ * ataa • «tm» • «a * am"»t 

a«JA« • ta • «tA«i • za • zv 

31 

«<iOa • a«ffl} 
amAtfli • «fluiraa 

aiaija-^a • «vzt 
* «<10"* v um* 

32 

"»aa«» • *a 

amJti* • Aamr • aX 

• "»Ja • aT9v 

• "»Z9A * Aj"» 

33 

aav • V"*ja 

a"»m • a"»m 

• a"»m * luv * $fA 

• a'äAt • »a?ra9A 

34 


**) Wörtlich: Um Willen des Vaters (alles) Fleisches. Anspielung 
auf Adam, denn durch ihn ist ja die Sünde in die Welt gekommen. 
Würden nicht in dem Folgenden sogleich die drei Erzväter erwähnt, so 
hätte man statt »Vater der Botschaft« lesen können. 

Diese Bezeichnung müsste sich aber entweder auf Abraham oder Moses 
beziehen, die aber beide genannt werden. 

if ) L. =s -ms 

M ) D. i. Joseph; vgl. Deut. 33, 16. 

,5 ) D. i. Moses. * 

16 ) D. i. Moses. 

17 ) Ist wohl auf »Pinehas« (vgl. Num. 41, 11) zu beziehen. 


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Midrasch des Priesters Abraham. 117 

24. Adams 12 ) wegen und wegen des Endes alles Fleisches 
Vergib (uns) und versöhne die ganze Gemeinde! 

25. Gedenke nun der Drei (Erzväter) 

Und des Bundes, darum zerstöre nicht! 

26. Vergib seinen Sünden, seiner Bitten halber, 

Denn er ist der Gekrönte 14 ) unter den Brüdern. 

27. Zu dir flehe ich um des grossen Boten 15 ) willen, 
Gedenke meiner Gemeinde in Güte! 

28. Um deines Lehrers 16 ) Willen bitte ich dich, 

Und vergib uns auch deines Priesters 17 ) wegen! 

29. Versöhne den Diener, der dich suchet, 

Um Willen dessen, der dem guten Manne gedient! 18 ) 

30. Meine Sünde, welche Mund und Herz beherrscht, 

Lass um Kaleb’s Willen von mir weichen! 

31. Segne den Gesang dieses Tages, 

Der unter den Fasttagen der herrlichste ist! 

32. Und zu dem reinen Volke lasst uns sprechen , 

Gott möge ihm viele Lebensjahre zutheilen. 

33. Dein Diener verfasste diesen Midrasch 
In dem Jahre, da man 799 19 ) zählte. 

34. 0 gerechtes Volk, die Sünde ist weg, 20 ) 

Es sagt Abraham : Jaschar Jaschar ! 21 ) 

,8 ) D. i. JoBua, der Diener Moses’. 

**) Diese Zahl ergibt sich aus den im Texte unterstrichenen Worten : 

400 2 30 300 50 1 5 10 1 

Es wurde also dieser Midrasch im 14. Jahrhundert, da die Samaritaner 
ihre Jahre jetzt nach der Hedjra berechnen, abgefasst. 

*°) Auch kann übersetzt werden : Abraham hat die Sünde abgewen- 
det, d. h. er, der betende Priester, hat durch sein Gebet Vergebung der 
Sünden erwirkt. L. = nm mangeln, d. i. wegsein. 

n ) Das ist ein Glückwunsch, wie sich ein ähnlicher im rabbinischen 
Judenthume erhalten hat. 


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118 


M. Heidenheim. 


II. 

Midrasch des Priesters Tobiahs. 


: tjnm * »a 

* tjz • szi* 

. l 

: tjam • az ♦ a"\A 

♦ a»ita9 


: mjA • auiZA 

♦ ffljp ’ ZA * »A 

2 

: mjvm"*tA 

• fflJJ ♦ A«“A 


: tfmaj * amZA 

* * ZA • »A 

3 

: mjA(m)<ntA 

* vmaafli • zaa 


: »»mav ♦ za 

♦ VTffl * ZA »A 

4 

: mjpm«iaA 

• »a« • zaa 


: a«**a • aatv 

* a "Nil ‘ ZA • »A 

5 

: tjza ♦ jz 

• a«“Jt * «zi* 


: za« • za ♦ ia 

• aza ♦ za • «a 

6 

: tjamtf um 

amz"*m . ama«a 


: az(t)vz • TfflaA 

• aztv • ZA ’ «A 

7 

: tjz • ataä 

• aztv- Amaa 


: atap • flijp 

• atua • za • «a 

8 

: tjzflim 

• atztf • zaa 


: aaaa * zaa 

♦ -u*aTA ♦ afflZA 

9 

: tjAflia« 

• "«-TPa • zaa 


: aaaj • aZAt 

• Aamj . aaa 

10 

: tjmata • Ja 

• »a« • zaa 


: vmirn • mjAt 

• am* ♦ mjtv 

11 

: tjvnwnv ♦ zv 

* VffltaA • AZ 


: zmtv • »aat 

• zm ♦ ffljtv 

12 

: tJJAAT ♦ ja 

• zfliatfe • aa 


: za<n • »aa» 

• za» ♦ a ja*“ 

13 

: tJffl«ZA ♦ AAT 

• ZAt ♦ aTitea 

• 

*) Vgl. das hebr. ms 



*) Vielleicht soll auch durch 

•*“TPa • zaa das 

»Allerheiligste 

verstanden werden. 




Die * by LnOOQLe 



Midrasch des Priesters Tobiahs. 


119 


II. ' 

Midrasch des Priesters Tobiahs. 

1. 0 Herr, vergib uns, 

Vermöge deiner Gnade, die unzählbar ist! 

2. Zu dir, o Gott, mein Beschützer, 

Erhebe ich mein Antlitz, hilf mir! 

3. Zu dir, o Gott, Herrscher, blicken wir auf, 

Befreie uns — aus aller Noth ! 4 ) • 

4. 0 Gott, dem jede That bekannt ist, 

Halte jegliche Noth von uns ferne! 

5. 0 gerechter Gott, der Recht übet, 

Vergib und befreie uns Alle! 

6. 0 Gott, König, Gott des All’s, 

Sende Barmherzigkeit, und lass es uns wohl gehen! 

7. 0 Gott der Welt, der ewig besteht, 

Gedenke unserer des ewigen Bundes ! 

8. 0 barmherziger, eifersüchtiger, heiliger 2 ) Gott, 
Errette uns aus jeglichem Drucke! 

9. Zu dir flehe ich bei jedem Anliegen ; 

Leite uns ganz* ins Heiligthum ! 3 ) 

10. Vor dir fürchten wir uns, und zu dir fliehen wir: 
Verschaffe uns Raum in jeglicher Noth! 

11. Genug sind meiner Sünden, und müde bin ich ihrer, 
Bestrafe 4 ) sie nicht unserer Verstocktheit wegen! 

12. Gross ist meine Sünde, du siehest es ja, 

• Schwer die Bürde, wer soll sie uns abnehmen? 

13. Vergib sie alle, denn du vermagst es, 

Erlöse (uns) durch deine Gnade, denn du bist ja unser Gott. 

*) L. 

4 ) = wb »stossen, tödten«. 


Digitized by 


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120 


M. Heidenheim. 


: aaBA • >«t 
: tja • jAt 

* aattf • aaa 
• aal« • am»f« 

14 

: azT? • aaa 

: mjamzta 

• azvj • atf 
• aZB • J« • b a 

15 

: azvj • Jat 
: tjAimnta 

• BAA ’ PfllTfll 
• BAtJJ • J« 

16 

: aa* • aatV 

: tJJZAa • «pt 

• a«A • B9t"*- 

• T«BA • b« 

17 

: tjz • BAat 
: tjA« * aV 

♦ jja • aTitaa 

• jjmzv * 9t-«« 

18 

: • Jtv • za 

: • za 

• a-“*-} • a«"*- 
• a“*a * aT^Ba 

19 

: aAffl • mziBt 

: tJaAJ • «at 

* 9a*0b • az 
• aAt« * tv • aat 

20 

: TBaA • azt 

: tJtBa * }«t 

• TB AB * BAA 
•TBJj'a«« 

21 

: aaav • Tav 

: * za 

• aTt*BS • ZA? 

• aTm * Bta9 

22 

: jtm • AAt 
: tJamz"*-B 

♦ jmj"* * mjA 
* j«jp * za« 

23 

: «tpaa • J«t 
: tja* ♦ za 

* «ta • ata*t 

• «"»ab • ajat 

24 

: a(v)a* • az<n«t 
: tJ(t)aA • «tm 

*a nia«J * Bat-»« 

* aaAT • Bja 

25 


6 ) Das ist wohl hier die Bedeutung von *542.%’ * von dem Wege 
d. h. von dem Irrwege. 

6 ) D. b. aus dem geistigen Exile der Sünde. 

7 ) Vielleicht auch : bringe uns die guten Gaben zurück. Falsch fasst 
die Stelle Gesenius auf. Vgl. Carm. Sam. p. 75 ff. und de Sam. Theol. 
p. 45. Auch hat schon Kircheim S. Karme Schomron p. 98 das Richtige 
gefunden. 


t 



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Midrasch des Priesters Tobiahs. 


121 


14. Deiner grossen Güte, und deiner Liebe halber, 

Lass deine Plage weichen, und verleihe uns Gnade! 

15. Gut ist dein Werk, wegen deiner grossen Erhabenheit 
Führe uns von dem Irrwege 5 ) zurück ! 

16. Gerecht bist du, und so wirkest du auch, 

Befreie uns aus der Verbannung! 6 ) 

17. Sprich: kehret zurück! Gedenke deiner Güte, 

Wie sehne ich mich danach, ja stehe bei unsern Tausenden ! 

/ 

18. Begnadige uns mit deiner Gnade, und blicke auf uns, 
Kehre zurück zu uns 7 ) (du) gütiger Spender! 

19. Dein Name vergibt, jegliche Sünde und Missethat, 
Vergib durch deine Gnade alle unsere Vergehen! 

20. Dein ist das Verborgene und Offenbare 

Ueberschwenglich gross und erhaben ist deine Herr- 
lichkeit ! # 

21. Du bist der Einzige, der nicht vergeht. 

Vor dir und vor deinem Winke 8 ) fürchten wir uns. 

22. Erlöse durch deine Gnade den Diener deines Dieners 
Mit deiner starken Hand (erlöse uns) stets! 

23. Niedrig bin ich, du aber der Erhabene, 

Entlasse uns aus aller Drangsal! 

24. Gedenke Adams und der Jahre der Vorzeit, 9 ) 

Und vergib die Schuld zu jeglicher Zeit. 

25. Wir sind der Busse bedürftig, und beglüche deinen Samen 
Uig Noah’s Willen , der durch die Arche den (Wel£)tag 

verlängerte ! 

*) tto »Daumen« d. h. wenn Gott mit dem Finger winkt, d. i. droht. 
*) B. Mjyp ♦ AtJ"*- was einen bessern Sinn gibt. Nach dem buch- 
stäblichen Texte wäre zu übersetzen: und gedenke dessen, was vorher- 
ging , worin vielleicht eine Anspielung auf den sinnlichen Zustand Adams 
vor seinem Falle liegen soll. 


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122 


M. Heidenheim. 


: amPA • aattf 
: tja-“»« ♦ af t 

• afflP<iiT<nat 

• a<ma« • aa"*a 

26 

: a» a» ♦ aaaaA 
: tJamA • Ja 

• aA h * zava 

• a<mn* • Amaa 

27 

: zoiata* • a • Ja 
: tjmaa? ♦ za 

* zmaj* • Jat 
♦ amzfli*(t)aattf 

28 

: ZAtJJ • aat 
: tjAflm* 

♦ * za* 

• z<na"»$r * attf 

29 

: JaAj ♦ zaa 
: tjim • az 

• JaJa * jat 

• JaA * fliva 

30 

: *aa • H» a 
: tJJtTA 

• flIAZAZt 

• *aa ♦ jtja 

31 

: aamz"* • Jat 
: tJpmaaA 

• aAtnajt • aaava 
• aAfliaita * Ja 

32 

: amjaAj* 

♦ amjaaat 

33 

: at Ja • av • za 

• amja • jre 

- 

: Ja« • aaaa 
: tJtAAa 

• jaTtazAat 
* jmafli* • mjzt 

34 

: afliaA • a"*A 

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• afliaA • atAAa 
• am(J)aa • AJa 

35 

: mAtBAa • Ja 
: vtja • njaz 

• mA^At • zapt 

* fllAat*“ * ZAt 

36 

: "»apt • a«tf 
: tjz * aaat 

• "*jj«r * ajt 

• "*-ta • vaat 

37 




l0 ) Gott selbst, so heisst es in der sam. Chronik, habe ihnen die 
Zeitrechnung geoffenbart. 

n ) Wörtlich »der am achten Tage beschnitten und errettet wurde.« 
so ist nach Vers. Sam. Gen. 21, 8 zu übersetzen, denn Vttäh dts 
übersetzt d. Sam. durch niaVe era »am Tage der Errettung«. Dieser 
Uebersetzung liegt eine alte Auslegung zu Grunde, die Ber. Rabb. Cap. 53 


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Midrasch des Priesters Tobiahs. 


123 


26. Und wegen der Frommen lass deine Güte walten 
Welche dein Gesetz und eine genaue Zeitrechnung 

beobachten). 10 ) 

27. Um des geliebten Vaters Abraham Willen 

Halte seines Glaubens halber deinen Bund aufrecht. 

28. Und wegen dessen, der am achten Tage beschnitten 

wurde , 11 J 

Möge deine Güte alle unsere Wege uns gelingen lassen! 

29. Und der Gott Israels und der erhabene Penuels 
Thue uns den guten Weg kund! 

30. Und wegen dessen, welcher über alle Gläubigen erhaben, 
Ein Hirte, ein Stein ist er dir, beschütze uns! 

31. Blicke auf die Drei, 

Durch sie bist du unser Gott geworden. 

32. Um deines Dieners und Propheten und deiner BotenWillen, 
Halte Seuche von uns ferne ! 

33. Und deiner treuen Priester wegen, 

Lass diese Kinder jederzeit Ruhe finden! 

34. Und ihrer Lehre halber, gib ihnen ihren Lohn, 

Und uns den Fastenden (vergib) unsere Missethaten! 12 ) 

35. Um desOrtes 1 3 ) deines LandesWillen, welches dein Land ist, 
Heile dein Lager und führe uns zurück ! 

36. Und nimm auf und vergib den Büssenden, 

Und weise ein gebeugtes Herz nicht zurück! 

37. Und lass eine jegliche reine und heilige Seele Ruhe finden, 
Treibe aus das Böse 14 ) und segne uns! 

aufbewahrt. Za Gen. 21, 8 bemerkt Rabbi Hosch^ja L. c.: rin ist» 

»er (Isaak) wurde vom bösen Triebe befreit«. 

,f ) D. h. die am Versöhnungstage fasten. fcJtAAe ■■ *rtn**n 
,a ) D. i. der Berg Garizim , den die Samaritaner als den allerheilig- 
sten Ort betrachten. 

,4 ) 


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124 


M. Heidenheim. 


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44 

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45 

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46 

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47 

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48 

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: tjAfliTt» 

• m*atm • *amjA 

• ma**«* • ffljA 

49 


M ) »geheime Schrift« gibt keinen Sinn, dafür ist aber 

zu lesen: w*n »Oberhaupt des Lesehauses« d. h. 

der Hohepriester. 

I6 ) L- 

,7 ) xar’ egoxfjv wird dieser Tag bei den Juden jos-p »der Tag« 
und ron iosv ; Philo (Opp. II. 296) nennt ihn ioQtrj ij \ityiax%]. 


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Midrasch des Priesters Tobiahs. 


125 


38. Sei dem zerknickten Herzen wohlgefällig und vergib, 
Und verzeihe mir meine Sünden und lass es mir gelingen ! 

39. Versöhfte und vergib dieser Gemeinde, 

Für die ich bittend vor dir niederfalle. 

40. Lass die gute Gemeinde und das Oberhaupt 15 ) 
Frieden und Freiheit erlangen! 

41. Und nimm an, Jehovah, der beachtet 
Und jegliches Flehen höret und antwortet! 

42. Ja das Flehen deines Volkes, das aufblickt zu dir, 
Lass deine Güte es erfreuen, 16 ) denn du erhörest! 

43. Nimm es (das Flehen) von mir auf, und erhöre das Flehen, 
Ja du erhörest und antwortest uns. 

44. Lass uns deiner theilhaftig werden, ewig wollen wir 

dir anhangen, 

Dann wird auch unser Flehen dir anliegen. 

45. Möge der grosse Fast(tag) 17 , zum guten Andenken 

(gerfeichen) ; 

Wenn dir die Busse wohlgefällt, so sind wir dein. 

46. Lass ihn, der Hülfe bringt, verkünden 

Der Gemeinde, lass uns (die Nachricht) hören! 

47. Lass auferstehen den »Tehab« 18 ) und den Bund des 

Friedens 19 ) 

An diesem Tage, unsern Lehrer Moses! 20 ) 

48. Und ich Tobias, der da betet, 

War einer von den Priestern. 

49. Verleihe freie und freudige Tage, 

Mich und meinen Namen habe ich kundgethan! 

>8 ) Anspielung auf Deut. 18, 18. Also auch bei den Samaritanern 
gilt diese Stelle als messianische Weissagung. 

,9 ) D. h. der Messias erwirkt den Friedensbund. 

*°) Mit dem Erscheinen des Messias kömmt auch Moses wieder. 


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III. 


Zur Logoslehre der Samaritaner. 

Von 

Dr. 


Bis jetzt wurde noch wenig aus den mir zu Gebote 
stehenden Handschriften der samaritanischen Literatur ver- 
öffentlicht , aber selbst aus den bereits gedruckten Stücken 
lassen sich schon ganz wichtige Nötizen für die Dogmatik 
verwerthen. Leider ist jedoch in den Besprechungen meiner 
samaritanischen Mittheilungen dieses verschwiegen oder ent- 
stellt worden. 

Bezüglich der Logoslehre finden wir in der samarita- 
nischen Literatur dieselben Ansichten , wie bei den alexan- 
drinischen Juden. Der Liturgist Abraham sagt: Gott habe 
durch seine Weisheit lnOSIÜ Himmel und Erde ge- 
schaffen.*) Auch das Targ. Hierosol. übersetzt Gen. 1, 1 in 
gleichem Sinne. 

Den Commentar zu dieser Uebersetzung liefe# Sohar I. p. 20 
c. d; weil nämlich; heisst es dort, das »Beth« in dem Worte 
»Bereschith« ein grosser Buchstabe ist, so soll damit angezeigt 
werden, dass wie »Beth« die Zahl »zwei« bedeutet, so ist die 
»Sophia« die zweite**) (Person). Da die Sophia aber den- 
noch kein Zwei in der gewöhnlichen Zahl ist, so folgt iTtWTl 
»Anfang« darauf. Man hat also die Stelle so aufzufassen: 
Statt iTttffcTD lese man 2 , d. L die zweite (Person) 

(die), von Anfang (war) schuf Himmel und Erde. Ganz 
übereinstimmend damit ist Joh. 1, 1 : iv otpxv V y & A oyo 

*} S. die Stelle B. II. S. 94. 

**) So nennt schon Philo den Logos den zweiten Gott* S. Gfrörer S.284. 


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Zur Logoslehre der Samaritaner. 


127 


Auch Philo redet von einem doppelten Logos, wo- 
von der eine, welcher in Gott bleibt, gleich dem Verstände 
des Menschen Xoyof ivöiaSerof, und der andere, insofern 
er auf die Welt wirkt, der Xoyof npocpopmof heisst.*) 

Diesen Logos nennt dann Philo wiederum den Erz- 
engel, den Vermittler zwischen Gott und Men- 
schen, und auch Anwalt der Menschen.**) 

Aehnlich wird auch im Sohar ein doppelter Logos be- 
schrieben. »Es gibt zwei Tabernakel, heisst es Sohar I. 
p. 196, der eine ist der obere verborgene, und der 
andere der Tabernakel des Metatron. Zwei Hohepriester 
gibt es, der eine ist das Urlicht (HMOTp *)1N) und der 
andere Michael, der Hohepriester für die Untern.« 

Michael ist nämlich der Vermittler zwischen Gott und 
Israel, er bringt die Seelen der Frommen zum Opfer dar 
u. s. w. ***) 

Bei den Samaritanern vertritt Moses die Stelle des 
kabbali#ischen Metatron oder des Sar Hapanim. Klar ist 
dieses in dem Traum Abischa’s (Bd. II. S. 18, wozu Anm. 18 
zu vergleichen ist) ausgesprochen. 

Die ganze Stelle war mir damals noch nicht völlig klar, 
jedoch wurde der Sinn derselben schon richtig gegeben. Zi\ 
lesen ist die in Rede stehende Strophe, wie folgt: 

□Vsn no.’in n b» rot rot vb vbn 
rin an riitn • r? jm jiro» 

»Bist du es nicht, o Moses, o Fürst des Angesichtes, 

»Tabernakel der Schechinah Gottes, darum trete hieher!« 
Wohl wird Niemand bestreiten, dass statt statt mPI 

VI, statt bvo, pj» und statt »Tim, T J13P - PUW 
zu lesen ist. 

Auch der ganze Sinn des Stückes bestätigt diese Ueber- 
setzung. Abischa begleitet Moses in den Himmel. Die Engel 

*) Phüo, De vita Mosis III. p. 672. 

**) Philo 1. c. p. 673. 

***) S. die Erklärung zum Traume Abischa’s Bd. II. S. 99 und 
Bd. UL S. 481. 


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128 


Zur Logoslehre der Samaritaner. 


bewillkommnen Moses, aber Abischa ist ihnen unbekannt, 
ihn wollen sie nicht einlassen. Darum sagen sie: du bist 
es ja, der Moses, der Fürst des Antlitzes, den wir kennen, 
aber wer ist dein Begleiter?*) 

Ferner wird Moses als ein Licht bezeichnet, das vom 
heiligen Lichte geschaffen wurde.**) Er wird der 
»Spross« ***) aller Seelen u. s. w. genannt. 

Das Lichtkleid Moses 5 wird, wie in der Schira Abdiel 
S. Schelomoh f) berichtet wird, schon am 6. Schöpfungstage 
geschaffen! Engel verkünden seine Geburt, und Moses 
wird überhaupt als übernatürliche Persönlichkeit darge- 
stellt. — Aus dem Gesagten muss es Jedem einleuchten, dass 
die Samaritaner in Moses den »Metatron« oder Logos ver- 
ehren. 


*) Falsch ist die Conjectur Geigers (vgl. Zeitschrift der deutschen 
morgenländ. Gesellschaft, Bd. XVIII. S. 591), wonach -io durch 
»gewichen die Ebenbildlichkeit« zu übersetzen wäre. Dunkel sind ihm 
aber die Schlussworte, aber Herr G. weiss sich zu helfen ^aus 
wird und aus c*h, D*&n fabrizirt. Sinnstörend wäre aber der 
Geiger’schen Uebersetzung nach: »Wärest du nicht, o Moses, so wäre 
gewichen die Ebenbildlichkeit von den Bewohnern der (Erde), ja für- 
wahr sie wäre dahin und die Welt wäre ein Traum.« 

Wer das ganze Stück liest, mag wohl diese Uebersetzung als U n- 
sinn bezeichnen! 

**) S. die Stelle aus der Schira Abrahams Bd. II. S. 98 u. f. 

***) Dass sjöp bei den Samaritanern auch diese Bedeutung hat, daftlr 
können Belege aus den Texten angeführt werden. 

f) Aehnlicher Weise schildern Abischa u. A. die Geburt Moses*. 


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in. 

KRITIK. 


Schatz des liturgischen Chor- u. Gemeindegesangs 

in der deutschen evangelischen Kirche. 

Aus den Quellen vornehmlich des 16. und 17. Jahrhunderts 
geschöpft , mit den nöthigen geschichtlichen und praktischen 
Erläuterungen versehen und unter der musikal. Redaction 
von Friedrich Riegel, Professor am Conservatorium , 
Cantor und Organist der Protestant. Kirche zu München, 
für den Gebrauch in Stadt- und Landkirchen herausgeg. von 
Dr. Ludwig Schöberlein, Consistorialrath, ord. Professor 
der Theologie und Vorstand der liturgischen Abtheilung des 
praktisch-theolog. Seminars an der Universität Göttingen. — 
I. Theil: Die allgemeinen Gesangstücke. — II. Theil: Die 
besonderen Gesangstücke. 1. Abtheiluug: Die Fest- 
und Feiertagsgottesdienste. 

Göttingen, Vandenhörk und Ruprechtes Verlag, 1865—1868. 

Eb ist durch eine geschichtliche Nothwendigkeit geschehen, dass 
fast alle Theile der evangelischen Kirche durch liturgische Bestrebungen 
seit längerer Zeit bewegt sind. Das mit unserem Jahrhundert wieder 
erwachende christliche Leben bezog sich anfangs auf die allgemein 
christlichen Heilswahrheiten , worauf die Seligkeit des Einzelnen beruht, 
• aber in seiner Entwicklung und Verbreitung müsste es die objectiven 
Mächte des gemeindlichen und kirchlichen Lebens aus sich hervor und 
in sich hinein bilden; an die grundlegenden Arbeiten der äussern und 
innertf Mission müssten sich andere schliessen, welche in Bekenntnis», 

Vierlelj»hr*schrift. IV. 1. 9 


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130 


L. Schöberlein. 


Verfassung, Zucht das innere Leben regelten und stärkten. Neben 
ihnen konnte auch das stillere Trachten nach Neugestaltung des gottes- 
dienstlichen Lebens nicht fehlen. Vor allen andern sollten die litur- 
gischen Bestrebungen darauf Anspruch machen dürfen, dass, wie nur 
ein innerlich gesammeltes Leben sich Wort und Gestalt gemeindlichen 
Gottesdienstes geben kann, ihre Neubildungen auch im stillen und ver- 
borgenen Heiligthum der Kirche Wirklichkeit gewinnen möchten. Aber 
man braucht sich nur an die Kämpfe zu erinnern, welche an die 
preussische, baiersche, badensche Agende sich knüpften, an die litur- 
gischen Verhandlungen Englands und jetzt wieder Amerika’s, um zu 
erkennen, wie vielfach Momente des Bekenntnisses, der Verfassung, der 
Lehre, der kirchlichen und politischen Richtung und Eigentümlichkeit 
sich der liturgischen Frage bemächtigt und Sie in lauten, meist sehr 
unerquicklichen Kampf gezogen haben. Abgesehen von diesen Ein- 
mischungen fremdartiger, zum Theil selbst feindlicher Elemente lag es 
jedoch in der Natur der Sache , dass die Kirchen verschiedenen Bekennt- 
nisses und Landes sich verschieden zu liturgischen Neubildungen stellten, 
wie ihre Geschichte und ihr gegenwärtiger Bestand es bedingten. Die 
lutherische Kirche hatte zur Zeit der Reformation die katholische Liturgie 
von dem Werkdienstlichen und Hierarchischen gereinigt, war aber sonst 
beflissen, die überlieferten Formen möglichst zu bewahren und mit 
evangelischem Geiste zu erfüllen. Diess geschah in reichem Maasse, 
als das 16. und der Anfang des 17. Jahrhunderts kirchliches Lied und 
kirchliche Musik zu schöner Entfaltung brachte. 

Die Noth des deutschen Krieges hatte diese Blüthe meist geknickt, 
der Pietismus brachte in seinen Anfängen heilsam ergänzende, in seiner 
Folgezeit überwuchernde subjective Elemente hinzu; der Rationalismus 
durchbrach vollends die alte Art aller Orten ; das Ganze wie jedes ein- 
zelne Glied ward anders gestaltet, Lied wie Melodie, liturgisches Gebet 
wie Predigt, Bild und Bau. 

Anders in den reformirten Kirchen. Die Vernichtung alles Heid- 
nischen, damit Gott allein die Ehre sei, war bei ihnen liturgischer 
Grundtrieb. Sie waren meist auf reiche Darbietung des göttlichen 
Wortes bedacht, aber sonst Hess die Richtung auf das Intellectuelle und 
Werkthätige den Cultus nüchtern, zum Theil kahl; nur der anglikani- 
schen Kirche blieb ein grosser, doch ziemlich planloser Reichthum der 
Liturgie. Die reformirten Kirchen hielten an ihrer anfänglichen Beschaf- 
fenheit im Wesentlichen zähe fest, während die lutherische Kirche einen 
lebhaften Wechsel der Cultformen durchmachte; hier eine schnelle 
Aufeinanderfolge kirchlicher Richtungen, die sich liturgisch ausprägen, 
dort das Nebeneinander grosser Secten , welche die Liturgie der Mutter- 
kirche in ihre Sonderexistenz nicht mit hinübergenommen haben. Wenn 
diese verschiedenen Kirchengemeinschaften jetzt nur von einem litur- 


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Schatz des liturgischen Chor- und Gemeindegesangs. 131 

gischen Bildungstriebe bewegt werden , so erklärt sich , weshalb derselbe 
in jeder sich auf andere Weise kund thun wird, bei den reformirten 
Kirchen als Streben theils nach Reicherer, theils nach lebendigerer Ge- 
staltung, bei den lutherischen als Verlangen nach Verjüngung des alten 
reichen Lebens. Wenn aber beide evangelischen Kirchen die auf gleiches 
Ziel gerichteten Impulse des heil. Geistes empfangen , so liegt darin der 
Beruf, die gemeinsame Arbeit durch gegenseitige Ergänzung und Hülf- 
leistung zu lösen, und in solchen Arbeiten ein klareres und innigeres 
Verhältniss zu einander zu gewinnen. In Sachen der Kirchenverfassung, 
Kirchenzucht, Gestaltung des Gemeindelebens hat die lutherische , in der 
Liturgie und dem, was mit ihr eng zusammenhängt, die reformirte 
Kirche vorwiegend von der andern zu lernen und zu empfangen. 

Das oben genannte Werk ist aus dem besonnensten und lebens- 
kräftigsten Triebe der deutsch - evangelischen Kirche hervorgewachsen; 
die alten liturgischen Schätze dieser Kirche bietet dasselbe wie kein 
anderes; und dem Dienste dieser ist es ja zunächst bestimmt. Seine 
Wirksamseit darf aber nicht auf dieses nächste Gebiet beschränkt blei- 
ben; es ist ein Werk, welches von denen, die in England und Amerika 
zu Rath und Leitung in liturgischen Dingen berufen sind, nicht ohne 
Schaden übersehen werden kann. Der Verfasser will den »Schatz« des 
liturgischen Chor- und Gemeindegesanges uns bieten; um ihn zu finden, 
ist er ins 16. und in den Anfang des 17. Jahrhunderts zurückgegangen. 
Soll eine Zeit wie die unsrige, die von der nächstvergangenen Epoche 
gerade das Gegentheil von kirchlichem Bewusstsein überkommen hat, 
kirchlichen Ton und Gesang wieder lieben und hervorbringen lernen , so 
darf sie nicht einfach aus der Fülle ihres Lebens heraus geben, sondern 
muss erst bei den Meistern kirchlichen Styles in die Schule gehen. Seit 
den Werken Winterfeld’s , Tucher’s und Anderer ist es bei uns keine 
Frage mehr , wo die klassische Zeit des Kirchengesanges zu suchen sei ; 
es ist die Zeit, auf welche der Verfasser zurückgeht. In volleren, rei- 
cheren Tönen, als damals, ist nie die Heilsfreude ausgesprochen; das 
Herz, welches ruhte und frohlockte in dem lebendigen Gott, hat nach 
dem Worte: »Alles ist euer« , alle Kunst herbeigerufen, um mitzusingen 
die Ehre Gottes; strenge Heiligkeit durchdrang beides, die Trauer der 
Busse, wie die lieblichen Töne des Lobes und Dankes. Dabei schmiegte 
sich der Gesang in objectiver Klarheit an die Art des Gemeindegesanges 
an; und wie er frei war von aller einseitigen Subjectivität, so von der 
Vermischung mit weltlicher Musik; jene klassische Zeit lag noch vor 
der Epoche , wo aus dem mütterlichen Boden der kirchlichen Kunst die 
weltliche Musik und die , welche zwar geistlich , aber nicht kirchlich ist, 
in grossartiger Entfaltung erwuchs. , 

Die Auswahl des Verfassers ist durch die Absicht bestimmt, das 
liturgische Material, soweit es noch für unsere Gegenwart irgend ver- 


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132 


L. Schöberlein. 


wendet werden kann, in möglichster Vollständigkeit zu bieten. Dabei 
handelt es sich um Gemeindegesang, Chorgesang und die Altarweisen. 
Der Gemeindegesang, die eigenste Schöpfung der Reformationszeit, wird 
immer ein Hauptfactor des evangelischen Cultus und von principieller 
Bedeutung bleiben; was ihn hindert, wird als ein Schaden des Ganzen, 
was ihn fördert, als ein Gewinn des Gottesdienstes überhaupt gelten. 
Der Verfasser bietet nun in vierstimmigem Satz »alle Gesänge, welche 
ausser dem Predigtliede zur ordnungsmässigen Einfügung in den Organismus 
des gesammten Gottesdienstes zu gebrauchen sind.« — Ein viel umstrit- 
tener Punkt ist Chor und Chorgesang; seiner Einführung widersetzt sich 
vielfach Theorie und Praxis ; und wo man ihr nicht geradezu widerstrebt, 
da schadet oft eine falsche theoretische Begründung und eine ungeschickte 
Praxis nicht viel weniger als offener Widerspruch. Der Chorgesang ist 
aber für die Ausgestaltung der Liturgie durchaus nothwendig; er hindert 
nicht den Gemeindegesang, sondern weckt und belebt ihn; er ist eine 
nothwendige, das Ganze vollendende und krönende Consequenz; ist er 
in rechter Weise thätig, so wird er alle Glieder des Cultus heben und 
tragen; fehlt er, so wird das Andere leicht verkümmern. Die gehalt- 
reiche Einleitung ist darum besonders bemüht, diesen Punkt ins rechte 
Licht zu setzen ; ihre theoretischen Ausführungen , wie ihre praktischen 
Bemerkungen, sind gleich bedeutungsvoll. Nach Berichtigung anderer 
Ansichten sagt der Verfasser: »Vielmehr ist die Bedeutung des Chors 
zu erweitern und auf die Kirche an sich, auf die Kirche als Leib des 
Herrn überhaupt, insofern auf die ideale Gemeinde, oder, in concre- 
terer Fassung, auf die allgemeine Kirche zu beziehen, welche eben- 
sowohl die irdische als die himmlische Gemeinde umfasst, und nicht,, 
weniger in die Zeiten des alten Bundes zurückreicht, als sie die Gegen- 
wart in sich begreift und in die noch zu hoffende Vollendung hinaus- 
blickt; wobei sich’s aber auch von selbst versteht, dass je nach der 
liturgischen Stelle und dem Inhalt des liturgischen Stückes bald mehr 
die eine, bald mehr die andere Seite der allgemeinen Kirche in den 
Gesängen des Chors hindurchklingen wird. Immer aber ist es die Kirche 
an sich, die ideale Gemeinde, die allgemeine Kirche im Gegensatz zur 
Localgemeinde, die der Chor vertritt Und was ist naturgemässer , als 
dass die Localgemeinde, wenn sie zur Anbetung sich versammelt, sich 
als Glied der Einen allgemeinen Kirche fühle , auf welche ja ihre Gebete 
und Gesänge zum Theil ausdrücklich Bezug nehmen, und dass sie des- 
halb Verlangen trage, auch die Stimme von dieser in ihre Gesänge 
hinein tönen zu hören? Nun bildet aber offenbar dieselbe innerhalb der 
Versammlung der wirklichen Gemeinde ein ideales Element. Diess ist 
die Ursache , warum der Chor sich für seine Gesänge der idealen Formen 
der Kunst zu bedienen hat.« Im Wesentlichen auf dasselbe Resultat 
wird man geführt, wenn man von anderer, rein formaler Seite her 


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Schatz des liturgischen Chor- und Gemeindegesanges. 133 

Wesen und Wirkungsfeld des Chores zu umschreiben sucht, und mit 
dem immer erforderlichen liturgischen Takt wird man von diesen Bestim- 
mungen aus die Grenzlinie zu ziehen wissen zwischen dem, was dem 
Chor, was dem Geistlichen, was der Gemeinde zukommt. Für die 
Anlage des Werkes ist nicht irgend eine von vornherein fertige Theorie 
massgebend gewesen, sondern der Verfasser folgt den geschichtlichen 
Wegen und meidet damit jede Gefahr eines schematisirenden Zurecht- 
schneidens des Stoffes. Aus der geschichtlichen Entwicklung des Chor- 
und Gemeindegesanges erwachsen aber die liturgischen Ideen des Ver- 
fassers und seine Vorschläge, wie eine durchgreifendere Wechselbeziehung 
zwischen Chor und Gemeinde hergestellt werden könne, als in der Re- 
formationszeit geschehen ist. Ein lebendiges Ineinandergreifen von Chor 
und Gemeinde wird erzielt, wenn der Chor in manchen Fällen etwa Vers 
um Vers singt mit der Gemeinde; oder bei wirklichen antiphonischen 
Gesängen, oder wenn er die Antwort der Gemeinde auf das Handeln 
des Geistlichen vermittelt, oder durch längere Gesangesstücke, wie es 
vornehmlich in Nebengottesdiensten, liturgischen Andachten u. 8. w. vom 
Verfasser befürwortet wird. — Musikalisch sind die Gesangstücke in der 
Art behandelt, dass dem Unisono des Gregorianischen Gesanges gegen- 
über den Stücken der Rhythmus, je nach ihrer Art mehr oder minder 
bewegt, gelassen ist. Ferner sind den Gesängen Harmonieen gegeben; 
wo sie vorhanden waren, sind sie aus den alten Agenden und Cantio- 
nalen genommen , wo nicht, von Riegel, welcher den musikalischen Theil 
des Werkes mit allgemein anerkanntem Geschick redigirt , gesetzt. Dass 
die Texte wie Melodieen und Tonsätze nach dem Original gegeben sind 
(bis auf wenige notliwendige Vereinfachungen), wird bei einem Werke 
dieser Art als selbstverständlich gelten dürfen. 

Das ganze Werk ist auf drei Theile angelegt. Der erste, welcher 
die allgemeinen Gesänge , und der zweite , welcher die Gesänge für Fest- 
und Feier-Tage enthält, sind vollständig erschienen; der dritte soll bald 
herauskommen. Die Linie, welche den Stoff der beideu ersten Theile 
trennt, ist so gezogen, dass im ersten Bande bei Haupt- und Neben- 
gottesdiensten die einzelnen liturgischen Stücke, wie Introitus, Kyrie, 
Gloria u. s. w.; im zweiten Bande aber die einzelnen Feste des Kirchen- 
jahres die festen Punkte sind, um welche der liturgische Stoff gesammelt 
ist. Durch strenges Innehalten dieser sachgemässen Gesichtspunkte kommt 
in die Fülle des Materiales eine Klarheit und Uebersichtlichkeit , die nie 
im Stiche lässt und einen grossen Vorzug vor so manchem andern Sam- 
melwerke gibt. — Jeder einzelne Abschnitt, mag er sich auf ein litur- 
gisches Stück oder ein Fest beziehen, ist durch eine Abhandlung ein- 
geleitet, welche in gedrängter Kürze Alles bietet, was über Geschichte, 
Bedeutung, Verbreitung des betreffenden Gegenstandes zu sagen ist, und 
eine Reihe bedeutsamer Winke tür die Verwendung der alten Stücke in 


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134 


L. Schöberlein. 


unserer Zeit enthält. Darauf folgt das liturgische Material in gewähl- 
testem Reichthum; so z. B. gleich der erste Abschnitt vom Introitus. 
Nach 4 allgemeinen Introiten kommen zwei Reihen theils alte, theils in 
Psalmenton zu singende Introiten, jede über alle Zeiten des Kirchen- 
jahres, No. 5— 25; darauf Introituslieder, voran: »Komm, heil’ger Geist, 
erfüll 7 « u. s. w., und in zweifacher Weise: »Komm, heiliger Geist, Herre 
Gott«; darauf noch 15 andere für die Kirchenjahrszeiten; zum Schluss 
Antiphonen und Eingangssprticbe. So ist in allen Abschnitten eine 
Mannigfaltigkeit von Gesangsstücken, von den kürzesten bis zu sehr 
ausgedehnten hin, für alle Zeiten und Verhältnisse passend. 

Bei dem Hauptgottesdienste hat der Chor wegen der Fülle gottes- 
dienstlicher Elemente, die in ihm zum Ausdruck kommen müssen, immer 
ein enger begrenztes, nur an den Festtagen zu erweiterndes Gebiet. 
Vielfach anders ist es bei den Nebengottesdiensten, welche die verschie- 
denen Seiten des Cultus einzeln auszubilden bestimmt , früher vorwiegend 
eine reiche Entfaltung des Chorgesanges hervorriefen .und auch jetzt 
wieder bei ihrer schmiegsamen Natur der Pflege des Chorgesanges be- 
sonders günstig gewesen sind. Es sei hiebei auf den Abschnitt über die 
Psalmodie (zuerst Antiphonen auf alle Psalmen und die 8 Psalmentöne 
enthaltend; dann kommen diese alten Töne selbst mit sehr eingehender 
Belehrung über die Art ihres Gesanges und Gebrauches; dann noch 
Sätze über das Gloria patri und über einzelne Psalmen) ausdrücklich 
hingewiesen; und auf die warme Befürwortung des Verfassers für den 
zum grossen Schaden des Cultus vernachlässigten Psalmengesang. 

Der zweite Baud, der auch als selbstständiges Werk ausgegeben 
wird, bietet die Festgesänge. Um die Feste hat sich natürlich von 
je her der reichste Schmuck des Gesanges gelegt; die Eigenart der alt- 
kirchlichen Kunst, ja der einzelnen Künstler tritt daher hier am charak- 
teristischsten hervor. Längere und complicirtere Compositionen sind 
vielfach für geübtere Chöre aufgenommen, daneben auch Stücke von 
solcher Ausdehnung, wie die Matthäus- und Johannes - Passion von 
Momrinus; die Auferstehungsgeschichte nach Vopelius. — Die einzelnen 
Abschnitte enthalten immer zunächst das liturgische Material für Vesper 
und Matuline, dann für den Hauptgottesdienst, darauf eine meist sehr 
reiche Sammlung von Festliedern in ihren verschiedenen Weisen und 
Sätzen; zum Schluss gewöhnlich noch Gesänge nach biblischen oder 
freien Texten und altkatholische Gesangstücke. Die Namen eines Errard, 
Leo Hassler, J. Krüger, Prätorius, Gesius, Vulpius, Schröter u. s. w. 
geben genügsam Bürgschaft, dass das Werk, wo man es aufschlägt, 
Schätze bietet für das Studium, wie für praktische Verwerthung. 

Bei der Würdigung unsers Werkes ist nicht nur die Mühe des 
Sammelns zu beachten, welche der Verfasser aufgewandt hat, um einen 
vollständigen Ueberblick über das Material zu erhalten, welches in 


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Schatz des liturgischen Chor- und ßemeindegesangs. 135 

Hunderten von Kirchenordnungen , Agenden , Cantionalen u. s. w. in den 
Bibliotheken Deutschlands zerstreut und verborgen ist. Der dauernde 
Werth des Buches scheint dadurch nicht am Wenigsten gesichert, dass 
Sammeln und Auswahlen, Ordnen und Austheilen des Stoffes von einem 
Verfasser gethan ist, der seit lange durch seine Schriften wie durch 
sein persönliches Wirken zu den ersten Autoritäten auf diesem Gebiete 
gehört; und dass das Werk nicht ein willkürlich gemachtes, sondern aus 
langjährigen Arbeiten gleichsam durch innern Trieb hervorgewachsenes 
ist. Hiezu kommt, dass der Standpunkt des Verfassers nicht der ist, 
das einmal Vergangene einfach zu restauriren, sondern vielmehr unter 
pietätsvollem Anschluss an die Producte der classischcn Zeit, aber auch 
unter Berücksichtigung der gegenwärtigen Bedürfnisse den Cultus aus 
der Idee des christlichen Gottesdienstes zu beleben. Es paart sich daher 
mit dem Eifer, unserem evangelischen Volke verschüttete Quellen der 
Andacht und Anbetung wieder zu öffnen, die Besonnenheit, die nur da 
ändern will, wo Verständnis und Anknüpfungspunkt in der Gemeinde 
sich finden, und auch da nur allmälig, und die Weisheit des Haus- 
halters, der aus seinem Schatze einem Jeden das zuweist, was der Art 
und der Stufe, die er einnimmt, entspricht So ist denn auch das Werk 
schon während seines Erscheinens von den Gelehrten, wie von vielen 
kirchlichen Behörden in seltener Weise ein willkommenes geheissen. 

Diese Sachlage wird es rechtfertigen , dass Referent auf diess Werk 
als auf ein solches hinweist, das der reformirten Kirche Handreichung 
zu thun im Stande ist. Freilich kann es Einem, der nicht unmittelbar 
im Strome der kirchlichen Bewegungen anderer Länder steht, nicht 
beikommen, irgend bestimmte Vorschläge zu machen; denn dieselben 
bleiben auch bei der eingehendsten Kenntniss der geschichtlichen Ent- 
wicklung und bei genauer Fühlung der gegenwärtigen Stimmung doch 
immer Wagnisse, die ihren Erfolg sich erst mühsam erringen müssen. 
Aber es werden sich doch auch dem Fernen aus der Vergleichung der 
Gottesdienstordnungen die Punkte heraussteilen, an denen eine Einwir- 
kung der einen auf die andere wünschenswerth ist. Sollte es in der 
anglikanischen Kirche zu einer organischem Bildung des Cultus kommen 
trotz der Schwierigkeiten , welche der reiche Segen des Common prayer 
book macht, so isj unser Werk mustergültig für liturgische Gestaltung. 
Doch abgesehen von diesem schwierigsten Problem, bietet der Zustand 
der englischen Kirche viele Wege, um deutsche Schätze sich anzueignen. 
Die Ausbildung des Chores ist dort vielfach eine Freude und Ehre der 
Gemeinde; unser Werk würde demselben einen kräftigeren, freudigeren 
Aufschwung, einen reicheren, gediegeneren Inhalt geben können, als 
es bei der jetzt üblichen gedämpften, weichen Art des Gesanges nach 
Form und Inhalt sein kann. Wie Händels deutsche Musik in England 
heimisch geworden ist, sollte da nicht auch die kirchliche Kunst, an 


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136 Schatz des liturgischen Chor- und Gemeindegesangs. 

der Händel gross geworden ist, drüben lebendige Empfänglichkeit finden? 
Zugleich wird aber auch das Werk unsere Verfassers geeignet sein, 
den ritualistischen Eifer in etwas zu massigen , indem es ächt evangelisch 
den Gemeindegesang als das Erste pflegt und bei aller Liebe für den 
Chor doch die Grenze seiner Berechtigung streng inne hält. Wenn bei 
den liturgischen Kämpfen der Eine auf das Urchristliche , der Andere 
auf das Reformatorische , der Dritte auf die Bestrebungen und Bedürf- 
nisse der Gegenwart das Hauptgewicht legt, so weiss unser Verfasser 
nicht nur den verschiedenen Interessen theoretisch ihre Stelle anzu- 
weisen, sondern auch praktisch ihr Recht zu geben, kraft der Tiefe 
und darum auch Weite seiner Anschauungen. J. 


Da schon die Bogenzahl überschritten ist, musste die Besprechung 
englischer Werke auf das nächste Heft verepart werden. 


Die neue Ausgabe der samaritanischen Version des Pentateuch. 

Längst ist das Bedürfhiss einer kritischen Ausgabe der bis jetzt nur 
in den Pariser und Londoner Polyglotten sehr fehlerhaft abgedruckten 
samaritanischen Version fühlbar geworden. Um eine solche Ausgabe zu 
veranstalten, mussten noch andere Handschriften zu Rathe gezogen 
werden. 

Wir gedenken den ganzen Pentateuch in 5 Lieferungen erscheinen 
zu lassen , und soll, die erste Lieferung zu Anfang des Jahres 1869 aus- 
gegeben werden. Um den Text zugänglicher zu machen, wird er mit 
der hebräischen Quadratschrift gedruckt, jedoch werden wir in 
der Einleitung Facsimiles in saraaritanischer Schrift beilegen. Möge 
diese Arbeit, die viel Zeit und Mühe gekostet, die gebührende Würdi- 
gung finden ! Wir verweisen für alles Weitere auf den demnächst er- 
scheinenden Prospectus. 


Corrigendum. 

Bd. III. S. 469 in der Anmerkung ist statt » Bar ber mischen Triglotte« 
»Sam. Codex des Vatikan« zu lesen. 


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ABHANDLUNGEN. 


Vierteljahraschrlft IV. S. 


10 


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I. 


Die Apocalypse des Apostels Paulus. *) 

Aus einer syrischen Handschrift des Vaticans übersetzt 

von 

Dr. p. 'Bingtrlf in Marienberg. 


Einleitende Bemerkungen. 

Den syrischen Text dieser aifokryphischen Apokalypse Pauli habe 
ich aus dem Cod. Vatic. Syriac. No. 180 abgeschrieben. Entschuldigen 
muss ich mich, dass ich aus Neugierde, den Inhalt kennen zu lernen, 
völlig vergessen habe, die Beschreibung des Codex zu beachten; ich 
tröste mich aber «damit, dass für das Verständnis des Inhalts eine 
solche Beschreibung nichts beiträgt, die Leser also dessbalb keinen 
Schaden leiden. 

Als Zeit der Abfassung wird gewöhnlich daß Ende des 4. Jahrh. 
angenommen; da unter den Verdammten aber ausdrücklich auch jene 
aufgeführt werden, welche Maria nicht als Gottesgebärerin betrachteten, 
könnte man daraus den Schluss ziehen, dass die Schrift erst nach dem 
Beginne des Nestorianismus um die Mitte des 5. Jahrh. ans Licht ge- 
treten sei. 

Der syrische Text ist im Verhältnis zum griechischen mitunter 
ziemlich erweitert. Die Schrift ist übrigens nicht ohne Phantasie ver- 
fasst, und man möchte sie wohl eine Art Divina Comoedia im Kleinen 
nennen. Anknüpfend an die Stelle 12, 2 im 2. Corintherbrief Pauli führt 
der Verfasser die Leser in den Himmel und die Hölle, wie im 12. Jahrh. 
der Mönch Alberich von Monte Cassino, dessen Vision Dante vielleicht 

*) Als mir diese Handschrilt im Jahre 1864 in die Hände fiel und 
andere Arbeiten in der Vaticana mich zu sehr in Anspruch nahmen, war 
Herr Dr. Zingerle so gefällig, dieselbe abzuschreiben. Es war damals 
mein Wunsch . den Text mit Übersetzung später herauszugeben ; da 
jedoch hiezu bis jetzt die Zeit mangelte, so war Herr Dr. Zingerle so 
freundlich, die Übersetzung anzuferligen. * D. H. 

10 * 


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140 


Dr. P. Zingerle. 


gekannt hat. — Es finden sich darin Stellen nicht ohne Moment für 
Erbauung, wie die vom Hinscheiden der Guten und Bösen; ernste, 
furchterregende Scenen wechseln mit lichten heitern Aussichten in eine 
Sphäre ewiger Seligkeit und Wonne. An Geschmacklosigkeiten fehlt es 
allerdings nicht; die Darstellung leidet im Ganzen an Einförmigkeit and 
Unfruchtbarkeit der Phantasie. 

In der Uebersetzung habe ich mich treu an meine syrische Abschrift 
gehalten. Zur Vergleichung mit dem syrischen Texte, nach welchem 
die englische Uebersetzung in dem Werke »Apocalypses Apocryphae . . . 
edidit Tischend orf« von S. 33 an verfasst ist. Die genauere Zusammen- 
stellung mit dem in jener Sammlung enthaltenen griechischen Texte 
mögen sprachkundige Leser, die sich dafür interessiren ; selbst vor- 
nehmen. Für den Zweck dieser Blätter wäre eine durchgängige Ver- 
gleichung zu weitläufig. Im Allgemeinen ist darüber zu bemerken, dass 
der syrische Text eine freie Bearbeitung, zuweilen auch Ergänzung des 
Griechischen bietet. Mitunter fehlt aber manches im Syrischen , was im 
Griechischen sich findet, wie S. 62 Tischendorf S. 42. Die englische 
Uebersetzung ist von Perkins, Missionär in Urumiah, 1864. 

Möge die Bekanntmachung dieser Arbeit nicht ohne Interesse sein 
und wohlwollend aufgenommen werden! 


Wundervolle Offenbarung 

des 

göttlichen Apostels Paulus. 

Mit Gottes Hülfe schreibe ich nun die wundervolle 
Offenbarung des göttlichen Apostels Paulus. Unser Herr, 
stehe mir bei und führe mich zur Vollendung! Amen. 

Es kam über mich das Wort des Herrn und sprach im 
Anfänge: Geh’ hin und sage zur Welt*) der Erde: Wie 
lange sündigt ihr und häufet Sünden auf Sünden und reizet 
zum Zorne durch euch selbst**), indem ihr sprecht: »Wir 
sind Kinder des lebendigen Gottes« , aber Satans Werke 
verübt und im (vermessenen) Vertrauen auf Gott wandelt 

*) Zu den weltlich gesinnten Bewohnern. Der griechische Text hat: 
zu diesem Volke. 

**) Deutlicher das Griechische : Und reizet Gott, der euch gemacht, 
zum Zorne. 


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Die Apokalypse des Apostels Paulus. 


141 


und seine Gebote verachtet? Wisset und seht! Alle Wesen 
und alle Geschöpfe sind dem lebendigen Gott unterworfen, 
die Menschen aber haben die Herrschaft und Gewalt über 
alle Geschöpfe./ Es tritt jedoch dort*) ihr Gebieter, die 
Sonne des Vaters, klagend vor Gott über alle Geschöpfe 
und Menschen und spricht: »Herr, gewaltiger Gott, All- 
mächtiger und Allherrscher, wie lange schaust **) du, o Herr, 
die Bosheit der Menschen, Hurerei *) und Ehbruch und Mord 
und Dieberei und Unterdrückung und Ungerechtigkeit und 
alle die Missethaten der Menschen? Gestatte mir, Herr, 
dass ich an ihnen Rache nehme und sie durch Flammenglut 
vernichte und ihnen deine Macht kund thue, auf dass sie 
wissen, dass du Gott Vater allein bist!« 

Und es kam eine Stimme zu ihm dem Gebieter, d. i. zu 
der Sonne 2 ), die da sagte: »Ich habe Alles gehört und ge- 
sehen, und weiss es und nichts ist mir verborgen: denn 
meine Augen sehen und meine Ohren hören; allein meine 
Güte und Langmuth erträgt sie (harrend), ob sie etwa sich 
bekehren und Busse thun, so dass ihnen ihre Sünden nach- 
gelassen werden können. Kommen sie aber nicht bekehrt 
zu mir, so richte ich sie mit gerechtem Gericht und vergelte 
Jedem nach seinen Werken.« y 

Ferner traten der Mond und der ganze Sternenkreis 
klagend vor Gott und sprachen: »Herr, allmächtiger Gott! 
Du allein weisst Alles, was geschieht und was die Menschen 
begehen: Ehebruch, Todtschlag und Blutvergiessen , und 
du beachtest diess Alles nicht! Erlaube mir, H$rr, dass 
ich an ihnen Rache nehme, wie sie es verdienen, und ihnen 
deine Macht kund thue, auf dass sie wissen, dass du Gott 
der wahre Vater allein bist!« 

Und sieh, Gottes Stimme kam zu ihnen, sprechend:- 
»Alles weiss ich, und Nichts ist mir unbekannt und verbor- 
gen vor mir ; allein in meiner Güte und Langmuth ertrage 

*) Jenseits, im Himmel, vor Gottes Thron. Die Sonne wird Gebieter 
genannt, weü sie von Gott geschaffen ist, den Tag zu beherrschen. 

**) Siehst zu, ohne zu strafen. 


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142 


Dr. P, Zingerle. 


ich sie, damit sie sich bekehren. Kommen sie aber nicht 
bekehrt zu mir, so richte ich sie mit gerechtem Gericht und 
vergelte Jedem nach seinen Werken. Wie oft schrieen Meere 
und Flüsse zu mir, indem sie sagten: »Herr, allmächtiger 
Gott! Die Menschen haben deinen heiligen Namen durch 
ihre Werke zum Zorne gereizt, durch ihre Zauberei und 
Hurerei und Lügenhaftigkeit und schlechten Sitten und ihre 
Verirrung. Gestatte mir*), Herr, dass ich mich erhebe und 
die Erde und die ganze Schöpfung bedecke und den Men- 
schen kund und zu wissen mache, dass du allein Herr bist! 
Es kam aber eine Stimme zu ihnen, die sprach : »Ich weiss 
Alles und Nichts ist verborgen vor meinen Augen ; allein in 
meiner Güte und Langmuth* ertrage ich sie, ob sie etwa sich 
bekehren. Kommen sie aber nicht bekehrt zu mir, so richte 
ich sie mit gerechtem Gericht und vergelte Jedem nach sei- 
nen Werken.« 

Ferner schrie auch die Erde zu Gott und sprach : 
»Herr, allmächtiger Gott! Ich bin vor allen Geschöpfen 
bedrängt und trage die Sünden der Menschen, ihre Ehe- 
brecherei und Hurerei und Ungerechtigkeit und Mordsucht 
und alle ihre Bosheit, die sie begehen, und ihre Wahrsagerei 
und Zauberei, wie der Vater gegen seinen Sohn aufsteht 
und ihn tödtet, und der Sohn gegen seinen Vater und der 
Bruder gegen seinen Bruder aufsteht und dessen Bett be- 
fleckt, und wie gleichfalls der Nächste an seinem Nächsten 
Unrecht verübt. Ebenso (werde ich bedrängt) auch von 
Jenen, die deinen heiligen Namen anrufen 3 ), von Jenen, die 
da Priester genannt werden und deinem heiligen Namen 
beständig Opfer darbringen. Auch diese wandeln in Falsch- 
heit, und desshalb leide ich vor allen Geschöpfen Unrecht 
.und spende ihnen (den Menschen) wider Willen Früchte. 
Gestatte mir, unser Herr, ihre Früchte zu Grunde zu richten, 
damit sie nicht zum Dasein gelangen 4 ), auf dass sie (die 
Menschen nämlich) deine Grösse erkennen, wenn sie ge- 


*) Das Meer als redend gedacht. 


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Die Apokalypse des Apostels Paulus. 


143 


züchtigt werden!« Und es kam eine Stimme zu ihnen*), 
die da sprach: »Meine Augen sehen Alles und mir bleibt 
Nichts verborgen. Ich ertrage sie in meiner Langmuth und 
züchtige sie 5 ) in meiner Güte, ob sie etwa sich bekehren, 
damit ihnen ihre Sünden nachgelassen werden ; allein wenn 
sie nicht bekehrt zu mir kommen, so richte ich sie mit 
gerechtem Gericht und vergelte Jedem nach seinen Werken.« 

Schauet aber und achtet darauf, o Menschen! schauet 
und achtet auf dieses! Was immer Gott geschaffen hat, 
gehorcht ihm 6 ), die Menschen jedoch vergessen ihn. Deswegen 
gebührt es sich nicht, dass wir seine Langmuth verachten, 
o Sünder! 7 ) 

Und siehe 8 ): Gottes Stimme kam zu ihnen **), sprechend : 
»Lasset nicht ab , ihnen (d. i. den Menschen) zu dienen , ob 
sie etwa sich bekehren! Wenn sie sich aber nicht bekehren 
und zu mir kommen, so richte ich sie mit gerechtem Ge- 
richte.« 

Darauf sah ich***) einen von den Engeln f) an meiner 
Seite, und er riss mich im Geiste dahin und versetzte mich 
in den dritten Theil des Himmels, das ist, in den dritten 
Himmel. ff) Dann begann dieser Engel und sagte zu mir: 
»Komm mir nach, o Paulus! Ich will dir nämlich fff) den 
Ort der Heiligen zeigen, damit du wissest, wohin sie 
kommen, wenn sie von der Welt hinscheiden. Hernach 
aber will ich dich hinab in den Abgrund führen und dir 
die Seelen der Sünder zeigen, wohin sie nämlich nach der 
Auferstehung gebracht werden, und du wirst dann, o Paulus, 
wissen, was ihre Vergeltung ist.« 

*) Den Menschen, anstatt »zu i h i*« , der klagenden Erde , wie 
die englische Uebersetzung hat: unto it. 

**) Der Sonne nämlich , dem Mond u. 8. w. 

***) Der Apostel Paulus, 
t) Wörtlich: Geistigen, Geisterwesen. 

tf) 2. Corinther 12, 2. 4. ‘ 

•ftf) Will man die syrische Partikel T als zweckanzeigend nehmen, 
so kann man auch übersetzen: »auf dass ich dir zeige.« So die englische 
Uebersetzung bei Tischendorf: »that I may etc.« 


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144 


Dr. P. Zingerle. 


Ich folgte dem Engel, der mir diess Alles gesagt batte, 
und er hob mich empor, und ich schaute aufs Firmament 
des Himmels. . Ich sah, wie dort die Gewaltigen*) sind, 
die auf der Welt waren; und es ist dort der Geist des 
Irrthums, der das Herz des Menschen von Gott ab irreführt. 
Alle diese bösen Geister der Verleumdung aber und der 
Hurerei und der Geldliebe (Habsucht) und alle jene, in 
denen sie (die Menschen) gewandelt waren **), versammelte 
er***) zum Zeugnisse, sowie alle jene bösen Geister, die 
unter dem Himmel sind. Ich sah dort auch Engel ohne 
Erbarmen mit Angesichtern voll Grimm, denen alle Zähne 
über ihren Mund hervorstanden ; ihre Augen leuchteten wie 
Blitze, ihr Haupthaar war mächtig und sehr stark, wie 
Feuerflamme ging es aus ihrem Munde. Und ich fragte den 
Engel, der bei mir war, und sprach zu ihm: »Wer sind 
diese da, o Herr?« Er antwortete mir: »Das sind die 
Engel ohne Erbarmen, die nach den Seelen der Sünder und 
Ruchlosen geschickt werden, welche vor ihrem Hinscheiden 
aus der Welt nicht Busse gethan haben, weil sie an Gott 
nicht glaubten und auf sein Heil nicht hofften, dass erf) 
ihnen Helfer sein werde.« 

Ich schaute wieder und erblickte oben in den Höhen 
andere Engel, deren Angesichter wie die Sonne leuchteten 
und deren Lenden mit Gürteln wie von Gold und Hyazinth 9 ) 
(Sapphir) umschlungen waren. In ihren Händen hielten sie 
Kronen, und an ihnen *°) war Gottes Siegel. Sie selbst waren 
auch bezeichnet ff ) und mit Gewändern bekleidet, auf denen 

V 

*) Wohl mit Rücksicht auf die Stelle Ephes. 6, 12. 

**) Denen sie in ihrem Lebenswandel gefolgt. 

***} Der Engel? Da das Verbum »cnasch« hie und da »sich sam- 
meln« bedeutet, lässt es sich auch übersetzen »versammelten sich.« Es 
ist bekannt, dass in Handschriften das Vau oder Jod des Plurals oft 
fehlt, und die hier stehende Form des Singulars hindert daher diese 
Ueber Setzung nicht. 

+) Oder das Heil, die Erlösung. Das syrische Nomen sopis ist 
gen. masc. 

t+) Vergl. Offenb. Job. 7, 4 und 14, 1. 


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Die Apokalypse des Apostels Paulus. 


145 


der Name des lebendigen Gottes geschrieben war. In Demuth 
und Liebe waren sie mit einander vereint. Da fragte ich' 
den Engel an meiner Seite: »Wer sind wohl diese, o Herr?« 
Und er sagte zu mir: »Diess sind die Engel der Gerechtig- 
keit, die nach den Seelen der Gerechten geschickt werden.« 
Darauf erwiederte ich : »Ist dieses der Weg eines Jeden zu 
Gott?« Und er entgegnete mir 11 ): »Wir sind mit den Ge- 
rechten , sind hilfeleistende Engel , und ihnen (den Gerech- 
ten) droht keine Erschütterung*), und sie fürchten sich 
nicht, wenn diese**) ihnen entgegenkommen und sie vor den 
Thron Gottes hinbegleiten.« Dann sagte ich zum Engel, 
der in***) mir redete : »Lassest du, o Herr, mich nicht sehen, 
wie die Seelen der Gerechten aus dieser Welt hinscheiden?« 
Und er antwortete mir: »Komm, Paulus, und ich will es 
dir zeigen.« 12 ) Dann schaute ich und sah die ganze Erde und 
die Geschöpfe auf ihr waren wie Nichts, und ich sah die 
Menschen vorüberziehen wie Nichts, als wenn sie nicht 
wären, und wären Nichts. Und ich sprach: »Ist das die 
Schöpfung, und sind das die Menschen, und die Welt ist 
so gross?« 13 ) Der Engel aber erwiederte mir: »Das sind die 
Süuder, die vom Morgen bis zum Abend sündigen.« 

Dann schaut’ ich und sah wie eine finstre Feuerwolke 14 ) 
über die Erde ausgebreitet, und sagte zum Engel, der bei 
mir war: »Was ist diess, o Herr?« Und er entgegnete mir: 
»Diess ist die mit dem Gebete der Menschen vermischte Bos- 
heit, wenn sie nämlich Gebete hersagen, während sie in 
ihrem Herzen Böses aussinnen , und so wird das Licht ihres 
Gebetes verfinstert.« 

Da seufzte ich Paulus und brach in Thränen aus und 
sagte dann zu ihm: »Gewährst du mir, o Herr, nicht zu 
sehen, auf welche Art und Weise die Seelen der Gerechten 
und Sünder aus dieser Welt scheiden?« Und er antwortete 

*) Oder »schreckende Aufregung«, commotio, perturbatio. Die 
englische Uebersetzung hat fright. 

**) Die oben beschriebenen Schutzengel. 

***) Zu mir, wie'Zachar. 1, 9. Habak. 2, 1. 


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146 


Dr. P. Zingerle. 


mir: »Blicke hinab, o Paulus, und schaue, was du ver- 
langst!* Und ich schaute, und sah einen Menschen dem 
Tode nahe daliegen, und der Engel sprach zu mir: »Der 
da ist tugendhaft und gerecht in allen seinen Handlungen.* 
Und ich sah nun, dass alle seine Werke, die er um Gottes 
willen gethan, in der Stunde seines Hinscheidens aus der 
Welt vor ihm standen. So sah ich Paulus ein, dass der 
jetzt Sterbende gerecht war und Ruhe fand, ehe er noch 
gestorben. Und es trat der Engel der Barmherzigkeit zu 
ihm. 15 ) Die Engel der Bösen aber können, wenn ein Gerechter 
hinscheidet, ihm nicht nahen. Jene Engel (der Barmher- 
zigkeit nämlich) bemächtigten sich des erwähnten Gerechten 
und führten seine Seele im Frieden liebkosend fort. Her- 
nach aber führten sie dieselbe wieder zu ihm zurück, indem 
sie einladend zu ihr sagten: »0 Seele, wisse, dass du in 
diesen deinen Leib, o heilige! bei der Auferstehung zurück- 
kehren und mit allen Heiligen die Verheissungen des leben- 
digen Gottes erlangen wirst.« Als sie dann die Seele vom 
Leibe wegführten, begrüssten sie dieselbe als solche, die 
mit ihnen gewandelt 16 ), und ergötzten sich mit ihr in Liebe, 
indem sie zu ihr sprachen: »Heil dir, o gebenedeite Seele, 
weil*) du täglich den Willen Gottes gethan! Nun ergötzest 
du dich aber in Wonnen.« Und jener Engel, der sie im 
Leben leitete, kam ihr entgegen und redete sie an: »0 
meine Seele, fasse Muth und erfreue dich! Ich freue mich 
über dich, weil du alle Tage deines Lebens den Willen 
unsers Herrn gethan hast. Ich brachte deine Werke Tag 
und Nacht vor Gott.« 

Ich (Paulus) aber wandte mich und sagte zu meiner 
Seele: »Fürchte dich nicht! Ich hab’ es nun gesehen.« 17 ) 
Dieser Geist ward von der Erde erhoben, um in den Himmel 
emporzusteigen. Ihm entgegen zogen aber auch die bösen 
Gewalten , die unter dem Himmel sind , und es kam zu ihm 
der Geist des Irrthums und sprach zu ihm: »Wohin wagst 


*) Oder relativisch : » d i e d u u. s. f. , wie der englische Ueberselzer hat. 


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Die Apokalypse des Apostels Paulus. 


147 


du dich vermessen, o Seele, und läufst, um in den Himmel 
einzugehen V Warte, damit wir schauen, ob an dir etwas von 
unserm Wesen ist, auf dass wir es dort bekannt machen.« *8) 
Die Seele ward also dort gebunden, und es entstand ein 
grosser Kampf zwischen den guten und bösen Engeln. Als 
diess jener Geist des Irrthums sah, so heulte er laut auf 
und sprach: »Weh’ über dich! Wir haben an dir nichts 
von unsern Dingen gefunden ; alle Engel und Geister stehen 
dir gegen mich bei, sie alle sind auf deiner Seite, und du 
entkommst uns.« 

Da ging ein anderer Geist aus, der Geist der Ver- 
leumdung 19 ) und der Hurerei, und kam ihm*) entgegen. Als 
er aber derselben ansichtig ward, weinten sie ihm entgegen 
ünd sagten: »Wie ist diese Seele uns entronnen und hat 
Gottes Willen auf Erden gethan? Nun helfen ihr die Engel 
und führen sie von uns weg.« 

Darauf gingen alle bösen Gewalten und Geister der 
Seele entgegen und auf sie zu , fanden jedoch an ihr Nichts 
vom Ihrigen und vermochten daher nicht ihr etwas anzu- 
haben. Da knirschten sie mit den Zähnen gegen diese Seele 
und sprachen : »Wie bist du uns entronnen ?« Und der Engel, 
welcher sie führte 20 ), antwortete und sprach: »Weichet be- 
schämt von hinnen ! Ihr kommt ihr nicht zu. Ihr Arglistigen 
habt sie schon, da sie noch auf Erden weilte, viel versucht; 
sie hat euch aber nicht Gehör gegebeu.« 

Hernach vernahm ich die Stimme von Myriaden der 
Myriaden heiliger Engel 21 ), die da sagten: »Freue dich und 
frohlocke, o Seele, fasse Muth und fürchte dich nicht!« 
Und sie erstaunten gar sehr über diese Seele, die das Siegel 
des lebendigen Gottes an sich trug, und ermuthigten sie 
so und priesen sie selig und sprachen: »Wir alle erfreuen 
uns über dich, weil du den Willen deines Herrn gethan.« 
Dann führten sie sie in festlichem Zuge fort und stellten 
sie vor den Thron des lebendigen Gottes, indem sie alle 
über sie sich erfreuten und sie geleiteten. 

*) Dem abgeschiedenen Geiste, oder ihr, der Seele. 


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148 


Dr. P. Zingerle. 


Nun aber ward eine grosse Stille, und hernach herrschte 
eine geraume Zeit Schweigen , indem die Engel mit jener 
Seele anbetend vor dem Schemel der Füsse des lebendigen 
Gottes lagen. Darauf begann der Engel, welcher der Seele 
Führer war, und sagte: »Herr, barmherziger und gnädiger 
Gott, erinnere dich dieser Seele und vergiss sie nicht, und 
thu’ an ihr nach der Menge deiner Erbarmungen und nach 
deinen gerechten Gerichten!« Und eine Stimme ward ge- 
hört, die da sprach: »Er ist gerecht.« Der Geist des Herrn 
aber, der in ihrem Leben sie leitete, sagte: »Ich bin der 
Geist des Lebens, der in ihr wohnte, und ich fand sie 
sanftmüthig. Thu’ an ihr, o Herr, nach deinen gerechten 
Gerichten!« Da ward eine Stimme vernommen, die da 
sprach: »Gleichwie sie euch 22 ) nicht betrübt hat, betrüben 
auch wir sie nicht, und gleichwie sie Barmherzigkeit geübt, 
soll auch über sie Barmherzigkeit kommen.« 

Sie übergaben*) sie dann Michael, dem Engelfürsten, 
der vor dem Thore des Lebens steht 23 ), und er befahl, sie 
ins Paradies zu bringen (mit den Worten), auf dass sie 
dort bis zu dem Zeitpunkte**) bleibe, »an dem du bei der 
Auferstehung in deinen Körper zurückkehrst und dich mit 
ihm in Seligkeit und ewigen Wonnen mit den Heiligen 
erfreuest!« 24 ) 

Darauf hörte ich eine Stimme, die sagte: »Gerecht 
bist du, o Herr, und gerecht sind deine Gerichte, und bei 
dir findet keine Menschenrücksicht statt.« Hernach vernahm 
ich die Stimme 25 ) von Myriaden der Myriaden Engel, die da 
Loblieder sangen, und Seraphim, die das dreimal Heilig 
riefen, und ich erblickte 29 Aelteste, die Gott priesen und 
verherrlichten, sprechend: »Gerecht bist du, Herr, und 
sehr gerecht sind deine Gerichte, und bei dir findet keine 
Menschenrücksicht Statt, und du vergiltst Jedem nach sei- 
nen Werken.« Der Engel aber, der bei mir war, hub an 

*) Das Wort kann als Fortsetzung der Rede Gottes auch im 

Imperativ genommen werden: »Und übergebet sie u. s. w steht.« 

**) ttyibv Ewigkeit, Vorzeit. Hier vom Zeitpunkte der Zukunft. 


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Die Apokalypse des Apostels Paulus. 


149 


und sagte zu mir: »Weisst du, Paulus, dass Jeder von 
euch, der Gutes thut, in der Stunde, da er aus der Welt 
scheidet, Ruhe findet, und dass ihm alles Gute und Schöne 
vergolten wird?« Dann fuhr der Engel fort: »Blicke nun 
hinab, Paulus, und schau!« Ich schaute, und sieh: da war 
eine andere Seele, die aus ihrem Leibe schied, und ich 
sprach zu ihm: »Herr, wessen Seele ist diese?« Und er 
antwortete mir: »Wisse, dass dieser ein Gottloser war, der 
Gott Tag und Nacht beleidigte, indem er zu sagen pflegte: 
»Es ist nichts Anderes in der Welt (zu thun), als dass wir 
mit jungen Leuten essen und trinken ; denn wer ist wohl 
in die Unterwelt hinabgestiegen und wider Willen gekom- 
men, oder hat uns Bericht gegeben und vom Gerichte ge- 
sprochen?« 26 ) Ich sah aber seine ganze Bosheit vor und hinter 
ihm herkommen , vor seinen Augen ihn umringend , und ich 
sah. dass diese Stunde für ihn bitterer sei als das kommende 
Gericht. 27 ) Der Mann sagte: »0 wär’ ich doch nicht geboren 
worden und nie in die Welt gekommen!« Ich sah dann, 
dass gute Engel zu ihm hinabkamen und auf ihn schauten, 
sah aber, dass Finsterniss und der stinkende Geruch seiner 
bösen Werke ihn rings umgaP* so dass die guten Engel 
ihm nicht einmal nahen konnten. Es kamen dann auch 
böse Engel, und als die Seele die zwei Schaareu der Engel 
erblickte, gerieth sie in Verwirrung. Als aber die guten 
Engel diess sahen 28 ), entfernten sie sich von ihr; allein die 
bösen Engel fielen über jene Seele her und rissen sie mit 
wildem Grimme eilig heraus. Da sie dann ausgefahren war, 
kehrten sie sie dreimal um , indem sie zu ihr sprachen : 
»Betrachte nun, o elende Seele, deinen Leib und lerne dein 
Haus kennen, aus dem du ausgezogen bist! Am Tage der 
Auferstehung wirst du in dasselbe zurückkehren 'und als 
Vergeltung erhalten, was deiner Schlechtigkeit gebührt!« 
Nachdem sie die unselige 29 ) abgeführt, stöhnte sie bitterlich, 
und der Engel, der sie im Leben leitete, eilte vor ihr her, 
indem er zu ihr sagte: »0 arme Seele, ich bin dein Engel, 
der Tag und Nacht deine Sünden vor Gott brachte, und 


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150 


Dr. P. Zingerle. 


wie oft hab’ ich dir gesagt, dass du die Gebote deines 
Herrn nicht verachten solltest! Hätte ich über mich selbst 
verfügen können, so würde ich dir nicht einmal eine Stunde 
im Tage gedient haben. Allein ich kann über mich selbst 
nicht gebieten, weil derjenige, welcher dich nach seinem 
Ebenbild und Gleichnisse schuf, uns geboten bat, euch. zu 
dienen, indem Gott in seiner Barmherzigkeit zuwartet, ob 
ihr euch etwa bekehrt und nicht Kinder des Verderbens 
werdet. Doch komm jetzt, o unglückliche Seele! Zur Busse 
hast du dich nicht erwecken lassen; so geh 1 nun zum ge- 
rechten Richter hin, der Niemanden (ohne Gericht) lässt 30 ), 
sondern von dem Jedem nach seinen Werken vergolten 
wird. Wisse, o arme Seele, dass ich von heute an immer- 
fort dir fern bleibe.« Da stand der unselige Geist in Be- 
schämung; sein Engel aber drängte ihn. Als die Seele zur 
Pforte des Firmaments kam, sah sie die Heerschaaren der 
Bösen, sah jene Heerschaaren, die auf ihren Zusand der 
Ermattung die Last des Irrthums und der Verleumdung 
legten und den Geist des Truges. Als diese aber zu ihr 
kamen, sprachen sie zu ihr: »Wohin fliehst du, elende 
Seele? Warte, auf dass wJ^ schauen, ob an dir Etwas von 
unserm Wesen ist!« Nachdem sie sie betrachtet, freuten 
sie sich und sagten: »Ja, ja, an dir ist etwas. Du gehörst 
ganz und gar uns, Jetzt wissen wir, dass nicht einmal dein 
Engel dir helfen und dich von uns erretten kann.« Der 
Engel abör entgegnete: »Wisset, dass die Seele des Herrn 
ist und er sie nicht lässt! Auch ich lasse Gottes Ebenbild 
nicht in den Händen des Bösen. Derjenige nämlich, welcher 
mich, so lange diese Seele lebte, täglich unterstützt hat, 
kann mir und ihr beistehen und helfen, und ich lasse sie 
nicht, bis sie vor den Thron Gottes, des Allerhöchsten, 
emporfährt. Wenn er dann auf sie schaut, dann übt er 
Gewalt über sie, und schickt sie hin, wohin er will.« 

Da dieses vor sich ging, ward eine Stimme vom Himmel 
gehört, die also sprach: »Führt diese Seele, welche die 
Worte des lebendigen Gottes verachtete, herauf!« Als sie 


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Die Apokalypse des Apostels Paulus. 


151 


dann in den Himmel eingetreten war, und der Engel Reihen 
sie erblickten, schrieen sie alle mit Einer Stimme: »Weh 
dir, o elende Seele, welche Entschuldigung hast du für deine 
Werke? Oder wie willst du dem lebendigen Gott Rechen- 
schaft über deine Bosheit geben? Wehe dir zu jener Zeit, 
da du vor ihm niederfallen wirst! 31 ) Welche Antwort wirst 
du Ihm geben, der Tag und Nacht über dich den Strom 
seiner Erbarmungen ergossen hat?« Darauf erwiederte der 
Engel dieser Seele: »Ihr alle meine Freunde, bittet und 
flehet inbrünstig mit mir, dass diese Seele aus unserer Mitte 
weggenommen werde! Wir werden ja vom Gestanke ihres 
Geruches gequält. Ihr seht wohl, dass schon gleich, seitdem 
sie in unsere Mitte getreten, ihr stinkender Geruch auf uns 
alle sich verbreitet hat.« Nun flehten auch jene Engel mit 
dem Engel der Seele, und hernach fuhr sie in den Himmel 
empor , und die Engel führten sie vor Gottes Thron , vor 
dem sie anbetend niederfiel. Ihr Engel aber stand mit Furcht 
vor Gott und sagte: »Herr, barmherziger Gott, gerechter 
Richter, du kennst diese Seele 32 ), mit der ich viel Angst aus- 
gestanden habe. Handle jetzt an ihr nach deinen Erbar- 
mungen und gerechten Gerichten!« 

Also sprach auch der Geist des Herrn: »Ich bin der 
Geist des Lebens. Ich war bei ihr und wohnte in ihr, fand 
jedoch nicht Ruhe in ihr. Weil du weisst, wie sie mir Be- 
drängniss und Noth schuf, und an deine Gebote, o Herr, 
sich gar nie erinnerte, so thu’ an ihr nach deinen gerechten 
Gerichten!« Und eine Stimme sprach: »Wo sind deine 
Früchte, o elende Seele, für alle die Gnaden, die ich dir 
zu gemessen und daran dich zu ergötzen gegeben habe? 
Hab' ich etwa einen Unterschied zwischen dir und den Ge- 
rechten gemacht? Hab’ ich die Sonne über diese aufgehen 
lassen und über dich nicht?« 

Ihr aber war der Mund verschlossen, und sie hatte keine 
Entschuldigung. Dann vernahm ich eine andere Stimme, die 
da sagte: »Gerecht ist der Herr, und seine Gerichte sind 
recht, und gerad’ ist Gottes Gericht, und bei ihm ist kein 


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Dr. P. Zingerle. 


Ansehen der Person. Wer immer Erbarmen übt, über den 
werden am Tage des Gerichts die Erbarmungen kommen, 
die er geübt.« 

Hernach ging über diese unglückliche Seele der Befehl 
aus, dass sie dem über die Qual gesetzten Engel übergeben 
werde und dieser sie in die äussere Finsterniss bringen 
und sie daselbst gequält werden solle , bis sie bei der Auf- 
erstehung in ihre Wohnung zurückkehre und dann sie selbst 
und ihr Leib mit einander Peinigung erleiden, wie sie ge- 
meinschaftlich hier (auf Erden) gesündigt. Und wieder 
hört’ ich eine Stimme, die sprach: »Gerecht bist du, o Herr, 
und sehr gerecht sind deine Gerichte!« Als sie aber die 
Seele abführten, weinte sie und sagte: »Barmherziger und 
gerechter Gott, gerecht in allen seinen Werken! Sieben 
Tage sind es, seitdem ich aus meinem Leibe gefahren und 
dem Engel übergeben worden bin. Er führte mich in 
schreckliche Orte, und dort quälten sie mich alle diese 
Tage hindurch.« Und eine Stimme kam zu ihr, die sprach: 
»Hättest du Barmherzigkeit geübt, so wäre auch dir Barm- 
herzigkeit zu Theil geworden.« 33 ) Die arme Seele aber ant- 
wortete: »Ich habe nicht gesündigt, o Herr!« Da entbrannte 
sein Zorn über diese Seele, und es ging der gerechte Richter- 
spruch 34 ) aus : »Engel des Herrn, dem Er über diese Seele 
Gewalt gegeben, komm, bring' alle ihre Werke!« Der Engel 
stand mit grosser Furcht da, hielt i 9 seiner Hand etwas 
wie eine Schrift, und sprach: »Herr, siehe da: die Sünden 
der Seele sind in meiner Hand, und zwar von ihrem vier- 
zehnten Jahre an bis auf diesen Tag.« Dann ertönt’ eine 
Stimme: »Ich sage dir und schwöre mit Amen 35 ): Hat sie 
vor dem Tode Busse gethan , so gedenke ich auch nicht 
Einer ihrer Sünden mehr. Hat sie mindestens vor drei 
Tagen 36 ) reumüthig sich bekehrt, auch dann gedenke ich 
keiner Sünde. Ja, bei meinen Engeln und meinem mächti- 
gen Arme schwöre ich: Wenn sie auch nur Eine Stunde, 
bevor sie starb, Busse gethan hat, so nehme ich sie 
auf. Doch — gebeut nun, dass der Engel dieser und 


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Die Apocalypse des Apostels Paulus. 


163 


dieser*) Seele komme, und sie**) sollen mit sich die See- 
len hieher bringen.« Augenblicklich standen sie vor Gott, 
und die Seele erkannte jene Seelen, an denen sie gesün- 
digt, und jetzt sprach eine Stimme: »0 allerhöchster und 
furchtbarer Herr! Sieh; deine Diener stehen vor deiner 
Majestät.« Dann sprach jene***) Seele: »Diese (da ange- 
klagte) Seele hat nicht geruht und keinen Schlaf über sich 
kommen lassen, bis sie nicht diese f) Seele getödtet und 
ihr Blut vergossen Hktte. Und mit dieser andern Seele hat 
sie Ehebruch getrieben und eine Fehlgeburt 37 ; auf sünd- 
hafte Weise an ihr bewirkt.« Darauf sagte der Richter: 
»Wusstest du 38 ) nicht, o unglückliche Seele, dass ich Jedem, 
der an seinem Nächsten ein Unrecht begeht, wenn dieser 
sich erhebt und ihn tödtet, Alles behalte, bis sein Mörder 
und Widersacher kommt? 39 ; Dann werden beide vor dem 
gerechten Richter erscheinen, und Jedem wird nach seinen 
Werken vergolten.« * 

N#n gebot Gott, dass diese Seele durch den Engel dem 
untern Tartarus überliefert und dort bis zur Auferstehung 
gepeinigt werde. Als diess vor sich ging, hörte ich eine 
Stimme, die da sprach: »Gerecht und gerade ist Gottes 
Gericht« ; dann vernahm ich eine andere Stimme von My- 
riaden der Myriaden Engel, die Gott priesen und sagten: 
»Gerecht bist du, o Herr, und sehr gerade sind deine 
Gerichte, und keine Menschenrücksicht ist bei dir.« Her- 
nach sagte zu mir jener Engel, der bei mir war: »Siehst 
du, o Paulus, diess Alles?« »Ja, antwortete ich, Herr!« 
Und er fuhr fort: »Folge mir nun, ich will dir den Ort 
der Gerechten zeigen.« Ich hielt mich also an dem Engel, 
und er nahm mich auf, hob mich im Fluge empor und 
führte mich bis in den dritten Himmel hinauf. Dann aber 
stellte er mich zu einer Pforte hin ; ich betrachtete sie und 

*) Einer gewissen Seele, womit die andere gesündigt hatte. 

•*) Die Eogel anderer Seelen, womit sich die angeklagte verfehlte. 

***) Deren Engel, wie oben erzählt ist, berufen ward, 
f) Auf eine der gekommenen mitschuldigen Seelen deutend. 

Vierteljahreschrift IV. 2. \\ 


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Dr. P. Zingerle. 


sah, dass sie reinem Golde glich. Vor ihr standen zwei 
Säulen wie von Diamant, und darauf waren zwei beschrie- 
bene Tafeln. Jetzt wandte sich der Engel , der bei mir war, 
zu mir und sprach: »Fürchte dich nicht, Paulus, durch 
diese Pforten einzutreten! Nicht Jedem ist es gestattet 
hineinzukommen, sondern nur Jenen, die grosse Zuversicht 40 ) 
haben und ganz und gar ohne etwas Böses sind.« Ich fragte 
nun den Engel bei mir: »Was bedeuten die Inschriften auf 
diesen Tafeln?« Und er erwiederte röir: »Diess sind die 
Namen der Gerechten, wie unser Herr zu seinen Jüngern 
sagte*): Freuet euch nicht, wenn die Dämonen euch unter- 
worfen sind, sondern erfreuet euch, dass eure Namen im 
Himmel eingeschrieben sind!« Diese sind es, die Gott von 
ganzem Herzen dienen und auf Erden nur Fremdlinge sind.« 41 ) 
Hierauf sagte er weiter zu mir: »Allein nicht bloss ihre 
Namen sind eingeschrieben, sondern auch ihre Werke Tag 
für Tag, und der ihnen dienende Engel bringt täglich die 
Nachricht über ihre Werke von einem Morgen zum andern, 
indem sie (die Menschen) Gott sowohl ihren- Herzen als 
ihren Werken nach bekannt sind. Nachdem sie aber (die 
Werke) eingeschrieben sind, wird eine Sünde oder ein Feh- 
ler, der ihnen nachher irgendwie begegnet, durch eine der 
Sünde angemessene Züchtigung gereinigt, ferner jedoch 
wird ihnen von ihren Arbeiten Nichts abgezogen , und diese 
werden durch den ihnen dienenden Engel bekannt, bevor 
sie noch aus der Welt scheiden; ja, ihr ganzes Thun ist 
im Himmel verzeichnet.« 42 ; 

Als ich aber durch jene Pforte der Stadt hineingegan- 
gen war, kam uns ein Engel entgegen, dessen Antlitz hell 
gleich der Sonne leuchtete. Dieser umarmte und küsste 
mich und sprach: »Sei gegrüsst, o Geliebter des Herrn!« 
Er zeigte mir ein Antlitz voll Liebe. Dann aber ward er 
plötzlich traurig, betrübt, und weinte. Da sagte ich: »Wess- 
lialb weinst du, o Herr?« Er seufzte bitterlich und sagte 


*) Luc. 10, 20. 


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Die Apokalypse des Apostels Paulus. 


155 


zu mir: »Ach, Herr, wohl geziemt es sich zu weinen und 
sich zu betrüben über das Menschengeschlecht. Viel nämlich 
und gross sind die Segnungen, viel die Güter, welche ihnen 
Gott bereitet hat; so sind auch seine Verheissungfcn gross, 
die er ihnen geben will; allein sie berauben sich selbst, 
weil sie die Gebote unsers Herrn nicht beobachten, und aller 
dieser Segnungen und Güter sich unwürdig machen.« Nun 
fragte ich den Engel an meiner Seite: »Wer ist denn 
dieser*), o Herr?« Und er antwortete mir: »Das ist 
Henoch, der Lehrer der Gerechtigkeit.« Dann aber ging 
ich in diesen Ort hinein und sah uns den grossen Elias 
entgegenkommen. Er näherte sich und begrüsste mich 
freudig und frohlockend ; bald jedoch wandt’ er sich um, 
weinte und sagte zu mir : »Du wirst, o Paulus, deine Mühen **) 
und deine Schüler bekommen, für die di* in der Mensch- 
heit***) gearbeitet und die du zum Leben bekehrt hast. 
Sieh, o Paulus, wie gross die Verheissungen und Güter 
Gottes sind! Allein wenige von den Menschen sind ihrer 
würdig. Gross ist zwar die ganze. Menschheit, wenige jedoch 
sind, die in diese Orte kommen, welche du siehst.« 

Nun nahm der Engel, der bei mir war, das Wort und 
sprach: »Von Allem, was ich dir, Paulus, an diesem Orte 
zeige, sollst du den Menschen auf Erden Nichts offenbaren, 
da Fleisch und Blut es nicht begreifen.« 43 ) ' 

Hierauf vernahm ich Worte, die nicht auszusprechen 
sind , und ( die zu sagen einem Menschen nicht erlaubt ist 
(2. Korinth. 12,- 4), weil Fleisch und Blut das nach der 
Auferstehung geschehende Wunderbare nicht begreifen, son- 
dern nur die nach der Auferstehung Lebenden. Dann sagte 
der Engel zu mir: »Komm, ich will dir jetzt zeigen, was 
du den Menschen offenbaren sollst!« Und er führte mich 
aus dem dritten Himmel weg und versetzte mich ober das 

*) I>er in Engelsgestalt Entgegengekommene. 

**) D. i. den Lohn für deine Mühen. 

***) Während deines irdischen Wandels als Mensch unter den Menschen. 

11 * 


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Die Apokalypse des Apostels Paulus. 


Firmament hin. Da sah ich die Grundfesten des Himmels 
gegen Osten auf einem Wasserstrom gelegt, der jenen gan- 
zen Ort und die ganze Erde umgab. Diese Orte aber waren 
mehr als siebenmal heller durch die Sonne 44 ) erleuchtet. 
»Was ist diess für ein Ort?« fragt’ ich jetzt den Engel, 
der bei mir war, und er antwortete mir: ».Diess ist das 
Land der Verheissung, von dem' unser Herr gesagt hat: 
»Selig sind die Armen im Geiste; denn ihrer ist das Land 
des Lebens« (Matth. 5, 3). Ihre Seelen sind hier. Wenn 
nämlich die Gerechten aus der Welt scheiden, so kommen 
sie in diesen Ort.« Darauf sagte ich: »Und nun, o Herr, 
ist diess die Erde, die am Ende geoffenbart wird?«*y 
Und er entgegnete mir: »Wenn Christus, den du anbetest, 
erscheint, so kommt er von dort, wo ihr ihn habt auffahren 
gesehen, und löst durch sein Machtgebot die Erde auf, und 
sie wird wüst und öde **), wie sie zuerst war, und alle diese 
Geschöpfe werden vernichtet, und die Erde wird gleich wie 
das Dach eines Hauses 45 ) zugedeckt werden, d. i. schwarz und 
finster Für die Menschen und ihre Werke. Ist die Erde 
vergangen, dann wird diese da herrschen, die Sonne der 
Gerechtigkeit (Malach. 4, 2), und Er (Christus) kennt 
die Seinen und wird von ihnen gekannt, und er ruft seine 
Auserwählten bei ihren Namen und herrscht in Ewigkeit 
über sie und erfüllt sie mit Wonne, und gibt ihnen alle 
himmlischen Güter, wie er ihnen verheissen hat; denn ihm 
gebührt Verherrlichung in alle Ewigkeiten. Amen.« 

Ich richtete dann meine Blicke auf diese (höhere, über- 
irdische) Erde; darauf befindet sich ein Strom Wassers, an 
dessen Ufer auf beiden Seiten Bäume gepflanzt sind, deren 
jeder Früchte in allen möglichen Formen hervorbringt. Dort 
sah ich ferner auf der Ostseite einen Ort, welcher der Be- 
ginn 46 ) aller Creaturen des lebendigen Gottes ist, indem sie 
Glückseligkeit geniessen. Diese Erde war sehr licht, und 


*) Offenb. Joh. 21, 1. Die neue Erde. 

**) Wörtlich »Thohn va bohn.« 


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Die Apokalypse des Apostels Paulus. 


157 


auf ihr sah ich Bäume, die von ihren Wurzeln an bis zu 
den Gipfeln voll Früchte waren, und der Engel an meiner 
Seite nahm wieder das Wort und sprach: »Schau jetzt 
diess Alles an, o Herr! Gott hat nämlich diese Verheis- 
sungen (d. i. Seligkeiten, Güter), die er seinen Heiligen ver- 
sprochen, bereitet. Wisse jedoch, dass noch siebenmal herr- 
lichere sind als diese, »die weder ein Auge gesehen, noch 
ein Ohr gehört, und die in kein Menschenherz gekommen 
sind.«*) Sieh, ich sage dir, Paulus, von den heiligen Men- 
schen, die aus der Welt dahingeschieden, und die Ver- 
heissungen geschaut, welche Gott bereitet hat, dass sie 
seufzten und sagten: »Warum ist ein Wort aus unserm 
Munde gegangen und haben wir für uns gesorgt?«**) 47 ) Ich 
sah dort aber auch Menschen, die sich erfreuten und froh- 
lockten und den Schöpfer priesen, und sagte dann zü ihm 
(dem Engel): »Wer sind diese, o Herr?« Er antwortete 
mir: »Das sind jene Menschen, die in der Welt waren und 
ihre Gemeinschaft, 48 ) wie Gott ihnen sagte, und seine Gebote 
hielten und die Reinheit bewahrten. Sie ergötzen und er- 
freuen sich hoch in alle Ewigkeit, Amen. Den Jungfräu- 
lichen aber und denen, die sich der Welt entäussert haben, 49 ) 
und die nach Gerechtigkeit hungerten und dürsteten, gibt 
Gott Seligkeiten, die noch viel herrlicher als diese sind, o 
mein Sohn! Diess zeige ich dir, Paulus!« 

Hernach entführte er mich gegen Osten von diesem 
Orte aus, und dort sah ich einen Strom Wassers; das 
Wasser aber in ihm war lichter als Milch. Und er sprach 
zu mir: »Siehst tlu diese, o Paulus?« Und ich sagte zum 
Engel, der bei mir war: »Wer sind diese, o Herr?« Er 
antwortete mir: »Diess ist der See der Eucharistie 50 ); im 
Osten aber von diesem See ist die Stadt Christi. Sie lassen 
jedoch nicht Jedermann in diese Stadt hineinkommen. 51 ) So 


*) Jes. 6-1, 4. I. Korinth. 2, 9. 

**) Wohl mit weltlicher Sorge, anstatt eifriger an die Ewigkeit zu 
denken. 


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Dr. P. Zingerle. 


geht es denjenigen, die Ehbrueh getrieben oder Frevelthaten 
begangen und die Gebote nicht beobachtet haben. Bekehrt 
sich aber Einer aus ihnen und thut vor seinem Tode Busse, 
so bringen ihn, sobald er aus der Welt scheidet, sogleich 
die Engel her und er betet vor dem Throne Gottes an und 
hat an sich das Zeichen der Busse. Dann wird er dem 
Erzengel Michael übergeben, und dieser führt ihn über den 
See der Eucharistie und bringt ihn in die Stadt ChristL 
Dort wird er in die Gesellschaft jener aufgenommen, die 
nie gesündigt haben.« 

Ich Paulus aber verwunderte mich sehr und pries Gott 
wegen alles dessen, was ich gesehen. Dann begann der 
Engel an meiner Seite wieder und sprach: »Folge mir, ich 
will dich in diese Stadt führen.« Als ich dann an dem See 
der Freude stand, brachten sie’mir ein Fahrzeug und setzten 
mich in dasselbe. 52 ) Es war reinem Golde gleich, und ich sah 
Schaaren von Engeln, wohl mehr als drei Tausende, die 
vor mir her Loblieder und Psalmen und Hallelujagesänge 
ertönen Hessen, bis ich in die Stadt Christi kam. Als ihre 
Bewohner mich erblickten, erfreuten sie sich gar sehr, kamen 
zu mir heraus und führten mich hinein. Nachdem ich ein- 
getreten war, sah ich dort einen grossen Strom; die Stadt 
selbst aber war siebenmal heller als das Sonnenlicht. Zwölf 53 ) 
Mauern umgaben sie, und zwölftausend feste Thürme waren 
in ihr; um jeden derselben ging eine Halle herum. 54 ) Ich 
sagte zum Engel, der bei mir war: »Was sind denn diese 
(Thürme) da?« Und er antwortete mir: »Das sind die 
Thürme, welche abgesondert zwischen denMenschen stehen.« 55 ) 
Da ich hinschaute, 56 ) waren die Pforten in diesem Umkreise 
offen , der mit allem , was sich ziemte , geschmückt war. 
Vier Flüsse umgaben sie (die Stadt), einer von Osten, einer 
von Westen, einer von Norden, und einer von Süden. Nun 
fragte ich den Engel an meiner Seite: »Was bedeuten wohl 
diese Flüsse, o Herr, welche die Stadt umgeben?» Er ent- 
gegnete mir: »Diese vier Ströme sind das Bild jener, die 
auf Erden sind, des Gichon, Pischon, Eufrat und Tigris,« 


i 




Die Apokalypse des Apostels Paulus. 


159 


Als ich dann ausser dem Thore 57 ) dieser Stadt grosse und 
sehr hohe Bäume ohne irgend etwas von Früchten, sondern 
nur mit Blättern sah, und einige Menschen, die zwischen 
den Bäumen zerstreut waren und sehr weinten, so oft sie 
einen gerechten Menschen in die Stadt hineingehen sahen, 
während, sie selbst bis zur Erde hinab gebeugt und sehr 
betrübt waren : als ich, wie gesagt, diess sah, so weinte ich 
gleichfalls und sagte zum Engel bei mir: »Was sind denn 
diese und wer sind sie, die nicht würdig waren, in die Stadt 
einzutreten?« Und der Engel erwiederte mir: »Wohl ge- 
ziemt es sich für uns, über sie zu weinen, die mehr als 
alle andern Menschen sich angestrengt haben.« »Und warum, 
o Herr?« sagte ich. Der Engel antwortete mir darauf: »Sie 
waren Asceten,*) fasteten, 58 ) schienen im Gebete, allein ihr 
Herz war hochmüthig vor Gott und so vermochten sie keine 
Reue 59 ) zu erwecken. Ihr Herz war verstockt; sie glaubten 
nämlich? dass sie nichts angehe, was über sie geschrieben 
steht**): »Oder hast du nicht gehört, dass Gott den Hoch- 
miithigen widersteht und den Demüthigen Gnade gibt?« 
Wisse nun, o Paulus, dass diese mehr als alle Menschen 
sich selbst verherrlichten und ihre Nebenmenschen ver- 
achteten, und vorz'üglich sich selbst lobten, Niemanden je 
begrüssten, und nur wem sie wollten die Thüre öffneten. 
Dem sie aber um Gottes willen und weil er fremd war 
hätten öffnen sollen , den misshandelten sie. Dieser ihr 
Hochmuth schloss si£ aus, hier einzutreten. Wie hat der 
Herr der Herrlichkeit, als er vom ungerechten Volke ver- 
höhnt ward, nicht diess alles um der Rückkehr Eines Schafes 
willen auf sich genommen , damit es nicht verloren gehe ! 
Diese aber wussten nicht, 60 ) was sich für sie zu thun gezieme. 
Ich sage dir nun, mein Sohn Paulus: Sie haben in ihrem 
Wandel mehr als alle Gerechten sich abgemüht, allein ihr 

*) Wörtlich »Trauernde«, wie auch Mönche und Einsiedler genannt 
wurden. Englisch »mourners«. 

**) Jacob. 4, G. Wörtlich »dass in Bezug auf sie gut gehe«, dass 
sie nicht zu fürchten haben u. s. w. 


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Dr. P. Zingerfe. 


Stolz demüthigte sich nicht und diess ist die Ursache, welche 
sie dort hineinzukommen hinderte.« 

Nachdem ich von dort weggegangen war, zog ich mit 
dem Engel weiter und er führte mich über einen Fluss. 
Dort erblickt ich den Propheten Jesaias, bei ihm auch 
Jeremias, Ezechiel, Moses, ja die ganze Schaar der Propheten. 
Sie standen auf und begrüssten mich, ich aber sprach zum* 
Engel an meiner Seite: »Wer sind diese da? 61 ) Was ist diess 
für ein Ort?« Er gab mir zur Antwort: »Diess ist der 
Aufenthaltsort der Propheten und derjenigen, die um Gottes 
willen sich selbst abtödten. Sobald sie aus der Welt scheiden, 
werden sie hieher geführt, um vor Gott anzubeten, und 
dann dem Erzengel Michael übergeben, der sie in die Stadt 
der Propheten führt. Diese begrüssen sie als Brüder und 
lieben sie, weil sie Gottes Willen vollzogen, und sind um 
sie her geschäftig.« 62 ) 

Darauf führte er mich gegen Süden und ich sah dort 
einen andern Strom 63 ) und dann jene Kinder, die der ruch- 
lose Herodes hatte ermorden lassen. Auch diese 6tanden 
auf und begrüssten mich. Der Engel an meiner Seite aber 
sprach: »Wer immer seine Jungfrauschaft und Seelenrein- 
heit bewahrt, wird beim Hinscheiden aus der Welt, nach- 
dem er vor dem Throne Gottes angebetet hat, dem Erz- 
engel Michael übergeben, und dieser bringt ihn zu den 
Kindern da. Die begrüssen ihn wie einen Vater. 

Nun brachte er mich gegen Osten der Stadt, und dort 
erblickte ich ehrwürdige Greise und die tugendhaften Väter 
Abraham, Jsaak und Jakob, und die ganze Schaar der Ge- 
rechten. Auch sie begrüssten mich freudig, und ich sagte 
zum Engel bei mir: »Wer sind diese, o Herr?« Er erwiederte- 
mir: »Wer immer die Fremden liebt und gegen die Armen 
Mitleid übt, geht beim Hinscheiden aus der Welt, wenn er 
vor Gott angebetet hat, auf diesem Wege zu den Heiligen ein, 
kommt in ihre Gesellschaft in dieser Stadt, sie grüssen und 
lieben ihn, weil er wie sie die Fremdlinge geliebt hat, und 
sie führen ihn in die Stadt der Verheissung.« 


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Die Apokalypse des Apostels Paulus. 161 

Nun führte er mich an die Nordseite der Stadt und 
dort erblickt’ ich Menschen, die voll Freude und Heiterkeit 
sich ergötzten. Ich sagte zum Engel bei mir: »Wer sind 
diese, o Herr?« Und er erwiederte mir: »Diese sind, die 
sich selbst aus ganzem Herzen (Gott) ergeben haben und 
in den Ort, wo keine Furcht herrscht übergegangen sind,« 

Darauf aber brachte mich der Engel mitten in die 
Stadt hinein; darin waren zwölf sehr hohe und erhabene 
Mauern. Da fragt’ ich den Engel und sprach: »Herr, ist 
hier noch ein anderer Ort, der herrlicher ist als dieser?« 

Und er antwortete mir: »Von diesen ist jeder herrlicher 
und vortrefflicher als der andere, vom ersten bis zum 
zwölften. Jeder von den Menschen aber wird, je nachdem % 
sie sind, durch diese Mauern abgeschnitten. Jeder wird 
nach Verbältniss seiner Missethaten durch diese Mauern 
vom Umgänge mit Gott ausgeschlossen, vom ersten (Orte) 
bis zum zwölften.« 

Von dort führte er mich wieder in die Mitte der Stadt 
und ich sah Throne aufgestellt und Kleider und Kronen 
anf sie gelegt, so herrlich, dass kein Mensch im Stande ff 
wäre, die Grösse ihrer Pracht zu beschreiben. Ich sagte 
jetzt zum Engel, der bei mir war: »Wer sind diese, o Herr?« 

Und er gab mir zur Antwort: »Diese sind es, die Gott 
durch ihre Einfalt versöhnt haben; sie sagten nämlich, sie 
seien thericht und verächtlich, und achteten sich selbst für 
nichts. Nun aber ist ihrer alles, was du in ihr (der Stadt) 
siehst. Sie wussten von nichts anderm, w ) als dass sie täglich 
um der Liebe Christi willen sich grössten; doch jene Ge- 
lehrten sprechen in ihrem Stolze ganz anders : Seht ihr jene 
Einfältigen, die -nichts wissen? Wie sind sie nun dieser 
Grösse gewürdigt worden?« 

Dann sah ich mitten -in der Stadt einen grossen Altar, 
der ungemein hoch war; an der Seite desselben aber er- 
blickte ich einen hehren und glorreichen Greis stehen, dessen 
Angesicht wie am Firmament die Sonne leuchtete. Er hielt 
in seiner Hand eine Zither und sang Halleluja. Durch 


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Dr. P, Zingerle. 


seine Stimme ward die Stadt aufgeregt, und zugleich riefen 
die ob den Thürmen und die unter ihnen alle laut: Alleluja! 
Als ich diess sah, erbebten von dem Tone ihrer Jubelrufe 
die Grundfesten. Nun fragte ich den Engel, der bei mir 
war: »Was ist das für ein Getön, das diese Stadt und alle 
ihre Bewohner in Aufregung bringt?« Und der Engel sagte 
mir: »Diess ist David der Prophet und König, der im Jeru- 
salem Christi Psalmen singt. Wie er auf Erden Psalmen 
sang, psallirt er da im h. Geiste, und alle Heiligen stimmen 
mit ihm in Lobpreisung und Jubelgesang überein. Der 
Prophet David tritt hervor und psallirt vor ihnen her, dann 
antworteten alle Heiligen nach ihm mit Halleluja.« Und 
ich sprach zum Engel: »Warum singt er vor dein Altäre 
Halleluja und antworten die Heiligen, jeder von seinem 
Platze aus?« Und der Engel entgegnete mir: »Als Christus, 
Gottes Sohn, auffuhr und sich zur Rechten seines Vaters 
setzte, so psallirte David allein vor seiner Auffahrt her. 
Er sagte nämlich so*): »Erhebet, o Thore, eure Häupter 1 
Erhebt euch, ihr Thore von Ewigkeit, damit der König der 
Ehre einziehe!« Viele waren in jener Zeit nach diesem 
Gesänge begierig, ausser ihm (David) kam aber Niemand 
dazu, und kein Mensch vermag auf Erden Gott ein Opfer 
darzubringen, ohne es durch die Psalmen des seligen Davids 
zu verherrlichen ; denn ohne Davids Preisgesänge kann Nie- 
mand es wagen zu opfern. Notbwendig ist nämlich der Ge- 
brauch, zur Zeit des Opfers um des Leibes Christi willeA 65 ) 
Davids Loblieder zu singen.« Und ich sagte zu ihm: »Herr, 
was ist das Halleluja?« Der Engel erwiederte mir: »Ueber 
wie vieles forschest und fragst du, Paulus! 66 ) Alles willst du 
wissen. Wisse- denn: Allelujuah bedeutet in hebräischer 
Sprache: Lobet Gott! 67 ) Offenbar preisen aber dadurch zuerst 
in der Höhe und verherrlichen beständig die Engel Jenen, 
der uns Heil gesendet und uns Alles erschaffen hat.« Und 
ich sprach zu ihm: »Herr! Lobt also Jeder, der Allelujah 


*) Psalm 24 hebr. 7. 9. 


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Die Apokalypse des Apostels Paulus. 


163 


sagt, Gott?« Und der Engel antwortete und sprach: »Wenn 
Jemand in der Kirche Psalmen singt und Jene, die opfern, 68 ) 
ihm nicht mit Allelujah erwiedern, so sündigen sie dadurch, 
und wenn sie nicht antworten , so antworten jedenfalls ihre 
Engel. Wenn ferner ein Mensch, weil er krank oder alt 
ist, nicht antwortet, so antwortet an seiner Statt der die- 
nende Engel. Ich sage aber: was soll man wohl von dem 
sagen, 69 ) welcher eine starke Stimme hat und nicht antwortet? 
Wenn ein solcher Mensch auch nur Einen Gesang 70 ) nicht 
achtet, so ist’s der böse Geist, der aus Stolz ihn abwendig 
macht, und er erkennt nicht, dass er es verachtet, Gott 
Preis darzubringen. Er würdigt sich nicht, mit Gott zu 
reden (denn so oft ein Mensch betet, unterredet er sich mit 
Gott), und so beraubt er sich selbst des Umgangs mit Gott.« 

Hernach führte er mich aus der Stadt und brachte 
mich unter jene Bäume am See der Eucharistie, indem er 
zu mir sagte: »Diess ist völlig das Land der Vörheissung 71 ) 
der Gerechten und Heiligen.« Dann hob er mich empor 
und führte mich über jene Ströme des Sees und erhob mich 
über jenen Ocean, der das Firmament des untern Himmels 
trägt, und nun begann der Engel bei mir und sagte zu 
mir: »Weisst du, Paulus, wohin du jetzt gehst?« »Nein, 
Herr«, erwiederte ich. Und er sprach weiter: »Folge mir 
nach! Ich werde dir den Weg*) zeigen, wo die Sünder 
und die Seelen der Gottlosen- gepeinigt werden.« Und er 
führte mich gegen Sonnenuntergang hin , und ich sah da- 
selbst den Anfang 72 ) des Himmels festgestellt auf Einem mäch- 
tigen Strome und sagte zu ihm: »Was ist diess da unten?« 
fir antwortete mir: »Diess ist das Meer des Oceans, das 
die ganze Erde umringt, und darin ist die Erde. Es ist 
aber der Gürtel ob ihrem Haupte, und die Erde befindet 
sich in seiner Mitte.« 73 ) Ich sah aber dort feurige Kohlen 
gelegt, und eine Flamme stieg daraus hervor und eine 


*) Am Bande steht ein Wort, das Ort heisst, als Verbesserung. 
Kogl, »the place«. 


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164 


Dr. P. Zingerle. 


grosse Menschenmenge war darin versenkt; einige davon 
waren bis zu den Lippen, andere bis zu den Bäuchen 74 ) im 
Feuer. Da fragte ich den Engel: »Was sind denn diese 
da für Leute, Herr? Und er entgegnete mir: »Die sind 
solche, welche sich weder den Gerechten noch den Sündern 
gleich gemacht, aber auch keine Bekehrung * angenommen 
haben. Ihr Leben verging in dumpfer Gedankenlosigkeit 
und in Pflege ihrer Körper, und was sie immer thaten, be- 
stand in Unzucht und grossen Sünden 75 ); allein der Busse 
ergaben sie sich durchaus nicht und erinnerten sich auch 
nicht an das Ende. Nachdem sie gestorben, brachte man 
sie hieher.« Und ich sagte, nun zum Engel: »Was sind 
wohl jene für Leute, o Herr, die bis zu den Knieen im 
Feuer versunken sind?« Und er sprach zu mir: Diess sind 
jene, die aus der Kirche gehen und vom Gebet ablassen 
und Unnützes schwatzen , die nur aufmerken , wann es ihnen 
beliebt, 76 ) und ihre Stimme über die andern erheben.« Hernach 
fragte ich ihn: »Herr! Und jene, die bis zu ihrem Bauche 
im Feuer versunken sind, wer sind sie?« Und er gab mir 
zur Antwort: »Diess sind jene, die nach dem Empfange des 
Leibes Christi Ehbruch und Hurerei trieben und ihre Leiber 
nicht zur Ehre ihres Herrn bewahrten , und von ihrer Geil- 
heit nicht abliessen, bis sie starben.« 

Und wer sind denn jene, die bis zu den Lippen in’s 
Feuer versenkt sind?« 

»Diess sind diejenigen, welche zwar allzeit in der 
Kirche Psalmen herabsagten, aber durch Ränke einander 
befeindeten 77 ) und mit verstellter Liebe ihren Nebenmenscheiv 
winkten.« 

Ich erblickte nachher dort im Westen von der Sonne 
viele und mannigfaltige Peinen , und den Ort voll Männer 
und Weiber. Zwischen floss ein Feuerstrom hervor, und 
sie erlitten darin bittere Qualen. 

Dort sah ich ferner tiefe Tiefen und darin eine Menge 
Seelen, eine auf die andere geworfen. Die Tiefe des Feuer- 
stromes betrug mehr als dreissigtausend Ellen. 78 ) Die 


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Die Apokalypse des Apostels Paulus. 


1G5 


Seelen aber weinten und stöhnten alle zugleich , rufend : 
»Unser Herr, erbarme dich unser, Herr, Gott!« Bisher 
jedoch ward ihnen keine Barmherzigkeit zu Theil. 

Ich fragte nun den Engel, der bei mir war: »Wer 
sind wohl diese, o Herr?« Und er antwortete mir: »Diess 
sind diejenigen, welche auf Gott nicht 79 ) vertrauten, dass 
er ihr Helfer sein werde, vielmehr aber auf ihren Reich- 
thum ihr Vertrauen setzten.« Dann sagte ich zu ihm: 
»Herr, seit welcher Zeit sind sie hier?« Und er erwiederte 
mir : »Seit zwanzig 80 ) Geschlechtern und länger noch bleiben 
sie, eine Seele auf der andern, in dieser ganzen Tiefe da, 
so weit sie nur reicht.« Weiter sprach der En£el zu mir: 
»Diese Tiefe und dieser Abgrund haben kein Mass. Er 
wallt aber heftig glühend gleich einem Kessel auf, wie du 
siehst.« 81 ) 

Ich schaute jetzt hin und sah noch eine andere Tiefe, 
die tiefer als jene erste war, und darin befanden sich Seelen 
von Gottlosen. Es verhielt sich mit ihrer Tiefe aber so, 
dass wenn Seelen von Gottlosen in sie geworfen werden, sie 
kaum in hundert Jahren in de$ Grund derselben kommen. 

Als ich Paulus diess geschaut, weinte und stöhnte ich 
darüber, dass dem Menschengeschlechte so viele Peinen 
bereitet sind. Der Engel aber fragte mich: »Warum weinst 
du und wesshalb seufzest du? Bist du etwa barmherziger 
als Gott?« Ich antwortete: »Das sei ferne von mir, o Herr! 
Gott ist gütig und barmherzig gegen die Menschen und lässt 
jeden von ihnen nach seinem Willen wandeln, wie es dem- 
selben gefällt.« 82 ) 

Und ich schaute und sah wieder einen Feuerstrom, der 
viel reissender war als der andere, und einen Greis dabei. 
Den führten Engel dahin und versenkten ihn in den feurigen 
Strom bis zu den Knieen hinauf/ Dann ward ein Diener 
aus den Engeln beordert 83 ); dieser hielt in seiner Hand einen 
eisernen Stab, an dem drei Zähne waren, und zog die Ein- 
geweide des alten Mannes bei seinem Munde heraus. Nun 
sagte ich zum Engel, der bei mir war: »Was sind das für 


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166 


Dr. P. Zinzerle. 


schreckliche Peinen, womit man diesen alten Mann peinigt!« 
Und der Engel sagte mir: »Dieser war ein Priester und ver- 
richtete sein Amt nicht, wie er schuldig war; er liess keinen 
Tag vom Ehbrechen, Essen. Trinken. Unzuchttreiben ab; 
die gewöhnliche Pflicht seines Amtes erfüllte er aber auch 
nicht Einen Tag.« 

Ich schaute weiter und erblickte einen andern Greis, 
den vier Engel streng in ungestümem Laufe herschleppten 
und bis zu den Knieen in jenen Feuerstrom versenkten. Sie 
liessen ihn nicht rufen: »Herr, erbarme dich meiner!« son- 
dern peinigten ihn grausam. Da sprach ich zum Engel, der 
bei mir war: »Wer ist dieser, o Herr?« Und er antwortete 
mir : »Mein Sohn, dieser war ein Bischof, weidete aber seine 
Heerde nicht gut, sondern machte sich nur durch Essen, 
Trinken und Wollüste einen Namen , dachte jedoch nicht 
an die Güte, welche ihn erhoben 84 ) und des grossen Geschäftes 
gewürdigt hatte, ein Oberhirt zu sein. Auch nicht Ein ge- 
rechtes Gerichtes richtete er, noch hatte er Erbarmen für 
Waisen und Wittwen.« 

Ich sah aber daselbst .auch einen andern Mann, der 
bis zu seinem Nacken versenkt und in Blut getaucht war. 
Würmer krochen aus seinem Munde herauf, er weinte bitter- 
lich und schrie: »Unser Herr, erbarme dich meiner!« Diese 

. / 

Pein war nämlich härter als alle andern Peinen. Ich sagte 
nun zum Engel, der bei mir war: »Wer ist dieser da, 
o Herr?« Und er erwiederte mir: »Dieser war ein Diacon 
und genoss das Opfer auf ungeordnete Weise mit der Gier 
nach Brod. Zudem verrichtete er keinen Tag etwas Gott- 
gefälliges, sondern trieb Ehbruch. Desswegen erweist man 
ihm keine Barmherzigkeit und seine Peinigung ist ohne 
Erbarmen.« 

Wieder sah ich einen andern Mann in grausamer Be- 
drängniss. Man warf ihn nämlich in dieses Feuer und es 
kam zu ihm ein Engel, der nämlich die Oberaufsicht über 
die Peinen ' hatte. Dieser hielt in seiner Hand eine heftig 
brennende Feuerzange und zerschnitt langsam langsam die 


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Die Apokalypse des Apostels Paulus. 167 

Lippen des Mannes. Bei diesem Anblicke weinte ich Paulus 
und sprach zum Engel an meiner Seite: »Herr, wer ist 
dieser?« Der Engel aber sagte mir: »Dieser war ein 
Lehrer und Lector in der Welt, hielt aber keines der Ge- 
bote , die er lehrte. Er starb unbekehrt und desshalb 
peinigen sie ihn.« 

Hernach erblickte ich einen andern Ort, worin ver- 
zehrendes Feuer mit einem Wurm war, und eine Menge 
Männer und Weiber waren hineingeworfen. Der Wurm aber 
frass und verzehrte ohne Schonung. Da fragte ich den 
Engel, der bei mir war: »Was sind diese da für Leute, o 
Herr?« Er antwortete mir dann: »Du siehst da, 85 ) o Paulus, 
diejenigen, welche Zins genommen haben und auf ihren Reich- 
thum vertrauten, auf den Herrn aber als ihren Retter nicht 
hofften. Nachdem sie dann unbussfertig gestorben, kamen 
sie in diese furchtbare und bittere Qual.« 

Darauf zeigte er mir aber einen andern Ort, der noch 
viel bedrängnissvoller und schrecklicher als jener erste war. 
Darin befanden sich Männer und Weiber, deren viele sich 
die Zungen zerbissen, und ich fragte den Engel bei mir: 
»Wer sind diese, Herr?« Und er sagte: »Diess sind die- 
jenigen, welche in der Kirche zur Zeit der Feier der h. Ge- 
heimnisse redeten. Sie merkten auf die Worte Gottes nicht 
auf, sondern schwatztsn von eiteln Dingen und unterliessen 
den Umgang mit Gott. Sie sterben dahin, ohne Busse an- 
genommen zu haben.« 

Wieder schaute ich eine andere Tiefe, aus der Qualen 
hervorströmten, und ich erblickte eine Menge Männer und 
Weiber, die ohne Erbarmen gepeinigt wurden, und zwar 
einige bis zu ihren Lippen, andere bis zu ihrem Haupte. 86 ) Da 
sprach ich zum Engel, der bei mir war: »Wer sind diese, 
o Herr?« Und er gab mir zur Antwort: »Diese sind 
Zauberer und Zauberinnen, die sich selbst keine Ruhe Hessen, 
bis sie aus der Welt schieden.« 

Darüber hinaus sah ich aber eine gräuliche Finster- 
niss, in der sich Männer und Weiber befanden. Ihr Ge- 


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Dr. P. Zingerle. 


schrei erhob sich bis zum Himmel unaasgesetzt, und sie 
riefen: »Unser Herr, erbarme dich unser! Jetzt kennen wir 
die Zeit der Busse.« Allein jene Engel vermehrten noch ihre 
Peinen und Qualen, sprechend: »Hier ist kein Raum mehr 
zur Busse. Hättet ihr vor eurem Hinscheiden sie dargebracht, 
so hätte man euch vielleicht aufgenommen.« Ich Paulus 
seufzte aber und weinte, indem ich sagte: »Weh 1 euch, ihr 
Gottlose! Wozu seid ihr wohl auf der Welt geboren wor- 
den?« Und er*) antwortete mir: »Noch mehr solltest du 
weinen über die Patriarchen und Metropoliten und Bischöfe. 
Weine aber über die Priester und Diaconen ; denn alle haben 
sich mehr versündigt als die Geldliebhaber. Sie liebten 87 ) 
diese Peinen**), die jetzt ihnen auferlegt sind. Desshalb 
finden sie, da sie keine Barmherzigkeit ausübten, auch selbst 
keine Ruhe , sondern werden siebenfach mehr gepeinigt, 
weil sie die Zeit der Busse verloren haben. Gott ist barm- 
herzig; denn er hat Jedem den freien Willen gelassen, und 
daher gebühren ihnen die bittern Qualen.« 

Als ich darüber weinte, sprach der Engel zu mir: 
»Du bist verrückt, 88 ) Paulus ! Bisher hast du grausame Peinen 
noch gar nicht gesehen.« Dann führte er mich gegen 
Westen, wo alle Qualen bereitet waren, und hernach stellte 
er mich ober einen Brunnen, von dem ich sah, dass er mit 
drei Siegeln versiegelt war. Und der Engel, welcher bei 
mir war, hob an und sagte zu mir: »Siehst du, Paulus, 
diesen Brunnen?« Darauf ' sprach er zum Engel, welcher 
ober der Oeffnung des Brunnens stand : » Oeffne diesen 
Brunnen, damit Paulus, der Geliebte unsers Herrn, schaue 
(was unten ist)! Ihm gab er nämlich die Erlaubniss, so- 
wohl alle Wonnen und Seligkeiten der Gerechten als auch 
alle Wehen und Peinen der Sünder zu sehen.« 

Jener Engel (der bei der Oeffnung war) antwortete 
darauf und sagte zu uns : » Steht also weit entfernt, damit 


*) Der mich begleitende Engel. 

**) Was diese Peinen ihnen zuzog. 


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Die Apokalypse des Apostels Paulus. 


169 


der Geruch der Verwesung und des Gestankes euch nicht 
treffe!« Da er nun den Brunnen öffnete, drang ein gewaltiger 
Gestank daraus hervor, und der Engel an meiner Seite 
sprach zu mir: »Von Jedem, der immer in diesen Brunnen 
geworfen wird, wisse, dass seiner weder bei Gott noch bei den 
Engeln mehr gedacht wird!« Und ich fragte den Engel, der 
bei mir war: »Herr, wer sind Jene, die dieses Brunnens 
würdig sind?« Er aber antwortete mir : »Jene, die den Herrn 
Jesus und seine Auferstehung nicht bekennen, auch nicht, 
dass er Mensch geworden, sondern die da meinen, er sei 
allen andern Menschen gleich, und in Bezug auf das Opfer 
des Leibes unsers Herrn sagen, es sei nur Brod.« 

Nun blickte ich gegen Westen, und sah den Himmel 
offen und den Engelfürsten Michael, der dem Bunde*) vor- 
sitzt, vom Himmel herabsteigen, und Märtyrer 89 ) und Engel- 
reihen mit ihm, und er kam zu jenen, die in der Pein 
waren, und sie sprachen zu ihm: »Unser Herr, erbarme 
dich über uns! Wir wissen, dass du, so lang wir auf der 
Welt waren, jederzeit für uns Gebet darbrachtest. Nun 
aber hat uns das gerechte Gericht Gottes erreicht« Michael 
antwortete und sagte zu ihnen: »Höret ihr alle in der Pein: 
Bei dem Herrn, vor dem ich stehe, nie höre ich dort auf, 
für euch zu weinen, allein ihr Gottlosen hörtet nie auf zu 
sündigen, und ihr habet euer Leben in Eitelkeiten zuge- 
bracht Wo sind jetzt aber, o ihr Gottlosen, eure Gebete? 
wo ist eure Busse, dass etwa über euch Barmherzigkeit 
ergehen könnte?« Ich Paulus aber vernahm diess von 
Michael; allein jene Gottlosen weinten nun und schrieen, 
und ihre Stimme war wie Donner. Ich dachte an die Worte 
unsers Herrn, der da sagte: »Dort wird Weinen und Zähne- 
knirschen sein.« Die Engel schrieen mit ihnen 90 ) und 
sprachen: »Unser Herr, erbarme dich über uns und über 
dein Gebilde 1 Herr, sei gnädig deinem Ebenbilde!« 

Während diess vor sich ging, stand ich Paulus mit 


*) Daniel 10, 13.21. 12, 1. Engl.: »who is over the covenant.« 

VUrtoljahrschrift IV. 2 . 12 


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Dr. P. Zingerle. 


Erstaunen da und sah den Himmel sich erschüttern und 
wanken wie ein Moosrohr vor den Winden. Und es thaten 
sich die Pforten auf, und ich sah unsern Herrn auf den 
Wolken des Himmels 91 ) hergetragen, und ein Duft von 
Aromen .ging vor ihm her von der Erde bis vor seinen 
Thron hin aus. Ich sah dann die 24 Aeltesten sich nieder- 
werfen und zu Gott flehen , und die vier Winde des Himmels 
beteten an und flehten zu Gott, und alle Engel stimmten 
mit ihnen ein. Nun hörte ich die Stimme unsers Herrn, 
sprechend: »Was wollt ihr, meine glorreichen Engel?« Und 
die Engel erwiederten und sagten: »Möchten deine Erbar- 
mungen über diese Menschen kommen!« Zugleich erhoben 
alle, die in der Pein waren, ihre Stimme und sprachen: 
»Unser Herr Jesus Christus, Sohn des lebendigen Gottes, 
erbarme dich über dein Gebild!« 

Dann sah ich einen Thron, vor dem die Propheten 
und hinter ihnen die Apostel, Martirer und Bekenner, jeder 
in seiner Ordnung, stauden. Während ich Paulus über diess 
Alles erstaunt war, erblickte ich einen bei mir stehenden 
Greis von herrlichem Ansehen , und sein Engel psallirte vor 
ihm. Da fragte ich den Engel, der bei mir war: »Wer 
ist dieser, o Herr?« Und er antwortete mir: »Diess ist 
Moses, der Geber der göttlichen Gesetze.« Dieser nahte 
sich mir und grösste mich, weinte aber. Ich fragte ihn 
nun: »Warum weinst du, o Herr?« Und er gab mir zur 
Antwort: »Ich weine über das, was ich in der Welt gepflanzt. 
Es brachte nicht Früchte, und sie begriffen alle die grossen 
Wunder nicht, welche Gott durch mich wirkte. Sie Hessen 
vom Götzendienste nicht ab und Israel kehrte zum Herrn 
nicht zurück. Ich sage dir, o Paulus: Als die ruchlosen 
Juden den Sohn Gottes kreuzigten, der ihnen die Gesetze 
gegeben, da standen alle h. Engel voll Betrübniss, so auch 
alle die gerechten und heiligen Altväter. Zugleich standen 
die Engel da und schrieen 92 ), dass sie die Kreuziger ver- 
nichten möchten; allein der lebendige Wink Gottes*) hin- 

*) Besser wohl zu lesen: »Der Wink des lebendigen Gottes.« 


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Dio Apokalypse des Apostels Paulus. 


171 


derte sie, damit er (Gott) die Worte der Propheten erfüllte. 
Alle die Altväter aber schauten auf mich und sagten zu mir : 
»Da sieh, was die Söhne deines Volkes dem Sohne Gottes 
angethan! Deshalb sage ich dir, Paulus: Heil dir, und 
Heil dem Geschlechte, dessen Diener du bist; sie (die Juden) 
wissen jedoch nicht, zu welch einem Glücke du sie ein- 
ladest.« 

Während er so mit mir redete, kamen zu mir zwölf 
andere, indem sie zu mir sagten: »Bist du Saulus, der 
dann Paulus genannt ward? 93 ) Wir haben vor Gott eine 
rühmliche Erwähnung deiner gehört.« Darauf entgegnete 
ich: »Wer seid ihr, o Herren?« Und er (d. i. der nächst- 
stehende) 94 ) antwortete mir: »Ich bin der Prophet Jesaias, 
welchen Manasses, der Sohn des Hiskias, mit dem Holze 
eines Tuchwalkers*) durchsägen liess.« Der andere aber 
antwortete: »Ich bin Ezechiel, Buzis Sohn, den die Juden 
auf dem Berge herumschleiften, bis das Gehirn meines 
Hauptes hervordrang und mich auf hielt (vom fernem Weiter- 
schleifen). Mein Sohn, es ist Keiner (von uns 95 ) Propheten), 
der eines natürlichen Todes von dieser Welt gestorben 
wäre 96 ); allein Gott nöthigte uns hinzugehen und Israel zu 
bekehren, und jeden aus uns schafften sie grausam durch 
den Tod aus dem Wege. Paulus, glücklich ist das Volk, 
welches durch dich gläubig wird 97 ), und sehr glücklich ist 
das Geschlecht, dessen Diener du bist.« Dann hub ein 
anderer von ihnen an und sagte zu mir: »Mein Sohn, ich 
habe in meinem Hause Engel als Fremdlinge aufgenommen, 
und die Einwohner der Stadt kamen, um sie aus Wollust 
mit Gewalt wegzunehmen; ich gab ihnen aber meine zwei 
noch jungfräulichen Töchter, indem ich zu ihnen sagte: 
»Da macht 1 Seht, meine zwei Töchter hat noch kein Mann 
erkannt; fügt nun also diesen Männern nichts Böses zu!« 


*) Der syrische Text, nach dem die englische Uebersetzung bei 
Tischendorf Apocalypses apocryphae gemacht ist, muss ao-pi n-io*s 
haben, weil das englische Wort »woodsaw« steht. 

12 * 


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172 


Dr. P. Zingerle. 


Sie hörten aber nicht darauf. Du siehst, o Paulus, dass 
jedem Uebelthäter so*) vergolten wird.« 

Hernach sah ich einen andern Greis auf mich zugehen, 
dessen Antlitz leuchtete und dessen Ansehen schön wie eines 
Engels war. Sein Engel sang vor ihm her Loblieder. Und 
ich sagte zum Engel, der bei mir war*: »So singt denn mit 
jedem Gerechten derjenige (Engel), welcher ihn in der Welt 
führte, auch hier Loblieder mit ihm, und wandelt, wo er 
immer hingeht, vor ihm her, und es herrscht zwischen den 
Engeln und Gerechten eine unzertrennliche Liebe. Wenn 
sie (die Engel) nämlich sehen, dass sie (die Gerechten) 
Gottes Willen thun 98 ) , so trennen sie sich von ihnen nicht, 
und wo immer sie sich auf halten , ist Gottes Lob in ihrem 
Munde.« 

Dann fragte ich den Engel an meiner Seite : »Wer ist 
wohl dieser Greis, Herr?« Und er sagte mir: »Das ist der 
gerechte Job.« Dieser nahte sich nun mir, grösste und 
redete mich an: »Dein Ruhm und Andenken, o Paulus, sind 
immerfort bei Gott und unter allen Heiligen. Ich bin Job, 
der viele Versuchungen vom Satan erduldete. Dreissig Jahre 
nämlich") liess er mich auf dem Misthaufen hingeworfen 
und mit einem stinkenden Geschwüre geschlagen. Darin 
wimmelten Würmer, deren jeder drei Finger lang war. 
Satan drohte mir jeden Tag und sagte: »Lästere deinen 
Gott und stirb!« Und als er**) meine Söhne zu mir zu 
kommen anregte, um mich zu trösten, so redete Satan durch 
ihre Zungen : »Wie leidet doch Job diese Qualen und die 
Peinen der Geschwüre!« Er drängte mich aber jeden Tag l0 °) : 
»Lästere den lebendigen Gott und stirb!« Ich aber stimmte 
seinem argen Willen nicht bei, sondern sprach täglich: »Der 
Herr hat es gegeben und der Herr hat es genommen; der 
Name des Herrn sei gepriesen!« Es frommte mir aber, in 

*) Wie den Verdammten, deren Peinen du schauest. 

**) Mir scheint hier Gott als Subject gemeint zu sein. Dem Satan 
konnte der Verfasser doch nicht den Willen zuschreiben, Job trösten 
zu lassen. 


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Die Apocalypse des Apostels Paulus. 


173 


der Plage, die sehr drückend war, alle Tage meines Lebens 
zu bleiben und Gott doch nicht zu lästern. Ich liess nie 
ab, Gott dafür zu preisen, weil 101 ) er gegen mich in dieser 
ganzen Bedrängniss langmüthig war. Ihm ist Alles leicht. 
Was ist denn wohl die Drangsal dieser Welt im Vergleiche 
zu den Verheissungen Gottes, die er seinen Berufenen und 
den Freunden seiner Liebe bereitet hat?« 

Hierauf erblickt' ich einen andern Greis, der zu mir 
sagte: »Sei gegrüsst, Paulus!« Und ich sprach zum Engel, 
der bei mir war: »Wer ist dieser Greis da, o Herr?« Der 
Greis selbst aber sagte zu mir: »Ich bin Noe von der Arche; 
an jenem Tage der Sündfluth war ich hundert 102 ) Jahre alt, 
da ich die Arche für alles Fleisch erbaute und den Men- 
schen unablässig zuredete: »Bekehret euch von euern bösen 
Werken! Sehet, es kommt die Fluth und richtet euch zu 
Grunde.« Sie sahen mich Tag und Nacht ihretwegen wei- 
nen. I03 ) Ich ass mein Brod nicht in Ruhe und schor das 
Haar meines Hauptes nicht, indem ich hoffte, Gott werde 
sich über seine Schöpfung erbarmen und sie nicht zu Grunde 
richten. 104 ) 

Hernach sah ich zwei auf mich zukommen, und der 
Engel an meiner Seite sagte mir: »Diess sind der Prophet 
Elias und Elisäus.« Sie kamen und grössten mich, dann 
sprach Elias zu mir, indem er sich mit mir erfreute: »Ich 
flehte vor Gott um der Kinder Israels willen, und es kam 
drei Jahre und sechs Monate kein Regen über sie herab, 
weil ihre Bosheit sehr überhand genommen hatte. Ich redete 
ihnen zu, allein sie hörten nicht auf mich. Ich erinnerte 
mich aber, dass der Herr Jedem gibt, der bittet, wie der 
Prophet David sagte: »Nahe ist der Herr Denjenigen, die 
ihn in Wahrheit anrufen, und er thut den Willen der ihn 
Fürchtenden« (Psalm 144, 18.19). Die Engel baten oft, er 
möchte ihnen Regen gewähren ; er gab ihnen jedoch keinen, 
bis ich ihn wieder anrief; dann erst gab er ihnen. Doch 
du, o Paulus, bist selig; denn dein Geschlecht und deine 
Schäle sind alle Kinder des Reiches. Wisse , o Paulus , dass 


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174 


Dr. P. Zingerle. 


wer immer durch dich gläubig wird , selig ist und die Selig- 
keit ihm auf bewahrt ist!« Nun schied er von mir. 

Der Engel, der bei mir war, führte mich nun hinaus 
und sagte mit grosser Heftigkeit 403 ) zu mir: »Paulus, dir 
ist das Geheimniss dieser Offenbarung gegeben. Wie du 
willst, mach’ es bekannt nnd offenbare es den Menschen!« 

Ich Paulus aber kam wieder zu mir selbst und erkannte 
und wusste Alles , was ich geschaut. Ich schrieb es in einem 
Buche nieder; so lang ich jedoch am Leben war 106 ), fand 
ich nicht Ruhe , dieses Geheimniss zu offenbaren ; allein ich 
schrieb es auf und legte es in den Grund des Hauses eines 
gläubigen Mannes nieder, bei dem ich in der Cilicischen 
Stadt Tarsus war. Als ich hernach aus diesem zeitlichen 
Leben erlöst vor den Herrn gekommen war, sprach er also 
zu mir: »Paulus, habe ich dir diess Alles geoffenbart, damit 
du es in den Grund des Hauses liinabl egest? Nun aber sende 
hin und mache die Eröffnung darüber , damit die Menschen 
es lesen und auf den Weg der Wahrheit zurückkehren, auf 
dass sie nicht in die schrecklichen Peinen kommen!« 

J Die Eröffnung (oder Entdeckung) geschah aber auf fol- 
gende Art. Als der h. Apostel Paulus in der cilicischen Stadt 
Tarsus im Hause eines angesehenen gläubigen Mannes sich 
aufhielt, erschien diesem Manne eih Engel des Herrn im 
Traume und sagte zu ihm : »Decke den Grund dieses Hauses 
auf, und nimm, was du findest! Der Mann begriff diess 
nicht, weil er wähnte, es sei ein leerer Traum gewesen, 
und nahm es deshalb- nicht zu Herzen. | Dann erschien ihm 
aber der Engel das zweite Mal und drängte ihn sprechend : 
»Ich sage dir, o Mann, reiss die Grundfesten dieses ganzen 
Hauses auf und beschau’ Alles , was du findest! Nimm es 
dann und mach’ es den Menschen bekannt, damit sie sich 
vom bösen Wege zum Leben bekehren ! Nun stand der 
Mann mit grosser Heftigkeit 107 ) auf, riss das Haus nieder, 
grub die Grundfesten auf und fand eine Kiste aus weissem 
Marmor 108 ), worin die Offenbarung lag, die der h. Apostel, 
der selige göttliche Paulus gesehen und niedergeschriebfcn ; 


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Die Apokalypse des Apostels Paulus. 


175 


nebstdem auch die Sandalen, welche er zur Zeit seines 
Gebetes an den Füssen trug, dazu noch seinen Mantel, 
worin diese Offenbarung eingewickelt war. Nachdem er aber 
diess Alles gefunden, trug er es zum Richter, in der Mei- 
nung, es möchte Gold darin verborgen sein; und zwar 
brachte er es versiegelt zum Richter. Da der Richter be- 
merkte, dass es versiegelt war 109 ), brachte er es mit dem 
Siegel zum Kaiser Theodosius. Dieser gläubige und gerechte 
Kaiser öffnete es dann und sah, dass folgende Aufschrift 
war: »Euch aber, o Sünder, sage ich: betrachtet, dass 
euertwegen Gott das Wort vom Himmel herabgekommen 
und vom h. Geiste Fleisch geworden und an das Kreuz ge- 
hängt worden ist, und euch von der Sünde befreit hat. 
Und ich*) schickte dann zu euch tugendhafte und gerechte 
Männer, damit sie euch auf den Weg der Wahrheit zurück- 
führen sollten. Von diesen aber steinigtet ihr einige. 110 ) 
Die Gerechten predigten euch die Wahrheit, allein ihr 
glaubtet an dieses Alles nicht. Ich gab euch ein Geheimniss 
(Sacrament) zur Bekehrung des Lebens, ihr habt jedoch 
euch nicht bekehrt, ^etzt aber werdet weise und sehet 
diese Offenbarung, und bekehret euch von euern bösen Wegen 
und von allem Abscheulichen in der WeltJ Ihr sehet nun 
die Peinen, welche in dieser Oijjnbarung verzeichnet sind. 
Wer sich zum Wege der Busse nicht bekehrt, wird so ge- 
peinigt. Bis jetzt sagtet ihr: »Wir wussten es nicht.« Jetzt 
sqhet ihr Alles verzeichnet.« 

So hat Christus dieses Gesicht dem grossen seligen 
Apostel Paulus gegeben, welcher, so lang er in der Welt 
war, predigte und lehrte. Durch diese Offenbarung hat er 
(Christus) ihm zu erkennen gegeben und kund gethan, dass 
die Menschen durch ihn auch nach seinem Tode bekehrt 
werden sollen, auf dass wir 111 ) durch diese Offenbarung 
belehrt würden. 

Bewundert, meine Geliebten, diesen wunderbaren Mann, 


*) Nun wird Christus redend eiugeUhrt. 


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Dr. P. Zingerle. 


wie sehr sein Herr ihn liebte 112 ), und ihm Nichts von dem 
verbarg, was da geschah, weder von den Gerechten noch 
von den Gottlosen! 

Diess ist das letzte Testament, welches unser Herr 
durch den Vater der Völker, den grossen Paulus, den seligen 
Glaubensprediger und Apostel, der ganzen Welt gesendet 
hat Wer es in seine Hände bekommt und nicht zu Herzen 
nimmt, was darin geschrieben steht, und die Wahrheit nicht 
erkennt, wehe dem in jeder Weisel Er wird zum Antheil 
der Gerechten nicht gelangen. Wer immer aber von seinem 
bösem Wege sich bekehrt und sich alle diese Peinen vor 
Augen stellt, den lassen dieselben nicht mehr in eine Misse- 
that fallen. Wenn er aber doch in Sünde fällt und hernach 
sich bekehrt, so wird seine Busse angenommen. 

Ihr aber, meine Brüder, erweckt eure Gemüther und 
betrachtet, wie viele (oder auch wie grosse)*) Seligkeiten 
und Wonnen jenen zu Theil werden, die Gottes Willen thun. 
Seht aber auch, wie viele (oder wie grosse) Peinen den 
Gottlosen bevorstehen, und verachtet das kleinste Wort nicht! 
Unser Herr hat uns ja in seinem Evangelium gesagt und 
befohlen: »Ueber jedes eitle Wort, das die Menschen etwa 
sprechen , werden sie am Gerichtstage Rechenschaft geben« 
(Matth. 12, 36). Erforsche^*) demnach eure Wege, damit 
auch nicht ein geringes (eitles) Wort aus eurem Munde gehe 
und euch zum Anstosse werde ! 

Vollendet ist mit der Hilfe unsers anbetungswürdigen 
Gottes die Offenbarung des sei. Paulus, des göttlichen Apo- 
stels, die er mit dem Auge des Geistes geschaut. 

Ehre 'sei Gott, ja, Amen! 

*) Das syrische Wort »ch’mo« hat beide Bedeutungen; mir scheint 
die zweite hier vorzuziehen. Englisch: >how many«. 

**) Die engl. Uebersetzung hat: »So Order your ways«. 


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Die Apokalypse des Apostels Paulus. 


177 


Anmerkungen. 

* 

*) Die ersten Zeilen bis zum Worte »Hurerei« sind in der englischen 
Uebersetzung nicht aufgeführt. Die Worte »ihr reizt zum Zorne (Gott) 
durch euch selbst« kann man auch übersetzen »gegen euch selbst«, 
weil die syrische Präposition b mit Zeitwörtern verbunden öfter auch 
die Bedeutung wider, gegen hat. Anstatt der Worte »im Anfänge« 
haben beide griechische Codices, die Tischendorf benutzte, das Wort 
XQoarjyoQla , »Anrede«. 

*) Die Sonne hat anstatt des Titels »ihr Gebieter« im Griechischen 
den Zunamen 6 \iiyag qxooxriQ. Das Wörtlein »dort« fehlt im griechi- 
schen Texte, ebenso die Worte »des Vaters«. Dieses Wort mag im 
Syrischen wohl mit Bezug auf die Stelle Matth. 5, 45 hineingekommen 
seix*: »Der Vater lässt seine Sonne aufgehen u. s. w.« Zu dem Aus- 
drucke »tritt klagend vor Gott« kann man den im Syrischen wörtlich 
gleich lautenden Ausdruck im Römerbriefe 11, 2 vergleichen. 

*) Die Worte »die deinen heiligen Namen anrufen« sind in der 
englischen Uebersetzung ausgelassen. 

4 ) »damit gelangen.« Die englische Uebersetzung lautet: 

»that they may not bring forth.« 

5 ) »züchtige«. Englisch »I judge, ich richte, verurtheile« , minder 
passend, wie mir scheint. Das syrische hier stehende Verbum casti- 
gavit, correxit. 

•) »gehorcht« ; die engl. Uebersetzung »hat Eifer (zeal) für ihn.« 

• *) Das Wort »Sünder« fehlt im englischen Texte; dafür ist aber 
der Zusatz »every day«. 

8 ) Diese Stelle kommt im Texte des englischen Uebersetzers erst 
nach einer langen Stelle, die in meinem Texte fehlt, eine Anrede ent 
haltend an die Sünder zur Busse, zum Beten, zu guten Werken, mit 
der Lehre , wie die Schutzengel den Menschen beobachten und sein Thun 
Gott vortragen u. s. w. Die bei mir fehlende Stelle findet sich bei 
Tischendorf von S. 37 Z. 12 v. u. an bis S. 39 Z. 4 v. u.; dann folgt: 
»Und siehe, Gottes Stimme kam u. s. w.« , nachdem erzählt ist, dass die 
Engel Gott gefragt, ob sie ferner den Menschen trotz ihrer Sünden 
dienen sollten. Der Zusammenhang ist so freilich besser mit der fol- 
genden Antwort Gottes. 

•) Hyacinth, englisch pearls. 

,ü ) »an ihnen.« Es ist zweifelhaft, ob »ihnen« sich auf die Kronen 
oder Engel bezieht. Engl. Uebers. »and the seal of God was upon them.« 
Aus dem griechischen Texte bei T. aber S. 41 Z. 2 geht klar hervor, 
dass die Kronen gemeint sind. Sie hatten in ihren Händen ßi>aßeia, 
iv olg rjv xd ovofia xvqi'ov u . s . w . Das Folgende beweist auch, dass 
die Kronen das Siegel trugen. 


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Dr. P. Zingerle. 


n ) Anstatt »wir sind mit den Gerechten« steht in der engl. Ueber- 
setzung die dritte Person »as for the righteons . . . these angels come 
unto them« . . . 

'*) Nach »zeigen« hat die engl. Uebersetzung den Zusatz: »wie ich 
gesagt habe.« 

1S ) »und die Welt ist so gross« , syrisch x-cVy jodi Dafür hat die 
engl. Uebersetzung mit der Frage verbunden »and the abundance of the 
world?« Man kann allerdings auch joo als Epitheton betrachten »co- 
piosus mundus«. Der griechische Text hat kurz: »tovtö ianv tö 
(itye&og nov dvftQ(oxa>v. 

,4 } Das Wort »Feuer« fehlt im Englischen. Im Griechischen ist 
auch »Feuerwolke«. 

,5 ) Der Text der englischen Uebersetzung ist etwas anders geordnet. 
Anstatt »es trat der Engel der Barmherzigkeit« lesen wir dort: »Und es 
nahten ihm böse Geister — wenn ein Rechtschaffener stirbt, finden sie 
keineu Platz bei ihm — und die guten Engel herrschten über diesen 
Gerechten.« 

,6 ) Englisch »grown up with them«, mit ihnen aufgewachsen. Das 
syrische Verbum *■* conversatus est. 

,7 ) »gesehen« , nämlich wie es den Gerechten im Tode geht. Die 
englische Uebersetzung etwas erweitert: »in that, behold, thou seest a 
place thou hast never seen. And while I was beholding these things« etc. 

,8 ) Englisch: »that we may narrate a little.« 

,9 ) Wörtlich: des Verleumders, Teufels. Die engl. Uebersetzung: 
»the spirit of the tempter.« 

*°) Im Leben nämlich, Schutzengel. Engl. Uebersetzung: which 
conducted it in life. 

,l ) Die englische Uebersetzung hat den Zusatz: »praising God.« 

**) Anstatt »euch« steht in der englischen Uebersetung thee, dich. 
Aus dieser Antwort kann man ebeu schliessen, dass die Seele sich gegen 
ihren Schutzengel still oder sanftmüthig betrug, wie ich oben über- 
setzte; sie machte ihm keinen Verdruss. 

* 3 ) Auch der englische Ucbersetzer nimmt das Wort als erzählend 
und nicht im Imperativ. 

w ) Die englis'che Uebersetzung hat die dritte Person: »an dem sie 
zurückkehrt . . . und erfreue.« Mein syrischer Text hat, wie ich über- 
setzte, die zweite Person bei den Verben zurückkehren und sich erfreuen* 

* 5 ) Im englischen Texte: »This was the voice of the myriads etc.« 

* 6 ) Hier hat die englische Uebersetzung den Zusatz: »And I saw 
that bitter, hour.« 

* 7 ) Der englische Uebersetzer nahm die Stelle in dem Sinne, dass 
die Stunde dem Sterbenden verbittert worden sei »from the judgment«, 
d. i. von dem kommenden Gericht. Der griechische Te*t hat die Stelle nicht. 


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Die Apokalypse des Apostels Paulus. 


179 


M ) Die englische Uebersetzung fügt bei : »als die guten Engel sahen, 
»dass die Seele gar kein gutes Werk'habe u. s. w.« 

* 9 ) Das syrische Adjectiv Kirns, das hier offenbar = unglücklich, 
gibt die englische Uebersetzung mit »that daring one«. 

*°) Die englische Uebersetzung nimmt das hier stehende vieldeutige 
Particip »E-na in dem Sinne »who casts not aside«. Der Sinn ist wohl 
dass Gott Niemanden unbeachtet lässt. Ein wenig später kommt es in 
dem Sinne »lassen« überhaupt vor. 

3I ) Engl. Uebersetzung: »Wenn die Engel anbetend vor ihm nieder- 
fallen . . .« 

**) Im Englischen etwas erweitert: »Du kennst diese Seele; ich bin 
ihr Engel, der für sie den Dienst versah. Ich habe ihrerseits viel aus- 
gestanden u. s. w.« 

3I ) Die engl. Uebersetzung hat den Zusatz : »Deswegen ward dir am 
Tage, da du abgeführt wurdest, keine Barmherzigkeit zu Theil.« 

M ) Der engl Uebersetzer las das Syrische unrichtig und übersetzt 
unpassend, wie mir scheint: »the just judge.« Der Richter erging 
nicht, wohl aber das Urtheil. 

**) Im Englischen wird die Seele angeredet: »Hast du« u. s. w. 

3# ) Die engl. Hebers, setzt bei »drei Monate« oder drei Tage vorher. 

37 ) So nach der engl. Uebers., deren Verfasser die Lesart «urr vor 
sich hatte. In meiner Abschrift ist xtrn, was hie und da mit dem 
obigen Worte verwechselt worden ist, und sonst die Bedeutung »Naht, 
Genähte« hat, das den Sinn haben könnte: »»sie wirkte an der ändern 
Seele ein Genähte oder Gewebe der Bosheit.« »Fehlgeburt« ist nach 
dem Contexte jedenfalls vorzuziehen. 

3R ) Anstatt der Frage ist im Englischen »Thou knowest« etc. 

•*) Den Sinn dieses etwas verworrenen Satzes gibt der engl. Ueber- 
setzer so: »Du wusstest, o elende Seele, dass ich Jeden, der einem 
Andern Unrecht zufugt, wenn er zuerst stirbt, aufbebalte, bis sein 
Mörder und Feind kommt.« Der Ausdruck Mörder ist nach mei- 
nem syrischen Texte dadurch zu erklären, dass der Unrecht Tliuende 
vom Andern getödtet wird. Unter dem »er« in dem Satze »wenn er 
sich erhebt« u. s. w. ist demnach der beeinträchtigte Nächste zu ver- 
stehen, und der früher Sterbende ist der ungerechte Angreifer, gegen 
den der Andere sich erhebt. So geht es klar aus dem griechischen 
Texte S. 48 bei Tischendorf hervor. 

40 ) Vom syrischen Worte, das ich mit »Zuversicht« übersetzte, ist 
im Codex nur der Anfangsbuchstabe t lesbar, und ich vermuthete das 
Wort sewn»» naQQTjdla. Die engl. Uebers. hat purity, der griechische 
Text djthoTTjra. 

41 ) Hier fehlt in -meinem Texte die im Griechischen und in der* 
engl. Uebers. stehende Frage: »Werden ihre "Namen eingeschrieben, 
während sie noch auf Erden sind?« 


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Dr. P. Zingerle. 


4t ) Der Satz »ja ihr Ganzes . . . verzeichnet« fehlt im Griechischen 
und Englischen. 

43 ) Englisch etwas erweitert >for flesh and blood understandes the 
life which is after the resurrection ; but after the resurrection they shall 
know« ; diese Stelle folgt in meinem Texte gleich nachher. Anstatt »ich 
vernahm Worte . . .« hat die engl. Uebers.: »Ich sah Dinge u. s. w.« 
Was nun in meinem Texte bis zur Stelle von dem Strome Wassers mit 
den Bäumen folgt, fehlt in der englischen Uebersetzung und im griech. 
Texte, eine bedeutende Lücke! 

44 ) Ich vermuthe, dass anstatt ssttta zu lesen ist ««ncsm ys, d. i. 
»siebenmal heller als durch die Sonne.« Die Sonne war ja an dem Orte 
nicht, wohin der Apostel verzückt wurde. 

45 ) Wörtlich »nach Aehnlichkeit eines Hausdaches«, was auch heissen 
kann »wie mit einem Dache« , so dass kein Licht von oben hineinfallt 

46 ) »Beginn«, syrisch am. Der englische Uebersetzer fasste diess 
Wort hier in dem Sinne Hauptsache, das Vortrefflichste, »the 
most desirable«. Die Stelle »indem sie Glückseligkeit gemessen« fehlt 
im Texte der englischen Uebersetzung. 

47 ) Anstatt »haben . . . gesorgt« hat der Text der engl. Uebers. 
»und sie dachten über jedes geringe Wort nach, das sie ausgesprochen.« 

49 ) Nach der engl. Uebers.: »die in der Welt vermählt waren und 
ihre Gemeinschaft (ihren Ehbund) hielten u s. w.« Anstatt »Reinheit 
bewahrten« hat der engl. Text: »their bed was pure«. Für die Rich- 
tigkeit dieses Sinnes zeugt die über die Jungfrauen folgende Stelle. 

49 ) ipnroN. Der engl. Uebersetzer nahm diess Wort, wenn er anders 
das nämliche in seinem syrischen Texte hatte, in dem diesem Worte 
ungewöhnlichen Sinne: »Die von der Welt verfolgt wurden,« 

50 ) Statt wie ich geschrieben, ist sn«*» zu lesen. Die engl. 

Uebersetzung lautet: »This is the sea of the Eucharista«, wozu Tisclien- 
dorf bemerkt: »Id quod ex miro interpretis errore fluxit.« 

51 ) So z. B kommen jene nicht hinein. Wörtlich »und diess ist der 
Weg, welcher jene führt u. s. w.« Man könnte auch denken, dass der 
En^el dem Apostel irgend einen andern Weg zeigte, den die Ehbrecher 
u. s. w. geführt werden. Sonderbar heisst der See im griech. Text S. 51 
*5 dxsQovoa. Mfivr). 

6I ) Im Englischen ist der Zusatz: »diese werden in sie nicht hinein- 
kommen.« 

5S ) In der engl. Uebersetzung: »sieben Mauern«. Im griech. Texte 
ist keine Zahl angegeben. 

M ) Im Engl, »a footlong«. Der syr. Text hat wahrscheinlich ynes» 
Stadium , während iu meiner syr. Abschrift niüds stoa ist. 

55 j Oder auch »eine Scheidewand machen« ; engl, »separate between 
the sons of men.« 


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Die Apocalypse des Apostels Paulus. 181 

M ) Nach »hinschaute« hat der engl. Text den Zusatz »war ich ver- 
wundert und erstaunt über die Herrlichkeit dieses Landest. 

57 ) Die engl. Uehers. hat »innerhalb der Thore«; der griech. Text 
aber hat »vor den Pforten«, wie mein syr. Text, und zwar mit Recht, 
wie der Zusammenhang zeigt. 

58 ) Englisch: »were occupied in prayer«. 

59 ) K'anjtt, i. e. furdvoia. Die engl. Uebers. hat »homage«. 

•°) Englisch: »they supposed their business was going on well; 
they had no heard, that God etc.«, wie Jac. 4, 6. 

•') Die Frage: »Wer sind diese da?» fehlt in der engl. Uebers. 

st ) Nach dem Engl.: »sie sind alle im nämlichen Genüsse«, theilen 
die gleiche Wonne. Mein syr. Text hat wörtlich : »Sie sind geschäftig«. 

•*) Von dem Strome hat die engl. Uebers. nichts ; der griech. Text 
spricht aber von einem Milchstrome (S. 54 bei Tisch endorf). # 

M ) %lngl.: »These did not know books nor any o# thing u.s. w.« 

M ) Nach dem Engl.: »denn es ist der Leib Christi.« 

,fl ) Die engl. Uebers. verbindet: »Whatever thou desirest to know, 
know!« 

• 7 ) Im Englischen etwas anders geordnet: »Praise God, who was 
the first of all unto him do the angels without ceasing raise Hallelujah« 
etc. etc. 

•*) Syrisch -p-ipcn Der engl. Uebersetzer hat den Sinn: »die nahe 
bei ihm sind«! Scheint mir sehr missverstanden. Es ist von der Litur- 
gie die Rede. 

••) Wörtlich: »was werden (oder auch sollen -p-n:*«*) sie sagen?« 
Vielleicht sind unter sie Engel zu verstehen. 

70 ) Das hier stehende syrische Wort hat auch die liturgische Be- 
deutung Responsorium in einem Officium. Die engl. Uebers. hat 
daher »if he despises one response . . . « 

71 ) Engl, etwas verschieden: »this is the land of promise; it is all 
the delight . . . « 

7f ) Griech. bei Tischendorf S. 57 : rj dgX 7 ) *ov oCqolvov. Der engl. 
Uebers. hat »the end of heaven.« 

73 ) Die Stelle »Es ist der Gürtel . . .« bis »Mitte« findet sich in 
der engl. Uebers. nicht; ebenso wenig im griech. Texte. 

74 ) In meiner syr. Abschrift ist eine Lücke, die der engl. Text so 
ausfüllt: »und einige bis zum Haupte«. Im Griechischen lesen wir: 
BRnige bis zu den Knieen, andere bis zum Nabel, viele aber bis zum 
Scheitel«. 

TO ) Der Widerspruch, dass diese Sünder Unzucht und grosse Sünden 
verübt und doch, wie oben gesagt wird, den Sündern sich nicht gleich 
gemacht, findet sich auch im Texte der engl. Uebersetzung. Man muss 
also unter den andern Sündern sich noch schlimmere Verbrecher denken. 


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182 


Dr. P.*Zingerle. 


78 ) Im Englischen anders: »speak idle words, and desire that men 
should listen unto them u. s. w. 

77 ) Der engl. Text einigermassen verschieden; nach dem Psalmen- 
gesange: »and incited each other, but by tricks and by dissembled love 
they deceived their companions.« 

78 ) Die engl. Uebersetzung hat nur dreissig Ellen. 

79 ) Das »nicht« fehlt ira Englischen. Der Gegensatz fordert es; 
der* griech. Text hat es richtig. 

®°) Die engl. Uebersetzung nennt nur zehn Geschlechter. 

8I ) Nach dem Englischen: »er wallt heftiger als ein K. auf«. 

8t ) Der Ausdruck der engl. Uebersetzung: »and he walks as he 
pleases« kommt mir zweideutig vor, weil »he* auf Gott bezogen werden 
k|nn, während der Mensch darunter zu verstehen ist. 

85 ) Wenn die Lesart meiner syrischen Abschrift richtig ist, 

kann das Wolfe. hier nur die Bedeutung »beordert, bestimrift werden« 
haben. Die engl. Uebers. hat: »es kam ein Diener«. Nach dem Griech. 
heisst es: »es kam der Engel Temeluchos«, Wo ich »Stab« habe, steht 
im Engl, »eine Gabel«. 

M ) Der engl. Uebersetzer gibt den Sinn »womit ich ihn erhoben«. 
Er verwechselt die 3. Person weibl. Geschl. mit der ersteu , unpassend 
wie mir scheint, weil der Engel wohl nicht sagen konnte, er habe den 
Mann zum Bischof erhoben. Der griech. Text hat auch »er wandelte 
nicht nach der Güte Gottes«. Wenn der syr. Text nicht vocalisirt ist, 
kann man diese zwei Personen leicht verwechseln. 

M ) Dei engl. Uebersetzer nimmt diese Worte als Frage: »Dost 
tl\ou see?« . . . 

86 ) Englisch: »bis zu ihrer Hand«. Vielleicht ist »hand« ein Druck- 
fehler anstatt »head«. 

87 ) So auch nach der engl. Uebersetzung. Vielleicht hat die Stelle 
den Sinn: »sie liebten es Andere zu peinigen«, weil hernach ihre Un- 
barmherzigkeit gerügt wird. 

88 ) Engl, als Frage: »Art thou crazy?« Ich denke an Apostelgesch. 
26, v. 24, wo die Worte auch als Ausruf, nicht als Frage stehen. 

89 ) Das Wort »Martirer« fehlt im Englischen. 

®°) Nach dem Engl: »schrieen mit mir«. 

9I ) Eugl.: »with an escort on the clouds . . .« 

9t ) Die engl. Uebers.: »The angels desired at once u. s. w.« 

93 ) Im Engl, umgekehrt: »Bist du Paulus, der Saul hiess?« 

w ) Engl.: »the first one . . .« 

94 ) Syrisch: -Ȋsi. In der engl. Uebers. fehlt dieses Wort. Ich 
vermuthe, dass »nos omnes«, zu lesen ist. 

96 ) Die engl. Uebers. hat den Zusatz: »Wir alle, mein Sohn, starben 
auf diese Weise und keiner u. s. w.« Diess bestätigt die Vermuthung, 
dass die rechte Lesart zur vorigen. Anmerkung ist. 


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Die Apokalypse des Apostels Paulus. 


183 


9T ) Nach dem Engl.: »welches durch dich bekehrt wird . . . « 

98 ) Nach dem Engl.: »Vom Tage an, wo sie Gottes Willen thun, 
trennen sie sich nicht von ihnen u. s. f.« 

") Die engl. Uebersetzung drückt den Sinn aus, Satan habe ihn 
30 Jahre gelassen, bis er ihn schlug. Mein syr. Text sagt klar, Job 
sei 30 Jahre lang leidend gewesen. 

,0 °) Nach dem Engl.: »er drängte sie, zu mir zu sagen . . . « 

10 ') Nach dem Engl, anstatt »weil er« dfeSjksart »und er war u.s.w.« 

,0 *) In der engl. Uebers. die Zahl 600 , wie Gen. 7, 6. Die noth- 
wendige Zahl fehlt in meinem Manuscripte. 

,M ) Die engl. Uebers. hat: »sie sahen mich beten«. 

m ) Im Engl, der Zusatz: »Allein sie bekehrten sich nicht und 
achteten nicht darauf«. 

,)5 ) Die Worte »mit grosser Heftigkeit« fehlen im engl. Texte. 

i°6) j)j e en gi Gebers, versetzt: »während des Lebens hatte ich nicht 
Ruhe, das Geheimniss bekannt zu machen, schrieb es aber nieder u.s.w.« 

W1 ) Engl, einfach: »arose in wrath«. 

,08 ) Engl. »Glas« anstatt »Marmor«. Der griech. Text hat »Marmor«. 

l09 ) Die engl. Uebers. hat die Bemerkung vom Richter nicht, und 
fährt nach der Erwähnung des Goldes fort: »und er brachte es zu 
Theodosius« u. s. w. , als wenn der Mann , nicht der Richter diess ge- 
than hätte. 

no ) Im Engl, der Zusatz: »von diesen aber habet ihr einige ge- 
tödtet« u. s. w. 

,M ) Nach dem Engl.: »damit sie belehrt würden . . .« 

nt ) Der engl. Uebers.: »wie sehr er seinen Herrn liebte u.s.w.« 
Offenbar unrichtig, wie der Zusammenhang zeigt. 


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n. 

Die samaritanischen Legenden Mosis. 

Aus der arab. Handschrift des Britischen Museums*) übersetzt 

von 

Dr. yritntr , 

Principal des Collegiums zu Lahor in Indien. 

Diess ist die Sammlung des Commentars der Legenden, 
die Moses, dem Propheten, unserm Herrn, dem Sohne 
Amrams zugeschrieben werden. Auf ihm und seinen Vor- 
fahren [ruhe] der grösste Segen und der vollkommenste 
Friede! Möge der Allmächtige an dem Tage der Aufer- 
stehung das Paradies unter seine Füsse stellen (?) Amen. 

Im Namen Gottes des Barmherzigen, des Gnädigen 
und von dem wir auch Hülfe verlangen. Lob sei Gott, dem 
Urheber der Gnade und des Glücks, dass er uns auf den 
[rechten] Weg geleitet hat. Nun nach [dem ich seinen Na- 
men] gepriesen habe, [muss ich dem Leser zu wissen thun] T 
dass ich mir zur Aufgabe gestellt habe , die Sagen , welche 
Mosi [diesem] Prophetenfürsten , dem Sohne Amrams, zu- 
geschrieben werden, zu erläutern [Auf ihm möge der aus- 
gezeichnetste Segen ruhen] in dem Grade, wie es meinen 
Fähigkeiten möglich wird. [Zu gleicher Zeit wird] von Gott 
Hülfe angerufen , der da ja au'ch sich gnädig zur Gerechtig- 
keit offenbart. Denn er ist, der es mir zugeführt hat. 
Das erste Capitel fängt an: »Gepriesen sei Gott, der die 
Welt geschaffen und den Menschen zum Haupte einsetzte.« 
Gott sei gepriesen, der die Welt erschaffen hat und Adam 


*) No. 19657 Add. Mss. 


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t)ie Legenden Mosis. 


185 


den ersten Standpunkt unter seinen Geschöpfen angewiesen 
hat, ebenso wie seinen Söhnen Kain und Abel in seinem 
Ebenbilde. Und er gab dem Kain den Westen, und Abel 
Syrien und die Küsten [des mittelländischen Meeres]. Als 
nun [Menschen überhaupt] auf die Erde gesetzt wurden, 
wurden sie zu Paaren geschaffen, ein Mann und ein Weib, 
und Abel heirathete Balalah, die Schwester Kains, und Kain 
verheirathete sich mit der Schwester Abels, und ihr Name 
war Makdah, und der [so genannte] Platz wurde nach ihrem 
Namen benannt, und Kain fing an einen Ort .zu bauen, der 
Nechal hiess. Im Monat Ab (August) wurden ihm und sei- 
nen Kindern die Erde vertheilt. Als dessen Tage zu Ende 
kamen, brachte Kain sein Geschenk vor Gott, Abel aber 
baute Gott einen Altar, und er war der erste, der einen 
Altar baute. Diesem näherte er sich nun. Dieses war an 
dem Saume des heiligen Berges zwischen Lus und dem Berge 
Garizim, und dieses war gerade gegenüber. Diess geschah 
den 20. Nisan. Als Kain sah, dass sein Geschenk nicht 
angenommen wurde, wusste er bei sich selber, dass man 
mit ihm nicht zufrieden war, und als er sich nun näherte, 
fühlte seine Seele ein Grauen und Furcht fiel auf ihn. So- 
bald aber Abel sich näherte, liess sich Gott zu ihm und 
seinem Opfer herab ; jedoch zu Kain und seinem Opfer liess . 
er sich nicht herab, das heisst, er nahm es nicht an. Was 
Kain betrifft, wurde er entrüstet, und das Wasser (d. i. der 
Glanz) seines Gesichtes verliess ihn. [Sein Groll] vermehrte 
sich. Er kehrte wieder in sein Land zurück und wohnte vifcr 
Jahre da, [während welchen] er sich weder seiner Mutter, 
noch Abel, noch seinem Vater Adam zeigte. [Zu bemerken 
ist] dass Eva Kain und Adam Abel liebte. Als Eva nun sah, 
dass Kain ihr Sohn es nicht über sich vermochte, in die 
Gegenwart Adams oder Abels [zu kommen], nahm sie Er- 
laubnis von Adam und begab sich zu ihm. Abel sah seine 
Mutter [wie] sie sich von Adam verabschiedete. Und die- 
selbe ging fort und fand Kain gerade, wie er nach einem 
Orte sich begab, der in späterer Zeit Arafad genannt wurde ; 

Vierteljabrsscbrift. IV. 2. 13 


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186 


Dr. Leitner. 


und man sagt, dass sie Kain gesagt hätte: »Etwas ist zwi- 
schen dir und Abel«; bei seiner Rückkehr sagte er: »und 
zu deiner Hand«, und so oft sie sich entfernte, hatte sie 
nach ihrem Sohne Verlangen, denn Gott hatte über Kain 
einen Spruch erlassen, sie musste ihn nothwendigerweise 
hier zurücklassen. Gott sagte nämlich: »Weun du dich 
besserst, will ich dir verzeihen; wenn du aber nicht besser 
wirst, so ruht die Sünde vor der Thüre, nach dir hat sie 
Verlangen, aber du kannst sie beherrschen.« Er sagte ihm: 
»Diese Sache wird auf dich zurückkommen, und du wirst 
ihn besiegen. Wenn du dich gut gegen ihn benimmst, so 
wird er seinerseits dasselbe thun, und wenn du dich nicht 
gut aufführst, so wird die Sünde dich beherrschen.« Er 
sagte ihm nicht: »Stehe auf, tödte deinen Bruder.« Seine 
Antwort war: »Und Kain machte sich über Abel seinen 
Brnder her und erschlug ihn.« Und als er ihn getödtet 
hatte und [Abels] Blut vergossen war, erfasste die Seele 
Kains ein Grauen, und [alles] Lebende seufzte und die 
Sonne verfinsterte sich und der Mond verbarg sich, und 
Adam fürchtete sich mit einer grossen Furcht, und es ward 
gleich dem Tage, an welchem sie Datteln vom Paradiese 
sammelten und assen. [Was] Adam [betrifft] wohnte er in 
der Stadt, deren Namen »Safara« ist; dieselbe ist Nablus. 
Und [Adam] sah in dem Buche der Kriege den Horoscop 
der Tage, und dass von seinen Kindern Kain und Abel 
einer auf der Erde bleiben würde. Und Adam ging [zur 
bessern Welt] über und wurde mit dem [Kleide des Paradies] 
bekleidet und von ihm bis zur Zeit, wo Abel von Kain 
getödtet wurde, sind es 30 Jahre, und er wurde in [dem] 
Jahre, den zehnten des Monats Schebath ermordet. Gott 
schuf Adam an dem Tage, der Freytag [genannt wird]. 
Im Paradies verlebten Adam und Eva 8 Tage, und Adam 
erkannte Eva nicht, deren Sinne wurden durch die Fülle 
der Müdigkeit vereinigt. Nach dem Morde Abels lebte Adam 
noch einhundert Jahre, und dann erst erkannte er seine 
Frau und sie empfing Seth. Möge der Segen Gottes auf 


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Die Legenden Mosis. 


i8? 


ihm ruhen! In den Tagen Seth’s machte sich Kain auf 
im Osten in der Stadt, die Chanoch gegründet hatte, deren 
Namen Antakia ist. Und Kain regierte 100 Jahre, und 
Seth zeugte Enoch und gründete eine Ortschaft, die er Filina 
nach dem Namen von Enoch nannte ; und es wurde Enoch 
dem Kain geboren und er gründete eine Stadt und nannte 
sie Damascus nach dem Namen »Kenan«, und Kenan zeugte 
Mahalalel und gründete eine Ortschaft und nannte sie Ati- 
roth-Appim, und es zeugte Mahalalel Jared und gründete 
eine Stadt, die er »Jadsir« nannte, und Jarad zeugte 
Henoch und gründete eine Stadt und nannte sie »Salem 
rabtha« , und sie ist die Stadt Nablus , und die Sage ging, 
dass in ihr nach dem Spruche Gottes Malkizedek, König 
von Salem, regieren würde. Möge der Segen Gottes auf 
ihr ruhen, lasset uns jetzt zum heiligen Henoch zurück- 
kehren. Dieser, sobald er das dreizehnte Jahr erreichte, 
lernte er in dem Buche »der Wunder«, welches Adam ver- 
fasst hatte, und dasselbe hat vier und zwanzig »Schoham- 
steine« , zwölf und zwölf »wie die Söhne Jakobs«. Und in 
Rücksicht auf Abdiel. Zu jener Zeit begatteten sich die Kin- 
der »Kain«, und die Welt wurde auf [jeder] Seite verdorben, 
bis dass Kain Henoch zeugte. Denn dieser Name gehört 
zweien, der eine ist Henoch S. Kains und der zweite Henoch 
S. Jareds. Möge der Segen Gottes auf ihm ruhen ! Kehren 
wir zu Henoch dem Sohne Kains zurück — ihm wurde Irad 
geboren und dem Irad Michael und dem Michal Methuschael 
und Methuschael Lemech. Im vierzehnten Jahr ging Lemech 
und gründete Ana und Chazisa und die Insel, eine Region 
in der Strömung des Euphrats, und tödtete Kain und grün- 
dete Dachala, Schama, Madrai, Tefas. Diess ist nämlich der 
Landstrich, der Irak genannt wird, und vor dem Aufsteigen 
Adams nach Rabboth Ir wird gesagt, dass es eine grosse 
Stadt in dem Lande Persien gewesen wäre. Gott der All- 
mächtige sagt »das Rabboth und Kelach und Resen« , und 
man erzählt, dass er zwei Monate in ihr gewirkt hätte. Er 
tödtete »zu meiner Wunde und Beule«. Man nimmt an, 

13 * 


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188 


Dr. Leitner. 


dass Adam eigentlich seinen Sühnen dorthin vorangegangen 
wäre, oder dass er ihnen dort begegnet wäre. Und als 
Henoch den Lamech suchte, war der Sohn 75 Jahre alt 
and wandelte in dem Gehorsam des Herrn, und sein Gross- 
vater Adam baute einen Altar im Monat Nisan. Und er zeugte 
Methuschela, und Methuschela Lamech und Lamech Noah. 
Den vierzehnten Tag , nachdem er ihn erzeugt hatte, machte 
der Allmächtige ein Wunder am Himmel, sichtbar im Lande 
Irak, und alle Berge der Welt erschraken, und es fürchtete 
sich Adam, und er stand auf und prophezeite (?) die Sünd- 
fluth. So lange als Henoch lebte, kam keine Sündfluth. 
Er (aber) sagte es seinen Söhnen voraus, und der allmäch- 
tige Gott verschob die Sündfluth, bis der Lebenslauf des 
Rechtschaffenen zu Ende ging. Möge der Segen Gottes auf 
ihnen ruhen! Und nach diesem prophezeite Unglück (?) 
der heilige Noah (und als er diess that, wurde Lamech 
begraben [?]) nach der Lehre Adams. [Was] Adam [be- 
trifft] sagte er [nämlich]: »diese (die Sündfluth) wird uns 
unserer Werke wegen ergreifen.« Er lebte fromm in sei- 
nem Geburtsorte und es gründete Lemech — eine Ortschaft 
nach seinem Namen und nannte sie »Riphas« und dieselbe 
ist »Gibeon Hadanun«. Man sagt, dass dieselbe eine Ort- 
schaft wäre, deren Namen Djebi’t sei, und mehrere von 
ihnen [seien] schlecht [gewesen]. Es wird diesem entgegnet, 
dass man auch sagt, dass sie »der Welthügel« sei. Dieses 
wird bekräftigt durch den Spruch: »er hat das Heiligthum, 
den Berg Garizim erhoben*. Nämlich er hat die Berge er- 
höht und die Berge auserlesen. Und diess ist der Berg 
Garizim, nach dem Ausdrucke »sein Heiligthum«, was das 
Allerheiligste bedeutet. Man sagt auch, dass Lamechs Frau 
ihm zwei Kinder geboren hatte, das eine Tubalkain [nach 
dem Namen] sein[es] Grossvater[s] und das zweite Tubal, 
der Ferikia baute. Ebal, der Kenas baute, und dieselbe 
ist Bagdad, und Tubalkain, der Bassoron baute. Nach die- 
sem wird wieder erwähnt, dass Adam Lamech im »Buche 
der Wahrheit« 180 Jahre unterrichtet hatte. Sein Sohn Seth, 


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Die Legenden Mosis. 


189 


möge der Segen Gottes auf ihm ruhen, lehrte 165 Jahre 
bis zur Zeit, wo er Enos zeugte. Und der heilige Enos 
lehrte von Adam [an] 808 Jahre. Kenan lehrte gleicherweise 
910 Jahre, Mahalalel 895 Jahre, Jared ebenso 847 Jahre. 
Henoch lehrte 375 Jahre, und als Henoch starb, [wies er?] 
die Söhne Adams nach "Nablus an. Sie hörten Adam [da] 
weinen nach dem Tode Henochs und sie trugen ihn nach 
Nablus und [hielten die ganze] Trauer[ceremonie über] ihn, 
und diess ist der heilige Berg Garizim, und sie begruben 
ihn in Nävus [welches] dem Berge Garizim gegenüber [liegt] 
im Orte der Asker (Armen) genannt wird, und der Berg, 
in welchem er begraben liegt, heisst »Henoch Berg Ebal, 
und zwischen demselben gibt es viele Gräber, und rundum 
öffnen sich die Thore des Himmels. Man nimmt an, dass 
demjenigen, welcher um den Berg Garizim begraben wird, 
das Feuer des Bestimmungs-(Erwartungs-)Platzes sich nicht 
näher als 2000 Ellen [zukommen] kann, und es wird drei 
Tage genannt. Denn man nennt es den Zufluchtsort des 
Flüchtlings (Zufluchtsort für den Flüchtling), und dieses ist 
der geringste der Zufluchtsorte, und er kehrte nach dem Tode 
Henoch’s zurück. Man sagt, dass der Gottesmann Methusela 
720 Jahre gelehrt hätte, und Lamech sein Sohn lehrte 
853 Jahre. Und als der Gottesmann Noah im 700sten Jahre 
seines Lebens war, lehrte er in dem »Buche der Wunder«, 
und diess ist das Buch Adams, der darinnen sah und voraus- 
fand , dass sein Ende sich nähere, und verkündete, welchen 
Todes er sterben würde. Und die Jahre des Lebens Adams 
waren 730 Jahre, [als] er seine Kinder zu sich rief und 
versammelte und ihnen auftrug, ihn nach PIDÖ zu tragen, 
das die Höhle Hebrons genannt wird; denn dieselbe ist 
eine Höhle, die die in ihr versammelten zum Berge der 
Gerechten vorbereitet. Auch wird sie die »Ortschaft der 
Viere« genannt. Der Ausdruck »Ortschaft der Viere« rührt 
von deq vier Gerechten her »Adam, Noah und Methusalah«. 
Auch ist sie in drei Abtheilungen gebaut, die erste Abthei- 
lung [gehört] den vom Paradiese ausgehenden, und die 


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190 


Dr. Leitner. 


zweite Abtheilung den vom Schiffe ausgehenden, und die 
dritte Abtheilung den Säulen der Beschneidung. Und Noah 
regierte nach dem Tode Adams 7 Jahre und fing an drei 
Bücher zu sammeln, die sind: die Bücher des Bundes, das 
Buch der Wunder, das Buch Nagmus , das Buch der Kriege. 

Dieses ist das Buch Toldoth Adam. Diess ist der Com- 
mentar in Bezug auf Adam. »Wer ist unter den Göttern 
wie Jehova?« Wer ist gleich dir unter den Gewaltigen 
Gottes? Wer ist wie du u. s. w. — gleich dir, o Macht der 
Vorfahren und Segen der Nachkommen. »Jehova ist einzig.« 
Und Noah kehrte zurück, und alle Kinder Noahs versam- 
melten das Volk und wurden mächtig. Nachher lehrte 
Achidin, Sohn Bareds Sohn Tubal Kains, und gründete Zion, 
deren Namen sind »Weinhaus« und »Kelterhaus«, und er 
baute einen Weinhügel »Adam ramas« (das ist »Adarmas«) 
denn Adam wohnte da von Anfang an vor seinem Austritt 
aus dem Paradiese , und man sagt , dass in demselben zwei 

Angesichte Adams seien, und Adam Denn 

dieser Stein war nach der Art eines Thores gemacht, und 
es gab deren zwei. Als Salomo den Ort besuchte, sagt man* 
dass der Stein befestigt war an diesem Orte durch Zauberei 
ohne Anhaltspunkt Und die Menschen gingen hinein und 
staunten darüber, und er wurde *Q TOH genannt. Die Er- 
klärung wird durch den Begriff der Festigkeit,- welche sie 
in derselben voraus wünschten, gegeben. So haben wir (der 
Autor?) es gefunden in der Schrift unsers Gesandten, . . . 
Resun — Jehud — Aleju — Amen.« 

Nach diesem vermehrte sich die Verderbtheit während 
700 Jahre, ebenso wie es in den Tagen des Irrthums 
war. Und in Späterzeit wurde die Welt von Menschen 
voll, und Achidin zeugte einen Sohn, und nannte ihn Asur, 
und gründete Zurzan, und diess ist der Platz, der »Zion 
Tala« genannt wird, und die Nazarener nennen ihn »Seihon« 
und glauben , dass dieselbe die Auferstehung sei , und die 
Juden halten fest daran und erzählen eine begründete und 
authentische Sage, von Zion werde die wahre Lehre aus- 


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Die Legenden Mosis 


191 


gehen (möge Moses Bar Maimon vernichtet werden) ; von 
Zion geht die wahre Lehre aus gegen die heiligen Thora, 
welche eigenhändig von Ithamar ist, und diese ist be- 
graben an diesem Orte. Sie verheimlichen ihre Geschäfte 
bis zurZeit, wo die Liturgie unter ihnen [vorgelesen wird]. 
Dieses Vornehmen deutet der [obengenannte] Ausdruck an 
[ebenso wie] die Schrift, welche keineswegs irgend einer 
Uebersalbung bedarf. Möge Gott ihm gnädig sein und ihn 
aufnehmen ! Amen 


Gaphna die Tochter Naama’s von Babel und er 

verheirathete seinen Sohn mit ihr, und verfertigte 4 Körper, 
einen aus Gold und einen aus Silber und einen aus Kupfer 
und einen aus Holz, und machte sie gleich der Sonne und 
dem Monde und grub in der Mitte des Mondes einen Stein 

und sagte PK2M »TD 

und 400 Diener (Priester?) erstunden und 20 — |N!TDt^ 
— und [war der] erste, der sich [mit der Errichtung] eines 
Thurmes abgab, und es war auf den Stäben (Rebellen?) 
Adams geschrieben deren Namen GTlton TBK die Stäbe 
Gottes. Die Substanz der Körper wurde aus allen Steinen 
zusammengesetzt. Und sie verblieben 710 Jahre, und er 
zeugte Asur-bar Megafna, und sein Name war 1JTVN 
und er 33 T5TTK zeugte einen Sohn und nannte ihn Scherika. 
Und Gafna betete die Sonne und den Mond an, welche 
pTPiN gemacht hatte, und alle andere zugleich. Und als 
er diess verfertigt hatte, folgten viele Menschen dem nach 
und beteten es als Gott an. Und die Welt wurde [stets] 
ärger und jedes Fleisch verderbte seinen Weg auf Erden, 
und der Gottesmann Noah flüchtete von Riphas und begab 
sich auf einen Berg Namens Jutif welcher da war, und 
Noah wahrsagte aus dem Buche der Wunder und sah 
darinnen den Untergang der [Kinder] Adams und Gestalten 
die nach dem Schiffe zu, d. h. nach der Arche gingen, und 
[dass] er daraus ging. Zu der Zeit wurde auf dem Berge 
ein grosses Wunder offenbart, und damals fürchtete sich 


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Dr. Leitner. 


Noah mit einer grossen Furcht und hielt an im Gebete und 
Flehen hundert Jahre lang nach der Geburt Sem, Ham und 
Japhets. Und es nahm Sem Schirath, die Tochter von 
Set, sich zur Frau, und sobald Gott ihm befahl, das 
Schiff zu bauen, so [that er?] es und lullte es den 12. Tag 
des 2. Monats an, und den 14. wurde die Erde erschüttert 
und den dritten wurden die Fenster des Himmels geöffnet, 
und im 780. [Jahre] brachte er es zu Ende, in der 6. Stunde 
der Sabbatsnacht. Und im Ersten ging Noah aus dem Schiffe 
und den zweiten baute er einen Altar und brachte ein Opfer, 
und Gott schloss mit ihm den Bund des Regenbogens, und 
nach 62 [Jahren] wurde die Erde seinen Kindern Sem, Ham 
und Japhet vertheilt. 

Und Sem machte drei, und Japhet vier, und Ham vier 
Abtheilungen. Und Arphachsad erhielt zum Antheil das 
Buch der Wunder, Elam das Buch Namguth und Assur das. 

Buch der Kriege 

und er setzte sie vor allen seinen Kindern und 

Japhet machte 4 Abtheilungen, Gomer, Magog, Madaj, 
Jawan, Muschach und Tiraz. 

Und Ham machte 4 Abteilungen , Kusch eine Ab- 
theilung, Mizraim eine Abtheilung, Put eine Abtheilung, 
Kenaan eine Abtheilung. Und als Noah mit der Vertei- 
lung fertig war, wartete er auf den Horoskop der Tage, 
und fand die Aufgänge der Tage durch das TOT* fflQU 
bis auf 4300 Jahre. Er verlebte 7 Jahre nach der Sünd- 
fluth und von dem Tage des Chalifats (von Adam) bis zum 
Tage TD TTTI YJ JTipin sind es 1307 Jahre. Vom Tage 
der Verteilung der Erde von Noah an seine Kinder bis 
zum Tage, wo YTI Y7 sie ermahnte, sind es 493 Jahre. 
Und sein Reich wurde seinen 3 Söhnen für 320 Jahre zu- 
getheilt. 

Denn die Schöpfung der Welt vom Tage des ewigen 
Bundes bis zum Tage der Rache sind es 6000 Jahre; denn 
darüber wird gesagt »die Tage der Welt sind sechstausend 
Jahre.« Und als Noah seinen Kindern sein Reich austheilte, 


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Die Legenden Mosis. 


193 


war sein Alter 930 Jahre, und die Vertheilung der Erde 
geschah den 12. Tag des Monats Elul; [Noah] befahl den 
grössten unter seinen Kindern, dass ein Jeder für sich fort- 
ziehen sollte, und sie schieden von seiner Gegenwart, und 
Elam und Aschur ging zu den weissen Flächen von Kho- 
rapan [zu einem] Platz, der das »Thor der Thore« genannt 
wird, und ging auf den Schultern Elam’s. 

Und sie begaben sich in eine grosse Stadt, die hiess 
Khorassan, zwischen der Insel und zwischen Arpachschad. 
Er wohnte in den weissen Ebenen von Khorassan an dem 
Orte, der »die grosse (U)Rumia* genannt wird. Und Nimrod 
erhob sich zum Herrscher der Kinder Harns und gründete 
das grosse Babel, und sie versammelten die Menge und 
erhoben ihre Festen. Und Nimrod fing an ein Gewalt- 
herrscher auf der Erde zu werden. Und Noah’s Sohn war 
945 Jahre alt, und der heilige Sem regierte eigenhändig, 
als wäre er König, denn er war der Erstgeborne. Und Sem 
schickte ebenfalls zu Elam und Asur und Aram und Ar- 
pachschad und gründete Ninveh, Rechoboth Ir und Resen. 
Diess ist die Stadt die grosse. Und Noah’s Tage neigten sich 
zum Tode, und er schickte und verlangte Sem, Ham und 
Japhet, und sie begruben ihn in der Stadt Salem der 
»Grossen*, und dieses ist Nablus, und sie baueten einen Altar 
und schrieben darauf Lob- und Danksprüche. Und das 
Menschengeschlecht erhob sich, und Sem wurde grösser als 
Japhet, und verbreitete sich im grossen Masstabe. Und 
Noah starb und seine Söhne trugen ihn heraus HtSD bwb 
Und diess ist der Boden von Hebron, das auch »Höhle 
Machpelah« genannt wird. Und begruben ihn bei seinem 
Vater dort und Jedermann ging nachher weg. 

Und die Menge versammelte sich in Babel vor deren 
früherer Abreise und fanden [ein Hügelland] im Lande Irak. 
Sie stiegen da hernieder, und es vrar ganz wie der Berg 
Garizim, und Einer sagte dem Andern: Siehe doch [wie 
gut] dieser Ort ist, und es gibt keinen schönem, und 
Manche sagten zu einander: »Stehet auf [und lasset uns] 


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104 


I>r. Leitner. 


zu bauen [anfangen], wir wollen in die Höhe steigen. Dann 
gingen sie ans Werk mit der Erbauung eines Gebäudes, 
damit sie nicht auf der Oberfläche der ganzen Erde zer- 
streut werden sollten. Und sie bauten sich einen himmel- 
hohen Thurm, und von den 4 Flächen desselben war überall 
das Licht scheinend, und sie nannten ihn CETI, und diess 
ist der Ausdruck »wir wollen uns einen Namen machen.« 
Und die Propheten fingen 'an und die Bauten wurden ge- 
stürzt, und [die Menschen] wurden auf der Oberfläche der 
ganzen Erdd zerstreut, und kein Mensch verstand die Sprache 
seines Nebenmenschen. Und nach der Zerstreuung in Län- 
dern fingen auch die Kriege mit den TPQ an und 

diess war der erste der Kriege, und die Ursache der Kriege 
waren OTTfoOl GOTtnEl C^TTI CTTT^, und sie 

erwählten sich ein Oberhaupt über sich aus ihrer [Mitte], 
und er ward der Erstgeborne geboren von CIS — 

und die TVÜ gingen aus und kämpften gegen die 

Kanaaniten und Perisiten , und nahmen das Königreich von 
Nimrod weg, und die Philister regierten von Egypten bis 
zum ethiopischen Flusse, und Nimrod ging nach Egypten, 
und die Kinder Jaktan's kamen heraus von Maila Sefara 
bis Timnath, bis zu einem Ort, der die Provinz von Yemen 
genannt wird. Und das Haupt der Egypter starb, und 
Nimrod kehrte nach Mosul zurück und regierte es, und als 
er es regierte, kämpfte er mit den Kindern Nahors, und 
Nimrod machte mit dem heiligen Arpachschad, wie Pharaoh 
es mit den Ebräern (?) gemacht hatte, denn er entnahm 
dem Buche der Wunder, dass yon den Hebräern ein Mann 
aufstehen werde, (der) ein Vernichter eines jeden Götzen- 
anbeters und ein Zerstörer aller Götzen [sein würde]. Und 
er versammelte alle die Gelehrten und Philosophen aus 
Jephet und Cham, die ihnen nahe standen, und die Philo- 
sophen sagten: »Wir forschten der Kenntniss des Wahren 
nach. Es ist nicht unglaublich , dass er geboren wird , und 
nach dem Zeitraum von vierzig Tagen wird die Mutter 
desjenigen, der geboren werden soll, um die Götzenbilder 


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Die Legenden Mosis. 


195 


zu zerbrechen, schwanger mit ihm werden, und seine Er- 
scheinung wird ein grosses Wunder begleiten.« Und Nimrod 
befahl, dass die Kinder von Arpachschad nicht zugelassen 
werden sollten , dass ein Mann während 40 Tagen mit einer 
Frau schlafen sollte; und als die Männer in [einem Platz] 
und die Frauen in [einem andern] Platz während 30 Tage 
[abgeschlossen?] waren, so zeigte Gott ein Wunder im Lande 
Iraks, ein Feuerregen [brach los] und alle Menschen fürch- 
teten sich mit einer grossen Furcht und nahmen Zuflucht 
zum rechtfertigenden [Gottesdienst?] während drei Tage und 
drei Nächte. Und der heilige Terah ging und wohnte seiner 
Frau bei, und nachdem er ihr beigewohnt hatte, wurde sie 
schwanger, und das Wunder hörte gleich auf zu der Stunde, 
und die Philosophen sagten: »Der da geboren werden soll, 
ist schon fertig.« Und Nimrod befahl, dass jeder Mensch 
an seinen Ort zurückkehren könne, und die kehrten dem- 
nach auch ein Jeder an seinen Ort zurück, und nachher 
wurde der h. Abraham (lahm?) geboren, und Nimrod nahm 
ihn und warf ihn ins Feuer, und vorher sagte Haran vom 
h. Abraham. Und siehe, das Feuer kam heraus und ver- 
zehrte ihn, und er starb und sagte: »das Feuer verzehrte 
ihn«, und es heisst im heiligen Buche: »Und Haran starb 

bevor Terah« 

Von Ur-Kasdim bis Nimrod dem II. [sind es] "1028 Jahre. 
Nimrod der I. nahm sie von Kusch und Nimrod der II. von 
Kastorim, und als Nimrod starb, ging der h. Terah auf die 
Reise nach dem Lande Kanaan [welches in] späterer Zeit sein 
Reich [wurde]. Und Nahor sein Sohn ging zu Ketorleomer 
und zu Tital der Völker König und sein Bruder [um] sein 
Reich zu plündern. Und Nehib (?) und Ketorleomer und Tidal 
der König der Völker kamen zu plündern. Und schickte 
(Lot?) alle zu Terah von Haran und der Gottesmann Abra- 
ham zog gegen Ketorleomer bis zu den weissen Flächen 
Chorassan, dort rief ihn Gott und wies ihm das Land Kanaan 
an, und er verblieb in dem Lande und baute einen Altar 
[zum Andenken] Adams und Noahs, und nachher stieg er 


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196 


Dr. Leitner. 


bis zu dem Berge Garizim hinauf von der Abtheilung des 
Hauses der Mächtigen. Und er entschloss sich nach Egypten 
zu ziehen, und als er an die Grenzen Egyptens ankam, wurde 
er berühmt . und alle die Eingebornen fürchteten sich , und 
der h. Abraham war schon nahe bei Reig angesiedelt, und 
ging hinauf zu einem Ort, der hiess das Feld der Palmen (?) 
nahe beim Nil , und welches bis auf den heutigen Tag be- 
rühmt ist. Und man sah die Dame Sarah da und die Frauen 
(der Egypter) lobten sie ihren Männern, und die Männer 
lobten sie dem Pharao , und man nahm die Dame Sarah ins 
Haus Pharaos, und [die Schrift] sagt: »und dem Abraham 
geschah Gutes um ihretwillen.« Dem Abraham bewies er 
sich schön ihretwegen. Es heisst, dass sobald sie einmal 
im Hause Pharaos wohnen würde, Gott sie (die Egypter) 
durch solch ein Strafgericht züchtigen würde, wie dergleichen 
noch nie in Egypten erschienen war. Und es geschah ein 
grosses Wunder, und in der ganzen Stadt gab es keinen, 
der seiner Frau beiwohnen konnte, sondern die Frauen 
[standen] wie die Wand und die Männer ganz ebenso . . . 

Und 

er verlangte Rath von den Philosophen und sagte: »was ist 
denn das?« Und sie (die Philosophen) sagten: dem können 
wir nicht abhelfen, und einen Ausweg [wissen] wir nicht. 
Und sie sagten (wieder): weder Zauberer noch Künstler 
werden ausreichen. Und sie versammelten die Zauberer und 
Weisen, und die Leute [selbst] litten Ungeheuern 'Schmerz. 
Und es gab in der Nachbarschaft einen Zauberer, der sehr 
geschickt in seinem Fache war, und er hiess »Torsas« von 
den Weisen des Buches der Wunder vom Bunde Henochs, 
und er sagte: »Wehe Euch, habt Ihr nicht Unrecht dem 
Manne zugefügt, der zu Euch gekommen ist, der blos den 
Gott der Welt anbetet, den Barmherzigen, den Unsicht- 
baren, von dem über Euch alle Donner und Blitze kommen.« 
Und als Abraham diess hörte, betete er Gott an, und alle 
Sachen wurden klar, und man wurde gewahr, dass Sarah 
die Frau Abrahams wäre. Und zur damaligen Zeit rief ihn 


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t)ie Legenden Mosis. 


197 


Gott und sagte ihm: »Wisse du, ich bin der Gott, dem 
die Himmel [gehören].« Pharaoh und sein Volk, das heisst 
die Einwohner seiner Provinz , aber sprachen und beredeten 
sich in seinem Hause und schickten Abraham und Sarah 
fort von ihnen, und er begab sich hinauf nach Kanaan, 
und Pharao befahl Leuten, sich unter seine Hand zu 
stellen, und sie schickten ihn und seine Frau und Lot den 
Sohn seines Bruders mit ihm zu dem Orte, wo der erste 
Altar [gebauet wurde], und er stieg da hinauf, um der 
Höhe und Grösse Gottes Lob [zu spenden]. In zwölf Jahren 
[später] regierte Amrafel, nnd Abraham und Lot wohnten 
ein Jahr im Lande Kanaan, und im Monat Nisan kam 
Ahraham von' Haran nach Egypten hinab , und im Nisan 
trennte sich Lot von ihm und wohnte in Sodom ein Jahr. 
In diesem Jahre kam Totas von Hebron nach Irak und 
verkündete dem Amrafel und Ketorleomer, dass er ganz 
gewiss [Alles vor ihm her] vernichten und gänzlich ausrotten 
würde, und er öffnete das Buch der Wunder und zeigte 
ihnen, was er thun würde. Und Ketorleomer befand sich 
gerade auf dem Zuge gegen Abraham, und er hörte nicht 
auf den Astrologen, und er fing Alles vor sich her zu 
tödten an, und kehrte sich um, um sich eines Ortes, der 
»heilig« genannt wird, zu bemächtigen. Und er war der 
letzte der Könige der Erde von den Kindern Harns. Und 
Lot kämpfte mit ihnen und schickte zu seinem Onkel, dem 
h. Abraham. Er schickte den heiligen Nahor und sagte ihm, 
was nach ihm in den weissen Flächen von Chorassan vor- 
gefallen war, und es waren Aner, Eschkal und Mamre die 
Bundesgenossen Abrahams, und er sagte: »0 Brüder, lasset 
uns Sodom überfallen und ihnen aufs Beste helfen. Im 
vierzehnten Jahr kam Ketorleomer, und Nahor der Bruder 

Abrahams. Und die Boten Abrahams fanden ihn 

und sie hatten Lot geplündert. Und er zog zu einem Orte, 
der hiess Tiberias von der Brücke, und dieselbe ist über 
der Strömung des Wassers auf der linken [Seite]. Diess 
nun geschah vor dem Anbruche des Sabbaths. Und er fand 


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198 


Dr. Leitner. 


sie vor dem Aufgange des Mondes auf der Wiese (Weichbild) 
im Monat Ilul den 22sten desselben, den ersten des Monats, 
an einem Orte, der im kalten Norden (?) des syrischen 
Damascus [liegt]. Und den 5ten kam Abraham nach Salem 
der grossen und regierte Sodom, und Nahor regierte die 
Umgegend Nablus' die Friedensstadt genannt yrird. Und 
als er sie sah, ging er auf sie zu und betete auf seinem 
Angesichte [liegend] den Herrn, den Mächtigen, den Er- 
habenen an. Denn nach diesem bat der grosse König, der 
König von Salem, für eine baldige Befreiung und Erlösung 
von seinen Feinden und gab ihm den Zehnten von Allem. 
Und man sagt, dass [Abraham] nichts genommen hätte. 
Und er sagte: »Gib mir die Seelen und die Befreiten (Er- 
oberten) nimm dir« ; und Abraham sagte dem König von 
Salem: »Glaubst du, dass ich das unheilige Sodom [nehmen 
werde]? Und Gott zog ihn auf die Seite und sprach mit 
ihm ein Wort, und den vierten [Tag] nachher, sagte er 
ihm, will ich dir zur Seite stehen. Und diese heimliche 
Unterredung geschah im Traume der Nacht, und er zog 
ihn aufs Feld und sagte: »Zähle du des Himmels [Heer], 
und rechne die Sterne. Diese Sache ist grossartig, wie keine 
ihr gleich ist. Habe zuerst Acht (?) auf Glauben und 
Almosen und den Aufenthaltsplatz, der ich Alles dieses dieser 
hohen W'ürde werth gehalten habe.« In einem Jahre be- 
schenkte Gott ihn mit einem Sohne, als er 99 Jahre alt 
war , und befahl ihm das unumstössliche Gebot der Be- 
schneidung. Am sechsten und siebenten Tage verbrannte 
Sodom — und den neunten wurde Isaak geboren. Und nach 
dem Tode Abrahams regierte Ismael ein Jahr, und noch 
30 Jahre von dem Flusse Egyptens bis zur Wüste Assur 
desswegen [sagt die Schrift] bis Assur vor allen seinen Brü- 
dern, und er gründete Mecca. 

Dann wurde er an der Schwelle der Thüre begraben. 
Nachher kämpfte Elifas, der Sohn des Ais, mit den Söhnen 
Ismaels wegen der Oberherrschaft und es zogen die Massen 
des Reiches und die Eintheilungen (Stämme) dem Könige 


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t)ie Legenden Mosis. 


199 


entgegen, und sie fanden darin, dass Ais der Bundes- 
genosse mit den Kindern Ismaels die Oberherrschaft er- 
langen würde, und diess ist, was gesagt wurde: und er wird 
ein wilder Mensch sein, und Esau d. i. Edom — dann zogen 
die Stämme Kanaans fort. Ueber dieselben regierten Bela, 
S. Joktans, S. Serachs, von den Söhnen Joktans von den 
Kindern Keturas. Denn nachher kam es dem h. Abraham 
[zu Ohren] , dass sie grösser, und die Assyrer und Joktaner 
mächtiger geworden wären. Und der h. Abraham fürchtete 
sich mit einer grossen Furcht, und nannte sie und bezeich- 
nete sie. Von Moab und Salomo, von Elam und Saul, von 
den Kindern Nahors, Baal Anan von Elam, Hadad von 
den Kindern Elieser’s. Und man sagt, dass deren Wohnplatz 
im Hause Furik gewesen wäre. Und der Name der Frau war 
Metabel, nämlich Dame Metrat, die Tochter von Jefet. Denn 
als Jacob nach Haran kam, war er 80 Jahre alt, und als 
Joseph nach Egypten ging, war er 17 Jahre und 8 Monate 
alt Und Pharao, der in den Tagen Josephs (lebte), war 
von den Kindern Ismaels, und Pharaoh war der zweite 
von Jefes der Kittäer, und dieses ist seine Genealogie. 
Pharaoh der Sohn Gotis, Sohn Atisas, Sohn Rabtats, Sohn 
Goers, Sohn Rimas Sohn der Kitäer, Sohn Javans, der da 
lehrte das Buch der Wunder. (Babel die grosse und der 
Ursprung ist Gafne?) 

Und Joseph kehrte in Egypten ein und fuhr fort im 
Königreich Egypten [zu wohnen] und verlebte da 30 Jahre 
bis zur Zeit, wo er aus dem Kerker ging und Joseph mit 
seinen Brüdern zusammenkam. Und nachher starb Joseph 
und seine Brüder, und seine Gewalt ging an lsmael über, 
und er fing an ein Gewalthaber zu werden auf Erden, und 
stürzte sich auf Egypten und Pharaoh. Und dieser Un- 
gläubige stand auf und war gegen die ganze grosse Armee 
der Egypter, und er schlug sie. Und nach 6 Jahren regierte 
zur damaligen Zeit ein Astrologe in Egypten, und er hiess 
Palti, der verfluchte Zauberer, und er sah im Horoscop, 
dass die Kinder Israels gross und sehr mächtig werden 


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200 


t)r. Leitner. 


würden. Dann dass der h. Levi würde zum Pharaoh kom- 
men mit grossem Range. Und der Astrologe sagte: »Wer 
ist denn dieser Mann , und was haben wir mit ihm zu thun, 
und was wird ihm offenbart werden?« Und es wurde ihm 
gesagt: »[diess ist] ein hebräischer Mann«, und er sagte: 
»Gross in Grösse möge die Wohnung dieses Mannes werden.« 
Und das Wort wurde dem Pharaoh vorgebracht, und er 
schickte und Hess den Astrologen zu sich rufen, und er frug 
ihn: »was hast du gesehen?« Und er sagte: »0 König von 
Egypten; es wird von Mittag aus ein Mann aufstehen, er 
wird gross geboren, und der Weibliche genannt werden. [Er 
wird sein ein] geistlicher Seher der Engel der heiligen. 
Er wird eine wahre Lehre lehren, und seinem Gebote werden 
Himmel und Erde unterthan sein, und der Untergang Egyp- 
tens wird durch seine Hand vollbracht. AJs dieses vor ihm 
geredet wurde, so wurde sein (Pharaoh’s) Geist geängstiget, 
und er dachte nach und sein Herz wurde verschlossen. Und 
zur damaligen Zeit befahl Pharaoh, dass die Männer von 
den Frauen während 40 Tagen abgeschlossen werden sollten. 
Und vierzehn Tage verstrichen, und ein Mann ging hervor 
aus dem Hause Levi’s, der war gross in der Zauberei . . . 

wohnte in Medben und wurde in der 

Wüste abgeschnitten. Möge der Segen Gottes auf ihm ruhen! 
Dann sah der Zauberer, dass der Stern Israels im Westen 
aufging und die Mutter des Kindes mit ihm schwanger wäre, 
und Pharaoh sagte ihm: »Was ist die Sache?« und er sagte: 
»Diese deine Befehle sind nutzlos, nämlich dass deine Rech- 
nung zu Ende gekommen ist, und gewiss wird im Meere 
dein Ertränken sein, und gleicherweise wird es mit deinem 
Volke sein.« Vorher aber befahl Pharaoh den Ebräern, dass 
ja kein ebräisches männliches Kind übriggelassen werden 
sollte. Und Pharaoh suchte nach Puah und Schifrah, und be- 
stimmte sie zu Geburtshelfern der Ebräer, und sagte ihnen : 
»Jedes Männliche von den Kindern der Ebräer soll umge- 
bracht, und jedes Weibliche soll geschont werden. Und 
Amran war ein Arzt, der sehr gläubig war ; und Schifra war 


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Die Legenden Mosis. 


201 


gottesfürchtig. Und Schifrah und Puah fürchteten sich vor 
Gott und liebten die Ebräer, und die Furcht Gottes wohnte 
in ihren Herzen , und sie thaten nicht , wie Pharaoh es be- 
fohlen hatte. Und dem ganzen Volke sagte er auch, dass 
sie die Kinder ins Wasser werfen sollten. Und deren Väter 
fürchteten sich ebenso wie die Frauen, und die Frauen ver- 
banden mit ihren Kindern und zur damaligen 

Zeit wurde der heilige Diener Moses (zum Segen sei er 
gedacht, denn ewig wird Moses ein grosser Prophet und 
Vertrauter seines Gottes sein) in der Sabbathsnacht den 
fünften Tag des Monats Nisan geboren, und den zehnten des 
Monats wurde er ins Schiffchen gelegt und ins Wasser ge- 
worfen. Und als er ins Wasser geworfen wurde, schwoll 
der Nil zu einer Ungeheuern Grösse an. Und alle Frauen 
gingen [an den Ufern] des Nil spaziren, und auch die Toch- 
ter Pharaohs kam herab dazu. Und er fuhr fort jeden Tag 
sich augenscheinlich zu vergrössern, und alle die Astrologen 
und Philosophen versammelten sich und waren in grosser 
Angst, und im Nachdenken wurden ihre Sinne wirre, und 
es stand auf der Zauberer Palti, verflucht sei sein Name, 
und er sah im Horoscop, dass die Kinder Israels gross und 
sehr mächtig geworden wären. Dann sah er den h. Moses 
und sagte: *Diess ist der Mann, den wir vorhergedeutet 
haben; diess ist der Geborene, der Egypten zu Grunde 
richten wird; er ist in ein (bereitetes) Schiffchen gelegt, 
und in die See geworfen worden. Und die Tochter Pharaohs 
sah ihn in der fünften Stunde der Sabbathsnacht, und 
streckte ihr Kleid aus, und nahm das Schiffchen auf, und 
öffnete es, und sah das Kind, und es war ein weinender 
Knabe. Und die Tochter wurde von grossem Mitleiden für 
ihn ergriffen und verlangte von ihrer Umgebung, dass sie 
die Sache geheim halten sollten. Und Mirjam stand gerade 
gegenüber, und als die Tochter Pharaohs sah, dass sie auf 
das Kind aufmerksam war, sagte ihr Mirjam: »Ueberlass 
es [mir], und deinetwegen will ich es Jemand geben, der 
dir zu Liebe dieses Kind säugen wird.« Und sie antwortete 

Vierteljahrsschrift. IV. 2, ]4 


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202 


Dr. Leitner. 


ihr: »Ich überlasse es dir, nur mache schnell.« Und sie 
ging zur selben Stunde und stellte die Dame Jochebed vor, 
und die Tochter Pharaohs sagte ihr: »Säuge mir dieses 
Kind, und ich will dir deinen Lohn geben.« Und sie säugte 
ihn und er wurde gross, und führte ihn in Pharaohs Haus 
ein und nannte seinen Namen Musa. Der Segen Gottes ruhe 
auf ihm. Und sie kaufte #eine Milch. Und nachher wurde 
er gross und kam in Berührung mit den Vorgesetzten von 
Pharao über die Ebräer. Und er sah einen Egypter, der 
sich mit einem Ebräer schlug, und er tödtete ihn und 
scharrte ihn im Sande ein. Und den Tag darauf ging er 
aus, um dem Treiben des Volkes zuzusehen, und er fand 
zwei Männer, die schlugen sich. Und er sagte dem [Schufte] 
der Unrecht hatte: »Lass ab von deinem Bruder, denn du 
bist der Schuft. Und der Ebräer zog sich von ihm zurück 
und sagte zu Moses: »0 Mordgieriger, gestern tödtetest du 
den Egypter, und heute hast du vor mich umzubringen ?! « 

Und der heilige Moses fürchtete sich und floh nach 
Midian, und wohnte da sechzig Jahre. Und nachher kamen 
über Israel grosse Bedrängnisse und Gotas starb, und Fa- 
runman von Kitim, der Sohn Tatirat. Und Moses weidete die 
Heerden des Volkes, und kam zum Berge Horeb den 15. Tag 
des zweiten Monats, und den sechsten Monat richtete Gott 
seinen Bund mit den Gerechten auf, und offenbarte ihm die 
Stäbe Adams und kleidete ihn. Der h. Prophet begann 
seine Laufbahn an jenem Tage, als zu ihm gesprochen 
wurde: »und dieses ist das Zeichen.« Und den vierten 
und fünften nachher erschien er Moses. Und den ersten 
kam er nach Egypten [zurück]. Und Gott sagte Aaron: 
»Gehe aus, um deinem Bruder zu begegnen.« Und dieser 
ging aus und traf jhn, und beide dann begaben sich nach 
Egypten, und verrichteten Wunder vor dem Augenzeugniss 
des ganzen Israels, und den Dritten kamen sie hinauf vor 
Pharaoh, und den Fünften verwandelten sie den Nil in 
, Blut bis zum Verlauf von 8 Monaten, und den 15. gingen 
sie von Egypten aus in der sechsten Stunde der Sabbaths- 


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Die Legenden Mosis. 


203 


nacht, und die Erstgebornen (?) starben, und in 6 Stunden 
gingen sie ebenso vor dem Ausgang des Sabbaths aus zum 
Augenzeugniss aller Egypter, und das Meer kehrte in 'seine 
Grenzen zurück, und den G. wurde ihnen bitteres Wasser 
(zur Strafe) angewiesen, und der gnädige Gott gab ihnen 
den Stab, mit welchem er tödtet und heilt, und das Sprüch- 
wort rührt her von diesem »der Stab belebt und tödtet«, 
und im Gesetze heisst es »und dieses ist das Zeichen.« Und 
den zweiten kämpfte er mit dem Amalek, und den dritten 
rief ihn Gott von dem Berge dem Tur §ina, und es war der 
vierte Tag; ein Tag wie noch nie ein gleicher beschrieben 
war, denn die Tage (von 24 Stunden) waren prädestinirte 
Tage (von 12 Stunden) in ihrer Länge und Breite und Grösse. 
Denn es waren drei (ganze?) Tage. Er erwähnt ja auch der 
Compilator der »Legenden« einen Spruch: »die Tage der 
Welt haben drei Morgen, den Morgen der Schöpfung«, den 

. . »den Tag, wo sic am 

Berge Sinai standen« »und den Morgen des 

Tages der Rache« 

. . . . Diess ist der Tag (er und der) schreckliche Tag, der 
Tag der Züchtigung, der Tag der Befreiung, der Tag der 
Rechnung, der Tag der Anbietung, der Tag der Rache, 
der fürchterliche Tag des Erdbebens, der Tag der Wi^der- 
vergeltung für (gethane) Güte, der Tag der Vergeltung für 
eine jede Seele für das, was sie auf der irdischen Welt gethan 
haben mag, Gnade wollen wir für die Reinen erlangen! 
Was aber den Ausdruck »Yersammlungstag« betrifft, so 
rührt er davon her, dass Gott der Allmächtige die Rebellen 
versammeln, und sie an ihren Platz weisen wird, und wenn 
sie selbst die Erzeugnisse der . . . (?j wären, und wird die 
(bösen?) Geister an ihren Platz weisen , damit sie das Wehe 
der Züchtigung, und das Angesicht des Zornes erfahren mögen. 
(Gott der Allmächtige hat in demselben Adam und Eva 
versammelt, und wiederum heisst es auch, er hätte alle 
Geschöpfe versammelt, und sie vor Adam gebracht, und es 
ist schon bemerkt worden?) Am ersten hoben sie (die 

14* 


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204 


Dr. Leitnör. 


Israeliten) ihren Wohnplatz auf, und den dritten marschirten 
sie von Tur Sin, und den Tag darauf starb die Dame 
Miriam, und den fünften [hernach] starb der heilige Aaron, 
und den sechsten kämpfte der König Arad mit Israel und 
wurde von ihm geplündert (besser vielleicht: und nahm 
eine grosse Beute von ihm) und nahm Unrechten Besitz von 
seinem Gute u. s. w. 

Zur damaligen Zeit lebte ein Mann, der hiess Meartas, 
der Astrologe, und dieser entnahm aus seiner Kunst, dass 
Israel ganz gewiss alle Provinzen der Könige verwüsten und 
dieselben regieren würde, und dass der König Arad nach 
Midian flüchtete, und Balak Sohn Zipor war König von 

Moab und er fing an zu verlangen 

Bileam Sohn Peor, Sohn Gedigis 


Er war ein Seher und wahrsagte aus der Sternenkunst und 
durch die Horoscope der Planeten, und es gab keinen zu 
seiner Zeit, der ihm gleich war in seiner Kunst der Ster- 
nenkenntniss , und er kannte das Buch der Wunder . . . . 

und kannte es mit seiner grossen Kunst, 

und man sagt, dass er den Gott des Lichtes, den Gott des 
Firmaments, den Gott des Wassers, den Gott der Planeten, 
und den heiligen Gott anbetete.« Und er gab auch manchen 
von ihnen Namen, die Namen der Engel, und man sagt, 

dass sie die grossen Schlangen wären. Denn 

das Gesetzbuch sagt ja auch in- den Worten: »und er er- 
fasst die Kenntniss des Höchsten.« Bewahre Gott, dass er 
diess aus der h. Schrift kannte, aber er kannte doch diese 

Namen. feiCI tefT dS“I etc 

Er glaubte an diese und diese glaubten die Sternkunst 
und deren Namen Hakaat 


und er lehrte sie, dass sie zwischen ihnen unterscheiden soll- 
ten, und der grösste Theil der Menschen [riefen sie] zu 
Hülfe, und die Mutter von Sehubeck dem Sohne Hamans war 
deren Astrologin, und schaute immer vor dem Aufgange der 


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Die Legenden Mosis. 205 

Sterne auf das Haus Israels und sie betete sie an auf dem 

Altäre, und einem jeden wurde ein Spruch gesagt 

an diesem Ort der heilige Gott, der 

sehende Gott, der Engel, der ihm in den Weg trat, der 
König , welcher ihm die Rede auf den Altar der Argumente 
herniederbrachte .... Der Gott der Geister hielt Bileam 
zurück, dass er Israel weder segnen noch fluchen solle. 
Der Gott der Ausdehnung, dass Niemand gegen Israel auf- 
kommen könne, nämlich weil es von Gott unterstützt wäre 
(der Gott des Wassers). Er sagte V2V VEy tib dass 
es keinen einzigen gebe, der im Stande wäre, es zu be- 
kämpfen ; diess bedeutete, dass es nichts seinesgleichen unter 
den Völkern hätte. Gott der Planeten sagte: »und nicht 
jetzt will ich zurückbringen« , das heisst »über diese ist 
der König der Macht, denn in [diesem Volk] gibt es einen 
Menschen, zu dem Gott spricht von Lippe zu Lippe. Gott 
der Planeten sagte: »Es ist keine Zauberei in Jakob, dass 

unter ihnen ein runder voller Mensch wäre und der 

Sohn Nuns — und dass es unter ihnen weder einen Weisen 
noch einen Astrologen gebe, und dass unter ihnen, wer da 
Gott als seinen Herrn hekenne, Gott ihm auch zu erkennen 
gebe, was da sei, und was auch in Zukunft werden würde. 
Gott der Geister sagt »Und Israel war mächtig« nämlich 
»dieses Volk wird zukünftig jene Nation irre führen, und 
es wird keiner von ihnen übrig bleiben.« Dieser Rede 
setzte er zu. Der heilige Gott sagte: »Jehovah sein Gott 
ist mit ihm, und mit ihm ist der Schrecken des Krieges« 
nämlich »Gott ist mit diesem Volk, und der ihm gehorcht 
[dem ist er] ein Vater! und sein Königreich ist erhaben in 
ihm von Joseph und gross in ihm und nach ihm in der Ord- 
nung bis da aufsteht der Sohn Nuns, denn er ist von sei- 
nem Stamme, und er wird nicht unterliegen.« Und als 
Bileam diese Anrede hörte , sagte er zu sich selbst : »Meine 
Bemühung ist zu Nichte geworden, und ich werde vor den 
Königen [des Landes] gedemüthigt werden.« Darauf fasste 
er einen bösen Entschluss, und der König placirte ihn, und 


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206 


Dr. Leitner. 


führte (?) ihn gegen das Haus (?) Israel, und es war seine 
Absicht, eine Kleinigkeit von allen Königen von der Erde 
zu nehmen; denn er war arm, und weil es [auch] der Ge- 
brauch der Astrologen war, wenig von den Gütern [dieser] 
Welt zu besitzen, wegen ihrer Grundsätze, dass es ausser 
Gott [keine] Ehre oder Ruhm gebe; denn [Niemand] gebe 
oder hindere, oder verderbe, oder werde arm, oder sterbe 
oder lebe, oder werde krank, oder genäse, ausser [durch] 
Gott. Darum sagte Bileam zu Balak: »Diesem Volke kann 
Niemand etwas anhaben , oder es anfeinden oder es bekrie- 
gen; da es ja klar geworden ist, dass sie keinen Ehebruch 
oder Geiz begehen, und es befohlen ward, dass sie den 
Sabbath [heiligen]. [Nun rathe ich dir an , sie am Sabbath 
zu bekämpfen], wenn die Töchter ausgehen und [verschie- 
denen] Arten von — — und — — und unter das Volk 
gehen, und deine Wünsche wirst du erlangen. Die Könige 
bereiteten sich und trieben die Sünden (?) von sich am 
Sabbath, und riefen die Kinder Israels vor, und näherten 
sich in der achten Stunde des Sabbaths. Und es gab 
Häupter, die ihnen vorantraten, und der Segen machte 
ihren Zustand glücklich, und der Stamm Reuben kommt 
vom Westen und der Stamm Simeon in der Mitte und der 
Stamm Gad zur Linken, und das Haus Simeon, das 120,000 
stark ist, umgibt sie. Denn zur damaligen Zeit kamen die 
Töchter Zippor vor und folgten mit Eile, und die andern 
[kamen] von allen Seiten. Und das Volk verwunderte sich 
darüber. Dann dass der Schall von der Gegenwart Gottes 
aus [seinem] Wohnungsorte Jedem zurief, einen Jeden zu 
tödten, der nach Baal Peor gehen würde, nämlich wer da 
mit seinem Auge oder seinem Herzen lüstern wäre. Gott 
behüte uns! Auf Neigungen folgt die schlechte Lust, denn 
es ist ja wahrhaftig von einigen in Bezug auf dieses gesagt 
worden, dass den Leidenschaften nicht nachzugeben wäre, 
und wer da auch seine Lust befriedigt und ihr nachfolgt, 
den werden zuletzt die Folgen von Sünde und Gewissensbisse 
ergreifen — und dann das Feuer. Dann [ist zuzusetzen], 


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Die Legenden Mosis. 


207 


dass manche der Richter irre gingen und nicht thaten, wie 
Moses befohlen hatte. Sie befolgten nicht die Worte Moses, 
und Kabtha, und Simri Kabith kamen 

In der Mitte der Schlacht erschienen zum Augenzeug- 
nisse des ganzen Volkes Wolken voll von Regen (?) und 
Hessen sich nieder, und die Berührung derselben wurde 
vom Volke gefühlt (?) und der heilige Pinehas stand auf 
und nahm einen Speer in seine Hand, und wirkte damit 
Wunder, und nahm die Lebenden, und einen der Todten — 
ein Wunder der Todten — der Speer in seiner Hand — 
und er schlug die Sünder. Kein Laut scholl ihm entgegen — 
es stand auf dem Speere wie ein Gespenst zwischen seiner 
Hand und dem Blute schreitend (1. hindernd) , und es be- 
rührte nicht den heiligen Pinehas. Er schlug sieben Mal 
mit diesem — von meinen Widersachern, die wider mich 
aufstiegen. 

Im siebenten und achten, denn es war der achte Monat, 
kamen die Sünder. Am zehnten Monat sagte Gott zu Moses: 
»Nimm Rache für die Kinder Israels«, und nachher wirst du 
mit deinem Volke eingesammelt werden, und mit deinem 
Volke gerechnet werden (?), und wisse, dass dieses Wort 
buchstäblich ausgeführt, und dass dein Geist mit den Ge- 
rechten oder mit den Engeln, die [mir] nahe stehen, ein- 
gesammelt werden wird, und keine Vermittlung angenom- 
men wird, weil das Volk, das ganze Geschlecht Israel, 
seinen Sinn verderbt hat. Nachher wird Trauer und Mü- 
digkeit nach seinem Tode aufkommen, und das erste Er- 
eigniss wird sein , dass du mit den Gerechten gehen 
wirst; mit einigen von ihnen wirst du versammelt werden. 
Und als er sie zum Streite rief, versammelten sie sich zu 
12,000, und als sie nach Midian zogen, half der h. Pinehas 
mit dem Zeugnisse der Menge, und gab ihnen den Blitz in 
die Hand, das ist das Haupt der Zauberei auf die Gläubigen, 
und wie ein Blinzeln des Auges zog die Gemeinde gegen 
Edom, und diess ist das Wort, das der h. Jakob in seinem 
Segen ausgesprochen hatte : »Dan ist eine Schlange auf dem 


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208 


Dr. Leitner. 


Wege« ; er bezeiclinete damit, was da vorfiel, und als Balam 
hörte, beeilte er sich zur Rückkehr nach Midian; denn er 
ging nach dem schwarzen Chorassan, und richtete sein Auge 
auf und sah den Horoskop — und diess ist der Spruch des 
h. Jakob — Gad! Schaaren drängen ihn, aber er drängt 
sie rückwärts — denn Balam unterrichtete die Gläubigen, 
dass ein Stern aus Jakob kommen, und ein Scepter aus 
Israel aufsteigen würde, nach dem Worte Gottes: »ein Stern 
tritt hervor in Jakob, und ein Scepter steigt auf von Israel.« 
Die Sterne von Jakob von dem h. Pinehas — der Segen 
Gottes ruhe auf ihm Jehoschafat — Jehoscbua S. Nun’s — 
und wurde mit einem lauten Schalle gerufen: »Jehovah 
unser Gott ist ein einziger Gott« — er flüchtete, und 
ein Mann , der Baalam hiess , fand ihn , Sered S. Kemuels, 
Bruderssohn Kalebs, der von dem Stamme Juda war, und 
brachte ihn vor den h. Pinehas, und den h. Josua und 
Kaleb, und er sprach mit Worten, die Niemand verstand 
und vorher bekräftigte — Badsi S. Zareis, S. Salva’s, und 
stürzte sich auf ihn, und tödtete ihn mit dem Schwerte. 
Und es entstand vor dem h. Josua eine grosse Furcht und 
Aerger [über den] welcher diess vor seinen Augen gethan 
hatte. Denn es war die Absicht des Heiligen Josua — weil 
er ihn vor dem h. Propheten [erschlug] , und sie kamen von 
der Schlacht, und nachdem sie gegenwärtig waren, kamen 
die Grossen des Volkes herbei, und POim PllH^O kamen, 
und er stieg auf die dabei befindliche Kanzel (?), und eine 
Stimme von der Gegenwart Gottes rief: »Amon und Moab 
sollen nicht in die Versammlung Gottes kommen« , und sie 
tödteten die Frauen, welche sich hatten schänden lassen, und 
Gott sagte dem h. Propheten : Nimm dir den Josua S. Nun’s, 
in welchem die Heiligkeit Gottes wohnt, und der das 
Uebel vor allen Augen und vor der ganzen Menge im 40sten 
Jahre den 10. des Monats aufhob. Auf diese Weise handelte 
der h. Prophet nach dem Befehl Gottes mit Freude und 
grosser Liebe. Diess ist die Satzung, welche Niemand von 
der Welt verachtet — der wahre Glaube hört niemals auf — 


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Die Legenden Mosis. 


209 


und war nicht die Auffassung seines Werkes’ für die Men- 
schen reinigend , und er hörte Gutes zu thun nicht auf und 
[gab den] Glauben [nicht auf], und er fing an in den Be- 
grenzungen ns np nnrnx 

Und Gott sagte ihm : »Steige auf den Berg der Ebräer, 
und betrachte das Land Kanaan , und vertheile den Boden 
wie er sagt: und ich werde seine Grenzen bestimmen.« Und 
er stieg auf den Berg, und gab die Begrenzungen des Landes 
an , und fing in seiner Vertheilung von der Seite des gesal- 
zenen Meeres an, welches von Westen bis in die Mitte der 
Erde steigt, deswegen wurde es genannt “inOQ nm?p3 D' 

noinn 

Und von demselben ist die Mitte der Erde bis gegenüber 
Äzmona — zur Ebene Egypten und von da bis zur Küste 
Succoth — und es ist die Mitte des Landes bis zu den 
Flüssen Egyptens, und der Fluss fliesst hinab bis Torsas — 
gegenüber dem Tur des Berges, der Horeb heisst, bis nach 
dem Boden der Thäler Nab (Nil?) — und dieselbe Sifrona. 
Und man sagt, dass es ein ergiebiges Thal wäre, und von 
da aufsteigend bis Azar Enak — bis Schifmah. Und der 
h. Prophet kam hinab (auf ihm ruhe der Segen Gottes!) 
mit Freude und Lust, dem Schmerz der Freude, dass er 
den heiligen Berg, und den Berg der Propheten, und die 
Erde gesehen hatte , die heilige und (doch) traurig, dass er 
in dieselbe nicht eintreten sollte. Möge der Segen Gottes 
auf ihm sein! Und er verschied — er erklärte die Lehre, 
und beendigte sie — den vierten (Monat), denn er beendigte 
sie den vierten. Zu seinem Orte stieg er den fünften auf, 
und es erscholl eine Stimme von Seiten des Lebenden, des 
Alten (der Tage), und dem h. Wohnplatz 


Ich, o Löhner des Guten, habe mich gefreut, diesen 
Tag der Freude und des Segens der Berge zu sehen. Er 
(Gott) zeigte sich Moses dem Propheten, und gab ihm seine 
Macht, desswegen heisst es: »die Gestalt Gottes schaut er« 
— und belehrte ihn über das, was in 3104 Jahren vorfallen 


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210 


Dr. Leitner. 


sollte, »wenn* ihr Kinder zeuget«, und die fängt an PISTUS 

nrurajo mm 

Angezeigt wurde, dass ein Mann auferstehen würde 
»Levi« und sein Name sollte sein »Eiferer der Gemeinde« 
und er die Ebräer und das Haus des Weines heiligen. — 
Er würde (getödtet werden) in drei Tagen — auferstehen 
ohne Recht. Und diess ist derjenige von Urias Frau — denn 
er (David) war es, der sie nahm und ihren Mann tödtete, 
und als beide nach Shiloh kehrten, kam die Wiederver- 
geltung herab, und sie (die Juden) verfälschten das Buch 
und veränderten und verfälschten (?) — die Erlösung Jakobs, 
und hielten die Wahrheit zurück, und [stellten ihre eigenen 
Ansichten] als Wahrheit auf. Und sie stiegen zum Berge 
Gottes ins Land, welches [ihren Vätern versprochen war] 
und bauten Lus. In der zweiten Erhöhung wird Tou aufer- 
stehen, und in seinen Tagen wird der b. Hügel eingeweiht, 
und er meinte damit den Hohenpriester, dass er seinen 
Wohnplatz auf dem Berge Garizim haben würde, und dass 
er zum Guten seines Volkes werden würde. Hernach deutete 
er ruß' pK '* 7 * au, und was in seinen Tagen vorfiel von 
Verfinsterung, und dann deutete er an nißtP vom 
Geschlechte Kehas, Sohn desjenigen, den der h. Apostel 
aufrichtete. Und dieser machte wahrhaftig Anspruch auf 
den Prophetentitel, und war in der Zauberkunst bewandert, 
und in seinen Tag erstand die Verfinsterung und die Ueber- 
völkerung. 

Und zur damaligen Zeit kam die Vergeltung : Saul 
wurde gekreuzigt, und seine 3 Söhne und Joscha regierte, 
und nach ihm regierte David Sohn Isais ; diese (sind) 3 Könige. 
Nachher erstand im Reiche Salomoh — in seinen Tagen 
wurde das Kriegshaus gebaut — denn nachher kam der 
grösste Baba Rabbi — und stellte die Sachen wieder her 
im Volke. Denn er sagte: »die Gemeinde Jehovah ist ein- 
zig« und gab den Königen Griechenlands zu wissen, dass 
sie regiert werden würden, und nachher kamen die Könige 
von Javan (Griechenland) auf, und er deutete an, was vor- 


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Die Legenden Mosis. 


211 


fallen würde mit dem Geschlechte in den Tagen Roms (?) 
und was nachher vorfallen würde in den Tagen Ismaels — 
und nach diesem Ala und darauf der Al Tehaf! 

Und in Wahrheit wird der Schädel auferstehen, und 
seine Lehre krönen, und den Wunderstab in der Hand halten. 


Wohl dem, der ihren Tagen zufällt und sie sieht, und 
gesegnet sei unser Gott auf ewig. Sein Andenken 
— und Lob sei Gott allein. 

Jehovahs Friede sei über unserm Herrn 
Moses S. Amrams Für alle Zeiten. 

Vollkommenheit (gehört blos) dem Herrn. Sein Name 
werde erhöht und gesegnet! 

H o r o s c o p. 

Der Leser in diesem Buch, welches das Buch der Le- 
genden ist, die Mose dem h. Apostel zugeschrieben werden, 
dem Sohne Amrams, auf ihm sei der glänzendste Segen und 
tiefste Friede (ist gestellt worden) von dem elenden und 
armen Diener, der voll von Sünde und Fehlern ist, sein 
Diener und Sohn seines Dieners des verstorbenen, der von 

ihm compilirt hat Eyub Sohn 

Friede und Freude [sei mit Allen!] 

Dieses segensreiche Buch ist nun zu Ende gekommen, 
und es ist das Buch der Legenden , die Mosi , dem Apostel 
unsers Herrn, dem Sohne Amrams, zugeschrieben werden. 
Auf ihm sei Segen und der tiefste Friede! in der Nacht des 
heiligen Frey tags beim Anbrechen des löten des geheiligten 
Monats Moharrem im Jahre 1200 nach den Arabern im 
Antritt des 31sten des Monats Jachoia el Evvel , und dieser 

ging zu Ende, und das Jahr ist Lob sei Gott 

für seine Gnade und Herablassung und Güte und glück- 
liches Zukommenlassen in die Hände des Schreibers des- 
selben und Abschreibers desselben, der geringste Sklave 
und demüthigste Unterthan, der da hofft, dass seine Sün- 


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212 


Dr. Leitner. 


den vergeben werden mögen, sein (Mosis) Diener und Sohn 
seines Dieners Friede der Sohn des Verstorbenen Freude 
Sohn Josephs der Samaritaner der Israelit. Möge Gott ihm 
und seinen Vorfahren und der ihn lehrte und ihm günstig 
war und Allen zusammen gnädig sein! Ich hoffe es durch 
die Macht des Allwissenden der Kenntnisse des Gottes Abra- 
hams und Isaaks und Jakobs. Amen. Amen. 

Lasset uns den [zu Gott] redenden Propheten [nach- 
ahmen]. Amen! 


III. 

Bemerkungen zu den Legenden Mosis 

\ 

von 

Dr. $tl. ^etbcnl)ctm. 

Wie die meisten samaritanischen Handschriften, ist auch 
die, welche die Legenden Mosis enthält, sehr nachlässig 
geschrieben, und die Uebersetzung des arabischen Textes 
war keine leichte Arbeit. Herr Dr. Leitner war so gefällig, 
sich dieser mühevollen Arbeit zu unterziehen, und obwohl 
dieselbe schon vor mehreren Jahren angefertigt war, so 
ward die Veröffentlichung derselben verschoben, da ich die 
Hoffnung hegte, die Legenden Mosis nebst andern derarti- 
gen Chroniken u. s. w. in einem Bande zu veröffentlichen. 
Leider scheinen aber bis jetzt nur sehr Wenige sich für 
samaritanische Literatur zu interessiren, und voraussichtlich 
wäre der Leserkreis ein viel zu kleiner, um nur die Druck- 
kosten eines solchen Werkes zu decken. Was Gesenius vor 
beinahe 50 Jahren aus einigen samaritanischen Hymnen 
sammelte, scheint vielen unserer heutigen wissenschaftlichen 
Theologen zu genügen, da sie das neue Material kaum 
einer Berücksichtigung werth halten. Aber schon die in 
diesen Bänden mitgetheilten samaritanischen Literaturstücke 
lassen uns die Samaritaner in einem ganz andern Lichte 


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Die Legenden Mosis. 


213 


erscheinen , als wir sie in den Arbeiten Gesenius’ dargestellt 
finden. Ihre Exegese hat Vieles mit der rabbinischen 
gemeinschaftlich, ihre Christologie ist nicht so armselig, 
wie wir sie uns vorstellen, und ihre Eschatologie beweist, 
wie verfehlt es war, bei ihnen den Unsterblichkeitsglauben, 
und die Auferstehung in Frage zu stellen. Am wenigsten 
sind zwar ihre vom 12. Jahrhundert an abgefassten arabi- 
schen Geschichtswerke dazu geeignet, uns einen Einblick 
in ihre eigentliche Theologie zu gestatten; aber dennoch 
enthalten sie manche sehr werthvolle Notizen. Die »Legen- 
den Mosis«, welche zwar sehr verstümmelt sind, unterrichten 
uns, dass auch die Samaritaner ihre Apokryphen hatten. 
Sie erwähnendem »Buch Adams« , ein »Buch der Könige« 
und ein »Sefier Nagmuth«. Ein Buch der Jubiläen wird hier 
nicht angeführt, aber sie hatten ein solches, und wir wer- 
den später ein Fragment desselben veröffentlichen. Ob sie 
ein Henoch’s Buch hatten, lässt sich nicht beweisen, aber 
Henochssagen haben sich bei ihnen erhalten. Nach den 
Nachrichten in den Legenden Mosis (S. 189) fuhr Henoch 
nicht in den Himmel, sondern starb, wurde von Adam be- 
trauert, und auf dem Berge »Ebel«, der auch darum Henoch’s 
Berg heisst, begraben. 

Dass die Legenden erst im 14. Jahrhundert gesammelt 
wurden, beweist die Erwähnung Maimonides’ (S. 191), dem 
der Sammler oder Verfasser unsers Buches nicht sehr ge- 
wogen war. Ueberhaupt lässt der Verfasser seinen Hass 
gegen die Juden aus, wo sich ihm nur Gelegenheit dazu 
bietet. So z. B. S. 191: »Die Juden verheimlichen ihre Ge- 
schäfte, bis zur Zeit wo die Liturgie Vorgelegen wird.« Mit 
andern Worten, die Juden schwatzen während des Gottes- 
dienstes, w f as in der That auch lange in manchen Synagogen 
der Fall war. Ferner wurde den Juden zum Vorwurfe ge- 
macht, sie hätten die heiligen Bücher verfälscht, und die 
Erlösung Jakobs in ein schiefes Licht gesetzt, sie hätten 
die Wahrheit zurückgehalten, und ihre Ansichten als Wahr- 
heit aufgestellt (S. 210). Hier sind wohl theilweise die 


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214 


Dr. Leitner. 


traditionellen Satzungen der Juden gemeint ; allein der Ver- 
fasser geht hier zu weit, denn selbst der Talmud macht 
einen Unterschied zwischen den Satzungen des geschriebe- 
nen Gesetzes, und den Lehren der Rabbinern 

Unser Verfasser muss aber dennoch ziemlich heimisch 
auf dem Gebiete der rabbinischen Literatur gewesen sein; 
denn er hat den Midrasch sehr fleissig benutzt, wenn ihm 
nicht andere, jetzt verloren gegangene Apokryphen, worin 
diese Sagen enthalten waren , zu Gebote standen. 

So erzählt er , Henoch habe in dem Buche der Wunder 
gelesen, welches Adam verfasst hatte, und dasselbe habe 
24 »Schohamsteine«, zwölf und zwölf wie die Söhne Jakobs. 
Aehnlich Bereshith Rabba Cap. 24. Adam war würdig, dass 
zwölf Stämme von ihm ausgingen, denn es fieisst: »Dieses 
(HT =12) ist das Buch Adams« (Gen. 5, 1). 

Unser Verfasser lässt den Adam aus dem Horoscop die 
zukünftigen Schicksale seiner Nachkommen kennen lernen. 
Aus Ps. 139, 16 will der Midrasch herausdeuten, Gott habe 
dem Adam , als sein Körper geschaffen war , alle folgenden 
Generationen gezeigt (Beresch. Rabb. C. 24). 

Er nennt (S. 160) Methusela einen Gottesmann, was ganz 
mit dem Midrasch Abcliir (angeführt Jalkut I. 42) stimmt, 
woselbst Folgendes von Methusela erzählt wird: »Er war 
ein sehr frommer Mann, schloss Alles, was er redete, mit 
dem Lobe Gottes. Und als er starb, ward ein Sturm am 
Firmament des Himmels vernommen , und die wilden Thiere 
vergossen Thränen.« 

Die Höhle Machpela heisst nach unserm Verfasser die 
Höhle der Viere, weil dort Adam, Noah und Methusalah 
begraben seien (S. 160). Nach dem Midrasch wurde sie so 
genannt, weil Adam, Abraham, Isaak und Jakob und deren 
Frauen dort begraben wurden. 

S. 161 werden zwei Angesichte Adams erwähnt! Ebenso 
Talmud Berachoth 61 a, wo aus Ps. 139, 5 herausgedeutet 
wird, Adam hätte zwei Angesichte gehabt 

S. 163 heisst es: Die Schöpfung der Welt vom Tage des 


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Die Legenden Mosis. 


215 


ewigen Bundes bis zum Tage der Rache sind es 6000 Jahre. 
Also ebenfalls ganz nach der Lehre der Rabbinen, wonach 
die Welt nur 6000 Jahre, stehen würde. (Talmud Rosch 
Haschana 31, a.) 

S. 207. Die Richter irrten sich und thaten nicht, wie 
ihnen Moses befohlen hatte, nämlich die Verbrecher zu 
tödten (Num. 25, 4 u. 31. 15). Da erschienen in der Mitte 
der Schlacht Wolken voll von Regen zum Augenzeugnisse 
des ganzen Volkes u. s. w. Unser Verfasser wendet den 
Midrasch zu Num. 25, 4 auf Num. 31, 15 an. Die Richter, 
so erzählt der Midrasch, sprachen zu Moses : Wie vermögen 
wir die zu erkennen, welche dem Baal Peor anhingen? Da 
sprach der Heilige, gelobt sei er: Ich will sie kennzeichnen! 
Wer sündigte, von dem wird sich die Wolke ablösen*) und 
die Sonne ihn bescheinen! (Vgl. Tanchuma und Bamidbar 
Rabba zur Stelle.) 

Ferner erzählen unsere Legenden, Pinehas habe sieben 
Mal geschlagen. Das stimmt ebenfalls wieder zu der rabbi- 
nischen Erklärung, wonach, als Pinehas (Num. 25, 7.8) 
Simri und Salu tödtete, sieben. Wunder geschahen (S. Sifri 
Piska 131). 

Wir haben Beispiele genug angeführt, um zu beweisen, 
dass der Verfasser rabbinische Schriften benutzt hat. Am 
Schlüsse des Werkes finden sich einige Spuren, dass ihm 
vielleicht die »Ascensio Moysis« **) Vorgelegen haben mag. 
Denn er erzählt, Gott habe Moses darüber belehrt, was 
in 3104 Jahren vorfallen sollte. Ferner weiss er von einem 
Messias aus dem Hause »Levi«. Wenn er ferner von dem 
Lebenden des Alten der Tage redet (S. 180), so beweist 
das, dass er das Buch Daniel benutzte. 


*) Nach dem Midrasch waren alle Israeliten von der Wolke der 
Herrlichkeit umgeben. 

**) S. B. III. S. 63—83. 


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IV. 


Das Hinscheiden Mosis. 

Nach dem Petirath Mosche. 
Von 

Dr. $0. 3jjcibent)rim, 


Auch in der rabbinischen Literatur haben sich Frag- 
mente einer »Assumptio Moysis« erhalten, woraus wir vor- 
läufig das Petirath Mosche« nach der Version des Jalkut 
und dem Sifri hier mittheilen. Der von Jellinek, Bet’ ha 
Midrasch I, S. 115 — 129, veröffentlichte Midrasch Petirath 
Mosche ist eine Ueberarbeitung der hier mitgetheilten Frag- 
mente. 

Als Moses sah, dass sein Tod unwiderruflich beschlossen 
war, zog er einen kleinen Kreis, setzte sich in denselben 
und sagte: Nicht werde ich daraus weichen, bis dieses über 
mich beschlossene Verhängniss vernichtet ist. Moses hüllte 
sich in einen Betmantel, bestreute sein Haupt mit Asche, 
wälzte sich im Staube und betete, dass Himmel und Erde 
und die Anordnungen des Anfanges erbebten. Und eine 
Stimme sprach: Vielleicht ist es der Wille des Heiligen, 
gelobt sei er, die Welt zu zerstören? Da ward eine Stimme 
vernommen, sprechend: Noch ist es nicht der Wille Gottes, 
die Welt zu vernichten u. s. w. 

* 

Was that nun der Heilige, gelobt sei er? Er rief selbst 
an jeglicher Himmelspforte, und an den Thoren des (himm- 
lischen) Gerichtshofes aus, das Gebet Moses nicht anzu- 
nehmen, da der Beschluss über den Tod Moses versiegelt sei. 

Gleich einem durchdringenden Schwerte war das Gebet 
- Mose*, da es vermittelst des allerheiligsten Namens (Shem 


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Das Hinscheiden Mosis. 


217 


Hamforasch), welchen er von seinem Lehrer Sagsael, der 
da ist der Lehrer aller Himmelskinder, gelernt hatte. 
Bestürzt darüber, rief Gott die dienstthuenden Engel: Auf, 
lasst uns die Himmelspforten verschliessen , damit das Gebet 
Moses nicht gehört werde! Als die Räder der Merkaba, 
und die flammenden Seraphim den Entschluss des Höchsten 
vernahmen, da priesen sie ihn, sprechend: Gelobt sei Gott, 
denn bei ihm gilt keine Bestechung. 

Moses betete 510 Mal (nach dem Zahlen werthe von 
pmKl) und sagte: »Herr der Welt, offenbar und* 
»bekannt ist dir meine Mühe und mein Leiden, 
»das ich mit ihnen (den Israeliten) zu erleiden 
»hatte, bis ich ihnen die Lehre und die Gebote 
»eingeprägt hatte. Ich dachte, wie ich sie in 
»ihren Leiden gesehen, so werde ich sie auch 
»in ihrem Glücke schauen, und nun sagst du zu 
»mir: du darfst den Jordan nicht überschreiten. 
»Siehe! du machst deine Lehre falsch, denn du 
»sagst ja, man solle dem Taglöhner jeden Tag 
»seinen Lohn geben, und ich habe mich vierzig 
»Jahre abgemüht und sie zum heiligen Volke 
»gemacht.« 

Aber der Engel Samael, der Teufel Oberster, harrte 
während dessen auf den Tod Mosis und sagte: Wann naht 
der Augenblick heran, da ich Moses erschlagen, und ihm 
seine Seele nehmen kann? . . . Ferner sagte Samael: wann 
naht heran die Stunde, da Michael weint, und ich lache; 
aber Michael antwortete ihm: Freue dich nicht, Feind, 
denn wenn ich auch mit dem Tode Moses falle, so werde 
ich wieder durch Josua aufgerichtet. Wenn ich auch wäh- 
rend der Zerstörung des ersten Tempels im 
Finstern sitze, so habe ich im zweiten Tempel 
Licht (bis) zu den Tagen des Messias. 

Bis da verstrich für Moses eine Stunde. 

In dieser Stunde sagte er zum Heiligen, gelobt sei er : 
Willst du mich nicht in das Land eingehen lassen, so lass 

Vierteyahmchrift. IV, 2. 15 


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218 


M. Heidenheim. 


mich in dieser Welt bleiben, auf dass ich lebe und nicht 
sterbe! Darauf erwiederte der Heilige, gelobt sei er: Wenn 
ich dich nicht in dieser Welt tödte, wie kann ich dich in 
jene aufleben lassen? Und ferner würdest du ja meine 
Lehre verfälschen, denn durch dich liess ich ja es nieder- 
schreiben, dass Niemand sich aus meiner Hand erretten könne ! 

Bis dahin verstrich für Moses abermals 
eine Stunde. 

Darauf betet Moses: Herr der Welt, willst du mich 
nicht in das Land Israel bringen , so lass mich da bleiben, 
wie die Thiere des Feldes, welche Gras essen, Wasser 
trinken und die Welt ansehen ! 

Gott erwiederte: du hast genug! 

Abermals betete Moses: Herr der Welt, wenn du dieses 
nicht willst, se lasse mich bleiben wie einen Vogel, welcher 
nach den vier Weltgegenden fliegt, und sich des Morgens 
seine Speise sammelt, und am Abend wiederum in sein Nest 
zurückkehrt. Lass mich gleich einem derselben sein! 

Du hast genug, erwiederte der Heilige. 

Abermals betete Moses: Herr der Welt, lass mir ein 
Auge unter dem Augendeckel, und lass den Augendeckel 
es drei Male des Jahres bedecken, damit ich lebe, und nicht 
sterbe. Du hast genug, erwiederte er (Gott). 

Als Moses sah, dass kein Geschöpf ihn vom Tode er- 
retten könne, da sagte er: »Der Fels, vollkommen ist sein 
Werk« u. s. w. (Deut. 32, 4). 

Was that Moses? Er nahm die Rolle, und schrieb 
darauf den hochheiligen Namen (Schern Hamforasch), und 
das Sefer Haschir (Buch der Lieder). Er hatte es noch 
nicht zu schreiben vollendet, als schon seine Sterbestunde 
herannahte. 

In jener Stunde sprach der Heilige, gelobt sei er, zu 
Gabriel: Gehe und bringe die Seele Mosis! 

Er (Gabriel) sprach: Herr der Welt, wie kann ich den 
Mann tödten, der gleich den 600,000 ist, und wie kann ich 
inen Mann, der solche Eigenschaft besitzt, tödten? 


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Bas Hinscheiden Mosis. 219 

Da sprach der Heilige, gelobt sei er, zu Michael : Gehe 
und bringe die Seele. 

Er aber erwiederte : Herr der Welt, ich war sein Lehrer, 
und er mein Schüler, wie kann ich demnach seinen Tod 
ansehen? 

Darauf sprach Gott zu Samael: Gehe und bringe die 
Seele Mosis ! Sogleich kleidete er (Samael) das Zorn(gewand) 
an, gürtete sein Schwert um, und hüllte sich in Hartherzig- 
keit, und ging Moses entgegen. Als er ihn sah, sass er und 
schrieb den Schern Hamforasch, und das Licht seines An- 
gesichtes glich der Sonne, und er war gleich einem Engel 
des Herrn der Heerschaar en. Samael fürchtete sich und 
sprach: In der That, kein Engel vermag des Moses Seele 
zu nehmen. 

Bevor Moses noch den Samael sah, wusste er, dass er 
kommen würde. Und als Samael Moses sah, da ergriff ihn 
Beben, und ein Weh wie eine Gebärerin, und er fand keine 
Gelegenheit, Moses anzureden, bis Moses selbst ihn ansprach : 

Moses: Für die Frevler gibt es keinen Frieden, sagt der 
Herr! Was willst du hier thun? 

Samael: Deine Seele zu holen, bin ich gekommen. 

Moses: Wer hat dich gesendet? 

Samael: Er, der die ganze Welt geschaffen. 

Moses: Du vermagst meine Seele nicht zu nehmen. 

Samael: Alle, die da in die Welt kommen, sind mir 
unterthan. 

Moses: Ich habe mehr Gewalt als Alle die, welche in 
die Welt kommen. 

Samael: Und worin besteht deine Gewalt? 

Moses : Ich bin Amrams Sohn ; beschnitten ging ich aus 
dem Leibe meiner Mutter hervor, und bedurfte der Beschnei- 
dung nicht. Am Tage meiner Geburt konnte ich reden und 
gehen. Mit meinem Vater und mit meiner Mutter redete ich } 
wie kein Säugling es vermochte. Als ich drei Jahre alt war, 
weissagte ich, dass ich zuerst die Torah aus dem flammen- 
den Feuer empfangen würde. Und als ich das Haus ver- 

15* 


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220 


M. Heidenheim. 


liess, ging ich in den Palast des Königs, nahm dessen 
Krone von seinem Haupte; und als ich achtzig Jahre alt 
war, verrichtete ich Zeichen und Wunder, und führte sechs- 
hunderttausend Mann Angesichts der Egypter heraus, spaltete 
das Meer in zwölf (Wege), verwandelte das bittere Wasser 
in süsses, und stieg auf und wandelte den Weg in den 
Himmel. Mit den Engeln stritt ich, und empfing von Ihm 
(Gott) von Angesicht zu Angesicht die Lehre, und ich unter- 
hielt mich mit ihm in der Familie, und machte deren Ge- 
heimnisse den Menschensöhnen kund. Und ich empfing 
die Feuerlehre aus der Rechten des Heiligen, gelobt sei er, 
und lehrte sie den Israeliten. Krieg habe ich geführt mit 
Sichon und Og, den zwei Helden der Völker der Welt, 
welche so gross waren, dass die Wasser der Sündfiuth bis 
zu ihrem Unterschenkel reichten. Aufgestellt habe ich Sonne 
und Mond auf der Welt Höhe, und schlug sie mit dem Stabe 
in meiner Hand. Wer kann unter den Weltbewohnern ein 
Gleiches thun. Gehe, fliehe vor mir, nicht will ich dir 
meine Seele geben. 

Samael ging sogleich weg, und überbrachte dem All- 
mächtigen die Antwort. 

Es sprach aber der Heilige, gelobt sei er: Ziehe aus 
und bringe die Seele Mosis. 

Darauf zog Samael das Schwert aus der Scheide, und 
stellte sich Moses gegenüber. 

Moses erzürnte darüber, nahm den Stab Gottes, worauf 
der Sehern Hamforasch eingegraben war, berührte damit 
Samael mit aller Kraft, so dass er von ihm wegfloh. Er lief 
ihm nach mit dem Sehern Hamforasch , nahm ihm das Horn 
zwischen seinen Augen weg, und stach ihm die Augen aus. 

Nun verstrich für Moses das Ende des Augenblickes, 
und eine Stimme ertönte und sprach: Herangenaht ist das 
Ende des Augenblickes, dein Tod! 

Aber Moses sprach: Herr der Welt, gedenke nur des 
Tages, da du dich mir im Dornbüsche offenbartest, und zu 
mir sprachst: Gehe, ich will dich zu Pharao senden. Ge- 


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Das Hinscheiden Mosis. 


221 


denke des Tages, da ich vierzig Tage und vierzig Nächte 
auf dem Berge Sinai stand! Ich bitte dich, überliefere 
mich nicht in die Hand des Todesengels. Da ertönte eine 
Stimme und sprach zu ihm: Fürchte dich nicht; ich selbst 
werde mich mit dir, und mit deinem Begräbnisse beschäf- 
tigen. In jener Stunde stand Moses auf, und heiligte sich 
wie die Seraphim, und der Heilige, gelobt sei er, stieg 
vom höchsten Himmel herab, um die Seele Mosis zu nehmen. 
Drei dienende Engel, Michael, Gabriel und Sagsael, waren 
mit ihm. Michael bereitete sein Lager, Gabriel breitete 
ein Byssusgewand unter seinem Kopfe, und Sagsael unter 
seinen Füssen aus. Auf der einen Seite stand Michael, und 
auf der andern Gabriel. 

Es sprach nun der Heilige, gelobt sei er: Lege deine 
Augen eines auf das andere. Und er legte seine Augen 
das eine auf das andere. 

Er sprach ferner: Lege deine Hand auf die Brust. 
Und er legte seine Hand auf die Brust. 

Dann sprach er zu ihm: Biege deine Füsse zusammen, 
den einen auf den andern. Und er bog seine Füsse zu- 
sammen, den einen auf den andern. 

In jener Stunde rief der Heilige, gelobt sei er, die * 
Seele Mosis aus seinem Körper. Er sprach zu ihr: Meine 
Tochter, deine Frist war hundert und zwanzig Jahre im 
Körper Mosis zu sein , nunmehr ist deine Endezeit aus ihm 
auszugehen da. Gehe aus, und säume nicht! Sie (die Seele) 
aber sprach: Herr der Welt, ich weiss, dass .du der Gott 
aller Geister, und der Herr aller Seelen bist. Die Lebenden 
und die Todten sind in deiner Hand. Aber du hast mich 
geschaffen, du hast mich gebildet, und mich dem Körper 
Mosis einverleibt Moder, Wurm und Aussatz ward nie an 
seinem Körper gesehen , darum liebe ich ihn , und will ihn 
nicht verlassen. Gibt es einen reinem Körper als den des 
Moses? 

Gott: Gehe heraus und zögere nicht, und ich will 
dich in den höchsten Himmel bringen, und dich unter dem 


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222 


M. Heidenheim. 


Stuhle meiner Herrlichkeit neben den Cherubim, Seraphim 
und Gedudim platziren. 

Seele: Herr der Welt, von deiner Herrlichkeit (Sche- 
chinah) stiegen die Engel Asah und Assael hernieder und 
fanden an den Töchtern der Erde ihr Wohlgefallen, und 
verderbten ihren Wandel auf der Erde, bis du sie zwischen 
dem Himmel und der Erde auf hängtest; aber der Sohn 
Amrams wohnte von dem Tage an, da du dich ihm im Dorn- 
büsche offenbartest, seiner Frau nicht bei, denn es heisst: 
und es sprachen Mirjam und Aaron g£gen Moses (Num. 12, 1) 
Ich bitte dich, lass mich doch in dem Körper Mosis ver- 
bleiben. 

In jener Stunde forderte der Heilige, gelobt sei er, 
(die Seele Mosis) und nahm sie mit einem Mundkusse, und 
er weinte und sprach: »Wer tritt für mich auf wider die 
Frevler, wer stellt sich für mich entgegen den Missethätern?« 
(Ps. 94, 10.) Und der heilige Geist weinte und sprach: 
»Nicht stand wiederum auf in Israel ein Prophet gleich Moses.« 

Himmel und Erde weinten und sprachen: »Ver- 
schwunden ist der Fromme von der Erde.« (Micha 7, 2.) 

Und als Josua seinen Lehrer suchte und ihn nicht 
fand, da weinte er und sprach: »Hilf, Herr, denn der 
Fromme hat aufgehört, denn es sind zu Erde gegangen 
die Treuen aus den Menschensöhnen.« (Ps. 12, 2.) 

Die Israeliten weinten und sprachen: »Die Gerech- 
tigkeit Gottes übte er aus, und sein Recht an den Israeliten.« 
Des Gerechten Andenken ist zum Segen, und seine Seele ist 
im Leben der zukünftigen Welt. „ 


Sifri. 

Und Gott sprach zu Moses: »Siehe, deine Tage zum 
Sterben sind herangenaht.« Simon S. Jochai’s sagt: Gelobt 
sei der treue Richter, vor dem weder Unredliches, noch An- 
sehen der Person gilt! Es heisst ferner: Setzet keinen 
Glauben in den Freund, und vertraut nicht dem Führer« 
(Micha 7, 5). 


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Das Hinscheiden Mosis. 


223 


In einem Jahre starben drei Gerechte, Moses, Aaron 
und Miijam , da hatten die Israeliten ferner kein Vergnü- 
gen mehr, denn es heisst: In einem Monate entfernte ich 
drei Hirten (Sach. 11, 8). Aber sie starben ja nicht in 
einem Monate, sondern in einem Jahre? Denn es heisst: 
Eingesammelt wurden die Fürsten des Volkes u. s. w. 
(Ps. 47, 10.) Als Mirjam starb, wurde (den Israeliten) der 
Brunnen entzogen, und ihnen des Verdienstes Mosis und 
Aarons halber wiedergegeben. Als Aaron starb , verschwand 
die Wolkensäule, aber beide wurden des Verdienstes Mosis 
halber wieder zurückerstattet Als Moses starb, wurden alle 
drei weggenömmen und nicht mehr ersetzt. In jener Stunde 
waren die Israeliten zerstreut, und von Allem entblösst. 

Als Aaron starb , versammelten sich alle Israeliten bei 
Moses und sprachen: Wo ist dein Bruder Aaron? Gott hat 
ihn im Jenseits verborgen, antwortete er. Aber die Israe- 
liten glaubten es nicht, und sprachen: Wir wissen, dass du 
zornig bist, und er sagte vielleicht Etwas, was dir missfiel, 
und du hast seinen Tod verursacht. Was that der Heilige, 
gelobt sei er? Er nahm die Todeslade Aarons und hängte 
sie zwischen Himmel und Erde auf, und der Heilige, gelobt 
sei er, beklagte ihn, und die dienenden Engel antworteten: 
Wahre Lehre war in seinem Munde, und Verkehrtes wurde 
nicht in seinen Lippen gefunden. 

In jener Stunde sprach der Heilige, gelobt sei er, zum 
Todesengel: Gebe hin* und bringe mir die Seele Mosis. 
Er ging und stellte sich vor ihm hin. 

Todesengel. Moses , gib mir deine Seele ! 

Moses. Nicht darfst du an dem Orte stehen, wo ich 
weile, und dennoch sprichst du zu mir: Gib mir deine Seele! 
Er fuhr ihn an und er verliess ihn mit Tadel. 

Gott spricht zum Todesengel: Geh und bringe mir 
die Seele Mosis. 

Todesengel geht zum Meere hin und spricht: Hast 
du Moses gesehen? Das Meer antwortet: Seit dem Tage, 
als er die Israeliten durch mich hindurchführte , habe ich 


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224 


Das HnaebeMci Mosa. 


ihn nicht gesehen. Da ging er zu den Bergen hin and 
fragte sie: Habt ihr Moses nicht gesehen? Die Berge ant- 
worteten: Gott kannte seinen Weg und verbarg ihn im 
Jenseits. Und kein Geschöpf weiss etwas davon , denn es 
heisst, er begrab ihn im Thale. 


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n. 

MITTHEILUNGEN. 


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I. 


Die hebräischen Evangelien des Vaticans 
nebst Faksimile 

von 

Dr. Jtl. 3S)eibcnl)cim. 


Bis jetzt sind die hebräischen Evangelien des Cod. Vat. 
No. 100, woraus hier vorerst die zwei ersten Capitel des 
Matthäus-Evangeliums mitgetheilt werden, nicht näher be- 
kannt geworden. Der Codex selbst gibt nicht die Jahres- 
zahl an, wann sie geschrieben wurden, und es ist auch 
kaum möglich , diese aus der Schrift zu bestimmen , da uns 
alle Anhaltspunkte fehlen, wann diese Schriftzüge einge- 
führt wurden. Wir finden ähnliche Schriftzüge in Hand- 
schriften, welche aus dem 15. und 16. Jahrhundert stammen, 
aber unser Codex ist gewiss nicht später als im 14. Jahrh. 
geschrieben worden. Er mag aber auch noch viel älter sein. 

Wir haben es hier nicht mit einer Uebersetzung zu 
thun, wie sie Seb Münster u. A. lieferten. Es lässt sich 
leicht darthun, dass diese Evangelien, wie sie jetzt in 
ihrer letzten Ueberarbeitung vorliegen, den Juden 
selbst als Lectüre gedient haben. Dieses zeigt schon der 
Anfang: »Mit der Hülfe des Himmels beginne ich die vier 
Evangelien (zu schreiben).« 5 * 1 ) Dass sie nicht zu Missions- 
zwecken bearbeitet wurden, beweisen die einzelnen Abän- 
derungen, welche der letzte Bearbeiter wohl vorgenommen 
haben mag, um die Evangelien nicht in ihrem vollen Glanze 
scheinen zu lassen. Abgesehen von diesen kleinen Ver- 
änderungen ist der Text getreu wiedergegeben. Nur hie 

*) Auch schreibt er immer »Haschern« für »Jehova«. 



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Google 



228 


M. Heidenheim. 


und da soll dem Leser ein Wink gegeben werden, dass 
diese Bücher antijüdisch seien. Darum wird Matth. 1, 16 
übersetzt: »den sie Messias nennen«; niemals schreibt er 
Haruach Hakodesch , sondern Hakodesch Kuach oder Reach 
»die Heiligkeit des Geistes« , »Geruch der Heiligkeit« ; 
Matth. 1, 21 nicht »von ihren Sünden«, sondern »von ihren 
Verirrungen« ; ib. 5, 46 nicht »Zöllner«, sondern »die gering- 
fügigen Nazaräer«. Die alttestamentlichen Citate sind 
entstellt. Auch in den Einleitungen in die einzelnen Evan- 
gelien tritt ein ähnliches Verfahren zu Tage. So sagt er : 

»Matthäus schrieb sein Evangelium in der heilige** 
»Sprache, um hierdurch den »Nefilim« *) (also Abgefallenen) 
»zu predigen. Es war dieses ein Denkmal, das er seinen 
»Brüdern hinterliess. Obschon zwar Viele Evangelien ge- 
»schrieben, so haben doch nur vier ein Zeugniss der Wahr- 
»heit abgelegt, denn sie haben den Trinitätsglauben in den 
»vier Welttbeilen gepredigt u. s. w. Matthäus gleicht dem 
»Menschen, weil er mit der Zeugung Jesus Messias beginnt. 
»Markus gleicht dem Löwen , denn er redet von der Auf- 
»erstehung. Lukas gleicht dem Kalbe, da er von den Käl- 
»bern redet, welche die Priester darbringen. Johannes 
»gleicht dem Adler, da er von tiefen göttlichen Dingen redet. 
»Ein Mensch war er (Christus), ein Mann geboren von 
»einer Jungfrau. Wie ein Kalb ward er geopfert. Ein. 
»Löwe war er, denn er ist als Lebender nach seinem Tode 
»auferstanden.« 

Aehnliche Entstellungen finden sich auch in der Ein- 
leitung zum Markus-Evangelium, wo er von Markus Fol- 
gendes zu erzählen weiss: »Er verfasste auch seine Lebens- 
»beschreibung, worin er erzählt, er sei Priester gewesen, **) 


*) Oder ist hier Nefilim = Christen ; denn der Messias selbst wird 
ja im Talmud Sanhedrin 96 b so genannt. L. c. heisst es : »Wann wird 
der Sohn der Wolken ^b: -o (gr. veq)iXifj kommen?« Der Messias wird 
nach Dan. 7, 18 »Sohn der Wolken« genannt. 

**) Auch der Cod. Colbert. aus dem 6. Jahrhundert erzählt: Marcus 
Evangelista . . . sacerdotium in Israel agens, secundum carnem Leyita etc. 


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Die hebiüschen Evangelien des Vaticans. 229 

»habe sich den Finger abgeschnitten, damit er vom Priester- 
»thume ausgeschlossen werde. Aber Gott habe seine Treue 
»erkannt, und er sei der erste Bischof (Hegmon) Alexandriens 
»geworden.« 

Viel günstiger leitet er den Lukas ein: 

»Lukas war, den geschichtlichen Nachrichten zufolge, 
»aus Cäsarea, und hatte sich in Antiochia als berühmter Arzt 
»niedergelassen.*) Er war Schüler der Apostel, und trennte 
»sich nie von der Gesellschaft der Jünger Jesu. Und wegen 
»der Bewohner in der Lombardei? ward er vom heiligen 
»Geiste angetrieben, dieses Evangelium in griechischer 
»Sprache zu schreiben , und verfasste auch die Apostel- 
»geschichte. Er lebte 83 Jahre, starb in Bithynien, und 
»seine Gebeine wurden in dem Jahre unsers Herrn 359 
»nach Antioch gebracht.« 

Einzelne Entstellungen in den Evangelien abgerechnet 
hat der Uebersetzer sich wortgetreu an seinen Text gehalten. 
Die Version ist zwar oft sehr unhebräisch, auch gebraucht 
er rabbinische, griechische und lateinische Worte. So z. B. 
Matth. 2, 12 DTHTn (der Engel) warnte sie; ib. 4, 21 xarap- 
riZovras übersetzt er durch D^pfTD; ib. 6, 1 röav avSpcoTroov 
durch P11HCN (Menge), und fügt noch erläuternd bei 
K^IK, d. h. in der ausländischen Sprache bedeute es o^Aos'; 
ib. 7, 4 u. 5 ro xäp<pos übersetzt er durch DDpfl ; ib. 3, 1 7 
»Bath Kol«, Tochterstimme, für Stimme vom Himmel u. s. w. 

Matth. 10, 2 übersetzt er xcov anoöxoXcov durch 
O^BTOKPI; ib. 5, 30 (SxavSaXi&i durch Kn'VTpiW und 
11, 6 öKavSaXitör) durch jNr^Tpt^O Auch viele Namen 
gräcisirt er , wie z. B. Matth. 1 , 1 DN"DN = ’Aßpaäp, 
J5KBT = ’löaax , DTO*« = ’Eöpccp ib. 1, 3 u. A. Matth. 
3, 7 hat er UrOI = viperarum, Mark. 6, 21 tMOnTYl = 
tribunis , Mark. 4, 38 KEKSEN = in puppi u. 8. w. 

Diese Einmischung lateinischer und griechischer Worte 
in den Text finden wir nur noch in der palästinensischen 

*) Abweichend der Prolog zum Lukas-Evangelium (Cod. Colbc-rt. 
Saec. VI), wo es heisst: Lucas natione Syrus, Antiochensis etc. 


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230 


M. Heidenheim. 


Version der Evangelien, die schon Adler in seinem Novi 
Testamenti Versiones Syriacae p. 141 zusammengestellt hat. 
Und es ist merkwürdig, dass die in Rede stehenden Evan- 
gelien auch in anderer Hinsicht zuweilen mit dem Codex 
Hierosol. Zusammentreffen. Ueberhaupt hat er Vieles mit 
den syrischen Evangelien-Lectionarien gemeinschaftlich, da 
auch diese so sehr oft den Abschnitt -mit »es sagt der Herr 
Jesus« einleiten. So die hebräischen Evangelien: »es sagt 
Jesus, oder es spricht Jesus Messias.« 

Einige Beispiele mögen genügen: Matth. 1, 19 übersetzt 
der Cod. Hierosol. iTV in£H tflPI i6"i, also ganz so 
wie unsere Uebersetzung; ib. 1, 25 haben die hebräischen 
Evangelien einfach p, wie die ältesten Handschriften, und 
auch im Cod. Hierosol. ist = rov npoaroroHov erst 

später zugefügt worden. Ebenso lassen Sinait. , Vatic. und 
Cod. Barber. 1, und mehrere lateinische Handschriften avrijs 
rov npoDToroHov weg. Den Grund dafür gibt Hieronymus zur 
Stelle an, indem er sagt: »Ex hoc loco quidam perversissime 
suspicantur et alios filios habuisse Mariam, dicentes primo- 
genitum non dici, nisi qui habeat et fratres.« Unsere Vers. 
Heb. geht aber noch weiter, und fügt THK bei. 
Ib. 2, 14 Cod. Hieros. DTDI! 1FI THP, was aber nicht mit 
Graf Miniscalchi Erriz, der es durch »futurum est enim 
Herodis« falsch wiedergibt, übersetzt werden darf, sondern 
»Herodes ist vorbereitet u. s. w.« (vgl. unsern Text zur Stelle). 

Was aber die hebräischen Evangelien besonders werth- 
voll machen dürfte, ist die Thatsache, dass sie uns Lese- 
arten darbieten, wie wir sie bei Justin finden. So z. B. 
Matth. 3, 16 rar rniSO == lv eiSsi nepiörspas (Just. Dial. 
c. Tr. 88 p. 185 und Evangel. Ebion. bei Epiph. *) **) 


*) Diesen sogenannten Cod. Hierosolymit. habe ich selbst im Vatic&n 
vor mehreren Jahren abgeschrieben. 

**) Es ist merkwürdig, dass gerade das Hebräerevangelium , wie 
aus dem Citate des Hieron. zu Jes. 11 hervorgeht, von der Taubengestalt 
des heil. Geistes nichts wissen will , da sich doch dieses Symbol in der 
altjüdischen Auslegung erhalten hat. Vgl. Bercschith Rabba Cap. II. 


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Die hebräischen Evangelien des Vaticana. 231 

Matth. 5, 40 Vers. Heb. nn PlpTTQ ^ *700 'Dl 

Vvnn ebenso Just. Apol. 1, 16 xa\ rov aUpovra öov 
rov ^rran'ar V r ° iM ( * rwy MV xoXvörjs. 

Matth. 5, 45 lassen die Vers. Hebr. xa\ ßpix& aus, 
wie Just Apol. 1, 15. 

Matth. 6, 25 Vers. Hebr. IBOfcl HD toKn HO = Just. 
Dial. c. Tr. rl cpay^re r\ rl ivSvörföSe. 

Matth. 7, 20 Vers. Hebr. OtTSTi CDTWJöS = Just. Dial. 
c. Tr. 35 ano tgoy ipydbv. 

Aus diesen Beispielen kann man wohl schliessen, dass 
der Vers. Hebr. sehr alte Codd. zu Grunde liegen, denn 
ausser den schon angeführten Varianten finden sich noch in 
demselben ganz eigenthümliche Lesearten. Beachtung ver- 
dienen in dieser Beziehung auch noch die Zusätze, welchen 
wir in dieser Version begegnen, wie z. B. Matth. 3, 11 : »Er 
wird euch mit dem heiligen (Geiste) und mit dem Feuer, 
das in seiner Pfanne ist, welche er in der Hand hat, taufen.« 
Matth. 7, 6 lässt er pff Score rov ayiov rois xvöi weg, und 
hat dafür: Redet nicht in der Sprache der heiligen Schrift 
vor »dem Viehe* u. s. w. 

Die Kapiteleintheilung kann uns hier nicht auf die Spur 
helfen, da sie wahrscheinlich das Werk eines spätem Bear- 
beiters ist, welcher wohl Italiäner war, da er Guda, statt 
Judäa schreibt, wie aus dem hier folgenden Texte zu ersehen 
ist. In dem zweiten Kapitel fehlen V. 5, 6 u. 7. Ob aus dem 
Gesagten und aus den im Texte enthaltenen Varianten*) 
geschlossen werden kann, dass die hebräischen Evangelien 
nach einer palästinensischen Version bearbeitet wurden, die 
vielleicht älter war als die bis jetzt erhaltenen Handschriften, 
darüber wollen wir die Urtheile Anderer abwarten. 


*) Sie sind im Texte mit Sperrschrift gedruckt. 


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232 


M. Heidenheim. 


1KTIÖ W ’£D pfc‘Kl ^ID’£p 

' ' Cap. I. 

ok-dk : dkidk p 4 öTi p rm: nrfan iso nt 1:2 
rns nw tnr tHt spp’ *pp» tS*i paar paur T^n 
01™ dws t^ti tns lono ann ans -rSn ktt 3 
P&*k: p&‘a: »piroa dttok tVih dkik : dkik -rVn 4 

TD1K “rH“l 0K1D DK1D TVn pö^tf J po^ty TVn 5 

in ^Kitrr ~i^o m T^n xr : xr tHt tdik e 
7 t&v : wna rmn rvbv i^in ^Kitr 7 
:k&‘k tVih twra* twran tSi qmm osim *Än 
: wiK T^n oir Dir *rton ddot ödet tHi ki^k & 
TVn DKDK DKpK tSi DKTir DKTir T/1H PNTIK 9 
pDK T^n «hmd bwjd "rVn tpapra : twrpra i<> 

Pl^D 1TJK1 jK^ip T^n tPKTIK : DKW T^n pDK 11 

: kar* Tbn bvrrbmr bmtrbiiw tWi prxtp : ^22 12 

np^K Dp’^K T^IPI DIK'DK DIK’DK T^n b22T\1 13 
opx opK T^in pm pm tHi ins : iitk tSi 14 
jru T^n in^K in^K T^n dik^k : dik’Vk tVih 15 

Capitel I nach St. Matiu. 

1 Dieses ist das Buch der Geschlechtsregister des Messias’, des Sohnes 

2 David’s des Sohnes Abraam’s. Abraam zeugte Isak, Isak zeugte 

3 Jakof. Jakof zeugte Juda und seine Brüder. Juda zeugte Peres und 
Sera von Thamar. Pha r es zeugte Esrom. Esrom zeugte Aram. 

4 Aram zeugte Amiuadab. Aminadab zeugte Naason. Naason zeugte 

5 Salmou. Salmon zeugte Boas. Boas zeugte Obid. Obid zeugte Isai. 

6 Isai zeugte David, den König Israel’s. David der König 

7 Israel’s zeugte Salomo von der Frau des Uria. Salomo zeugte 

8 Robonm, und Roboam zeugte Abias. Abias zengte Asa. Asa zeugte 

9 Josafat. Josafat zeugte Joram. Joram zeugte Usias. Usias zeugte 

10 Jothara. Jotham zeugte Akas. Akas zeugte Iskias. Iskias zeugte 

11 Menasis. Menasis zeugte Amon. Amon zeugte Josias. Osias zeugte 

12 Jekonian und seine Brüder in dem Exile Babels. Jekonian zeugte 

13 Schealtiel. Schealtiel zeugte Serubabel. Serubabel zeugte Abiut. 

14 Abiut zeugte Eljakim. Eljakim zeugte Asur. Asur zengte Zadok. 

15 Zadok zeugte Akim. Akim zeugte Eliut. Eliut zeugte Elasar. 


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Die hebräischen Evangelien des Vaticans. 233 

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non« nmn n*»o vw* gn 'twai nw rm wo 
nmn im mann* cna spn na na n\-i nur 
tiogV nsm t 6 gi p**« fyit 6 *pm : nn tsnpna 19 
nrn mai : naw «aaro rcb nsm nrvoV nmx 20 
f)Kor ne« o6ra *pr ntn* oa*n -p6a nr atme 
nmn» na *a "jn»a gpo nnp^ rtti Vn am p 
rarp *a wmr 10» anp* p "6m : anp rma nmn 21 
totn nan n/tocb m m nt Vm : arrninrna ier 22 
p nr6n vin na^rn n:n : N s a:n n* bv ras 1 m 23 

16 Elasar zeugte Nathan. Nathan zeugte Jakob. Jakob zeugte Joseph, 
den Verlobten Mirjams, von der Jesus, den sie Messias nannten, 
geboren wurde. 


Capitel II nach Matiu. 

17 Also sind alle Geschlechter von Abram bis David 14, und von 
David bis zum Exile Babels sind 14, und \on dem Exile Babels 

18 bis Jesus sind 14 Geschlechter. Und die Geburt Jesus Messias 
war (auf) diese (Weise): Und als die Mutter Jesus’ Messias’ (daq 
ist Mar iah) verlobt war. Und Joseph, noch ehe sie sich verbun- 

19 den hatten, so war sie von dem heiligen Geiste schwanger. Joseph 
aber war ein Gerechter, und wollte sie nicht dem Tode über- 
liefern, und lieber in die Verborgenheit gehen, 

20 verliess sie. Und als er noch darüber nachdachte, erschien der 
Engel des Namens dem Joseph im Traume (und) sprach : Joseph 
Sohn Davids, fürchte dich nicht, Mirjam deine Frau zu dir 
zu nehmen, denn was sie empfangen hat, hat sie vom heiligen 

21 Geiste empfangen. Und sie wird einen Sohn gebären, dessen Name 
wird Jesus genannt werden, denn er wird seinem Volke aus seinen 

22 Irrungen helfen. Und alles dieses wird geschehen, damit das 
Wort Gottes, welches er durch den Propheten gesprochen, erfüllt 

23 werde: Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden, und einen 

Vicrteljahrsschrift IV. 2. J (J 


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234 


M. Heidenheim. 


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'T2T ddoio'2i : T 2 B^ ninn»r 6 iHxtr *220 6 x 121» » 
IXT T»X 222H "[Hl PPTTl 022*6 loHl ^OH 

Sohn gebären, nnd sein Name soll sein Emanuel, d. h. der Name 

24 wird mit uns sein. Und als Joseph von seinem Traume aufstand, 
tliat er, wie ihm der Engel Gottes befohlen hatte, und nahm seine 

25 Frau. Und er erkannte sie nicht, bis sie den Sohn gebar, und 
er nannte ihn Jesus. 

Capitel III nach Matiu. 

Cap. II. 

1 Als Jesuas in Bethlehem im Lande Judäa in den Tagen des Königs 
Herodes geboren wurde , siehe , da kamen Könige des Ostens nach 

2 Jerusalem, sprechend: wo ist der König der Juden, welcher ge- 
boren wurde, denn wir haben seinen Stern gesehen im Osten, und 

3 wir sind gekommen mit Geschenken, um ihn anzubeten. Und cs 
geschah, als Herodes ihre Worte vernahm, war er bestürzt und 

4 alle Männer Jerusalems mit ihm. Und er versammelte alle Priester- 
fürsten, und die Weisen des Volkes, und fragte sie in 

grösster Eile nach der Zeit, da ihnen der Stern erschienen 

8 sei. Und er sandte sie nach Bethlehem, und sprach zu ihnen: 
Gehet, forschet nach dem Kinde mit Einsicht und Verstand, und 
wenn ihr es gefunden, kehret zu mir zurück, auf dass ich hingehe 

9 es anzubeten. Und als sie das Wort des Königs vernommen 
hatten, gingen sie ihres Weges, und der Stern, den sic im Osten 


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Die hebräischen Evangelien des Vaticana. 235 

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TV DB? TIDVT : DTSO^ p^l P!^ 1CX1 TV?! HX npT w 

7 X x'a:n ’t bv Toxtv ^>xn in « 6 ö^ btutk nio 
ueo Bnrrx nuro m : dtsoo 7^ vunp w 
DTTn b2 rror 6 rran ovo txo rm Diakon rwbv 
rm -tStv nvo majori pa nxi nnr rv. aa o’XSQjn 

gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er an dem Orte still stand, 

10 wo das Kind war. Und als sie den Stern sahen, freuten sie sich 

11 sehr. Und sie kamen in das Haus, und fanden das Kind mit Mirjam 
seiner Mutter. Und sie beugten sich vor ihm, und öffneten ihre 

12 Schätze, und gaben ihm Gold, und Weihrauch, und Myrrhen. Aber 
der Engel warnte sie , nicht zu Herodes zurückzukehren , und sie 
kehrten auf einem andern Wege in ihr Reich zurück. 

Cap. IV nach Matiu. 

13 Und nach ihrer Rückkunft erschien der Engel Jehovahs dem 
Joseph im Traume imd sprach zu ihm : Auf, und nimm das Kind 
und seine Mutter und fliehe nach Egypten, und verweile daselbst, 
bis ich zu dir komme; denn es ist bestimmt, dass Herodes es 

14 vernichten will. Dann machte er sich auf, und nahm das Kind, und 

15 seine Mutter, und ging nach Egypten. Und blieb daselbst bis nach 
dem Tode Herodes’, damit erfüllt würde das Wort Gottes, das 
er gesprochen hat durch den Propheten: Ich, ich habe meinen 

16 Sohn aus Egypten gerufen.* Und als Herodes sah, dass die drei 
Könige seiner spotteten, wurde er sehr zornig, und befahl alle 
Kinder, die sich in Bethlehem und der Umgebimg (von der Zeit 
an, als das Kind geboren wurde, nach der Zeit, da er die Könige 

16 * 




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236 Die hebräischen Evangelien des Vaticans. 

ioxp no eben m : wEhob bnurv pn ^ i ? u 17 
mstw nrvn npitti noao mVip D'Vrm : »ran rror w 
: puirK ’a non: nnp^ x^i rroa bv naao nenn 
por bx c6na h nxn: oun px^>o no onm» aiyxai 19 
px^> pVi iiaxi npi 01p 1^ 10x1 : ms» *?x 20 
np’i opn : i^n irorfc ranrw inix no ’a Hner 21 
’a vüw at^xa tpi : btrw px^ von 10x1 nSn 22 
n»rm pxa rax tmrx nnn p^oo rrn or^anx 
: nx'^J pxV r\ibb loiVna nnui nw robb ins 
xin *oxtt‘ nxian rchen mrm amro nnna ui 23 

: ^mru iottf xnp' 

17 fragte), vorfanden, zu tödten. Dann wurde erfüllt, was der Prophet 

18 Jeremiah gesprochen : Grosses Geschrei, Weinen und Klagen ward 
in Ramah gehört, Rachel weint um ihre Kinder, und nimmt kei- 

19 nen Trost an, denn sie sind nicht mehr. Und als Herodes todt 
war, erschien der Engel des Namens dem Joseph in Egypten im 

20 Traume und sprach zu ihm : Auf, und nimm das Kind und seine 

21 Mutter; denn gestorben ist der, welcher es tödten wollte. Und 
er machte sich auf, und nahm das Kind, und seine Mutter, und 

22 kam in das Land Israel. Und es geschah, als er hörte, dass 
Archelaus an der Stelle seines Vaters Herodes im Lande Judäa 
regierte, fürchtete er sich dorthin zu gehen, und er wurde im 

23 Traume gewarnt, nach dem Lande Galiläa zu gehen. Und er hielt 
sich auf in der Ortschaft Natsaret, auf dass erfüllt würde die 
Weissagung, welche sagt : Sein Name soll Natsareus genannt werden. 


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Ced. 2JaJr^u>. 


Tßatt'ix , 11 . 


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II. 

Gebet Markah’s. *) 

Von 

Dr. JÄ. 3j)eil>en!)eim. 


Dass das folgende Gebet Markah’s eines der ältesten 
samaritanischen Literaturstücke ist, die wir besitzen, ist 
schon aus dem, was früher über Markah selbst mitgetheilt 
wurde, bekannt. Die einzelnen Absätze folgen alphabetisch 
auf einander. Was die Sprache selbst anlangt, so wird 
Jeder sich leicht überzeugen können, dass sie aus jener 
Epoche ist, wo man unter den Samaritanern noch nicht 
angefangen hatte, liturgische Stücke in hebräischer Sprache 
abzufassen. Dieser Umstand macht aber auch wiederum 
manchen Ausdruck desto unverständlicher , und ist hierüber 
in den Noten das Nöthigste angegeben. Einzelne Stellen 
bleiben immer dunkel, wir ziehen es dennoch vor, eine steife, 
aber wörtliche Uebersetzung zu geben, als eine freie zu fabri- 
ziren. Der Verfasser fällt V. 12 von der zweiten in die dritte 
Person, um das Tetragrammaton anzubringen. Vers 12 
schliesst mit »Jod«, Vers 13 mit »He«, Vers 14 mit »Vav« 
und Vers 15 mit »He«. 

Das zweite Gebet ist ebenfalls alphabetisch geordnet, 
und gehört zu den ältesten samaritanischen Literaturstücken. 
Die Samaritaner hatten mehrere Hohenpriester, die Amrain 
hiessen. In der schon früher gedachten samaritanischen 
Chronik finden wir diesen Namen zwei Mal unter den 
Hohenpriestern vor dem Exile verzeichnet. Darius soll der 


*) S. diese Vierteljahrsschrift, Bd. II. S. 617. 


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238 


M. Heidenheim. 


Schwiegervater des Sohnes des dritten Hohenpriesters Amram 
gewesen sein, und auch zur Zeit der Römerherrschaft finden 
wir wiederum einen Amram. Dann wird eines Amram er- 
wähnt, welcher der Grossonkel Markah’s war, 2 ) und wahr- 
scheinlich ist dieser Amram Verfasser des nachstehenden 
Gebetes. Somit wäre dasselbe noch älter als das Markah’s. 
Dass Amram von den Barbaren (V. 16) redet, erinnert an 
eine Zeit, wo eine bedeutende Wegführung des Volkes ins 


AUtfl 

4 4 jmA ♦ TitAtiffl 4 *a(m)*ZA 4 sr*uzv ? 4 Jmsv l 

: SffllSAAT 4 

4 srptA-^n 4 * biz 4 xstf ♦ ab^t 4 ttAim'tta 4 Am"*AB3 2 

: 4 mp zt*t 4 Jmz^i 4 avbs 

4 *flm 4 ^fAtmzt 4 4 stazzv 4 JmjA 4 ttAABtsr 3 

: *v£it 4 ^rAAm^t 

4 jmovT 4 ttfatzpz 4 4 (a)"^j 4 srumT 4 v^t 4 

: Xistza 4 srtsmz 4 srAAnm? 

4 *bb 4 sums 4 *TmB 4 jTAm^i 4 srazv 4 avbb 4 avbba 5 
: Jmz 4 bbp 4 azt 4 Jmz* 4 zmstf 


*) Vgl. das Citat aus der samarit. Chronik, B. II. S. 472. 

s ) Nach gebildet. 

4 ) Nicht bloss denen, welche rein von Sünden sind vor Gott, son- 
dern Allen, die bussfertig sich ihm zu wenden. stb^taa = chald. nairn 

5 ) Vgl. Exod. 33, 19. 

6 ) Vielleicht ist »strahltest du aus«, da das Wort beide Bedeutungen 
haben kann, zu übersetzen, was an die Agatha Beresch. Rabba Cap. 3 
erinnert, wo es heisst: Gott hüllte sich in ein Gewand und liess den 
Glanz seiner Herrlichkeit von dem einen bis zum andern Weitende leuchten. 

7 ) V^IT — msn nimmt er in der Bedeutung von onn, Abgrund, 

um auf Gen. 1, 2 anzuspielen. • 


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Gebet Markah's. 


239 


Ausland stattgefunden haben muss. Jedoch muss immerhin 
die Sprache selbst als Masstab zur Zeitbestimmung gelten, 
und dass diese nur sich in samaritanischen Literaturstücken 
aus dem 4. und 5. Jahrhundert finden, beweisen die Gebete 
der Samaritaner , welche vom 12. Jahrhundert an abgefasst 
wurden, und von denen eine reiche Auswahl vorliegt. 

Beide Gebete sind dem Vatikan. Codex entnommen. 


Gebet Markah’s. 

1. (Als) Schöpfer der Welt wird Gott angebetet, (er ist 
aber auch) ein Gott der Gerechten, ein Herr 3 ) der 
Büssenden ! 4 ) 

2. Im Anfänge deiner Herrschaft , als deine Herrlichkeit 5 ) 
oben in der Stille thronte, säetest 6 ) du Worte aus, da 
sprossten Geschöpfe hervor. 

3. Durch deine Macht hast du diese (die Geschöpfe) er- 
schaffen, denn vermittelst deiner Einsicht hast du, Herr- 
licher, geoflfenbaret das Vergrabene und Bedeckte. 

4. Herrlicher! Mit deiner Hand hast du das tief 7 ) Verbor- 
gene zu deinem Erdstriche 8 ) ausgebreitet, denn das ins 
Verborgene blickende Auge gehört Jehovah unserm Gotte. 

5. Die vier Welttheile 9 ) hast du mit deiner Hand gegründet ; 
deine Allmacht trägt sie alle, dass sie uns nicht zum 
Grabe werde. ,0 ) 

8 ) STÜltZP = clima. Targ. Sam. Deut. 32, 32 steht dasselbe Wort 
für xM)ßa, Weiurebe. Gesen. Carm. Sem. p. 81 conjicirte 

statt SfJüifcZPZ ; aber dem Sinne des ganzen Verses nach zu urtheilen, ist 
dort verschrieben und «j »in Ewigkeit« zu lesen. »Kof« 

und »Aiu« werden in den samaritanischen Handschriften oft verwechselt. 
Der Dichter will dort sagen . »Die zwei Tafeln sind vom Finger Gottes 
für alle Zeiten geschrieben.« 

9 ) Er denkt wohl hier an die vier Welttheile, vielleicht ist auch 
zu lesen und zu übersetzen: »Ausgebreitet hast du die Welt«. 

,0 ) Gott stützt das Himmelsgewölbe mit seiner Hand, sonst würde 
es einfallen und die Erdenbewohner begraben. 


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240 


M. Heidenheim. 


♦ mvaA ♦ mjoiaa * Jmaa * zaa * zvz • »azv * ataa ♦ »AAt 6 

: uiAZAa • Jaat 

* (a)maaa ♦ tmv** * (J)mazv * aA*uiaat * jAuiaa * aAPvm* 7 

: aoiTavz * t»* 

• aaAtv ♦ »aat • »ata • a(z)zv • aAt»ZAT • »zma 8 
: »AAflizta * aztuia * »AAOiAaa 

• jAAffltiz . af • jTitf • aniJA • Jaz • J aa"*jj • matf 9 

: aAauiA • Jzatf 

♦ »mzmzt • »atm • taT * za • az • aaAffl • »ma ♦ atam 10 

: aa"*z • Jmma * Jmm 

♦ a j • za • Ja* • aa • Jmzzat • Jfflpm a** * Jmaa j * za 11 

: Jaa"\A * az * Aaam • zzaa • »aT 

• »am • za ♦ ttz • Jaaa • at * aaiap * mjmt* • atf a * zvz 1 2 

: fflAAat * Jaaa • at 

* »ptA"*a • Ja ♦ »Aaa * aAt»ZAZ * aoiaa • Amz ♦ taia"*a 13 

: »aT • zat • »azv • amTjA 

♦ »aA<np • a?J • azvz * »za • »aa ♦ aaT • azt • attfj 14 

: tmaaaz * »Ttfat 

• JJmaiaz** az^ * oiaaj * azt * ztat* • »Jtpt* • »Ttvt* 15 

: »maaaa * jaattf 

• (a)aiTav • fflAapv * oi"*Ja • AZt • aiAapz * aa* ♦ »(a) 16 

: aa • Jtz * av3A"*at • amaaat 

• Jaa • »a ♦ Ja"*j * a»aaA • ohta • Ja • patnoiT ♦ »a-^j 1 7 

: JJfliJt*’ • fflTA * Ja 


n ) Gott ist über Menschen und Engel erhaben. 

'*) -aaAtV “ aaAta Wörtlich »graben«. 

,ä ) Wörtlich »im Geoffenbarten« , d. h. nur durch die Schöpfung 
ist Gott erkennbar. 

,4 ) Aehnlich ist »Joch des Himmelreiches«. Talmud Bcrachoth 13 b, 
Matth. 11, 29 und Luk. 14, 19. 

IS ) Aaafll “ ns (gr. xrjQvaaco) »verkündigen«. 

le ) Vielleicht zu übersetzen »bist du ein Barmherziger und Gnädiger«. 


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Gebet Markah's. 


241 


6. Aber du (weilest) in der Höhe der Welt, erhaben über 
alle Hohen der Erde und über die, welche oben sind. 11 ) 

7. Dein Schrei (macht) die Geschöpfe, und dein Ruf die 
Welten erbeben, aber deine Barmherzigkeit ist deinen 
Dienern zugewendet. 

8. Die Macht deiner Gottheit schuf das Hohe und Niedere. 
Dein Schaffen 12 ) ist im Verborgenen, deine Macht im 
Sichtbaren. 13 ) 

9. Heil den Seelen, die sich beugen vor deinem Zorne; 
Heil den Körpern , die deinen Grimm ertragen. 14 ) 

10. Gib Leben, spricht zu dir Alles was da ist. Tag und 
Nacht preisen die Lebenden deinen Namen! 

11. Jeglicher Mund verstummt, und die Redenden bewegst 
du, jeglicher Mund, der da redet, verkündet 15 ) dein Lob. 

12. Vom Berge Sinai herab verkündetest du das Gesetz 
der Liebe , für alle Zeitalter ist es ein Gesetz 16 ) der 
Liehe und Gnade. 

13. Niemand konnte vom Anfänge an deine grosse Gott- 
heit ergründen; in der Stille hast du die Welt und 
Alles, was in ihr ist, geschaffen. 17 ) 

14. Hüter, der du nicht schläfst, 18 ) du bist ein Gott, der in 
Ewigkeit den Bund und die Gnade seinen Lieben bewahrt. 

15. Erhabener Beschützer, Stütze, die nicht wankt, 19 ) vergib 
unsere Schulden, ertrage uns deiner Barmherzigkeit halber. 

16. 0 gedenke der Ahnen, 20 ) und vergiss nicht der Vorzüg- 
lichsten deiner Diener und deiner Barmherzigkeit, bei 
welchen du uns dir verschworen hast. 

17. Der du Isak aus den Händen Abrahams befreitest, 21 ) 
befreie uns, o Herr! aus den Händen unserer Eeinde. 

17 ) Ueber vgl. Ges. Carm. Sem. p. 43 Anm. 11. Auch hier 

also wiederum die seltene Form für jy 
,8 ) Ygl. Ps. 121, 4. 

19 ) Von »wanken«. 

*°) Wörtlich der ersten, d. h. der Erzväter. 

*j) das im Syr. und Aram. das »Auflösen« (einer gefrornen 

Masse) bedeutet, wird von unserm Verfasser auch im weiteren Sinne 

für das »Lösen einer Bande« (Gen. 22, 9) gebraucht. 


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242 


M. Heidenhcim. 


♦ * tüv * %-pT-m * amaeaa * jAfflJ m * «mTfflzm • atvfli 18 

: JJmJPt • Jaa • at 

* «azv 4 tza • atf"*-p • «At«aA * Aap * 4 «mjfp 19 

: J(m)azv • sniAffl • aam 

• zv • jjiffl * amaea • aaaAA • jjmzv 4 aa-***- 4 «Jana 20 

: amaaa 4 mja 

♦ «maz"*T 4 a i "* 4 uivaAA 4 «maz^* 4 *rzja 4 «aa 4 az"* 21 

: az 4 Jtaa-^mt 4 jmm 

• Jtaa • azvz 4 aataAA 4 mAa^T 4 Jt«ZA 4 azvz 4 bsa^a 22 

: t«a • aza 4 «za . Am z 4 «maAAT 


**) D. h. die Kinder der Erzväter. 

M ) I). h. der Erzväter Kinder, welche zuerst das Gesetz empfingen. 
,4 ) Also drs rabb. -as »lehren«, »lernen«. 


aaav AtrZfll 

• a«aaA 4 m«ZA • tJmAtaA * m«ZA* • tjm«ZA 4 t« 4 aa 1 

4 apvmt 4 pmnmt 

4 mziat 4 mt*aa • 4 aa 4 azme 4 «aaat 4 «ataa 2 

: Jaaa 4 m«ZA 4 «aa 

• «Aatjt 4 «tarn« 4 vt} 4 mA 4 aAtm 4 Ja 4 «Aaa 4 aAatai 3 

: «azv 4 m«T 4 zaz 

4 «unt 4 zv 4 amTtOtt ♦ taaa • «jAaptAt 4 «azvz 4 asitpt 4 

: azvz 4 «za 4 aat 


') !<• aAtaaa Aehnliche Abbreviaturen wiederholen sich häufig 
in den samaritanischcn Texten. 


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Gebet Markah’s. 


243 


18. Blicke mit deiner Barmherzigkeit auf die Geringsten 
ihrer Kinder. 22 ) Lass uns Gerechtigkeit widerfahren, 
denn du bist unser Herr und Besitzer. 

19. Ihren Kleinen, 23 ) die zuerst deine Thorah erlernten. 24 ) 
(aber in der Zukunft), ist die Welt voll deiner Wahr- 
heit, ja deine Herrlichkeit erleuchtet (alle) Welten. 25 ) 

20. Du, dessen Name Barmherziger ist, erbarme dich unser, 
lass deine Barmherzigkeit die Kinder deiner Lieblinge 
schützen ! 

21. Du lässest den Frieden ausströmen, 26 ) und für die 
Friedfertigen flehe ich um Frieden, denn (nur) die 
Friedensvollen können dir danken, dich loben. 

22. Gepriesen seist du in Ewigkeit, du Gott der Gerechten. 
Hocherhoben seist du in Ewigkeit , Herr der Büssenden ! 
Es gibt nur Einen Gott! 

**) Vgl. Jes. 11, 9 und Ps. 57, 6. 

* 6 ) Als Denom. von äVd »Fluss, Strom«? zu nehmen und zu über- 
setzen: »du lassest Frieden Zuströmen«. 


Gebet Amrams. 

1. Du bist unser Gott, der Gott unserer Väter Abraham, 
Isaak und Jakob. 

2. In der Höhe und Tiefe ist deine Macht! Fürst und 
Herrscher bist du, im Verborgenen und Geoffenbarten. 
du bist ein barmherziger Gott! 

3. Gross ist deine Macht, so überschwenglich gross, wer 
kann sie erfassen? Allen Weltbewohnern bist du ein 
Mächtiger und Furchtbarer! 

4. Du bist von Ewigkeit, und hast durch deine Macht 1 ) 
und Gnade damit deine Grösse (anerkannt werde) ge- 
schaffen, 2 ) ja du bist Gott in Ewigkeit. 


*) Wörtlich *hast du uns aufgerichtet«. 


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244 


M. Heidenheim. 


• JJfllJP ♦ J»A ‘ IDA * «Ata • amaP ♦ (JIA * at ♦ JtUBa ♦ Ja» 5 

: ajmva ♦ »«vaa * aza 

• aj« • aaZ ♦ fllV3Tt * 3ZBA« • A ZT * »ZA ‘ aZTIZ * »AAt 6 

: «*P"Ma ♦ AZt ♦ "za 

• PA"J • AZ • jTVt ♦ Ja$ * am«B3 • (IJAaS * aZfllT ’ »Atatf 7 

: statt ♦ zv 


♦ ABZ" * «fll« ♦ ZV ‘ ASAffl ‘ »«ZVZ * a"Jj * »ZZB 8 

: am«Ba ♦ «arntJ«z 

♦ anrnpf • Jmat • maa*t ♦ »a« • at * »«zv • matt 9 

: jtmattj • Jtmatt 

♦ »aaJa« • at»m • J« * aa • «zvz * «tpt • mAToiBm 10 

: aZTt * zv ♦ »ATt« ♦ az 

♦ amaatv • za • az * m«v • az • atzat * mav ♦ »aa ♦ »za 1 1 

: JtJ« ♦ at • AAt ♦ Jmat 

♦ ntO * aAtAaaz * fflAAa * aa • «zvz * J«aa • aa • «zvz 1 2 

: aomitf • »aasa * »aat 

♦ jBa"A • az • JJ« • JJmattt * JJ»za ♦ aat • JJa * JmJ«mt« 1 3 

: »Ja« • az ♦ azmT« 

♦ »mBT • JmattJ • (J)maz»« • aaAa • »«zvt ♦ mtrtj 14 

: Jmaap« • jatta 


• JtjA • jAmti* • am«aa * jA<im*m • aatt * t» • am* 15 

: jBaA"m • aAAmzj 

• tza« * afflTav • JmTav"« • az • »m(a)aaaT • amTatv 16 
: JtaT • zat • at"m«"Aa 

s ) In der Handschrift amJVT , wofür ajmva zu lesen ist. Nur 
durch Moses, will der Verfasser sagen, wird dein Besitz uns vermittelt. 

4 ) Also die Gottheit war immer thätig. Auch die Rabbinen lehren, 
Gott habe viele Welten geschahen, und sic wiederum zerstört. Zu ver- 
gleichen mit dem hebr. sie, kalt, starr, empfindungslos sein. 
s ) Im Manuscript «m«ZB 

6 ) I). h. weil du der Gnaden so viele spendest, darum mehren sich 
die, welche sie erkennen und dir dafür danken. 


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Gebet Amram’s. 


245 


5. Gibt es eine gute Stütze oder Freund gleich dir, oder wo 
wäre unser Besitz, wenn nicht Moses dein Hirte wäre? 3 ) 

6. Aber du, wegen deiner Grösse, bist ein Gott, der nicht 

wechselt, und wer zu Jemand ausser dir betet* der 
suchet und findet nichts. ^ 

7. Deine Gerechtigkeit ist rein, und deine Barmherzigkeit 
kostbar und angenehm, nicht werden wir schweigen, 
dich deiner Güte halber zu preisen. 

8. Deine Seele schuf von Ewigkeit her, 4 ) du sassest auf 
dem Gewässer , 5 ) du sandtest deine Barmherzigkeit in 
die Finsterniss. 

9. Heil der Welt, dass du Herr bist, und Heil denen, 
die deine guten Aussprüche, deine Gebote bewahren! 

10. Einziger, der du von Ewigkeit bist, wer kann dir Gaben 
spenden, wer dir deiner Grösse halber danken? 

11. Du siehest Alles, aber Niemand sieht dich. Alle, die 
dir dienen Herr, sind gut, aber du bist besser als sie. 

12. Ewig bist du barmherzig, ewig bist du deinen Geschöpfen 
gnädig, wir beugen uns, deine Anbeter vermehrest du. 6 ) 

13. Wir glauben, dass du unser Gott bist, und die besser 
als # wir sind, 7 ) preisen dich; von den Deinen erhältst 
du die Gabe. 8 ) 

14 Die Fürsten der Welt wandeln dir nach, ja die im Leben 
(das Gesetz) bewahren, werden deiner Herrlichkeit nahe 
kommen ! 

15. Uebermässig ist deine Herrlichkeit, die deine Lieben 
erlangen werden, sehen werden sie deine Wunder (und 
dich) preisen. 9 ) 

16. Im Barbarenlande sind dir deine Diener unterworfen, 
ja deine Diener und Alle, die ihnen gehören, schwinden 
dahin in deinem Dienste. 10 ) 

*) Die Engel. 

®) Nur die, welche deine Kinder sind, vermögen dir zu danken. 

*) Muss auf die Freuden im Jenseits bezogen werden. 

10 ) Die im Exile unter den Barbaren weilenden Samaritaner bewahren 

auch dort den Glauben der Väter und geben dafür ihr Leben hin. 


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246 Gebet Amram’s. 

♦ ♦ srazv 4 S3YAA 4 ttYtftA 4 HAO 17 

: Jflwup 4 azy 

♦ ^.u*pt ♦ Atzüi 4 jfflAnm 4 Jflpamvp 4 *z 4 Xja 4 18 

: jY^Am 4 

4 *AA 4 SfilYP 4 JtffiZA 4 ZA 4 4 ttA*"*fllYP 4 iiuap 19 

4 )tZ 4 flBHVAül 4 AZ* 4 ttfllYtt**Z 

4 *z*y 4 ttt'am 4 «ms-^a 4 A-^tjt 4 ypv 4 azy 4 ^amY 20 

: ttAt*a«Y 4 *anunn 

4 Jmzi^a 4 sahu^ 4 ay*)* 4 Yaipm 4 ay 4 *zuy 4 21 

: ttzmY^i 4 t-^YA 4 JtYmst 

4 £IZVZ 4 ttYSAA 4 JUS^A 4 ttZY 4 Z*Y 4 £!ZVZ 4 «SA^A 22 

: ^ZV 4 4 3TAAY 

17. Oeffne deinen Schatz, damit die Welt sich freue, 11 ) 
auf dass ein jeglicher Mund dich unaufhörlich preise. 

18. Wir Lebende schreien 12 ) nur zu dir, aber die Todten 
verrichten das wahre Gebet. 13 ) 

19. Verhüllt ist deine Majestät, wie (die) eines Fürsten; 
(aber dennoch bist du) höchster Gott deinen Anbetern 
nahe, obschon du dich ihnen nicht zeigest. 

20. Erhabener, der unergründlich ist, dich preisen die Men- 
schen deiner Barmherzigkeit wegen, denn das ganze 
Leben (währet) deine Barmherzigkeit. 

21. Furchtbar ist dein Name, das köstliche und furchtbare 
Gesetz offenbarten deine Engel, 14 ) in ihren Iländen 
erlangten sie es von dir. 

22. Gepriesen seiest du in Ewigkeit, denn Alle die Deinen 
preisen dich. Gelobt seiest du in Ewigkeit, der du die 
Welt segnest! 

n ) tTiY = rvn bedeutet nicht bloss »erweitern«, sondern »sich 
wohl sein lassen«. 

i2 ) SfUflPAfll = iw*ias und xms »schreien«. 

,3 ) Die Geister der Abgeschiedenen vermögen erst Gott wahrhaft 
anzubeten. Ps. 115, 2. Baruch 2, 17. 

I4 ) Also ein Beweis, dass auch Gen. 49, 16, wo der Sam. Pont. , 
statt ~nV) 3 , Y' 72 bat, dieses dort nicht König, sondern Engel zu über- 
setzen ist, indem sie zuweilen das »Aleph« weglassen. Aber von ganz 
besonderer Wichtigkeit ist unsere Stelle zur Beleuchtung der dunkeln 
Stelle Gal. 3, 19 und Apostelgesc.h. 7,53, und beweist, dass sich bei den 
Samaritanern eine ähnliche Ansicht erhalten hat. 


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IIL 


Erklärungen schwieriger Stellen des 
samaritanisöhen Targums. 

Von 

Dr. ^etoenljeiin. 


Noch vor der Herausgabe unsers Textes des samarita- 
nischen Targums, wovon die Genesis mit den nöthigen 
Worterklärungen zum Drucke vorbereitet ist, möchten wir, 
um die Nothwendigkeit einer solchen Ausgabe recht an- 
schaulich zu machen, an einigen Beispielen zeigen, wie 
Vieles noch geschehen muss, um diese Uebersetzung ge- 
niessbar zu machen. 

Eohn hat in seinen samaritanischen Studien manche 
Stellen des Targums erklärt; aber wie oft derselbe die 
samaritanische Version missverstand, ist aus folgenden Bei- 
spielen leicht ersichtbar. 

Gen. 16, 12 heisst es von Ismael: er wird ein »wilder 
Mensch (DTK K*)£) sein. Kohn S. 53 will den Sam. etwas ganz 
anderes darunter verstehen lassen. PltMK PlBfiQ, meint er, be- 
deute »ein fruchtbarer Mensch«. Statt PID*£ ist aber HifS 
»reissen« zu lesen, und ein reissender ist wohl ein wilder Mensch. 

Gen. 21, 8 übersetzt der Sam. durch »Er- 

rettung«. Aber schon in einer Anmerkung zu dem Midrasch 
des Priesters Tobiahs (vgl. B. IV. S. 122) wurde diese Ueber- 
setzung erklärt. Es liegt ihr nämlich ein Ber. Rabb. C. 53 
aufbewahrter Midrasch zu Grunde, wonach Isak am Tage 
seiner Beschneidung von dem bösen Triebe, d. h. von dem 
bösen Geiste befreit worden sei. 

Gen. 40, 13 übersetzt der Sam. HK HSTlA KD" 

durch IT Castell, gibt hier, wie auch an vielen andern 

Stellen , nur die Uebersetzung des hebräischen Wortes 


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248 


M. Heidenheira. 


wieder. Kohn, welcher diese Stelle S. 68 bespricht, weiss 
darüber keine Auskunft zu geben. Onkelos, Peschito und 
Sadd. lassen unberücksichtigt, und übersetzen »Pharaoh 

wird sich deiner erinnern.« Der Sam. las statt 

»deinen Fehler«, und ursprünglich stand statt TpiGO 
*J010 zu übers. »Pharaoh wird dir deinen Fehler verzeihen.« 

Gen. 34, 25. Kohn weiss keine Auskunft zu geben, 
warum der Sam. ETGK2 statt □’DfcO gelesen. Warum er 
D^GX übersetzte ETJITGÖ, sagt K. S. 47, ist allerdings nicht 
recht klar. Vielleicht leitete er es von PQX »wollen, ver- 
langen« her, demnach 'U'JUßOS »ein Förderer«! 

Die Schwierigkeit ist aber hier durchaus nicht so gross, 
wenn man Onkelos zu Rathe zieht, welcher übersetzt: T2 
pa'a prr^y ispn »als ihre Schmerzen schwer auf ihnen 
lasteten«. Nun werden wir den Sam. verstehen. ]S/t3 bedeutet 
»tragen, beladen sein«. Man übersetze »als sie wieBeladene« 
d. h. vom Schmerz belastet, niedergedrückt waren. Der Sam. 
hat hier Onkelos, da ja *|pH »überwältigen, unterdrücken und 
niederdrücken« bedeutet, nachübersetzt. 

Gen. 41, 2 IPttC lSTim übersetzt der Sam. 10'S“O pTTl! 
Nach Geiger (Z. D. M. G. I3d. 16 S. 732) soll der Samaritaner, 
den er hier, wie an andern Orten, völlig missverstanden hat, 
TlX in der Bedeutung von HX »Bruder«, welches er D^fl 
übersetzt, genommen haben, und auch Kohn adoptirt die 
Ansicht Geiger’s. Allein beide Herren irren sich. Der Sam. 
nahm IHX in der Bedeutung von »Aue«, wie ja auch die 
ältesten Exegeten und Lexicographen das Hos. 13, 15 vor- 
kommende GTlX gedeutet haben. heisst im Hebr. das 

gehügelte, schollige Beet, worauf etwas wächst (vgl. 
Fürst s. v.) und auch der Sam. nahm io^rü l. in 

dieser Bedeutung und übersetzt: »Sie weideten im Ufergrase«. 

Gen. 49, 14 übersetzt der Sam. richtig DTlStSfän durch 
i. rmBXtfr, aber nach Kohn (S. 49) hätte er es 
durch rßtif »Lippe« übersetzt. 

Exod. 4 , 25 nxm nv rmpi tu miss mo:i 
XblH? fDIpl Kohn übersetzt diese Stelle (S. 79) wie folgt: 


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Erklärungen schwieriger Stellen des samar. Targnms. 249 


Zippora nahm eine Leuchte und schloss ein Bündniss 
bei der Vorhaut ihres Sohnes, nahte seinen Füssen u. s. w.I 
Sie las , sagt Kohn 1. c. , für 12J entweder 1K — litt oder, 
was wahrscheinlicher ist, 1PIX, das sie auch Gen. 6, 16 1H5 
übersetzt; fTGTfl aber leitete sie von ITO, in dem Sinne 
fTO PTO »ein Bündniss schliessen« ab, das sie immer DUp 
oder Dip .wiedergibt. 

Wir wollen kein Wort über diese sinnlose Uebersetzung 
verlieren ; Kohn zeigt nur hier, wie an vielen andern Stellen, 
dass ihm die samaritanischen Texte ziemlich fremd sind. 
Man lese: flKt» IV rDtSTTl TU .Tllß» rODJl »und 
Zippora nahm ein Messer, und schnitt die nutzlose Haut 
(d. i. die Vorhaut) ihres Sohnes weg.« Statt *1/12 ist also 
TU — 155, das der samar. Uebersetzer in der Bedeutung 
von »Messer« nimmt, denn 155 bedeutet ja »schnitzeln«, 
statt nOTp ist rD^H zu lesen. Die Verwechselungen 
V und V, und kommen häufig vor. Statt Dl? ist 11? 
»Haut« zu lesen. Aber auch Abu Saids Uebersetzung zur 
Stelle missversteht Kohn völlig. Nach Kuenen’s Ausgabe des 
arabischen Textes übersetzt Abu Said die in Rede stehende 
Stelle wie folgt: 

»Tan rorapfi npttf nma» nftäw 

»Es ergriff Bedrängniss die Zippora; da entfernte sie das 
Verächtliche, das sie erbaut hatte u. s. w.« Auch diese 
Uebersetzung Kohn’s ist völlig misslungen. — Statt Jlp'KO 
ist nöKO = -7'D »Schwert« und statt fl^Tl, IlH’ = Hn V 
zu lesen. Man übersetze: »Und Zippora nahm ein Schwert 
und schnitt die Vorhaut ihres Sohnes weg.« 

Exod. 5, 6 hat nicht der Sam. Dl!?55 »die Hinzutretende« 
statt Ditf55 »Dränger« gelesen (Kohn S. 49). Statt PPQlp 
ist nur fTST) »Antreiber« zu lesen. 

Exod. 15, 8 übersetzt der Sam. 15 Mauer durch 'DB, wel- 
ches Castell, »acervus«, aber Morinus richtig »murus« über- 
setzt. Nach Kohn las der Uebersetzer I?5 statt 15, und kam 
auf diese Weise zu seiner falschen Uebersetzung. Der Ueber- 
setzer las aber 15, das er wörtlich durch PICPI übersetzte. 

Vierteljahrsschrift. IV. 2. 17 


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250 Erklärungen schwieriger Stellen des samar. Targums. 


Im Texte stand = HöH «Mauer«, v und f , m und *, 
werden im Samaritanischen leicht verwechselt, tind somit 
ist es klar, dass nur Schreibfehler für HCH ist. 

Exod. 21, 10. '1J1 nniD3 )b np' mnK DK über- 
setzt der Sam. m'Zvb 20" 'SW OKI Kohn (S. 50) meint, 
der Sam. habe iTfttttf »Sauerteig« = iTPCI? gelesen, und 
übersetzt: »Wenn er sich eine andere nimmt zum Sauer- 
teig«. Das wäre in der That eine unsinnige Uebersetzung. 
Die Schwierigkeit ist nur auf folgende Weise lösbar. Der 
Sam. las ,tm£, da »Schin« und »Mein« in der samari- 
tanischen Schrift oft verwechselt werden. Um einen Sinn 
herauszubringen, setzte er ITIKÖ^ in mei6 = merfr »zur 
Lust« um. Statt .TVCl^ 1. = TCCfr Nun erbalten 

wir eine sinnvolle Uebersetzung: »Wenn er sich eine andere 
Frau zur Lust nimmt.« 

Exod. 33, 22 übersetzt der Sam. ganz sinngemäss TDtFl 
mit Kohn missversteht auch diese Stelle, und glaubt 

es sei hier mit »schweigen«, »beruhigen« zu übersetzen. 

Lev. 1 7, 7 habe nach K. S. 49 d. Sam. statt 

gelesen und darum »den Thüren« übersetzt Wenn 

man freilich, wie dieses bis jetzt geschehen, die samarita- 
nische Version so oberflächlich liest, dann passen solche Con- 
jecturen. Der Sam. hat aber hier gar nicht so unsinnig über- 
setzt. Man lese nur »den Stossenden«, d. h. den Böcken ; 

denn die waren, wie schon Kimchi im Wörterbuche 

erklärt, Böcke«. Dass 1T)K »stossen« bedeutet, ist bekannt. 

Lev. 20, 1. fVSttfö pKl meint Kohn S. 49, habe der 
Uebcrsetzer gelesen, das er von »führen« abge- 

leitet und daher PnXSTlO pNl übersetzt. Der Sam. übersetzt 
aber hier ganz wie Onkelos PPK ITC PTL30D »lapidem adora- 
tionis«. Das »Nun« ist als Schreibfehler zu streichen. 

Deut. 33, 19 weiss Kohn S. 49 gar nicht zu erklären, 
denn der Sam. übersetzt durch '3 y Tv£*l Ganz bestimmt 

übersetzt aber der Sam. hier wie Onkelos »thesaurus«. 

Man lese statt »Iteichthum, Vermögen«. 


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IV. 

Acten8tücke zur neuesten Kirchen geschieht©. 


A. Schreiben des griechischen Patriarchen zu Con- 
stantinopel an den Erzbischof von Canterbury. 

Am 20. September 1869 richtete der griechische Pa- 
triarch zu Constantinopel das folgende Schreiben an Dr. Tait, 
Erzbischof von Canterbury u. s. w. Da der Patriarch in 
diesem Schreiben die im Jahre 1867 von der Synode, an 
der 76 anglikanische Bischöfe sich betheiligten, erlassene 
Encyclica erwähnt, so lassen wir auch diese in der latei- 
nischen Uebersetzung , sowie das im Jahr 1867 an die 
orientalischen Patriarchen , Metropolitane , Erzbischöfe , 
Bischöfe u. s. w. gerichtete Schreiben des Erzbischofs von 
Canterbury nachfolgen. 

rPHTOPIOS iX£<p &eov ’Apxi£7ri6xonos Kcovöravtivov - 
noXecos Nias 'PobprfS xai OWovpeYixo s Tlaxpidpx t}S 
xcp TlaYiepooxaxcp 'Apyienitixontp MrjxponoXixy Kav- 
xaßpiyias xai i%dpx<*> xdbv iv xtj MeydXrj Bpexxavia 
XpiÖxiavcüY xrjs ayyXixavfjS opoXoylas, xvpicp ’Ap- 
XißdXöcp KapßeX, elptjvTjv ano Seov xai xov iv 
Xpiöxo) aSeXtpixoY aönaöpov. 
üspixapdos xopiödpevoi xo npos xf]v 'Hparv Mexpioxrjxa 
napa xfjs vpexepas öeßaöpias TlaYupoxrjxo s dnoXvSeY 
nepinoSrfXOY ypappa, fjöStjpeY , ebs elxos , peötfY xtfY xap - 
öiaY, l<p ols evxotpiöXBi pev rpxiY navv evyeYcbs nepi xrjs 
ixnXtjpoböeGJS xP l< t rtayiK °v i y xavxGp xai xaYOYixov xa^rj- 
hoyxos , xov iHanoöxeiXai xoy 'HpixepoY IJpooxoövyyeXoY 
eis xd napa xov $eo<piXe(Sxdxov iniöxonov rißpaXxaprjs, 
xov xaXov xayaSov xvpiov KapoXov ’AptaYXov, xeXeöSiYXa 
iepa iyxafria, aYaxoiYQVYXai de Iy nYevpaxi qnXadeXfpias 
xovs noSovs xai xas evxds avxfjs vnhp xov yeYiöSat ini 


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252 Schreiben des griechischen Patriarchen zu Constantinopel 

yffS piav noipvrfv ixXexrffv xal eva 'Apxi7roipeva rov Kvpiov 
ffpciv , 6vvanrovra ra 8ieör6bra, xa\ rov s navraS 68rj- 
yovvra (Zöre ro avro cppovelv xal Xiyeiv xa\ ipyaZeöSai 
ek avSrfötv rfjs iairrov ßaöiXeias. 

Ta 8 ’ avra xa\ ffpek vvxros xal fjpipaz 8eopevoi rov 
®eov xai 2corffpos fjpcbv , ov 8iaXeinopev iv ndörj evxai- 
pia Imxodpovris re xal, ro iq> ffpiv , npo^vpoos Övvavn- 
Xapßavopevoi navros dya$oi> Ipyov xal 7ta<StfS ayaSffS 
ßoöXffS , (pEpovötfS ek oixodopf/v phv xal xarapnöiv rov 
xXtföiov , ek 8h <pcon6pov xal xoivfjy dnavrcov opotppo- 
(Svvrfv xal ivortfra rrjv iv XpiOrcbTrfOov, Kal ov% anXdos 
svxopeSa , aXXa xai npo^8oxcbpev xal dnexSexbpeSa napa 
rov xoivov Ilarpos xal ®eov 2corffpos xal rov Tlvevparos 
avrov, orav 8i8ax%ä>6i 7roXXol xal 7tXrf$vv$jjf ff yvcböis 
rff? npeößvrartf^ xal axrjpdrov ’Op$o8o£ias , fjv ff rov 
Xpiörov apxotia xal xaSoXixfj ixxXtföia napiScoxev ffpiv 
dötpaXcbs 8id rcbv Seoxrjpvxcov i Ano6roXcov xal rcbv 5eo- 
<popcov IJaripcov xal rcbv enra öenrcbv xal Seoxivffrcav 
oixovpevixcbv 2vv68cov . 

Ilepl 8h rffS racpffS rcbv fpebancbv lörco ff vperipa 
nepi6nov8a6ros TLavieportf s* on, ei xal n ap* ovSevos noo 
rcbv 6eßa6pioov imOxonoov rcbv Bperravcbv imörfporepov 
npovrpanrfpev ff napiexXrförfpev, oixoSev opcos ixoptfyovpev 
naöav d8etav rov ivSanreOSai rov s' dnoSvfföxovraS rcbv 
a7to8ffpGDv"AyyXGDv, xar 9 aVrtftiiv rcbv avrok oixeicov, ivros 
rcbv ffperipcov vexporacpeicov , ev etöores on go8e re xal 
navraxov rffS ixprfXiov, * Tov Kvpiov ff yff xal ro nXffpcopa 
avrffS .« Tovr 9 ovv ln pdXXov xal ek rovmov övyxoopff- 
öoßiev yiyveö&ai, rff re vperipa (piXoxplöTcp Tlavieporijn 
Xaplv cpipovres , xal rov rff s (piXa8eX<pias (popov ocpeiXo- 
pivGoS dnorivvvvre^ , Inl povcp r<p opcp rov prfSapcbs l8io - 
noieiföai cos’ i8ioxrtfrov rtfv yffv, iv y %dnrovrai. 

Ilavv 8* aörtaöicos ano8eB,apeyoi xal ro nap 9 AvrffS 
8coprf$hv f Hpiv iepov EvxoXoyiov rff S' xaS’ vpäs ayyXi- 
xavffi bpoXoyias , rovrov paXiOrou XQP IV £ ^ 8evpo vnepe- 
SipeSa rifv dnavrtfötv , % va, öxoXairepov 8ie%eX$ovres rffv 


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an den Erzbischof von Canterbury. 


253 


’ExxXr/öiaörixr/v ravrr/v ßißXov , axpißiärepov imyvoir/pey 
oö oy lx BXat V diroxXiyei ri/S yyr/öiaZ EvayysXixr/z xa\ 
xaSoXixr/Z SiSaöxaXiar, xal oöov Ißpoorai tot rov 7rpoXoyov 
ixstva (öeX. VII.), on »OvShy ipnEpiixst avrißaivov ra> 
Xoyo) rov &£ov xal ty vyiatvovöy SiSatixaXia .« *Ev Sh 
rovroiz dSpiyoor xopiöapsyoi xal rr/y iyxvxXtov intöroXf/y 
rr/y napa rdby ir ’AyyXiqc npo Sisriaz 6 vvaSpoiöSivrGov 
dvyXixavcov initixonoov ixSsSopiyr/y, f/Z npor/ydrai 6v6ra- 
rr/pioz imSroXr/ rov vperipov aetpytjörov npoxar6xov y xal 
Siaßßr/Sr/v avrovz iysGopaxorez opoXoyovyraZ xal Sta- 
ßsßaiovpiyovz anXdbz xal ysyixcbz xparsiy döcpaXdbz xal 
atiaXEvrooZ rar tepdz rparpaz cor Xoyoy &eov, xal ra 
övpßoXa xarix^iv rr/z piaz ayiaz xal 9 Ano<SroXixr/z ’ExxXrj- 
öiaz y xal rr/y apxoday avrf/Z raZw xal $pr/6xelay ( efrovv 
reXerovpyixf/y xai Xarpeiay) rr/peiy xaSapay xal aömXoYy 
ndvra Sl yeojrspiöpoy dnGjSaiöSai , xal ro öGori/pioy rov 
EvayysXiov xr/pvypa nayraxoi) rr/Z yr/Z nXr/pocpopf/Öai 
önovSafeiy' ravra , Xiyopey 9 ovrooz anoqraynxdbz xal 
ysyixdbz Sia rov Xoyov Sianiörovpeva lysGopaxorer, 6<poSpa 
rr/y ipvxffv f/yaXXiaöap&a, eyyiüovöay xal vnofpoaöxovöay 
v<popGopeyoi rr/y avaroXf/y rt/z iy piqt xal r% avry avXf/ 
rov Kvpiov ini6vvdB,z<jDZ xal iyabtiecoz rdby dt7tayraxov 
Xoyixdbv npoßdroov . Karaßaöiy Spooz elz ra xa$ 9 exaöra 
rdby iy r<p EvxoXoylcp xal rr/ imGvvr/ppivq imSr/pcp rdby 
AS'. äpSpooy bpoXoyia , inEiSr/ ntp iv rfi rovrcayy, dyayyoböei 
ra rs mpl rf/Z aiSiov rov aylov IJvevparoz V7rdp%£coZ, xal 
ra 7tspl rr/z SelaZ Evxcrpiöriaz , hi Sh ra nepl rov apföpov 
roby MvörrjpiooYy nepl rf/z 9 Ano6roXixr/z xal rr/z ixxXr/öiaön - 
nr/Z napaSoStooZ , rov xvpovz rdby goz dXt/$Goz yyr/öicoy 
olxovpevixdby SvyoSgoy , rr/z öxiSewz xal dXXr/XemS paÖEGoZ 
rr/z imyziov 9 ExxXr/öiaZ xal rt/z inovpayiov , xal Sr/ xal 
rf/Z d(pEiXopivr/Z nap t/pdby npr/z xal svXaßeiar npbr rovr 
StGopr/rtxovs xal npaxnxovz rt/Z nitireooz rjpGoaz, rovs aSa- 
payriyovr pdprvpar xal aöxr/rdz * ineiSf / , <paphy , ravra 
USoOisv r Hpiv xaiyoropGüTSpoy eipi/ö^ai * ra S 9 iy ÖsXiSt 592 
(apSpGp nlöStooz iS') Xeyopeva. — »KaScbz r/ f ExxXr/6ia rr/Z 


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254 Schreiben des griechischen Patriarchen in Constantinopel. 

'IepovÖaXrjp, xfjs ’AXeBlavd pelas xal xfjs ’Avrtoxtiots inXa- 
vtjSr} , ovtgoS InXaviföt} xal f) * ExxXrjöia xrjS 'Pcopr/S , o^i 
povov eis roY ßioY avrGOY xa\ xoy xponoY xcbv xeXexcoY, 
aXX axoprj xa\ eis ra xrjs niöreGos« * xavxa , atpoYXa ix 
xgoy ’AycktoXixgoy ’ ExxXtjöigöy xt)Y opBorrjta rj xzXeiorrjxa 
rtf s ni6xeoos {iobpzv Xiyziv , oti napzvzipzxai xov nXpöiov 
xaxaXaXia Iy initiripcp 7tiöt€co s opoXoyiqt) , pexeoopiZfr ras 
t/)vxaS rpxooY , cSör’ apcpißaXXeiY ri apa bei (ppovziv nepl 
tov xaYOYOS xrjs äyyXtxavrfS opSoSoSias * Sia xavxa 
ev%aipe%* oly SXotlrvxoos x& äpxtjy<f> xal reXeiany xrjs 
ÖGJtrfpias f)pGOY (pcoriöai nocvxooy ras biavoiaS xgo (parrl 
xrjs ImyYGböEQoS avrov xal 7roirjöai ano naYXoov xgoy ISygoy 
XBiXos xrjs piäs niöxeoos , xal xrjs piäs ayanijs xal xrjs 
piäs iXniSos xov EvayyeXiov , %va IyI öxopaxi xal pigc 
xapbloty gos iXerjpoYa xixYa piäs xal xrjs avxfjs prfxpos 
’ExxXrjöiaS , ’ExxXrföiaS npooxoxoxov xal xaSoXixrjS , 6o5d- 
ZoopEY xf/Y piaY x piövnosxaöxoY Bzorpxa. r Hs tf x**P l * V 
öooxrjpios elrf pexa xrjs iv Xpiöxtp nepiö novbäöxov f Hpiv 
Avxrjs IlaYiEpoxrfXos xal pexa navros xov vrt* Avxt/y Seo- 
qnXovS noipYlov . prcögS'. Ißpiov x£. 


B. Epistola encyclica Episcoporura in Anglia congre- 
gatorum diebus xxiv.-xxyil raensis Septembris, 
Anno Salutis mdccclxvii. *) 

Fidelibus in Christo Jesu , Presbyteris, Diaconis , et Laicis, 
cum Anglicanä parte Ecclesiae Catholicae communican- 
tibus, salutem in Domino . 

Nos, qui subscripsimus , Episcopi, benignä Dei pro- 
videntiä communium orationum et consiliorum causa una- 
nimiter consociati, in Palatio Archiepiscopi Cantuariensis 
Lambethano, obsecrationes pro vobis facimus, ut gratiam, 
misericordiam et pacem consequamini a Deo Patre Nostro, 
et a Nostro Salvatore Domino Jesu Christo. 

*) Es wurde hier absichtlich Gebrauch von dem alten Kirchenstyle gemacht 


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Encyclica der anglikanischen bischöflichen Synode. 255 

Gratias Deo agimus, fratres carissimi, puoptcr fidem 
in Domino Jesu Christo, et in sanctos dilectionem , quae 
abundavit in vobis; et propter Christi agnitionem, quae 
per vos inter valentissimas orbis universi nationes dimana- 
vit; et uno ore supplicationes offerimus Deo et Patri, ut 
potentia Spiritus Sancti virtute Suä nos confortet, ut, quae 
sint apud nos depravata, emendare, et, quae desint, sup- 
plere valeamus; et ut nosmet ipsos ad sublimiores dilectionis 
et zeli mensuras erigamus in Illo adorando, et in Nomine 
Ejus declarando; et enixe Eum apprecamur, ut, beneplacito 
Ipsius tempore, universae Suae Ecclesiae beatum restituat 
donum Unitatis in Veritate. 

Jam verö, fratres dilecti, vos in caritate cohortamur, 
ut fidem semel sanctis traditam integram atque illibatam 
conservetis, quemadmodura eam accepistis a Jesu Christo 
Domino Nostro. Obsecramus vos, vigilate, orate, et nobis- 
cum toto corde certate contra fallacias atque argutias, 
quibus jampridem et in hoc ipso tempore fides impugnatur. 

Obtestamur vos, constanter tenete, utpote firmum Dei 
Verbum, omnes Canonicas Scripturas Veteris et Novi Testa- 
ment!; et diligenti meditatione scrutantes haec Dei Oracula 
orantes in Spiritu Sancto, quaeratis abundantiüs cognoscere 
Dominum Jesum Christum, Verum Deum et Verum Homi- 
nem, semper colendum atque adorandum, Quem nobis illa 
revelant, et voluntatem Dei in eis patefactam. 

Insuper vos obsecramus, vosmet ipsos et vestros custo- 
dite contra indies gliscentes superstitiones atque additamenta 
quibus in hisce novissimis temporibus Veritas Dei incrustatur ; 
quüm in aliis, tüm praecipue per universi principatüs affecta- 
tionem, dominantis in clero Dei, qui Romanae sedi a non- 
nullis asseritur ; et per exaltationem , re ipsa manifestam, 
Beatae Virginis Mariae in locum Mediatoris, vice Filii 
ipsius Divini, et per orationes ei oblatas tanquam inter 
Deum et homines Interpellatoris munere fungenti. Cavete 
a talibus, vos obtestamur, probe scientes honorem Suum 
Ipsius non alii dare Deum zelotem. 


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256 Encyclica der anglikanischen bischöflichen Synode. 

Superaedificamini, igitur, fratres carissimi, sanctissimae 
fidei vestrae ; crescite in gratiä et in agnitione et dilectione 
Jesu Christi Domini Nostri. Manifestum facite omnibus, 
per fidem, abstinentiam , puritatem et sanctam conversatio- 
nem et per vestros labores pro populis inter quos Deus 
vos tarn late propagavit, et per Evangelii praedicationem 
incredulis atque ethnicis, vos reverä esse servos Illius Qui 
mortuus est pro nobis ut Patrem nobis reconciliaret, et ut 
pro peccatis totius mundi sacrificium Semet Ipsum offerret. 

Fratres dilecti, unä voce vos admonemus. Tempus breve 
est. Dominus venit. Vigilati, sobrii estote. State firmi in 
communione sanctorum in quä vobis Deus locum concessit. 
Studete fide coadunari Christo in sanctissimo Corporis Ejus 
et Sanguinis Sacramento. Firma tenete Symbola, et purum 
illum Cultum atque Ordinein, quem gratiä Dei a primitivä 
Ecclesia liaereditarium vos possidetis. Cavete ne discessio- 
nes faciatis praeter doctrinam quam accepistis. Orate et 
sectamini Unitatem invicem et inter omnes fideles in Jesu 
Christo. Et Dominus misericors perficiat vos, et conservet 
integrum corpus, animam et spiritum vestrum in Adventum 
Domini Nostri Jesu Christi. Amen. 

C. T. Cantuar. Archiepiscopus , et Metropolitanus, et 
totius Angliae Primas. 

M. G. Armagh. Archiepiscopus, et Metropolitanus, et 
totius Hiberniae Primas. 

R. C. Dublin. Archiepiscopus, et Metropolitanus, et Hi- 
berniae Primas. 

A. C. London. Episcopus. 

Robert Eden, Moray, Ross, Caithness. Episcopus, et 
Scoticae Ecclesiae Primas. 

Thomas B. Morrell, Edinburgh. Coepiscopus. 

F. Montreal, Canada. Metropolitanus. 

G. A. New Zealand. Metropolitanus. 

R. Capetown. Metropolitanus. 

John H. Hopkins. Episcopus et Praeses Ecclesiae Uni- 
tarum Americae Provinciarum. &c. 


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Schreiben des Erzbischofs von Canterbury an die Patriarchen etc. 257 


C. Schreiben des Erzbischofs von Canterbury an die 
Patriarchen, Metropolitane, Erzbischöfe, Priester 
und Diaconen der orientalischen Kirche. 

Ey tgo dyopaxi xov IJATPÖ2, xai xov 'ITIOIT, xai toi j 
' A riOT IINETMA TO 2. ’Aprjv. 

Tote Tlaxpiapyois , MrjxpoitoXixais , ’ApxitTnGxoitois, 
'EnitiKonoiS , IlpeößvxipoiS xa\ Aiaxovois , xai na6i 
xols ayaizr)Xoi$ a8eX(pois , xffS ayaxoXtxr { )s op$o- 
865ov *Exx\r]6las , KAPOAÖ2 &{2MA2, Seia npo- 
volqt ’Apxisni6xo7ros Kavxovapias , xal oXrjS xf)S 
’AyyXias TlpcoxoS , xai Mrjxpo7roXixrjS , ^a/peiv ^ y 
Kvpiop. 

» El naöx « peAo?« , (prftiiv 6 ayios 'AnoÖxoXoS, 

»övpnaöxti navxa xd piX rj , ei 8oB,a8,erai ?v pe'Ao? , 6vy- 
Xaipei ndvxa xd piXrj.« Totyapovv r/peis , 6vyxaXe6a - 
pevoi ei? tfdAAoyov rou? aöeXcpovs ffpcby 3 Eniöxonovs xov 
’AyyXixov phpovS rr/? KaSoXixrff ’ExxXrjöiaS, iv ndöi xois 
xrfS olxovpivrfS xXipaöi , @eov x<*P lXl y avZavopivov , x«i 
pex* avToov övveX Sovies xoivcbr npoöevxdyv evixa xai 
ÖvpßovXevöecot , x«i pexd naör]^ npo^vpias xai <piXa8eX- 
(piaS ypaipavxes ’ErKVKAION , EIJI2TOAHN xols övy- 
xoivQDvoiS r/pcdy IJpeößvxhpoi ? , AiaxovoiS xai Aaixols , 
yycoplZopey vpiv , gS? aöeXcpoiS Iy Kvpicp , rar ;r«p fpiiY 
y eco 6xi npax^eyxa , ?v« r# fjpetepa opovoia övyx^ pr/xe 
xai vpeis. 

"Apa 8h xai dvxiypatpov rr/? ’EmÖxoXriS vptv eiziptya- 
psv , 7v« «dr# lyxv7TXOYXes Secoprfte xi cppovei fj ’AyyXi- 
xayfj ’ExxXrjöia 7tepi xtfS iy Xpi6xcp niöxecoS , xai iva 
el8fyce oxi opoXoyovpev xai ®eoi> 8i8ovxos lyyojxoxes iöphy 
xpaxety aöcpaXüx xai aöaXevXGof na6a<s rar? x«vovix«? 
ypa<pas xfj ? 77«A«z«? x«l KaiyfjS AiaStfxrjf, ob ßißaioy 
Seov Xoyoy , x«i InayooyiZeö^at xy anaZ 7tapa8o$ei6y 
xols ayiois nlöxei , xai xd 2vpßoXa xaxix* iy r V s M l <* g 
aylas xai d7to6xoXtxr \ ? ’ExxXrjöias , xai xf/y ap^oday 


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258 Schreiben des Erzbischofs von Canterbury an die Patriarchen etc. 

avxrjs xaB>tv nal Sprjöxeiav rtjpeiv xaBapay xal aämXov, 
naScbs ano xov Kvpiov ßpoby nal öGrrrjpos^rjöov Xpiöxov , 
xal ano xgjv ayicov Avxov anoöxoXGOY, napei\rj<papev, 
nal oxi pia yvcbpy nal pia (poorrj navxas YEooxEpiÖpovS 
Hat ßadiovpyias napa xo EvayyeXiov XPI^TOJT, Seov 
oc\t]%iyov> anoßßinxopEv nal anoSovpeSa, nal oxt xd 
öGoxtjpiov Avxov Hfjpvypa navxaxov xffS yrjs nXr\po<po- 
pr/6ai änovöaZopev , oncos fj ßaöiXeia xov noGpov yivtfxai 
xov Kvpiov fjpGOY nal xov Xpiöxov avxov . 

AGoy 6 Kvptos naöiy iv na(5iv xo avxo cppovEiy , 
fjyiaöpEYöiS iv xrf aXrjSsia, iva yevpxai »pia noipyrj, Eis 
Tloiprjv.« 

’ESoSrf Iy TLaXaxico ppcbv Aapßrßay6p , ixsi 1867, 
pt)voS NoEpßpiov ffpipot 28. 


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m. 


KRITIK. 


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% 


Annais 

of the Bodleian Library A. D. 1569 — A. D. 1567. 

By the Rev. W. D. Macray M. A. 

Rivingtons, London, Oxford- & Cambridge. 

1868. 369 S. 

Die Annalen der Bodleiana beginnen erst 1569. In diesem Jahre 
gründete Thomas Bodley eine neue Bibliothek. Schon seit 1367 hatte 
Oxford eine reich ausgestattete Universitäts-Bibliothek, welche zur Refor- 
mationszeit zerstört wurde. Die Commissionäre , sagt der Verf. S. 11, 
welche 1550 von Edward VI. nach Oxford gesendet wurden, visitirten 
die Bibliothek im Geiste John Knox’s. Alle gemalten Manuscripte wur- 
den zerstört, und die andern Bände dem Zufalle und dem Raube preis- 
gegeben. Bald sah man nur leere Büchergestelle, und das Bibliotheks- 
gebäude wurde zu einem Holzmagazine benutzt. Erst 1507 ward durch 
Bodley der Anfang zu einer neuen Bibliothek gemacht, und von da an 
hat auch die Bodleiana kein sehr grosses Missgeschick befallen. Nur zur 
Zeit der Revolution 1649 , wo sie schon ziemlich reich ausgestattet war, 
war man nahe daran, sie den Juden für eine grosse Summe abzutreten 
(S. 75). Von dem Tage der Gründung bis auf die gegenwärtige Zeit 
geben die, vorliegenden Annalen einen sehr ins Einzelne gehenden Bericht 
über die Bücher und Geldgeschenke, welche dieser weltberühmten Samm- 
lung zugeflossen sind. Das Jahr 1601 brachte ihr das berühmte angel- 
sächsische Manuscript der vier Evangelien, welchen Text Fox 1571 
herausgab. Schon 1602 ward sie mit russischen und persischen Mann- 
scripten bereichert. Durch die Vermittlung Sir Walter Raleighs kam 
die Bibliothek in den Besitz der schönen Sammlung des portugiesischen 
Bischofs H. Osorius. In demselben Jahre schenkte Cotton elf Manuscripte, 
worunter die, welche einst Eigenthum der Abtei des heil. Augustinus zu 
Canterbnry waren, und welche, wie die Sage geht, von St. Gregorius dem 
St. Augustinus nach Brittanien geschickt wurden. Im Jahre 1605 war 
die Bodleiana schon so bedeutend, dass der von T. James publizirte erste 
Katalog 655 Quartseiten füllte! Bodley, der 1613 starb (S. 87), konnte 
mit grosser Genugtuung auf die von ihm ins Leben gerufene Anstalt 
blicken. Die Universität setzte ihm in zwei damals erschienenen Werken 
ein schönes literarisches Denkmal. Die »Bodleiomnema« wurde von den 
Mitgliedern des Mertonskolleges , dem er früher angehörte, und die 
Justa Funebria Ptolemaei Oxoniensis von Mitgliedern der Universität 
verfasst Nach Bodley wurde der unglückliche Erzbischof Land der 


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262 


W. D. Macray. 


grösste Wohlthäter der Bibliothek. Schon am 22. Mai 1635 liess er 
der Bibliothek 462 Manuscriptbände und 5 Rollen einhändigen. Hierunter 
befanden sich 46 Manuscripte, welche die Schweden 1631 aus dem 
College zu Würzburg entwendeten. In dem nächsten Jahre sandte Land 
abermals , nebst andern werthvollen Münzen u. s. w. , noch 555 Manu- 
scripte der Bodleiana zu, und im folgenden Jahre schickte der Erzbischof 
den Rest seines Handschriftenschatzes in die Bodleiana. Die 1300 Manu- 
scripte, welche Laud geschenkt, umfassen Werke in folgenden Sprachen: 
Hebräisch, Chaldäisch, Syrisch, Arabisch, Persisch, Türkisch, Arme- 
nisch, Ethiopisch, Chinesisch, Russisch, Lateinisch, Französisch, 
Deutsch, Italienisch, Irisch, Angelsächsisch und Englisch. Bedeutend 
wurde die orientalische Sammlung durch Seitens Geschenk vermehrt, 
der laut seines Testamentes alle seine orientalischen Manuscripte und 
rabbinische gedruckte Bücher, welche die Bibliothek nicht besass, ihr 
hinterliess (S. 78). Wir übergehen eine Masse von Geschenken, welche 
die Bibliothek mit jedem Jahre erhielt, und nennen noch die durch 
Pocoke 1693 erworbenen orientalischen Handschriften, worunter sich 
auch der samaritanische Pentateuch befand. Ebenso reichhaltig 
sind die Manuscripte, welche der bekannte Dr. R. Huntington, damals 
englischer Kaplan zu Aleppo (gestorben zwei Tage nach seiner Con- 
sekration zum Bischöfe von Raphoe 1701), für die Bibliothek erwarb. Unter 
den Manuscripten Huntington’s befinden sich drei in der mendianischen 
Schrift geschriebene Bücher. Zwei von diesen Schriften, so geht die 
Sage, wurden von Gott an Adam und das dritte 330,000 Jahre vor Adam 
den Engeln überliefert (S. 115). Wir wollen nur noch R. Rawlinsons 
erwähnen, der nach Bodley, Laud und Seiden der grösste Wohlthäter 
der Bibliothek war, über den der Verf. S. 108 u. ff. viel Rühmliches zu 
sagen hat. Der erste orientalische Katalog wurde von J. Uri, einem 
Ungarn, Schüler Schultens von Leyden, im Jahre 1766 begonnen. Wie 
unvollkommen diese Arbeit war, beweisen die 1835 von Dr. Pusey ver- 
öffentlichten Zusätze. In der neuern Zeit hat die Bodleiana ihr Mög- 
lichstes gethan , um ihre orientalischen Sammlungen zu vervollkommnen. 
1717 wurde die grossartige Collection des Exjesuiten M. Luigi Canonici 
um L. 5444 angekauft. Ausser den griechischen Lectionarien aus dem 
9. Jahrhundert und andern schätzbaren Manuscripten enthält diese Samm- 
lung 135 orientalische Manuscripte, die wir selbst näher untersucht 
und excerpirt haben, und wovon mehrere von grossem Werthe sind. 
1829 wurde die 5000 Bände (780 Bände Mscr. mit inbegriffen) starke 
Bibliothek des D. Oppenheimer, Rabbiner zu Prag, für L. 2080 ange- 
kauft. Oppenheimer bedurfte ein halbes Jahrhundert dazu, diese Bücher 
zusammenzubringen, welche nach seinem Hinschiede 1737 an seinen 
Sohn nach Hildesheim kamen und von dort nach Hamburg. Diese schöne 
Sammlung wäre im Einzelnen verkauft worden, hätte sie nicht die 


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Annals on the Bodleian library. 


263 


Bodleiana angekauft. 1848 kamen 862 hebräische Manuscripte aus der 
Bibliothek J. Michaels und auch die Manuscripte Sam. Reggio’s wander- 
ten 1858 in die Bodleiana. Gegenwärtig besitzt die Bodleiana 350,000 
Bücher und 26,000 Handschriften. Der Verfasser dieses Werkes hat 
sich durch diese Annalen sehr verdient gemacht. Es ist ein Werk, das 
Alle, welche die Wissenschaft lieben, mit gespannter Aufmerksamkeit 
lesen werden. Zu dem Schlussworte des Verfassers »Floreat Bibliotheca« 
möchten wir doch noch Folgendes hinzufügen. Mögen die Curatoren 
dieser Bibliothek doch dafür besorgt sein, dass diese Bücher nicht ein 
todtes Kapital bleiben. Im Verhältnisse kommen nur wenige Gelehrte 
nach Oxford, und bis heute sind eine Masse von werthvollen Hand- 
schriften nur dem Namen nach bekannt. Könnte eine Bibliothek, der 
solche Mittel zu Gebote stehen , nicht dafür sorgen , dass die wichtigsten 
orientalischen Handschriften gedruckt würden? Und wir glauben, dass 
in dieser Hinsicht die kleine Leidner Bibliothek mehr thut als die reiche 
Bodleiana ! H. 


A Plea 

for the received Greec Text and for the authorised Version 
of the New Testament. 

By- the Rev. S. C. Malan M. A. 

London, Hatchards 187 Piccadilly. 

1860. 212 S. 

Obschon die Uebersetzung der englischen autorisirten Bibel eine 
sehr schätzbare ist, so muss dennoch zugestanden werden, dass manche 
Ausdrücke veraltet sind, und sogar jetzt etwas ganz Anderes bedeuten, 
als zur Zeit, da die gegenwärtige englische Uebersetzung bearbeitet 
wurde. Die jetzige Uebersetzung wird zwar immer eine sehr werthvolle 
bleiben, und es ist kaum zu erwarten, dass eine Neue der Jetzigen in 
stylistischer Beziehung gleichkommen würde. Wer z. B. nur die engli- 
schen Psalmen liest, muss schon die Schönheit und Anmuth der Sprache 
bewundern. Aber alle diese Rücksichten können uns doch nicht veran- 
lassen, dem gelehrten Verfasser dieses Büchleins beizustimmen. Zwar 
ist er völlig im Rechte, wenn er in der Vorrede darauf hinweist, wie 
vernachlässigt das biblische Studium in England ist, und dass die mei- 
sten der englischen theologischen Commentare nur eine Reproduction 
deutscher Arbeiten sind. Alles dieses kann aber doch kein Grund sein, 
dass die auf dem Gebiete der Exegese gemachten Fortschritte nicht für die 
englische Bibelübersetzung verwerthet werden sollen! Unserer heutigen 


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264 Plea for the authorised Version. 

Lexicographie ist es gelungen, dem Sinne manches dunkeln Wortes 
näher zu kommen, als dieses zur Zeit der Fall war, wo die Bibel ins 
Englische übersetzt wurde. Ebensowenig können wir dem Verf. Recht 
geben, wenn er fast ausschliesslich für den Textus Recept. des Neuen 
Testamentes einsteht 1 Alford hat sich in seiner Ausgabe des N. Testa- 
mentes nicht immer an denselben augeschlossen und manche Verände- 
rungen vorgenommen, und wird darum von Herrn Malan ziemlich stark 
mitgenommen. Malans Bemerkungen verdienen volle Berücksichtigung, 
und hie und da hätte Alford wohl besser gethan, die angenommenen 
Lesearten beizubehalten ; aber es wäre in der That traurig, wenn wir, 
nachdem so manche alte Handschrift ans Licht gebracht wurde, uns 
noch immer mit dem Textus Receptus behelfen müssten. Freilich sollten 
Stellen, die mit der Dogmatik verwachsen sind, eine mildere Behandlung 
finden, und in dieser Hinsicht ist Alford vielleicht etwas zu voreilig 
gewesen, wie dieses M. in seiner gelehrten Schrift darzuthun sucht. 

H. 


History of Rationalism 

embracing a survey of the present state of Protestant 
Theology with an Appendix of Literature 
by 

J. F. Hurt D. D. 

London, Trübner & Co., 60 Paternoster Row. 

1817. 525 S. 

Was diesen Band besonders deutschen Theologen werth voll machen 
dürfte, ist der Aufschluss, den er über die verschiedenen negativen 
Glaubensrichtungen Englands und Amerikas enthält. Wir wollen damit 
keineswegs sagen, dass der Verfasser, der Amerikaner ist, Deutschland, 
Frankreich und Holland unberücksichtigt gelassen. Er ist auch den 
Literatur-Erscheinungen dieser Länder sehr genau gefolgt. Und im 
Ganzen hat er seine Aufgabe, die er sich gestellt, »die historische 
Stellung des Rationalismus und dessen Antagonismus gegen evangelisches 
Christenthum so genau als möglich darzustellen « , zu lösen gesucht 
Es ist in diesem Bande eine Masse Material gesammelt. Man kann 
Dr. Hurt es nicht zum Voi würfe machen, dass er die eine oder die an- 
dere Partei mehr in den Vordergrund gestellt, da er meistens die be- 
treffenden Persönlichkeiten selbst redend anführt, indem er Auszüge aus 
den Werken liefert. Hie und da wäre jedenfalls bei einer neuen Auf- 
lage Manches nachzutragen, und wiederum Anderes zu verbessern. 
So z. B. nimmt der Verfasser nur Hengstcnberg als Vertheidiger der 


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History of Rationalism. 


265 


Authenty des alttestamentlichen Kanons, und lässt die sonstigen verdienst- 
vollen Arbeiten auf diesem Gebiete unerwähnt. Dasselbe ist auch in 
der englischen Literatur der Fall ; die durch die » Essays and Reviews« 
hervorgerufene Reaction ist nicht ausführlich genug geschildert. Auch 
sollte die Colenso-Literatur eine genauere Berücksichtigung erfahren. 
Sonst ist die Eintheilung des Stoffes, sowie die Behandlung des Gegen- 
standes eine sehr gelungene. Es thut uns leid, dass wir nicht auf Ein- 
zelnes weiter eingehen können, und müssen uns begnügen, mit der In- 
haltsangabe unsere Anzeige zu schliessen. Einleitung S. 1—28. 1) Die 
Periode der Kontroverse nach der Reformation. S. 28 — 41. 2) Der 

religiöse Zustand der protestantischen Kirche zur Zeit des westphälischen 
Friedens. S. 43—59. 3) Der Pietismus und seine Mission. S. 63—78. 

4) Das Aufheben der philosophischen Spekulation im 17. Jahrhundert. 
Descartes, Spinoza und deren Einfluss auf die Theologie. S. 79—91. 

5) Die populäre Philosophie Wolfs. Skeptische Einflüsse des Auslandes. 

S. 91—105. 6) Semler und die anihilirende Schule. S. 108—119. 7) Die 
Beiträge der Literatur und Philosophie. S. 122—138. 8) Die Herrschaft 
des weimarischen Kreises. Die pädagogische und hymnologische Be- 
wegung. S. 140-161. 9) Die Lehre des Rationalismus zur Zeit seiner 
Stärke. S. 162—175. 10) Der Umschwung durch Schleiermacher. 

S. ,179— 189. 11) Die Verhältnisse des Rationalismus und Supernatura- 
lismus von 1810-1835. S. 192—204. 12) Die durch Strauss’ Leben 

Jesu hervorgerufene Reaktion, 1835—1848. S. 205— 229. 13) Die evan- 

gelische Schule, deren Ansichten und gegenwärtige Aussichten. S. 230—249. 

14) Praktische Bewegungen, neues Leben verheissend. S. 252—266. 

15) Holland: Seine Theologie und Religion von der Synode zu Dort bis 

zum Beginne des gegenwärtigen Jahrhunderts. S. 268— 285. 16) Holland: 
Die neuen theologischen Schulen und die grossen Kontroversen zwischen 
Orthodoxie und Rationalismus. 7) Frankreich: Der Rationalismus in 
der Protestant. Kirche. Die kritische Schüfe. S. 311—332. 18) Frankreich: 
Evangelische Theologie im Streite mit dem Rationalismus. S. 333 —343. 
19) Die Schweiz: Die Orthodoxie in Genf und der spekulative Rationa- 
lismus in Zürich. S. 344—355. 20) England: Die Vorbereitung des 

Bodens zur Einführung des Rationalismus.* S. 356 — 364. 21) England: 
Philosophischer und literarischer Rationalismus. Coleridge und Carlyle. 
S. 366—387. 22) England: Der kritische Rationalismus. Jowett, die 
Essays and Reviews und Colenso. S. 387 — 409. 23) England: Ueber- 

•' sicht der kirchlichen Parteien. S. 411—439. 24) Die Vereinigten Staaten: 
Die Kirche der Unitarier, die Universalisten. S. 440 - 462. 25) Vereinigte 
Staaten: Theodore Parker und seine Schule. S. 463—472. 26) Der in- 
direkte Dienst des Skeptizismus. Die Aussicht in der Gegenwart. 
S. 473—482. Appendix S. 403 -572. H. 


Vicrteljahraschrift. IV. 2, 


18 


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266 


Fr. Seebohm. 


The Oxford Reformers, 

John Colet, Erasmus and Thomas More. 

Being a history of their Fellow» work, by Frederic Seebohra. 

London, Longmans, Green & Co. 

1869. 551 S. 

Seitdem Wicüf als Morgenstern der Reformation am Firmamente 
der Kirche aufstrahlte, hat es in England nicht ian Männern gefehlt, die, 
wenn auch nur in den abgeschlossenen Zellen ihres Collegiums, das be- 
gonnene Werk der kirchlichen Erneuerung fortzusetzen suchten. Man ist 
darum wohl berechtigt, von Reformatoren vor der Reformation zu reden. 
In dem vorliegenden Bande werden uns drei wohlbekannte Männer als 
die Reformatoren Oxfords vorgeführt. Der Verfasser hat nicht bloss das 
aus den Schriften dieser drei Männer längst Bekannte zusammengestellt, 
sondern aus bis jetzt noch nicht verwertheten Handschriften neues 
Material geliefert. Hierdurch ist es uns ganz besonders verstauet, einen 
bessern Einblick in die Lebensgeschichte und die Wirksamkeit des als 
Decan der St. Pauluskirche 1519 verstorbenen Colet zu gewinnen. Nach- 
dem Colet seine Studien zu Oxford beendigt hatte, suchte er in Italien 
sich weiter auszubilden. Sein Aufenthalt in Florenz war jedenfalls sehr 
erfolgreich für seine zukünftige Wirksamkeit. Savonarola, Pico und 
Ficino mögen ihfn wohl die nöthige weitere Anregung gegeben haben. 
Wir wissen indessen nur, dass er sich, wie Erasmus erzählt, in Italien 
auf das Studium der alten Kirchenväter verlegte, und als Colet im 
Jahre 1496 nach Oxford zurückkehrte, begann er daselbst Vorlesungen 
über den Römerbrief zu halten. Die Manuscripte dieser Vorlesungen sind 
in der Bibliothek des Corpus - Christi - Collegiums zu Cambridge erhalten 
geblieben, und der Verfasser theilt S. 33 u. ff. davon sehr lesenswerthe 
Auszüge mit. Doctoren der Theologie und Aebte sassen zu den Füssen 
Colet’s. Alle waren von der neuen Art, die Schrift auszulegen, begeistert. 
Statt der gangbaren Methode zu folgen, die darin bestand, die vielen 
Deutungen der Schrift zu vertheilen (S. 34), verlegte sich Colet darauf, 
die praktischen Lehren, welche der Apostel denen, an die er seinen 
Brief richtete, mittheilen wollte, darzulegen. Ihm waren die Worte 
des Apostels die ernsten Worte eines lebendigen Mannes, die er wiederum 
den Lebenden mittheilte. Er liebte diese Worte, weil er den Apostel 
lieb gewann, und etwas von seinem Geiste erfasste. Es machte ihm 
Freude, in den Episteln Spuren von des Apostels Charakter zu entdecken. 
So wies er zuweilen auf die schnell abgebrochenen Sentenzen hin und 
erblickte darin den eilfertigen Redner, welcher sich nicht Zeit liess, 
seine Sätze zu vollenden. (— est ex vehementia loquendi imperfecta 
et suspensa sententia. Mss. Gg. 4, 26 fol. 23, in loco Rom. 9, 22.) Aus 


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The Oxford Reformers. 


267 


einer andern Stelle ersehen wir, dass ihm der Takt und die Klugheit, 
womit der Apostel seine Rede zu massigen suchte, nicht entging, denn 
Colet sagt 1. c. f. 26 : »Ita Paulus mira prudentia et arte temperat orationem 
suam in hac epistola, et eam quasi librat tarn pari lance, et Judaeos 
et Gentes simul«, etc. Was uns aber am meisten interessiren muss, ist, 
die dogmatischen Anschauungen Colet’s näher kennen zu lernen. Der 
Verfasser gibt hierüber die nöthigen Aufschlüsse. Bezüglich des freien 
Willens, sagt Seebohm S. 34, nahm Colet eine vermittelnde Stellung ein» 
und war darauf bedacht, nicht von einem Extreme in das andere zu 
fallen. Colet lehrte: »Die Seele, welche von Gott durch die 
Macht der Liebe gewonnen wird, wird freiwillig gewon- 
nen, und dennoch ist dieses nicht ihrem eigenen Ver- 
dienste zuzuschreiben.« Hören wir noch, wie Colet über die 
Rechtfertigung gedacht hat ! Ob Colet in dieser Lehre von Savonajola 
abhängig war, dem Liebe und Gnade gleichbedeutend waren, darüber 
erlaubt sich der Verfasser kein Urtheii. Wir wollen aber Colet hier 
selbst redend anführen, und lassen die Appendix A mitgetheilten Aus- 
züge hier folgen. 

Fol. 4 b. »Quapropter concludit Paulus justificatos ex fide, et soll Deo 
»confidentes per Jesum . reconciliatos esse Deo , restitutosque ad gratiam ; 
»ut apud Deum stent et maneant ipsi filii Dei, et filiorum Dei certam 
»gloriam expectent. Pro qua adipiscenda interim ferenda sunt omnia 
»patienter: ut firmitas spei declaretur. Quae quidem non falletur. Si- 
»quidem ex Dei amore et gratia erga nos ingenti reconciliati sumus, 
»alioquin ejus filius pro nobis etiam impiis et contrariis Deo non inter- 
»iisset. Quod si alienatos a se dilexit, quanto magis reconciliatos et 
»diligit et dilectos conservabitr Quam obrem firma et stabili spe ac leti- 
»tia esse debemus, confidereque Deo indubitanter per Jesum Christum, 
»per quem unum hominem est ad Deum reconciliatio. Nam ab illo ipso 
»primo homine, et cOffidentiaque, impietateque , et scelere ejusdem, totum 
»humanum genus disperiit. 

F. 5 b. »Sed hic notandum est, quod hec gratia nihil est aliud, quam 
»Dei amor erga homines; eos videlicet, quos vult amare, amandoque in- 
»spirare spiritu suo sancto, qui ipse est amor, et Dei amor, qui (ut apud 
»Joannem evangelistam ait salvator) ubi vult spirat. Amati autem et 
»inspirati a Deo vocati sunt, ut, accepto amore, amantem Deum redament 
»et eundem amorem desiderent et expectent. Hec exspectatio et spes, 
»ex amore est. Amor vero noster est, quia ille nos amat, non (ut scribit 
»Joannes in secunda epistola) quasi nos prius dilexerimus Deum: sed 
»quia ipse prius dilexit nos, eciam nullo amore dignos, siquidem irapios 
»et iniquos, jure ad sempiternum interitum destinatos. Sed quosdam, 
»quos ille novit et voluit, deus dilexit, diligendo vocavit, vocando justi- 
»ficavit, justificando magnificavit. Hec in Deo graciosa dileccio et caritas 

18 * 


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268 


Fr. Seebohm. 


»erga homines, ipsa vocacio et justificacio et magnificado est: nec quic- 
»quid alicd tot verbis dicimus quam auum quiddam, scilicet amorem 
»Bei erga homines eos quos vult amare. Item cum bomines gracia at- 
»tractos, vocatos, justificatos , et magnificatos dicimus, nibil significamus 
»aliud, quam homines -amantem Deum redamare. 

F. 18. . . »aperte videas providente et dirigente Deo res duci, atque 
>ut ille velit in bumanis fieri; non ex vi quidem aliqua illata, quum nibil 
»est remotius a vi quam divina actio ; sed cum hominis natura Toluntate 
»et arbitrio, divina providentia et voluntate latenter et sua\ iter et quasi 
»naturaliter comitante, atque una et 8 im ul cum eo incedente tarn mira- 
»biliter, ut et quicquid velis egerisque agnoscatur a Deo, et qnod ille 
»agnoverit statuitque fore simul id necessario fiat 

F. 79, 80. »Hominis anima constat intellectu et voluntate. Intellectu 
»sapimus. Voluntate possumus. Intellectus sapientia, fides est. Voluntatis 
»potentia, charitas. Christus autem Dei virtus, i. e. potentia , est, et Dei 
»sapientia. Per Christum illuminantur mentes ad fidem: qui illuminat 
»omnem hominem venientem in hunc mundum, et dat potestatem filios 
»dei fieri, iis qui credunt in nomine ejus. Per Christum etiam incen- 
»duntur voluntates in cbaritatem: ut Deum, homines, et proximum 
»ament: in quibus est completio legis. A Deo ergo .solo per Christum 
»et sapimus et possumus; eo quod in Christo sumus. Homines autem 
»ex se intellectum habent caecum, et voluntatem depravatam in tene- 
»brisque ambulant et nesciunt quid faciunt . . . 

»Christus autem (ut modo dixi) Dei virtus, et Dei sapientia est 
»Qui sunt calidis radiis illius divinitatis acciti ut illi in societate adhe- 
»reant, hii quidem sunt tercii (1. Jews; 2. Gentiles; 3. Christians), illi 
»quos Paulus vocatos et electos in illam gloriam appellat: quorum mcn- 
»tes presentia divinitatis illustrantur; voluntates corriguntur; qui fide 
»ccrnunt clare sapientiam Christi, et amore ejusdem potentiam fortiter 
»apprehendunt.« 

Colet hinterliess auch interessante Schriften' über die mosaische 
Cosmogenie; aber da finden wir manche Ansichten, die uns eine Be- 
kanntschaft mit den jüdischen Commentaren voraussetzen lassen (S. 45 - 57). 
Moses schrieb, um von seinem Volke verstanden zu werden, ganz ihrer 
Anschauungsweise gemäss: ... Et hoc more poetae ilicujus popularis, 
quo magis consulet Spiritus simplicis rusticatis, fingens successionem 
rerum operum et temporum cujusmodi apud tantum Opificem certi nulla 
esse potest.« Da die ungebildete Masse, wenn sie um sich blickte, 
nichts als das Firmament droben und das Land und Wasser unten er- 
blickte, und die Dinge, welche aus dem Wasser und der Erde kommen 
und da leben, so suchte Moses seine Ordnungsfolge der Schöpfung dar- 
nach anzulegen. Da von dem Firmamente am zweiten Tage geredet 
wird , so gedenkt er am dritten Tage des Landes und des Wassers und 


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The Oxford Reformers. 


269 


ihrer Producte u. s. w. Dass Moses die Erschaffung der Pflanzen vor 
die der Himmelskörper setzt, geschieht, um zu zeigen, dass die Kraft 
der Germination nicht nach der gewöhnlichen Annahme in der Sonne 
und den Sternen, sondern in der Erde selbst liege! Jedenfalls sind 
mehrere dieser Ansichten, wie der Verfasser S. 59 zeigt, Pico’s Hepta- 
plus entnommen, und wir wollen zufügen, dass Pico sie theilweise von 
den Rabbinen erborgte. Schon mehrere Jahre hatte Colet seine Vor- 
lesungen fortgesetzt, als Erasmus 1498 von Lord Moutjoy nach Oxford 
gebracht wurde, wo er mit Colet und More bekannt wurde. Und von 
da an haben diese drei Männer sich mehr an einander angeschlossen. 
Colet war aber der Mann, welcher am entschiedensten auftrat. Als er 
1505 zum Dekan der Paulskirche in London erhoben wurde, ward ihm 
Gelegenheit geboten, seine Ansichten von der Kanzel herab vorzutragen. 
Unumwunden sprach er seine Ansicht über die Verdorbenheit des Kirchen- 
regiments in einer Predigt aus, welche er 1512 vor der Convocation den 
Geistlichen hielt. Er ward der Ketzerei angeklagt, aber Heinrich Vni. 
beschützte ihn. Und wer mag es leugnen, dass Colet es war, welcher 
sowohl am königlichen Hofe als auch im Volke die Vorarbeiten der 
Reformation begonnen hatte? Es ist ein Verdienst Seebohms, uns in 
diesem Bande drei Männer vorzuführen, welche der Reformation vor- 
gearbeitet haben. 

Wir haben nur Einzelnes aus dem Wirken Colet’s hier erwähnt, 
und glauben genug gesagt zu haben, um diesem schönen, mit vielem 
Fleisse ausgearbeiteten Bande einen Leserkreis zu verschaffen. H. 


The History of the Church of Ireland 

in eight Sermons preached in Westminster Abbey 

by 

Cbr. Wordsworth, D. D. , Bishop of Lincoln. 

Rivingtons, London, Oxford & Cambridge. 

1869. 323 S. 

In dem vorliegenden Buche, wovon kürzlich die zweite Auflage er- 
schienen ist, eröffnet uns der berühmte Verfasser desselben, Dr. Words- 
worth, Bischof von Lincoln, einen Einblick in die alte irische Kirche. 
Dieser Band ist um so interessanter, da er gerade das Gegentheil von dem 
beweist, was Dr. Greith, Bischof von St. Gallen, in seiner Geschichte der 
altirischen Kirche uns glauben machen will. Dr. G. will durch Machtsprttche 
Rom’s Rechtsansprüche auf die Gründung der irischen Kirche durchsetzen. 
Wenn es in der That erweisbar w'äre, wie Dr. G. behauptet, dass Palladius 
vom Papste Cölestin mit einem Evangelium für Patricius abgesendet worden 


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270 


The History of the Church of Ireland. 


wäre, so wäre hierdurch dargethan, Patricias habe mit Rom in Verbindung 
gestanden. Dr. Wordsworth zeigt uns aber gerade das Gegentheil. Aus 
den ältesten Urkunden führt er den Gegenbeweis (S. 24 ff.). Wäre 
Patricius ein Sendbote Roms gewesen, oder hätte er mit dem Papste in 
irgend welcher Verbindung gestanden, warum erwähnt Prosper Aquitanus, 
der Freund Cölestin’s, ihn nicht in seinen Annalen? Warum nennt 
Bede, der älteste englische Kirchenhistoriograph, der nur zweihundert 
Jahre nach ihm lebte, und durch die römischen Archive mit Material 
versehen war, seinen Namen nicht? Bede weiss Vieles von der Mission des 
Palladius zu erzählen, aber einen Patricius kennt er nicht 1 Aber der 
Grund, warum Bede Patricius nicht kennen will, liegt auf der Hand. 
Die irische Kirche zur Zeit Bede’s war in völligem Einverständnisse mit 
der brittischen Kirche, und beide Kirchen wollten von der römischen 
Kirche nichts wissen (S. 27). Hätte Patricius den Papst als solchen 
anerkannt, so hätte Bede Vieles vofi demselben zu erzählen gewusst. 
Einige gefälschte Dokumente sind zwar vorhanden, aber Dr. W. zeigt 
S. 41— 49, dass dieselben erst in späterer Zeit fabrizirt wurden. Wie 
konnte auch Patricius den Papst anerkannt haben, denn A. D. 615 sagt 
Columbanus in einem Schreiben an Papst Bonifacius, die Kirche Jeru- 
salems nehme den ersten Rang ein. Laurentius, ein römischer Missio- 
när, welcher Augustinus folgte, bestätigt in einem seiner Briefe, den 
Bede uns aufbewahrte, dass noch im 8. Jahrhundert die irische sowohl 
als die brittische Kirche von der römischen Suprematie nichts wissen 
wollten. »Wir haben es, sagt er in dem angeführten Briefe bei Bede, 
durch den irischen Bischof Dagamus, welcher nach Brittanien herüberkam, 
erfahren, dass die Irländer in keinerlei Weise sich von den Britten unter- 
scheiden ; denn dieser Bischof weigerte sich mit uns an demselben Tische 
zu essen und in demselben Hause zu wohnen . * Erst im 12. Jahrhundert 
gelang es Rom, wie Dr. W. S. 92 nachweist, die irische Kirche zu be- 
herrschen. Als Hildebrand A. D. 1085 die irischen Prälaten einlud, ihre 
Blicke nach Rom zu richten, entfaltete nur Gillebert, Bischof von Limerik, 
der Busenfreund Anselms, grosse Thätigkeit für Rom, und wurde darum 
zum Legaten ernannt. Also erst im Anfänge des 12. Jahrhunderts gelang 
es dem Papste, in Irland Anerkennung zu finden; aber schon sechs- 
hundert Jahre zuvor blühte das Christenthum in Irland I Diese Nach- 
weise, welche Dr. W. durch authentische Documente unterstützt, machen 
diesen Band besonders werth voll. Aber nicht minder interessant sind 
die folgenden Blätter, worin der Verf. die Geschichte der irischen Kirche 
bis auf die neueste Zeit uns in aller Kürze vorführt, und die Machwerke 
des ultramontanen Irlands schlagend widerlegt. Allen, denen es darum 
zu thun ist, einen unparteiischen Einblick in die Gründung der irischen 
Kirche und in ihr neues Aufblühen zur Reformationszeit zu gewinnen, 
können wir dieses schätzbare Buch bestens empfehlen. H. 


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The Doctrine of the Church of England. 


271 


The Doctrine of the Church of England, 

as stated in eccliastical Documents set forth by Authority 
of Church and State in the Reformation Period. 
Between 1536 and 1660. 

Rivingtons, London, Oxford & Cambridge. 

, 1868. 220 S. 

Allen, denen es darum zu thun ist, mit der Lehre der engbMfeen 
Kirche, wie sie sich seit der Reformation gestaltet, näher bekam« zu 
werden, kann dieses Buch als Wegweiser dienen. Der Titel des Werkes 
kann leicht zu einem Missverständnisse führen, denn nicht alle An- 
sichten, welche darin vorgetragen werden, haben bis jetzt in der 
englischen Kirche Geltung. Nur die letzte Ausgabe der 39 Artikel vom 
Jahr 1562, das »Book of Common Prayer« 1662, die Canons von 1603 
und das zweite Buch der Homilien enthalten die eigentliche Lehre der 
reformirten englischen Kirche. Alle früher erschienenen Werke haben 
keine Geltung mehr, und nur Solche, welche die Errungenschaften der 
Reformation nicht zu schätzen wissen, möchten gerne solchen Werken 
wieder Anerkennung zu verschaffen suchen. Leider gehört auch der 
anonyme Verfasser des vorliegenden Buches, das er der Königin, den 
Erzbischöfen und Bischöfen gewidmet hat, dieser Partei an. Verhielte 
es sich wirklich so, wie der Anonymus es beweisen will, dann würde 
die anglikanische Kirche einen nicht unbeträchtlichen Theil ihrer Er- 
rungensclift einbüssen. Denn das Buch »Institution of a Christian Man« 
woran 46 Bischöfe und andere gelehrte Theologen arbeiteten , und wovon 
1543 eine lateinische Uebersetzung dem Reichstage zu Speier vorgelegt 
wurde, sowie das 1543 offiziell veröffentlichte Buch »the Neccssary Doc- 
trine and Eruditon for any Christian Man« haben seit der letzten Revi- 
sion der Artikel und des Gebetbuches alle Autorität verloren. Die 
reformirte englische Kirche nimmt in ihrem Katechismus und im 52. 
Artikel nur zwei Sacramente an, während das Buch »the Necessary 
Doctrine and Erudition of a Christian man« von Sacraments of Baptism, 
of Penance and of the Altar« spricht. Der Verf. hat darum in dem 
vorliegenden Werke nicht die Lehre der englischen Kirche zusammen- 
gestellt Seine Absicht scheint nur zu sein, verjährten Missbrauchen 
wiederum Eingang zu verschaffen. Das Buch hat aber dennoch einen 
wissenschaftlichen Werth , indem es einiges Material zu einer geschicht- 
lichen Entwickelung der Dogmen in der englisch - reformirten Kirche 
liefert, das zwar nur mit Vorsicht gebraucht werden darf. H. 


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272 


H. P. Liddon. 


The Divinity 

of Our Lord and Saviour Jesus Christ. 

Eight Lectures preached before the University of Oxford 
in the year 1860 
by 

H. P. Liddon M. A. 

Student of Christ Church and Chaplain to the Bishop of Salisbury. 

0 t 

Rivingtons, London, Oxford & Cambridge. 

1869. 

Das uns nun in der vierten Auflage vorliegende Werk wurde schon 
früher ( Bd. III. 498.) besprochen. Zu dem bereits Gesagten haben wir 
nur noch zuzufügen, dass der gelehrte Verf. in dieser neuen Auflage 
manches verbesserte und schätzbare Notizen beifügte. Die neuesten 
deutschen christologischcn Werke sind sehr fleissig benutzt, und obwohl 
L. der orthodoxen Richtung angehört und Alles aufgeboten hat, diese 
Ansicht durch sehr scharfsinnige Argumente zu stützen, so ist er dennoch 
milde gegen Andersdenkende. Hören wir sein offenes Geständniss (neue 
Vorrede S. XII.) : 

»Unter den Gegenständen, welche in diesem Buche besprochen 
werden, ist einer, der sowohl von denen, welche den Glauben theilen, 
als auch von Solchen, die den Glauben der Kirche verwerfen, eine 
grössere Aufmerksamkeit beansprucht. Es ist das centrale Argument 
für die Gottheit unsers Heilandes, welches auf seiner beharrenden Selbst- 
behauptung in Verbindung mit seinem erhabenen menschlichen Charakter 
gegründet ist. Die hohe Wichtigkeit dieser Betrachtung ist in der That 
einleuchtend. In der Ordnung der historischen Behandlung müssen die- 
jenigen Folgerungen, welche aus der Prophetie und aus dem über- 
natürlichen Plane Christi gefolgert werden können, denen vorangehen, 
die seinem Selbstzeuguisse entnommen werden können. Allein in der 
Reihenfolge der Ueberzeugungsbildung müssen die letztgenannten Argu- 
mente den Vorrang haben. Sie sind in der That wesentlicher! Sie 
bilden das Herz des ganzen Gegenstandes, von dem die anhängenden 
Gegenstände, die sich um dasselbe gruppiren, Leben empfangen. Allein 
betrachtet von den persönlichen Aussprüchen unsers Herrn, würde die 
Sprache der Prophetie nur eine unerfüllte Erwartung , und die erhabene 
Christologie der Apostel nur ein Beispiel ihrer irregeleiteten Begeisterung 
sein ; während das Argument, welches an die Ansprüche Christi appellirt, 
wenn in Verbindung mit seinem Charakter aufgefasst, unabhängig von 
den gleichlaufenden Argumenten ist, ja in der That sie unterstützt 
Wenn das der Weissagung entnommene Argument durch Feststellung 


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The Divinity of our Lord and Saviour Jesos Christ. 273 

neuer Zeitbestimmungen der Abfassung derselben oder durch die Theorie 
in den Propheten nur kluge Staatsmänner zu erblicken ; wenn der Glaube 
der Apostel nur in der Eigentümlichkeit ihrer Denkart und Gemüths- 
stimmung begründet wäre, so würde immer noch die einheitliche Er- 
scheinung des erhabensten aller Charaktere , unlösbar zusammengekettet 
in der Person Jesu, als die energischeste Verkündigung des Ichs übrig- 
bleiben. 

In dem innersten Schreine der christlichen Wahrheit sind der 
negativen Kritik zwei Wege geöffnet. Sie kann es versuchen, die 
Selbstbehauptung unseres Herrn zum Besten seiner Menschlichkeit zu 
missdeuten. Die Unmöglichkeit eines solchen Verfahrens wurde mit 
grossem Nachdrucke in diesen Vorlesungen dargethan. Denn die Selbst- 
behauptungen sind nicht nur in Aussprüche gehüllt, welche in dem 
Munde eines Geschöpfes nur wie Schmähimgen klingen würden; sie er- 
klären vielmehr seine ganze Haltung seinen Schülern, seinen Landleuten, 
der menschlichen Rasse und der Religion Israels gegenüber. Auch ist 
die Selbstbehauptung Christi nicht auf die Berichte der Evangelisten, 
oder auf eine bestimmte Periode seines Predigtamtes beschränkt. Die 
drei ersten Evangelisten bezeugen die Gottheit Christi in verschieden- 
artigen Ausdrücken, die aber dennoch nicht weniger bedeutungsvoll 
sind, als im S. Johannes; und es geschieht dieses in der That, obschon 
vielleicht nicht so offen, in der ersten Rede unsers Herrn als in seiner 
letzten. Vom Anfänge bis zum Ende dringt er auf die Annahme seines 
Ichs. Wenn dieses anerkannt wird, so muss entweder diese Selbst- 
behauptung auf seine einheitliche genügende Rechtfertigung basirt wer- 
den, indem man den Glauben der Kirche an die Gottheit Christi annimnrt 
oder es muss dieselbe als der moralischen Schönheit des menschlichen 
Charakters Christi Schaden thuend betrachtet werden. Christus, si non 
DeuB, non bonus. 

Männer, deren Meinungen grosse Achtung verdienen, erkennen die 
Gültigkeit diener Argumente an, meinen aber, die religiöse Nothwendig- 
keit derselben sei sehr in Frage zu stellen. Aber ohne Zweifel, solche 
Argumente können niemals dargelegt werden, ohne die zu berühren, 
welche darüber ernstlich nachdenken. Der Verfasser hofft, dass er die 
Ansprüche solcher stets im Auge behielt. Nicht hat er willkürlich Ge- 
brauch von einer gefährlichen Waffe gemacht, noch Hess er sich, so 
viel er weiss, von seinen eigenen Beweggründen leiten, um nur eine 
rhetorische Wirkung zu erzielen.« 

Wir müssen hier abbrechen und beschränken uns vorläufig nur 
darauf, den kurzen Inhalt dieses schätzbaren Werkes anzugeben: 1) Die 
vorliegende Frage, S. 3— 42. 2) Die Erwartungen der Gottheit Christi 
im alten Testamente, S. 44—96. 3) Das Werk unsers Herrn in der 
Welt, ein Zeugniss seiner Gottheit, S. 98—145. 4) Die Gottheit unsers 


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274 


Church Association. 


Herrn bezeugt durch sein Bewusstsein, S. 152—203. 5) Die Lehre der 
Gottheit Christi in den johanneisehen Schriften, S. 208—272. 6) Die 
Gottheit unsers Herrn, nach der Lehre St. Jakob’s, St. Peter’s und 
St. Paul’s. S. 277—350. 7) Die Homoousia, S. 353-436. 8) Einige 
Folgerungen aus der Lehre von der Gottheit Chsisti. 

Beizufügen haben wir nur, dass das Buch reich ist an originellen 
Gedanken und Argumenten, und überall eine grosse Belesenheit beur- 
kundet. H. 


Church Association. 

Lectures 1869 delivered at St. James’s Hall, London. 
With an introduction 
by the Chairman J. C. Colqhoun. 

London, Hatchards, Publishers 187 Piecadilly. W. 

1869. 175 S. 

Mit jedem Tage gewinnt die in der anglikanischen Kirche ausge- 
brochene Revolution an Bedeutung. Was uns darüber in einseitig ge- 
haltenen Zeitungsartikeln mitgetheilt wird, ist ungenügend; aber Zeug- 
nisse, wie sie in der vorliegenden Schrift abgelegt werden, sind dazu 
geeignet , uns einen Einblick in die Sache selbst zu eröffnen. Die sechs 
Vorlesungen, welche dieser Band liefert, wurden in der Church Asso- 
ciation gehalten, und diese Association wäre nie ins Leben getreten, 
wenn die »Church Union«, welche, wie es allen Anschein hat, der 
Boden ist, dem die Ritualisten entsprossen sind, nicht dazu den Impuls 
gegeben hätte. Wir wollen zwar damit nicht gesagt haben, dass auch 
die »Church Union« nicht Männer in ihrer Mitte habe, die mit den 
Auswüchsen derselben höchst unzufrieden sind, und die bei der Grün- 
dung derselben etwas ganz Anderes erwartet haben. Solche Männer 
haben indessen Gelegenheit genug gehabt es einzusehen, wie wenig diese 
Gesellschaft dazu geeignet ist, eine Union in der Kirche anzubahnen, 
und wir heissen darum jede Gesellschaft willkommen, die es sich zur 
Aufgabe macht, diesen schlau angelegten Plan zu entlarven. Die Bil- 
dung der »Church Association« ist ein Zeichen, dass die Majorität des 
englischen Volkes dem Protestantismus zugethan ist. Es ist auch endlich 
Zeit, die Fahne des Protestantismus in England zu erheben, wenn 
anglikanische Geistliche, wie Shipley, Bennett, Lee, Littledale u. A., 
unumwunden die Errungenschaften der Reformation zu untergraben 
suchen. Diese Neukatholiken stellen die Reformatoren in einem ungün- 
stigen Lichte dar, und gehen in ihrem Eifer so weit, römisch-katholi- 
schen Dogmen Eingang zu verschaffen. Sie lehren sieben Sakra- 


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Church Association. 


275 


mente, daB Fegfeuer, empfehlen die Messe zum Seelen- 
heile für die Abgestorbenen und die Marienverehrung. 
Ganz besonders thut dieses Shipley, einer der arrogan- 
testen Vertreter der anglokatholischen Partei, in seinem 
»Life of the Blessed Virgin, or an Essay on the Cultus of the Virgin 
and Preface 1808.« Pusey, der noch vor einigen Jahren ganz anderer 
Ansicht war, weist nun in seinen »Eleven Addresses during a Retreat 
of the Companions of the Love of Jesus« auf den Thron der Maria hin, 
der im Himmel ganz nahe dem Throne des Gottmenschen Jesu Christi 
sei. Mit Recht findet darum Colqhoun in seiner Einleitung in die Church 
Association Lectures den bekannten Karmelitermönch Hyacinthe evan- 
gelischer als diese Anglokatholiken , wenn derselbe in seinen zu Paris 
und Lyon gehaltenen Predigten ausrief : »0 das Evangelium, erlaubt mir 
das Evangelium noch einmal zu citiren! Gebet der Menge die Freiheit 
zurück; gebet ihnen die Freiheit der christlichen Erziehung, der libe- 
ralen Erziehung, die Freiheit, welche dem Sabbathe angehört, zurück.« 
Die Tage, in denen man von der Kanzel herab das Mönchthum, das 
Cölibat u. s. w. predigte, sind vorüber. Was die Veteranen der Prote- 
stanten so stark macht , ist die Thatsache , dass die Leute nach vollen- 
detem Tagewerke in ihren Familienkreis zurücktreten, und an dem 
Herde ihre Bibel und ihre Nationaldichtungen lesen. Diese sechs Vor- 
lesungen, welche vonSeymour, Richardson, Taylor, Garbett, Price und 
Ryle gehalten wurden, sollen das englische Volk auf die Gefahren auf- 
merksam machen, von denen es umgeben ist. Seymour, Vorlesung 
8. 1 — 36, bespricht »the causes of the Reformation«. Es ist dem Verf. 
gelungen , ein getreues Bild der Zustände der römischen Kirche vor der 
Reformation zu entwerfen. Die abscheulichen Thaten der Päpste wer- 
den hier in aller Kürze zusammengestellt, und es ist in der That 
Grauen erregend, wenn man die schwarzen Thaten des Papstthums so 
gruppirt sieht. Im 19. Jahrhundert ist es auch in Rom anders geworden, 
aber noch immer spuckt der alte Geist im Vatican, und wer kann sich 
einem solchen Systeme anvertrauen? Es müssen in der That Dämonen 
in England ihr Wesen treiben , denn wie könnten sonst gebildete Leute 
Seelenruhe im Vaticane suchen? 

Es ist uns unmöglich, alle diese Vorlesungen näher zu besprechen, 
und wir wollen nur noch die des bekannten Ryle mit einigen Worten 
erwähnen. Sein Thema »Laud und seine Zeit« ist ein ganz passendes. 
Zwar ist es ziemlich schwer, über die damaligen Zeitverhältnisse ins 
Reine zu kommen, und der Verf. ist auch in seinen Aeusserungen über 
Laud ziemlich gemässigt Er spricht ihn von der Beschuldigung , mit 
Rom in irgend welcher Verbindung gestanden zu haben, frei. Was er 
aber sehr schlagend beweist, ist, dass Laud der Urheber der gegen* 
wärtigen anglikanischen katholischen Bewegung gewesen. Der Verf. hat 


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276 


A. W. Haddan. 


die Quellen aufs Neue durchforscht, und liefert interessante Notizen über 
den gelehrten Erzbischof von Canterbury, der als Opfer des Fanatismus 
gefallen ist; aber dessen klägliches Ende ist kein Warnungszeichen 
geworden, denn die Ritualisten Englands gehen viel weiter und über- 
treffen Laud an Arroganz. Laud wird zwar als gelehrter Theologe 
anerkannt werden müssen, während die Majorität der Ritualisten aus 
unwissenden Theologen besteht, denen es um Nichts zu thun ist, als 
die Gewissen zu beherrschen. Mögen diese Vorlesungen dazu beitragen, 
dem englischen Volke die Augen zu öffnen! H. 


Apostolical Succession in the Church of England 

by Arthur W. Haddan, B. D. 

Rivingtons, London, Oxford & Cambridge. 

1869. 394 S. 

In dem vorliegenden Bande wird die Frage der »Apostolical suc- 
cession« sehr eingehend besprochen, und das Buch ist für Alle, die sich 
für die Reformationsgeschichte Englands interessiren , sehr werthvolL 
Freilich werden Solche, die keiner Episkopalkirche angehören, den 
ersten Kapiteln, worin der Episkopat als dem Boden der Schrift ent- 
sprossen dargestellt wird, weniger Werth beilegen. Aber lesenswerth 
sind sie, und die Argumente, die hier angeführt werden, sind nicht so 
leicht über Bord zu werfen. Wer wollte auch nicht darin dem Verfasser 
beistimmen, dass durch die Einführung des Episkopats eine Union 
erzielt werden könnte, die ein wahrer Segen für den Protestantismus 
wäre! An solchen Versuchen hat es auch früher nicht gefehlt. Gerne 
hätte der erste König von Preussen auf Anrathen Jablonsky’s und 
Ursinus’ den Episkopat eingeführt, und die englische Convocation be- 
schäftigte sich damit eingehend im Jahr 1707; allein die ganze Sache 
wurde später durch Erzbischof Tenison wieder unterdrückt (S. 164). 
Seitdem hat sich die anglikanische Kirche immer mehr in sich abge- 
schlossen. Wer nicht von einem Bischöfe ordinirt ist, darf bis jetzt 
keine Funktion in einer anglikanischen Kirche verrichten. Als im Jahre 
1841 das Bisthuin zu Jerusalem gegründet wurde, hatte es den Anschein, 
als wolle man die etwas enge gezogenen Grenzen erweitern; denn der 
damalige Erzbischof von Canterbury erlaubte in einem den 23. Nov. 1841 
erlassenen Schreiben den deutschen Theologen in der Diöcese Jerusalem 
den Gebrauch einer deutschen Liturgie beim Gottesdienste, nur müsse 
dieselbe in allen Punkten mit der anglikanischen Kirchenlehre überein- 
stimmen. Ein solcher Geistlicher muss jedoch vorerst von einem angli- 
kanischen Bischöfe ordinirt sein, und die Augsburgische Confession 


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Aposfcolical Succession of the Cliurch of England. 277 

unterschrieben haben (S. 167). Unser Verfasser führt mehrere Beispiele 
an, woraus es klar ist, dass die Anglikaner zur Reformationszeit 
und auch noch später niemals die Ordination anderer protestantischen 
Kirchen als ungültig verwarfen. Englische Theologen, sagt der Verf. 
(S. 189), haben in der Regel es unterlassen, die Ordination anderer pro- 
testantischen Kirchen als ungültig (d. h. für diese Kirchen selbst) zu 
verwerfen. Hooker, welcher zwar das bischöfliche Kirchenregiment als 
göttliche Institution betrachtet, erklärt dennoch im Nothfalle eine nicht 
von Bischöfen vollzogene Ordination als gültig I Allein die Ansichten 
anglikanischer Theologen gehen hier zuweilen sehr weit aus einander. 
Als Bischof Cosin im Jahr 1650 ein Asyl bei den französischen Prote- 
stanten gefunden hatte, beschrieb er deren Ordination nicht als völlig 
ungültig. Aber schon 1657 motivirte er seinen frühem Ausspruch dahin, 
dass er nicht sagen wollte , Presbyterianer hätten nach den Aussprüchen 
der alten Kirche nicht die Macht, eine gültige Ordination zu vollziehen 
(S. 170). Bischof Davenant, der eine brüderliche Vereinigung mit aus- 
ländischen protestantischen Theologen sehnlichst wünschte, wollte den- 
noch nur in den Bischöfen die eigentlichen Nachfolger der Apostel er- 
blicken, und nennt darum die Ordination der Presbyterianer »actum 
irritem et inanem«. Aber eine nicht geringe Anzahl anglikanischer 
Bischöfe behandelten die Frage viel weitherziger. Bischof Barlow, einer 
der ersten protestantischen Bischöfe, ging sogar so weit, den folgenden 
Ausspruch zu thun: Die königliche Ernennung macht einen jeden Laien 
eben so gut zu einem Bischöfe, wie es der beste Bischof im Lande ist 
(S. 218), d. h. also Ordination und Consecration sind überflüssig. Zu 
diesem Ausspruche würde auch das vom Verf. S. 211 angeführte Privat- 
dokument stimmen, wonach Cranmer und Barlow 1540 die Nothwendig- 
keit einer Ordination völlig bei Seite gesetzt hätten ! Mit Recht verweist 
aber Haddan auf das 1539 verfasste Buch »the Institution of a Christian 
Man«, worin die apostolische Succession, und die absolute Nothwendigkeit 
einer Episkopal-Ordination behauptet werden. Cranmer und Barlow 
waren Mitglieder des Comites, welches das genannte Buch abfasste, und 
wie konnten sie sich so widersprechen? In jenen Tagen muss man es 
doch nicht so genau genommen haben, da*ein 1571 erlassenes Gesetz 
(13. Elizab. C. 12) von Geistlichen, die vorher »imperfectly ordained« 
waren , nichts mehr als die Unterzeichnung der Artikel fordert (S. 162). 
Es mögen damals Fälle vorgekommen sein, wo für Solche, welche aus- 
wärts ordinirt wurden, eine Subscription der Artikel genügte. Morrison, 
welcher, wie der Verf. (S. 160) berichtet, 1571 in Schottland ordinirt 
wurde, erhielt von Bischof Grindal’s Generalvikar 1582 die Erlaubniss, 
in der anglikanischen Kirche zu funktioniren. Schon 1584 nahm es 
Erzbischof Whitgift mit einem zu Antwerp ordinirten Geistlichen, 
Namens Travers, viel strenger. Der Erzbischof wollte ihm nur dann in 


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278 Apostolical Succession in the Church of England. 

der anglikanischen Kirche zu funktioniren erlauben, wenn er die Artikel 
unterschreibe und ihn überzeuge, dass er nach anglikanischer Weise 
ordinirt sei. Die Thatsache, dass die reformirte anglikanische Kirche 
es stets sehr strenge mit der Ordination genommen und in dieser 
Hinsicht gleichen Schritt mit der altkatholischen Kirche gehalten hat, 
ist dennoch in den Augen der römisch-katholischen Kirche nicht mass- 
gebend genug, ihre Ordinationen als gültige anzuerkennen. Es ist 
gerade dieser Punkt, worauf die päpstlichen Missionäre hinzielen, um 
Convertiten zu machen. Sie behaupten, in der anglikanischen Kirche 
sei die eigentliche apostolische Succession nicht mehr vorhanden, und 
sie sei darum keine Kirche! Noch heute wird die im 16. Jahrhundert 
erfundene Fabel, wonach Parker 1551 in einem Gasthause (Nag’s Head) 
konsekrirt worden sei, vorgebracht. Erst 1604, also 45 Jahre nach der 
Consekration Parkers, wurde diese absurde Fabel von dem anglo-römischen 
Priester Holywood in einem in Antwerp gedruckten Buche ausgebreitet, 
welche hier von S. 178—229 ihre gründliche Widerlegung findet Auch 
das Schlusskapitel >English Orders Canonically valid« ist von grossem 
Interesse, da es uns einen Einblick in das Treiben der jetzigen Jesuiten- ~ 
partei in England gestattet. Es war einem Dr. Newman Vorbehalten, 
einen andern verjährten Angriff gegen die anglikanische Kirche aufzu- 
frischen. Jetzt behaupten die Römlinge, es könnte der eine oder der 
andere Fall vorgekommen sein , wo selbst Jemand zum Bischöfe geweiht 
worden sei, ohne vorher die Taufe empfangen zu haben. 

Allen, welche wünschen, mit den neuesten Controverson der angli- 
kanischen Kirche bekannt zu werden, gibt dieser Band die beste Aus- 
kunft, und von ganz besonderem Werthe sind die im Appendix S. 313— 394 
mitgetheilten Actenstücke. . H. 

Thoughts on Preaching 

specially in Relation to the requirements of the age. 

By Daniel Moore M. A. Honorary Chaplain 
in ordinary to the Queen. 

London, Hatchards 187 Piccadilly W. 

1869. 287 S. 

In keinem christlichen Lande wird wohl mehr gepredigt als in 
England, und dennoch wurde bis jetzt die Homiletik als Wissenschaft 
dort wenig kultivirt. Die theologische Literatur Englands hat vielleicht 
nicht ein einziges streng wissenschaftliches Handbuch der Homiletik 
aufzuweisen. In Oxford und Cambridge erhalten diejenigen, welche 
Theologie studiren, keine homiletischen Anweisungen, und nur in 


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Thougts and Preaching. 


279 


einigen theologischen Collegen bildet dieser Gegenstand einen Theil 
des Studiums. Dennoch erscheinen jährlich eine nicht geringe Anzahl 
sehr gediegener Predigten. Gute Redner sind nicht bloss im Parla- 
mente, sondern auch auf den Kanzeln zu finden. In den letzten 
Jahren ist Vieles zur Hebung der Predigt geschehen. Das Ablesen der 
Predigt muss der Extemporepredigt weichen, und dass man anfängt die 
Homiletik als Wissenschaft zu kultiviren, beweist der uns in der zweiten 
Auflage vorliegende Band »Thoughts on Preaching« , dessen Verfasser 
ein sehr populärer Prediger Londons ist. Das Buch zerfällt in folgende 
neun Hauptabschnitte: 1) Preaching as an ordinance of God. S. 1—13. 
2) The office of preaching, as designed for the instruction of mankind 
in religious truth. S. 14—27. 3) The intelectuel demands of the present 
age. S. 28-60. 4) Persuasion, as the final object of preaching. S. 51—75. 
5) The part8 and arrangement of a Sermon. S. 76—117. 6) On style, 
in relation to preaching. S, 117 — 139. 7) The subject matter of prea- 
ching. S. 140 — 172. 8) The delivery of a Sermon. S. 173 — 198. 9) Ex- 
tempore preaching, and its efticacy as compared with the written Ser- 
mon. S. 199—236. 10) Supplemental Topics — Coiiclusion. S. 237 — 269. 
Wir haben dieses Buch mit grossem Interesse gelesen. Es enthält 
reiches Material, und auch Theologen anderer Länder werden in dieser 
Schrift manchem neuen anregenden Gedanken begegnen, und ganz be- 
sonders wichtig sind die kurzen Auszüge, welche Moore aus den vor- 
züglichsten englischen Predigten der altern und neuern Zeit zusammen- 
gestellt hat. H. 


Sermons 

chiefly preached at St. Paul’s and Ripon Cathedrals 
and the Chapel Royal, Whitehall 
by 

William Good D. D. F. S. A. Dean of Ripon. 

London, Ilatchards 187 Piccadilly. 

1869. 

Wir zeigen diese Predigten hier an, weil sie das Denkmal eines 
Mannes sind, dessen Name in der neuesten Kirchengeschichte Englands 
von grosser Bedeutung ist. Dr. Goode, der kürzlich als Decan der Kathe- 
drale zu Ripon verstorben ist, war der Verfasser von 39 Schriften, in 
denen er grösstentheils die protestantische Glaubenslehre zu vertheidigen 
suchte. Seine Argumente waren der Art, dass die Traktarianer sie nicht 
widerlegen konnten. Dr. Bloomfield, der verstorbene Bischof von Lon- 
don, pflegte die Leiter der Traktarianer dadurch im Zaume zu halten, 
dass er ihnen sagte, sie hätten Good nicht widerlegen können. Sein 


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280 


W. Good , Sermons. 


Hauptwerk ist »The Dirine Rule of Faith and Practke«, worin er 
nach weist, dass von den Tasren der Apostel bis anf die Gegenwart die 
heilige Schrift als einzige Glaubensresrel galt. Von 1833 an, wo er 
Irving’s Lehre bekämpfte, bis zu seinem Hinschiede war er für die pro- 
testantische Sache thätig and die anglikanische Kirche verlor in ihm 
einer ihrer tüchtigsten und gelehrtesten Theologen. Auch diese Predigten, 
die sich wie alle seine Schriften durch die Einfachheit ihrer Sprache 
auszeichnen, sind geeignet, Alle, die in dieser schweren Profan gsxeit 
des Glaubens Trost suchen, zu erquicken. H. 


The Christian Observer 

condncted by Members of the Cburch of England. 

London, Hatchards 187 Piccadilly. 

Unter den zahlreichen Zeitschriften Englands gibt es nur wenige, 
welche ausschliesslich der Theologie gewidmet sind. Eine von diesen 
wenigen ist der »Christian Observer«. Diese Zeitschrift erscheint monat- 
lich und kann als das Journal der evangelischen Section der angli- 
kanischen Kirche betrachtet werden. Neben sehr ins Einzelne gehenden 
Recensionen liefert diese Zeitschrift auch Abhandlungen und sonstige 
Mittheilungen, und bietet überhaupt Gelegenheit, einen Einblick in das 
christliche Leben zu gewinnen. Ausser sehr interessanten Bücheranzeigen 
enthält die Septembernummer Mittheilungen über den Neger-Bischof 
Crowther in Afrika. Die Octobernummer beginnt einen langen Artikel 
über das Psalmbuch , der noch in die Novembernummer sich hineinzieht. 
Unter den 15 Psalmkommentaren, die genannt werden, sind Delitzsch 
und Hitzig weggelassen! Die lesenswerthe Abhandlung »the Rise and 
progress of Marian Worship as exbibited in Roman Monuments« bildet 
einen Theil des November- und Decemberbeftes. Wir hoffen später auf 
einige Artikel dieser lescnswerthen Zeitschrift zurückzukommen. H. 


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ABHANDLUNGEN. 


▼ierteljahrgsehrift. IV. 3. 


19 


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I. 

Assyrische Forschungen , 

mit besonderer Rücksichtnahme auf die Aussagen der 
ägyptischen Denkmäler über asiatische 
Völker und Reiche. 

Nebst einer lithographischen Tafel als Beilage. 

Von 

A- $d)cud)jfr in Zürich. 

(Schluss.) *) 

2. Asiatische Zostfinde 
im Lichte der ägyptischen Denkmalen 

Die Invasion der zahlreichen Hirtenvölker, deren Herr- 
schaft in Aegypten unter dem Namen der Hyksoszeit be- 
griffen wird, lässt auf eine grosse verwandte Bewegung im 
vordem Asien* schliessen, das Umsichgreifen eines mächtigen 
Reiches, wodurch das Drängen der Stämme nach dem Süden 
veranlasst wurde. Aegypten hatte schon früher einmal eine 
feindselige Einwirkung von Asien erfahren. Das Aufkommen 
einer fremden Dynastie im kleinen Herakleopolis, der Metro- 
pole des sethroitischen Nomos, kann als das Vorspiel dessen 
angesehen werden, was bald nach dem Ende der 12. Dynastie 
das ganze Land erlitt (S. Lepsius Königsbuch, S. 22 f.). 
Unter- Aegypten war seit der Fremdherrschaft ein vorwiegend 
typhonisches Land geworden , auf lange Zeit die Heimat 
fremder, asiatischer Stämme. Mit der endlichen Verdrängung 
der Fremden begann die Rückwirkung Aegyptens auf Asien. 
Der Fall von Avaris, der letzten Burg der Hirtenkönige, 
bildet den Wendepunkt. Ueber die Zeit dieses Ereignisses 
sind die Angaben der Denkmäler nicht in Allem mit den 

♦) S. Bd. IV. S. 3. 

19 * 


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284 


A. Scheuchzer. 


Auszügen aus Manetho in Uebereinstimmung. Es fragt sich ? 
sind die Hyksos schon unter Amos, dem Haupte der 18. Dy- 
nastie, oder erst unter einem späteren Könige derselben, 
Tuthmosis III., aus Avaris abgezogen, mit andern Worten: 
fällt der langwierige Kampf gegen sie vor den Beginn der 
18. Dynastie, oder in die ersten Decennien derselben? 
Obschon sich Gründe für die letztere Annahme anführen 
lassen, so halten wir die Gründe für die erstere für über- 
wiegend. Josephus (c. Ap. 1, 14) gibt nach Manetho die 
Dauer der beiden ersten Hyksos-Dynastien auf 511 Jahre an. 
Nach Ablauf derselben hätten sich die Könige der Thebais 
und des übrigen Aegyptens gegen die Hirten erhoben, und 
es sei ein grosser und langwieriger Krieg ausgebrochen, 
dessen Dauer leider nicht angegeben ist. In Ueberein- 
stimmung damit führt Africanus eine dritte Hyksos-Dynastie 
auf, welche gleichzeitig mit thebaischen Königen 151 Jahre 
regiert habe. 

Die Hyksoszeit zerfällt demnach in zwei Abschnitte, 
die Dauer ihrer unbestrittenen Herrschaft, welche in zwei 
Dynastien 511 Jahre umfasst, und die Zeit des Kampfes, 
während dessen einheimische Pharaonen in der Thebais 
neben den Hirtenkönigen regierten, die 17. Dynastie des 
Africanus. Der scheinbarste Grund, der für die Ansicht, 
welche den Kampf gegen die Hirten in die 18. Dynastie 
verlegt, angeführt werden kann, ist der, dass in der ange- 
führten Stelle bei Josephus die Verdrängung der Hirten 
nach Avaris einem König Misphragmuthosis , und deren 
gänzliche Vertreibung dessen Sohne Tuthmosis zugeschrieben 
wird, welche beiden Königsnamen in der Reihe der 18. Dynastie 
Vorkommen. Hier sind jedoch die manethonischen Auszüge 
im Widerspruche unter sich selbst, denn in c. 15 1. c. wird 
der Abzug der Hirten deutlich vor jene längere Zeitreihe 
gesetzt, welche mit der 18. Dynastie identisch ist. Der erste 
König dieser Reihe heisst freilich hier wie in c. 26. Tethmosis. 
Dass aber nur Amosis gemeint sein kann, geht daraus her- 
vor, dass nach Tethmosis ganz dieselben Namen genannt 


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Assyrische Forschungen. 


285 


sind, die in den Listen auf Amosis folgen. Der auffallende 
Widerspruch zwischen den beiden manethonischen Auszügen 
liegt eben darin, dass in c. 15 die Vertreibung der Hirten 
dem ersten König jener langem Reihe, in c. 14 dem sechs- 
ten und siebenten derselben zugeschrieben wird. Zudem wird 
der siebente Name, Thmosis, wie wir glauben, unrichtig, 
mit Tuthmosis III. der Denkmäler identificirt.*) Er entspricht 
vielmehr als Vorgänger des Amenophis HI. (= Memnon) 
dem vierten Tuthmosis. Die Listen zeigen in Vergleichung 
mit den Denkraalnamen mehrere Lücken. Tuthmosis I. ist 
nur durch seine Gemahlin Amesses vertreten. Der in den 
Listen folgende Name Mephres (Misaphris des Africanus) 
entspricht nach unserm Dafürhalten keineswegs der Regie- 
rung Tuthmosis II. oder seiner Schwester, der Königin 
Hatasu-Ramaka, welche beide in den Listen gänzlich fehlen ; 
sondern Mephres ist der unterscheidende Beiname Tuthmo- 
sis III., wie er in dessen sog. Standarten-Namen und in 
einem seiner Thronnamen vorkommt. (Beilage IV. L ) (Lepsius 
Königsbuch, Abtheil. II. No. 349 f — 1; c'.) Der unter dem 
Namen der Nadel der Kleopatra bekannte Obelisk in Ale- 
xandria trägt das Schild Tuthmosis III. Dieser ist also 
wohl der König Mesphres, von welchem nach Plinius (H. N. 
XXXVI, sect 14.) u. a. zwei Obelisken in Alexandrien her- 
rühren. Mesphres scheint eine vulgäre Corruption des monu- 
mentalen Mephra: von Ra geboren, statt: von Ra geliebt. 
Den sechsten Namen der Listen, Mephramutosis , . glauben 
wir mit einer kleinen Veränderung in dem Schild der Ge- 
mahlin Tuthmosis III. (Kön. B. No. 350) zu erkennen. Dem 
Denkmalnamen Ir ) Mephrahatasu käme ganz nahe die Lesart 
in der Praep. Evang. Mi<5<ppayov%Go6is , wenn auch hier 
statt Misphra das ursprüngliche Mephra hergestellt wird. 
Die Veränderung von hat in muth Tconnte durch ein Schild 
wie K. B. No. 356 veranlasst sein, wo die Königin als Mutter 
bezeichnet ist. Diese Mephramuthosis vertritt nun in den 


*) Wie u. a. Yon Lepsius, Kön. Buch, Quellentafeln, S. 17. 


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286 


A. Scheuchzer. 


Listen ihren Sohn Amenophis II., welcher sonst ebenfalls 
fehlen würde. Jedenfalls erkennen wir in ihrem Namen 
nur Eine Person, nicht eine Zusammensetzung von zwei 
Namen: Mephres und Tuthmosis, so dass dadurch die 
Schwester Tuthmosis II., die Hatasu-Ramaka und Tuthrao- 
sis III. während seiner Minderjährigkeit zusammengefasst 
wären ; denn der Name Mephres hat keine nachweisbare 
Beziehung zur Königin Hatasu-Ramaka, und ist nicht mit 
ihr zu identificiren , wie u. a. noch von Brugsch (Hist. d’Eg. 
p. 91) geschehen ist. 

Der oben berührte Widerspruch zwischen den verschie- 
denen Auszügen aus Manetlio führt darauf, dass dieselben 
nicht dem Originalwerk Manetho’s entnommen sind, sondern 
von unter sich abweichenden Bearbeitungen zeugen, wie 
Lepsius Kön. B. S. 32 anerkennt. Es ist im höchsten Grad 
unwahrscheinlich, dass Manetho selbst den Abzug der Hirten 
erst unter Tuthmosis III. gesetzt haben sollte. Die Denk- 
mäler sind jedenfalls dagegen. Sie sagen aus, dass schon 
sein Vater, Tuthmosis I., auf einem Zuge nach Vorderasien 
siegreich bis Naharina vordrang und daselbst eine Stele 
errichtete.*) Wird nun jener Thmosis der Auszüge, nach 
unserer Meinung unrichtig, mit Tuthmosis III. identificirt, 
so müsste Misphragmuthosis dem ersten oder allenfalls dem 
zweiten Tuthmosis entsprechen. Wie ist es aber gedenkbar, 
dass die Hirten erst unter diesen Königen aus dem ganzen 
übrigen Aegypten nach Avaris gedrängt worden seien, da 
schon Araosis nach den Inschriften in den Steinbrüchen des 
Mokattam im ruhigen Besitz von Memphis war? Die wieder- 
holten auswärtigen Feldzüge Tuthmosis III. vollends setzen 
voraus, dass die Aegypter ihre alten Landesgrenzen längst 
wieder gewonnen hatten. Jede Ungewissheit, unter welchem 
König Avaris eingenommen worden sei, wird aber durch 
das Zeugniss der Grabschrift des Schiffsbefehlshabers Aahmes 

*) Inschrift Tuthmosis III. in Lepsius Auswahl Taf. XII. col. 17. 18. 
nebst den von Mariette aufgefundenen Schlusssteinen, und Grabschrift 
des Aahmes aus El Kab in Denkmäler, Abtheil. III. Bl. 12. 


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Assyrische Forschungen. 


287 


in El Kab gehoben; denn in dieser ist es ausdrücklich ge- 
sagt, dass diese letzte Festung der Hirten von Pharao 
Ra-neb-pehuti (Amos), dem Haupt der 18. Dynastie, bela- 
gert und nach wiederholten Gefechten zu Land und Wasser 
endlich eingenommen worden sei, wobei Männer und Frauen 
erbeutet wurden; wesentlich anders, als nach den manetho- 
nischon Auszügen , denen zufolge die Belagerung nicht zum 
Ziele führte, und die Hirten nach Vertrag mit aller ihrer 
Habe freien Abzug erhielten. 

Durch dieses monumentale Zeugniss ist es auch ent- 
schieden, dass der lange, der Einnahme von Avaris voran- 
gehende Kampf gegen die Hirten nicht die ersten 90 Jahre 
der 18. Dynastie erfüllen kann, sondern mit dem Anfänge 
derselben sein Ende erreicht hat, folglich in die Zeit der 
17. Dynastie gehört. Wenn aber Lepsius die 17. Dynastie 
gänzlich ausfallen lässt und statt derselben die ersten Könige 
der 18. Dynastie bis zur Alleinherrschaft Tuthmosis III. 
dazu stempelt, so ist er damit im Widerspruch mit allen 
Listen. Die Diospoliten, welche während der Zeit des Kam- 
pfes gegen die Hirten regierten (in der 17. Dynastie des 
Africanus, bei Eusebius durch Versetzung in der IG.) sind 
verschieden von den Diospoliten der 18. Dynastie. 

Das Ende dieses Kampfes oder der Zeitpunkt des Falles 
von Avaris lässt sich genau bestimmen, sofern die Angabe 
des Clemens Alexandrinus, wie nicht zu zweifeln, zuverlässig 
ist, dass der Auszug der Israeliten, unter denen hier wie 
bei Josephus die Hyksos zu verstehen sind, 345 Jahre vor 
der Sothisperiode, d. h. vor dem Jahr 1322 v. Chr. erfolgt 
sei. Der Auszug fiele sonach in 1667 v. Chr. Nur können 
wir unter diesem Auszuge nicht mit Lepsius (Kön. B. S. 129) 
die Vertreibung der Hyksos aus Memphis, sondern nur deren 
schliesslichen Abzug aus Avaris nach Palästina verstehen. 
Auch wird es kaum richtig sein, das Jahr 1667 v. Chr. auf 
das 18. Jahr des Amos fallen zu lassen. Denn die 25 Jahre 
4 Monate, welche dem Haupt der 18. Dynastie gegeben werden, 
sind bei Josephus (c. Ap. 1,15) deutlich erst vom Abzüge der 


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288 


A. Scheuchzer. 


Hirten an gerechnet, das Jahr 1667 wäre also das erste 
jener 25 Jahre des Amos. Wie lange er aber vor dem 
Auszug regiert hat, ist nicht gesagt. Diese seine frühere 
Zeit gehört noch der 17. Dynastie an, oder der Zeit des 
Kampfes, als die letzten Hyksoskönige gleichzeitig mit den 
Diospoliten regierten. Amos hat nach dem Fall von Avaris 
die Stadt Scharuhan angegriffen, worin Brugsch Saruhen 
im Gebiet des Stammes Simeon erkennt (Josua 19, 6). Die 
Belagerung wird in der Grabschrift des Aahmes in das Jahr 
3 (oder 5?) des Amos gesetzt. Wieder ein Beweis, dass 
der Abzug der Hirten nicht in dessen 18. Jahr fallen kann, 
da dieser ja der Belagerung jener Stadt voranging. 

Die Bestimmung des Abzugs der Hirten auf das Jahr 1667 
hat den Vorzug, nicht von den in ihrer jetzigen Gestalt 
vielfach verderbten manethonischen Listen und ihren Zahlen 
abhängig, sondern unmittelbar an eine astronomisch fixirte 
Epoche angeknüpft zu sein. Wäre uns die Dauer des Kampfes 
gegen die Hirten überliefert, so Hesse sich der Anfang ihrer 
Herrschaft mit gleicher Sicherheit bestimmen. Leider können 
die 151 Jahre der 17. Dynastie des Africanus nicht als zu- 
verlässig gelten. Wohl mag der Kampf mit Unterbrechungen 
an die hundert Jahre und darüber gedauert haben. Wenn 
man indess auch diese Zeit unberücksichtigt lässt und die 
511 Jahre der beiden ersten Hyksos-Dynastien , zwar ganz 
gegen die Worte des Josephus, bis zum Jahre des Auszuges 
erstreckt, so fiele der Anfang der Fremdherrschaft immer 
noch bis 2178 v. Chr. zurück, s6 dass schon hienach die 
Bestimmung bei Lepsius auf 2101 v. Chr. mindestens gegen 
ein Jahrhundert zu tief angesetzt erscheint. Wir halten es 
Für gerechtfertigt, die Zeit von Salatis Erhebung bis zum 
Fall von Avaris zu 600 Jahren und darüber anzunehmen, 
so dass die erstere in das 23. Jahrhundert v. Chr. zurück- 
reicht. Glaubt man sich durch jene Worte bei Josephus 
nicht gebunden, weil nicht mehr der ächte Manetho darin 
spreche, so wird freilich Alles wieder unsicher bis auf das 
Jahr 1667. In diesem Fall verzichte man vor der Hand 


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Assyrische Forschungen. 


289 


lieber ganz auf die Herstellung einer sichern Zeitrechnung 
für die früheren Zeiten. 

Nach allem Bisherigen wird man Arnos I. den Ruhm 
nicht länger streitig machen können, den schliesslichen Abzug 
der Hirten aus Aegypten bewirkt zu haben. Nicht nur wird 
ihm dje Einnahme von Avaris zugeschrieben, sondern es ist 
ausserdem ein anderes urkundliches Zeugniss vorhanden, 
wonach er die Erbfeinde des Reiches in deren eigenem 
Lande bekämpft hat. Wenn man auch über die Lage von 
Scharuhan Zweifel erheben wollte, so sagt der Krieger 
Pensuben (?) in einer andern Inschrift (Denkmäler, Abth. III. 
Bl. 43, a), er habe für Pharao Ra-neb-pahuti (Arnos) im 
Lande Zahi zehn Hände erbeutet. ra ) Dass unter diesem 
Lande Phönicien zu verstehen ist, wird weiterhin sich er- 
geben. Auch heisst es in der mehrfach erwähnten Gräb- 
schrift von El Kab, Arnos habe nach Besiegung der Mena 
des Landes Menti (der Hirten von Asien) einen Feldzug 
nach Nubien unternommen. Das Land Menti (?) ist in 
nächster Nähe von Aegypten, aber ausserhalb der Landes- 
marken zu suchen. 

Wir haben früher angedeutet, dass der Kampf des 
Perseus mit Dionysos-Osiris und seine Flucht vor letzterem 
der Typus für die Besiegung der in Aegypten niedergelassenen 
Asiaten durch die ächten Söhne des Landes Chemi sein 
möchte. Die Zeit von Ninus bis Perseus entspricht ungefähr 
der Dauer der Hyksoszeit. Selbst eine Abweichung von 
einem Jahrhundert im griechischen Zeitschema kommt hier 
nicht in Betracht. Wie dem auch sei, nach Manetho hätten 
die abziehenden Hirten das mächtige Reich in Asien noch 
vorgefunden, dessen W 7 achsthum sechs Jahrhunderte früher 
ihren Einbruch in Aegypten vermuthlich veranlasst hatte. 

Wird das Bestehen eines grossen einheitlichen Reiches 
in Vorderasien in jener Zeit (um 1667) durch die ägypti- 
schen Denkmäler bestätigt? Ueber die dortigen Zustände 
nach der Ankunft der Hirten in Palästina lässt sich kaum 
etwas Bestimmtes behaupten, Die Nachrichten sind noch 


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290 


A. Scheuch zer. 


zu vereinzelt, wie der Zug des Amos nach Eanaan, die 
Siege Tuthmosis I. in Naharina. Man sieht wohl aus der In- 
schrift eines Steines aus El Kab (Lepsius Auswahl, Taf.XIV, A), 
dass in den Ebenen von Aram damals schon wie später der 
Wagenkampf gebräuchlich war; denn der Krieger Aahmes 
Pensuben (?) rühmt sich, wie er unter Tuthmosis I. in 
Naharina ausser 21 Händen ein Pferd und einen Wagen 
erbeutet habe. Nach derselben Inschrift schlug Tuthmosis 
mit den Schasu, den Beduinen von damals. Erst einige 
* Decennien nach dem Abzug der Hirten werden die Daten 
zahlreicher. Es sind namentlich die längeren Inschriften 
Tuthmosis III., welche eine ziemliche Anzahl asiatischer 
Völker- und Ländernamen enthalten und Licht über die 
politische Lage Vorderasiens verbreiten. Diese Inschriften 
sind durch die successiven Erklärungen von Birch, 1 ) Brugsch 2 ) 
und de Rouge 3 ) dem Verständnisse mehr und mehr er- 
schlossen worden , so dass die Geschichtforschung reichen 
Stoff bereit findet. Zu den früheren aus den Denkmälern 
(Abtheil. III, Bl. 30 — 32) und der Auswahl (Taf. XII) be- 
kannten Inschriften ist seither die von de Rouge (in der 
Revue archeol. 1861, Neue Serie 4) publicirte und erklärte 
Inschrift einer Granitstele Tuthmosis III. gekommen, nebst 
der Liste der von diesem König in Mageddo besiegten Feinde 
(Ebendaselbst p. 346). 

Aus den Berichten über die asiatischen Feldzüge Tuth- 
mosis III. geht hervor, dass Palästina und Kanaan in sei- 
nem weitesten Umfange damals schon (um 1600) wie zu 

*) Annals of Thothmes III. (from the Ärchaeologia , vol. XXXV, 
p. 116 — 166.) London 1853. — Observations on the Statistical tablet of 
Karnak, in Transactions of the Royal society of literature. Vol. II. 
New series, 

*) Geograph. Inschriften, besonders Bd. II, S. 81— 40. — Histoire 
d’Egypte, p. 93 — 106. 

8 ) Revue arch6ologiquc. 1860. p. 287, wo die Inschriften der 5 von 
Mariette entdeckten Schlusssteine zur Karnak-Tafel im Louvre publicirt 
und das Ganze mit dieser Ergänzung von de Rouge neu übersetzt und 
erläutert ist. 


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Assyrische Forschungen. 


291 


Josua’s Zeit in eine Menge kleiner Völkerschaften unter 
eigenen Häuptlingen zerfiel. Jede bedeutende Stadt mit 
ihrem Gebiete bildete ein kleines Reich. Vorwaltendes An- 
sehen jedoch in allem Land diesseits des Euphrat genoss 
die mächtige Nation der Ruten oder Retennu, gegen welche 
schon Tuthmosis I. zu Felde gezogen war. Bei ihnen war 
die Hegemonie Vorderasiens in jener Zeit. Im Anfang der 
Alleinherrschaft Tuthmosis III., während dessen Minder- 
jährigkeit die Königin Hatasu regiert zu haben scheint, 
verbanden sich die Grossen aller Länder »vom Wasser 
Aegyptens bis zum Land Naharina« wider ihn. Der König 
brach hierauf in seinem 22. Regierungsjahr von Zal (nach 
Brugsch Heroonpolis) auf und rückte über Gaza nach Qina 
(Wadi Kanah) gegen Mageddo in Palästina vor. Unter 
seinen Gegnern werden die Bewohner des räthselhaften 
Kedes nebst den Chal oder Char erwähnt. Tuthmosis 
gewinnt einen grossen Sieg über sie, und selbst die Festung 
Mageddo fällt in seine Hand. Die erwähnte Liste der in 
Mageddo besiegten Feinde enthält 108 in Mauerringe ein- 
gefasste Städtenamen. Dieser Sieg wird hier und in dem 
Bericht über das seinetwegen gefeierte Siegesfest (Denkm. 
Abth. III. Bl. 30, b) als ein Sieg über die Ruten bezeichnet, 
auf deren Kosten die Grenzen Aegyptens im Jahr 23 er- 
weitert wurden. Man unterschied obere und untere Ruten. 
Gleich nach diesem ersten Feldzug finden wir drei Städte 
der obern Ruten im Besitz Pharao’s. J)ie Namen derselben 
werden von Brugsch Innua-mu (Januäa nach de Rouge), 
Anaugas pnd Huarnkal gelesen. In der Fortsetzung der 
grossen Inschrift, die den Bericht über die Feldzüge Tuth- 
mosis III. enthält, folgt nun (Denkm. Abth. III. Bl. 32, col. 32) 
die Aufzählung der Tribute vom Land der Ruten aus dem 
Jahr 40. Statt 40 ist offenbar 24 zu lesen , die zwei letzten 
Zehner sind in vier Einer aufzulösen, da später col. 36 das 
Jahr 24 genannt ist, und die Feldzüge aus den Jahren 
29 — 39 erst nachher folgen. Zuerst unter den Tributen ist 
derjenige des Häuptlings von »Assur« erwähnt. Verloren 


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292 


A. Scheuchzer. 


ist derjenige Theil der Inschrift, welcher von drei Feldzügen 
handelte, die in die Jahre 25 bis 28 fallen. Das im Louvre 
befindliche Stück (Lepsius Auswahl, T. XII) beginnt mit 
Tuthmosis III fünftem Feldzuge in seinem 29. Jahre. Eine 
Festung, deren Name zerstört ist, wird im Lande Zahi 
(Phönicien) erobert und reiche Beute auf Schiffen nach 
Aegypten geführt. Dann ward noch eine andere Stadt Arttu 
(Aradus?) eingenommen. 

In seinem 30. Jahre belagert Tuthmosis auf seinem 
6. Zug im Lande der Ruten die Stadt Kades. Diese und 
zwei andern Städte, Zamaro und Arttu (Simyra und Ara- 
dus?) werden geschleift, wobei Kinder und Brüder der 
Häuptlinge der Ruten als Geiseln weggefübrt werden. 

Im Jahr 31 bringen die Grossen der Ruten dem Pharao 
ihre Huldigung dar. — Der Tribut des Landes der Ruten 
wird an verschiedenen Getreidearten, an Weihrauch, Früch- 
ten, Wein aufgezählt. Im Jahr 33 ist Pharao abermals im 
Lande der Ruten. Im Osten (?) eines Wassers errichtet 
er eine Stele neben derjenigen seines Vaters Tuthmosis I. 
»Er zog aus, um die Städte einzunehmen, die Länder des 
Feindes von Naharina zu verwüsten.« Nach einem glück- 
lichen Gefecht und nachdem er mehrere hundert Gefangene 
gemacht hatte, näherte er sich der Stadt Nenii »auf dem 
Zuge, da er seine Stele in Naharina errichtete, weil er die 
Grenzen Aegyptens erweitert hatte.« Unter den von den 
Grossen dieses Landes (Naharina) gebrachten Tributen wer- 
den Sclaven, Sclavinnen, Stuten, Gold, silberne und goldene 
im Land Zahi verfertigte Geschirre genannt. Weiterhin (col.24) 
werden Fabrikate der Remenen und Häuptlinge der Re me- 
nen erwähnt. Der Häuptling von Sinkar liefert ächten 
und künstlichen Lazurstein und solchen aus Baber als 
Tribut. Auch wird der Name der Cheta unter den Tribut- 
pflichtigen gelesen ; doch ist derselbe beim Bruch des Steines 
theilweise zerstört (col. 26). 

Im Jahr 34 ist Tuthmosis wieder im Lande Zahi. Zwei 
Städte wurden in diesem Jahr eingenommen und im Gebiete 



Assyrische Forschungen. 


293 


der Stadt An au gas ein Friede geschlosseu. Die Beute 
aus diesen Städten (oder aus dem Lande Zahi?) bestand 
u. a. in Pferden, mit Gold und Silber eingelegten Wagen, 
in Gold an Vasen und an Ringen von bestimmtem Gewicht, 
in Eisen, Rindern, Ziegen, Eseln, in verschiedenen Holz- 
arten und Geräthen aus Holz, mit Bronze und Edelsteinen 
kostbar gezierten Zeltstangen (?). — Abermals erscheint der 
Tribut der Grossen der Ruten: Pferde, mit Silber, Gold 
und Farben geschmückte Wagen, über 700 Knechte und 
Mägde, edle Metalle, Gerätbe, kostbare Steine, Bronze, 
Eisen und Blei in Ziegelform, Farben, Rinder, Esel, Erz, 
eiserne Gefasse,. Weihrauch, Früchte, Weine, eine Menge 
Holzarten. Holz lieferte auch das Land Zahi; Schiffe wur- 
den mit Bauholz befrachtet. Daran schliesst sich der Tribut 
des Häuptlings des Landes der Asi: Eisenziegel, Bleiziegel, 
Blei in länglich runder Form, Lazurstein, Elfenbein. 

Im Jahr 35 kommt Tuthmosis auf seinem 10. Zuge 
nochmals nach dem Lande Zahi und nähert sich der Stadt 
Aruana. Dann geschieht einer Vereinigung der Feinde in 
Naharina und eines grossen Kampfes Erwähnung, wel- 
cher in Naharina, das noch zwei Mal (col. 39) genannt wird, 
stattgehabt haben muss. Die folgende Aufzählung der Beute, 
in welcher Wagen und Pferde, Rüstungen, Helme, Bogen 
der Char aufgeführt sind, ist unzweifelhaft auf den Sieg 
über die in Naharina vereinigten Feinde zu beziehen. Noch 
wird im nächsten Fragment eines 13. Feldzuges und aber- 
mals solcher gedacht, die sich in der Stadt An au gas 
freiwillig unterworfen hatten. Wiederholt wird das Land 
Zahi bei Fabrikaten und Tributen genannt. In dem letzten 
Fragment (Denkm. Abth. III. Bl. 30, a) erscheinen die Tri- 
bute der Asi, der Ruten, des Fürsten der Cheta, der 
Völker von Naharina, der Tanai (?). Alles war vom Jahr 
22 bis 42 verzeichnet. 

Wir haben hier nur, was auf Asien Bezug hat, auf- 
genommen , nicht aber die Züge nach dem Osten oder nach 
dem Lande Puont (Arabien) und nach dem Süden, nebst 


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294 


A. Scheuchzer. 


den reichen Tributen von Kusch (Aethiopien). Dagegen ist 
noch das hieher Gehörige aus der Inschrift der erwähnten 
Granitstele nachzutragen. Der Styl derselben ist freilich 
hyperbolisch gehalten. Amon-Ra spricht zu seinem Liebling 
Tuthmosis III. , er habe ihm Sieg und Macht über alle Länder 
geschenkt, der Schrecken vor ihm solle bis den Stützen des 
Himmels reichen. Die Grossen aller Länder sind gefasst 
von seiner Faust; die Völker des Südens und Nordens sind 
von dem Gott wie in ein Bündel zusammen gebunden, die 
Widerspenstigen dem König zu Füssen geworfen, die Erde 
in ihrer Länge und Breite, der West und Ost ihm anheim 
gegeben. Dann folgen speciellere Angaben. Es heisst, der 
König habe die Wasser des grossen Seebeckens durchschifft, 
Naharina sei in seiner Gewalt. In symmetrischer Anordnung 
werden in 10 Strophen mit wiederkehrendem Refrain die 
besiegten Völker meist paarweise aufgefiihrt: die Grossen 
von Zahi, die Bewohner des Landes Menti (Sati?), die 
Häupter der Stämme der Ruten, der Osten mit dem hei- 
ligen Lande, def Westen mit den Kefa und Asi. Der 
nächste Name (nebu, col. 17) bezeichnet vermuthlich ein 
Küstenvolk. Es folgen die Länder der Maten, dann die 
Bewohner der Inseln im Herzen des grossen Meeres, die 
libysche Völkerschaft der Tehennu und die Inseln der Tenau 
oderUtenau? Vor dem Uebergang zu den Südvölkern sagt 
der Gott nochmals zum Könige: »Ich kam und liess dich 
schlagen die äussersten Grenzen der Länder, der Umkreis 
des grossen Meeres ist zusammengefasst in deiner Faust.« 

Wie steht es nun mit der Erklärung der hauptsäch- 
lichsten aus den Inschriften angeführten geographischen 
Namen? Man hat die älteste Erwähnung von Assyrien und 
Babylonien darin gefunden. Brugsch*) hält die Retennu 
(Ruten) für identisch mit den später so geheissenen Assy- 
rern; ihnen seien die Reiche von Assur, Babel, Ninive, 
Singara u. a. untergeben gewesen. Es fehlt indess viel 


*) Geograph. Inschriften II. S. 85. 37. Histoire d’Egypte, p. 100.104. 


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Assyrische Forschungen. 


295 


daran, dass dieses mit Sicherheit aus den Inschriften her- 
vorginge. Zuvörderst ist weder der König noch das Volk 
oder Reich von Babel genannt, sondern nur lapis lazuli 
aus Babel, wenn überhaupt Baber keine andere Deutung 
zulässt, unter den Tributen zweier Häuptlinge, derjenigen 
von »Assur« und Sinkar (Singar) erwähnt. Hieraus lässt 
sich noch nicht schliessen, dass das Reich der Ruten auch 
dasjenige von Babel umfasst habe. Die Hauptfrage ist aber 
die, ob unter »Assur* Assyrien 2 u verstehen sei. Die 
Bejahung derselben würde freilich durch Alles, was man 
bisher von assyrischer Geschichte zu wissen glaubte, einen 
Strich machen, da die Assyrer nach den babylonischen 
Annalen nicht vor dem 13. Jahrhundert und auch dann erst 
in Oberasien Vorkommen. Vor Allem wäre die untergeord- 
nete Stellung auffallend, in welcher der Häuptling von 
Assur unter den Ruten erscheint. Lässt aber der Name 
Assur keine andere Erklärung zu? Grosse Aehnlichkeit mit 
demselben zeigen phönicisch-punische Namen, wie "Aööovpos 
im Gebiete von Karthago (Ptolom. Geogr. IV, 3, 30), das 
oppidum Assuritanum bei Plinius (H. N. V. sect. 4), "AööGjpos 
bei Enna in Sicilien (Diodor, bibl. XIV, 78), welche mit ge- 
ringer Abweichung auch im Mutterlande Kanaan Vorkommen, 
und welche wie Hazor (Jos. 11, 1. Jud. 4, 2) einen einge- 
friedigten Ort, ein Gehöfte bezeichnen. Der bieroglyphischen 
Schreibung Assur Iv ) entspricht am besten der heutige Name 
der Ruinen Chirbet Hazzür zwischen Akko und der Nord- 
spitze des Sees Tiberias. Der Häuptling von Assur erscheint 
auf gleicher Stufe wie andere Fürsten eines kleinen Gebietes 
oder einer einzelnen Stadt in der Conföderation der Ruten. 
Wäre ein assyrischer König gemeint, so würde sein höherer 
Rang irgendwie durch ein unterscheidendes Beiwort, etwa 
wie beim Fürsten der Cheta in ihrem Vertrag mit Ramses II. 
angedeutet sein. Auch würde der Name Assyrien, hiero- 
glyphisch geschrieben, doch eben so gut ein sch (Garten) 
an der Stelle des hehr. Schin zeigen, als diess in den Namen 
Achaschverosch v ) und Dariusch der Fall ist. Das Vorkommen 


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296 


A. Scheuchzer. 


des Namens Assur berechtigt also nicht zu der Annahme, 
dass die Assyrer in so früher Zeit auf den ägyptischen Denk- 
mälern genannt seien. Der Häuptling von Assur ist wohl 
nur der Fürst einer Stadt dieses Namens im Umfang von 
Kanaan. 

Der Schauplatz der Kriege Tuthmosis IH. waren seinen 
Inschriften zu Folge die Länder von Palästina bis Naharina. 
Die am öftersten wiederkehrende Landschaft ist Zahi. Ob- 
schon dieser Name in der spätem Geographie nicht vor- 
kommt, so ist man doch darin einig, dass er Phönicien 
bezeichne. *) 

Wo hat man sich aber die Ruten zu denken, die an 
der Spitze der asiatischen Feinde Aegyptens standen? Es 
scheint, dass ihr Gebiet von Palästina an durch das Land 
Zahi bis Naharina sich erstreckt habe. In demselben lag 
die Stadt Kedesch. Dieser Name kommt in verschiedenen 
Gegenden vor, daher die Ungewissheit, welcher Ort jedes- 
mal gemeint sei. Um eine Stadt dieses Namens wurden 
später von den Pharaonen der 19. Dynastie, von Sethosis L 
und Ramses II. heftige Kämpfe bestanden. Sie gehörte zur 
Zeit Sethosis I. zum Gebiete der Amoriter und war stark 
befestigt, lag auf der Insel eines Flusses, der in den In- 
schriften Arnut und Anurta heisst, worin man den Orontes 
erkennen will. Demnach ist Brugsch (Geogr. Inschr. II. 22) 
geneigt, Kedesch an die Stelle zu setzen, wo sich der Orontes 

*) Vermuthlich ist in Zalii ein schliessendes 1 abgefallen oder 1 in i 
erweicht. Solche Erweichung des Lamed, wie in Jubai, Jazerbai statt 
Jubal, Jazerbai, findet sich gerade bei den Phöniciern, wenn es gleich 
erst im spätem Punisch in der Schriftsprache nachzuweisen ist. Mit 
Zahi vergleicht sich etwa hehr, t’khel’th und sh’chel’th, Muschelschale. 
Die Wurzel des letztem stellt Gesenius mit arab. sahala, schälen, 2. brüllen 
zusammen. Das hievon abgeleitete sähil, Küste, ist also entweder die 
von den Wellen geglättete, abgeriebene, oder die brüllende, wie die 
Scylla und unser ebenfalls doppelsinniges Schelle. Wenn man daher 
Zahi(l) nicht unmittelbar mit arabischem sähil vergleichen darf, so könnte 
es doch vielleicht das Land der Muschelschalen, Purpurschnecken (n?=n) 
bedeuten. 


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Assyrische I orschungcn. 


297 


südlich von Emesa zu einem See erweitert, welcher jetzt 
den Namen Kedes führt. Im Verfolg (S. 48) will er Kedesch 
eher in Palästina suchen, weil es im Papyrus Anastasi I. 
neben palästinensischen Orten genannt wird. Vielleicht 
löst sich der Widerspruch so, dass in letzterer Stelle Kedes 
im Gebiete des Stammes Naphtali, dagegen unter den 
Eroberungen Sethosis I. und Ramses II. die gleichnamige 
Stadt am Orontes gemeint ist. In dem Bericht von dem 
Feldzuge des 23. Jahres Tuthmosis 111. stehen .Taanach, 
Mageddo, Kedesch so nahe zusammen, wie bei Josua c. 12, 
21. 22, so dass die palästinensische Stadt gemeint sein wird. 

Nach seinem Siege bei Mageddo unterwarf sich Tuth- 
mosis drei Städte der oberen Ruten. Ist Mageddo ohne 
Zweifel die kananitische Stadt am Kischon, so sollte man 
denken, die drei Städte der Ruten seien im nördlichen 
Palästina gelegen. Man kann sich aber in den Distanzen 
sehr täuschen, und so lässt sich bei der Ungewissheit ihrer 
Lage auch eine andere Gegend ins Auge fassen, das Gebiet 
der spätem Seleukis Tetrapolis (Strabo XVI. p. 749 — 752), 
welches einen Anhaltspunkt für den einen oder andern jener 
Städtenamen zu gewähren scheint. Der Name der ersten 
jener drei Städte ward von Brugsch früher in seinen Reise- 
berichten aus Aegypten (S. 150. 171) Nenuai, in den geo- 
graphischen Inschriften (II. S. 34. 38. 41) Innua-mu, oder 
nur lnnua, VI ) zuletzt im Recueil de monuments egypt. (I. p. 53) 
Junua gelesen, ähnlich Janua von de Rouge. Die Stadt lag 
an einem Wasser und gehörte zur Zeit Sethosis I. nicht mehr 
den Ruten, sondern den Char (Khar). Nun wird im Umfang 
des spätem Antiochia auf dem Berg Silpion ein uralter Ort 
Jone erwähnt, welcher früher in der Niederung am Orontes 
gelegen haben muss, da er vom Austreten des Stromes litt 
(Malalas in C. Müllers fragm. hist. Graec. IV, p. 468). Die 
Namensähnlichkeit kann freilich sehr zufällig sein, und es 
könnte auch die Lage von Apamea in Betracht kommen. 

Der zweite Städtename Anaukas 711 ) erinnert in sei- 
nem zweiten Theil an den Berg Kasius bei Antiochia. 

Vierteljahrgschrift. IV. 3. 20 


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298 


A. Schcuchzer. 


Diese Wurzel kommt auch anderwärts an jener Küste vor, 
wie im Namen der Kassiopeia , der mythischen Königin von 
Jope , einem Mittelpunkt jenes uralten Reiches der Kephenen 
oder Kuschiten (Plin. H. N. VI, 35. § 182). 

Zeigten sich diese Vergleichungen auch als unbegründet, 
so bietet Antiochia noch andere Beziehungen zu Völkern, 
die in den pharaonischen Denkmälern erwähnt sind. Die 
meisten macedonischen Stiftungen im späteren Syrien schlos- 
sen sich, wie Ammian (14, 8) ausdrücklich bemerkt, an 
ältere Wohnsitze an, deren alte Namen über den griechischen 
Benennungen nicht ganz vergessen wurden. Der frühere 
Name von Seleucia lautete in griechischer Uebersetzung 
v8aroS7COTajjioi (”Strabo, XVI. p. 751). Laodicea, jene 
»Mutter in Kanaan«, wie sie sich auf seleucidischen Münzen 
nannte, hiess früher Ramantha (Eustath. ad Dionys. Perieget 
v. 915). Apamea war an der Stelle eines ältern Ortes ge- 
gründet (Malalas 1. c. p. 470). So hatte auch die erste Stadt 
der syrischen Tetrapolis, Antiochia, ihre Vorgängerin. Ihre 
Gründung am Orontes ward auf Kasus und Belus, die Söhne 
des Inachus, zurückgeführt (Syncellus I. 126. ed. Goar ). 
Kasus siedelte Kreter auf der dortigen Akropolis an. 
Dort liessen sich auch Cyprier nieder, welche mit des Kasus 
Gattin, der Kittierin Amyke, Tochter des cyprischen 
Königs Salaminus, dahin gekommen waren. Man kann 
darüber streiten, ob die Kittier auf Cypern identisch mit 
den Chittiern Kanaans seien oder nicht. Movers scheint 
uns in seinen Phöniciern (II. 2, 211 ff.) überzeugende Gründe 
für deren Identität vorgebracht zu haben. Josephus (Ant. 
IX. 4) nennt statt der -Chittim (2. Kön. 7, 6) die Inseln. 
Jedenfalls wird die Form Chittim von Cypern gebraucht, 
so dass man statt der Cyprier die Chittier substituiren 
darf. Diese sind aber keine andern als die Cheta vra ) der 
Hieroglyphen, wie man jetzt allgemein anerkennt. Sonach 
fand sich auf dem Boden von Antiochia eine Niederlassung 
der Chittier oder Cheta. Neben ihnen wohnten Kreter. Diese 
werden mit den Philistern als Bewohner der kananitischen 





Assyrische Forschungen. 


299 


Seeküste genannt (Ezech. 25, 16. Zephania 2, 5). Nach 
2. Sam. 20, 23 sind Khreti und Khari fast syncfnym. Als 
Unterthanen des Minos standen die Karer den Kretern 
immerhin sehr nahe (Herodot I, 171). Dürfte man sie 
identificiren , so wären in Antiochia Khari neben den Chit- 
tiern gerade so, wie beide Namen in der Citiensis I. neben 
einander Vorkommen. 

Neben den Ruten und Cheta erscheinen in den Inschrif- 
ten Tuthmosis III. und seither die Char IX ) oder Khar. 
Brugsch liest den Namen Xalu auch ATeri und erklärt ihn 
durch Syrer. Diess ist indess kein selbstständiger Name, 
sondern Abkürzung aus Assyrer, daher diese Erklärung 
kaum zulässig sein wird. Wir neigen dahin, in den Char 
die eben besprochenen Khari des A. T. zu sehen, die als 
Leibwächter der israelitischen Könige genannt sind. Diess 
schiiesst nicht aus, dass sie die Reste eines Volkes sein 
konnten, wie ja öfter ursprüngliche Volksnamen zu Bezeich- 
nungen gewisser Berufsarten geworden sind. 

Wer sind aber die Ruten x ) oder Retennu selbst, die 
mächtigsten Gegner Tuthmosis III. und so bedeutend, dass 
sie den ganzen Norden vertreten? Brugsch hält sie, wie 
berührt, für dasselbe Volk, welches später unter dem Namen 
der Assyrer auftrete, und schreibt ihnen assyrische Abstam- 
mung zu (Geogr. Inschr. Bd. II. S. 37. 40). Es hält indess 
schwer, eine Aehnlichkeit zwischen den Abbildungen ein- 
zelner Ruten und dem auf Taf. II. Fig. 16, b daselbst be- 
findlichen Bilde aus den sogenannten assyrischen Denkmälern 
aufzufinden. Das Haupthaar der Ruten ist wie bei den 
Einwohnern kananitischer Städte (Taf. VI) mit einem Bande 
umgeben. Was kann verschiedener sein, als der kurze, 
ungekünstelte Bart der Ruten und die steifen, künstlichen 
Flechten der Figuren auf den Denkmälern aus Adiabene. 
Auch die »spiralförmige Umwicklung« des Kleides kann die 
Identität der Ruten mit den sogenannten Assyrern nicht 
erw r eisen, da dieselbe in andern Abbildungen (Wilkinson 
M. a. C. Vol. I, p. 365) sich nicht bei den Ruten, sondern 

20 * 


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300 


A. Scheuchzer. 


bei den Char findet. Was sollten die Ruten anders mit den 
Assyrern gemein haben, als dass sie theilweise in denselben 
vorderasiatischen Ländern niedergelassen waren, in welchen 
die Assyrer neun Jahrhunderte später sich festsetzten? Sie 
gehören wohl einer ganz andern Völkerfamilie an. Zur 
Vergleichung bieten sich die Rodanim der Chronik 1, 1. 7 
dar, welcher Lesart mitunter der Vorzug vor den Dodanim 
der Genesis (10, 4) gegeben wird. Die Rodanim erscheinen 
neben den Chittiern als Söhne Javans, d. h. nicht der hel- 
lenischen Jonier, sondern des Jon, welcher mit seinen 
Brüdern Epivius und Asterius aus Aegypten nach Cypern 
kam, deren Nachkomme Ketes (statt Keles) ist (Servius ad 
Virgilii Bucol. X, 18). Wie in der Chronik Khittim und 
Rodanim beisammen stehen , so die Cheta und Ruten in den 
ägyptischen Denkmälern. Hier kommen die Ruten freilich 
noch nicht auf den Inseln vor, sondern auf dem Festlande 
diesseits des Euphrat. In Folge der grossen Völkerwanderung, 
welche um 1700 v. Ch. mit der allmäligen Verdrängung der 
Hyksos aus Aegypten begann , mehrere Jahrhunderte später 
durch den Auszug der Israeliten einen neuen Anstoss er- 
hielt, sind die Sitze der Völker am grossen Meere, so viel 
sich erkennen lässt, mehrfach verändert worden. So haben 
sich die Chittier (Khittier), von den Israeliten zwar nicht 
völlig (1. Sam. 26, 6; 2. Sam. 11, 3), aber grossentheils aus 
Palästina verdrängt, in der cilicischen Landschaft Ketis und 
auf der gegenüberliegenden Insel niedergelassen, welche von 
ihnen den Namen Chettim erhielt: terra Chettiim Cypros 
dicitur, in qua civitatem condidit Luz. (Hieron. onomast. 
bei Movers a. a. 0. S. 207). Dass die Insel Rhodus von den 
Rodanim benannt sei, wollen wir nicht behaupten. Aus den 
Worten des Epiphanius (adv. haeret. 30. § 25) : Kinoi yap 
Kvnpioi nal f PoSioi , geht nur hervor, dass die Khittier 
sich auch auf Rhodus wie auf Cypern niedergelassen haben. 
Kennt man ja von den biblischen Rodanim nur ihren Namen 
und ihre Stellung in der Völkertafel. 

Meist mit den Ruten verbunden sind die Reinen en, XI ) 


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Assyrische Forschungen. 


301 


welche eben so schwer nachzuweisen sind. Man hat in 
ihnen früher den Namen der Armenier, auch den des Libanon 
zu finden geglaubt. Nach den Abbildungen bei Wilkinson 
war ihre Tracht gleich derjenigen der Amoriter und der 
Einwohner verschiedener kananitischer Städte: ein langes, 
bis gegen die Knöchel reichendes Gewand mit Kragen, das 
Haupthaar mit einem Bande zusammengehalten. Auch trugen 
sie lange spitzige Bärte, wie die Amoriter und Kananiter, 
während z. B. die Cheta bartlos abgebildet sind. Sie be- 
wohnten eine waldige Gegend, welche, wie aus einer Dar- 
stellung am Amonstempel in Karnak zu schliessen, Schiffs- 
bauholz lieferte. 

Nach den Remenen wird in der Aufzählung der Tribute 
des 33. Jahres Tuthmosis III. der Häuptling von Singar xn ) 
oder Sinkar aufgeführt. Der Name entspricht dem biblischen 
Sinear, welches ein ganzes Land bezeichnet, so gut wie dem 
Stadtnamen Singara. So hiess die Hauptstadt eines arabischen, 
in der nördlichen Dschesire niedergelassenen Stammes (Plin. 
H. N. V. s. 21). Sie wird in dem parthischen Feldzug Trajans 
erwähnt und ward von Jovian nebst Nisibis an Sapor abge- 
treten ( Ammian XXV. 7). Eine Stadt Singa gab es auch in 
Kommagene, worin, wie im Namen des dortigen Flusses 
Singas derselbe Name Singara zu erkennen ist (Ptol. V. 15, 
9. 10). Es bleibt also ungewiss, ob die Landschaft Sinear 
oder die Stadt Singara in Mygdonien gemeint sei, voraus- 
gesetzt, dass die letztere in eine so ferne Zeit zurückreicht. 
Im höchsten Grad unwahrscheinlich ist indess die Beziehung 
von Sinkar auf das biblische Sinear. Damit wäre nichts 
Geringeres gesagt, als dass das babylonische Reich den 
Pharaonen zinspflichtig geworden sei, und zwar im Lauf der 
458 Jahre der 49 chaldäischen Könige oder der 4. berosischen 
Dynastie (1976 — 1519 v. Chr.). Die Aegypter hatten unter 
Tuthmosis III. kaum die Länder diesseits des Euphrat sich 
unterworfen , wie sich weiter ergeben wird. Wie sollte ein 
so fernes Land wie Babylonien , die südliche Dschesire, sich 
zu Tribut verstanden haben? Man ist indess nicht zu dieser 


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302 


A. Scheuelizer. 


Annahme genöthigt, da sich der Name Singar auch diesseits 
des Euphrat in Kommagene nachweisen lässt. Auch die 
Stellung des Fürsten von Singar zwischen den Grossen der 
Remenen und den Cheta weist ihn nach Vorderasien. 

Das fernste Land , welches die ägyptischen Waffen er- 
reichten, ist Naharina. xm ) Die Stelen der beiden Tuth- 
mosen bezeichnen die äusserste Grenze ihrer asiatischen 
Eroberungen. Naharina gilt für gleichbedeutend mit Aram 
Naharaim oder Mesopotamien. Es ist indess daran zu 
erinnern, wie spät die nördliche Dschesire zwischen Euphrat 
und Tigris als Insel betrachtet worden ist. Noch in der 
Apostelgeschichte (7, 2. 4) wird Haran nicht zu Mesopota- 
mien gerechnet, welches letztere daselbst identisch mit ytf 
XaXöaicov ist, d. h. mit der südlichen Dschesire, dem eigent- 
lichen Var oder Bezirk der Khasdim. Die Grenze zwischen 
beiden Dschesire’s wird da anzunehmen sein, wo die beiden 
Ströme sich einander am meisten nähern und wo die medische 
Mauer erbaut war. Vermuthlich ist daher bei Aram Naha- 
raim eher der Khabor als der im Norden gar zu weit ab- 
liegende Tigris unter dem zweiten Strom zu verstehen. Was 
nun den Ausdruck Naharina betrifft, welcher auch als ein 
Plural gefasst werden kann, so ist dessen Identität mit 
Aram Naharaim keineswegs über jeden Zweifel erhaben. 
Namen wie Naharina kommen auch anderwärts vor. Die 
alte Bezeichnung von Seleucia, vöaroS7roTa}Aol. enthält ein 
Naharin. Ja die Aegypter scheinen diesen Namen seit ihrer 
Besitznahme jener Gegenden in Pieria übersetzt zu haben. 
Wohl gab es auch ein macedonisches Pieria. Allein im 
Stromgebiet des Orontes, wo ein Berg Kasius, ein Daphfce, 
ein Meroe wie bei Aegypten Vorkommen, wo der alte Name 
des Orontes selbst an die ägyptische Mythe von Typhon 
erinnert, lässt sich auch an eine ägyptische Ableitung den- 
ken , so dass Pieria von dem Strome , pi iero benannt wäre. 
Wie dem auch sei, so hat Brugsch, welchem man hiefür 
zu grossem Danke verpflichtet ist, eine Stelle beigebracht 
(Geogr. Inschr. II. S. 46), aus welcher hervorgeht, dass die 


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Assyrische Forschungen. 


303 


Aegypter ein Land Naharin diesseits des Euphrat kannten. 
Dieselbe erwähnt die Geschlagenen der Cheta im Gebiete 
der Stadt Tunep im Lande Naharin. Die Stadt Tunep 
wird im Feldzug des 29. Jahres Tuthmosis 111. genannt, als 
der König allem Anschein nach im Lande Zahi oder Phöni- 
cien sich befand , jedenfalls noch nicht über den Euphrat 
gegangen war. In der Beschreibung der Kämpfe Ramses II. 
mit den Cheta wird die Lage von Tunep näher angegeben. 
Diese Stadt war südlich von Chirbu XIV ) oder Chilbu 
gelegen, worin das biblische Helbon (Ezech. 27, 18) erkannt 
wird. Streitig ist nur, ob unter letzterm Aleppo oder das 
Dorf Helbon nördlich von Damaskus zu verstehen sei, wie 
Brugsch mit Robinson annimmt, so dass Tunep der Lage 
von Damaskus entspräche. Wir würden uns lieber für Aleppo 
entscheiden, zumal Damaskus xv ) in der Liste der von 
Tuthmosis III. eingenommenen Städte mit seinem eigent- 
lichen Namen erscheint (No. 12). Im einen wie im andern 
Fall haben wir ein Land Naharin diesseits des Euphrat. 

Auf dem Zuge, in welchem Tuthmosis III. seine Stele 
in Naharina errichtete, näherte er sich der Stadt Nenii XVI ) 
und zwar nach einem Siege über die Feinde von Naharina. 
Leider ist in den erhaltenen Theilen der Inschrift das Wasser 
nicht genannt, an welchem die Stele errichtet ward (col. 17). 
Es ist höchst wahrscheinlich der Euphrat gewesen. Das 
Land Naharina, welches dem Obigen zu Folge zwischen den 
Euphrat und den Orontes gesetzt werden darf, gehörte den 
Ruten, gegen welche jener Feldzug des Jahres 33 gerichtet 
war. Die Lage von Nenii ist nicht genauer angegeben, doch 
wird man nicht wohl anders können, als sie zum Lande 
Naharin zu rechnen. Ist nun Nenii, wie angenommen wird, 
derselbe Name wie Ninive, so haben wir hier ein monumen- 
tales Zeugniss von einem Ninus, welches zum mindesten 
gesagt, wenigstens nicht östlich vom Tigris gesetzt werden 
kann, sondern welches aller Wahrscheinlichkeit nach in der 
Nähe des Euphrat, lag. Ferner ist es bemerkenswerth , dass 
hier ein Ninive ohne alle Beziehung auf die Assyrer, einzig 


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304 


A. Scheuchzer. 


in Verbindung mit den Namen von Naharina und der Ruten 
vorkommt. 

Stellen wir noch einmal die in den erwähnten Inschrif- 
ten genannten asiatischen Gegner Tuthmosis III. zusammen, 
welche, von den ägyptischen Waffen genöthigt, sich zu 
Tributen verstehen mussten. Es sind namentlich vier Völker- 
schaften: die Ruten mit den Remenen, die Char und die 
Cheta (Chittier). Daneben sind besonders genannt die Häupt- 
linge von Assur, von Singar, von Arrech(?), Namen eher 
von einzelnen Städten, als von Völkern oder Ländern; der 
Häuptling der Asi, welche neben den Kefa auf den Inseln 
des grossen Meeres den Westen vertreten; die Bewohner 
der Landschaften Zahi und Naharina nebst einer sehr gros- 
sen Anzahl von Städten, unter welchen neben Innua oder 
Junua der Ruten, Mageddo, Kedesch, Nenii hervorragen. 
Die Heimat der vier erstgenannten Völker ist in Kana$n 
im weitesten Umfange, von Palästina bis an den Orontes, 
Cilicien und den Euphrat zu suchen. Kein einziger von allen 
erwähnten Namen führt mit Sicherheit über den Euphrat 
hinaus. Es sind ungefähr die Grenzen, in welchen (Josua 1, 4) 
das Land der Chittier (Cheta) begriffen ist, nur nach Norden 
in weiterer Ausdehnung. Diese grosse Ländermasse war 
zur Zeit der Tuthmosen zu keinem einheitlichen Staat ver- 
einigt. Wollte man zu dieser Zeit von einem grossen vorder- 
asiatischen Reiche reden , so müsste man es ein Reich der 
Ruten nennen. Es war aber vielmehr eine Conföderation 
von mehr und minder mächtigen Völkerschaften und Städten, 
über welche damals die Ruten eine Art Hegemonie ausübten, 
w r elche später an die Cheta, wohl auch einmal an die Char 
übergegangen ist. Ja auch die Ruten selbst standen, wie 
die Remenen, anders als die Cheta zu Ramses II. Zeit, nicht 
unter Einem Könige , sondern unter mehreren Grossen , und 
in so fern war die Verfassung dieser Völker mehr aristo- 
kratisch als monarchisch. 

Eine Zeit lang mussten sich also die Ruten und ihre 
Verbündeten unter das ägyptische Joch beugen. Nenii wird 


/Goc 



Assyrische Forschungen. 


305 


mit einer andern Stadt Akenti (oder Akenit?) nach manchem 
Kaihpf gegen die berittenen Menta (Asiaten) wieder unter 
den Eroberungen Amenophis II., des Sohnes von Tuthmo- 
sis III., genannt. Auch dieser König unternahm einen Zug 
gegen die obern Ruten und führte sieben ihrer Grossen aus 
der Stadt Techis gefangen mit sich fort. Noch unter Ame- 
nophis IIL, dem Memnon der Griechen, umfassten die 
Grenzen des ägyptischen Reiches das Land Näharina. Sein 
Sohn Amenophis IV., der Reformator und Einführer des 
ausschliesslichen Sonnendienstes,*) hielt unter seinen frem- 
den Hülfstruppen auch Asiaten, der Tracht nach zu urtheilen, 
Kananiter. Nach einer Darstellung aus seiner Residenz 
scheinen die Char damals den Norden vertreten zu haben. 
Auch der Inseln des grossen Meeres wird bei den Tributen 
gedacht. Sehr bemerkenswerth ist es, dass die Ruten 
einem Nachfolger von Amenophis IV. , dem Tut-anch-amun, 
dessen Regierung ebenfalls für illegitim galt, reiche Tribute 
bringen, wie diess in einem thebanischen Grabe mit Farben- 
pracht dargestellt ist. Es heisst dabei, die Grossen der 
oberen Ruten, welche von Aegypten nie etwas gehört haben, 
bitten S. Majestät um Frieden. Sie sagen zu Pharao : 
»Unaussprechlich sind deine Siege; es gibt keinen Wider- 
sacher zu deiner Zeit. Die ganze Welt ist im Frieden.« 

Lange dauerte dieser Friede nicht. In der letzten Zeit 
der 18. Dynastie gingen alle asiatischen Eroberungen der 
Aegypter verloren. Ja Aegypten selbst ward zum zweiten 
Mal die Beute der Hirtenvölker, welche unter einem Ame- 
nophis, den man füglich den fünften dieses Namens nennen 
könnte, (den letzten König der 18. Dynastie den Listen 
zufolge) aufs Neue in Aegypten einbrachen und sich das 
Reich unterwarfen.**) Doch auch nach diesem gewaltigen 
Umschwung der Dinge sind die Völkerverhältnisse in Vorder- 

*) Lepsius, über den ersten ägyptischen Götterkreis. 

**) S. unsern Aufsatz über die Zeit des zweiten Einfalls der Hyksos 
in Aegypten, in der Zeitschrift der deutschen morgenländ. Gesellschaft. 
Bd. XIV. S. 640 ff. 


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306 


A. Scheuchzer. 


asien im Ganzen dieselben geblieben. Die Pharaonen der 
19. Dynastie, welche die alten Grenzen des Reiches wieder 
gewannen und zu erweitern suchten , kommen aufs Neue in 
Kampf mit denselben asiatischen Völkerschaften wie die 
Tuthmosen, mit den Remenen, den Ruten, den Char und 
den Cheta. Noch nehmen die Ruten unter Sethosis I. eine 
bedeutende Stellung ein, wenn auch ihre frühere Stadt Innua 
(Junua) nunmehr den Char gehört. Der Sohn des Sethosis I. 
Ramses II., sah sich in seinem 5. Jahre von einer grossen 
Verbindung vorderasiatischer Völker bedroht, welche sich 
über »das Gebiet des Landes Cheta. des Landes Naharin, 
des ganzen Landes Keti« erstreckte und u. A. Artu, Chirbu, 
Ketesch, Leka, Karkamasch umfasste (Brugsch, Geograph. 
Inschr. II, S. 22 f.). An der Spitze dieser Verbindung stan- 
den nicht mehr die Ruten , sondern die Cheta. Der Kampf 
drehte sich vornehmlich um die Stadt Kedesch, die als im 
Land Amar (der Amoriter) liegend bezeichnet wird, stark 
befestigt, von dem Wasser Arnut (Orontes?) inselartig um- 
geben war. Die Einnahme dieser Stadt und der Sieg über 
die Cheta sind die glänzenden Kriegsthaten Ramses II. In 
seinem 8. Jahre nahm er die Stadt Salem (nach Brugsch 
Jerusalem) und Dapur (Dabrat? Jos. 19, 12) im Lande der 
Amoriter nebst andern kananitischen Städten ein. Die Ein- 
nahme von Askalon, damals von Kananitern, nicht von 
Philistern bewohnt, ist in Karnak dargestellt. Das grosse 
palästinensische Denkmal Ramses II. sind seine Felsentafeln 
am Nähr el Kelb bei Beirut und andere auf den Felsen von 
Adlun in der Gegend von Tyrus. Ungeachtet seiner Siege 
über die Cheta war ihre Kraft nicht gebrochen. In seinem 
21. Jahre schloss Ramses mit Chetasir, dem Grossfürsten 
der Cheta, Frieden und Bündniss, welche bei den Gott- 
heiten beider Länder, dem Sutech und der Astarte der 
Chittier-Städte, den Göttern der Berge, Flüsse, Winde etc. 
beider Länder beschworen werden. Dadurch verpflichten 
sich die beiden Fürsten, keiner gegen das Land des Andern 
zu ziehen, um Beute zu machen, und einander die Ueberläufer 



Assyrische Forschungen. 


307 


gegenseitig zurückzuschicken. Dieses Bündniss war zum Theil 
Erneuerung früherer Friedensverträge, welche von dem Bru- 
der, Vater und Grossvater des Chetafürsten mit Aegypten 
geschlossen, aber durch Feindseligkeiten wieder gebrochen 
worden waren. Der Friedensschluss ward dadurch besiegelt, 
dass Ramses die Tochter des Chetafürsten zur Gemahlin 
nahm. Nichts stellt die Macht der Cheta unwidersprech- 
licher dar, als dieser Vertrag mit dem grossen Bamses 
Miamun. 

Die Kriege gegen die Cheta hörten nun eine Zeit lang 
auf Menephthes, der Sohn Ramses II., bekriegte ganz 
andere Völker. Neue Namen erscheinen in der Liste seiner 
Feinde. Vor Allem die Ribu oder Libu, die zwar schon 
unter den Hülfstruppen Amenophis IV. Vorkommen ; dann 
die Schakalscha, Leku, Turischa, Tamahu (Brugsch, Geogr. 
Inschr. II, S. 82, Taf. XXV). Wir kommen nochmals auf 
diese Völker zurück. — Es folgte nun für Aegypten aber- 
mals eine Zeit innerer Zerrüttung und Schwäche. Das Reich 
war getheilt. Mehrere Usurpatoren machten dasselbe den 
legitimen Königen in der letzten Zeit der 19. Dynastie 
streitig. Mit Ramses III. , welcher allgemein an die Spitze 
der 20. Dynastie gestellt wird, war die innere Spaltung 
überwunden und die Einheit des Reiches hergestellt, so 
dass dieser König seine Kraft wieder nach aussen wenden 
konnte. Ramses III. (nach 1300 v. Ch.) tritt siegreich gegen 
alte und neue Feinde in Kampf. Seine Schlachten und 
Triumphe sind an den Wänden seines Tempels in Medinet 
Abu (Westseite von Theben) dargestellt. In der Inschrift 
am zweiten Pylon des Tempels zählt er seine überwundenen 
Feinde auf. Hier erscheinen nach längerer Zeit abermals 
die Cheta in Verbindung mit Keti, Kar(k)amasch, Artu, 
Ars. Die Feinde aus diesen fünf Landschaften oder Städten 
waren im Lande Amar zusammen gekommen. Die Inschrift 
nennt das 8. Jahr des Königs. Aber nicht nur mit den 
Cheta und ihren Verbündeten hatte Ramses III. Kämpfe zu 
zu bestehen. Eine andere Inschrift am nämlichen Tempel 


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308 


A. Scheuchzer. 


auf der Nordseite der äussern Mauer meldet, die Verbün- 
deten hätten sich im Lande Zali (Phönicien) vereinigt, daliin 
habe der König seinen Zug gerichtet. Es kommt zu einer 
Schlacht mit dem zum ersten Male genannten Volke der 
Zekkar oder Zekuri, welche durch eine Art Federkrone 
auf dem Haupte kenntlich sind, und welche ihre Weiber 
und Kinder auf Karren mit Scheibenrädern mit sich führen, 
die von zwei Pferden oder vier Ochsen gezogen werden. 
Die Zekkar werden besiegt, .und das ägyptische Landheer 
zieht in bester Ordnung durch eine von Löwen beunruhigte 
Gegend (am Libanon?) nach der Meeresküste, wo die ägyp- 
tische Flotte mit der vereinigten Seemacht der Zekkar und 
der Schairetana in Kampf gerathen ist. Die feindliche Flotte 
ist zwischen der ägyptischen und der Küste eingeschlossen, 
so dass auch das ägyptische Landheer vom Strande aus an 
dem Kampfe Theil nimmt und die Niederlage der Verbün- 
deten entscheidet. Die Stelle des Kampfes an der phöni- 
cischen Küste war durch den Namen der Festung oder 
Thurm des Ramses Hak-on für die Aegypter hinreichend 
bezeichnet. Die Schairetana oder Sehardana werden 
ausdrücklich ein Seevolk genannt, und sind durch den 
kugelförmigen Aufsatz und die zwei vorspringenden Hörner 
ihrer Helme kenntlich. Sie führen wio die Zekkar neben 
ihren Spiessen ein dolchartiges Messer als Waffe, und ihre 
Schilde sind mit Handhaben versehen. Ihre Bewaffnung 
erinnert zum Theil an das, was Herodot (I, 171) von der 
Rüstung der Karer berichtet. Die Sehardana kommen aller- 
dings schon unter Ramses II. und zwar als Bundesgenossen 
der Aegypter gegen die Rebu vor. Ausser den Genannten 
nahmen am Seekriege gegen Ramses III. Theil die Pulsta. 
Schakalscha, Daanau, Uaschascha. Einmal werden die 
Zekkar, die Pulsta, Daanauna, Schakalscha als 
die Völker genannt, welche gekommen seien »von den Inseln 
des grossen Meeres«. Alle diese vier Völker zeichnen sich 
durch dieselbe Federkrone aus wie die Zekkar. — Auf einer 
Mauer am Palast Ramses III. werden als überwunden aus 


Assyrische Forschungen. 


309 


den Nordländern angeführt die Häuptlinge der Cheta, Amar, 
der feindlichen Zekkar und Schasu, der Seevölker Schar- 
dana und Tuirscha. 

Eine dritte Völkergruppe unter den Feinden Ramses III. 
bilden die Tamahu, Libu oder Rebu, und Maschauascha. 
Diese gehören wahrscheinlich dem Westen und Libyen an. 
Brugsch hält die Rebu, die bedeutendsten von ihnen, geradezu 
für Libyer, die Maschauascha für die MaZves am Tritonfluss 
in Libyen (Herodot IV, 191). 

Von den vier Völkern aus den Inseln des grossen Mee- 
res hat man in den Pursta oder Pulsta xvn ) längst die 
Philistäer erkannt. Sie erscheinen auf mancher Küste 
und Insel des Mittelmeeres: so in Epirus, welches vor 
Alters Palästina hiess (Joann. Lydus de magistrat. III. 4G); 
bei den Keraunischen Bergen war ein Ort Paläste (Caesar, 
B. C. III, 6). Den dortigen Strand nennt Lucan (Pharsal. 
IV, 460) Palaestinas harenas. Palästiner sind auch auf 
Sicilien, im nordöstlichen Theil der Insel ist eine llaXai- 
örivGov yr\ (Appian IV, 117). Die Philister werden 1. Mos. 
10, 14 von Mizraim, d. i. aus Aegypten hergeleitet. Nach 
Jeremias (47, 4) und Arnos (9, 7) sind sie aus dem Insel- 
oder Küstenlande Kaphtor nscli Kanaan gekommen. Nun 
ist I-Kaphtor buchstäblich das griechische Al-yvnros , ein 
Name des Delta.*) Dass Aegypten eine alte Heimat der 
Philister gewesen ist, bezeugt die Erinnerung an den Hirten 
Philition, der seine Heerde bei den Pyramiden geweidet 
(Herodot II, 128). Zu Ramses III. Zeit waren die Philister 
freilich längst (seit dem Abzug der Hirten) aus Aegypten 
verdrängt uud zum Theil auf sehr entlegenen Gestaden und 
Inseln niedergelassen , so dass sie jetzt unter den fremden 
und feindseligen Insulanern Vorkommen. 

Neben den Pulsta stehen in derselben Tracht abge- 
bildet die Daanau oder Daanauna. xvin ) Ihr Name klingt 


*) S. unsern Anfsatz Nilus und Aegyptus , in der Monatsschrift des 
wissenschaftlichen Vereins in Zürich vom Jahr 1858. 


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310 


A. Scheuchzer. 


so stark an den des Danaus und der Danaer an , dass man 
nicht umhin kann, sie mit denselben zusammenzustellen, 
ln diesem Fall hätten wir wieder ein Volk vor uns, welches 
wie die Philister früher in Aegypten niedergelassen , in der 
Folge wie manches andere aus diesem Lande vertrieben, 
sich nach andern Gestaden gewendet hat. Auch der Pelo- 
ponnes gehört ja zu den Inseln des grossen Meeres, von 
welchen jene maritimen Gegner Ramses III. zunächst ge- 
kommen sind. Der Name des Perseus, wie es scheint, des 
Eponymus der Pursta oder Pulsta, und der Danae ent- 
spräche der engen Verbindung zwischen den Pulsta und 
Daanau. Ob die letztem identisch mit den auf der Granit- 
stele Tuthmosis III. (col. 19) genannten Tnau (Utnau) seien, 
scheint sehr die Frage. 

Für die Zekkar oder Zekuri XIX ) bietet sich unter den 
Insulanern und Küstenanwohnern des Mittelmeeres der Name 
des alten Volkes der Teukrer zur Vergleichung dar. Der 
ältere Teuker kommt aus Kreta nach Troja (Servius ad Aen. 
1, 42). Teuker, der Sohn des Telamon, gründet Salamis 
auf Cypern. Teucrum memini Sidona venire, sagt die sido- 
nisch% Königin in der Aeneis (1, 623). Von der phönicischen 
Küste aus gewann Teuker Cypern. An der phönicischen 
Küste schlugen sich die Zekkar mit Ramses III. Es scheint, 
als ob in den troischen Erzählungen noch Anklänge an die 
Völkerverhältnisse jener Pharaonenzeit sich fänden. Die 
Maxyer, in welchen Brugsch die Maschauascha erkennt, 
hielten sich für Abkömmlinge der Troer. Der Name der 
Schardana xx ) findet sich in dem Sardanapals wieder, 
welches nebst andern Gründen darauf hinweist , dass dieser 
Heros einem andern Volke als den Assyrern angehört. Die 
Schlusssylbe pall enthält auch der Name eines im Vertrag 
der Cheta mit Ramses II. genannten Chittierfürsten , des 
S.pll. 

Die Schardana erinnern übrigens an das Volk der 
Sarden, von denen die Insel Sardo benannt ist, die Scha- 
kalscha XXI ) an die Sikeler, die Tuirscha XXIX ) an die 


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Assyrische Forschungen. 


311 


Tvpörjvoi der Klassiker, die Uaschascha endlich an die 
Auschisae, ein libysches Küstenvolk in Cyrenaica oberhalb 
Barke, deren Gebiet bei den Euesperiden ans Meer reichte 
(Herodot IV, 171). — Die Namen der Insulaner und Anwoh- 
ner des Mittelmeeres, wie die Schardana, Daanau, Scha- 
kalscha, Tuirscha, bilden die Anknüpfungspunkte zwischen 
dem Orient und der Urgeschichte der klassischen Länder 
von Hellas und Italien. Die Regierung Ramses III. trifft 
ungefähr in die Zeit, in welche nach der ältern Bestimmung 
(Herodot II, 145. Vita Homeri c. 38) der Zug gegen Troja 
gesetzt wird, um 1270 v. Chr. Dass Ilion zur Zeit eines 
Ramses gefallen sei, nehmen auch die Gewährsmänner des 
Plinius an (H. N. XXXVI, 14. § 65). Damals fanden grosse 
Bewegungen unter den Völkern des Mittelmeeres statt, in 
Folge deren es noch Jahrhunderte dauerte, ehe die Stämme 
im nachmaligen Hellas zu festen Wohnsitzen gelangten (Thuc. 
I, 2. 12). Im Allgemeinen hat man sich die genannten Insu- 
laner zu Ramses HI. Zeit noch an östlicheren Gestaden zu 
denken, während die klassische Geschichte sie mitunter weit 
im Westen antrifft. Ein Beispiel solcher weiten Wande- 
rungen sind die Tyrsener. Wüssten wir nur von denen in 
Italien, und nicht dass sie einmal in Lydien sassen (Herodot 
I, 94), so würde Niemand daran denken, dass dieses Volk 
auf den Denkmälern der Pharaonen genannt sein könnte. 
Aehnliche Geschicke können auch Sikeler und Sarden, wir 
möchten wohl beifügen, auch die Rodanim, nach dem Westen 
geführt haben. 

Ramses HI. ist auf lange Zeit der letzte Pharao, der 
sich solcher Siege über die äussern Feinde rühmen konnte. 
Noch brachten zwar die Ruten unter seinem Nachfolger, 
Ramses IV., ihren Tribut nach Aegypten. Bemerkenswerth 
ist hiebei, dass die Cheta, welche seit Ramses H. an der 
Spitze der Vorderasiaten stehen , nicht genannt sind. Noch 
auffallender ist es , wenn von einem der letzten Könige der 
20. Dynastie, von Ramses XII., gesagt wird, er habe in 
Naharina den jährlichen Tribut der dortigen Könige 


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312 


A. Scheuerer. 


erhoben. So heisst es nämlich in der von Birch und de Rouge 
erläuterten Inschrift einer Stele, die aus dem Tempel des 
Chonsu in Theben stammen soll und welche die Krankheits- 
geschichte einer Fürstentochter von Bachten oder Bochten 
enthält. Ueber die Lage dieses Ortes oder Landes vernimmt 
man bloss, dass der zur Heilung der Fürstin hingesandte Gott 
Chonsu ein Jahr und 5 Monate zur Reise gebraucht habe. 
De Rouge vergleicht mit Bachten den Namen des Berges 
Bagistan; Brugsch sieht darin die Stadt Egbatana. Es gab 
indess auch ein Egbatana in Syrien (Herodot HI, 64). Es 
ist uns nicht klar, weshalb die Aegyptologen die betreffende 
Stele auf Ramses XII. und nicht auf Ramses II. bezogen 
haben. Die Namensschilder beider Könige siud wesentlich 
gleich, und es ist schwer zu glauben, dass gegen Ende der 
20. Dynastie noch ein Pharaoh nach Naharina gekommen 
sei, um dort Tribut zu erheben. Denn schon hatte sich 
neben und über der königlichen Gewalt in Aegypten eine 
andere Autorität erhoben, die der Hohenpriester des Amon 
von Theben, welche die Ramessiden um jene Zeit vom Thron 
verdrängten und eine Priesterlierrschaft in Theben begrün- 
deten, während Unterägypten der Dynastie der Taniten 
anheim fiel, das Reich also gespalten war. Die Inschriften 
der Säulenhalle des Chonsutempels in Theben rühmen zwar 
von Herhor, dem ersten jener Priesterkönige, er habe durch 
seine Siege Aegypten erweitert, und die Grossen der Ruten 
hätten ihm daselbst ihre Huldigung dargebracht. Allein es 
ist sehr die Frage, ob diese Inschriften streng historische 
Wahrheit enthalten. 

Die 21. Dynastie, die erste aus Tunis oder Zoan, führt 
uns in die Zeitsn David’s und Salomo’s hinab. Ihr gehört 
der Pharao an, zu welchem der edomitische Prinz Hadad 
vor David floh. Hadad’s in Pharao’s Hause aufwachsender 
Sohn trug den ächt ägyptischen Wiirdeuamen Genubat oder 
Ganbut (1. Kön. 11, 14—22). Mit einem Könige dieser 
Dynastie befreundete sich Salomo und ehlichte dessen Tochter, 
welche das den Kananitern abgewonnene Gaser von ihrem 


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Assyrische Forschungen. 


313 


Vater als Mitgift erhielt (1. Kön. 3, 1; 9, 16. 24). Es muss 
dieses der letzte König der 21. Dynastie gewesen sein; denn 
nicht erst in der letzten Zeit Salomo’s floh sein Widersacher 
Jerobeam zu Sisak, dem ersten König der 22. Dynastie, 
welche von der Stadt Bubastis in Unterägypten ausging 
und die gleich von Anfang feindselig gegen das Haus Juda 
sich zeigt. Diese Dynastie entstammte wie die des Herhor 
einer priesterlichen Familie, welche aus den in ihr vor- 
kommenden Namen Nebnescha, Nemurot, Osorkon, Takelot, 
zu schliessen, ausländischer, asiatischer Herkunft war. Nicht 
als ob dieses Haus in Folge einer fremden Eroberung auf 
den Thron gelangt wäre. Schon die Vorfahren des ersten 
Königs Sesak wohnten als Privatpersonen im Lande. In 
ihrem Stammbaum, der auf einer Stele des Serapeum sich 
befand, und welcher im Ganzen 16 Generationen umfasst, 
werden sechs Privatpersonen als die unmittelbaren Vorfahren 
Sesaks I. genannt.*) Sesak oder Sesonk selbst ist der aus 
der Bibel bekannte Eroberer Jerusalems. Seine Siege sind 
durch Bauten und Darstellungen im Amonstempel von Theben 
verewigt. An der südlichen Aussenwand des grossen Tem- 
pels finden sich über 130 Mauerringe mit theilweise zer- 
störten Namen überwundener Städte und Landschaften. 
Aus der Betrachtung dieser Namen geht hervor, dass Sisak 
nicht nur die festen Städte Juda’s einnahm (2. Chron. 12, 4) 
— der Name Jerusalems ist so viel uns bekannt noch nicht 
gefunden — sondern auch eine Anzahl Städte im Reich 
Israel, worunter namentlich Levitenstädte, wie Brugsch 
(Geogr. Inschr. II, S. 70) hervorhebt, so Taanach, Maha- 
naim, Bethhoron, Kedemoth, Golan (No. 14. 22. 24. 25. 127. 
Jos. 21, 25. 38. 22. 37. 27). Eine Levitenstadt ist auch Juta 
(Jos. 21, 16). Zur Unterscheidung von dieser trägt wohl 
ein anderes Juta den Beinamen hammelek (No. 29 der Sisak- 
Liste), wodurch es als Königsstadt »Juta des Königes« 

*) Siehe besonders Cepsius: Ueber die XXII. ägyptische Königs- 
dyn&stie. Brugsch, Histoire d’Egypte, p. 219—236. 

Vierteljahrsschrift. IV. 3. 21 


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314 


A. Scheuchzer. 


bezeichnet ist. Im 56. Ring sieht Brugsch den Namen von 
Edom und nimmt an, dass auch eine Anzahl unbekannter 
edomitischer Städte in der Liste enthalten sei, da Edom 
zu Juda gehörte. Jedenfalls scheint es nicht, als ob Sisak’s 
Eroberungen sich über Palästina hinaus nach dem Norden 
erstreckt hätten. Denn die Phrasen der Inschrift oberhalb 
der Städteliste , der König habe die Nord- wie die Südvölker 
geschlagen, den Schrecken seines Namens bis zu den vier 
Stützen des Himmels, d. h. der äussersten Grenze der Welt 
gegen Norden, verbreitet — sind zu allgemein, um etwas 
Sicheres daraus zu folgern. Zu bemerken ist, dass dem 
Könige Siege über die Völker der Aarau, d. i. der gelben 
asiatischen Race zugeschrieben werden, zu welcher hienach 
die Einwohner Kanaans gerechnet wären. 

Da der Bau der Bubastiden-Halle in Karnak zur Ver- 
herrlichung dieser Siege zufolge der Inschrift einer Stele 
in Silsilis in aller Eile gegen das Ende des 21. Jahres Sisaks 
unternommen ward, so kann dessen Zug gegen Juda erst 
in der letzten Zeit seiner Regierung stattgefunden haben 
(Brugsch, Hist. d’Egypte p. 223. 225). Der Zug Serah’s des 
Kuschiten zwischen dem 11. und 15. Jahre Asa's (2. Chron. 
14, 1; 15, 10) fällt demnach 26 bis 29 Jahre nach Jeru- 
salem^ Einnahme durch Sisak. Schon aus diesem Grunde 
kann Serah nicht identisch mit Osorkon , Sesonk’s Nach- 
folger sein. Ueberdiess wird Serah ausdrücklich ein Kuschite 
genannt. Seit der 20. Dynastie hatte sich in Nubien ein 
grosses Aethiopenreich gebildet, dessen Hauptstadt Napata 
in der Nähe des Berges Barkal lag. Die Macht dieses für 
Aegypten bald gefährlich werdenden Reiches wird durch 
die Inschrift einer von Mariette entdeckten Stele aus der 
Nähe des Berges Barkal bezeugt. Sie handelt von dem 
Feldzug eines Aethiopenkönigs Pianchi, der sich nach wieder- 
holten Siegen die Fürsten des Delta, deren 15 mit Namen 
angeführt sind, unterwarf. Die unter denselben vorkom- 
menden Nimrod , Osarkon weisen auf *lie Zeit der 22. oder 

23. Dynastie. Der Feldzug des Pianchi lässt eiuen selbst- 

♦ 


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Assyrische Forschungen. 


315 


ständigen äthiopischen Kriegszug wie den des Serah durch 
Aegypten nach Palästina nicht unmöglich erscheinen. Es 
setzt diess freilich voraus , dass Aegypten für die Aethiopen 
eine offene Strasse geworden sei. Wenn schon Sesonk I. 
nach einem von Brugsch (Hist. d’Egypte, p. 223) angeführten 
Texte das Reich zum zweiten Male erlangt, es also einmal 
verloren hatte, so ist es wohl glaublich, dass die Pharaone 
der 22. Dynastie zeitweise der Uebermacht der Aethiopen 
weichen mussten. In der Unternehmung des Serah, die, 
wie uns scheint, nicht mit Grund bezweifelt werden kann, 
gibt sich das Streben des neu entstandenen Reiches kund, 
seine Grenzen selbst nach Asien hin auszudehnen. 

Wir haben nun alle uns bekannten Angaben ägyptischer 
Denkmäler bis auf die Zeit Nabonassars zusammengestellt, 
welche irgend auf Asien Beziehung haben. Unser Augenmerk 
war besonders auf Daten über das Vorkommen der Assyrer 
in Vorderasien gerichtet. Unter allen aufgeiührten Namen 
hat sich indess ein einziger gefunden, welcher möglicher- 
weise auf die Assyrer zu deuten war, der Name Assur, 
dessen Häuptling bei den Ruten erwähnt ist. Allein wir 
sahen, dass dieser Name auch eine ganz andere Erklärung 
zuliess. Wenn ferner geographische Namen, wie Singar, 
Naharina, aus dem nachmaligen Umfang des assyrischen 
Reiches genannt sind, so ist damit nicht bewiesen, dass 
solche Städte oder Landschaften schon zur Zeit der Ab- 
fassung der betreffenden Inschriften den Assyrern unter- 
worfen waren. Manetho redet freilich von der grossen Macht 
der Assyrer schon zu Anfang und Ende der ersten Hyksos- 
zeit; es ist diess aber eine starke Anticipation , und er wird 
darin weder durch die ägyptischen Denkmäler, noch durch 
die Bibel bestätigt. Die Assyrer sind weder auf den Denk- 
mälern der Tuthmosen und Amenophis , noch auf denen 
der Ramessiden nachgewiesen worden. Diess war zwar für 
Jeden nicht anders zu erwarten, dem es nach Herodot und 
Berosus gewiss ist, dass von einem Auftreten der Assyrer 
vor dem 13. Jahrhundert überall nicht die Rede sein kann. 

21 * 


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316 


A. Scheuchzer. 


Wie aber steht es seit dieser Zeit? Ramses III. ist unge- 
fähr gleichzeitig mit den Anfängen der assyrischen Herr- 
schaft über Babylon und Oberasien. Nichts führt aber 
darauf, dass dieser König nnter den zahlreichen Völkern, 
mit denen er in Berührung kam, auch auf die Assyrer 
gestossen sei. 

Die seit Ramses III. beginnende Schwäche Aegyptens 
schreibt Bunsen der sich damals über Vorderasien bis 
Aegypten reissend schnell ausbreitenden assyrischen Obmacht 
zu. In den ersten 17 Jahren des Ninus, d. h. von 1273 
bis 1257 v. Ch. , wie er annimmt, sei die Eroberung Asiens, 
namentlich worauf es hier besonders ankommt, Syriens, 
Phöniciens, ja selbst Aegyptens vollendet worden. (Aegyp- 
tens Stelle in der Weltgeschichte, Buch IV, S. 307. 348) 
Diese Ansicht beruht indess einerseits auf der Versetzung 
des Ninus und der Semiramis aus dem 22. oder 23. in das 
13. Jahrhundert, anderseits auf 'der Uebertragung dessen, 
was von den Niniaden berichtet wird, auf die 6. Dynastie 
des Berosus. Wir suchten im ersten Abschnitt zu zeigen, 
dass ungeachtet der Erwähnung der Semiramis bei Berosus 
weder jene Versetzung noch eine solche Uebertragung ge- 
rechtfertigt sei, indem die Niniaden in gar keiner Beziehung 
zur 6. Dynastie des Berosus stehen. Demnach stellen wir 
die Eroberung Aegyptens durch die Assyrer, ja überhaupt 
die Ausdehnung der assyrischen Herrschaft über Vorderasien 
seit dem 13. Jahrhundert entschieden in Abrede, und erin- 
nern daran, dass damals die Gefahr für Aegypten von ganz 
anderer Seite, vom Süden her kam. Die Schwäche Aegyp- 
tens seit jener Zeit wird durch die inneren Spaltungen, sowie 
durch die Entstehung eines mächtigen äthiopischen Reiches 
in Nubien hinlänglich erklärt. 

Eben so wenig als auf den ägyptischen Denkmälern sind 
die Assyrer vor der Zeit Nabonassars in der Bibel als Herren 
in Vorderasien genannt. Hätte das assyrische Weltreich 
schon seit dem 13. Jahrhundert seine Hand schützend wie 
erobernd über WTestasien ausgestreckt (Bunsen a.a.O. S. 285), 



Assyrische Forschungen. 


317 


so müsste sich eine Spur hievon, wenn auch nicht in den 
spärlichen Resten der phönicischen Annalen, doch in der 
israelitischen Geschichte erhalten haben. Dass der ara- 
mäische König Chusan Risathaim (Jud. 3, 8. 10) assyrischer 
Satrap gewesen (Bunsen a. a. 0. S. 366 f.), ist blosse Hypo- 
these. Sollte bei den wiederholten Drangsalen der Israe- 
liten nie eine Veranlassung gewesen sein, des assyrischen 
Grosskönigs zu gedenken, wenn die vorderasiatischen Län- 
der einem solchen damals schon dienstbar und zinspflichtig 
waren? In der ganzen Geschichte der Richterzeit zeigt sich 
nirgends eine Spur von einer Anerkennung assyrischer Ober- 
hoheit. Hätte ein assyrisches Reich in der angenommenen 
Ausdehnung in jenen Jahrhunderten bestanden, so mussten 
auch die ersten Könige Israels mit demselben in Berührung 
kommen. David zog an den Euphrat und errichtete dort 
als Zeichen seiner Herrschaft, wie sechs Jahrhunderte früher 
die Tuthmosen, seine Stele (l.Chron. 18, 3. Vgl. 2. Sam. 18,8). 
Auf wen stiess er bei dieser Unternehmung? Auf den König 
von Aram Zoba, nicht auf Assyrer. Auch damals waren 
die Länder am Euphrat und diesseits des Stromes so wenig 
als zu den Zeiten der Tuthmosen und Ramessiden zu einem 
einheitlichen Reiche vereinigt. Es bestanden mehrere klei- 
nere aramäische Staaten, welche eine gewisse Oberhoheit 
des Königs von Zoba anerkannten, von dem sie später auf 
Damascus überging. Auch Hadad Esers Bundesgenossen von 
jenseits des Stromes waren Aramäer und keine Assyrer. Diese 
kleinen Staaten von Damascus , von Beth-Rehob , Maacha, 
Tob, der Aramäer jenseits des Stromes, unter der Hoheit 
von Zoba, sowie in grösserem Maasstabe die Staaten von 
ganz Aram, von Moab, Ammon, Edom, Amalek, der Philister, 
sämmtlich unter Davids Hoheit, sind ein entsprechendes Bild 
der Conföderationen , wie sie in Vorderasien zur Zeit der 18. 
und 19. Pharaonen-Dynastie unter dem Principat der Ruten, 
der Cheta, mitunter auch der Char uns entgegentraten. 

Auch seit der Trennung der beiden Reiche ist Israel 
bis auf den Zug Phuls nicht in der fernsten Berührung mit 


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318 


A. Scheuclizer. 


Assyrien. Vor diesem Ereignisse ist nicht die leiseste Spur 
eines assyrischen Einflusses auf die Geschicke Israels zu ent- 
decken, welches so oft von der Uebermacht des aramäischen 
Reiches von Damascus bedrängt war. Da wäre es doch in 
der That auffallend, wenn Jehu auf einem assyrischen Denk- 
mal genannt wäre, wie inan seinen Namen auf der schwarzen 
Stele von Nimrud hat lesen wollen. Wäre Jehu, zu dessen 
Zeit Israel am schwersten von den Schlägen Arams betroffen 
war, einem assyrischen Grosskönig zinspflichtig gewesen, so 
hätte ihn dieser seinem Dränger Hasael gegenüber wohl 
eben so wenig im Stiche gelassen, als Tiglat-Pileser den 
Ahas dessen zwei Gegnern Preis gab. Warum hätte sich 
Assyrien nicht schon im 9. Jahrhundert in den Streit zwischen 
Damascus und Israel einmischen sollen, wenn der Westen 
damals schon im Bereich seiner Macht lag? Aber freilich 
den Beweis, dass jene Monumente im trän stigri tischen Adia- 
bene von den assyrischen Königen der Bibel und ihren Vor- 
fahren in noch früheren Jahrhunderten herrühren, ja dass 
sie überhaupt assyrischen Ursprunges seien, ist man schuldig 
geblieben. 

Es ist oben berührt worden, dass die Könige des von 
Babylonien sich ablösenden assyrischen Reiches niemals nach 
ihrer Residenz benannt sind, sondern stets als Könige von 
Assur bezeichnet werden. Weder Tiglat-Pileser, noch Sal- 
manasar, noch Sanherib heissen je Könige von Ninive. Eineu 
unbenannten König von Ninive kennt nur das Buch Jona. 
Darf man annehmen, dass die darin erzählten Ereignisse 
den 2. Kön. 14, 25 erwähnten Propheten betreffen, so haben 
sich dieselben spätestens unter Jerobeam II. zugetragen, also 
jedenfalls vor dem ersten Auftreten der Assyrer in Vorder- 
asien. Das Ninive Jona’s wird auch kaum das babylonische 
Ninus des Herodot sein, von welchem wir annehmen muss- 
ten, dass es bei dem grossen Abfall der Bundesgenossen 
um 750 v. Chr. nicht verschont, sondern gebrochen ward. 
Es bleibt nichts anderes übrig, als an das kommagenische 
Ninus zu denken. Wir sahen, wie Tuthmosis III. auf seinem 


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Assyrische Forschungen. 


319 


Zuge nach Naharina vor eine Stadt Nenii gelangte. Darf 
man dieses für ein Ninive halten, so ist die Existenz einer 
Stadt dieses Namens in der Nähe des Euphrat für eine 
ungleich ältere Zeit, lange ehe von Assyrern in jenen Ge- 
genden die Rede sein kann, monumental bezeugt. Dadurch 
wird bestätigt, dass die Niniaden nach Vorderasien gehören, 
und dass sie keine Assyrer sind. Der ungenannte König 
von Ninive des Buches Jona ist den in den Inschriften 
Tuthmosis UI. vorkommenden Fürsten einzelner Städtereiche 
zu vergleichen und hat noch zu einer Zeit gelebt, ehe dieses 
kommagenische Ninive bei Hierapolis in die Gewalt der 
Assyrer gerathen war. Das Vorkommen eines ursprünglich 
nicht assyrischen Ninus in Vorderasien ist mit dem, was 
wir von assyrischer Geschichte wissen, nicht im Widerspruch. 
Die Assyrer breiteten sich ja von Babylonien her nach dem 
Westen aus, und konnten folglich das kommagenische Ninus 
erst bei ihrem weiteren Vordringen nach der Seeküste hin 
besetzen und zur Metropole ihres neu entstehenden Reiches 
erheben. Ihr früheres Reich in Babylonien war allem An- 
schein nach ohne alle Verbindung mit dem Westen. So lange 
das Haus Jehu den Thron Israels inne hatte, ist es immer 
nur die Macht der Könige von Aram, welche Israel und 
Juda von Asien her bedroht. Von einem assyrischen Reiche, 
welches auch Vorderasien umfasst hätte, ist vor Nabonassar 
nicht die Rede. Bis auf diese Zeit stand die Herrschaft 
über jene Länder noch bei Aram , nicht bei Assur. Erst mit 
dem Zuge Phuls beginnt für Vorderasien eine neue Aera. 
Die kleineren Staaten verschwinden einer nach dem andern. 
Die Zeit der Universalmonarchien ist für Asien angebrochen. 


Es kann befremden, dass in assyrischen Forschungen 
die Resultate der Entzifferungen von Keilinschriften nicht 
berücksichtigt worden sind. Verfasser hat die Arbeiten auf 
letzterem Gebiete keineswegs ignorirt, sondern dieselben seit 
einer längern Reihe von Jahren nach Möglichkeit verfolgt. 


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Assyrische Forschungen. 


Allein auch die Leistungen Menants und Opperts konnten 
ihn nicht davon überzeugen , dass die Entzifferung der uni- 
linguen Keilinschriften, auf die es hier zunächst ankommt, 
zurZeit auf so festen Boden gebracht sei, dass man sicher 
annehmen dürfte, den Sinn der in dieser Schriftgattung 
abgefassten Texte getroffen zu haben. Bei den achämeni- 
schen Trilinguen stellt allerdings der entzifferte persische 
Text der Sinn der zweiten und dritten Version im Allge- 
meinen fest. Allein zwischen der Keilschrift dritter Gattung 
und derjenigen der Unilinguen von Khorsabad, Nimrud, 
Kojundschik liegt eine grosse Kluft. Die letztem enthalten 
eine bedeutende Anzahl von Zeichen, die sich in den Tri- 
linguen nicht finden. Selbst Oppert gibt zu, dass die in 
ihnen enthaltenen Eigennamen nur durch Supposition gele- 
sen worden sind. So sind die Namen Tiglat-Pileser , Sal- 
manasar, Asaradin, Sardanapal rein hypothetisch. Was 
sind aber historische Inschriften ohne zuverlässig gelesene 
Eigennamen? Schon deshalb konnte von den Uebersetzun- 
gen derselben kein Gebrauch gemacht werden. 

Da vorstehender Aufsatz hier unverändert abgedruckt 
ist, wie er schon zu Anfang 1865 vollendet war, so ist 
nachzutragen, dass Brugsch die Char seither als Karer 
erklärt hat. Wäre de Rouge’s »Memoire sur les attaques 
dirigees contre TEgypte par les peuples de la Mediterranee 
vers le XIV m< * siede avant notre ere« dem Verfasser schon 
zur Hand gewesen, so hätte die Identificirung der mariti- 
men Gegner Ramses III. mit den Insulanern der vorhelle- 
nischen Zeit mit grösserer Sicherheit durchgeführt werden 
können. 


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II. 


Zu der Parabel vom imgerechten Haushalter. 

Luc. 16,1 — 18. 

Von 

<ß. (graf, 

Superintendent in Schalkau, Herzogth. Sachsen-Meiningen. 


Von den verschiedenen, bereits hoch in die dreissig 
gehenden Erklärungen dieser Parabel hat sich bis jetzt keine 
einzige der allgemeinen Zustimmung zu erfreuen, und es 
muss sich daher die exegetische Arbeit immer aufs Neue 
dieser Crux interpretum zu wenden , so dass auch der gegen- 
wärtige Versuch, die Schwierigkeiten derselben auf eine 
dem Zusammenhänge und dem Wortlaut angemes- 
sene Weise zu lösen, einer besondern Entschuldigung nicht 
bedürfen wird. Schwierigkeiten aber hat man in unserer 
Parabel bekanntlich fast eben so viele gefunden , als dieselbe 
Worte oder doch Sätze enthält. 

Man streitet zunächst über die Frage, für welchen 
Zuhörerkreis Jesus das Gleichniss aufgestellt hat* demgemäss 
aber auch darüber, welches die eigentliche Pointe desselben 
sein sollte, und ob diese in der Sentenz ausgedrückt sein 
soll: »Die Kinder dieser Welt sind klüger als die Kinder 
des Lichtes in ihrem Geschlecht«, oder in der andern: 
»Machet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon!« 
Man streitet ferner über die Bedeutung von jxa/AGJväz rtfi 
adiKlas*. ob damit »das Unrechte Gut« im prägnanteren 
Sinne des Wortes oder nur »das zeitliche Gut« überhaupt 
gemeint wird; man streitet nicht weniger über die Bedeu- 
tung von avS poonos nXovöio s und d Kvpios , da der Eine 
unter demselben die Römer, ein Zweiter den Kaiser, ein 


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322 


E. Graf. 


Dritter den Teufel, ein Vierter den Mammon und ein Fünfter 
Niemand anders als Gott selbst verstanden wissen will; 
man streitet ebenso über die Person und die Verfahrungs- 
weise des olxovopos : ob dieser ein einfacher Kentenverwalter 
oder ein Generalpächter oder was sonst gewesen sei, und 
ob er sich wirklich eines Betrugs schuldig gemacht habe 
oder nur fälschlich für einen Betrüger erklärt worden sei; 
man streitet über den Begriff von xß B00< P ei ^ r V g 1 raan 
dabei an »Schuldner« im stricteren Sinne, oder bloss an 
Unterpächter, die einen Fruchtzins zu bezahlen hatten, 
denken solle; man streitet desgleichen über die Construction 
von i7irjve6Ev, oti etc. (V. 8): ob on — eiöiv als directe 
oder als indirecte Rede, mithin als ein Urtheil des reichen 
Gutsherrn, oder als eine von Jesu dem Gleichniss beige- 
fügte Erläuterung aufgefasst werden muss, u. s. w. u. s. w. 

Es wird sich daher empfehlen, dass man vorerst — 
unbekümmert um alles Andere — einmal zusieht, was etwa 
der Zusammenhang, in welchem die Parabel steht, über 
die Tendenz derselben an die Hand geben kann. 

Hier aber dürfte Folgendes zu beachten sein. Alles 
von Cap. 15 bis 17, 10 Erzählte ist von dem Evangelisten, 
der in seinem Proömium (1,3) ausdrücklich versichert, dass 
er die einzelnen Thatsachen aus dem Leben Jesu nicht bloss 
axpißobs , sondern auch xaSegtj? beschreiben wolle, auf 
Einen und denselben Schauplatz verlegt. Denn 
nach 14, 25 hatte Jesus so eben das Haus eines Obersten 
der Pharisäer, bei dem er zu Tische gewesen war, wieder 
verlassen, um sich auf eine Keise zu begeben; es heisst ja 
dort ausdrücklich: »Es ging aber viel Volks mit ihm.« 
Auf dieser Reise nun waren nach 15, 1 viele Zöllner und 
Sünder zu ihm gekommen; es waren aber auch Pharisäer 
und Schriftgelehrte da, wie aus V. 2 hervorgeht; und das 
Murren derselben über die Zulassung dieser Sünder gab 
Jesu Anlass, die fünf verschiedenen Gleichnisse vorzutragen, 
die in Cap. 15 und 16 enthalten sind, worauf dann noch 
besondere Reden für die Jünger folgen, die 17, 1 — 10 angefügt 


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Zu der Parabel vom ungerechten Haushalter. 


323 


werden. Erst mit Cap. 17, 11 wechselt der Schauplatz 
wieder, wie diess ausdrücklich hervorgehoben wird mit den 
Worten: xa\ iyevero iv tgö nopeveö^ai eis 'IepoöoXvpa xa\ 
avros öitjpxsro 6ta piöov pa pelas xai raXiXalas . 
Man wird also schon hiernach zu der Annahme berechtigt 
sein , dass die auf Einem und demselben Schau- 
platz, wie aus Einer und derselben Veranlas- 
sung vorgetragenen Gleichnisse auch von Ei- 
nem und demselben Hauptgedanken durch- 
zogen sein werden, wobei sich von selbst versteht, dass 
dieser Eine Hauptgedanke in jedem besondern Gleichnisse 
auch nach einer besondern Seite oder Richtung hin aus- 
geführt werden musste. 

Bei näherer Betrachtung jener fünf Parabeln selbst 
findet man aber diese Annahme vollkommen bestätigt; und 
zwar ist der durch sie alle hindurchgehende und in jeder 
einzelnen nur hesonders modifieirte Hauptgedanke der an 
das Verlorene and die Sorge fiir dasselbe. 

Denn als nach 15, 2 die Pharisäer und Schriftgelehrten 
darüber, dass Jesus die Sünder annähme, gemurrt hatten, 
rechtfertigte er sich gegen sie in den zwei ersten zu- 
sammengehörigen Gleichnissen vom verlornen Schaf und 
vom verlornen Groschen. Da er aber hier den Gedanken 
geltend gemacht hatte, dass er ja gekommen sei, das 
Verlorene zu suchen und die Verirrten zur Er- 
kenntnis und Busse zu leiten, so lag ihm nun auch 
der Nachweis ob, dass ein solches Bemühen um das Ver- 
lorene nicht vergeblich sei; und diesen Nachweis gab 
er daher sofort in dem dritten Gleichniss, dem vom ver- 
lornen Sohne, indem er mit demselben einestheils anschau- 
lich machte, wie auch der ganz verstockt scheinende Sünder 
doch noch zur Umkehr von seinem bösen Wege gebracht 
werden, und anderntheils, wie solche Umkehr ihn in der 
That vor dem gänzlichen Verlorengehen bewahren und ihm 
zur Seligkeit helfen könne. — Folgt nun hierauf das Gleich- 
niss vom ungerechten Haushalter, der Alles aufbietet, um 


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324 


E. Graf. 


sich für die Zeit des Mangels ein Unterkommen und eine 
Versorgung zu sichern, so wird dasselbe in folgerichtigem 
Gedankenfortschritt nichts Anderes bezwecken sollen, als 
zu zeigen , wie dem Menschen nichts mehr am 
Herzen liegen müsse, als das Seinige zu tliuni 
um sich die Seligkeit zu erringen und also 
dem Verlorengehen vorzubeugen. Und wenn nun 
darauf den Pharisäern , die über dieses vierte Gleichniss 
gespöttelt hatten (V. 14: igepvHTjjpiZov avtov ), das fünfte 
(vom reichen Mann und armen Lazarus) vorgetragen wird, 
so soll dieses den bisher entwickelten Gedanken damit zu 
Ende führen, dass es das jenseitige Loos der Un- 
bussfertigen und somit wirklich und ewig Ver- 
lorenen — allen Unbussfertigen zur Warnung — vor Augen 
stellt. 

Was aber die darnach (17, 1 — 10) angeführten Reden 
betrifft , so stehen diese mit den fünf vorausgegangenen 
Parabeln insofern in einem innein Zusammenhänge, als 
sie zunächst die unendliche Schuld derer besprechen, 
welche, wie jene iHpvKtrjpi^oyre? (papiGaioi, durch ihre 
Reden oder durch ihr Beispiel Andern ein Aergerniss geben, 
sie zum Unglauben und damit zur Unbussfertigkeit verleiten 
und hierdurch dazu beitragen , dass dieselben am Ende 
auch noch verloren gehen müssen (27, 1 — 3). Dabei lag es 
jedoch sehr nahe, ja es war sogar nothwendig, vor einer 
lieblosen Verdammung oder Verachtung Derer zu warnen, 
die in Gefahr sind verloren zu gehen, sowie vor der eigenen 
Selbstüberhebung und dem Stolz auf vermeintliche Gerech- 
tigkeit, was Alles V. 4 — 10 zur Sprache kommt. — Sieht 
man endlich noch im Einzelnen die Sentenzen genauer au, 
welche der vierten Parabel (eben der vom ungerechten 
Haushalter) unmittelbar angefügt sind (V. 10 bis V. 13), 
so kann man nicht verkennen, dass in denselben die Gegen- 
sätze von Iv iXaxtörcp und iv noXXcp , sowie die von äöiuov 
und aXrjSivov , und die von aXXorpiov und vperapov für 
die Auffindung des Hauptgedankens, der in der Parabel zum 


Di gi t i zo e Hay 



Zu der Parabel vom ungerechten Haushalter. 


3‘25 


Ausdruck kommen sollte, ganz entscheidend sind. Denn 
es ist augenscheinlich, dass mit iXäxiörov, ädixov und 
aXXorpiov immer Ein und dasselbe, nämlich das zeitliche 
Gut im Gegensatz zu dem ewigen Heile, als dem 
aXtföivov, noXv und vpeTepov, bezeichnet ist, wie diess 
auch durch die Zusammenfassung und Nutzanwendung in 
V. 13: »Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mam- 
mon« Uber allen Zweifel erhoben wird. Ist diess aber der 
Fall, und wird von Jesu das zeitliche Gut hier in der That 
ein ikaxt^rov genannt, so» versteht es sich auch von selbst, 
dass Jesus in dem Gleiehniss, auf welches sich diese Sen- 
tenzen beziehen, nicht die Sorge um das iXaxiötov, son- 
dern vielmehr die um das äXißivov und noXv zum Haupt- 
gegenstand seiner Ermahnungen hatte machen wollen, also 
die Sorge um der Seelen Heil und Seligkeit 

Somit führt schon die Betrachtung des Zusammenhangs 
zu der Annahme, dass an dem ungerechten Haushalter 
nichts Anderes veranschaulicht werden soll, als die Ener- 
gie, die ein bestimmtes Ziel fest im Auge behält 
und die dasselbe mit allen Mitteln zu erreichen 
strebt, oder die für das Höchste, was sie kennt, 
alles Andere einzusetzen bereit ist. 

Bei der weitern Frage nun, in welchen Worten 
des Textes etwa der Schlüssel zu dem eigentlichen Sinne 
der Parabel liegen könnte, wird es auf den ersten Blick 
allerdings scheinen, als hätten wir hier die Wahl zwischen 
den beiden Sentenzen : »Die Kinder dieser Welt etc.« 
und: »Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon!« 

Da jedoch die erstere: »Die Kinder dieser Welt etc.« 
sich unmittelbar an das Gleiehniss anschliesst, so dürfte 
es schon deswegen das Natürlichste sein, in dieser die 
Moral der Fabel zu suchen, zumal, wie oben gezeigt wurde, 
der ganze Zusammenhang dasselbe empfiehlt, wornach 
dann die folgenden Worte: xaycib Xiycj vplv 7roirjöars etc. 
nur noch beiläufig an einem durch das vorausgehende 
Gleiehniss und die dabei stehenden Pharisäer nahe gelegten 


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326 


E. Graf. 


Beispiel zeigen würden, worin und wie sich unter Anderm 
das ypovljjLGtä noietv bei den Kindern des Lichtes zu be- 
währen habe. 

Hiergegen könnte nun freilich eingewendet werden, dass 
xaycb \eyco vjutv in V. 9 ja deutlich genug zeige, wo das 
Gleichniss aufhöre. Es werde also der diesem xaycb Xeyco 
vjxiv vorausgehende Satz : on oi vioi rov alcovos rovrov etc. 
noch zu der Rede des Herrn, der den Haushalter gelobt 
habe, zu ziehen sein, und dagegen xayco Xeyco vyiv ganz 
bestimmt und genau angeben sollen, was Jesus selbst^als die 
Tendenz der Parabel bezeichnen wolle, nämlich dass in 
derselben die richtige Benutzung des ungerechten Mammons 
gelehrt werde, so dass mithin die Worte: xäya) Xeyoj vpiv 
den Gegensatz bilden sollten zu denen des V. 8: eirqveöeY 
o xvptos rov olxovopov rps aöixtas. Allein abgesehen da- 
von , dass alsdann die Parabel gar nicht in den Zusammen- 
hang, in welchem sie steht, passen würde, so widerstrebt 
dieser Annahme auch der Umstand, dass der ungerechte 
Haushalter ja gar nicht in Besitz von Reich thü- 
mern war; er würde im Gegcntheil nach V. 3 mit seiner 
Absetzung sofort an den Bettelstab gebracht worden sein, 
und selbst der schliesslich von ihm begangene Betrug bringt 
ihm kein Geld in die Hand. Es würde also die Parabel, 
wenn sie die Anwendung des ungerechten Gutes zeigen sollte, 
ganz ungeschickt construirt sein. Sie hätte dann vielmehr 
mit dem Betrug des Haushalters anfangen und schildern 
müssen, wie er sich erst durch Unterschlagungen, Erpres- 
sungen u. dgl. m. auf Kosten seines Herrn und seiner Pächter 
bereichert, hernach aber, als er zur Erkenntniss seines 
Unrechts gekommen und doch aus diesem oder jenem Grunde 
nicht mehr im Stande gewesen wäre, das Veruntreute an 
die Beschädigten selbst zurückzuerstatten, sein Unrechtes 
Gut zum Wohlthun für Arme verwendet hätte. — Ausser- 
dem ist es aber auch ganz unzulässig, den Satz: on <ppo - 
vlpcos inoipöev y on ol vio\ rov alcovos rovrov <pponpco m 
repoi V7thp rovs vtovs rov cpcoros eis rr/v yeveav rijv 

j 


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Zu der Parabel vom ungerechten Haushalter. 327 

iocvrcbv alöiv als (indirecte) Rede des Gutsherrn und also 
noch als einen Bestandtheil des Gleichnisses selbst zu fassen, 
so dass man, wie allerdings Viele wollen, übersetzen müsste: 
»Der Herr lobte den ungerechten Haushalter, [indem er 
sagte,] dass er klüglich gethan hätte, und dass die Kin- 
der etc.« Denn hienach müsste man doch annehmen, dass 
der Gutsherr den Betrug des Haushalters entdeckt hätte, 
und mit dieser Annahme würde man in die Parabel, die 
an sich schon Schwierigkeiten genug darbietet, gar noch 
selbst solche hineintragen , die geradezu unüberwindlich 
wären. Denn wenn man der Sache auf den Grund gehen 
und den ausgesprochenen Gedanken nicht bloss halb durch- 
dacht lassen will, so muss man sich nun doch die Frage 
vorlegen: Was soll hierauf mit dem Hauslialter geworden 
sein? Hier aber wären in der That nur die zwei Fälle 
möglich: entweder, dass er wegen des i7rrjveöev im Amte 
gelassen, oder dass er trotz desselben (des Inr^vaöav) aus 
dem Amte entfernt worden sei. Im erstem Falle würde 
die Schilderung des reichen Mannes so unwahrscheinlich 
und so ungeschickt, als nur möglich, genannt werden müssen. 
Denn erst erscheint derselbe als ein Mann, dem sein zeit- 
licher Besitz nichts weniger als gleichgültig ist , da er ja 
den Haushalter schon auf einen blossen Verdacht hin aus 
dem Amte zu jagen entschlossen ist; und dann sollte der- 
selbe Mann doch wieder so unvorsichtig und sorglos sein, 
dass er den Haushalter, nachdem ihn dieser erst wirklich 
und um recht Vieles betrogen hat und auch als Betrüger 
entlarvt ist, die fernere Verwaltung seiner Güter überlassen 
hätte! Im zweiten Falle aber — wenn der Gutsherr den 
Haushalter trotz des hnrfvatiav aus dem Amte gethan hätte 
— würde man die Parabel des heiligen Ernstes entkleiden, 
mit welchem sie doch offenbar gesprochen worden ist, 
und von welchem namentlich sowohl der ganze Zusammen- 
hang mit den vorausgehenden und nachfolgenden Reden, 
sowie die ihr unmittelbar angefügten Sentenzen Zeugniss 


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328 


E. Graf. 


geben.*) Denn dann müsste man sagen: das Lob bezieht 
sich nur auf die Schlauheit des Haushalters, und es verhält 
sich damit so, wie mit dem Grundsätze der Staatsmänner 
u. dgl. : Man liebt den Verrath, aber verachtet den Ver- 
räther! Der Gutsherr würde also, mit andern Worten aus- 
gedrückt, geurtheilt haben: Als einen Betrüger kann ich 
den Haushalter zwar nicht im Amte behalten; aber schlau 
ist er — das muss ich ihm lassen und darum auch allen 
möglichen Respect vor ihm haben! — Eine solche Sentenz 
passte doch zu allem Uebrigen, wie die Faust aufs Auge; 
und ausserdem wäre ja auch in beiden Fällen mit dem 
i7tflv€0€v Etwas gesagt, was immerhin wie eine der Schlau- 
heit des Betrügers von Jesu selbst gezollte Anerkennung 
klänge, so dass Jesu entweder eine Leichtfertigkeit in sei- 
nem sittlichen Urtheile oder doch wenigstens eine Uuau- 
gemessenheit in der Darstellung zur Last fiele. 

Wenn man aber schon aus diesem Grunde den Satz : 
ori cppovijxQöS tnobiöev, nicht als indirecte Rede auffassen, 
so geht diess noch weniger wegen des zweiten Satzes an: 
on ol vioi etc. Denn hier ist man durch den Wortlaut: 
Sn cppovlpcos — und Sn — (ppovipcorepoi etc. geradezu 
gezwungen, beide Sätze als von Einer und derselben Per- 
son gesprochen, mithin entweder beide als in der Oratio 
obliqua oder beide als in der Oratio directa stehende zu 
fassen. Nun könnte aber doch in der Tbat nichts unnatür- 
licher sein, als die Annahme, dass Jesus dem Gutsherrn 
eine Sentenz in den Mund gelegt hätte, welche die Kinder 
dieser Welt und die Kinder des Lichtes ganz im Geiste des 
Evangeliums unterscheidet. Denn sollte der Gutsherr nach 
Jesu Absicht zu den Kindern dieser Welt gerechnet werden, 
was deswegen wahrscheinlich ist, weil bei ihm eben von 
weiter Nichts, als von der Sorge um das zeitliche Gut die 
Rede ist, so konnte ein Solcher doch unmöglich zum Träger 
einer Wahrheit, welche die Kinder des Lichtes angeht, 

*) Man denke nur an die Sentenzen: »Ihr könnt nicht Gott dienen 
und dem Mammon« , oder »wer im Geringsten treu ist u. s. w.« 


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Zu der Parabel vom ungerechten Haushälter. 


329 


gemacht werden. Und sollte er nach Jesu Absicht nicht 
gerade zu denen mit gehören , welche cppovipcmepoi ek xr\v 
yeveav xt)v eavxcbv elöiv — vielleicht deswegen, weil er 
sich ja von dem Haushalter, der wirklich <ppovipcoxepo$ 
als er war, hatte täuschen lassen — so wäre es ebenfalls 
höchst unpassend und ungeschickt gewesen, einen so schwach- 
köpfigen Menschen zum Verkündiger einer wichtigen und 
tiefgreifenden Sentenz zu machen. Ist es also durchaus noth- 
wendig, wie auch die meisten Erklärer richtig gethan haben, 
den Satz: oxi — (ppovipcoxepoi — elöiv , als directe Rede, 
d. h. als eine von Jesu zu der Parabel hinzugefügte Erläute- 
rung zu fassen , so muss diess auch für den ersten Satz : oxi 
<ppovipoos lrtolr]6ev, gelten, und es ist mithin zu übersetzen : 
»Der Herr lobte den ungerechten Haushalter. Denn der- 
selbe hatte ja klüglich gehandelt, wie denn überhaupt 
»die Kinder dieser Welt klüger sind als die Kinder des 
»Lichts in ihrem Geschlecht.« 

Diese nicht bloss durch den ganzen Zusammenhang, 
sondern auch durch den Wortlaut der Schlusssätze (resp. 
durch die Aufeinanderfolge der letztem) empfohlene Auf- 
fassung findet noch weiter ihre Bestätigung dadurch, dass 
mit derselben alle einzelnen Theile der Parabel aufs Beste 
übereinstimmen. 

Es gilt diess gleich von den einleitenden Worten in V. 1 : 
IA eye Se npos xovs paSrjxaf avxov. Wie viel dem Evan- 
gelisten selbst, sowohl hier als anderwärts, darauf ankam, 
an wen sich der Herr Jesus mit seinen einzelnen Reden ge- 
wendet hatte, das ergibt sich ganz unverkennbar daraus, 
dass er selbst bei den hier von Cap. 15 bis Cap. 17, 10 
wiedergegebenen Reden, die doch auf Einem und demselben 
Schauplatz und aus Einer und derselben Veranlassung ge- 
halten worden waren, immer ganz sorgfältig unterscheidet, 
ob sie zunächst an die Pharisäer und Schriftgelehrten ge- 
richtet wurden (wie 15, 3 ff. die Gleichnisse vom verlornen 
Schaf und vom verlornen Groschen), oder an den ganzen 
Zuhörerkreis, zu welchem ausser jenen und den Jüngern 

Yierteljabr«schrift. IV. 3. 22 


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auch die Zöllner und Sünder gehörten (wie 15, 11 ff. das 
Gleichniss vom verlornen Sohne, das eben wegen seiner 
allgemeinem Bedeutung mit dem einfachen eins öe einge- 
leitet wird), oder bloss an die Jünger (wie 16, 1 eben die 
Parabel vom ungerechten Haushalter), oder wieder bloss 
an die Pharisäer (wie 16, 15 die Strafreden mit der Parabel 
vom reichen Mann und armen Lazarus), oder abermals bloss 
an die Jünger (wie die 17, 1 — 10, welche von der Schuld 
der Verführer, der Nothwendigkeit zu entschuldigen und zu 
vergeben, wie von der Pflicht der Demuth handeln). Also 
wird hier 16, 1 mit der Bemerkung: %\eys öh 7tpos rovs 
/laStjraz avrov , Etwas angegeben werden sollen, was die 
richtige Auffassung der folgenden Parabel erleichtern soll, 
und nehmen wir nun paSrjtas in der üblichen Bedeutung, 
so ist es doch einleuchtend , dass für die Jünger die Ermah- 
nung, Alles an die Gewinnung des Himmelreiches Zu setzen, 
viel eher passte, als eine Ermahnung, den ungerechten 
Mammon richtig anzuwenden, obwohl es ganz natürlich 
war, dass sie auch darüber durch xäyco \eyco vpiv nouy 
6are etc. mit belehrt werden sollten, wenn auch nur neben- 
her und beiläufig. Aber wie? wenn man rovs 
nun doch in einem weiteren Sinne nehmen müsste, wie 
diess von namhaften Exegeten, insbesondere von D. Oo- 
sterzee in dem Lange' sehen Bibelwerke, behauptet 
wird? Derselbe sagt, zu unserer Stelle: »Die Annahme, 
»der Herr habe dieses Gleichniss bei einer andern Gelegen- 
heit, nicht im Zusammenhänge mit den drei vorigen aus- 
gesprochen, entbehrt jedes Grundes. Im Gegentheil, es 
»erhält erst dann das rechte Licht, wenn wir annehmen, 
»dass es vor derselben gemischten Zuhörerschaft von Zöll- 
»nern und Pharisäern ausgesprochen wurde, für welche 
»auch das Gleichniss vom verlornen Schaf und Groschen 
»und vom verlornen Sohne bestimmt war.*) Man denke 

*) Es werden aber, wie oben gezeigt wurde, nicht bloss jene drei 
vorhergehenden, sondern auch die von 16, 10 bis 17, 10 folgenden hie- 
bei in Betracht zu ziehen sein. 


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Zu der Parabel vom ungerechten Haushälter. 331 

♦also (bei den Worten: zu den Jüngern) nicht an den Apo- 
♦stelkreis, obgleich dieser keineswegs auszuschliessen ist, 
♦sondern an die Nachfolger und Zuhörer des Herrn im wei- 
teren Sinne des Wortes. Siehe Cap. 14, 26. 27. 33. Joh. 6, 
♦ 66 u. a. St. und vgl. auch Luc. 17, 1 mit V. 5. Wir haben 
♦uns also den Herrn vorzustellen, umringt von Zöllnern, die 
♦er getröstet, Von Pharisäern, die er eben erst beschämt 
♦hatte. Die Erstgenannten will er auf ihre hohe Verpflich- 
tung hinweisen, als seine Jünger nun so viel als möglich 
♦wieder gut zu machen, was sie früher durch Erpressungen 
♦und Unehrlichkeit sich hatten zu Schulden kommen lassen ; 
♦die Andern will er von ihrer Liebe zum irdischen Gute 
♦zurückbringen, indem er sie darauf aufmerksam macht, 
♦dass sie nur Haushalter seien, für welche ein Tag der 
♦Rechenschaft kommen werde. Beide will er also zu der 
♦klugen Vorsicht leiten, deren Bild er in der Geschichte 
♦von dem ungerechten Haushalter zeichnet.« Aber bei einer 
solchen Auffassung häuft sich eine Unzuträglichkeit über die 
andere. Einmal ist die Erklärung des Wortes pa$?}TT/s durch 
♦Nachfolger und Zuhörer im weitern Sinne« doch gar zu 
willkürlich, da gerade in dem vorliegenden Falle unter den 
♦Zuhörern« auch die entschiedensten Feinde Jesu waren; 
und dann beweisen die obigen Citate keineswegs, was sie 
sollen, Sondern vielmehr gerade das Gegentheil, nämlich 
dass Jesus selbst an allen jenen Stellen recht scharf zwischen 
den blossen ♦Zuhörern« und den »paStjTais« unterschieden 
hat. Denn wenn er z. B. Luc. 14, 33 sagt: näs iS v/agüv, 
6$ ovk dnordöGtrai naöi rois eavrov vndpxovöiv y ov 
övvarai pov elvai , so sind mit iS vpGbv eben die 

Zuhörer gemeint, die in dem angegebenen Falle nicht 
seine paSr/ras sein könnten, und Luc. 17, 1 u. 5 dürften 
sogar pa^tjrai und dno<5xo\oi für ganz identisch zu nehmen 
sein, da ja die nach V. 1 an die paSrfrds gerichteten Reden 
nach V. 5 von den anoöroXois beantwortet werden. Ausser- 
dem ist es mit Nichts zu rechtfertigen, dass die Zöllner, 
die dort Jesu zuhörten, unbesehens für seine Jünger erklärt 

22 * 


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332 


E. Graf. 


werden, da ja nirgends gesagt ist, dass die dort Zuhörenden 
sich auch wirklich bekehrt hätten. Ferner passen »die Er- 
pressungen«, die gut zu machen wären, wohl allenfalls auf 
die Zöllner, keineswegs aber auf den ungerechten Haus- 
halter in der Parabel. Denn wenn D. Oosterzee a. a. O. 
von dem Haushalter sagt: »Er hatte die Pächter (! im 
Texte steht: xP £G0( P £l ^ £T< ^ y ! ) mehr bezahlen lassen, als er 
»seinem Herrn angegeben und eingehändigt hatte; er for- 
derte von ihnen eine übertriebene, zahlte aber ihm nur 
»die normale Summe, so dass die Differenz zwischen seiner 
»Einnahme und Ausgabe seinen reinen Gewinn ausmachte. 
»Er hatte sich indessen damit nicht bereichert — er hatte 
ȟppig und lustig gelebt von dem, was er auf diese Weise 
»gewonnen u. s. w.« , so sind diese Behauptungen nichts 
weiter, als leere Hypothesen, die ganz und gar in der Luft 
schweben und im Texte nicht den geringsten Grund haben, 
ja sammt und sonders bloss deswegen ersonnen zu sein 
scheinen , um das Gleichniss auf die Erpressungen der Zöll- 
ner deuten zu können. Was aber die Pharisäer betrifft, 
zu welchen das Gleichniss auch ganz besonders gesagt sein 
soll, so versteht es sich doch von selbst, dass der Evangelist 
diese nicht mit gemeint haben kann, wenn er, um die Leser 
auf den richtigen Standpunkt zur Auffassung der Parabel 
zu stellen, hervorgehoben hat: eins 7tpbs rovs paSr/ras 
avtov. 

Gehen wir nun hierauf zu den einzelnen Theilen der 
Parabel selbst" über, so können wir den av^poonos nXovöios 
ganz einfach für das nehmen, was der klare Wortlaut besagt. 
Wir brauchen hier, wo es bloss darauf ankommt, dass der 
Haushalter Alles anwendet, um sicli für die Zukunft sicher 
zu stellen, an weiter gar Niemand anders zu denken, als 
an einen reichen Grundbesitzer. Dass die Römer nicht ge- 
meint sein können, zeigt schon der Singular: avSpconoS 
7t\ov6ios\ die Erklärung vom römischen Kaiser aber ist, 
so viel Gelehrsamkeit auch an sie verschwendet wurde, nach 
dem Urtheile, das heutzutage von Allen einstimmig gefällt 


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Zu der Parabel vom ungerechten Ilausb alter. 333 

wird, viel zu gekünstelt und zu weit kergeholt; der Teufel 
ferner passt gar nicht für die ihm von der Parabel zuge- 
theilte Rolle, da er den Haushalter wegen der ihm Schuld 
gegebenen ädixia zur Rechenschaft ziehen will, und ausser- 
dem wird man Jesu ja auch den Gedanken nicht aufbürden 
dürfen, dass der Mensch, der doch hier mit olxovopos ge- 
meint sein muss, ein Haushalter des Teufels sei und dass 
er sich als solcher Freunde machen solle mit dem ihm von 
dem Teufel anvertrauten ungerechten Mammon ; der papoj- 
vas TTfS aSixias aber kann auch nicht mit dem Herrn 
oder reichen Manne gemeint sein, da in der Parabel ra 
vndpxovra , also der Besitz des Herrn, das Synonym von 
papcovdb ist; und an Gott endlich, wie Dr. Oosterzee 
will, dürfen wir bei dein äv%pco7tos 7t\ovöios am aller- 
wenigsten denken, so geläufig auch sonst der heiligen Schrift 
die Vorstellung ist, dass der Mensch sich rücksichtlich sei- 
nes Amtes, Besitzes u. dgl. als einen Haushalter Gottes zu 
betrachten habe. Denn bei der Anwendung dieses Begriffes 
würde sich mit V. 8 die allerschreiendste Inconvenienz er- 
geben. Oder soll von Gott gesagt werden können, entweder 
dass er die Ungerechtigkeit lobe, oder dass er sich, wie 
dort der Gutsherr, täuschen lasse und eine Ungerechtigkeit 
gar nicht gewahr w T erde? Und Eines von Beiden müsste 
dann doch bei dem i7rr/veö£v 6 xvpios rov olxovopov rf/s' 
äöixias angenommen werden. Es bleibt uns also in der 
That nur die obige, ganz buchstäblich treue Auffassung 
übrig, die auch zu der angegebenen Tendenz der Parabel 
allein vollkommen passt. 

Ebenso verhält sich’s mit der Auffassung des Begriffs 
von olxovopos. Damit wird nicht mehr und nicht weniger 
als ein Guts- oder Rentenverwalter bezeichnet sein , der die 
Einkünfte seines Herrn von den einzelnen Zahlungspflichtigen 
einzuziehen und an den Herrn abzugewähren hat. Alle hier 
versuchten Künsteleien, namentlich die, welche darauf ge- 
richtet waren, das Betrügerische aus dem Verfahren des 
Haushalters mit den Schuldnern wegzubringen, sind dem 


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334 


E. Graf. 


einfachen Sinne der Parabel und ihrer schlichten Haltung 
zuwider, und waren nur dadurch veranlasst, dass man über 
die eigentliche Tendenz der Parabel falsche Voraussetzungen 
gemacht hatte. 

Zu dem Satze : ovros dießXförj ocvrcp gös ötaöHop7n^QJY 
ra v7rapxovra avtov , ist nach dem Bisherigen bloss noch 
zu bemerken, dass die Ausdrücke: öießXtjSr} (zum Unter- 
schiede von xaTrfyoprfStj) und diatiHopnlZoov (zum Unter- 
schiede von v7r€%aipovpevos oder vnouXinroov) absichtlich 
gewählt sein werden, so dass also öießXrfStj (man denke 
nur an 6 öiaßoXoz, calumniator ! j eine böswillige, verleum- 
derische Anklage, und öiatiKopniZoov nicht eine Verun- 
treuung oder Unterschlagung, sondern bloss eine leicht- 
sinnige oder muthwillige Verzettelung der Einkünfte zu 
bedeuten hat. Denn die Pointe der Parabel, nämlich der 
Gedanke, dass die Menschen da, wo ihr zeitliches Wohl 
auf dem Spiele steht, viel grössere Energie zu beweisen 
pflegen und viel vorsorglicher erscheinen, als da, wo sich’s 
um das Heil der Seele handelt , tritt noch einmal so scharf 
und deutlich hervor, wenn die Voraussetzung stattfindet, 
dass der Haushalter bisher nicht bloss ziemlich sorglos, 
sondern auch ziemlich schuldlos gewirthschaftet hatte, 
und dass er also bei seinem Herrn nur angeschwärzt war, 
dass er aber von dem Augenblicke an , wo ihm der Verlust 
seines Amtes drohte, Alles daran setzte, selbst seine Ehr- 
lichkeit und sein gutes Gewissen, um seine Zukunft zu 
sichern. Dass ihm aber mit einigem Scheine allerhöchstem 
nur eine Verzettelung der Einkünfte, keineswegs aber eine 
eigentliche Veruntreuung zur Last gelegt werden konnte, 
geht auch aus dem Folgenden hervor. Denn der Herr be- 
gnügte sich ja damit, bloss ihm selbst Rechnung abzuforderm 
ohne dass er Diejenigen, deren Zahlungen etwa unterschlagen 
worden wären , mit vorgefordert hätte ; und der Haushalter 
selbst braucht nichts weiter zu thun, als mit den Schuld- 
nern seines Herrn, denen er vielleicht aus Leichtsinn oder 
aus Gutmüthigkeit zu lange Nachsicht geschenkt hatte, über 


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Zu der Parabel vom ungerechten Haushalter. 335 

die Verfälschung ihrer Schuldurkunden (nicht Pachtbriefe) 
zu unterhandeln. Denn dass von vielen Exegeten (wie auch 
von Oosterzee) xP £(x)c P £l ^ £rr l g nicht in der eigentlichen Be- 
deutung: debitor, Schuldner (der bisher nicht bezahlt hat) 
genommen, sondern dass vielmehr der Begriff: Pächter 
(jÄitöujöajievos) untergeschoben wird, ist eine Willkür, die 
nur in dem Wunsche, eine sonst unhaltbare Erklärung 
plausibel zu machen , ihren Grund hat. — Ja , da in die- 
sem Gleichnisse das Sia^xopniZw nicht, wie in dem von 
dem verlornen Sohne, durch ein 8,6bv otöGStoos oder einen 
ähnlichen Zusatz näher bestimmt ist, so erscheint auch hie- 
mit die Annahme ganz begründet, dass der olxovopos sich 
bis zum Augenblicke der Anklage noch keiner eigentlichen 
Untreue schuldig gemacht hatte. An »Erpressungen« aber 
oder an Ungerechtigkeiten und Härten gegen die Zahlungs- 
pflichtigen darf erst recht nicht gedacht werden. Denn das 
gute Vernehmen , in welchem der oixovopos mit den xP £a) - 
<pu\irais steht, lässt vielmehr vermuthen, dass er sie bis- 
her nachsichtsvoll und schonend behandelt und also um so 
leichteres Spiel mit ihnen hatte, als er sie, um seiner Zu- 
kunft willen, zu einem Betrüge des Herrrf verleiten und 
sie durch den ihnen damit' zugewendeten Vortheil sich 
noch mehr verpflichten oder geneigter machen wollte. Ein 
Dränger und Quäler der Pflichtigen hätte ja am aller- 
wenigsten darauf rechnen können, dass diese ihm vertrauen, 
geschweige dass sie ihm dann, wenn er vom Amte gesetzt 
wäre und wenn sie also nichts mehr von ihm zu furchten 
hätten , noch Aufnahme in ihren Häusern gewähren würden. 

Wenn nun aber nach diesem Allem die Absicht Jesu 
keine andere sein konnte, als durch die Parabel anschau- 
lich zu machen, wie viel Energie die Kinder dieser Welt 
da, wo sich’s um ihren zeitlichen Vortheil handelt, zu ent- 
wickeln pflegen, und wie dagegen die Lauheit und Lassheit 
absticht, mit welcher diejenigen, die zu den Kindern des 
Lichtes gehören wollen, das zum Heil der Seele Nothwen- 
dige vernachlässigen und versäumen, so müssen wir es auch 


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336 


E. Graf. 


ganz folgerichtig nennen , dass Jesus nun in der Schilderung 
von dem Selbstgespräche und dem weitern Verhalten des 
olxovopos darstellt, wie die Kinder dieser Welt da, 
wo es ihr zeitliches Glück gilt, sogar vor Ungerechtig- 
keiten nicht zurückschrecken. Es verhält sich daher mit 
dieser Schilderung gerade so, wie mit denjenigen, die in 
andern Gleichnissen neben dem eigentlichen tertium com- 
parationis auch nur poetisches Beiwerk sind und bloss zur 
Ausschmückung und Belebung der Fabel dienen sollen. So 
wenig man z. B. bei dem Gleichniss von den fünf thörichten 
und den fünf klugen Jungfrauen sagen wird, es sei aber 
doch unrecht und im höchsten Grade selbstsüchtig und herz- 
los gewesen, dass die klugen Jungfrauen den thörichten 
auch gar Nichts von ihrem Vorrath ablassen wollten; oder 
so wenig man daran Anstoss nehmen darf, dass der Mensch, 
der einen verborgenen Schatz im Acker fand , diesen Schatz 
erst noch besser verbarg und dann hinging , um den Acker 
zu kaufen (also den Besitzer zu übervortheilen) — denn in 
beiden Fällen darf eben bloss das eigentliche tertium com- 
parationis, nämlich der Eifer, das Höchste und Köstlichste 
ja nicht zu versäumen, urgirt werden — eben so wenig 
darf man auch aus der Schilderung von dem betrügerischen 
Verfahren des Haushalters und aus dem folgenden {7ryv£6ev 
den Schluss ziehen wollen, Jesus hätte nach unserer Auf- 
fassung der Parabel dem Grundsätze gehuldigt, dass der 
Zweck das Mittel heilige. Im Gegentheil schildert Jesus 
gerade hier (weil in einem Gleichniss Alles vollkommen 
lebenswahr sein muss), wie die Kinder dieser Welt in ihrer 
Sorge um das zeitliche Glück selbst das Schlimmste, die 
äöixia , begehen ; und deswegen heisst auch erstvonjetzt 
an — diess aber möge ja nicht übersehen werden! — der 
Mann, der anfänglich nur schlechtweg als 
olxovopios eingeführt war, ein olxovopos rrjs 
ädixlas. Somit aber werden sich, da die Parabel mit 
dem Comparativ (ppovipocnepoi den Unterschied zwi- 
schen den Kindern dieser Welt und den Kindern 


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Zu der Parabel vom ungerechten Haushalter. 


337 


des Lichts zum Ausdruck bringen will, in der <ppovrf6is 
der Beiden folgende Gegensätze ergeben: 1) Bei jenen 
ist der höchste Gegenstand der Verehrung der 
ßtaparvas r 7 js adinia? , bei diesen aber ist es S'fds' ; 2) bei 
jenen gilt als einziges Ziel des Strebens die Er- 
werbung des zeitlichen Gutes, bei diesen die des ewigen 
Heiles; 3) bei jenen muss Alles als Mittel zum Zwecke 
dienen, selbst die döixla, bei diesen aber bloss die Sixaio- 
tfuvrj, die zu jedem Opfer bereit macht und die sich rück- 
sichtlich des irdischen Gutes in der evspyeöia erweist und 
hier mit 7roirjöare vpiv <pi\ovs umschrieben ist. 

Ueber das nun folgende: lnr\vz6£v — on <ppovlpc*)S 
tnolr)6zv , ist nach dem bereits Erörterten hier bloss noch 
zu bemerken: Damit ist angezeigt, dass sich der Gutsherr 
durch die grosse (aber freilich nach Art der Weltkinder 
übel angewendete) <ppovrj6is des Haushalters täuschen 
liess, und dass der Letztere also seinen Zweck, sich für die 
Zukunft sicher zu stellen, vollkommen erreichte. Er bleibt 
im Amte, würde aber, wenn er dasselbe doch eingebüsst 
hätte, bei den xP B0D( f m ^ raig des Herrn ein Unterkommen 
gefunden haben. Wie gut, meint nun Jesus mit on cppo- 
vlpoas etc., wie gut, wenn die Kinder des Lichtes eine gleich 
grosse (pp6vr]6is für ihren Zweck und im Geiste des 
Evangeliums zur Anwendung brächten! Aber leider ist 
diess noch nicht. der Fall! 

So aufgefasst erscheint Alles in der Parabel ganz wohl- 
bestellt; und nun kann uns auch V. 9: xayco Xiyoo vpiv * 
7roitjöars iavrois <plXovs ix rov papoova rrfS ddixlas, keine 
Schwierigkeit mehr machen. 

Denn da, wie schon oben nachgewiesen ist, xayco 
Xiyco vpiv nicht im Gegensatz zu i7trfve6ev stehen soll, son- 
dern da die Haupttendenz der Parabel in dem Satze: on 
oi vioi rov alcovos rovrov (ppovipoorepoi etc. ausgesprochen 
ist, also mit dem Gedanken, dass die Kinder des Lichts in 
ihrer Art und im Geiste des Evangeliums Alles an die Er- 
werbung des ewigen Heils setzen sollten, wie diess im 


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338 


E. Graf. 


entgegengesetzten Geiste die Kinder dieser Welt zu thun 
pflegten: so schliesst sich hier nun der Satz: »Macht euch 
Freunde mit dem ungerechten Mammon!« nur als unter- 
geordnete, bloss zur Exemplification dienende, aber 
durch den Hinblick auf die <papiöa{ovs cpi\a py v povs 
veranlasste Sentenz. Deswegen die Uebergangsformel : nayu 
Xiyco vpiv , d. h. Auch sage ich euch noch! Dass es sich 
nur so und nicht anders verhält, beweist der sogleich fol- 
gende Zusatz: iva, otav inXini^rs, öiZoovTai vpas eh ras 
alooviovz öHrjvas. Denn hiermit wird ja noch einmal aus- 
drücklich auf den eigentlichen Hauptgedanken der Parabel, 
auf die Sorge für das ewige Heil, hingewiesen , da 
das SiSoovrat dieses (des 9ten) Verses sich unverkennbar 
auf das öeSoovral pe des vierten beziehen soll. Denn daraus 
folgt, dass eben die auf die Erreichung des Höchsten ge- 
richtete (ppovrjöiz in der Parabel die Hauptsache ist *) 
Wie dafür auch die unmittelbar angefügten Sentenzen Zeug- 
niss ablegen: 6 märos iv iXaxlötcp etc., ist schon oben 
nachgewiesen worden , und es sei daher an dieser Stelle bloss 
noch bemerkt, dass also hier der Ausdruck niöros iön 
dem (ppovipoos noielv des V. 8 entspricht, sowie dass Jesus, 
nachdem er einmal die Mahnung 7roitjöaT£ tavrois <pi\ovs etc. 
zur Exemplification und zur Erläuterung seines Hauptgedan- 
kens ausgesprochen hatte, sehr begreiflicher Weise auch die 
Bemerkung hinzufügen musste : »Wer im Zeitlichen, als dem 
»Geringsten, treu ist, der wird um so mehr im Grossen, 


*) Bei dieser Auffassung wird die Lesart statt deren 

einige Codd. ixkkty haben, vorzuziehen sein. Denn da wegen ixfjveoev 
anzunehmen ist, dass der oixovöpog im Amte blieb, so wird im Gleich- 
niss nicht von der Vergänglichkeit des irdischen Gutes, die mit 
ixhfafl angezeigt sein würde, die Rede sein sollen, sondern vielmehr 
von der Vorsorge für das jenseitige Leben, so dass exXi.TijTE , das Stre- 
ben, der von dem Haushälter befürchteten Entfernung vom Amte ent- 
spricht. Die Abschreiber aber werden die Endsylbe — re in ixhixipe 
übersehen haben, weil das darauf folgende Wort: dtgowrai, mit der 
ähnlichen Sylbe anfängt. 


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Zu der Parabel vom ungerechten Haushalter. 339 

»in der Sorge für seiner Seele Seligkeit, auch treu sein, 
»und umgekehrt.« 

Da aber bei dieser Auffassung immer vorauszusetzen 
ist, dass die in V. 9 enthaltene Exemplification (»macht 
Euch Freunde mit dem ungerechten Mammon«) auf das 
zeitliche Gut im weiteren Sinne, nicht auf das »Unrechte 
Gut« im engern, gerichtet sei, so macht sich noch eine 
besondere Auseinandersetzung über den Ausdruck pia/.ioovä^ 
rffS aömias nothwendig. 

Hier ist nun allerdings einzuräumen, dass vom bloss 
philologischen Standpunkte aus die Erklärung, die Eich- 
städt in seinem Programm vom Jahr 1847 die »einzig 
und allein zulässige« nennt, nämlich dass darunter das 
Unrechte, durch Betrug, Wucher, Raub od. dgl. erworbene 
Gut zu verstehen sei, wenigstens diejenige ist, an welche 
dem Wortlaut zufolge zunächst gedacht werden muss. 
Dazu kommt, dass die Bezeichnungen obwvo/xos rffS ädinias 
und fxapLoovag rf/s* aömia? mit einander zu correspondiren 
scheinen; und da nun der oIkovo^los t?/$ aSmias seinem 
Herrn unverkennbar einen Betrug gespielt hat, so könnte 
die Vermuthung allerdings sehr begründet erscheinen, dass 
hier durchaus an dieses Unrechte Gut gedacht werden 
müsse. Allein die Gründe, die dagegen sprechen, sind 
doch in der That zu zwingend , als dass man dem rein 
philologischen Urtheile zustimraen dürfte. 

Zuerst nämlich wird vom theologischen Standpunkte 
aus das als vollkommen richtig anerkannt werden müssen, 
was einer der scharf- und feinsinnigsten Erklärer der hei- 
ligen Schrift, Baumgarten-Crusius, gesagt hat, dass 
nach Jesu Sinn und Geiste »bei dem zeitlichen Gute immer 
»ein Unrecht stattfinde, bei uns selbst begangen oder bei 
»einem früheren Besitzer, oder auch nur, sofern der Besitz 
»etwas Trennendes ist.« Denn wenn Eichstädt in jenem 
Programme hiervon gesagt hat: Paene suspicor, postremum 
vocabulum (Trennendes) ex scribae errore fluxisse; adeo 
enim obscurum est, ut equidem semum ejus non assequar, 


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340 


E. Graf. 


so ist diese Vermuthung keine glücklichere, als die dort 
auch vorgetragene, dass im Context unserer Parabel vor 
noirföare . ein ov oder jaij ausgefallen sei (auch »scribae 
error^«), und dass also die Moral der Parabel von Jesu 
vielmehr dahin formulirt gewesen sei: »Machet euch nicht 
Freunde mit dem ungerechten Mammon!« Baumgarten- 
Crusius dachte bei dem » Trennenden « offenbar an die 
Trennung oder gegenseitige Entfremdung, die der Besitz 
zwischen Reichen und Armen ganz von selbst und unver- 
meidlich mit sich bringe, sowie an alle die sittlichen Miss- 
stände (Feindschaft, Neid, Stolz, Gleichgültigkeit, Leicht- 
sinn u. dgl.), welche um des zeitlichen Gutes willen überall 
zum Vorschein kommen. Er wird damit aber den Sinn 
Jesu ganz richtig getroffen haben. Man denke nur an die 
Aussprüche, dass ein Reicher schwerlich in das Himmel- 
reich komme, und viele ähnliche, und man überlege auch, 
wie eine ideale Lebensansicht an Denen, die neben unzäh- 
ligen Notkleidenden und Hülfsbedüi fügen von ihren Reich- 
tkümern herrlich und in Freuden leben, gewiss immer eiuen 
sittlichen Mangel finden muss, und wäre es nur nach dem 
christlichen Grundsatz: wer da weiss, Gutes zu thun, und 
thut es nicht, dem ist es Sünde. Ja wird doch in dem auf 
unsere Parabel sogleich folgenden Gleichniss (dem von dem 
reichen Mann und armen Lazarus) dem reichen Manne auch 
weiter Nichts zugeschrieben , als dass er sich in Purpur 
und köstliche Leinwand kleidete etc., während der Arme 
vor seiner Thür lag voller Schwären und begehrte , sich zu 
sättigen von den Brosamen , die von des Reichen Tische 
fielen. Es konnte also auch von Jesu ganz zweifellos hier 
die Formel: jiajdcoväs rt/ s ädudas als formula solennis liir 
alles zeitliche Gut überhaupt gebraucht werden, und zwar 
so, dass man wegen rrjs adixtas keineswegs bloss an das, 
was wir »Unrechtes Gut« zu nennen pflegen, denken dürfte. 
Weil nun aber die Ermahnung: 7toir/öaT£ etc., wenn sie 
bedeuten sollte: »Wendet das Unrechte Gut oder den Reich- 
thum, in dessen Besitz ihr durch Betrug etc. gekommen 


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Zu der Parabel vom ungerechten Haushälter. 


341 


seid, zum Wohlthun an!« aus dem schon oben angeführten 
Grunde gar nicht zu dem Gleichniss von dem ungerechten 
Haushalter, der ja Nichts selbst besass, passen würde, 
obwohl sie doch offenbar wegen des öeScovtai etc. in V. 4 
mit Bezug auf den Haushalter gesagt ist: so hat man mit 
der Auskunft helfen wollen, der Begriff ^ajxooyas sei in 
"einem weitern Sinne zu, fassen, so dass darunter nicht bloss 
aufgehäufte Schätze , sondern eben alle die zeitlichen Mittel 
und Vortheile, mit denen man in der Welt Etwas durch- 
setzen könne, verstanden werden müssten, und solche Mittel 
und Vortheile habe ja der Mann vermöge seiner Stellung 
als Haushalter doch gehabt; denn ohne selbst Vermögen zu 
besitzen, habe er den Schuldnern seines Herrn durch Ver- 
fälschung der Schuldurkunden einen grossen Gewinn zu- 
weisen können. Allein diese Auskunft ist, wie eine etwas 
schärfere Prüfung des Gedankens zeigt, durchaus unhaltbar. 
Denn es wird darin nicht bloss gegen den Wortlaut der 
Parabel verstossen, sondern auch der sittliche Gehalt der- 
selben verdunkelt. Dem Wortlaut zufolge war nämlich das 
Mittel, das der Haushalter anwendete, eben die Verfäl- 
schung der Urkunden, und dieser letztem müssten also 
in der Sentenz: Machet euch Freunde etc. die Worte: ix 
rov jua/ÄGoväs rijs aSixias entsprechen, weil diese eben auch 
das Mittel angeben, womit man sich Freunde zu machen 
habe , während die Stellung des Mannes als Haushalter nur 
der Grund war, warum er jenes Mittel der Urkunden- 
verfalschung anwenden konnte. Wenn man also jene vor- 
theilhafte Stellung allenfalls noch einen ßa^xaovas nennen 
könnte, so wird doch für den Betrug oder die Urkunden- 
fälschung der Ausdruck piapiayvas nimmermehr für nur 
irgend adäquat angesehen werden können, wogegen wieder 
der Zusatz t?js adixlas nicht statthaft sein würde, wenn 
man jene vortheilhafte Stellung im Sinne hätte. Denn hier 
fiele der Grund weg, aus welchem der Reichthum überhaupt 
so bezeichnet werden konnte; das Amt hatte der Haushalter 
von seinem Herrn erhalten, also ganz rechtmässig; daran 


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342 


E. Graf. 


war an sich keine aSixla , wie sie am Ende allem Reich- 
thum anklebt; oder man müsste sonst jede amtliche Stellung 
zu dem papcjväs rfjs aSixiae rechnen, was doch Nieman- 
dem in den Sinn kommen wird. — Was aber den sitt- 
lichen Gehalt der Parabel betrifft, so ist es doch offenbar, 
dass derselbe im höchsten Grade verdunkelt werden würde^ 
wenn man im Hinblick auf das betrügerische Verfahren 
des Haushalters die Vorschrift des V. 9: 7roir}öat£ etc. von 
der Anwendung des Unrechten, durch Betrug u. dgl. 
erworbenen Gutes verstehen wollte. Denn die Sache steht 
ja in der Parabel nicht so, dass der Haushalter, als er sich 
für die Zukunft sicher stellen wollte, schon den piapcwas 
rrfS ädixias besass und nur zum Wohlthun für Andere ver- 
wendete; sondern das Unrecht wird von ihm erst da be- 
gangen und der Betrug mit den Schuldnern erst da verein- 
bart, wo es ihm um die Aufnahme in ihre Häuser zu thun 
ist. Sollte also der Schlüssel zu dem Sinne der Parabel in 
dem Satze 7ronjöat£ etc. liegen und papGoväs rrfS adixias 
das Unrechte Gut im prägnantem Sinne des Wortes be- 
deuten, so könnte diess nichts Anderes heissen, als dass 
gerade das betrügerische Verfahren des Haushalters habe 
empfohlen werden sollen; und wir kämen dann jedenfalls 
nicht aus dem bösen Dilemma heraus, entweder, dass man 
Jesu einen geradezu unsittlichen Grundsatz oder eine grosse 
Ungeschicklichkeit in der Composition der Parabel zur Last 
legen müsste. Dagegen wird weder von der einen noch 
von dem andern die Rede sein können , wenn man die nach 
dem Obigen ganz unbedenkliche Erklärung annimmt, dass 
der Schlüssel zu dem Sinne der Parabel in dem an diese 
unmittelbar angefugten Satze liegt: on oi viol etc., und 
dass der Satz: xaycb Xiyco etc. nur einen beiläufigen, 
wegen der cp a p iö a Icov cpiXa py v pcov hinzugefugten 
Gedanken ausdrücke, und dass in demselben papcoväs rrfS 
aöixlas gerade nur so viel bedeute, wie äpyvpos. Es wird 
diess wohl auch noch dadurch bestätigt, dass, wenn an 
das Unrechte Gut zu denken sein sollte, den Pharisäern 


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Zu der Parabel vom ungerechten Haushälter. 343 

in V. 14 auch mehr, als bloss die cpiXa pyv pia zum 
Vorwurf gemacht worden wäre, ebensowohl, wie von ihnen 
anderwärts gesagt ist, »dass sie der Wittwen Häuser fressen« 
(Matth. 23, 14. Marc. 12, 40. Luc. 20, 47). Ueber diess Alles 
aber wird die Auslegung des papearvas rrje äömias von dem 
»zeitlichen Gute« an sich durch V. 1 : %X sye npos rovs 
paSrjtaz gerechtfertigt. Denn da hier nach dem Obigen 
die Jünger im engern Sinne bezeichnet sein müssen, so kann 
V. 9 nicht das Unrechte Gut gemeint sein. Oder sollten 
denn die pa^pral als Solche betrachtet werden, die ihre 
Hände vorzugsweise mit Unrechtem Gute befleckt hätten oder 
noch beflecken würden? 

Sehen wir endlich noch dasjenige genauer an, was 
Jesus V. 15 — 18 zu den Pharisäern sagt, die an der Parabel 
vom ungerechten Haushalter und an der Ermahnung, dass 
man sich mit dem ungerechten Mammon Freunde machen 
solle, ihren Spott hatten, weil sie (piXapyvpoi waren, so 
finden wir auch darin eine Bestätigung für die hier vorge- 
tragene Ansicht. Denn wenn Jesus diesen sagt: r) ßaötXeia 
rov $€ov BvayyeXi&rcn xa\ nots ete avrrjv ßiaZeraa, so 
weist er mit ßiaZerai ganz deutlich auf den in der Parabel 
^ch unserer Auffassung ausgeführten Gedanken zurück : 
aass man nämlich, um das Himmelreich oder die V. 9 ge- 
nannten aloovlovs öHjjvas zu gewinnen (ßiaZeöSr/ai) , Alles 
einsetzen müsse; und was dann noch von der ewigen und 
unvergänglichen Gültigkeit des Gesetzes hinzugefügt wird 
(V. 17 : evKOTtootepov , rov ovpavov nai rffv yfjv 7tapeX$nv, 
ff rov vopov plav nepodav möBiv ), wobei noch beispiels- 
weise an einer Auslegung des sechsten Gebotes der höhere 
sittliche Gehalt dieses Gesetzes nachgewiesen wird (V. 18: 
nas 6 anoXvopv rtjv yvvalua avrov na\ yapdbv iripav 
poixtvn), das steht auch mit jenem Grundgedanken unserer 
Parabel in einem nothwendigen Zusammenhänge, während 
es wie ganz verloren , abgerissen und unmotivirt da stehen 
würde, wenn die Parabel vom ungerechten Haushalter bloss * 
die Anwendung des Unrechten Gutes zum Gegenstände haben 


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344 


Zu der Parabel vom ungerechten llaushalter. 


sollte. Denn nun liegt der Zusammenhang mit jener Ten- 
denz der Parabel in dem Gedanken : Die cppovr)6is, d. i. die 
Vorsorglichkeit und Energie , die das Himmelreich oder die 
ewigen Hütten zu gewinnen sucht, schliesst die Erfüllung 
des ganzen unvergänglichen Gesetzes in sich und 
begnügt sich nicht, wie die Pharisäer in ihrer eitlen Selbst- 
gerechtigkeit (iavrovs öiKaiovvres V. 15) zu thun pflegen, 
mit der Erfüllung des Buchstabens, sondern bedingt die 
Erfüllung desselben nach dem Geiste, der als Geist aus Gott 
Eins ist mit dem Geiste des Evangeliums. 


* 


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MITTHEILUNGEN. 


VierieljahrtRcbrift. IV. 3. 


23 


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Die samaritan. Chronik des Hohenpriesters Elasar 

aus dem 1 1. Jahrhundert 
Uebersetzt und erklärt 
von 

Dr. |1. 3jftben[)rim. 


Einleitung. 

Was uns ganz besonders zur Veröffentlichung einer Uebcrsetzung 
der nachfolgenden Chronik veranlasste, die wir vor mehreren Jahren in 
der Bodleiana zu Oxford*) abschrieben,**) ist die Thatsache, dass sie 
sehr wichtige Notizen enthält, welche über manchen dunkeln Punkt des 
samaritanischen religiösen Lebens Licht verbreiten. Leider ist sie nicht 
vollständig, und hie und da ist die Sprache ganz unverständlich. Auch 
sind die Blätter versetzt und die Schrift ist wie alle neuern samaritani- 
schen Schriften sehr unleserlich. Indessen ist sie die einzige samaritanische 
Chronik, welche sich in der hebräischen Sprache erhalten hat. Abul 
Fatah***) konnte noch drei hebräische Chroniken für seine Arbeit be- 
nutzen ; und wahrscheinlich machte er auch von der nachstehenden Chronik 
Gebrauch, wie aus den hier mitgetheilten Auszügen einleuchten dürfte. 

An mehreren Stellen stimmen beide Chroniken wörtlich überein. 
So z. B. S. 358. 

nrr-uss -purp »in ■p-n -hai mc*n -jV» ins ?tc* % Vn 

: ma av by ym rrcsn na*H» iäV rr« bby ny ixann rr>£ ■nns nr nn:m 

Abul Fatah p. 108. 

yJi lihljQ f»L)f 

5U4J! oUu ÜdLü &AJ4X4J! 

IS^ 

*) Bodl. or. 651. 

**) Dr. Neubaur brachte dieselbe aus dem Oriente mit. 

***) Vgl. die Chronik Abul Katali s B. II. S. 303 dieser Vierteljahrsschrift. 
Hr. Prof. Smith in Oxford war so gefällig, dieselbe für uns abzuschreiben 
und zu übersetzen. Längst wäre indess diese Arbeit vollendet, hätte 
nicht Prof. Vilmar 4865 die ganze Chronik veröffentlicht. 

23 * 


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348 


M. Heidenheim. 


Sam. Chron. S. 359. 

iv.b nan cVmnK mn -?5*sn ■x*n -px wn« &o «nb nt **v»a 

yc -a m»x bbxa» cawa ■»rmm (1. i-»“) i^ai xb ta anoi (1. nwm) rh»3 

: a •)»•» «-»n D'n33»n 

Abul Fatah p. 118. 

(jw4>JÜf yJ! vil-L^ 

^Cwwwa if ^uXc (jwti 

qjI/ L§jli äaä*^ v,aa^j y*Jbb v5^>€^ 

O yw lj Ü 5 y^LuJl 

Unsere hebräische Chronik ist älter als die Abul Fatah’s; Jakob 
S. Ismaels schrieb sie im Jahre 747 der Hegra (A. D. 1346) von der 
Chronik, die sein Ahne Elasar im Jahre 544 der Hegra (A. D. 1166) 
verfasste, ab, und ein Anonymus hat dieselbe bis zum Jahre 1852 
fortgesetzt. Es liegt uns also hier die älteste von den bis 
jetzt bekannt gewordenen samaritanischen Chroniken 
vor. Sie gibt uns ein ziemlich vollständiges Priesterverzeichniss,*) 
und wir erhalten durch sie einen genaueren Einblick in die sam&rita- 
nische Zeitrechnung. Die Jahreszahl wird darin nach den Jubiläen, nach 
der jezdegird’schen Aera, der Hegra und nach A. M. angeführt. Aus dem, 
was S. 353 Note 1 und S. 358 N. 1 gesagt ist, erfahren wir, dass die Samari- 
taner die Hegra nicht nach der gewöhnlichen Annahme mit A. D. 622, 

sondern A. D. 599 beginnen. Auch über die Art und Weise, wie sie 
die Jubiläen berechnen, geben die Noten nähern Aufschluss. Sie gibt 
uns Nachricht über Dositheus , über die Orte Machaerus , Sichar u. s. w. 
Auch enthält sie eine ganz originelle Auslegung von Gen. 8, 21 (vgl. 
S. 350) , wo sie das Sprechen zum Herzen nicht auf Gott , sondern auf 
Noah beziehen, und daraus folgern, »Gott habe dem Noah die Kalender- 
berechnung geoffenbart.« Wir haben Alles, was geschichtlich und geo- 
graphisch wichtig schien, übersetzt und in den Noten die nöthigen 
Erläuterungen beigefügt. 

Proben aus der Chronik wurden schon mitgetheilt (vgl. B. II. S. 81, 
214—216 und Bd. III. S. 472 dieser Vierteljahrsschrift). Die Veröffent- 
lichung des Originaltextes in der arabischen Uebersetzung muss vorerst 
noch verschoben werden. 


*) Vgl. S. 358 Note 2. 


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Die samaritaniscbe Chronik des Hohenpriesters Elasar. 34U 


Im Namen Jehova’s des Grossen [beginne ich] die ge- 
schichtlichen Nachrichten , welche bei den Samaritanern 
sich erhalten haben. 

Dieses ist die Berechnung der Hebräer, durch welche 
wir die Tage, Monate und Jahre wissen. Ererbt haben 
wir sie von Pinehas, dem Sohne Elasars, des Sohnes Arons 
des Hohenpriesters, der sie von Moses dem Propheten 
lernte. Denn sie wurde von den drei Vätern Jakob, Isak 
und Abraham überliefert. Diese lernten sie kennen durch 
Kber, von Schern, von Noah, von Seth, von Adam, 1 ) von 
den Engeln, von Jehovah, von unserem Vater Pinehas, 
dem Herrn des Bundes der Hohepriesterwürde, die unser 
ewiges Erbtheil ist. Und nachdem die Israeliten in das 
Land Kenaan einzogen und daselbst sicher 'wohnten , zog 
unser Vater Pinehas auf den heiligen Berg Garizim. Da- 
selbst beobachten wir den Lauf der Sonne und des Mondes, 
wie Jehovah es gesprochen, als er sie schuf: »Und sie 
sollen sein zu Zeichen und zu Festtagen und zu Jahren.« a ) 
Und nicht nach einem einzigen dieser Planeten bestimmen 
wir das Mindeste, denn Jehovah sprach: »Du sollst dieses 
Gesetz beobachten zur bestimmten Zeit, H Q'ty C 
Denn wir berechnen nicht nach einem von diesen , d. i. den 
Anbruch des Monats Abib. d. i. »Nisan«, jedes Jahr. Denn 
Jehovah sprach : »Beobachte den Monat Abib.« c ) Gelobt 
sei Jehovah unser Gott, der uns durch den frommen, 
treuen Propheten eine richtige Berechnung und vollkommene 
Lehre überlieferte. Er sprach daselbst (in der Lehre): 


Ä ) Gen. 1, 14. b ) Exod. 13, 10. c ) Deut. 16, 1. 

‘) Auch die Rabbinen lehren , indem sie sich auf Gen. 5, 1 berufen, 
wo von einem Buche die Rede ist, Gott habe den Weltkalender von 
Anfang an vor sich gehabt und ihn sodann dem Adam übergeben, 
worauf er dann an Henoch, Noah, Sem, Abraham, Isak, Jakob und Joseph 
Überliefert worden sei. Nach Joseph’s Tod sei aber das Kalenderwesen 
wiederum vergessen worden, wesshalb Gott dasselbe dem Moses (Exod. 12, 2) 
aufs Neue offenbart habe. (Pirke Rabbi Elieser Cap. 8.) 


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350 


M. Heidenheim. 


(dieses sind) die Festtage Gottes, die ihr zu ihrer Zeit ver- 
kündigen sollt. Diese sind meine Feste.«*) Denn diese 
Zeitrechnung hatte Noali in der Arche. Und so finden wir 
es in der Lehre geschrieben: »Am zweiten Monate, am 
17. Tage des Monates, an demselbigen Tage, brachen die 
Quellen des Abgrundes los.« b ) Und ebenso lesen wir: 
»Und das Gewässer wuchs auf der Erde 150 Tage®) u. s. w. 
Und es ruhte die Arche am siebenten Monate, am 17. Tage 
des Monates.« d ) Und wenn wir die Tage nehmen und sie 
nach Monaten berechnen, so erhalten wir sechs (Monate). 
Ferner heisst es: »Am zehnten Monate, am ersten des 
Monates, wurden die Spitzen der Berge sichtbar.« c ) Ferner 
wurde uns überliefert, dass Gott unsern Vätern von Adam 
bis Moses drei Bücher überlieferte : das Buch »Milchamoth«, 
das Buch »Nagmuth« und das Buch »Othoth«. 1 ) Er machte 
Adam und seine Söhne mit der reinen Kette 2 ) bekannt, dass 
er die beiden Lichter zur (Bestimmung der) Festtage, der 
Tage und Jahre geschaffen. Und nicht war dieses dem 
Noacli verborgen, denn wir lesen: »und Gott sprach zu sei- 
nem Herzen.« f ) Er that ihm kund die Saat- und Erntezeit, 
die (Zeit der) Kälte und Hitze. Und dieser lehrte es seinen 
Söhnen. So finden wir auch, dass Jakob [diese Zeitrechnung 
kannte], denn es heisst: »Und er diente ihm noch sieben 
andere Jahres) tiHPi Und dass dieses wahr ist, wissen 
wir, weil Jehovah zu unsern Voreltern sagte: »Dieser Monat 
sei euch der erste der Monate.« h ) Von allen, die auf der 
Erdoberfläche sind, machte er ihnen nur die Heiligung des 
Sabbaths und der Festtage und die Gesetze und Opfer kund. 
Nur Moses dem Propheten allein that er dieses kund in 


*) Lev. 23, 2. b ) Gen. 7, 11. p ) Gen. 7, 24. d ) Gen. 8, 4. °) Gen. 8, 5. 
f ) Gen. 8, 21 (s. Eiul. S. 348). s) Gen. 29, 20. h ) Exod. 12, 2. 

’) Auch in den Legenden Mosis werden diese Bücher erwähnt. Das 
Buch Nagmuth (arab. rvncaa) ist das Buch der Astronomie. 

*) Auch Mischna Kelim 14, 3 ist von einer Kette der Feldmesser 
bv rVsVt? die Hede. Hier »die reine Kette« = »das reine Mass«, 
wonach die Zeiten zu bestimmen sind. 


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Die samaritanischc Clironik des Hohenpriesters Elasar. 351 

seinem Worte: »Und Moses verkündete den Kindern Israels 
die Feste Jehovahs.« *) Und diese Zeitrechnung erhielt sich 
unter unsern Voreltern (traditionell). Denn der Thorah 
selbst können wir sie nicht entnehmen, sondern von den 
Hohenpriestern, und überliefert wurde sie von der (Priester)- 
fatnilie des Pinehas; alle Kinder Israels lehren darnach. 
Und nachdem unsere Voreltern in das heilige Land Kenaan 
kamen und Jehovah ihnen Ruhe verschaffte von allen ihren 
Feinden ringsum, da prüfte unser Vater Pinehas, Sohn des 
Priesters Eleasar (ewiger Friede sei ihm, seinen Voreltern 
und seinem Onkel) die Länge und Breite des heiligen Ber- 
ges Garizim *) und offenbarte und machte genau den Lauf 
der Sonne und des Mondes kund, wodurch wir die Feste 
des Jahres und die Monate und Tage erkennen. [Es geschah 
dieses] am ersten Monate, an dem der (Monat) Nisan fiel, 


*) Lev. 23, 44. 

’) Vielleicht ist aber zu übersetzen: Pud er zog auf das Plateau. 
Auf diesem Plateau, d. i. die äusserste Nord westspitze des Garizini 
(Petermann’s Reisen im Orient I, S. 280), wo jetzt eine nicht mehr be- 
nutzte Moschee sich vorfindet, stand der samaritanische Tempel. In dem 
Originaltexte ist das auch Ber. Rabba Cap. 32 u. 81 und Schir. Haschirim 
Rabba vorkommende Wort gebraucht. Ueber die Bedeutung 

dieses Wortes ist man immer noch nicht in’s Klare gekommen, lleland 
(Diss. Mise. c. 126) sieht darin nur eiue Contraction aus .TfAr#ot> va6g, 
wofür B-VrVa Deut. 29, 16 ihm einen Anhaltspunkt gewähren soll. Ihm 
folgt Kirchheim (Karme Schomron p. 23 Note 4) und nimmt es für ein 
griechisches Wort, n-a oxx: Die Ansicht Levi’s (W. B. 

s. v. xVa) welcher es durch Platanenwald erklärt, ist eine ganz willkür- 
liche. Zunz (Benj. Tudela ed. Ascher II, 424) erklärt es mit Plataua 
oder Neapolis. Grünbaum (Zeitschrift der deutsch-morgenländ. Gcsellsch. 
B. 23, S. 640) schlägt vor, si.tAs »Politanus« d. h. »Neapolitanus« zu 
lesen. Nach meiner Ansicht liegt es aber viel näher, das mi 

dem Palatinus, d. h. mons Palatin us, zu vergleichen. Auf dem »tnons 
palatinus« zu Rom stand der Ttaiscrliche Palast. Auch auf dem Berge 
Garizim wurde ein kaiserlicher Palast erbaut, und aus diesem Grunde 
mag man ihn »mons palatinus« genannt haben. 

An unserer Stelle mag an ein »Plateau« zu denken sein, denn es 
heisst im Originale: e^r-u nn rv:pn nnn V? »auf dem Plateau des 
heiligen Berges, des Garizimberges.« 


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352 


M. Heidenheira. 


A. M. 2794 . i ) Und diese werden von dem, der über den 
Bund die Aufsicht hat, auf bewahrt. Einer ererbt sie von 
dem Andern , denn sie ßind eine heilige Kette, 2 ) ja sie siud 
ihnen gleich der Lehre, in der sie die Kinder Israels unter- 
richten So sagt er auch in Bezug auf Josua : 

»Vor Eleasar dem Hohenpriester soll er stehen, damit er 
für ihn nach dem Rechte die Urim befrage«,*) und dieses 
beobachten sie bis auf den heutigen Tag. 

Wir haben wegen der Jubiläen, welche seit die Israeliten 
im Lande Kcnaan wohnen, bis auf den heutigen Tag, nämlich 
den Monat Tamus, welcher auf den ersten Rabiah fällt, 
(d. J. 747 der Hegra) nachgeforscht, und finden 60 Jubel- 
jahre. Und dieses Jahr ist das vierte Jahr des 5. Schemita- 
jahres vom 61. Jubeljahr , seitdem die Israeliten das heilige 
Laud Kenaan bewohnen. Es ist dieses A. M. 5778 und das 
Jahr 714 Jesdegird’s des Persers eines der Schüler Ptolmaeus*, 
welcher ein grosser Philosoph und sehr erfahren in der 
Astronomie und in dem Laufe der Sterne war, und er hatte 
in allen diesen Dingen (Kenntnisse) genug. Als Jesdegird 
(die Sonn- und Mondjkarten meiner Ahnen sah, da forschte 
er nach und erfasste die Berechnung der Samaritaner, und 
als er deren Wege und Berechnung der Zeit (Tage) kennen 
lernte, wurde ihm erst das Wahre bekannt, und diese For- 
schungen waren ihm eine Stütze! 

Und wir erforschten die Jubiläen , die von dem Tage 
an, da die Kinder Israels in dem Lande Kenaan wohnten, 
bis auf den heutigen Tag, welcher der Monat Tamus ist, 
der mit dem ersten Rabiah zusämmenfällt ( 747 J. der 
Hegra) verflossen sind, und fanden, dass es 60 Jubiläen 

a) Num. 27, 21. 

! ) Das wäre nach der rabbinischen Chronologie sieben Jahre nach 
deren Einzug in das gelobte Land geschehen, was nach den llabb. mit 
A. M. 2503 (Maimonides Hilchoth Schemita Cap. 10) und nach den 
Karaiten mit A. M. 2484 zusammenfällt. 

*) Also ganz derselbe Ausdruck wie bei den Kabbinen »die Kette 
der Tradition.« 


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Die samaritanische Chronik des Hohenpriesters Elasar. 353 

und 4 Schemitajahre und vier Jahre von dem 5. Schemita- 
jahre des 61. Jubeljahres sind. Es verflossen ihnen in 
demselben fünf Jubiläen und zwei Schemitajahre. 1 ) Und 
da heiligten unsere Voreltern das fünfzigste Jahr, sie Hessen 
den Posaunenschall im Lande ertönen und verkündeten ein 
Freijahr allen Bewohnern des Landes. Und nachdem Jehovah 
die Stiftshütte zerstörte und unglückliche Jahre kamen und 
Jehovah sie auf der Oberfläche des Erdbodens zerstreute, 
fahren sie dennoch fort, das Gesetz zu beobachten. 

Wir haben, wie erwähnt, die Jubiläen nacbgerech- 
net und sie gefunden, wie in diesem gesegneten Bande 
geschrieben ist. Alle Jahre von dem Tage an, da Gott die 
Welt schuf, bis die Kinder Israels in das Land Nenaan 
kamen, betragen 2794 J. , und von dem Tage an, da die 
Kinder Israels in das Land Kenaan kamen, bis zu den 
Tagen, da diese Mischnah abgefasst wurde, betragen 2984 J. 
Sie fingen die Schemitajahre an, als sie das Land vertheilt 
hatten, 2 ) wie Jehovah gesprochen: »Wenn ihr in das* Land 

*) Dass diese Berechnung richtig ist, ergibt sich ganz klar, denn 
nach ihrer Ansicht ergeben 5 Jubiläen 246 Jahre und 246 X 12 = 2952; 
2952 -+- 32 (4 Schemitajahre = 28 + 4 Jahre des 5. Schemitajahres 
— 32) 2984, und addirt man hiezu 2794, so erhalten wir 5778 A. M. 

Allein da er noch hinzufügt, dieses Jahr 5778 sei gleich 747 der Hegra, 
so fragt es sich , ob die Samaritaner die Hegra mit A. D. 622 nach der 
gewöhnlichen Annahme beginnen. Es ist aber erweisbar und schon in 
der Einleitung gezeigt worden, dass sie die Hegra von A. D. 599 zu 
zählen anfangen; 599 -+- 747 ■» 1346 A. D. Den Beweis dafür liefert 
die Angabe der Jesdegird’schen Aera, denn es heisst: 714 der Jesde- 
gird’schen Berechnung sei gleich 747 der Hegra. Die Jesdegird’sche 
Aera beginnt bekanntlich (vgl. Ideler’s Handbuch der Chronologie II, 519) 
A. D. 632. 714 -f- 632 = 1346. Es ist also sicher, dass A. M. 5778 
*=» 1346 A, D. = 747 der Hegra = 714 der Jezdegird’schen Zeitrechnung 
ist. Die letzte Bearbeitung dieser Chronik fällt demnach in’s Jahr 1346 
der christlichen Zeitrechnung. Nach Salomo’s Aussage (vgl. Notiees et 
Extr&its T. XII. p. 67) ist 1808 = A. M. 6216, nach unserer Chronik 
aber 6280 — A. M. ? 

*) Die Stelle ist nicht klar, sie lautet: cmc * * * 

nnm nsm rvo c n :xj "np ■ütiicn vrr erci c-o“« dti»: 
Sie muss aber ganz so verstanden werden, wie wir dem Sinne nach 


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354 


M. Heidenheim. 


kommet, das ich euch gebe, so sollt ihr ernten seine Ernte.* 
Denn von dem Tage an, da sie in das Land kamen, bis 
sie dasselbe vertheilten, rechnet man sechs Monate. Mit 
dem Neumonde des siebenten Monates beginnt die Berech- 
nung der Schemitnjabre, wie Jeliovah in der heiligen Lehre 
es ausgesprochen hat: »Am siebenten Monate, am zehnten 
Tage des Monates, sollt ihr die Posaune in euerm Lande 
ertönen lassen.«*) 

Wenn du dieses richtig erforschest, (so findest du) 
dass 5 Jubiläen 240 Jahre ergeben. 4 ) 

Das erste Jubeljahr 50 J., 2 ) das dritte Jubeljahr HS J., 
das vierte Jubeljahr 197 J., das fünfte Jubeljahr 246 J., 
das zwanzigste Jahr 984 J., und 40 Jubiläen 1968 J., 
55 Jubiläen 2703 J., 56 Jubiläen 2752 (nach dem sam. 


«) Lev. 25, 9. 

übersetzten. Der Chronist will sagen, nur 5 Jubiläen und 2 Scliemita- 
jabre hätte die Stiftsbütte gestanden. Dass dieses so aufgefasst werden 
muss, beweist das Priesterverzeichniss S. 353, wonach von Elasar bis 
Ussi, in dessen 25stem Jahre Bezalel das Zelt verfertigte, 260 Jahre 
verflossen. Das sind also 5 Jubiläen und 2 Schemitajahre ; denn 
246 4- 14 — 2G0. 

*) Sie lehren alSo ganz ähnlich wie die Karaiten, deren Ansicht 
zufolge das erste Schemitajahr, nachdem das Land veriheilt war, begann. 
(Ygl. Kaleb Efcndipulo in seinen Zusätzen zum Adereth Elijah Edit. 
Goslow p. 4 b ) Die Rabbinen (vgl. Maimonides 1. c.) lassen das erste 
Schemitajahr erst 14 Jahre nach dem Einzuge der Israeliten in dasselbe 
beginnen. Sieben Jahre verflossen, bis sie das Land erobert, und 
wiederum sieben Jahre, bis sie dasselbe vertbeilt hatten. 

*) Es ist aus diesem, wie aus den folgenden Berechnungen klar, 
dass die Samaritaner Lev. 25, 28 anders als die Rabbinen auffassen, 
nur das erste Mal das fünfzigste Jahr feiern und für alle folgenden 
Jubiläen nur 49 Jahre zählen. Nach der Ansicht Rabbi Judas wurden 
immer nur 49 Jahre gezählt, denn er lehrt -jSsVi rhw c^cn rar, 
d. h. mit dem fünfzigsten Jahre endet und beginnt wiederum ein neuer 
Cyklus. S. Erachin 12 a, Nedarim 61 a. Roscb Haschana Sb und 9a. 
Die Karaiten lehren hingegen, man müsse stets das fünfzigste Jahr 
feiern und die neue Berechnung habe immer mit dem ölsten Jahre zu 
beginnen. S. Kaleb Efendipulo im Adereth Eliuh S. 2 c u. d. und die 
peuern Ansichten bei Winer Bibi. Realwörterbuch unter Jubeljahr. 


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Die samaritanische Chronik des Hohenpriesters Elasar. 355 


Texte 2755); 57 Jubiläen 2801 (nach dem sam.Texte 2853); 
59 Jubiläen 2899 (nach dem Texte 2902); 60 Jubiläen 
2948 (nach dem Texte 2951); 61 Jubiläen 2997 (nach 
dem Texte 3000); 62 Jubiläen 3046 (nach dem Texte 
3049); 63 Jubiläen 3095 (nach dem Texte 3098); 64 Ju- 
biläen 3144 (nach dem Texte richtig); 65 Jubiläen 
3193 J. 

Wenn du die Jubiläen, welche, seitdem die Israeliten 
im Lande Kenaan wohnen, verflossen sind, berechnen und 
erforschen willst, so musst du zu der grossen Jahreszahl ? 
sechs Jahre hinzufügen , denn im siebenten Jahre zog unser 

Vater Pinehas auf das Plateau des Berges Garizim 

denn unsere Voreltern wohnten jenseits in der Meereswüste 
sieben Jahre, bis Jehovah ihnen Ruhe von ihren Feinden 
ringsum verschaffte und sie sicher wohnten. Und das Volk 
begann die Berechnung nach Schemita- und Jubeljahren, 
als es in das Land Kenaan kam. (Es that dieses) auf Befehl 
Jebovah’s vom Berge Sinai: »wenn ihr kommen werdet in 
das Land, das ich euch geben werde, so soll das Land 
ausruhen einen Sabbath dem Jehovah«*) u. s. w. Nachdem sie 
gesäet und geerntet hatten, feierten sie die Schemita- und 
Jubeljahre. Und diese Berechnung hat sich bis auf den 
heiligen Tag, welcher der Monat Tamus, d. i. der erste 
Rabiah im Jahr 747 der Hegra ist, erhalten. 

So finden wir es verordnet von unsern ersten Voreltern, 
und nach ihrem Bericht^ feierten die Israeliten das Passah 
in Egypten am 15. Nisan, und so feierten sie die drei Fest- 
tage 40 Jahre lang in der Wüste, bis sie in das Land 
Kenaan kamen. Und Elasar S. Aron’s wurde nach dem 
Befehle Jehovah’s Hoherpriester an der Stelle seines Vaters- 
Sein Sohn Pinehas wurde Hoherpriester, als diese Berech- 
nung anfing . . . auf dem heiligen Berge Garizim im 13. Jahre 
des Priesterthumes seines Vaters. Und in demselben Jahre 
schrieb Abischa, Sohn Pinehas, Sohn des Hohenpriesters 


») Lev. 25, 2. 


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356 


M. Heidenheim. 


Aron das heilige B u c h , welches sich in der Stadt Sichern, 
die Jehovah erhalten möge, findet. Es wird bis auf den heu- 
tigen Tag in dem Hause des Hohenpriesters aufbewahrt. 4 ) 

Und nach dieser Berechnung feiern wir die Feste Je* 
hovah’s. Diese Berechnung wird weder vernichtet, noch 
hört sie jemals auf. Die Berechnung von Adam an bis zum 
Auszuge der Kinder Israels aus Egypten kennen wir aus der 
heiligeu Lehre. Und diese Berechnung beobachten unsere 
Priester bis zu den Tagen des Heils. Und ich Jakob 
S. Ismael’s, Sohn AbdiePs, Sohn Jakob’s, Sohn Pinehas’, 
Sohn Elasar’s, Sohn Nethanel’s, Sohn Elasar’s, Sohn Natha- 
nel’s, Sohn Amram’s, Sohn Aron’s, Sohn Elasar’s, Sohn 
LevPs, der Hohenpriester, habe diese Mischna in dem oben- 
erwähnten Jahre geschrieben u. s. w. 2 ) 

Und diese Mischna habe ich von der Handschrift der 
Mischna meines Ahnen Elasar Sohn Amram’s abgeschrieben. 
(In dieser Handschrift) ist erwähnt, dass sie im Jahre 544 
der Hegra geschrieben wurde. Gott segne das Werk. Amen! 
Gelobt sei unser Gott in Ewigkeit und gelobt sei sein Name 
in Ewigkeit! 3 ) 


Adam . . . 

Jahre 
. . 130 

Seth . . . 

. . 105 

Enosch . . . 

. . 90 

Kenan . . . 

. . 70 

Mahalalel . . 

. . 65 

Jared . . . 

. . 62 

Chanoch . . 

. . 65 


*) Wiederum erzählen sie hier, dass Abischa das Gesetz abge- 
schrieben habe (vgl. Schreiben Ab. Sechuoh’s B. I S. 99 dieser Viertel- 
jahrsschrift). Nur hier wird erzählt, dass sie diese Rolle im Hause des 
Hohenpriesters auf he wahren; die neuesten Reisenden haben sie in einem 
Schranke ihrer Synagoge (vgl. Petermann 1. c. 289) gesehen. Wohl war 
aber zur Zeit der Abfassung dieser Chronik ihre Synagoge zerstört. 

*) Diese Chronik wurde A. D. 1347 nach der Chronik Elasars, die 
er A. D. 1142 verfasste, bearbeitet. 

s ) Die hier foljjpnde astronomische Tafel ist im Anhänge mitgetheilt« 


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t)ie samaritanische Chronik des Hohenpriesters Elasar. 357 

Jahre 


Methuschelach . . 

67 

Lamech . . . . 

53 

Von Adam bis zur Geburt Noach’s verflossen 707 Jahre, 

und bis zur Sündfluth 1307 Jahre. 2 ) 


Schern . . . . . 

100 

Arpachscbad . . . 

135 

Schelach .... 

130 

Eber .... 

134 

Peleg 

130 

Reu 

132 

Serug . . . 

130 

Nachor 

79 

Teracb 

70 

Von Arpachschad bis zur Geburt Abrahams verflossen 940 J. 

und von der Geburt Abraham’s bis zu 
es 2247 Jafere ;i) 

Adam rückwärts sind 

Abraham .... 

100 

Isak ...... 

60 

Jakob 

87 

Levi 

52 

Kehath 

73 

Amram 

72 

Aron 

40 


Moses weissagte 40 Jahre. Die Gesammtjahveszahl bis zum 
Tode Mosis beträgt 2794 Jahre. 4 ; 


') Diese Berechnung stimmt genau mit den Zahlenan gaben des 
gam&ritanischen Pentateuchs zusammen. 

*) Ebenso Abul Fatah in der Chronol. Samarit. synopsis (s. Acta 
Eridutorum Jahrg. 1611 p. 167). Nach Gen. 7, 11 war Noah 600 Jahre 
alt, als die Sündfluth begann. 707 4- 600 =■ 1307. 

*) Abul Fatah gibt richtiger 942 Jahre an, weil er nach Gen. 11, 10 
die zwei Jahre nach der Fluth, das Geburtsjahr Arpachschads mit 
rechnet, und hat folglich 2249 Jahre statt 2247. 

1 4 ) Ebenso Abul Fatah 1. c., der zwar nur bis zum Tode Aron’s 
rechnet. Die Zahlenangabe in unserer Chronik ist nicht richtig , da sich 
die Zahl 2794 nicht daraus ergibt. 


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358 


M. Heidenheim. 


Elasar S. Aron’s 

Jahre 
. 50 

Pinehas . . . 

. 60 

Abischa . . . 

. 40 

Scheschaj . ... 

. 50 

Bachaki . . . 

. 35 

Ussi 

. 25 


Im 25. Jahre des Priesterthums Usi’s zerstörte Jehova 
das heilige Zelt, welches Bezalel verfertigte. 

Von Adam bis zur Zerstörung des heiligen Zeltes ver- 
flossen 3054 Jahre. *) 

Dieses sind die Namen der Hohenpriester, welche das 
Priesterthum verwalteten, nachdem Jehova das heilige Zelt 
zerstörte. 2 ) 

Scheschaj .... 39 

Während des Priesterthuras dieses Scheschaj’s kamen 
12 Männer von den Häuptern Joseph's zu dem Hohen- 
priester Scheschaj, um ihn zu bewachen. Und sie wohnten 
auf dem Berge Garizim, um den Hohenpriester zu bewachen, 
und sie verliessen was ihnen von den Städten und Land- 
schaften, welche ihnen durch das Loos zugetheilt wurden t 
wie Jeliovah zu Moses geredet u. s. w. Diese verliessen ihre 
Besitztümer und hielten sich bei den Hohenpriestern auf. 

Und diese sind ihre Namen, ich will ihrer zum Segen 
gedenken. Sie wohnten auf dem Berge Garizim, bis die 
Ismaeliten den Hohenpriester Tobiah tödteten; von da an 
bis auf den heutigen Tag wohnt dort kein Hoherpriester 
mehr. 

1. Eden, S. Zadok’s, S. Schuselach’s von Schulam 

R a b t h a. 3 ) 

*) Ganz übereinstimmend mit Abul Fatah und mit den in der 
Chronik angegebenen Jahreszahlen. Am Rande des Textes ist 5055 an- 
gegeben, was unrichtig ist. 

*) Abul Fatah zufolge trat nach Ussi eine Vacanz von 39 Jahren 
ein, dereu hier nicht erwähnt wird. 

3 ) Schulam Itabtha ist nicht mit dem Joh. 3, 23 genannten Salem 
oder Salim zu verwechseln, das in der Nähe yoii Aenon lag, sondern 


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Die samaritanische Chronik des Hohenpriesters Elasar. 359 


2. Leked, S. Sathur’s, S. Machir’s, S. Becher 's von Beth 
Pethucha. *) 

3. Parok S. Jose’s, S. Ben Tachara’s von Santa Merimtha. ? ) 

4. Naanah, S. Nephtali’s, S. Ben Schutlielach’s von Ajalo- 
nah Taba. s ) 

5. Karmi, S. Geber’s, S. Ben Tacham’s von Timnath 
Serech. 4 ) 

6. Ab Nabo, S. Taba’s, S. Schalam's, S. Ben Eden’s von 
Sichern. 


es ist in der Nähe von Sichern £u suchen. Es ist weder Sichern selbst, 
wie Einige vermuthen, noch ein Thurm in Sichern, wie Hitzig (vgl. dessen- 
Commentar zu Jer. 41, 5) glaubt, sondern es war ein Ort, der nicht weit 
von Sichern lag, wie fast aus Jer. 48, 5 xal thftcovav dvdgeg dhto 
Tuu dxö ZaA r,[i zu schliessen ist. Auch die Lesart ZVAa//, ganz wie die 
dironik, hat uns ein Codex aufbewahrt. Es hiess wohl »Rabtlia das 
Grosse« im Vergleiche mit dem in Judaea. Dass dieses Schulam nahe 
bei Sichern lag, bezeugt auch Epiphanius adv. Ilaereses p. 469. Auf der 
Anhöhe des Wady el-Fari’a fand Robinson (vgl. dessen Palästina III, 
S. 322) drei Dörfer Azmut, Deir el-Hatab und Sä lim, welches letztere 
er nicht unwahrscheinlich für die Stadt Sichern hält, nach welcher 
Jakob auf seiner Rückkehr von Mesopotamien kam. (Vgl. auch Sepp 
Jerusalem und das heilige Land, B. II, S. 36.) 

*) Statt nrrtns ist n*rn zu leseu und an den im Stamme Efiaim 
gelegenen Ort dieses Namens (Jos. 16, 8) zu denken. Von dem auf dem 
Gebirge Judah gelegenen Beth-Tapuacli findet sich jetzt noch »Teffuli« oder 
»Taffuh« (Robins. II. S 700 u. 716. Toblers dritte Wanderung S. 149). 
Zu Hieronymus Zeit scheint man indessen auch rr.rt gesprochen zu haben, 
da er (de nominibus hebr.) eine Deutung des Wortes durch »tympanum 
apertum« = rrns q n anführt! 

*) Nata Merimtha mag wohl derselbe Ort sein, welcher noch 
Hieronymus unter dem Namen Merrus bekannt war, wovon er (über 
de situ et nominibus s. v. Merrom) sagt: *Est autem nunc vicus Mer- 
rus nomine in duodecimo milliario urbis Sebastae juxta Dothaim.« Einen 
Ort El-Mcrus fand Sepp 1. c. 11.331 im Libanon, der aber nicht mit 
dem Merrus bei Hieron. ideutificirt werden kann. 

• 1 ) Ajalon Tabah mag wohl das im Stamme Sebulon gelegene sein 
(Jud. 12, 11). In dieser Gegend ist bis jetzt kein Ajalon aufgefunden 
worden, aber Berge von Aglün vgl. Robinson III, 600 u. 610. 

4 ) Timnath Serech ist das Jos. 19, 49. 50. 24, 30. Jud. 2, 8. 9 ge- 
nannte »Timnath Cheres«. Es ist immerhin interessant, dass sich bei 
den Samaritanern die Lesart der LXX Sa^vaaaQuX erhalten hat. 


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360 


M. Heidenheim. 


7. Eglon, S. Haajud, S. Ben Perath von Beth Peor. 1 ) 

8. Sajith, S. Schamer’s, S. Ben Bechers von Jischar. 2 ) 

9. Sagion , S. Saud’s , S. Ben Nun's von Lus 3 ) d. i. Schom- 
ron, die Burg, welche der König der Gnade dem Josua 
S. Nun’s um das heilige Zelt herum, das ist der Berg 
Josua’s und seine Umgebung, erbaute. 

10. Eber, S. Namech’s, S. Ben Mecher’s von Mecher Za- 
habath. 4 ) 

’) Beth Peor lag nach Deut. 4, 40 und Jos. 18, 20 (vgl. auch 
Hieron. Onom. s. v. Bethfagor im Stamme lleuben. Aus dieser Chronik 
erfahren wir, dass auch Samarien einen Ort dieses Namens hatte. 

*) Jischar, wofür Sichar zu lesen ist. Ischar ist gleich Aschar, 
welches nach Scholz S. 26/ eine halbe Stunde südlich von Neapolis liegt. 
Auch Brocardus (Quaeresen. 2, 808) fand neben dem Brunnen Jakobs ein 
oppidum desertum et dirutum, welches zwei Bogenschüsse von Neapolis 
liegt, und das die Eingebornen Iscar wohl — Askar nannten. Es ist 
diese Entdeckung um so wichtiger , da der Name , wie er Joh. 4, 5 an- 
geführt wird, ziemlich isolirt dasteht. Joseph nennt diese Stadt Zixtfiov 
(Antiq. 1, 18. IV, 7. V, l. VIII, 3 u. a.) und Neäxokiv (Bell. Jud. V, 4). 
Auch die ältesten christlichen Schriftsteller gebrauchen nicht den Namen 
»Sychar« , wenn sie von der Stadt »Sichern« reden. So z. B. Justinus 
Martyr, der sie in seiner zweiten Apologie Neapolin nennt, so Epipha- 
nius advers. haeres. I, 3, 105 , und Hieronymus in epitaphia Paulae geht 
sogar so weit, den Namen Sichar in Frage zu stellen, indem er 1. c. sagt : 
Transivit Sichern, non ut plerique aerrantes legunt Sichar, quae nunc 
Neapolis appelatur etc. Sich selbst widersprechend und Euseb. folgend 
sagt zwar Hieron. s. v. Sychar: Sychar ante Neapolim juxta agrum quem 
dedit Jacob Josepho. Ebenso kennt sie Cyrill (vgl. dessen Comm. zu 
Hoseas p. 102 und p. 176) nur unter dem Namen u. A. Erst im 

12. Jahrhundert macht Phocas wieder von dem Namen »Sychar« Ge- 
brauch und sagt: 7/ xcov l'auaQecov fir)ZQ().T:oXLg Zi/dQ, /J fitrd ravra 
xXqäeiaa XeiL toAi s ' x. r. A. Das Zeugniss des Phocas gewinnt aber an 
Glaubwürdigkeit, da unsere samar. Chronik damit übereinstimmt 

a ) Lus, d. i. Schomron, folglich identificiren die Samaritaner Lus 
mit Schomron. Dass auch ausser dem Lus in Benjamin noch ein anderer 
Ort dieses Namens nahe bei Sichern lag, bezeugt Hieronymus im Ono- 
masticon s. v. Luza und berichtet darüber Folgendes: Luza haec altera 
est, quae cecidit in sortam filiorum Joseph, juxta Sichern in tertio 
lapide iXecutöteiog, 

4 ) Macher Zachabath ist wohl eine Corruption aus Machaerus. 
Es ist also an ein Machaerus im Samariterlande zu denken, und darf 


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Die samaritanischc Chronik dos Hohenpriesters Elasar. 301 


11. Uri, S. Gamal’s, S. Ben Jairs von Rartha Rabtha. *) 

12. Meschabacli, S. Amar’s, S. Ben Nobach’s von Nobach . 2 ) 


i die Namen der 

Hohenpriester 

Jahre 

Pikchi . . . 

. . 23 

Schebet . . . 

. . 28 

Schalom . . . 

. . 25 

Chiskijah . . . 

. . 20 

Jonathan . . . 

. . 28 

Jair .... 

. . 22 

Daliah . . . 

. . 25 

Jair .... 

. . 19 

Jehonan . . . 

. . 28 

Ismael . . . 

. . 26 

Tobiah . . . 

. . 28 


Dieser Tobiah war der letzte, welcher auf dem Berge 
Garizim wohnte; die Ismaeliten erschlugen ihn, und von 


nicht mit dem berühmten Schlosse in der Nähe des todten Meeres, 
(jetzt Kef. Mtschauer, Sepp I, 678) woselbst Alexander Jannäus ein 
festes Schloss anlegte und (nach Joseph. Ant. XVIII, 5, 2 und Euseb. 
Hist. EccL I, 11) Johannes der Täufer enthauptet wurde, verwechselt 
werden. Immerhin mag aber der Beiname nans = r axn, nesrn, an 
einen Ort erinnern, der hoch lag. Man hat gegen die Sage, dass sich, 
wie zuerst Hieronymus (Onom. s. v. Semeron und Comm. in Obad. 1, 1) 
berichtet, das Grab des Johannes in Sebaste befinde, mit Recht Folgendes 
eingewendet. Es sei kaum wahrscheinlich, dass die Jünger des Johannes, 
welche »kamen und seinen Leib nahmen und ihn begruben« (Matth. 14, 12), 
denselben erst den ganzen Weg bis nach Samaria gebracht haben sollten ! 
Dieser Einwand würde wegfallen, wenn sich die ganze 
Scene in einem Schlosse Machaerus bei Sebaste zuge- 
tragen hätte! 

*) Kartha Rabtha ist wohl die Jos. 21, 34 genannte Stadt. 

*) Nobach ist das Num. 32, 42 erwähnte »Nobach« ; es gehörte 
dem Stamme Menasseh. Hieron. kannte auch ein Nobc, wovon er (Ep. 
Panllae p. 696) sagt: (Paulla vidit) Lyddam, haud procul ab ea Arami- 
tbiam et Nobe urbem. Und Will. Tyr. 856 berichtet Folgendes von 
Nob : »Nobc, hodie Battenuble, in descensu montium, in primis auspiciis 
campestrium, via qua itur Liddam.« Jetzt heisst dieser Ort »Beit Nübab« 
(Robinson III , 279 u. f.). 

Yierteljabrsschrift. IV. 3. 24 


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362 


M. Heidenheim. 


da ab wohnte kein Hoherpriester mehr daselbst bis auf 
den heutigen Tag. 

Sein Sohn Zadok folgte ihm nach. Er verliess den 
Berg Garizim und wohnte in Akrabith. Und bei ihm wohn- 
ten, wie schon erwähnt, zwölf Fürsten, tapfere Männer, 
die sich durch Weisheit auszeichneten. 

Diese sind ihre Namen: 

1. Saith, S. Schechar’s, S. Ben Baar’s von Jischar. f ) 

2. Sagian, S. Sagil’s, S. Schomron’s von Lus. 2 ) 

Die zehn Uebrigen wählten sich Städte. 

3. Eber, S. Machir’s, wohnte in Ofrah. 3 ) 

4. Schelach, S. Choris’, wohnte in Birtha 4 ) und deren 
Umgebungen. 

5. Amad, S. Nabach’s, wohnte in Laban 5 ) und deren 
Umgebungen. 

Diese sind von den Söhnen Ephraims. 

6. Zadok, S. Schuthelach, kehrte nach seiner Stadt, 
Schalam Rabtha, 6 ) zurück. 

7. Becher x S. Ismael’s, wohnte in Kirjath Jasda 7 ) und 
deren Umgebungen. 


*) S. Seite 360 Note 2. 

*) S. Seite 360 Note 3. 

3 ) Ofrah, im Originale mc*, ist das Jud. 6, 11 u. 8, 27 im Stamme 
Manasse liegende Ofrah, wofür Hieron. E<f>Qa&a und Jos. EyQO. schrei- 
ben. S. Reland s. v. Ophra. 

4 ) Berotha (nnra) ist wohl die Jos. Ant V, 1 erwähnte g&liläische 
Stadt BrjQcö&rj. 

5 ) Lebon(ah) (*pV) ist das Jud. 21, 19 erwähnte Libna. Ein Can 
Leban in der Nähe von Neapolis erwähnt Maundrell, vgl. Reland s. v. 
Lebonah. 

6 ) Schalam Rabtha s. Seite 358 Note 3. 

7 ) Kirjath Jasdeh (mo*); damit ist »Jasthie« (das biblische Japho) 
bei Hieron. zu vergleichen, wovon er sagt: »Nunc usque Joppe vocatur, 
ascensus Japho. Sed et oppidum Sycaminum nomine, de Cesaraea Pto- 
lemaidem pergentibus super mare, propter montem Carmelum Kpha 
dicitur.« 


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Die samaritanische Chronik des Hohenpriesters Elasar. 363 


8. Tacham , S. Abraham’s , wohnte in Tirath Maradah 4 ) 
und deren Umgebungen. 

9. Akab, S. Naanah’s, wohnte in Tirath Nimrah 2 ) .und 
deren Umgebungen. 

10. Eden, S. Ab Schachan’s, wohnte in Beth Korim 3 ) und 
deren Umgebungen. 

11. Geber, S. Karmah’s, wohnte in Kirjath Chaga 4 ) und 
deren Umgebungen. 

12. Pareth, S. Achijud’s, wohnte in Socho 5 ) und deren 
Umgebungen. 

Diese sind die Häupter der auserwählten Stämme Israels. 

Wir fahren nun mit der Aufzählung der Hohenpriester fort. 



Jahre 

Amram . . 

... 28 

Chilkijab . . 

... 24 

Amram . . 

... 38 

Akub . . . 

... 36 

Akabjah . . 

... 39 


Diesen Akabjah führte Nebuchadnezar , der König von 
Assyrien, ins Exil. 

Chanel 45 

Akabjah und Chanel starben in Babylon, und Scherajah 6 ) 
kehrte nach dem heiligen Berge Garizim zurück. 

*) Kirjath Marada mag wohl das Jos. 19, 11 genannte Marala 
sein, von welchem Eusebius in seinem Onomasticon sagt : MaQaXd (pvXf t g 
Mavaaai\ , was aber Hieron. anders wiedergibt, denn er sagt: »Marala 
adscensus Zabulon.« 

*) Tirath Nimrah ist wohl das Num. 32, 36 und Jos. 13, 27 ge- 
nannte Beth Nimre im Stamme Gad. 

*) Beth Korim ist das Jos. 19, 38 erwähnte »Chorem« im Stamme 
Naphtali. 

4 ) Kirjath Chagu. Da die Samaritaner in dem Gebrauche der 
Kehlbuchstaben sehr nachlässig sind, so ist leicht einzusehen, wie Chaga 
aus Ago oder Acho entstanden ist. Chaga ist wohl das Jud. 1, 31 ge- 
nannte *Acho« im Stamme Ascher. 

5 ) Sochoh ist die im Stamm§ Gad (Jos. 13,27) gelegene Stadt Suckoth. 

•) Jedenfalls ist es nicht uninteressant, hier diesem Esra 2, 2 

genannten Namen zu begegnen. 

24 * 


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364 


M. Heidenheim. 


Jahre 

Scherajah .... 40 

Levi 50 

Nethanel 52 

Asarjah 35 

Diesen Asarjah vertrieb der König der Griechen nach 
dem fernen Osten. Im 13. Jahre seines Priesterthums ver- 
waltete sein Sohn Abdiel das Priesterthum, und im 35. Jahre 
seines Priesterthuma kamen sein Vater und 300,000 Mann 
der Israeliten aus dem Exile zurück. Nicht mitgerechnet 
sind die Knaben, Kinder, Frauen und Knechte. Sie Alle zogen 
nach dem Berge Garizim Beth El, dem gesegneten Berge. 
Und der Hohepriester Abdiel baute einen Altar und brachte 
darauf Opfer dar, nämlich 100 Stiere und junge Rinder. 

Und Sanbalat, ein Angesehener der Söhne 
Levi’s, theilte (das Amt) mit ihm, als er kam. 1 ) 

Jahre 


Chiskiali 

30 

Chananjah .... 

24 

Amram 

32 

Dieser Amram ist es , dessen Sohn Darius König der Assyrer 

seiner Tochter (zum Gemahle) nahm. 


Chanon 

25 

Chiskijah 

21 

In den Tagen dieses Chiskijah kam Alexander, König der 
Macedonier, und bezwang alle Länder und Völker der Erde. 

Daliah 

42 

Akub 

40 . 

Akabjah 

35 

Levi 

41 

Elasar 

44 

Menasseh .... 

36 

Jair 

39 

Nethanel 

41 


*) Vgl. Neh. 13, 28. 


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Die samaritanische Chronik des Hohenpriesters Elasar. 365 

\ 

Jahre 


Jehojakim .... 32 

Jehonathan .... 27 

In den Tagen Jonathans wnrde Jesus, Sohn Mirjam's, 
Sohn Joseph’s von Nazarah , 4 ) nflfÜPl p 2 ) in Jerusalem 3 ) 
zur Zeit des römischen Königs Tiberius durch den Archon 
Pilatus getödtet. 


Elischama .... 33 

In den Tagen Elischama’s kam Vespasianus, 4 ) der römische 
König , und erneuerte Daron , d. i. Cesarea. 5 ) Es ist dieses 
die Stadt, welche Seth erbaute. 6 ) Er schloss und dämmte 
die Wasserströme ein, als er sie baute, so dass das Wasser 
wuchs und die Stadt überschwemmte. Er nannte sie Daron 7 ) 
nach dem Namen seines Sohnes. 


Jahre 


Schemajab . . . 

. 10 

Tobiah .... 

. 8 

Amram .... 

. 9 

Akbon .... 

. 30 

Pinelias .... 

. 40 

Levi 

. 25 


In den Tagen dieses Levi kam Hadrian der römische 


') Also auch die Samaritaner schreiben mir (Nazarah) statt Naza- 
reth. S. Keim Geschichte Jesu von Nazara, S. 319. 

*) Abul Fat. S. 107 nennt hingegen Jesus stets den Messias. 

3 ) Statt Jerusalem schreibt er »Arurschalem« das verfluchte Schalem. 

*) Im Originale und bei Abul Fat. (vgl. die Einleitung 

zur Chronik S. 348) Auch die Rabbinen schreiben »Espasianus« 

(vgl. L. Rapoport Erech Millim s. v. Espasianus). 

5 ) Vespasianus erhob, wie Plinius Hist. Nat. 5, 14 berichtet, Daron 
zu einer römischen Colonie, und das mag auch die Chronik berichten 
wollen. Statt -nn 1. 2 m (vgl. den Auszug aus der Chronik S. 348) 
»erweitern«, »frei machen«. 

6 ) Hier ist an Herodes den Grossen zu denken, welcher, wie Jos. 
Antiq. XV, 9, 6 berichtet, einen grossartigen Hafen daselbst anlegte. 

*) Statt Daron 1. »Drusus«. Herodes nannte den grössten Theil 
des neuen Hafens »Drusus« nach dem Namen des Schwiegersohnes 
von Caesar. 


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36G 


M. Heidenheim. 


König, belagerte Jerusalem, errichtete in Sichern eine 
kupferne Tafel und schrieb darauf: »Nicht wohne in Sichern 
ein Jude!!« Dieses that er wegen seiner Frau, die eine 
Samariterin aus Jaschub war.*) 

Jahre 

Elasar 32 

Baba 28 1 

Elasar 41 , 

In den Tagen dieses Elasar kam Ptolemaeüs, der Vor- 
gänger Jezdegirds. 2 ) Und Ptolemaeus war in Egypten und 
Jezdegird im Lande Schinear. 

Akbon 23 

Nethanel 32 

Baba der Grosse 3 ) . 40 

Dieser Baba vertrieb die Feinde Jehova’s aus dem Lande 
Kenaan und regierte 40 Jahre. Er offenbarte den wahren 
Glauben, baute eine Synagoge und ein Lehrhaus und setzte 
Lehrer ein. Er brachte die Israeliten in ihre Wohnplätze 
zurück und theilte ihnen Priester zu. 

Die Söhne Aarons Hessen sich in der Stadt der Samari- 
taner und in ihren Städten und Dörfern nieder. Und die 
Söhne Ithamar’s, der Erstgeborne Ithamar’s, Abdi, Melech, 


l ) Die Schlussworte (vgl. Einleitung S. 348) sind unklar. Man 
muss entweder übersetzen »sie war von Jaschub« oder statt 

»vorzüglich, edel« lesen und übersetzen: »sie war aus edelm 
Geschlechte«. Das samaritanische Buch Josuah und Abul Fatah haben 
siwo und Juynboll (s. dessen Comm. in Hist. Sam. p. 135) schlägt vor, 
dafür »Beth Jaschuf« zu lesen (vgl. Juynboll Chronicon Samarit. p. 327 e). 
Allein dagegen lässt sich einwenden, dass sich kein Ort »Jaschuf« findet. 
Robinson fand zwar Yäzür in der Nähe von Lydda (s. Robins. Palästina 
in , 869). Einleuchtender ist die Conjectur Scaliger’s, der am Rande der 
Handschrift * Asupe urbs« schrieb , auch Robinson (in, 878) fand Arsuf 
*=» Appolonia nicht weit von Nablus. Schon Basnage I, p. 197 nahm 
»Jaschub« als Familiennamen. 

*) Ueber Jezdegird s. Scaliger de Emendat. Temp. p. 210. 
s ) Baba der Grosse richtete also einen förmlichen Priesterstaat ein. 
Die Zahl 12, die sich ergibt, wenn die Wohnorte der Priester mitge- 
rechnet werden, ist Nachahmung der 12 Stämme. 


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Die samaritanische Chronik des Hohenpriesters Elasar. 367 

Zadkiel und Scheba, und Or und As. Und diese vermehr- 
ten sich im Lande Kenaan. 

Diese sind [die Namen] derer, welche Baba der Grosse 
heraufbrachte und denen er Wohnsitze einräumte: 

I. Ismael gab er Besitzthümer von Lus bis nach Galiläa 
am Meere. Nanah Priester. 

II. Jakob gab er Besitzthümer von Sichar 1 ) bis nach Ti- 
berias. Nethanel Priester. 

III. Saith, ben Tacham, gab er den Altar 2 ) von dem 

Berge Garizim bis zum Jordan. Elasar, S. Kelach’s, 
Priester. • 

IV. Josua, benPerak, b. Eden, gab er Besitzthümer von 
Machir Chalul bis Beth Scheba. 3 ) Amram, S. Sared’s, 
Priester. 

Dieser Amram ist der Vater Totah’s, Vater Mar- 
kah’s, Verfasser äer Chachmah. 4 ) 

V. Abraham Schemitimah, ben Ot, b. Perath, gab er 
Besitzthümer von Bechoron 5 ) bis Philistäa. Chakumah 
Priester. 

VI. Israel , ben Machir, gab er Besitzthümer von Gazah B ) 
bis zum Strome Egyptens. Schalum Priester. 


1 ) Vgl. hierüber Seite 360 Note 2. 

*) Abul Fatah p. 133 'tan* -ps d. i. von den Grenzen des Berges 
Garizim. 

*) Vielleicht ist es Schreibfehler für Beth -Sehen (gegenwärtig 
Beisän; vgl. Robinson III, 398), das im Stamme Isaschar lag. (Jud. 1, 27. 
1. Chron. 7, 29.) Statt Machir hat Abul Fatah Kefr Ilalul. Der Lage 
nach kann hier nicht Halhül oder Hülhül, das in der Nähe Hebrons 
liegt (vgl. Robinson I, 359. II, 412. III. 220) gemeint sein. 

4 ) Ueber Marka vgl. Bd. II. S. 472 dieser Vierteljahrsschrift. Abul 
Fatah stimmt hier genau mit unserer Chronik überein, und es ist 
hiemit der beste Beweis geführt, dass Marka im 5. Jahr- 
hundert lebte. 

6 ) Wahrscheinlich Bethoron im Stamme Gad (Jos. 13, 27. Num. 32, 36) 
vgl. Reifend s. v. Petharam. 

*) Dass sie kleine Gemeinden in Gaza hatten, berichten sie in 
ihren Briefen (S. De Sacy Cores, des. Sam. p. 191). 


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368 


M. Heiclenlieim. 


VII. Joseph, ben Schuthelach, gab er Besitztümer von 
dem gesegneten Berge ! ) bir' nach Cesarea. Aron, 
S. Aron’s, Priester. 

VIII. Lael, ben Becher, gab er Besitztümer von der Grenze 
des Karmels Cesarea bis nach Gaza. Joseph Priester. 

IX. Becher, ben Or, gab er Besitztümer von dem Berge 
Nakar 2 ) an bis nach Zurei, 3 ) d. i. Chur. Dieses ist die 
Stadt, welche Jared erbaute und worin er erstochen 
wurde, und er starb im # Dorfe Maron. 4 ) Sein Priester 
war Aron, Sohn Sabed’s. 

X. Schebet, ben Zabo, b. Machir, gab er Besitztümer 
von dem Strome Lita 5 ) an bis nach Chidon 6 ) bis zum 
Techum Mano. 7 ) Sein Priester Saris, S. Manir’s, war 
ein grosser Gelehrter. 

XI. Bered , ben Susan , b. Amad , gab er das galiläische 
Gebirg bis zum Strome, bis zum Libanon , nebst allen 
Dörfern, die im Gebirge liegen. Sein Priester war 
Sajit, S. Levi’s. 

Die Jahreszahl bis zu Baba Rabba beträgt 4600 Jahre. 


’) Bei Abul Fatah p. 134 muss statt mis, rmts gelesen werden. 

*) Ein solcher Berg ist nicht bekannt (auch nicht »Tsared«, wie 
ilm Abul Fatah nennt), jedoch fand Robinson 1. c. III. p. 365 ein Dorf 
en-NäkCtrah. Vielleicht ist statt Har, Kefer (Dorf) zu lesen? 

3 ) Diesen Ort hat keiner der Reisebeschreiber Palästinas gefunden. 
Ist Chur vielleicht das im Stamme Naphthali gelegene Chorem (Jos. 19,38)? 

4 ) Es ist das Dorf Märön , welches Robinson auf seiner Reise von 
Safed nach Tyrus (s. Robinson 1. c. III, 642) auf einer Anhöhe liegend 
fand. Auch Midrasch Koheleth p. 118 c. 4 wird dieser Ort erwähnt. 

5 ) Dieser Strom, welcher jetzt el Litäny (vgl. Robinson, Neuere 
bibl. Forsch, in Palästina, pp. 55. 62. 67. 504. 549. 551. 568) heisst, liegt 
zwischen Tyrus und Sarepta und wird von dem arabischen Geographen 
vgl. Reland S. 290 unter dem Namen »Lante« erwähnt. 

6 ) Statt Chidon ist wohl Zidon = Sidon zu lesen ; denn auch Abul 
Fatah liest kto 

7 ) Mano lässt sich nicht identificiren. Ist vielleicht dafür Mäni’a 
zu lesen, so ist wohl hier der Jebel Mäni’a (s. Robinson neuerS Forsch, 
in Palästina S. 579. 612) gemeint, und »Techum Mäni’a* heisst bis zur 
Grenze des Berges Mäni’a. 


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Die samaritanischc Chronik des Hohenpriesters Elasar. 309 

Akbon verwaltete das Pricsteramt nach seinem Bruder 
Baba Rabba 20 Jahre. 

In seinem Priesterthume kam Dositheus, 1 ) 
Sohn Palpadal’s nach Sychem. Er stammt nicht 
von de« Samaritanern ab, sondern von dem 
Pöbel, der mit den Israeliten aus Egypten zog. 

Jahre 

Nethanel 31 

Akbon 20 

Elasar, der Vater Mirjam’s 25 
Akbon ..... 24 

Elasar 17 

Akbon der Grosse . 30 

Elasar 40 

Nethanel 31 

Im dreizehnten Jahre des Priesterthums Nethanels plün- 
derte Zenon? 2 ), König der Römer, den Berg Garizim und 
erbaute ein Castell darauf,, worin er wohnte, und er starb 
[daselbst] und sie begruben ihn auf dem Gipfel des heiligen 
Berges. 


! ) Auch Abul Fatah p. 162 erwähnt noch einen zweiten Dositheus, 
den er zwar Dusis nennt (s. Vilmar Prologomena p. LXXI ff.) und des- 
sen Lehren völlig mit denen des Dositheus I. übereinstimmend geschüdert 
werden. Folglich kann hier nur von einem Aufblühen dieser alten Sekte 
die Rede sein. Der Chronist will demnach nur sagen, die Schüler des 
alten Dositheus (vgl. Euseb. Eccles. Histor. Lib. IV. Cap. 22. Epiphan. 
XXI, Photius biblioth. CXXX. Clem. Recogn. II, 8 etc.) seien zu jener 
Zeit nach Sychem gekommen. Was aber von Wichtigkeit in dieser hier 
eingeschobenen Notiz sein mag, ist die Abkunft des Dositheus, da er 
ein Sohn PalpadaPs genannt wird. Dieses Paldadal scheint eine Cor- 
ruption aus Palti zu sein, welcher nach samaritanischen Nachrichten 
(vgl. diese Vierteljahrsschrift Bd. II. S. 223 Note 3) der berühmteste 
Zauberer Egyptens war. Dositheus wird also ein Sohn , d. i. Nachfolger 
dieses Palti genannt , weil er sich auf Zaubereien verlegte. Dieses passt 
dann auch ganz gut zu den (Clem. Recog. II, 8) aufbewahrten Nachrichten, 
wonach Simon magus ein Schüler dieses Dositheus gewesen sein soll. 

*) Ausführlich darüber berichtet Abul Fatah p. 170. 


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370 


M. Heidenheim. 


Jahre 

Elasar 25 

In seinen Tagen kam Al Luzi Saharu;*) er ist der Vater 
der Kinder Kabaza’s. Er sammelte Leute und ging zu 
Mobamed über, aber er glaubte nicht an ihn. * 

Amdi Jakob Iskar. Er ist der Stammvater der Kinder 
Maurtha’s. 

Und während des Priesterthums Elasar’s stand Mahomed 
auf und weissagte unter den Ismaeliten in der Stadt Mekka, 
und er erwies allen Samaritanern Gutes. 

Saith ist das Haupt der Söhne Daniftai’s. 

Jehoschuah, Sohn Perak’s, Sohn Eden’s, Sohn Hatha- 
qui’s, ist der Vater der Kinder Nonah’s. 

Abraham, Sohn Or’s von Dagon, ist der Vater der 
Kinder Tobiah’s und der Kinder Kala’s. 

Isreel, Sohn Makir’s, ist der Vater der Kinder Zuri’s. 

Joseph, Sohn Schutelach’s, ist der Vater der Kinder Aini’s 
und der Vater der Kinder Sahala’s und der Vater der Kinder 
Matar’s und der Vater der Kinder Chalab’s und der Vater 
der Kinder Schelach’s. 

Lael, Sohn Becher’s, ist der Vater der Kinder Chado’s 
und der Kinder Naftali’s. 

Becher, Sohn Or’s, ist der Vater aller Bewohner Zar- 
fathai’s und der Kinder Chabib’s und der Kinder Antali’s 
und der Kinder ChablaPs. 

Schebet, Sohn Zabo’s, ist der Vater der Kinder Metu- 
chaji’s und der Kinder Hanechasheth’s und der Kinder Abis. 

Peret, Sohn Scherian's, ist der Vater aller Kinder 
Malieh’s und der Kinder Galgal's und der Kinder Sohar’s 
des Grossen, welche in Gazah wohnten, und Soliar zog 
nach Gerar und zeugte drei Söhne. 

Kakai (ist der Vater) aller Leute des Hauses Beth- 
Purim, die in Thothai wohnen. 

Die Kinder Schamthai’s und die Kinder Kiatin’s und 


£in uns ganz unbekannter Name. 


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Die samaritani8che Chronik des Hohenpriesters Elasar. 371 


die Kinder Mothai’s, und die Kinder Bahluli’s, und die 
Kinder Moschlai’s , und die Kinder Sabnai’s , und die Kinder 
Rabkai’s, und 4ie Kinder Samkai’s, und die Kinder Kaku- 
lai’s, und die Kinder Menaschai’s, Zafar’s und Karkar’s. 

Alle diese (Nachkommen?) Tobiah’s und Bischag’s konn- 
ten nur mit Schwierigkeit unter dem Pontificate Elasar’s 
des Hohenpriesters aufgefunden werden. 

Jahre 

Nethanel 20 

Elasar 18 

Akbon 30 

Dieser Akbon fiel in den Jordan bei Jericho und wurde 
bei seinen Vätern in dem Dorfe Nemarah begraben. *) 


Elasar 

13 

Akbon 

40 

Elasar 

32 

Akbon 

21 

Elasar 

26 

Simeon 

7 


Im sechsten Jahre des 


Priesterthums dieses Simeon 


kreuzigte Kerusai, 2 ) der König von Assur, vieles Volk von 
den Samaritanern. [Es geschah dieses] im Jubeljahre. Und 
im vierten Jahre [des Priesters Simeon?] kam Archelaus, 3 ) 
der römische König, und nahm das Land Kenaan ein, und 
im 22. Jahre kamen die Ismaeliten und bezwangen alle Län- 
der und plünderten Cesarea. 

Levi 31 

Pinehas 12 

In den Tagen dieses Pinehas, S. Levi’s des Hohen- 
priesters, wurden in der fünften Nacht am vierten Tage des 
Monats Tischri fünf Sterne gesehen, die sich von Osten 
nach Norden, nach dem Meere bewegten. 


') Ist wohl das östlich vom Jordan liegende Nimrim, Benamerium 
und Beth Nimrin (s. Robinson II, 523 und III, 756). 

2 ) Gewiss ist hier Chosroes, der persische König, gemeint. 

*) Ist wohl Schreibfehler. 


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372 


M. Heidenheim. 


Nathaneel . . 

Jahre 

. . 2 

l>aha .... 

. . 11 

Elasar . . . 

. . 9 

Nethanel . . . 

. . 20 

Elasar . . . 

. . 7 

Pinehas . . . 

. . 8 

Nethanel . . . 

. . 55 

Abdiel . . . 

. . 16 


In seinen Tagen wurde eine neue Stadt, Al Ilarnla, gebaut 

Elasar 35 

Abdel 20 

In seinen Tagen regierte Saris von den Söhnen Aethio- 
piens über Mizraim und Palästina. Und am Ende seiner 
Tage kam Marz d. i. Al-Marz , und im 15. Jahre baute er 
eine Stadt in Egypten. .(Und er zog aus Egypten) und 
kam nach Facon d. i. El Ramleh. Auch kam ein reicher 
Mann aus der Stadt Kenath, dessen Name Abu-Abd-Allah 
war, der die Samaritaner ehrte, um sich von ihnen einen 
Mann zu seinem Dienste auszuwählen, er fand aber nur einen 
guten Mann aus dem Hause Efraims, welcher seinen Dienst 
ausfüllen konnte; sein Name war Hatakwi S. Isak’s des 
Epliratiten. Die Völker nannten ihn den Heiland. Er wohnte 
im Kefr Ziporiat und er verwaltete das ganze Reich Phili- 
stäa. Und Cliatakwi zeugte einen Sohn und nannte seinen 
Namen Abraham, und Abraham zeugte Mathaparah, und 
Mathaparah zeugte Nefuscha, und Nefuscha zeugte Ab- 
Chasdiah. 

Und es regierte El-Hakim Ibn-El-Moez das Land Kenaan 
und schickte einen mächtigen Emir mit dem Titel »Herrscher 
der Herrscher«. Und Sanbis tödtete ihn, und Palästina 
wurde zerstört im Jahre 463 der Ilegra. 

Elasar, S. Abdel’s . 29 

Abdel, sein Sohn . . 17 

In den Tagen dieses Abdel ward Ab-Chasdiah von den 
Bewohuern Palästinas erwählt, und er ging weg und wohnte 


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• Die samaritanische Chronik des Hohenpriesters Elasar. 373 

in Cesarea, und ging von da weg und wohnte zu Acco, in 
der Stadt, welche Kenan (in der) Urzeit erbaute. 

Und die Söhne Ab-Chasdih’s waren : Isak und Ab-Chas- 
dah. Und Ab-Chasdah zeugte Ab-Chasdiah und Ab-Jitranah. 
Und Abi Chasdiah zeugte Ab Chasdah, und Ab Chasdali 
zeugte fromme Kinder. 

Jahre 

Aron 1 9 * 

Elasar 38 

[Elasar trat sein Amt an] Ende 400 der Hegra und 
die Zeit, da sein Sohn Aron der Erstgeborne an seine 
Stelle trat, war Anfangs 444 der Hegra. 

Aron 14 

Zadka, S. Arons . .12 

Sein Bruder Amram begann sein Priesteramt zu Anfang 
des Jahres 470 der Hegra. 

Amram 39 

Aron, sein Bruder . 42 

Während seines Priesterthunis führte Basuge *) der 
Uebermüthige 500 Männer, Frauen und Kinder von Sichern 
nach Damaskus in die Gefangenschaft. Aber Gott erbarmte 
sich, richtete und rettete. Es stand ein frommer Mann 
auf von den Jünglingen der Kinder Israels, der gleich einem 
Edelsteine auserwählt war. Er wohnte in der Stadt Acho. 
Sein Name war Ab Glugah S. Ab Cbasdah’s, S. Ab Chasdiah’s, 
S. Ab Chasdah’s, S. Ab Nephusehi’s, S. Matbpezidh’s , S. des 
Abraham, welchen sie in der Stadt Gazah Chadaks nennen, 
welcher von Abu-Abd-Allah nach Kason d. i. El Ramleh ge- 
sendet wurde und für ihn das ganze Land regierte. Und er 
zeugte einen Sohn und nannte seinen Namen Abraham. 
Und von Abraham stammte ab Isak, welcher die Lehr- 
bücher der Synagoge, die Gesänge und die 


*) Vielleicht ist statt Basuge Dasuge = Decius zu lesen , wie Abul 
Fatah p. 149 berichtet. Dass sic Decius so spät setzen , darf nicht auf- 
fallen, da ihre historischen Angaben sehr oft falsch sind. 


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374 


M. Heidenheim. 


Trauerlieder bearbeitete. 1 ) Er verliess aus Noth 
Kefr Mardan und wohnte in der Stadt Gaza; er wohnte 
nachher in Trauer, bis zum Tage seines Todes. 

Mein Herr, versüsse mir die bitteren Wasser. 

Der mächtige Weise ist begraben. 

Schaffe mir Kettung von dieser Noth. 

Vor dir rede ich in meinen Worten. 

Mein Herr, mein Herr, mein Herr, sei gnädig! 

Mein Herr, sei gnädig, sei gnädig! 

Er fing an in arabischer Sprache zu schreiben, welches 
der vornehmste (Dialect) der saracenischen Sprache ist. 

Und alle Samaritaner, welche um Gaza herum [wohnen], 
gehören dem Stamme Benjamin an; ausgenommen ist ein 
Mann, Muthaf, Sohn Mithpallels, welcher aus dem Hause 
Efraim’s stammt. Mathna heirathete seine Tochter und zeugte 
fünf Söhne ; sie vermehrten sich und waren sehr fruchtbar. 
Die Kinder Marchid’s, Sohn Naftali’s Ab Israel’s , die Kinder 
Komi’s. 

Die Kinder Abd-Allah’s, Sohn Joseph’s : Ab-Mathna Chadi, 
Sohn Schuthelach’s, Sohn Efraim’s, Sohn Joseph’s (F riede 
sei mit ihm). Und seine Kinder sind : Becher, Sohn Me- 
nasseh’s, Sohn Tob’s, Sohn Gaal’s, Sohn Jakob’s, Sohn 
Joseph’s, Sohn Chalifta’s, Sohn Marchi’s, Sohn Ascher’s, 
Sohn Zedek’s, Sohn Chadi’s, Sohn Efraim’s, Sohn Tob’s, 
Sohn Gaal’s, Sohn Jakob’s, Sohn Joseph’s. Friede sei 
mit ihm ! 

Die Söhne Joseph’s: Manasseh und Efraim. Die Söhne 
Efraim’s (die) aus der Familie Schuthalchi’s stammen von 
ihnen ab. Mara zeugte Rucham. Und von den Söhnen 
Rucham’s sind: Mallal, Joseph, Sohn Mastakiah’s , Sohn 
Chalafs, Sohn Galug’s, der von den Söhnen Manors Sohn 
Romams ist. 


*) Es kann hier bloss von einer Sammlung der verschiedenen litur- 
gischen Stücke die Rede sein. Bis jetzt ist uns auch noch nicht ein 
einziges Gebet dieses Isak bekannt geworden. 


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Die samaritanische Chronik des Hohenpriesters Elasar. 375 


Der Vorsteher der ganzen Gemeinde kommt von diesen 
Edeln her, der edle Mann; sein Name ist Ab Gelugah. 

Nachher stand ein frommer Mann auf, der, so lange 
er lebte, den Samaritanern Gutes erzeigte. Er versah sie 
mit Speise , Kleidung , Gold, Silber und allen Kostbarkeiten. 
Er erbaute Tempel und die Synagoge zu Sichern auf der 
Ruine des grossen Hauses ; auch offenbarte er den wahren 
Glauben Jehova’s mit Trompeten 4 ) u. s. w. Ferner baute er 
Ain-el-Kefer Abrutha , 2 ) woselbst die frommen Priester be- 
graben sind. Alles dieses that er aus seinen eigenen Mitteln. 
Ausserdem hat er Vieles im Geheimen gethan , und die von 
ihm bekannten Thaten sind bedeutend genug, um sein An- 
denken zu verewigen. 

Im Jahre 532 der Hegrä wurde Amram, der Sohn 
Aron’s , Hoherpriester. Jabre 

Amram 25 


Aron ...... 26 

Nethanel 19 

Baba 18 

Ussa 3 

Levi 7 

Amram 9 

Aron 11 

Elasar 10 

Nethanel 9 

Elasar 20 


Dieser Elasar zeugte Pinehas und Amram , und Amram 
zeugte Ithamar. Dieser Ithamar wanderte von Damaskus 

’) Vgl. die Auszüge in der Einleitung zum Gebete Ab Gelugah’s 
Bd. II. S. 214 u. f. dieser Viertejjahrsschrift. 

*) Zu dem Bd. III. S. 216 Note 4 Gesagten wollen wir hier noch 
beifügen, dass hier an den bei Jos. Bell. Jud. L. IV. c. 8 genannten Ort 
»Mabortha« zu denken ist. Die Samaritaner schreiben ihn »Aburtha« 
*(vgl. Vierteljahrsschrift Bd. I. S. 122) und »Abrutha«. Ueber die muth- 
mässliche Bedeutung des Namens vgl. Bd. I. S. 122 und Bd. II. S. 216, 
andere Deutungen bei Juynboll Comment. in Hist. Gentis Sam. p. 120. 



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376 


M. Heidenheim. 


nach Sichern im Jahre 602 der Hegra, und war 48 Jahre 
Hoherpriester. Jahre 

Ithamar 48 

Amram, sein Sohn . 14 

Im sechsten Jahre seines Priesterthums kam von Osten 
her ein freches Volk, welches das Land Kenaan eroberte 
und in Sichern viele Leute tödtete. Es führte von den 
Samaritanern Männer, Frauen und Knaben, sowie den 
Hohenpriester Ussi, S. Amram’s, nach Damaskus ab und 
nur wenige von ihnen kehrten nach Sichern zurück. 

Der gedachte Hohepriester Ussi verwaltete in Sichern 
nach seinem Vater Amram 22 Jahre das Ilohepriesterthum. 
Nun wollen wir zu Pinehas, S. Elasar’s, zurückkehren. 
Dieser Pinehas zeugte Ussi und Jakob. Und Ussi zeugte 
Joseph. Und Joseph wurde nach Sichern als Hoherpriester 
berufen. Im zweiten Jahre seines Priesterthums wurde der 
fromme Greis gefangen genommen und bis zu seinem Tode 
zwischen zwei Mauern eingekerkert. Dieser Joseph war 
19 Jahre Hoherpriester, und auf ihn folgte sein Sohn Pinehas, 
der 56 Jahre Hoherpriester war. Er zeugte zwei Söhne, 
Elasar undAbischa, Verfasser des Memars. *) Und Pinehas 
setzte seinen Sohn Elasar aus freiem Willen noch während 
seiner Lebzeit zum Hohenpriester in Sichern ein. Und er 
verwaltete das Ilohepriesteramt 26 Jahre nach seinem Vater. 
Und sein Bruder Abischa zeugte Pinehas. Und sein Onkel 
erhob ihn vor seinem Ableben zum Hohenpriester, am 
grossen Fasttage (d. i. der Versöhnungstag) im Jahr 789 
der Hegra. 

Und dieser Pinehas war ein armes Kind, 2 ) 10 Jahre 
und 10 Monate alt, als sein Onkel Elasar starb. Und sein 
Onkel Elasar verordnete ihm für seinen Dienst einen Mann 
zur Stütze, da er den Geraeindedienst noch nicht verstand, 
bis er in der Kenntniss der Lehre vollständig unterrichtet 

’) Darunter verstehen die Samaritaner die Bd. II S. 80 mitgctheilte 
Vision Abischa’s. 

*) Statt -pr 1. -,-T = ■po i-c(’i) (iV) Eccl. 4, 13. 


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Die samaritanische Chronik des Hohenpriesters Elasar. 377 


war und die Gemeinde richten konnte. Und dieser Mann 
war Abd-Allah, Sohn Salomo’s, voll von Erkenntniss, Weis- 
heit und Verstand. Gott sei gelobt! 

Er stand 56 Jahre dem Hohenpriesteramte vor und 
starb im Monate des zweiten Gemadeh’s, der auf den sie- 
benten Monat dieses Jahres fiel. Er starb am zweiten Tage, 
am fünften Tage des gedachten siebenten Monats im Jahre 
846 der Hegra. 

Und er zeugte drei Söhne : Elasar, Abischa und Joseph. 
Elasar starb vor seinem Vater, und es wurde sein Sohn 
Abischa Hoherpriester am Tage seines Todes in der Stadt 
der Fremden (d. i. Damascus) fünf Tage vor dem Fasttage 
(d. i. der Versöhnungstag) desselben Jahres im Jahr 846 
der Hegra. Seine Priesterzeit dauerte 34 Jahre. Er starb 
am dritten Tage des siebenten Tages des Monats El-Kaadeh, 
der auf den Monat Adar fiel, im Jahr 879 der Hegra. 
Und am Tage nach dem Tode des Hohenpriesters wurde 
sein Sohn Elasar Hoherpriester in der Stadt der Fremden, 
und sie thaten mit ihm, was sie mit seinem Vater thaten, 
und die Tage seiner Priesterschaft betrugen 51 Jahre. Und 
Jakob , der Sohn Josephs , zeugte Abdiel, und Abdiel zeugte 
Ismael, und Ismael zeugte Jakob, und Jakob war Hoher- 
priester in Damascus 52 Jahre, und er starb am ersten 
Monate am Sabbathtage am Feste der ungesäuerten Brode. 
Adar war zu Ende und Nissan hatte begonnen. Es ereig- 
nete sich, im Festmonate, in der ersten Nacht, am An- 
fänge der Wochenzählung, und dieses geschah i. J. 947 d. H. 
Und dieser Jakob zeugte zwei Söhne Ismael und Joseph. 
Auf ihn folgte sein Sohn Ismael als Hoherpriester in Da- 
inascus zur gedachten Zeit, am ersten Monate, am siebenten 
Tage des Festes der ungesäuerten Brode. Und er blieb 
(Hoherpriester) bis zum achtzigsten Jahre, da wurde er 
durch einen Schaden für diese Würde untauglich und man 
setzte ihn ab und er sagte sich vom Gesetze los. Auf ihn 
folgte Ithamar S. Aron’s, S. Ithamar’s, S. Esar’s, S. Pinchas’, 
und der gedachte Ithamar starb im Jahr 973 d. H.; auf ihn 
▼ierteljahrfgohrift. IV. 8. 25 


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378 


M. Heidenheim. 


folgte sein Sohn Pinehas als Hoherpriester in Damascus. 
Und die Tage des Hohenpriesters verstrichen für ihn fastend 
bei Tage und jammernd ! ) bei Nacht. l)er Hohepriester 
Pinehas war ein ausgezeichneter seines Zeitalters, er rich- 
tete sein Volk in Gerechtigkeit. Man behandelte ihn wie seine 
Voreltern, und er starb im Jahr 956 und ward unter der 
Eiche bei seinen Vorfahren in Sarin 2 ) begraben. Die Tage 
seiner Priesterschaft betrugen 41 Jahre, und sein ältester 
Sohn Elasar ward nach ihm Priester. Seine Priesterschaft 
dauerte 48 Jahre. Während seines Priesterthums fiel das 
Fest der ungesäuerten Brode 3 ) auf einen Sabbath. Da zog 
man auf den Berg Garizim am Tage zuvor, und betete in 
der Schrift Abischas die ganze Liturgie und man segnete 
(das Volk) mit dem hohenpriesterlichen Segen. Dieses ge- 
schah im Jahre 951 der Hegra, und nach dem Gebete kehr- 
ten wir zum fröhlichen Mahle zurück. Gelobt sei Jehovah! 

Und dieses sind die Kinder des ehrwürdigen Alten Abi 
Hanafusch, Sohn Sohar’s, Sohn Mosaf’s, Sohn Ephraim’s, die 
von den Kindern Joseph’s sind, und diese sind ihre Namen: 
Abi Joseph, der Zar Maza und Amir Kabzah genannt wird. 
Kabzah wurde er genannt, weil er, als Mohamed aufstand 
und die Samaritaner nichts von ihm vernommen hatten, 
sich aufmachte, zu ihm hinging und von ihm eine 
(friedliche) Versicherung erhielt. Er kehrte im Frieden 
zurück und versammelte sämmtliche Häupter der Ge- 
meinde, welche aus Furcht, die auf sie gefallen war, 

‘) St. MjtVP 1. 

*) D. i. in der Stadt der Fremden. 

a ) Dieser Bericht stimmt mit der gewöhnlichen An- 
nahme (vgl. auch den Auszug aus Ibrahims Commentar, den Geiger 
Bd. XX. S. 543 der Zeitschr. d. D. M. G. gibt), wonach die Sama- 
ritaner wie die Karaiten die Worte m rmfc Lev. 23, 11 

und 15 inr wörtlichsten Sinne nehmen, nicht zusammen; 
denn nach dieser Chronik war es also zufällig, dass der 
erste oder der siebente Tag? des Passahfestes auf einen 
Sabbath fiel? 


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Die samaritanische Chronik des Hohenpriesters Elasar. 379 


sich zerstreut hatten; darum nannte man ihn Kabzah 
(Sammler). Und man nannte ihn (ferner) Zar Mazah 
(Noth traf ihn), denn in seinen Tagen litt die Gemeinde 
sehr, und viele Drangsale trafen ihn. 

Und seine (Abi Joseph’s) drei Brüder waren : § Ab Sahusab, 
Sohn Ab Nephuschah’s , Sohn Sahar’s , welcher von den 
Kindern Efraim’s, Sohn Monaf’s war. 

Und Ab Ikrah, Sohn Ab Nebuscha’s, Sohn Sahar’s, von den 
Söhnen Ephraim’s bar Mosaf’s. 

Und Merotha, Sohn Ab Nephuscha’s, Sohn Sahar’s, von den 
Söhnen Mosaph’s. 

Abi Joseph ist der Stamm(vater) aller Söhne Kabzah’s, die 
sich im ganzen Lande finden. 

Und Ab Schukah wohnte in Gerar, und er zog mit seinen 
Kindern nach dem Meere und wohnt dort bis auf die- 
sen Tag. 

Und Ab Ikrah ist der Stamm(vater) aller Kinder Samachs. 

Und Meruthah ist der Vater der Kinder Maruthah’s. 

Und diese sind die Kinder Eden’s, die nach ihrem 
Geschlechte gedacht werden: 

Schomron Ab Antal, Sohn Schomron’s, von den Kindern 
Eden’s, Sohn Mosaf’s, der Vater der Söhne Antali’s. 

Nabonah, Sohn Jithrana’s, Sohft Marchib’s, aus der (Familie) 
Eden, Sohn Mosaf’s, ist der Vater der Söhne Nabonah’s. 

Diese sind ihre Geschlechter : 

Moriah, der ehrwürdige Alte, von dem vier edle Söhne 
herkommen. Dieser Moriah ist Sohn Saban’s , Sohn 
Maros, Sohn Sason’s, der von den Söhnen Eden’s, Sohn 
Morafs, stammt. 

Und diese sind die Namen seiner Söhne: Joseph, Abdiah, 
Jithrana und Manasseh. 

Joseph, Sohn Moriah’s, Sohn Hasasons. Dieses ist der Stamm- 
vater) aller Söhne Talfchia’s. 

Und sein Bruder Abi Jefeth Abdah ist der Vater aller Söhne 
Zemach’s. 

Und Jithrana ist der Vater aller Söhne Zemach’s. 

25 * 


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M. Heidenheim. 


Und sein Bruder Menasseh ist der Vater aller Söhne 
Jithrana’s. 

Jehoschuah, Sohn Berak’s, Sohn Eden’s, ist der Vater der 
Söhne Nonah’s, und der Söhne Hathaquis, und der Söhne 
Hassakai’s. 

Chado, Sohn Ratho’s, Sohn Chalab’s, Sohn Ratho’s, Sohn 
Kabel’s, Sohn Romam’s, von den Söhnen Maor’s, Sohn 
Romam’s, ist der Vater der Kinder Chalab’s. 

Mathnah, Sohn Bai’s, Sohn Mascha’s, von den Kindern 
Maor’s, Sohn Romam’s, ist der Vater der Kinder Mathnah’s. 

Mathnah der Grosse, aus der Familie Balas’, Sohn 
Benjamim’s, der alle Lehrbücher der Synagoge 
und Lieder redigirte, wohnte in Kefer Mardon und 
auch in der Stadt Gazah. 

Nagdah , Sohn Barchathah’s , Sohn Scharis , Sohn Sachores, 
von den Söhnen Maon’s, Sohn Romam’s, ist der Vater 
aller Söhne Nagdah’s. 

Und diese sind die Kinder Mesin’s, Sohn Chiskija’s, 
von den Söhnen Mosafs: 

Azimah, Sohn Meschalmah’s, Sohn Saadah’s, Sohn Bar- 
Kahathah’s Ha-tabni aus dem Bezirke Geraro ist der 
Vater der Kinder Azimah’s. 

Chalbah , Sohn Saadah’s Abf Barchathah ging nach Egyp- 
ten und wohnte da, und er ist der Vater der Söhne 
Hamara-Noftha’s und Chelba’s. 

Kerubah, Sohn Mathath’s, Sohn Moker’s, ist der Vater der 
Söhne Kerubah’s. 

Mala, Sohn Schabo’s, Sohn Semer’s, ist der Vater der 
Kinder Mala’s. Und diese sind die Kinder Schalam’s. 

Jizchak Bedoah, Sohn Abraham’s, Sohn Arod’s, Sohn Sche- 
bet’s, der Vater der Kinder Badoah’s. 

Garnaka, Sohn Chalafs, Sohn Jizchak’s, Sohn Abraham’s, 
Sohn Arod’s, der Vater der Kinder Garnaka’s, wohnte in 
Egypten. 

Malta, Sohn Schalam’s, Sohn Jizchak’s, Sohn Abraham’s, 
Sohn Arod’s. 


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Die samaritanische Chronik des Hohenpriesters Elasar. 381 


Und Athir, Sohn Ha-Schamir’s aus der Familie Schalam’s, 
wohnte in Achah und zog nach Damaskus und lebte dort 
als Nasiräer, und starb und wurde bei den Rabbinen 
begraben. 

Und diese sind die Kinder Arod’s : 

Joseph, Sohn Sochas, Sohn Mathphakjah’s von den Kindern 
Magid’s. 

Metochiah, Sohn Rewach’s, Sohn Zadok’s, Sohn Abi Eser’s, 
von den Söhnen Magid’s, Vater der Kinder Metochiah’s. 

Und diese sind die Kinder Hamanzir’s: 

Schefer, Sohn Zedek’s, Sohn Hamanzir’s aus der Familie 
Maor von den Kindern Zedek’s. 

Al hajamin, Sohn Jithrana’s, Sohn Marchib’s, Sohn Hake- 
rem’s, Sohn Hazedek’s. 

Rachir, Sohn Schafer’s, Sohn Zadak’s, war der Erste, wel- 
cher das Meer befuhr { ) und nach Egypten zurückkehrte. 
Und in ihm ging die Weissagung in Erfüllung: »und er 
wird dich auf Schiffen nach Egypten zurückbringen.« 2 ) 

Abi Haor, Sohn Hasvis aus Cäsaräa, Sohn Nachon’s, von 
den Kindern Safal, Sohn Schachir’s. 

Schajor, Sohn Schachir’s, Sohn Chasik’s, Sohn Radafs von 
den Kindern Safal’s. 

Joseph, Sohn Rewach’s, Sohn Schafer’s, Sohn Seth’s von den 
Kindern Safal’s. Dieses ist der alte Joseph der Galiläer, 3 ) 
welcher mit seiner ganzen Familie übers Meer fuhr. Von 
ihnen ist bis auf den heutigen Tag nichts mehr bekannt 
geworden. 

Und diese sind die Kinder Said’s: 

Joseph, Sohn Ismael’s, von den Kindern Neba's, Sohn Said’s, 
Sohn Isak’s, ist der Vater der Kinder Pigmah’s. 

Isak, Sohn Schafer’s, Sohn Ain’s, von den Kindern Mibchar’s, 
ist Vater der Kinder Haschabor’s und Haschami’s. 


*) mra aai yn rann 
*) Deut. 28, 68. 

3 ) nW?a 


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M. Heidenheim. 


Und Salomoh von den Kindern Maab’s, Sohn Keran’s, wohnte 
in Egypten, und er hatte viel Gold und Silber und zeugte 
viele Kinder. 

Und diese sind die Kinder Gideon’s: 

Abraham schabah-tabah , Sohn Josua’s, Sohn Abr&ham’s, 
Sohn Romam’s, Sohn Josua’s, Sohn Gideon’s, wohnte in 
einer Stadt, welche heute unter dem Namen Gith bekannt 
ist. *) 

Und diese sind die Kinder Nabon’s: 

Marchib von den Kindern Nabon’s, Sohn Athir’s, wohnte 
in Kirjath Afalatah, die (unter dem Namen) Araphath 
bekannt ist. Von ihm kam ein frommer, schätzbarer 
Mann her, dessen Name Joseph, Sohn Beracha’s ist; er 
wohnte in Beith-Bazin. 

Und diese sind die Kinder Akbon’s: 

Semach von den Kindern Akbon’s, Sohn Jether’s, wohnte 
an der Meeresküste. 

Und diese sind die Kinder Abraham’s: 

Josua, Sohn Barak’s, Sohn Abraham’s, von den Kindern 
Naim’s. Von ihm stammten gute Kinder ab; er wohnte 
in Neba, und ein Sohn von seinen Kindern wohnt in 
Damaskus, und ein Sohn wohnte in Gazah, und ein Sohn 
wohnte in Balbek.. 

Nedurah und Ithamar Nesirah (der Nasaräer?) d. i. Joseph, 
Sohn Chalafs, Sohn Abraham’s, von dem Zadkah ab- 
stammt, der nicht in Gerar, sondern an der Meeresküste 
wohnte, er ist unter dem Namen Zadkuh Ihachofni be- 
kannt, und ist Vater der Bne Chofni, welche in Gaza 
und Egypten wohnen. 

Ab Hanezach, Sohn Serach’s, Sohn Schafer’s, Sohn Sagad’s, 
der von den Kindern Zadkah’s , S. Haraanzir’s , abstammt 
Zur Zeit, da die ganze Gemeinde von Gerar wegzog und 
nach ihren Wohnungen zurückkehrte, zog er nicht weg 
und blieb allein (in Gerar) wohnen. Er ist als Gerarite 
bekannt und ist Vater der Kinder Gerah’s. 

*) nrv^-.p cvn ivoa jrirsn irnpa 


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Die samaritanische Chronik des Hohenpriesters Elasar. 383 


Und diese sind die Kinder Menasseh’s, welche aus allen 
Landschaften zogen und in Sichern und dessen Städten 
wohnten, nachdem sie aus dem Exile Gerar's (heim)zogen. 

Safed, Sohn Gaal’s, wohnte in Elon More. 

Eden, Sohn Makschad’s, Sohn Jefeth’s, Sohn Gaal's, kehrte 
aus dem Exile zurück und wohnte im obern Lager. 

Naftali, Sohn Eden’s, Sohn Makschad’s, Sohn Jefeths, Sohn 
Rewach's, von den Kindern Sefad’s, wohnte daselbst bei 
seinem Vater. 

Josaphna, Sohn Radafs, Sohn Menassehs, von den Kindern 
Sefet’s, wohnte ebenfalls dort. 

Monas, Sohn Zar’s, Sohn Ab Jeminah’s, von den Kindern 
Sefed's, wohnte auch dort. 

Chelek, Sohn Taba’s, Sohn Schari’s, von den Kindern Se- 
fed’s, wohnte in Kirjath Chirtah, d. i. Kirjath in der Nähe 
Elon Moreh’s. 

Harawi, Sohn Kerem’s, von den Kindern Zorach’s, Sohn 
Hiniach’s, Sohn Arod’s, hatte drei Söhne. Und diese 
sind ihre Namen: 

Lalian und Toban und Mauir. Sie alle wohnten in Aschar, 
dem Berge Garizim gegenüber, dem Berge Ebal gegen- 
über, dem Sonnenaufgänge zu. 

Und Menoach, Sohn Samuel’s, Sohn Naton’s, Sohn Sered’s, 
wohnte bei ihnen. 

Und Isak, Sohn Said’s von den Kindern Menoach’s, wohnte dort. 

Und Chelef, Sohn Jakob’s, Sohn Chesed’s, Sohn Chado’s 
von den Kindern Menoach’s, wohnte dort. 

Und Monas, Sohn Redaf’s, Sohn Rebia’s, zeugte zwei Söhne ; 
der erste wohnte in Beith Bisin und der zweite in Kirjath 
Jaktha, d. i. der Ort, woselbst Abraham sprach: »bleibet 
hier«; 1 ) heute heisst er »Kusah«. Und er hielt sich da- 
selbst auf und zeugte einen Sohn und nannte (seinen 
Namen .... und pflanzte) Weinberge und Olivenbäume, 
auch besass er ein Thal ; bis auf den heutigen Tag heisst 
es das Thal Mahsukahs. 

') Gen. 22, 5. 


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384 


M. Ileidenheim. 


\ 


Munis , Sohn Isak’s , Sohn Munis’, Sohn Zorich’s , wohnte in 
Kirjath Azapah. 

Isak, Sohn Chalafs, von den Kindern Matar’s, Sohn Anan’s, 
ein Lehrer des Gesetzes, wohnte in Kirjath Sefer Kalil, 
und er zog weg und wohnte in Beith Basin. Und er 
baute ein steinernes Geländer und eine Halle 1 ) in der 
Synagoge, und sein Name ist bis auf den heutigen Tag 
auf dem mittelsten Steine eingegraben. Und er wohnte 
nachher 40 Jahre in der Nachbarschaft. 

Schari, Sohn Ab Bai’s, von den Kindern Sabed’s, Sohn 
Gaal’s, Sohn Schanan’s, wohnte in Kirjath Askör. 

Joseph, Sohn Chalaf’s, Sohn Saada’s, Sohn Schanan’s, Sohn 
Sason’s, Sohn Joseph’s, Sohn Sochah’s, Sohn Matpaziah’s, 
der von den Kindern Manir’s, Sohn Sarod’s, stammt, 
wohnte ebenfalls in Askor Kirjath Hamischpat gegenüber, 
welche Baba Babba, die Gnade Gottes sei mit ihm und 
seinen reinen Voreltern und der Fluch Gottes falle auf 
die Lästerer, die ihm fluchen. 

Dieses ist ohne Zuthat und ohne Auslassung in den 
Ueberlieferungen der Rabbinen vorgefunden worden. Es 
wurde geschrieben von Rabban Joseph, mit dem die Gnade 
Gottes sei. Amen! 

Im Jahre 910 der Hegra stand ein Mann auf, der viel 
Gutes that. Sein Name war Archon Jakob von den Söhnen 
Pukah's, und in jener Zeit wurde er König Israels 
genannt, denn in jenen Tagen des Exils gab es, 
wie in den Tagen der Gnade, Könige in Israel. 
Er wohnte im Lande Aegypten, er that überall den Ge- 
meinden und auch Andern viel Gutes. 2 ) Und in dieser 
Gemeinde steht sein Name in gesegnetem (Andenken). Seine 
guten Thaten, die bekannten und unbekannten, sind un- 
zählbar. Seine guten Thaten werden ewig in gutem An- 
denken bleiben. 


*) = cVin »Halle«. 

*) D. h. solche, die nicht samaritanisch sind. 


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Die samaritanische Chronik des Hohenpriesters Elasar. 385 


Und im Jahre 945 der Hegra stand ein Mann auf, der 
Gutes that; er war ein guter Archon (und hiess) Zadka 
S. Jakobs von den Söhnen Monas’. Er wohnte in Damaskus 
und brachte unsern Herrn , die Krone unserer Häupter, den 
Hohenpriester, den Heiligen, den Gepriesenen, den Geseg- 
neten, unsern Herrn Pinehas, und sainen Sohn, den Hohen- 
priester Elasar von Damaskus nach Sichern, nachdem er 
15 Jahre in Damaskus gewesen. Er brachte auch mit ihm 
Männer, Frauen und Kinder u. s. w. 

Dieses ist die Reihenfolge 1 ) der Rabbinen: 

Im Jahre 1033 der Hegra 2 ) hörten die Hohenpriester 
auf, und es fingen die Leviten (von dem Zweige Usiel’s, Sohn 
des Kehath) an, da die Priester mangelten, die Gemeinde 


zu leiten. 

Diese sind ihre Namen: Jahre 

Zadkah , S. Tobiah’s 27 

Isak, S. Zadkah’s (der Sohn des Gedachten) . . 45 

Abraham, S. Isak’s des Priesters ...... 40 

Levi, S. Abrahams des Priesters 20 

Tobiah, S. Isaak’s, S. Abraham’s des Priesters . 35 

Salomoh, S. Tobiah’s 3 ) des Priesters .... 31 


Amrara , S. Salomoh’s , assistirte seinen Vater im Jahre 
1243 der Hegra, und im Jahre 1273 der Hegra im ersten 
Monate am siebenten Tage des Festes der ungesäuerten 
Brode starb der gedachte Priester Salomoh. Möge Gott 
ihm gnädig sein. Amen ! 

Jakob, Sohn des Priesters Aron, assistirte seinen Oheim 
Amram, als Salomoh im Jahre (12)73 der Hegra starb. 

Möge Gott ihm gute Söhne geben und ihn hundert 
Jahre alt werden lassen! Amen. 

(Folgende Geschlechter) der Gemeinde Israels der Sama- 
ritaner von (den Söhnen) Ephraim und Manasseh wohnen 

l ) ms>srnn 1. ns-iyio 

*) Also A. D. 1655. 

*) Dieser ist der Hohepriester, der zur Zeit, da der Brief an 
J. Scaliger geschrieben ward, lebte. (S. Eichhorn Repert. B. XIH. S. 262.) 


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386 


M. Heidenheim. 


in diesen Tagen in der Stadt Sichern, dem Berge Garizim 
Beth El gegenüber. Möge er sie segnen und ihre Zahl 
vermehren ihrer Voreltern wegen. Amen! 

1. Die Söhne Matars, von den Söhnen Isak’s, Sohn Cha- 
lafs, und sie stammen von Schutelach, dem (Stamm)vater 
der Söhne Matar’s. 

2. Die Söhne Danfathah’s, von den Söhnen Sajith’s, Sohn 
Tachain’s, welcher der Oberste Paachmai’s? ist, (Stamm)- 
vater der Söhne Danfathah’s. 

3. Die Söhne Marchib’s, die von den Söhnen Becher s, S. Ors, 
(abstammen), Stammvater Aller, die in Sareptha wohnen. 

4. Die Söhne Zafar’s , S. Manasais , die Sehusiah genannt 
werden, welche von den Söhnen Zepath’s sind. 

Dieses ist das Ende 1 ) des Geschlechtsregisters, wie ich es 
bis zum Ende dieser Tage reichend, geschrieben fand. 

Gelobt sei Jehovah! 

*) ii8 mr 1. aio == tpo 


Beilagen. 

I. Die astronomische Tafel. 


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Die samaritanische Chronik des Hohenpriesters Elasar. 387 


mn pi mrat mm mnr nie -imna re am mn pi 
nnsa paVno mn pi pro ma nroa mnt naai nms? 
jmn mn pi nmnan nab 's» 'Jon p a p man p« 
pß'oia rema pnn mn )m nsna p prr na maara 
na oan mxa ’tt nnana na tbbsk na v rana traan bs 
nrm mb rmstt? naa rmm nono ao w nai nnm naa 

: nntroa oan rfon 


U. Die samaritanischen Hohenpriester. 

Die Differenzen, welche sich zwischen dem Priesterverzeichnisse 
unserer Chronik und Abul Fatah’s ergeben, sind aus dem Folgenden 
ersichtbar. 


Samarit. Chronik. 

Abul Fatah’a Chronik. 


Jahre 


Jahre 

Scheschaj . . 

. 39 

Sisi . . . 

. . 39 ») 

Pikchi . . . 

. 23 

Bihki . . 

. . 23 *>) 

Schebet . . 

. 23 

Sabat . . 

. . 28 

Schalom . . 

. 25 

Salom . . 

. . 25 

Chiskijah . . 

. 20 

Hezekiah . 

. . 20 

Jonathan . . 

. 28 

Jehanath . 

. . 28 

Jair . . . 

. 22 

Jair . . 

. . 22 



Sedekiah . 

. . 18 o) 


. . . 

Ahid d) . 

. . 20 



Machir . . 

. . 21 



Josedec 

. . 25 

Daliah . . . 

. 25 

Daliah . . 

. . 25 

Jair . . . 

. 19 

Jair . . 

. . 19 «) 

Jehonan . . 

. 28 

Jehunain 0 

. . 28 

Ismael . . . 

. 26 

Jsmael ‘ . 

. . 26 

Tobiah . . . 

. 28 

Tobiah . . 

. . 28 

Zadok . . . 

. — 

Skdok . . 

. . 20 

Amram . . 

. 28 

Amram 

. . 28 

Chilkijah . . 

. 24 

Tobiah e) . 

* 24 

Amram . . 

. 38 

Amram 

. . 38 

Akub . . . 

. 36 

Acbon . . 

. . 36 

Akabjah . . 

. 39 

Akabiah . 

. . 39 

») Nach Bernard in den Act. Eridut. eine Vakanz von 39 J. 

b) Fehlt bei Bei 

c) lfm ch Vilmar’» Ausgabe p. 

179 28 Jahre. 

d) Vilmar 1. c. Achlah. e) Abul 

p. 175 h»t 29 Jahre, f) Vilmar 1. c. Jehonathan. g) Vilm. 1. c 
nik hier ebenfalls Chilkijah. 

hat wie unsere 


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388 


M. Heidenheim. 


Samarit. Chronik. Abul Fatah’s Chronik. 



Jahre 


Jahre 

Chanel . . 

. . . 

Hillel . . . 

. 45 

Scherarjah 

. 40 

Seraja . . . 

. 40 

Levi . . . 

. 50 

Levi . . . 

. 50 

Nethanel . . 

. 52 

Nathanei . . 

. 52 

Asariah . . 

. 35 

Azariah . . 

. 35 

Abdiel . . . 

. 40 

Abdiel . 

. 40 

Chiskia . . 

. 30 

Hesekia . . 

. 40 ») 

Chananjah 

. 24 

Hananiah . . 

. 24 

Amram . . 

. 32 

Amram . . 

. 32 

Chanon . . 

. 25 

Hanan . . . 

. 25 

Chiskijah . . 

. 21 

Hezekiah . . 

. 21 

Daliah . . . 

. 42 

Dalia . . . 

. 42 

Akub . . . 

. 40 

Acbon . . . 

. 40 

Akabjah . . 

. 35 

Akabiab . . 

. 35 

Levi . . . 

. 41 

Levi . . . 

. 41 

Elasar . . . 

. 44 

Eleazar . . 

. 44 

Menasseb . . 

. 36 



Jair . . . 

. 39 

Jair b ) . . . 

. 39 

Nethanel . . 

. 41 

Nathaneei . . 

. 38 

Jebojakim . . 

. 32 

Jehojakim . . 

. 32 

Jehonathan 

. 27 

Jehonathan 

. 27 

Elischama 

. 33 

Eiisama . . 

. 33 

Shemajah . . 

. 10 

Semaja . . . 

. 10 

Tobiah . . 

. 8 

Tobia . . . 

. 8 

Amram . . 

. 9 

Amram . . 

. 9 ') 

Akbon . . . 

. 30 

Acob . . . 

. 9 


. . . 

Amram . . 

. 11 <*) 


. . . 

Acbon . . . 

. 30 

Pinehas . . 

. 40 

Pinehas . . 

. 40 

Levi . . . 

. 25 

Levi . . . 

. 25 

Elasar . . . 

. 32 

Elazar . . . 

. 32 

Baba . . . 

. 28 

Neba e) . . 

. 28 

Elasar . . . 

. 41 

Elasar . . . 

. 41 

Akbon . . . 

. 23 

Achbon . . 

. 23 

Nethanel . . 

. 32 

Nathaneei . . 

. 32 

Baba rabba . 

. 40 

Baba rabba . 

. 

Akbon (Bruder des 

Levi . . . 

• 

Baba rabba) . 26 

Acbon . . . 

. 26 

Nethanel . , 

. 31 

Nathaneei . . 

. 31 

a) Vilmar 1. c. 80 J. b) Fehlt bei Bernard. c) Vilmar 1. 
178 9 J. e) Vilmar Tobiah. 

c. 11 j. d) 


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Die saraaritanische Chronik des Hohenpriesters Elasar. 389 


Samarit. 

Chronik. 

Jahre 

Abul Fatah’s Chronik. 

Jahre 

Akbon . 

. . 20 

Akbon *) . . 

. 20 

.... 

. . . . 

Nathaneei . . 

. 31 

Elasar . 

. . 25 

Elasar b ) . . 

. 21 

Akbon der Grosse 30 

Akbon c) . . 

. 24 

Elasar . 

. . 40 

Elasar d ) . . 

. 27 

Ncthanel 

. . 31 

Akbon ®) . . 

. 30 

Elasar . 

. . 25 

Elasar . . . 

. 25 

Nethanel 

. . 20 

Nathaneei . . 

. 20 t) 

Elasar . 

. . 18 

Elasar . . 

. 18 s) 


a) Fehlt bei Bernard. b) Fehlt bei Bernard. c) Fehlt bei Bernard. d) Fehlt 
bei Bernard. *e) Fehlt bei Bernard. f) Vilm. 81 J. g) Vilm. 25 J. 

Hier endet das Verzeichniss der Hohenpriester bei Ahnl Fatach, 
das bis A. D. 626, Hegra 7, geht, während unsere Chronik eine voll- 
ständige Liste gibt. * 


III. Nachträgliche Notizen. 

12V -m mio nobnm ') rba pror ona« p Dpi 
•>pnxa pai^ «in '2 mtrp mpoi nrmn nrmi2 'isbx 
'O' Vk raeas miD 5 ) «r«n nw nmea pan pro isd 

mim 

Zu S. 373 u. 374 ist, wie aus dem voranstehenden Texte 
ersichtbar ist, Folgendes zu ergänzen: Und Mathna, sein 
Bruder, redigirte die Liturgy. Also nicht Isak, wie auch aus 
dem Akrostichon des nachstehenden Verses hervorgeht: 

me , ö b br\ no * 
meta dditi nspn * 
vno p p b * 

TTTDia pp me« * 
m« m« re ne ne 
vn« Tn« no 

') Im MS. Oll* 

*) Im MS. *1199 

*) Im MS. 

NB. 8. 871 Z. 15 v. o. ist statt 32, 22 zu lesen. 


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Gebete des Hohenpriesters Amram. 


Von 

Dr. $Ä. 3|ftbenl)eim. 


Die hier folgenden samaritanischen Gebete sind dem 
Cod. Vat. entnommen, aus dem schon in den früheren 
Heften einzelne .Stücke mitgetheilt wurden. Sie sind 


I. 

• fmamit • • Jjtza • )At9A • «rzAt ♦ Wma ♦ uh * 

. : » Aitjt 

• am*a«as • aaT» • At* ♦ «zm«9 • »azv • staats) • aattfa 

: «ZT*» * tlZ • JfflBA ♦ JJA 

• »AAflltfat • »AAfflZT * JJflUV • y«TA * »A9T * *A9t91 

: *atf * 3« • jmzmeTf 

• mal ♦ IX * tTTZ • STAAT * STAAflUO ♦ Tt9V * ST«9"«a * *ZfflW 

: naA"va * amTatva 

• erjtun} • xi • rajaa • )At • «<iwmat • aatVt • xi • mjqa • jsr 

: az ♦ «Imp"* 

• «Ajaa • AäAt • 'am'iina • apt« • aa • az • tnlma • »«at 

: ainaaT • «Ml} • AA 

• wtpt*« • ttAAtAa • 5 tat • }}mm«iz • t«*A • uah 9 *\a • mvtM 

: jAAdltlZ 

') Herrlichkeit = Schechina , d. i. der Logos. 

*) OZmtl Das 7 steht nur des Alphabets halber. 

*) gpjju. sss ns» »finden«. 

4 ) Auch die Rabbi nen lehren, indem sie auf Ps. 35, 10 verweisen, 


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Gebete des Hohenpriesters Amram. 


391 


ebenfalls alphabetisch abgefasst. Es fehlt auch hier nicht 
an Stellen , die sehr schwer zu übersetzen sind. Wir 
haben in den Noten das Nöthigste angedeutet. Was auch 
diese Gebete wiederum so interessant macht, ist die in den- 
selben aufbewahrte altjüdische Anschauungsweise. Sie stam- 
men aus einer Zeit, in welcher die Samaritaner ziemlich 
vertraut mit der pharisäischen Schriftauslegung waren. Dass 
sie aber auch andere Schrifttheile ausser dem Pentateuch 
benutzten, finden wir auch hier wiederum bestätigt. Jedoch 
haben sie stets ihre eigenen Ansichten beibehalten, wie z. B. 
aus S. 398 zu entnehmen ist, wo sie gegen Hos. 12, 5 in 
dem mit Jakob streitenden Manne (Gen. 32, 25) nur einen 
Boten erkennen wollen. 


I. 

Du bist unser Gott und Gott unserer Väter, ein erhabener, 
mächtiger und furchtbarer Gott (bist du). 

Mit deiner Herrlichkeit 1 ) schufst du die Welt, mit deiner 
Macht sprachst du, durch deine Barmherzigkeit be- 
gnadigest du uns. 

Gross ist deine Macht, erbarme dich unser, deine Herr- 
lichkeit umgibt das Geoffenbarte und Bedeckte. 

Ihrer Wunderbarkeit wegen wird deine Macht 2 ) gepriesen, 
ja täglich wirst du deiner Werke halber gepriesen. 

Wenn sie dich, deine Güte und deine Barmherzigkeit prüfen, 
ja wenn sie es prüfen, dass der Sieg sich nur bei dir 
findet. 9 ) 

Und womit sollen wir dich prüfen? Du bist die Quelle der 
Barmherzigkeit, und es bewahrheitet sich deine Prüfung ; 
denn du besiegest deine Feinde. 

Die Bewegungen 4 ) (bei) deinem Lobpreise ist Gesundheit 
unserm Leben, und die Freude 5 ) deiner Freundschaft 
Erhebung unsern Körpern. 

alle Glieder müssen sich beim Gebete bewegen. Aehnlich wohl die 

Samaritaner. 

Ä ) =» chald. und syr. m »sich freuen«. 


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392 


M. Heidenheim. 


• )mma • azma * J*a 4 )mzma • zat • )mzma 4 za • zv • azam 

: Jaias • at • aza • >oi)pt • iha") 

♦ at • amaT * )tmsttf * )*aas • at • amsPT * a*azv 4 za 4 s tf 

: a aat» 4 jasas 

4 Amz 4 jAa9AZ 4 a)affl 4 vszt 4 zvzt * za 4 azmsi* * ajaraa 

: )tm)isz 4 PS" 

4 a)« 4 aas 4 aza 4 Jtt* 4 azt 4 am*aasT 4 affl"v 4 4 az* 

: aaa 4 az 4 m»v 4 a zt 

♦ aa 4 »azvz 4 )a • aa 4 aa«9 * Ttvt 4 ssa 4 az 4 Amz 4 zvz 

: aAtaza 4 tsts 4 )t*Hä 

4 awz 4 aj««tsm 4 Ja 4 amTStv 4 Wat 4 *aoz 4 a)as"in 4 )a 

: aAAmzJ 4 Wat 

4 azt 4 aAA 4 smm) 4 aAA 4 A*a 4 a)Am 4 Jai 4 aAZJ) 4 aASt) 

: amaias 4 marnp 4 m-")** 

4 majai • azt 4 zst* 4 Jmsma 4 zaT 4 Wtt* * amf^a 4 aAts9tif 

: )<H9 aa 4 JtAmmT 4 ta 

4 maivait 4 am«? 4 )S"Jt 4 )z 4 paita 4 Xmija • )aAZ 4 aaav 

: mAASt 4 J»aas 4 at 

• zaz 4 s"J 4 f"P(9) 4 az 4 mvsT • )*az 4 amp"t 4 aAA 4 ap 

: tsmmjAS • az 4 Tnrtf 

4 amsT 4 mastm 4 4 a<azv ♦ zat 4 az 4 ))a 4 jmaasa 

: «zvz 4 *ajfZ"Z 


') (TIA") ” »3 nnd s»s »Mensch«. 

*) )m)P PI- v. »)p — ns?» 

*) jffllJ'ü ist mit dem rabbinischen n-E »supplicare« zu vergleichen. 
4 ) )t«« **• »31»» »praefectus«. 

*) a)A “=* rabb. «sn lehren, erzählen, verkünden. 


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Gebete des Hohenpriesters Amram. 


393 


Deine Macht ist über alle Mächte erhaben , und alle Mächte 
leben von deiner Macht, weil du barmherzig bist Men- 
schen ! ) und Thieren. 2 ) 

Heil der ganzen Welt, dass du ein Barmherziger genannt 
wirst! Heil allem Lebenden, dass du barmherzig und 
gnädig bist! 

Alles, was oben und unten ist, trägt deine rechte (Hand). 
Deine Rechte, welche die Väter (stützte), entziehe ihren 
Kindern nicht. 

Alles fleht 3 ) (dich an) um das Werk deiner Barmherzigkeit, 
das kein Ende hat; Alles bebt vor dir, obschon es dich 
nicht sieht. 

Oben hast du keinen Genossen und auch unten bist du so in 
Ewigkeit, du bist der Vorgesetzte 4 ) auf der Regierungs- 
stufe 1 

Wer kann dich nach deinen Werken preisen, wer kann dich 
deinen Wundern nach erheben? 

Furchtbarer, Wunderbarer, wer kann es verkünden, 5 ) was 
du bist? Ein Bewahrer bist du, der die Bündnisse*) 
der Lieblinge nicht vergisst. 

Die auf dich hoffen, erreichen ihr Ende; denn alle Sünder 
hält der, welcher nicht schlummert, aufrecht, bis sie 
büssend (zu ihm) kommen. 7 ) 

Wohin soll sich dein Volk wenden? Blicke auf uns herab 
und befreie dein Volk, damit wir sehen, dass du barm- 
herzig und gnädig bist! 

Wende dich um und beachte Jeden, der zu dir in Wahrheit 
fleht! befreie Jeden, welcher in seiner Noth sich vor 
dir beugt! 

Wir und mit uns die ganze Welt bedarf deiner; ihre Gene- 
rationen bedürfen deiner Herrschaft in Ewigkeit 


*) L. fli“ lAfflP d. h. in den mit den Vätern geschlossenen Bünd- 
nissen. 

7 ) D. h. Er lasst die Sünder, so lange sie noch nach ihm verlangen, 
nicht fallen, sondern er ist langmüthig. 

Viertbljakrsachrift. IV. 3 . 26 


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394 


M. Heiilenheim. 


• az • »fli««9 * aia9p ♦ »umz • tt*A • um ♦ j«B9 • at • aahP 

: »A9P« • (ij-^Ja 

V 

• Jait»»*« • am««9 ♦ a«a ♦ 9Pffl«m • azt • • »ja«*} 

: amzvj • flwnp • a au 

• AfllZ * »A99 * JÄZT»tf * Jä * AAT • 9 »|f« • »Zat * »J ««9 • a«“ 

: TSA • AZA * »ZA 

• a9PAZ • })9AA • 99 * 9PAIA9 * JJilA • aA«9"»A9 * JJffljA 

r Wa»*ffl(a) • atz« • aaz 

: ?**A • AZA ♦ »ZA * AfllZ 

') Wörtlich Gesundheit, vgl. Prov. 3, 22. 

*) Auch die Habbinen nennen die >Torah< die Barmherzige, m 
z. B. Baba Meziah 3 b. u. a. «asm iss« »die Schrift sagt« , eigentl. der 
Barmherzige sagt. 

') D. h. er wird gerne darin lesen , weil da von deiner Barmherzig- 
keit die Rede ist. 


II. 

• 9«fllJ ‘ flltt* * »Z * Jfll9fll«l * »«ZVT * »9«Z • »«9"*« * JZ * 9* 

: )B9"W * »Z 

• P9«« * *» * Z«V ' "*JAT * »«9 ’ 9AAIT * »Z«9 * A99 * »«J9 

: »9tA 

• »9 * PZAt ‘ At» ♦ A ZT ‘ JA» ♦ J« ♦ fll»fll • «ZV ‘ AZt 

: «ZVZ * JfllJf ‘ AZ * Jfll9*A« 

• 9 JVt • »J« ’ AA9 * »ZaT * »AAfllZ 3 * 9Z9V * »«9"*« * »Zfflttf 

: tfllZV • T9» 

• J« ’ »fll»fllt * »t»T * }«t * «ZVZ * »«"‘t * (»)fll»fllt * »t» • t» 

: »9 • «vp • zam 

') 9Afll “ 9- lu fll »sitzen, thronen«. 

*) ?9« gewöhnlich »retribuit« bedeutet dem Sinne nach hier 
»empfangen«. 


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Gebete des Hohenpriesters Amrain. 


395 


Die da lesen das Gesetz der Barmherzigkeit, Denen ist es 
eine Erquickung 1 ) für (alle) Geschlechter, die da lesen 
die Torah, 2 ) vergessen nicht sie zu lesen. 3 ) 
Barmherziger, dein Name ist unerforschbar; fürwahr, deine 
Lieblinge bezeugen , dass deine Thaten unendlich sind. 
Barmherziger ist dein Name, und Alle bezeugen, dass du 
so bist; ihr grosses Zeugniss (lautet): es gibt nur einen 
Gott! 

Wir schliessen 4 ) mit deinem Lobe , wir glauben den grossen 
Glaubenssatz, 5 ) wir sehnen uns nach deiner Herrlich- 
keit; es ist kein König wie unser Jehova. 6 ) 

Es gibt nur Einen Gott! 

4 ) »A *=» »vollenden», »beschlossen«. 

5 ) wi#im rabb. npa »die Hauptsache« d. i. der wichtigste 
Glaubenssatz, d. h. die Einheit Gottes. 

a ) Schon B. I. S. 126 in den Noten zu dem Schreiben Meschulmah’s 
wurde darauf aufmerksam gemacht, dass sie statt Jehovah, Jehuvah 
lesen; hier lesen sie Johavah. 


II. 

Lasset uns Lob darbringen dem Herrn der Welt! wir 
schulden ihm Vieles, lasset uns ihn loben! 

Er. der in der Höhe thronet, 1 ) schuf mit dem Munde, mit 
dem Worte die Welt, während der Mensch sich abmühen 
muss, um Lohn zu empfangen. 2 ) 

Er offenbarte die Welt, ein Sein aus Dem, das nicht war, 
und zündete 3 ) Lichter an, die ewig nicht erlöschen. 

Der Furchtbare wird gepriesen seiner Wunder(werke) halber; 
denn Alles zittert vor ihm; ja selbst der Staub er- 
schrickt vor ihm. 

Er ist und wird sein; ja sein Name ist ewig; und weil er 
ist und sein wird, wer kann (neben) ihm bestehen? 7 


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396 


M. Heidenheim. 


• tT ♦ Jrjaanij ♦ jz ' a»t • JJaiaa • »zzia • *Jstzaz • taa ♦ ta« 

: srzrrz • »«««a 

• • Jz • Jas * *ao * z* • ama * aaA^m • jnwua j • z* * JtAS 

: ärAHa^Ma • jz • a» • jz 

• ajvz ♦ »aa • aJi ♦ a m»* * Jrazv • jazata • » AZtm * srAaa.* 

: tmzv • Ta*a 

• aJt ♦ mzvz • (j)tj-r ♦ fliAfflz.» asvj * jz ♦ Jtv • jjaat*t • jjnivf 

: »ajtf • tau 

• »maAü • jj«*-“!^ • Ja • Jtairz • srmm«* ♦ jmaA« • Jz ♦ (a)«i 

: ?rniffla • jz ♦ a»ni 

• Jz * «fca • Ja • Jta« * mAfflffl • aza • J 9 • %t**a * tT • *taa 

: Ja ♦ amt^a • a*"va • t» • aAva 


• »zuaa • jwmaA • tt"»A • tva • traa • »at^ • Jmauaj* • jmaaz 

: »Jataai(z) • »ztA 

• JtAjraaz • "*JJ • aza • srvAipa * 01‘a • (t)»fvj • »tat^rA • «pa 

: tAi'aaaz * Jtm • fv 

• Jfflama ♦ zap<a * ta * tmaAaiaa • J'aaa • *“^3 • »aa ♦ »mal 

: Jtfflat« • aiAipa-“*- 


') Deut. 32, 3G übersetzt der Samarit. durch JAS, weil er 
(v. ■jn »jauchzen«) liest, da er sonst yn' wie Gen. 49, 10 beibehält 
*) I». Aljt “ yvvrj »Frau« ; es ist hier an die durch Eva in die 
Welt gekommene Sünde zu denken. 

*) JTV “ Eden. 

4 ) -,isa »Schutz«. 

5 ) Wörtlich »Horn« , worin das Oel aufbewahrt wird. 

•) 3ra3tf »Gelehrter, Weiser« ; noch heute wird der Arzt im Orient 
»Weiser« genannt. 

’) 1. JZZ 

8 ) y * V)H4 »huiniliavit«. 


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Gebete des Hohenpriesters Amram. 


397 


Bringet Huldigung dar unserm Gott! Um seinetwillen lasset 
uns kommen und lasset uns ihm (Lob) darbringen und 
seiner Grösse halber sprechen: das ist der König! 
Alle Lippen jauchzen 1 ) ihm zu, ein jeglicher Mund preiset 
ihn , lasset uns ihm zujauchzen , lasset uns ihm danken, 
'lasset uns ihn preisen! 

Feindschaft und Schrecken erschrecken die Welt; jene 
Frau 2 ) brachte Viele in den Staub, [und dieses Alles ist 
nur darum] weil er (Adam) sich ihm (Gott) widersetdte. 
Unserer Verirrungen und Sünden halber verloren wir das 
Paradies; 3 ) nicht gibt es ein Schutzmittel 4 ) für diese 
Krankheit, noch Salbe 5 ) bei dem Arzte. 6 ) 

Er hat uns aber Schriften gegeben, und in ihnen ist das Leben ; 

wenn wir die Schrift beobachten, gibt er uns Leben. 
Wie kann der Sohn widerspenstig sein? Er geht ja wie ein 
Herr aus dem Mutterleibe heraus; im Ueberfluss zu 
weilen 7 ) ist er ausgesendet; (dennoch) ist der Sohn 
widerspenstig ! 

(Wenn) Herz und Mund den Allgütigen bitten, so müssen 
beide gleich ehrfurchtsvoll (es thun) ; er offenbart sich 
nur den Demüthigen. 8 ) 

Die Wasser des Abgrundes erregten 9 ) die Wasser der Aus- 
dehnung; das Meer 10 ) erhob sich zu ihrer Verurtheilung; 
seine Lieblinge aber waren in der Arche. 41 ) 

Moses, der grosse Prophet, hat in seinen Schriften es kund 
gethan, dass er 12 ) die Sünder aufnimmt, ihnen ihre 
Sünden nachlässt. 

*) »erregen« muss wohl hier in der Bedeutung von »bewegen« 

genommen werden. Es ist zugleich eine Anspielung auf Gen. 7,11, wo 
es heisst, dass die Quellen des Abgrundes zuerst losbrachen. Zu ver- 
gleichen ist noch Ps. 42, 8 , wo der Abgrund als zum Abgrunde rufend 
dargestellt wird , welches im Jalkut auf die bei der Sündfluth eingetretene 
Verkehrtheit, dass die Wasser zuerst von unten kamen, gedeutet wird. 
t0 ) • ÄU 0)1 = tTjJ »Meer«. 

n ) »bedecken« im MS. ist statt vielleicht 

® ro^n »Arche« zu lesen? 

’*) t? = 


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398 


M. Heidenheim. 


♦ «.gjT ♦ * «afflin« ♦ «ffl« • Jz • pjap ♦ • %-*aJ * baj 

: «fflniB ♦ aAt*T • zzia ♦ p)nn 

♦ aatAt* a* 4 *aTA • *aiz • vatn • *At9a • aaTAt * bz«T9 • bvm 

: *a« • Ttna 

* BfflZ"* • miO • *aavt • Bpam ♦ z«J * m • apvm • • «vp 

: *Aaaa * atO* 

• Jaaaz * ür«J 4 baoa • atva • Ja • »azva * »rnaa* • za • *»«a 

: ZAa^fflz • (»)*aa* 

* tmaraa • BAtB9"* * aa • pza * mnjT • »atuhmi • trsa • «»* 

: tB<njT * aap • za 4 tri 

• J"va"Mat • «At«a • jmztt • Baap • tttmjT * jtjA • b<h9aa 
: Jwzaz 

') .Die Zauberer halten Flosse auf und trocknen die Quellen ans. 
Vgl. Meiner krit. Gesch. der Religionen II. S. 688. 

*) Gen. 32, 28. 

*) Beachtenswerth ist es, dass die Samaritaner den Mann, mit 
dem Jakob stritt, nicht (wie Hos. 12, 5) einen Engel nennen! 


III. 

♦ Jüi * tmTatvaT • BaA"va • juat • Jaiz ♦ (A)tna"\A • ta* 

: »jBa-^m 

• *A«««a 4 btJat • «*a * zs • <n*ap • vaA* • 4 Aata 

: «am 4 B«ta 4 TAffl 4 *Aaa 

4 vs 4 «zfflaa 4 tizi 4 t* 4 «rat 4 pba 4 m«« 4 B"*am 4 a zi 

: tniTatva 4 Vmz 4 “ 

4 «atA 4 »zza«T 4 4 aAt « 4 tv 4 Jmampm 4 jmAata 4 jmzM 

: a»J« 4 pjJt 


') JZA “ JZB »bereiten«. 


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Gebete des Hohenpriesters Araram. 


399 


Oeffne den Mund des Abgrundes und lass lebendiges Wasser 
hervorquellen, denn der Zauberer ! ) hat ihn verschlossen, 
damit die Lebenden zu Grunde gehen! 

Er klagt (der Mensch) in seiner Noth und gedenkt seiner 
(Gottes) Grösse; es klagt der Mensch bei ihm und 
stützt sich auf die Hand seines Herrn. 

Er stand bei Jakob am Bache Jabok 2 ) und er überschritt 
ihn ; er besiegte den Boten 3 ) und erlangte den Segen. 

Der Anfang der Begebenheit 4 ) (war), dass Bileam, Sohn 
Peors, seinen Mund öffnete, sie zu segnen; (ja) der 
Segen gehört Israel. 

Seinen grossen Namen, 5 ) seinen Einzigen, welcher Balak 
besiegte, vielfach preisen ihn seine Lieblinge in jeder 
Schlacht, worin er sie siegen liess. 

Seine Lieblinge sind Die , welche in dem Kriege siegen ; sie 
offenbaren seinen Willen und dienen ihrem Gotte. 


4 ) D. h. der erste Ausspruch Bileams war ein Segen. 

5 ) Der alphabetischen Ordnung, sowie dem Sinne nach zu urtheilen, 

stand früher = osn »der grosse Name«. 


III. 

Bringet dar Lobpreisungen dem , der (das All) geschaffen 4 ) ! 
Wer unter den Gepriesenen seiner Geschöpfe kann ihn 
preisen? 

Der Schöpfer des Himmels und der Erde gründete das 
Hohe und Tiefe, bevor er irgend etwas mit seiner 
Weisheit schuf. 

Aus den Gewässern des Tohu und Bohu offenbarte er das 
Trockene; ausgezeichnet ist er an Macht, dieser Be- 
• herrscher seiner Geschöpfe. 

Diese Geschöpfe sind die herrlichsten; der Herrliche, mit 
dem er (die Schöpfung) schloss, ist ein Licht, das vom 
Lichte ausging. 2 ) 

*) Ueber dieses Bild vgl. die S. 238 Note 6 angeführte Agatha. 


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400 


M. Heidenbeim. 


4 tfaJ* 4 J»a 4 aj ♦ za • Tflia 4 aaA"*'« * *a*A ♦ pzat • J»a 
: »maaz 4 za 4 »z 4 Jmm • «ra"*A 

• aaA • zam * Jat * »z * »mt * az 4 »Ja 4 tj»ZAZ 4 taa ♦ ta« 

: »ZfllHZ 4 (A)t(A)ffl 4 AZT 4 »Z 

4 az 4 »mm«: r 4 j*a5 4 aa 4 »za? • »A«a-“»AZ 4 »av 4 tjata 

: Jmffl« 4 za 4 JtT tm 

4 «taA"\A 4 (a)AjaaA • mAzaz 4 amam 4 azt 4 azm? 4 aztv 4 am» 

: Jmza 4 Jmaa 4 avna 

♦ map* 4 a»-“*? 4 atv 4 aa 4 »zat 4 »A«a"\AZ 4 »a “aa 4 af 

: »aatf 4 »Aremaz 

4 pjtfat 4 a»m 4 azai 4 zv 4 »VTta 4 az 4 Jaa 4 aa 4 <nt?«raa 

: Jmztva 4 maat^n 

• ♦ jA^Jjt 4 J Am« 4 za 4 »Jtva(a) 4 »za 4 mav ♦ »aa 4 »za 

: Jia 4 mata 4 azma 

4 »?tt* 4 zi*J 4 AZt 4 ma-3 ♦ aza 4 tva 4 jaf 4 azma 4 aöjz 

: aav 4 amJA? 4 "Jaz 

4 mt*aa 4 zam 4 Ja 4 jAmtfa 4 za 4 VTmt 4 Jmamaf 4 za 4 mzta 

: atza 4 ajf Z"* 4 Ja 

4 tzmA 4 Jma»J 4 za? 4 »am»J 4 »azv 4 za 4 tza 4 »a»J? 4 »am»J 

: aatV 4 Ja 


') »mt ist mit »geziemen« zu vergleichen. Vielleicht ist es 
aber = ’i ol und zu übersetzen: »wer bewundert ihn nicht«, d. h. wer 
sieht seine Werke, ohne auszurufen: o! wie gross und herrlich ist das! 

*) »aV — ’s* Preis. 

*) JtAd = »ernähren, erhalten«. 

4 ) Afc)Bd^A wörtl. »deines Archonats«. 

*) 3-“^ “* rabb. »rein sein«. Hier ist wohl an ein Bad *u 
denken, das die Samaritaner, wenn sie des Nachts sich verunreinigt 
haben, vor dem Morgengebete nehmen. Ygl. die Briefe in Eichhom’s 
Repertor. B. 14. S. 261. 


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Gebete des Hohenpriesters Amram. 


401 


Er, der das Licht anzündete, wird von jeglichem Munde 
gepriesen. Alle Herzen preisen ihn, der die Finsterniss 
wegräumte. 

Bringet Verherrlichung dar unserem Gotte! Was geziemt 1 ) 
ihm nicht, und wer kann zu ihm sagen, dass seiner 
Macht kein (Lob) gezieme? 

Bereitet Preis 2 ) zu seinem Lobe, denn er ist ein grosser 
Gott! Erhalter 3 ) des Lebens, alle Lebenden danken dir! 

Dir gehört das ewige Leben; zur Fülle deiner Erhabenheit 4 ) 
bedarfst du nicht, dass dahinwelkende Lippen dich* 
preisen. 

Heil Dem, der sich reinigt 5 ) zum Lobe Gottes! gross ist 
die Glückseligkeit dessen, der wachet und frühe 6 ) auf- 
steht zum Gebete 7 ) des Herrn! 

Einzig bist du Herr ! Dank sei dir wegen deiner Grösse ! Du 
gibst und bereitest die Bedürfnisse der Menschen. 

Du , Gott , siehst Alles vom Himmel ; allen unsern Körpern 
und Seelen gibt deine Allmacht Nahrung. 8 ) 

Deine Macht weist nicht das Gebet zurück, 9 ) welches aus 
einem reinen Herzen kommt, und nicht verwirfst 10 ) du 
den Dienst des Menschen , der dich unablässig bittet. 

Alle verborgenen (Dinge) sind (ihm) offenbar ; er kennt alles 
Bedeckte; wer kann vor deinem Blicke 11 ) etwas ver- 
decken ? 

(Du) Leuchte, dessen Licht die ganze Welt füllet; Leuchte, 
alle Lichter entlehnen ihr Licht von deinem Glanze ! 


•) = chald. in* »frühe aufstehen«. 

7 ) A ■" womit »m Ps. 45, 1 zu vergleichen , wo- 

selbst Jonath. »beten« übersetzt. 

8 ) mVH —.rrn» ' 

•) Aehnlich ist die folgende Stelle ans der Liturgy s. bei Castell, 
s- v- • A2? ♦ * s^Artl? »Habitat in 

excelso, qui preces non aversatur.« 

*°) = aram. «Vion und rabb. Visc 

n ) wörtlich »Herrschaft«. 


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402 


M. Heidenheim. 


• ammzAT • • **vja« • av • ;mv«9t • az ♦ am9A«T ♦ an <f 

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• a«"*-T • jjmzv * «sa • 9<imz • *"*« • 9Aa • sta ♦ za« • pam 

: 9J«99 

• zmai* • «m*ZA • a«"* * }a«t • 3«m*«t • f**? * mit* • a«“ 

: vazt • ivzt ' za 

• «j • za • Tflia • B3A^A * «mjsö • za • m • aAtaa • *}aa 

: *«zv * <im • zaz 


') 9tV5 = i'*r »klein, wenig» ; vielleicht ist auch 3tV9 = ” 1 ' rT 
durch »Scharlach» zu übersetzen, und wir hätten dann dasselbe Bild wie 
Jes. 1, 18 »wenn deine Sünden wie Scharlach sind u. s. w.<? 

*) 3VJ “ rnc »Vertiefung», d. h. »sich erniedrigen, demüthigen«. 


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Gebete des Hohenpriesters Amram. 


403 


Wer dir Vieles schuldet oder Weniges, 1 ) zur Zeit, da er 
sich deinüthiget im inbrünstigen Gebete, sieht er, dass 
es keinen König gleich dir gibt. 

Höchster Gott ist dein Name, allmächtiger Gott, Ehjeh; 
Höchster, unser Flehen bewegt 3 ) dich! 

Grosse Wunder thatest 4 ) du unserthalhen ; Pharaoh und 
seine Heere 5 ) wurden in’s Schilfmeer versenkt. 

Es ist nöthig für uns, dass wir Busse thun und zu dir 
schreien; Moses und die sechshunderttausend Mann 
schrieen zu dir. 6 ) 

Bestehender, dessen Bündnisse ewig dauern , dein Bund mit 
unsern Vätern ist ein Bund, der nicht gelöst wird! 

(Du) der du allem Zorne ferne bist für alle Zeiten, erbarme „ 
dich unser , denn dein Name ist Barmherziger ! 

Dein Name ist Wahrheitsvoller, Treuer, und Herr; dein 
Name Elohim trägt, was oben und unten ist. 

Lass alle Zeiten hindurch deine Hoheit walten ! Ein jeglicher 
Mund wird dich preisen in allen Zeiten der Welt. 


3 ) = »bewegen« rir d. h. »es veranlasst dich barmherzig 
zu sein.« 

4 ) Wörtl. »erschütterst du.« 

5 ) ist das griech. ö/Xog. 

Ä ) D. h. auch sie schrieen zu dir und du halfst ihnen. 


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III. 


Actenstücke zur neuesten Kirchengeschichte. * 


Gerade jetzt, wo die römische Kirche durch ihre Concil- 
beschlüsse zu erkennen gibt, wie wenig es ihr darum zu 
thun ist, eine mildere Sprache andern christlichen Con- 
fessionen gegenüber zu führen, ist ein aus der griechischen 
* Kirche*) an den Erzbischof von Canterbury gerichtetes 
Schreiben von desto grösserem Interesse. Es ist dieses das 
zweite Schreiben, welches seit dem 20. Sept. 1869 an den 
Erzbischof von Canterbury gelangte.**) Der gegenwärtige 
Erzbischof erhielt auch noch Zuschriften von den Patriarchen 
zu Antiochien und zu Jerusalem u. s. w. Letzterer legte seinem 
Schreiben Bücher bei, welche der Bibliothek zu Lambeth 
einverleibt wurden. 

Die griechische Synode fand es für angemessen, an den 
Primas der anglikanischen Kirche ein Schreiben zu richten, 
worin sie ihm für die dem Erzbischöfe von Syros und Tenos 
erwiesenen Freundschaftsbezeugungen ihren Dank ausspricht, 
und eine Annäherung zwischen beiden Kirchen auzubahnen 
sucht. Der Erzbischof von Syros besuchte während seines 
jüngsten Aufenthaltes in England den anglikanischen Gottes- 
dienst öfters, wohnte einer Bischofsweihe bei und legte seine 
Sympathien für die Schwesterkirche offen zu Tage. 

Unsere Uebersetzung konnten wir nur nach dem eng- 
lischen Texte anfertigen, da bis jetzt der griechische Text 
nicht veröffentlicht ist. 


*) Ueber die seit 1860 bestehende »Eastern Cliurck Association« 
vgl. Vierteljahrsschrift Bd. III. S. 382 u. ff. 

**) Vgl. S. 251 u. ff. dieser Vierteljahrsschrift. 


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Actenstiicke zur neuesten Kirchengeschichte. 405 

Sendschreiben der h. Synode der griech. Kirche an den 
hochwürdigsten Erzbischof von Canterbury. 

»Die heilige Synode der griechischen Kirche an den heiligsten und 
hochwürdigsten Erzbischof, Primas von ganz England, an den 
Lord Archibald Campbell, Grüsse im Herrn. 

Alexander, Erzbischof von Syros und Tenos, unser geachteter Assessor, 
geliebter Bruder und Mitpastor in Christo, welcher in jüngster Zeit von 
einem Besuche aus Grossbrittanien nach Athen zurückkehrte, theilte 
uns mit grossem Lobe viele Liebesthaten mit, die ihm während seines 
Aufenthaltes daselbst von dem heiligen Klerus und den Christus liebenden 
Laien der englischen Kirche, besonders von einflussreichen Personen und 
von Ihrer sehr frommen und mächtigen Königin erwiesen wurden. 

Und mit ausserordentlicher Dankbarkeit that er uns kund die brü- 
derliche Liebe in Christo, die ihm Ew. Heiligkeit erzeigten; denn wie 
er sagt, haben sie ihn durch ihr liebevolles Benehmen für sich und sein 
ganzes Herz völlig gewonnen. Es ist natürlich , dass dieses Alles unsere 
Seelen erfreute, als wir davon hörten, und uns mit Liebe gegen Ihre 
Behörden, den heiligen Klerus und alle Glieder der englischen Kü'che 
und ganz besonders gegen Ew. Heiligkeit, die eine starke und leuchtende 
Säule dieser Kirche sind, erfüllte, einer, dessen Frömmigkeit, Intelligenz 
und pastorale Tugenden schon lange unter uns berühmt sind. 

Auch in frühem Tagen waren es der guten Thaten viele, welche 
die hochherzige brittische Nation den Griechen erwiesen hat. Wir 
rufen uns ins Gedächtniss die Sympathie, welche zur Zeit, als wir für 
die Freiheit stritten und durch manche Ucbel in dem langen Streite 
ganz darniederlagen, die edle Fürsprache für den Streiter unserer 
Sache in den Kabinetten ihrer eigenen und auswärtigen Behörden, 
die warme Allianz und die Hülfe, die uns in der grössten Gefahr be- 
wiesen wurde. Alle diese Thatsachen können nie unser m Gedächtnisse 
entschwinden, so lange die Wellen die Ufer von Pylos bespülen, wo 
noch vor nicht langer Zeit unter der Leitung des mächtigen Englands 
das grosse uud wahrhaft christliche Werk, welches der griechischen 
Nation Sicherheit brachte, so wunderbar ausgefuhrt wurde. 

Aber jetzt, da ein neuer Beweis ihrer Gutwilligkeit in der Gast- 
freundschaft und Liebe, die dem Erzbischöfe von Tyros und Tenos 
erwiesen wurden, und in der Ehre gegeben ist, welche hierdurch unserer 
ältestgebomen Kirche zu Theil wurde, ist unsere Dankbarkeit eine ausser- 
ordentliche und unsere Lippen sind thätiger bew egt , die grosse englische 
Nation, in der wir Frömmigkeit und Wohhhätigkeit in Verbindung mit 
mächtigen Reichthümern und Waffen vereinigt finden, zu segnen. Es 
ist jedoch ihre Wohlthat und Liebe, welche den Weg zur innigen Ver- 
einigung in Christo bahnt , und das ist der Sogen , nach welchem wir so 


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406 


Actenstücke 


lange im Herzen verlangt haben und den wir nun von dem Allerheiligsten 
erflehen, dass wir die getrennten Glieder der Kirche Christi wiederum 
näher zu einer einzigen Kirche zusammentreten sehen mögen. Dieses 
scheint nicht länger ein leerer Wunsch oder ein vergebliches Gebet za 
sein, sondern wir leben in bessern Hoffnungen, dass diese Vereinigung 
durch die Barmherzigkeit Gottes zur Wirklichkeit werde. 

0, dass der heilige Geist, der vom Himmel kommt, um bei den 
Menschen zu wohnen, und ihren Verstand erleuchtet mit dem göttlichen 
Lichte und sie zur Wahrheit leitet und ihre Herzen ganz für die brüder- 
liche Liebe erwärmt, alle Menschen leiten möchte, Eines Sinnes in Christo 
und Eins im Glauben zu sein ! Aber wenn das nicht sein kann, o dass er 
doch wenigstens auf diese Weise die Christen der orientalischen und Ihrer 
evangelischen Kirche leiten möge, insofern sie an den Vorschriften der 
Apostel und der heiligen Concile festhalten und sie weder eine absolute 
selbstgewollte und unfehlbare Monarchie in der Heerde Christi annehmen 
noch auf der andern Seite es als erlaubt betrachten, dass Glaubens- 
sachen nach den Launen individueller Meinungen entschieden werden! 

Die heilige Synode der griechischen Kirche , von dem Wunsche be- 
seelt, der englischen Kirche ein sicheres Zeichen der brüderlichen Liebe 
entgegenzubringen, und im Einverständniss mit der heiligen Synode, die 
um den allerheiligsten oekumenischen Patriarchen versammelt ist, hat 
beschlossen, durch Rundschreiben den heiligen Klerus zu beauftragen, 
den Christen Ihrer Confession in allen Fällen jede mögliche brüderliche 
Liebe zu erzeigen und, sollte irgend ein solcher Christ an einem Orte 
sterben, wo kein Priester seiner eigenen Kirche anwesend wäre, ihm 
das geziemende Begräbniss und die Gebete unserer Kirche für die Seelen 
der Verstorbenen angedeihen zu lassen. 

Diese Dinge, Allerheiligster Primas und geliebter Bruder in Christo! 
dachten wir geziemend Ihnen zu schreiben, um unsere freundlichen 
Gefühle für die englische Kirche offen an den Tag zu legen. 

Indem wir Ew. Gnaden und allen Hochwürdigen Bischöfen Ihrer 
Kirche die brüderlichen Grosse in Christo darbringen, erbitten wir von 
Gott für Sie Alle langes Leben mit ununterbrochener Gesundheit und 
ungetrübter Glückseligkeit und für das Christusliebende Volk die Fülle 
des himmlischen Segens. 

In dem Jahre des Heils 1870, Juni 20. 

Ti)g tifierdgag aeßaafumar rfg IlavsQÖrrjmg Sv Xqiotoj dyaonpoi 
döeXcpoL 

f 6 'A&qvöv QeocpiXog tc gdeöQog. 
f 6 'ÄQyoklöog JavrjrjX. 
f 6 KaXaßQVtwv xai AfyiaXelag EdOtifuog. 
f 6 Svqov xai T^vqov ’AXegavöQog, 
f 6 TQupvXlag xai XiXv^lag ßagroXofiaiog . « 


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zur neuesten Kirchengeschichte. 


407 


Antwortschreiben des Hochwürdigsten Erzbischofs 
von Canterbury. 

Lambeth Palast, Sept. 30, 1870. 

»Archibald Campbell, durch die göttliche Vorsehung Lord Erzbischof 
von Canterbury Primas von ganz England und Metropolitan, der 
heil. Synode in Griechenland, Brüderlichen Gruss in dem Herrn! 

Während der achtzehn Monate, seit wir unser gegenwärtiges Amt 
bekleiden, haben wir Beweise brüderlicher Achtung von verschiedenen 
der berühmtesten Patriarchen Ihres Zweiges der katholischen Kirche 
und unter Andern von dem Allerheiligsten Patriarchen von Constan- 
tinopel erhalten. Obschon alle diese Briefe wegen ihrer klaren Beweise 
christlicher Zuneigung und Bruderschaft höchst willkommen waren, so 
war doch keiner willkommener als die Zuschrift , die wir jüng9t von der 
heiligen Synode Griechenlands erhielten. 

In dieser Zuschrift sind Ew. Heiligkeiten so gefällig, auf die Beweise, 
welche die englische Nation vor einiger Zeit dem griechischen Volke 
bezüglich des Interesses, das sie an seinem Kampfe für die Freiheit 
genommen, hinzuzeigen. Wir können Ew. Heiligkeiten versichern, dass 
das Interesse, welches Grossbrittanien an Ihrem Wohlergehen nimmt, 
jetzt nicht minder lebhaft ist, als es früher war. Es ist wahr, un- 
glücklicherweise ist es ungünstigen Verhältnissen zuzuschreiben, dass 
die Erwartungen, welche wir uns über die Zukunft der griechischen 
Nation gebildet haben, jetzt noch nicht ganz erfüllt sind; — jedoch ist 
es unser ernstes Gebet, dass sie bald eine grosse Nation und ein ver- 
einigtes Volk, welches in jeder Hinsicht sich selbst treu und treu den Prin- 
zipien des Gesetzes der Barmherzigkeit und des Glaubens, das unser 
göttlicher Herr und Heiland seiner Kirche darzustellen beabsichtigte, 
werden möchten. Kein grösseres Compliment konnte der brittischen 
Nation gezollt werden, als das, welches Ew. Heiligkeiten ausdrücken, 
indem Sie bemerken, dass Sie an uns es wahrnehmen, wie Frömmigkeit 
und Wohlthaten üben — Ehrerbietung d. h. zu Gott und Liebe für die 
Menschen — aufs Innigste vereinigt sein können. 

Sind die Britten, wie Sie sagen, ein mächtiges Volk, scr sind sie es 
darum, weil sie versuchen — obschou wir vielleicht sehr oft dieses 
Ideal nicht erreichen — diesen grossen evangelischen Prinzipien treu 
zu bleiben. Wir können die Weltgeschichte nicht studiren, ohne ein- 
zusehen, dass, wann immer die Wahrheiten, Prinzipien und Gnaden, 
welche die Kirche bei ihrem Stifter aufrecht zu erhalten bestimmt war, 
ihren freien Lauf haben, sie nicht weniger in dem socialen und politischen 
als in dem moralischen und religiösen Leben der Menschen unaussprech- 
liche Segnungen wirkten und noch wirken. 

Ein erhebendes Gebet ist es, dem Sie in diesen Worten Ihrer 


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408 


Acten stücke 


Zuschrift Ausdruck leihen, worin Sie Gott bitten, dass sein heiliger 
Geist alle Menschen leiten möge, Eines Glaubens und Einer Sinniwgs- 
weise in Christo zu sein. 

Wir brauchen Sie kaum zu versichern, dass wir herzlichst diesem 
Gebete beistimmen. Allein soll dieser Wunsch für Einheit, den Ihr 
Gebet bedingt, jemals in Erfüllung gehen, so müssen die Christen zuerst 
dazu veranlasst werden, dass sie im Leben und im Geiste in engere 
Verbindung zu Ihm treten, welcher der einzige Mittelpunkt der Einheit ist, 
ihr einziges unsichtbares Haupt und ihr König, der himmlische Herr. 
Wie Gott die Kinder seiner allgemeinen Familie so geschaffen hat, dass 
sie in dem Ausdrucke der Gedanken und in der Bildung derselben im 
allgemeinen Charakter nicht weniger als in äussern Umständen sich 
unterscheiden, so ist es vernunftwidrig zu erwarten, dass wir Alle genau 
genommen eine und dieselbe Ansicht bezüglich der Fragen äusserer 
Ceremonien und der Disciplin oder sogar der Lehre haben sollen, wenn 
solche Fragen nicht ausdrücklich und unverkennbar in den heiligen 
Schriften erklärt sind. 

Eine Beleuchtung darüber finden wir in diesen Worten Ihrer Zu- 
schrift (wenn wir dieselbe richtig auslegen), worin Ew. Heiligkeiten von 
Gebeten für die Seelen der Hingeschiedenen sprechen. Solche Gebete 
sanctionirt unsere Kirche nicht. 

Allein Differenzen über Gegenstände wie der genannte (obschon 
deren Wichtigkeit bedeutend sein mag) sollten nicht einer Anerkennung 
der christlichen Gemeinschaft den Weg versperren. 

Wir können diesen Brief nicht schliessen, ohne Ihnen für den that- 
sächlichen Beweis Ihrer Zuvorkommenheit und Anhänglichkeit, welche 
Ihre Zuschrift enthält , zu danken. Sie unterrichten uns , dass die heilige 
Synode Griechenlands, in die Fussstapfen der heiligen Synode unter dem 
Vorsitze des aller heiligsten oekuraenischen Patriarchen tretend, in ihren 
W’ünschen der englischen Kirche ein Zeichen christlicher Liebe darza- 
legen den Entschluss fasste, ihren heiligen Clerus durch Circularschreiben 
anzuweisen, dass sie den Christen unserer Confession in allen Dingen 
brüderliche Liebe erzeigen und, wenn solche Christen an einem Orte 
sterben, wo Vir keinen eigenen Begräbnissplatz haben, und die Freunde 
des Verstorbenen es verlangen sollten, dem Hingeschiedenen ein anstän- 
diges Begräbniss verstauen sollen. Für diesen Beweis des christlichen 
Bruderthums bringen wir der heiligen Synode Griechenlands unsere herz- 
liche Erkenntlichkeit dar. 

Wir haben in der letzten Zeit eine Zuschrift an den allerheiligsten 
oekumenischen Patriarchen als Antwort auf das Schreiben, das Sr. Hei- 
ligkeit an uns gerichtet, zugehen lasseu. Wir erlauben uns, Ew. Heilig- 
keiten eine Abschrift dieses Briefes mit der Hoffnung beizulegen, dass 
dieselbe nicht ganz uninteressant sein möge, indem daraus ersichtlich 


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zur neuesten Kirchengeschichte. 


409 


isfr, welches unsere Ansichten sind in Bezug auf die Stellung, welche 
die Kirche Christi in einer Periode des Uebergangs wie die jetzige 
einnehmen soll. 

Wir hoffen, Sie werden uns beistimraen, wenn Sie in Erwägung 
ziehen, wie eine der wichtigsten Aufgaben , welche Gott in der Neuzeit 
seiner Kirche angewiesen hat, darin besteht, dass sie zeugen soll, wie 
Christen dem alten orthodoxen Glauben des apostolischen Zeitalters treu 
sein und dennoch in gleichem Schritte bleiben können mit dem sich 
erweiternden Geiste und rührigen Leben einer Zeit der Freiheit, der 
Erleuchtung und des Fortschrittes, wie diese ist, in welche nach dem 
Willen Gottes unser Loos gefallen ist. 

Möge der Herr, der die Seinen kennt, die zerstreuten heiligen 
Glieder seiner Auserwählten wiederum vereinen , auf dass wir zu Einer 
Heerde unter dem Hirten Jesus Christus unserm Herrn versammelt 
werden! Dass Er über Ew. Heiligkeiten und über die Kirchen, denen 
Sie vorstehen, die reichen Schätze Seiner Liebe ausgiessen möge, ist 
das Gebet 

Ihres treuen Bruders in Christo 
(L. S.) A. C. Cantuar. 


Vlerteljahrssehrlft. IV. 3. 


27 


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in. 


KRITIK. 


27 * 


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The Reformation of the Church of England; 

its History, Principles and Results. 

By the Rev. John Henry Blunt, M. tm 

London, Rivington, 1868 . 

Dieser Band verspricht seinem Titel nach mehr, als er gibt. Eine 
englische Kirchengeschichte, die mit der Regierung Heinrichs Vlü. be- 
ginnt und vor dem Tode dieses Königs endet, kann nur in einem sehr 
engen Sinne Geschichte der Reformation der englischen Kirche etc. 
heissen. Wir nehmen darum an, obschon der Autor dieses nicht sagt 
dass wir hier den ersten Beitrag eines unvollkommenen Werkes besitzen. 
Wir glauben, dass Herr Blunt bis jetzt nur als Compilator nützlicher 
Handbücher interessanter kirchlicher Gegenstände bekannt ist. Dieses ist 
seine erste bedeutende Abhandlung auf dem Gebiete der Geschichte, und 
er wartet vielleicht mit der Schüchternheit eines Mannes, welcher eine 
neue und gefährliche Fahrt unternommen hat, die Urtheile der Kritiker 
ab, ehe er seine Reise weiter fortsetzt. Ist dieses der Fall, so bewill- 
kommnen wir in ihm einen Schriftsteller, der einige werthvolle Eigen* 
schäften eines guten Geschichtschreibers besitzt. Er ist weder ein 
eloquenter noch ein brillanter Schriftsteller. Seinem Buche mangelt der 
Reiz des Styls und die Schönheit der Sprache, welche uns in den 
Schriften Froudes und Macaullys einnehmen. Es sind darin keine 
Stellen, bei denen das Gedächtniss zu verweilen wünscht; es sind darin 
keine stolzen Versuche der Wortmalerei oder der schlagenden Charakter 
bilder; allein auf der andern Seite ist Blunt, wenn er auch nicht so 
geistreich als Macauly und Froude ist, in einigen wichtigen Einzeln- 
heiten ein sichererer Führer als jene. Es steht fest, dass er bezüglich 
verschiedener Punkte seine eigenen, festen Ansichten hat; allein er 
zwingt diese nie dem Leser auf. Er schreibt sich mit einem lebendigen 
Interesse in seinen Gegenstand hinein; jedoch thut er es mit einer 
lobenswerthen Zurückhaltung von Leidenschaft. Wir mögen dem Gr 
danken Raum geben , er überschätze die Wichtigkeit einzelner Begeben- 
heiten und unterdrücke den Werth anderer; allein er erscheint uns nie 
als ein Vertheidiger, welcher die Thatsachen weniger im Interesse der 
Wahrheit als zur Stütze vorangegangener Schlüsse anführt. Er ist 
ehrlich genug, keine Geheimnisse aus seinen Ansichten zu machen, aber 
auch ehrlich genug, historische Thatsachen mit geziemender Aufrichtig* 
keit darzulegen; und dieses ist ein seltenes Verdienst. Es gibt Histo* 
riker, welche im Stande sind, gegen Versehen milde zu sein, weil sie 


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The Reformation of the Church of England. 413 

gleichgültig gegen die Wahrheit Bind ; und es gibt wiederum Historiker, 
welche so fanatisch an der Wahrheit hangen, dass sie sich kein Ge- 
wissen daraus machen , dieselbe gelegentlich mit Waffen zu vertheidigen, 
welche sie aus der Rüstkammer des Betruges geholt. Allein warm für 
eine Sache fühlen, und dennoch muthig die ganze Wahrheit darüber 
sagen, ist eine ebenso bewundernswerthe als seltene Tugend. Gibbon 
besass dieselbe in einem hohen Grade, und darum wird auch Gibbon 
stets ein Musterhistoriker bleiben. Er hat seine Vorurtheile und seine 
Abneigungen, und er macht keinen Versuch, dieses zu verhehlen; 
allein er unterdrückt weder noch verdreht er Thatsachen, um einem 
Zwecke zu dienen. Er bietet in der That jede mögliche Kunst auf, um 
aus den Thatsachen, welche er erzählt, die gewünschten Schlüsse zu 
ziehen; allein er missbraucht die Thatsachen selbst nicht; und dieses 
ist alles, was wir von einem Geschichtschreiber fordern müssen. 

Während der Leser des Blunt’schen Bandes nicht verfehlen wird, 
die Richtung, worauf des Verfassers Ueberzeugung beruht, zu erkennen, 
so wird er dennoch gerne die Unparteilichkeit der Behandlung und den 
freien Ton, welcher auf jeder Seite hervorleuchtet, anerkennen. Es 
ist ein durchaus gelehrtes Buch. Der Autor ist kein Kleinhändler, 
welcher seine Fakten aus zweiter Hand nimmt; er ist ein sich ab- 
roühender fleissiger Studiosus, der seine Kenntnisse den Urquellen ent- 
nimmt. Wir haben es gesagt, dass ihm kein brillanter Styl zu Gebote 
stehe; aber er ist auch kein trockener Schriftsteller; er ist im Gegen- 
theil immer lesenswerth, zuweilen sehr interessant, ja er zeigt eine 
besondere Kunst, Thatsachen zu gruppiren und zu ordnen. 

Herr Blunt eröffnet seinen Gegenstand mit der Bemerkung, dass 
für den Autor und Leser der folgenden Seiten zwei Axiome festzusetzen 
sind, nämlich: 

1. »Die englische Kirche hat sowohl in der alten als 
auch in der neuern Zeit eine fortdauernde und nie 
aufhörende Lebendigkeit. 

2. »Dass solche Veränderungen, wie sie zwischen der 
alten und modernen Kirche Englands augenschein- 
lich sind, nicht nothwendigerweise als Zeichen des 
Irrthums betrachtet, sondern nach ihren respecti- 
ven Zwecken und mit Beziehung auf die Umstände 
der Zeitabschnitte, denen sie augehören, beur- 
theilt werden müssen.« 

Ein öfters vorkommender Vorwurf, welchen die ultramontanen 
Gegner den englischen Kirchenmännern machen, ist, die Kirche Eng- 
lands beginne erst im 16. Jahrhundert; erst damals sei sie durch den 
despotischen Willen Heinrichs VIII. geschaffen worden ; und erst in der 
jüngsten Zeit sehen wir einen Oxforder Professor diese Theorie ver- 


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414 


J. H. Blunt. 


fechten, um hierdurch das zitternde Gebäude der irländischen Kirche 
aufzupfropfen. Wir werden nach und nach es einseben, dass diese 
Theorie nicht nur sich nicht bestätigt, sondern auch mit den ni^phternen 
Thatsachen der Geschichte im Widerspruche steht. Allein es ist wohl 
der Mühe werth, schon im Beginne zu zeigen, dass die fragliche 
Theorie, welche schon an sich unbegründet ist, eine Unwissenheit des 
englischen Charakters und des Laufes der englischen Geschichte verrät. 
Keine Nation der alten und modernen Welt ist im wahren Sinne 
des Wortes so conservativ geblieben als die englische. In allen ihren 
Revolutionen hat sie sich stets geweigert, mit der Vergangenheit za 
brechen. Stets suchte sie zu reformiren, zu erneuern, wieder aufeo- 
bauen, aber niemals zu zerstören oder irgend eine Sehne zu durch- 
schneiden, die ihre Lebenskraft mit dem vergangenen Leben verband. 
Die Ansicht, dass ein Institut, die »römische Kirche« genannt, durch 
Heinrich VIII. oder einen andern englischen Monarchen aufgehoben wurde 
und ein anderes Institut, das von dem ersten sich durch seinen Orga- 
nismus unterscheidend und »englische Kirche« genannt, geschaffen wurde, 
ist 9 um mit der Sprache der 39 Artikel zu reden, »eine leere und eitle 
Erfindung und auf kein Zeugniss gegründet.« 

Es ist einer der gewöhnlichsten Kunstgriffe der Controversen, die 
zufälligen Ursachen politischer und religiöser Bewegungen mit ihren 
wirklichen Ursachen zu verwirren. Auf diese Weise wird die Refor- 
mation zuweilen als Ausgeburt thierischer Leidenschaft gebrandmarkt 
und wird sogar mit ihrem Leben für die Gräuelthaten und Fehler, 
welche die ersten Jahre ihres zweifelhaften Ringens bezeichnen, aber 
nicht zu ihrer Essenz gehören, verantwortlich gemacht. Sogar Lord 
Macauly, welcher ein aufrichtiger Vertheidiger der Reformation war, 
konnte sich nicht zurückhalten es auszusprechen, »dass sie von einem 
Monarchen begonnen wurde, der seine Frauen hinrichten liess, von 
einem Staatsmanne fortgesetzt wurde, der seinen Bruder umbrachte, 
und von einer Königin beendigt wurde, die ihren Gast mordete.« Uns 
liegt Nichts daran, diesen Vorwurf zu widerlegen. Trotz der genialen 
Verteidigung Froudes müssen wir es frei heraussagen, dass wir keinen 
Auftritt in der Geschichte kennen, welcher empörender ist als der 
Heinrichs VIII., welcher »Mücken seigte und Kameele verschluckte.« 
Nicht dessen Roheit und Sinnlichkeit erschreckt uns, denn dieses sind 
ja unglücklicherweise die gewöhnlichsten Begleiter der despotischen 
Macht. Die Eigentümlichkeit von Heinrichs VUI. Schlechtigkeit ist 
sein aussergewöhnlicher Selbstbetrug, da er kein vollkommener, sich 
selbstbewusster Heuchler war. Er wälzte sich ungebunden in der Lust 
und im Blute, während er gleichzeitig sein Gewissen liebkoste, seine 
Milde beweinte und Menschen und Engel zu Zeugen seiner Reinheit 
aurief. Er ging zur Beichte , nahm das heilige Sacrament und verbrannte 


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The Reformation of tbe Church of England. 415 

Ketzer; er erschlug seine Frauen und heirathete seine Concubinen mit 
demselben Geschmacke des frommen Genusses. Allein oft dienen selbst 
die Verbrechen der Menschen zu höheren Zwecken, als die Verbrecher 
selbst es ahnen. Dieses scheint uns die Verbindung zwisqhen den un- 
gezaumten Leidenschaften Heinrichs VUI. und der Reformation der eng- 
lischen Kirche zu sein. Die Verbrechen Heinrichs waren nur die Ver- 
anlassung, nicht die Ursache einer Revolution, welche Jahrhunderte 
hindurch im Westen Europas gährte. Die Braut Christi hatte fast ihren 
Ursprung und ihre Mission vergessen. Ihr äusserer Wohlstand diente ihr 
als Decke für innere Corruptionen. Ihr Kleid war nach der Weissagung 
»in Gold gewirkt«, aber im Innern war sie nicht langer mehr »die 
Herrliche«. Er, den sie Oberhirt nannte, war zu geneigt, die Rolle des 
Wolfes in der Heerde zu spielen. Es gab eine Zeit, in welcher der 
heilige und würdige Anblick eines für seine Heerde flehenden römischen 
Pontifex einen Attila einschüchtern konnte oder in der aus Liebe zu 
einem andern Papst (Alexander III.) die Glieder der lombardischen Ligue 
das Auflodern ihrer Häuser und die Ruinen ihrer Familien mit ansehen 
konnten. Allein diese Zeiten waren lange dahin geschwunden, und der 
Stuhl St. Peters wurde mit einer Reihe von Päpsten besetzt , welche in 
ihren Lastern mit den schlechtesten der Cäsaren wetteifern konnten. 

Ein solcher Zustand konnte nicht für immer dauern. Der wahre 
Charakter des Papstthums in der eigenen Heimath wurde nach und nach 
den ausländischen Nationen bekannt, und Entrüstung und Verachtung 
traten an die Stelle der Verehrung und der Ehrfurcht, die man ihnen 
früher zollte. Er, der gewöhnt war, seinen Fuss auf den Nacken der 
Könige zu setzen, fand sich selbst zuweilen hinter Schloss und Riegel. 
Es gab eine Zeit, in welcher Gefängniss und Schande nur die Würde 
des Bischofs von Rom gesteigert und seine Macht vergrössert hatte; 
allein die Scham, welche nur dazu dient, die Tugend zu adeln, sind 
dem Laster schädlich. Und so trug es sich zu, dass Heinrich Vni. es 
bequem fand, mit dem Papste zu streiten; er fand seine Unterthanen, 
ja den Klerus noch mehr als die Laien, vorbereitet, das päpstliche 
Joch abzuwerfen. England hatte sich in der Thnt niemals geduldig 
den Anma8sungen des römischen Hofes unterworfen, und es wäre zu 
verwundern, hätte es dieses gethan. Nichts als der Einfluss, welchen 
die falschen Decretalen auf die Geister des westlichen Europas erlangt 
hatten, kann die ausserordentliche Bereitwilligkeit erklären, welche es 
verschiedenen Mächten Europas ermöglichte, sich von den ausgearteten 
Nachfolgern eines Leo und Gregory als Vasallen behandeln zu lassen. 
England unterwarf sich nicht so zahm als die meisten Nationen, und 
dennoch ist es jetzt, nachdem ein so grosser Zeitraum verflossen ist, 
Bchwer, es sich zu vergegenwärtigen, bis zu welchem Grade England 
im Mittelalter zu einem Leibeigenen des Vaticans herabsinken konnte. 


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416 


J. H. Blunt. 


Einige der werthvollsten Kirchenämter nahmen Männer ein, die mit der 
englischen Sprache ganz unbekannt waren; und ausser Erpressungen, 
wie z. B. des Peterspfennigs, konnte kaum ein Amt besetzt werden, 
ohne einen dem Papste bezahlten Tribut. Nicht weniger als elf Bullen 
waren zur Anstellung eines Erzbischofs nöthig, und eine jede dieser 
Bullen musste für einen sehr hohen Preis gekauft werden. 

»Ueberschaut Jemand die Linie der englischen Geschichte, so findet 
er einen fortwährenden Streit zwischen den Herrschern dieses Landes 
und den Bischöfen Roms. Die Krone und die Kirche Englands be- 
kämpften mit Standhaftigkeit das Eindringen der weltlich -kirchlichen 
Macht des Papstes in das englische Reich. Die letzte Verwerfung der- 
selben war nichts mehr als ein gelungener Versuch, nachdem so viele 
früheren misslungen waren.« 

So schrieb vor einigen Jahren ein anglikanischer Würdenträger, 
der seitdem die Waffen, welche die Kirche, in der er gross gezogen 
wurde, ihn zu gebrauchen lehrte, in zügelloser Weise gegen sie an- 
wendete. 

Es unterliegt keinem Zweifel, dass, falls auch die Frage über 
Heinrichs Ehescheidung nicht aufgetaucht wäre, es dennoch zwischen 
England und Rom bald zum Bruche gekommen wäre. Rom war nicht 
darauf vorbereitet, auch nur einen einzigen seiner Ansprüche fallen zu 
lassen; aber England war entschlossen, sie zu verwerfen. Männer, wie 
Wolsey und Sir Thomas More, die einer gemässigten Richtung huldig- 
ten, blickten als Staatsmänner in die Zukunft und bereiteten vor, auf 
constitutionellem Wege zu erlangen, was Heinrich unter dem Einflüsse 
der Leidenschaften beschleunigte. More theilte in seinem Verhöre eine 
interessante Conversation mit, welche er einige Jahre zuvor mit dem 
Könige hatte, als dieser ihm sein Buch, das er gegen Luther schrieb, 
im Manuscripte zur Begutachtung vorlegte. More rieth- dem Könige, 
gewisse Stellen , welche die übertriebenen und ungeziemenden Vorrechte 
des Papstes betrafen, zu mildern, weil möglicherweise in Bälde eine Gele- 
genheit auftauchen würde, welche »Brüche der Freundschaft und Krieg« 
zwischen dem römischen Hofe und der englischen Krone zur Folge haben 
könnte. Allein Heinrich befand sich damals auf dem Glanzpunkt seiner 
Unterwürfigkeit gegen den heiligen Stuhl ; auch war ihm seine spanische 
Braut noch nicht überdrüssig geworden; darum erwiederte er: »Mögen 
auch Hindernisse im Wege sein, so wollen wir doch, was uns anlangt, 
seine Autorität, wie es ihm geziemt, darlegen; denn von diesem Sitze 
erhielten wir zuerst den Glauben und nachher unsere königliche Krone 
und unsern Scepter« ; »was«, so setzt More spottend hinzu, »ich niemals 
hörte, bis Seine Gnaden es mir kundthaten.« 

Herr Blunt hat eine Masse Beweise gesammelt, um zu zeigen, 
dass Wolsey einen grossen Plan für die Kirchenreförmation, sowie 


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The Reformation of the Church of England. 417 

auch, sollte sich Gelegenheit dazu darbieten, für die Befreiung der 
Nationalkirche von dem römischen Stuhle im Sinne hatte. Er erwähnt 
auch einiger kuriosen Verhandlungen, welche zwischen Heinrich und 
dem Könige von Frankreich gepflogen wurden und die zum Zwecke 
hatten, die englische und gallikanische Kirche in ein grosses westliches 
Patriarchat mit Wolsey an der Spitze umzuwandeln. Allein die Flucht 
des Papstes aus der Gefangenschaft und wahrscheinlich der störende 
Einfluss nationaler Eifersucht brachten diese Verhandlungen zu Ende. 
Der grosse Cardinal scheint jedenfalls die damaligen drei schreienden 
Missbrauche Englands erkannt zu haben. Diese waren: die Anmassung 
der Kirche Roms, die Verderbtheit der Klöster und die Noth wendigkeit 
eines höher n und weitverbreiteten Erziehungssystems. Heinrich schien 
in seinen jüngern und bessern Tagen gerne auf die weitherzigen An- 
sichten und Pläne seines Ministers eingegangen zu sein. Er erhob 
Wolsey schnell zu einer Stellung , wie sie wohl kein Unterthan vor ihm 
und nach ihm eingenommen hatte. Allein der König imd sein Minister 
sahen es ein, dass eine höhere Stellung als die eines Erzbischofs von 
Geit und eines Premierministers von England nöthig sei, um die Refor- 
mation in Kirche und Staat, welche Wolsey so sehr im Herzen hatte, 
auszuführen. Die Klöster hatten ihre erste Liebe längst aufgegeben , sie 
hatten die Achtung und Ehrerbietung, die sie einst einflössten, verloren. 
Aber trotz ihrer moralischen Versunkenheit und theilweise als Folge davon 
befinden sie sich im Anfänge des 16. Jahrhunderts auf dem Zenith ihres 
zeitlichen Glückes und ihrer Macht. Zu Anfang der Regierung Heinrichs 
war der dritte Theil des englischen Bodens Eigen thum der Kirche und 
der grösste Theil dieses Vermögens befand sich in den Händen der 
Klöster. Dazu kommt noch, dass die Klöster unter keiner Aufsicht 
waren. Sie nahmen sowohl für die Kirche als für den Staat eine ge- 
fährliche unabhängige Stellung ein. Nach und nach hatten sie sich 
nicht nur von der Krone, sondern auch von der kirchlichen Gerichts- 
barkeit, unter welcher sie wohnten, befreit und sie erkannten keinen 
Vorgesetzten als den Papst an, welcher auf diese Weise eine disciplinirte 
Armee in jedem Lande Europas besass, die aus Interesse und durch 
den Eid verbunden war, seine Ansichten zu begünstigen und seine 
Macht zu erhöhen. Die Weltgeistlichen litten sogar mehr als die Laien 
von der Tyrannei und den Missbrauchen, welche aus diesen abnormen 
Zuständen hervorgingen. Jede Diözese hatte eine Anzahl religiöser 
Korporationen, die viel Land und Pfründen besassyn und sowohl von 
den Dioccsanen als dem Goovernement unabhängig waren. Obschon 
diese Korporationen oft sich gegenseitig befehdeten, so unterliesseu 
sie es doch niemals, ihre Stärke und Kriegsoperationen gegen den ge- 
meinsamen Feind zu vereinigen. Und da ihr Einfluss sich über jedes 
Dorf und jede Stadt in der Christenheit erstreckte, so können wir nicht 


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J. H. Blunt 


begreifen, wie einem Wolsey, dem eine so umfangreiche Kenntniss und 
moralische Hülfsmittel zu Gebote standen, daran liegen musste, sich 
eine Autorität zu verschaffen , welche selbst die Klöster zu achten an- 
gehalten sein sollten. Darum verlangte er die Würde und Gerichtsbar- 
keit eines Legaten a latere zu erhalten. Ob diese Idee in ihm oder 
dem Könige* reif wurde, ist unnöthig zu erforschen. Allein es steht 
fest, dass der König mehr als der Cardinal darum besorgt war, dem 
Letztem diese wichtige Macht zuzusichern. Papst Leo schlug es zuerst ab, 
aber gelegentlich willigte er ein, Wolsey zum Colegaten mit Campeggio zu 
ernennen, und dieses that er nur, weil er von dem Könige gewarnt wurde, 
dass im Verneinungsfalle das Gesetz wegen der Zulassung eines auslän- 
dischen Legaten a latere gegen Campeggio angewendet werden sollte. 
Ein Jahr darauf, als Campeggio abreiste, wurde Wolsey zum alleinigen 
Legaten auf ein Jahr ernannt. Wolsey bestand darauf, dass diese Be- 
schränkung seine Macht faktisch unnütz mache, und Campeggio unter- 
stützte Wolseys Gesuch für eine Verlängerung der Zeit, indem er hin- 
zufügte, »der englische Cardinal habe nicht seine eigenen Interessen, 
sondern die der Reformation, der Mönche und des Klerus im Auge.« 
Nach Verlauf einiger Monate gab auch der Papst in diesem Punkte 
nach. Wolseys Legatenmacht wurde auf drei Jahre ausgedehnt. Heinrich 
richtete sogleich ein warmes Dankschreiben an den Papst , worin er be- 
merkte , es wäre ihm angenehmer gewesen , Wolseys Legatenmacht auf 
unbestimmte Zeit verlängert zu sehen, da er in einem solchen Falle 
viel strenger hätte einschreiten können , um die Reformation des Klerns 
zu erzielen. Als der Papst den Brief Heinrichs erhielt, verlängerte er 
die Legatnr Wolseys um zwei Jahre mehr, und iu der Bulle, welche 
er bei dieser Gelegenheit ausgab, sagt er ausdrücklich, diese Concession 
sei nur gemacht worden »intercessione etiam praefati Henri ci Regis.« 
Der Nachfolger, Adrian VI., verlängerte die Legatengewalt Wolseys 
noch auf weitere Frist, und diese wurde unter Clemens VII. auf die 
Zeit seiner Lebensdauer ausgedehnt. 

Bewaffnet mit dieser Macht ging Wolsey sogleich an das grossartige 
Reformsystem, worüber er so lange nachgedacht hatte. Es war sein 
Plan, eine Anzahl der Klöster zu unterdrücken und deren Stiftungen 
für das Erziehungswesen zu verwenden. Die Christuskirche (d. h. das 
Christuscolleg zu Oxford) ist bloss ein Fragment seines grossen Entwurfs. 
Nach seiner Absicht sollte dieses Collegium eine Universität in der Uni- 
versität sein, es sollte Filialcollegien für die verschiedenen Theile des 
Landes in sich vereinigen. In London sollte ein grosses Collegium sein, 
wo das kanonische und Civilrecht so ausschliesslich, wie diess hinsicht- 
lich der Mathematik in Cambridge der Fall sei, studirt werden. Die 
medicinischen Collegien sind ebenfalls seine Schöpfungen , und er wollte 
auch ein Collegium zu Ipsvich errichten, welches in demselben Ver- 


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The Reformatio^ of tlie Church of England. 419 

hältnisse zur Christuskirche stehen sollte , wie das Winchester-Collegium 
zum New College steht. Ferner stiftete er sieben Professuren zu Oxford 
und ergriff Mittel, dass der Bibelauslegung eine systematischere und 
ausgedehntere Aufmerksamkeit zugewendet wurde. 

Wolsey’s Fall vereitelte einen der edelsten und umfassendsten Re- 
formpläne, den je ein Staatsmann im Sinne hatte. Falls auch die 
Ungnade, in die der Cardinal fiel, insofern diese seine eigene Person 
betraf, als wohl verdient betrachtet werden konnte, so war es doch auf 
der andern Seite als ein nationales Unglück zu betrachten. Allein hatte 
Wolsey diese Ungnade verdient? Wir haben Froudes Bericht über 
diesen Gegenstand genau untersucht und wir müssen es aussprechen, 
dass der Versuch, Heinrich in diesem Falle zu entschuldigen, einer der 
weniger geschickten Versuche seiner Vertheidigungsgabe ist. Er hat in 
That eine grosse Hochachtung für Wolsey und er würde ihn gerne 
erheben, wäre nicht Heinrich im Wege. Allein Heinrich muss per fas 
et nefas aufrechterhalten werden, und wenn cs sich um Heinrich und 
Wolsey handelt, so muss der Letztere die Schuld daran tragen. Herr 
Froude behauptet, Wolsey hätte durch die Annahme der Stelle eines 
Legaten a latere die Strafe des Praemunire verdient ; allein er ist nicht 
im Stande, dieselbe zu rechtfertigen 

Es ist uns unmöglich, Herrn Blunts interessanten Bericht über 
Wolsey 8 heiligen und exemplarischen Lebenswandel, welchen er in 
seiner Zurückgezogenheit führte, weiter zu verfolgen. Ein gewaltiger 
Schmerz war es für ihn , die grossartige Stiftung der Universität Oxford 
und die der Professuren vernichtet zu sehen. Am 29. November 1530 starb 
er, kaum 60 Jahre alt, gebrochenen Herzens in der Abtei zu Leicester. 
Herr Blunt widerlegt einige Verläumdungen, die dem Charakter Wolseys 
angedichtet wurden. Dass seine Laufbahn als Staatsminister tadellos 
gewesen, möchten wir kaum behaupten. Ohne uns über andere Dinge 
anszusprechen , glauben wir es sagen zu müssen, dass er, als die Ehe- 
scheidungsfrage in ihren ernsten Stadien war, den schuldhaften Schritt 
geschehen liess, welchen er in seinem Gewissen verdammen musste. 
Ohne Zweifel that er dieses in der Hoffnung, hierdurch den König im 
Zaume zu halten, und auch aus dem Grunde, um seinen Einfluss über den 
König sich zu erhalten. Denn dieses war zur Ausführung seines Reform- 
systems nöthig. Die Folge muss ihm die Gefahr einer solchen Spielerei, 
die zwar einem edeln Zwecke dienen sollte, mit bitterem Nachdrucke 
gelehrt haben. Zieht man aber die Zeit, in der er lebte, die Beispiele, 
welche er vor sich hatte, und die damals vorherrschenden Ansichten 
über Moralität in Betracht, so muss Wolsey dennoch nicht nur für 
einen der grössten englischen Staatsmänner , sondern auch für einen der 
grössten englischen Patrioten erklärt werden. 

Man möchte glauben, dass durch das Opfer Wolseys das Ansehen 


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J. H. Bluntj. 

des Gesetzes genügend vertheidigt worden wäre. Allein das weiche 
Gewissen Heinrichs war noch immer betrübt. Er sehnte sich nach 
einer grossem Genugthuung und er verschaffte sich, wie er dieses 
gewohnt war, eine stellvertretende Genugthuung. Er war ein äusserst 
Frommgläubiger in dem Sacramente der Busse. Seine kleinen Sünden 
beichtete er mit der andächtigsten Salbung und legte zugleich einem 
oder mehreren seiner Unterthanen eine schwere Busse auf. Mit einer 
ihm eigenen Genialität ersann er es, selbst die Sünde zu geniessen, und 
liess seine Unterthanen dafür Busse thun. Andere Busser wurden durch 
die »Anmuth der Heiligkeit« zur Heiligkeit geführt. Heinrich wurde 
stets durch die Fleisches- und Augenlust zur Busse geführt. In der 
ehebrecherischen Umarmung Anna Boleyns erwachte er zu seiner sünd- 
haften Verheirathung mit Catharina und seine gerechte Seele fing an 
über die Sinnlichkeit der Mönche betrübt zu sein , als er eine Gelegen- 
heit fand, sich durch die Aneignung ihrer Reichthümer einen Dienst 
zu erweisen. Dieselbe Biegsamkeit des Gewissens war es, welche ihn 
nicht eher zur Ruhe kommen liess, als bis er für Wolsey die Legaten- 
autorität erlangt hatte ; er sanctionirte die Ausübung derselben so lange, 
als er Nutzen daraus ziehen konnte. Allein von dem Augenblicke an, 
als dieselbe aufhörte ihm nützlich zu sein und er Aussicht hatte, dass 
die Unterdrückung derselben ihm zu gute kommen könnte, da fing 
sein Gewissen an, ihn wegen der von ihm übertretenen Gesetze zu 
stacheln, und er beschloss die Stimme der Gerechtigkeit mit einem 
Opfer zu beruhigen. Wolsey musste, um das königliche Gewissen zu 
beruhigen und um den königlichen Schatz zu füllen, untergehen; und 
sogar nachher findet der König sich nicht in der Lage, »jeden Zweifel 
und Gewissensbiss« los zu werden. Das Urtheil der Verweser verhängte 
nicht nur die Todesstrafe über die Hauptverbrecher, sondern dehnte sie 
auch auf deren Notare , Procuratoren u. s. w. aus. Es hatte darum den 
Anschein, als hätte die ganze Nation die Strafen der Confiscation ver- 
dient und sei darum mit Leben und Vermögen dafür verantwortlich. 
Und in der Tliat verweigerte der König einige Tage lang die Gewäh- 
rung der unterthänigen Bitte seiner treuen Commons (Glieder des Unter- 
hauses), die mehr in der Weise morgenländischer Sklaven als freigeborner 
Engländer um die königliche Begnadigung nachsuchten. Zuletzt waren 
Seine Majestät so gütig, den Gnadenact zu vollziehen, und die »betrübten 
und büssenden Commons« erwiederten ihm ihren unterthänigsten Dank. 

Allein die Geistlichkeit kam nicht so leicht los. Es wäre absurd 
gewesen, die Strafe der Statute über die ganze Natiou zu verhängen; 
allein es mochte sicherer scheinen, dieselbe theilweise dem Klerus auf- 
zubürden. So wurden denn die Geistlichen beider Provinzen an der 
••King’s Bench« wegen der Ucbcrtretung des Statutes der Verweser 
angeklagt. Der Klerus wusste wohl, mit wem er es zu thun hatte, und 


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The Reformation of the Church of England. 


421 


bevor der Tag der Verhandlung herankam, verstanden sich die Con- 
vocationen von Canterbury und York zu einem Vergleiche. Sie gaben 
ihre Zustimmung , die königliche Gnade zu erkaufen. Canterbury musste 
L*. 100,044. 8 S. 8d. und York L. 18,840. 10 d. (nach Blunt’s Berechnung 
war diese Summe gleich ein und ein halb Millionen der gegenwärtigen 
Währung) zahlen. Zur Zahlung dieser willkürlichen Strafe für ein er- 
sonnenes Verbrechen gestattete der König eine Frist von fünf Jahren. 

Heinrich wünschte die Obergewalt , welche er dem Papste versagte, 
auf sich zu übertragen, und aus dieser Absicht führte er eine Aenderung 
des königlichen Titels ein. Man sagt, Cranmer habe dem Könige diesen 
Kunstgriff angerathen , und diese Handlung gleicht einer That der gewis- 
senlosesten Geistlichen, die je in England zu einer hohen Stellung ge- 
langten. Der Zusatz, welchen Heinrich dem herkömmlichen Königstitel 
anfügen wollte, war : »Der König allein ist Beschützer und oberstes Haupt 
der englischen Kirche und deren Geistlichkeit.« 

Die Convocation von Canterbury brachte einige Tage mit der Dis- 
cussion dieser Frage zu und verweigerte zuletzt ihre Zustimmung. Sie 
verwarfen diesen Titel wegen seiner Profanität, da nur Christus allein 
rechtmässig »der alleinige Beschützer und das oberste Haupt der eng- 
lischen Kirche und deren Klerus« genannt werden könne. ’Es ist, im 
Vorbeigehen gesagt, bemerkenswerth, dass sie es vorwis- 
sentlich v^mieden haben, für die Ansicht zu Gunsten 
der päpstlichen Suprematy sich auszusprechen. Selbst die 
Covenanters (die schottischen Verbündeten zur Zeit Carls I.) konnten 
die alleinige Oberhäuptlichkeit Christi nicht besser befürworten , als der 
englische Klerus zu jener Zeit es gethan. Ein anderer Grund für die 
Verwerfung des königlichen Vorschlages Seitens der Convocation war, 
dass dieser Titel so absolut und vielsagend sei, um die gefährlichste 
Anwendung zuzulassen; auch könnte er später irgend einer Usurpation 
zur Hülle dienen. Der König pflichtete dem Einwurfe derselben wegen 
Profanität so weit bei, dass er in dem verbesserten Titel die Worte 
»nach Gott« einzuschalten bewilligte. Der Titel sollte dann lauten: 
»Ecclesiae et Cleri Anglicani cujus Protector et Supremum Caput, post 
Deiun, is solus est.« Allein auch diese Verbesserung wurde nicht als 
genügend angesehen, weil dem Könige hiedurch eine Hinterthüre für 
die Beanspruchung der geistlichen Autorität offen gelassen würde. Um 
nun die Zustimmung der Convocation zu erlangen, versprach er, von 
diesem Titel nur als Ehrenbezeichnung Gebrauch zu machen, und dass 
er niemals eine Macht und Gerichtbarköit beanspruchen wolle, welche 
nicht auch seine Vorgänger schon ausgeübt hätten. Und als auch diese 
Erklärung den Klerus nicht befriedigte , autorisirte er den Primas War- 
ham, den folgenden Vermittlungsvorschlag zu machen: »Wir erkennen 
»Se. Majestät als den alleinigen Beschützer, den einzigen höchsten 


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422 


J. H. Blunt. 


»Verwalter und insofern das Gesetz Christi es erlaubt (quantum per 
»Christi legem licet) als das Oberhaupt der englischen Kirche an.« 

Fischer, der in der Convocation grossen Einfluss ausübte, erklärte 
sich bereit, die Vorlage mit der Beschränkung, dass der König verspreche, 
die Macht seiner Vorgänger nicht zu überschreiten, anznnehmen. Darüber 
wurde der König so aufgebracht, dass er eine unbedingte Annahme desTitek 
ohne jegliche Modification desselben verlangte. Die Convocation beharrte 
indessen auf ihrem Beschlüsse und der König musste es sich gefallen 
lassen, dass sein neuer Titel mit der Clausel »quantum per Christ* 
legem licet« von der Convocation angenommen wurde (Febr. 11 1531). 
Zwei Monate später wurde dieser Titel auch von der Convocation der 
nördlichen Provinz angenommen, jedoch fügte Tunstal, Bischof von 
Durham, der, weil der Erzbischofssitz von York unbesetzt war, das 
Präsidium führte, einen bemerkenswerthen Protest bei, den der König 
sehr geschickt beantwortete 

Die Art und Weise , wie die königliche Supremacy damals ausgeiegt 
wurde, ist nicht mehr als diejenige Supremacy, welche Paulus den heid- 
nischen Kaisern zugestanden hatte und welchen Titel auch die Regenten 
des Mittelalters von ihren geistlichen Unterthanen beanspruchten und er- 
hielten. Herr Blunt citirt eine Stelle aus Bischof Gardiners Buch »de vera 
Obeddientia« , welche sagt, das9 durch die Erklärung, der König sei das 
oberste Haupt, nichts Neues eingeführt worden sei; die BiAhöfe, der Adel 
und der Klerus von England hätten nur beschlossen, dass das Ansehen, 
welches nach dem Rechte Gottes ihrem Prinzen zukäme , durch die An- 
nahme eines nachdrücklichen Ausdruckes deutlicher hervorgehoben werden 
sollte. Und sogar Tunstal, dem zwar die Form, in welcher die Lehre der 
königlichen Supremacy definirt wurde, nicht zusagte, verfasste dennoch eine 
kräftige Verteidigungsschrift über diese Lehre, worin er zugleich die 
päpstliche Supremacy, weil sie der Schrift und dem alten Herkomvnon 
zuwider sei, verdammte. Dieses ist um so wichtiger, da Tunstal und 
Gardiner in allen theologischen Fragen einen Standpunkt einnahmen, 
den man jetzt streng römisch-katholisch nennen würde; ja Bonner, der 
ebenfalls die königliche Supremacy schriftlich verteidigte , würde heut- 
zutage als das Specimen eines extremen Papisten gelten. Dazu kommt 
noch die Thatsachc, dass das Gesetz der königlichen Supremacy im 
Jahre 1534 von dem Oberhause, worin die geistlichen Lords die Majorität 
bildeten, allseitig angenommen wurde. Man vergesse nicht, dass diese 
Bischöfe und Aebte alle Katoliken waren, die mit dem Papste in Ge- 
meinschaft standen. Römisch-katholische Controversialisten 
sollten dieses nicht vergessen, wenn sie über englische 
Kirchenmänner hinsichtlich der königlichen Supremacy 
sticheln. Die Supremacy ist in der Gegenwart sowohl in der Praxis 
als in der Theorie nicht so bindend oder drückend, als in den Tagen, 


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The Reformation of the Church of England. 


423 


da sie von dem Parlamente, von der Convocation und der englischen 
Kirche (ehe dieselbe vom römischen Stuhle getrennt war) angenommen 
wurde. 

Dass Heinrich schon damals, als er diesen Titel annahm, die Ehe- 
scheidung mit Catharina im Sinne hatte, ist sehr wahrscheinlich. Allein 
wir müssen, um ihm gerecht zu werden, eingedenk sein, dass die 
Zeitumstande es erwünscht, ja absolut nothwendig machten, dass die 
bestehenden Verhältnisse der Geistlichkeit zur Krone einer Revision 
unterworfen würden. Dem englischen Klerus war es im Verlaufe von 
Jahrhunderten gelungen, sich bis zu einem gefährlichen Grade der 
bürgerlichen Gerichtsbarkeit zu entziehen, und dazu kam noch, dass 
ihnen die Selbstbesteuerung überlassen war und sie auch den Laien 
noch Strafgelder und sonstige Erpressungen auflegen konnten .... 

Es ist eine bemerkenswerthe Thatsache, obschon sie gewöhnlich 
unbeachtet gelassen wird, dass der erste Vorschlag für die Abwerfung 
der päpstlichen Supremacy von dem englischen Klerus ausgegangen ist. 
Im Jahre 1531 petitionirte die in der Convocation versammelte Geist- 
lichkeit bei dem König, die Annaten (eine von den vielen Erpressungen, 
womit der Papst den englischen Klerus drückte) abzuschaffen ; falls aber 
der Papst einen Process einleiten sollte, um dieses Recht wieder zu 
erlangen, so riethen sie dem Könige, im gegenwärtigen Parlamente es 
anordnen zu lassen, dass sowohl der König als sein Volk dem römischen 
Stuhle ihren Gehorsam versagen sollten , da ja in einem ähnlichen Falle 
der König von Frankreich und dessen Unterthanen dem Papste Bene- 
dictus XIÜ. ihren Gehorsam verweigert hätten. 

Ein auf dieser Bitte beruhender Gesetzesentwurf der Convocation 
erhielt die Zustimmung des Parlaments. Einige der ausserordentlichen 
Erpressungen des Papstes wurden auf diese Weise abgeschaflft; allein 
man verlangte durchaus keinen Bruch mit dem römischen Hofe und es 
wurde darum die Vorkehrung getroffen, dass ein jeder Bischof an den 
Papst 5 Procent seines Einkommens im ersten Jahre seiner Amtsdauer 
entrichten sollte. Das Parlament ermächtigte den König, mit dem 
Papste irgend eine billige Ausgleichung einzugehen; falls derselbe aber 
eigensinnig sein sollte und seine Ansprüche durch Excommunication 
und Interdict durchsetzen wollte, so sei ihm einfach zu erklären, man 
würde derartigen Bannstrahlen keine Aufmerksamkeit schenken. 

Die vollständige Verwerfung der päpstlichen Supremacy in England 
geschah im Jahre 1584. Die Frage ging den beiden Universitäten und 
den Convocationen beider Provinzen zur Beschliessung zu. Die Convo- 
cation von Canterbury erklärte den 31. März 1534 und die von York 
den 5. Mai desselben Jahres: »dass dem Bischof von Rom von Gott 
keine ausgedehntere Gerichtsbarkeit über England, als jedem andern 
auswärtigen Bischöfe verliehen worden sei.« Diese amtliche Erklärung 


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424 


J. H. Blunt. 


erhielt die allgemeine Zustimmung der Geistlichkeit des ganzen König- 
reichs mit Einschluss der Klöster. Wharton, den Blunt anführt, be- 
zeugt, er wisse es bestimmt, dass alle Bischöfe, Capitulare, Klöster, 
College, Hospitäler u. s. w. Englands ihre schriftliche Zustimmung znr 
Abschaffung der päpstlichen Supremacy eingabcn. Und ganz besonders 
nöthig ist zu beachteu, dass, obwohl die englische Kirche die Usurpation 
Roms ab warf, sie zu gleicher Zeit dafür besorgt war, die Erklärung 
abzugeben , »sie werde in solchen Dingen , welche die Artikel des katho- 
»lischen Glaubens der Christenheit beträfen, nicht von der christlichen 
»Gemeinde abweichen.« Diese Erklärung dürfte wohl hinreichend sein, 
um den in gewissen Kreisen zirkulirenden Irrthum, die Reformation 
hätte nur die Zerstörung der einen und die Bildung einer andern Kirche 
zum Zwecke gehabt , zu beseitigen. Keine Periode der englischen Kirche 
bietet auch nur den geringsten Anhaltspunkt zu einer solchen Vermuthung. 
Es gab in England eine Kirche Jahrhunderte, bevor der Papst eine 
Supremacy über dieselbe beanspruchte, und diese Kirche emancipiite 
sich in dem 16. Jahrhunderte von dem Sklavenjoche , das der römische 
Hof aus verschiedenen Ursachen ihr aufzulegen strebte. Das ist der 
einfache Bericht dieser Thatsache und jede andere Darstellung derselben 
gehört nicht dem Gebiete der Geschichte, sondern dem der Romantik 
an. Dr. Tait ist der 93. Prälat, der die ununterbrochene Linie des Primas- 
thrones zu Canterbury füllt. 

Im Jahre 1536 publicirte die Convocation auf Befehl des Königs 
10 Religionsartikel, die in dem folgenden Jahre in dem wohlbekannten 
Buche »Instruction of a Christian Man« erklärt wurden. Letzteres war 
das Werk einer königlichen Commission , die, wie die Einleitung besagt, 
eingesetzt wurde , um die heil. Schrift zu lehren und zu lesen u. s. w. 

Die Commission bestand aus 40 Mitgliedern, aus allen Bisehöfen, 
8 Erzdiaconen und 17 andern Doctoren der Theologie. Wir finden hier 
Männer von verschiedenen Richtungen harmonisch zusammen arbeitend; 
der Primas Cranmer, Gardiner, Bischof von Winchester, Latimer, Bischof 
von Worcester, und Bonner, Bischof von Leicester, Unterzeichneten ein 
und dasselbe Glaubensbekenntniss ; die englische Kirche hat seitdem kein 
solches Zusammenwirken ihrer grössten Theologen aufzuweisen. 

Allein wie kommt es, dass Gardiner, Bonner und andere Glieder 
des Episcopates, die damals so kühn waren, die Usurpation Roms abzu- 
weisen und die christliche Religion von den im Laufe der Zeit immer mehr 
sich anhäufenden Corruptionen zu befreien suchten, nach Verlauf einiger 
Jahre in einem tödtlichen Streite für Rom thätig waren, ja alle ihre 
Kräfte auf boten, um ihr früheres Werk zu zerstören? Wir glauben 
eine Erklärung dieses eigentümlichen Benehmens in den folgenden 
Thatsachen zu finden: 

.Als Heinrich im Jahre 1538 inne wurde, dass seine Ehescheidung 


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The Reformation of the Church of England. 425 

von Catharina und seine Stellung gegen das Papstthum ihn von den 
katholischeu Mächten Europas isolirt hatte, so trachtete er darnach, 
eine Allianz mit den der Reformation zugeneigten deutschen Fürsten zu 
schliessen, um sich gegen eine Invasion sicher zu stellen. Es war aus 
diesem Grunde, dass er eine Conferenz zusammenberief, die aus den 
berühmtesten Theologen Deutschlands und Englands zusammengesetzt 
war. Cranmer führte den Vorsitz und selbst der König betheiligte sich 
an den Verhandlungen. Bis sie zu den Sacramenten kamen, ging Alles 
ungestört von Statten; allein bei diesem Punkte kam es zu Meinungs- 
verschiedenheiten, die zur Abbrechung der Verhandlungen führten. Aber 
dieses war nicht das alleinige Resultat. Die Kenntniss, welche der 
König hierdurch vo.i den dogmatischen Ansichten der deutschen Refor- 
matoren erlangte, schien ihn überzeugt zu haben, dass das Buch *the 
Institution of a Christian Man« die Sacramentenlehre der englischen 
Kirche nicht genügend dargelegt hatte, weswegen er keine Zeit ver- 
lieren wollte, um diese Lücke auszufttllen. Es geschah dieses in seinem 
Gesetze für die Beseitigung der Meinungsverschiedenheit in gewissen 
Glaubensartikeln. Dieses Gesetz bestand aus 7 Artikeln, welche aus 
folgenden Dogmen begünstigten: Transsubstantiatiou in der schroffsten 
Form , die Communion unter einer Gestalt, der Cölibat des Klerus u. s. w. 
Die Verordnung fügt noch bei, das Parlament zollte Sr. Majestät grossen 
Dank dafür, dass Alle die, welche die Transsubstantiationslehre nicht 
annehmen, verbrannt werden sollten u. s. w. Auch Cranmer gab seine 

Zustimmung Unter Edward VI. wurden diese C Artikel 

wiederum abgeschafft und als unter Maria das Unterhaus sie wiederum 
einführen wollte, bekämpfte das von den Bischöfen geleitete Oberhaus 
diesen Versuch. 

Das Buch »Institution of a Christian Man« fand allgemeinen Beifall; 
aber die 6 Artikel erweckten ein bitteres Gefühl und trieben mehrere 
Personen nach dem Continente, die unter der folgenden Regierung mit 
dem Entschlüsse heimkehrten , keine Mühe zu sparen , um die englische 
Reformation dem continentalen Protestantismus anzunähern. Cranmer 
nahm unter dem Einflüsse des jungen Königs einen andern Standpunkt 
ein und begann die Ketzer des neuen Regimentes mit derselben Gefühl- 
losigkeit zu verbrennen, wie er es mit denen unter der frühem Regie- 
rung gethan hatte. 

Es ist eine Thatsache, dass die Leitung der englischen Kirchen- 
reformation unter Edward VI. in andere Hände überging. Calvin , Peter 
Martyr und Martin Rpcer waren ihre leitenden Geister. Dieses Ver- 
fahren hatte zur Folge, dass Solche, welche die wirklichen National- 
reformatoren waren, in die römische Kirche zurückgetrieben wurden. 
Die Männer, welche die englische Kirche von dem Joche Roms befreit 
hatten und die vermittelst ihres umsichtigen Verfahrens die Nation in 

Vierteljahrsschrift. IV. 3. 28 


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426 J. H. Blunt. The Reformation of the Church of England. 

ihrer stufenartigen Reinigung der Kirche mit sich fortführten , waren 
durch diesen plötzlichen Umschwung der Verhältnisse geängstigt und 
wiederum in die Arme der katholischen Kirche zurückgeworfen. Und 
von da an begann der Meinungsstreit , welcher jetzt die englische Kirche 
zu zerstückeln droht. *) 


*) Wir haben diese Rccension, welche am 27. März 1869 in der Time* 
erschien, utisern Lesern mitlheilen wollen, weil sie über die englische 
Kirchenreformation Licht verbreitet. Der Recensent scheint aber, wie cs 
der Schluss, den wir deshalb weglassen, beweist, seine Recension so 
zugespilzt zu haben, um für die heutige anglikanische Rilualistenpartei 
einen historischen Boden zu finden. H. 


Science and the Gospel 

or the Church and the Nations a Series of Essays 
on great Catholic questions. 

London, Macrailan & Co. 1870. S. 591. 

Wer muss sich nicht freuen, wenn in der Gegenwart, wo das Secten- 
wesen täglich mehr und mehr um sich greift, auch Schritte geschehen, 
um zwischen den verschiedenen religiösen Körperschaften den Geist der 
gegenseitigen Toleranz zu kultiviren ! Es ist zwar dieses nicht der erste 
Versuch. Die »evangelische Alliance« , welche auch in Deutschland und 
andern Ländern des Continents Anklang gefunden hat, ist seit einer 
Reihe von Jahren in thätiger Wirksamkeit; sie hat jedenfalls ihr 
Möglichstes gethan, um eine Annäherung zwischen den verschiedenen 
christlichen Confessionen zu erzielen. Neben dieser Alliance tritt jetzt 
die im Jahr 1866 zu Manchester gestiftete »Anglican and International 
Christian Moral Science Association« auf, die aber kein bestimmtes 
Glaubensbekenntniss aufstellt, sondern einfach die in allen evange- 
lischen Confessionen anerkannten Centraldogmen, ohne diese hinläng- 
lich zu definiren, als Grundlage anerkennt. »Das Aufblühen eines 
unächten Rationalismus, das Vorherrschen ritualistischer Tendenzen, 
der niedere Standpunkt der commerciellen und allgemeinen Moral t 
das Fortdauern sectirischer Entfremdung, die weitverbreitete und tief- 
gehende Unwissenheit, die grässlichen Wirkungen eines besitzergreifen- 
den Neides unter den Bekennern des Christenthums, wie derselbe sieb 
in dem traurigen Anblicke des Pauperismus und der Irreligiosität, in 
dem Laster und Verbrechen, in den Krankheiten und frühen Todesfällen 
im Heimatslande, sowie in dem Uebermasse des Aberglaubens, Unglaubens 


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Science and tbo Gospel. 


427 


und Heidenthums auswärts, berechtigen das christliche Volk zum ernsten 
Nachforschen, ob, während sie dankbar gegen Gott sind für Alles, was 
durch die rcspectiven Kirchen geleistet wurde, sie sich nicht zu einer 
allgemeinen Berathschlagung vereinigen wollen, um mit den ihnen zu 
Gebote stehenden reichhaltigen Mitteln diesen Iticsenübeln entgegen- 
zuarbeiten, damit ein grösserer Segen Gottes sowohl auf dieses Reich 
als auf die ganze Welt herabkomme.« 

Warum soll es, sagt der Prospectus, uns nicht möglich werden, 
einen Congress zu veranstalten, der sich mit der Besprechung der fol- 
genden Gegenstände zu beschäftigen hätte: »Die heil. Schrift, evangelischer 
Gottesdienst, christliche Ethik, katholische Institutionen, gründliche 
Gelehrsamkeit und apostolische Financen, als Quelle, Stärke, Richt- 
schnur, Siegel und Mittel der moralischen Wissenschaft.« * 

Der vorliegende Band, welcher aus mehreren Preisessays besteht, 
soll w T ohl das Glaubensbekenntuiss dieser Gesellschaft enthalten. Vier 
Geistliche lieferten die vier Abhandlungen: ein Anglikaner, ein schottischer 
Presbyterianer, ein Congregationalist und ein Baptist. Herausgeber des 
ganzen Bandes ist ein Weslianer. Die erste Abhandlung, »die sichtbare 
Kirche«, S. 1—241, zeigt uns ziemlich klar, dass die neue Gesellschaft 
ihre eigenen Ansichten über Katholicität und Kirchenregiment hat. — 
Deisten, Unitarier und Katholiken können nicht Mitglieder der Gesell- 
schaft werden. Alle, die beitreten wollen, müssen das reine und 
inspirirte Wort Gottes als Grundlage der christlichen 
Wahrheit und als einzige Glaubensregel anerkennen. 
Das heisst freilich ein ziemlich weites Thor öffnen, und der Verf. bekennt 
es S. 193 selbst, dass unter gewissen Umstanden eine engere Grundlage 
hätte adoptirt werden können, nämlich: »das Bekenntniss eines allge- 
meinen Glaubens in den beiden (actas) Gebräuchen der Kirche des Neuen 
Testamentes als Symbole der grossen und heilsvollcn Lehren der heiligen 
Schrift: wir meinen die Taufe und das Nachtmahl des Herrn.« Sehen 
wir weiter, welche Stellung der Verfasser, der doch als Apologet für 
die Gesellschaft auftritt, zu den Glaubensbekenntnissen einnimmt ! S. 199 
sagt er: Das Apostolische Glaubensbekenntniss sei zwar kurz und ein- 
fach, aber dem Zwecke der Gesellschaft nicht zusagend, weil es die 
ewige Sohnschaft Christi und dessen Gleichheit mit dem Vater nicht 
deutlich genug hervorhebe. Aber auch das nicäische Symbolum sei 
ungenügend, weil es die Lehre über den heiligen Geist nicht klar dar- 
lege. Dagegen hält er dafür, dass die Gesellschaft wohl das Constan- 
tinopolitanische Bekenntniss adoptiren könne. Dazu müsste aber noch 
die Augustinische Lehre von der freien Gnade und die lutherische Lehre 
vom Glauben gefügt werden! 

Wir haben hier zur Genüge den Standpunkt der neuen Gesellschaft 
bezeichnet. Es wäre in der That besser gewesen, wenn dieses neue 

28 * 


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428 


Science and the Gospel. 


Institut sich darauf beschränkt hätte, gegen die ungläubigen Richtungen 
zu operiren , und dazu würden gewiss Glieder aller christlichen Bekennt- 
nisse wohl gerne die Hände geboten haben. Statt dessen erhalten wir 
aber in dem ersten und zweiten Essay eine sehr einseitige Polemik, die 
wir lieber vermisst hätten. Die beste Abhandlung des vorliegenden 
Bandes ist die von S. 245—449 gehende, worin die Frage »Was ist die 
christliche moralische Wissenschaft?« eingehend und wissenschaftlich 
behandelt ist. Schliesslich können wir nur unser tiefes Bedauern ans- 
drücken, dass in einem Werke, welches ein christlicher Geist durch- 
zieht, es nicht vermieden wurde, Punkte zur Sprache zu bringen, denen 
selbst weitherzige Theologen ihre Zustimmung versagen müssen. 

H. 


St. Faul’s Epistle to the Philippians. 

A Revised Text, with Introduction , Notes and Dissertations. 
By J. B. Lightfoot D. D. 

Macmillan. 1869. 

Sehr oft sind die in England erscheinenden Commentare nur Aus- 
züge deutscher Werke! In den letzten Jahren hat aber in dieser 
Hinsicht ein Umschwung stattgefunden. Auch Dr. Lightfoot ist denen 
beizuzählen, die zwar die Ergebnisse deutscher Wissenschaft verwerthen, 
aber sich nicht völlig von denselben ins Schlepptau nehmen lassen. 
Jede Seite dieses Werkes beweist, dass dessen Verfasser sich als selbst- 
ständiger ruhiger Forscher bewährt. Es thut uns leid , für jetzt nicht 
in der Lage zu sein, der Besprechung dieses Buches einen grössern 
Raum zu gewähren. Wir wollten nur die Aufmerksamkeit deutscher 
Theologen auf ein Buch lenken, das es wohl verdient, in Deutschland 
näher bekannt zu werden. H. 


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Bibliographie 

englisch-theologischer Schriften 

aus dem Jahre 1870. 


I. Einleitungswissenschaft. 

The Recovery of Jerusalem. An Account of the ancient Excavations and 
Discoveries by Captain Warren and Captain Wilson. (Bentley. 
21 sh.) 

Sinai and Jerusalem; or Scenes from Bible Lands. By the Rev. F. W. 

Holland M. A. (Soc. for Promoting Christian Knowledge. 7 sh. G d.) 
Damascus, Palmyra and Libanon, with Travels among the Cities of 
Bashan and the Hauran. By Rev. J. L. Porter. (J. Murray. 7 sh. 6 d.) 
The Missionary in Asia Minor .... and illustrations of Biblical Lite- 
rature and Arcbaeology. By II. van Lennep D. D. (J. Murray. 
2 Vols. 21 sh.) 

Heroes of Hebrew Ilistory by Samuel Wi Iber force I). D. , Bishop of 
Winchester. (Strahau. 9 sh.) 

Kitto’s Cyclopaedia of Biblical Literature. Edited by W. L. Alexander 
D. D. (Edinburgh, Adam. 3 Vols. 54 sh.) 

The Bible Word-Book. A Glossary of Old English Bible Words. By 
J. E. Wood and W. A.. Wright M. A. (Macmülan. 5 sh. 6 d.) 

A Handy Dictionary of the Holy Bible etc. By the Rev. W. Gurney 
A. M. (T egg. 6 sh.) 

Origines Hexaplorum quae supersunt etc. Edit. F. Field M. A. Tom. II. 

Fascicil. III. 4. (Macmillan. 13 sh.) 

Keil’s Introduction to Old Testament. (Clark. 10 sh. 6 d.) 

An Introduction to the Study of the four Gospels. By Canon Wcst- 
cott. (Macmillan. 10 sh.) 

History of the Canon of the New Testament. By Canon Westcott. 
(Macmillan. 10 sh.) 

A Treatise on the Grammar of New Testament Greek. By Dr. G. B. W i n e r. 

Translated by Rev. W. F. Moulton M. A. (Clark/ 15 sh.) 
Bleek’s Introduction to New Testament. Vol. II. (Clark. 10 sh. 6 d.) 
A Harmony of the four Gospels. By E. Robinson D. D. (Rel. Tract. 
Society. 3 sh.) 


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430 Bibliographie englisch-theologischer Schriften. 

The Cambridge Paragraph Bible of the Authorised English Version, 
with the Text Revised by a Collation of its early and otber Prin- 
cipal Editions etc. By the Rev. F. II. Scrivener M. A. (Riving- 
tons. Vol. I. 4. 15 sh.) 

Essays on the Pentateuch by the Lord Bishop of Carlisle. (London, 
Bell. 5 sh.) 

Notes on the Proposcd Amendment of the Authorised Version by Pro- 
fessor Selwyn. (Bell. 1 sh. 6 d.) 

Biblical Studies by E. II. Plumptre M. A., Professor of Divinity Kings 
College London. (Strahan. 7 sh. 6 d.) 

The Week of Creation or the Cosmogeny of Genesis considered in its 
relation to modern Science. By G. Warington. (Macmillan. 
4 sh. 6 d.) 

Darwinism — The Noachiau Flood. By F. R. Stebbing. (MacmiUan. 
1 sh.) 

The Claims of the Bible and of Science, by Professor F. D. Maurice. 
(Macmillan. 4 sh. 6 d.) 

English Biblical Criticism and the Authorship of the Pentateuch from 
a German point of view. By J. M. Arnold B. D. (Longmans. 5 sh) 

The Koran and the Bible. By J. M. Arnold. (Longmans. 6 sh.) 

The Continuity of Scripture. By W. Page, Lord Ilatherlcy, Lord 
High Chancellor of Englaud. (J. Murray. 2 sh. 6 d.) 

The Gospel in the Law. A critical examination of the Citation from 
tha Old Testament in the New. By C. Taylor M. A. (Bell. 12 sh.) 

The Witness of St. John to Christ. With an Appendix on the Author- 
ship and Integrity of Jt. John’s Gospel. By the Rev. S. Leathes 
M. A. (Rivingtons. 10 sh. 6 d.) 

A plaiu account of the English Bible from the earliest Times of its 
Translation to the present day. By J. II. Blunt M. A. (Riving- 
tons. 3 sh. 6 d.) 

Dr. M. Cauland’s Sermons in Stones; or Scripture confirmed by Geo- 
logy. (Bentley. 2 sh. 6 d.) 

Scripture Portraits and other Miscellanies. Collected from the writings 
of A. P. Stanley D. 1). (Strahan. 6 sh.) 


II. Exegese. 

The Holy Bible according to the Authorised Version A. D. 1611, with 
an Explanation and Critical Commentary aud a Revision of the 
Translation. By Bishops and other Clergy of the Anglican Church. 
Vol I. Pentateuch, Genesis — Bishop of Ely; Exodus — Canon 
Cook and Rev. S. Clark; Leviticus — Rev. S. Clark; Numbers 
and Deuteronomy — Rev. T. E. Epsi n. (J. Murray. 21 S.) 


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Bibliographie englisch-theologischer Schriften. 


431 


Librorum Levitici et Numerorum Versio antiqua Itala e codier peran- 
tiquo in Bibliotheca Ashbuatamiensi conservato , nunc primum typis 
edita. (Londini.) 

Horae Hebraicae on Isajah VII. 2 — IX. 7 and other passages by Prof. 
Selwyn. 4. (Bell. 8 sh.) 

The Books of Genesis and Exodus with Notes and Introductions. By 
Chr. Wo rds worth D. D. Bishop of Lincoln. (Rivingtons. 1 L. 1 sh.) 
The Book of Isajah chronologically arranged. An amended Version with 
historical and critical Introductions. By T. K. Cheynne M. A. 
(Macraillan. 7 sh. 6 d.) 

The Minor Prophets with Notes and Illustrations. By Ch. Words- 
worth I). D. Bishop of Lincoln. (Rivingtons. 12 sh.) 

The Psalms translated from the Ilebrew. With Notes chiefly critical 
and exegetioal. By W. Kay D. D. (Rivingtons.) 

A new Translation of the Psalms etc. By the Rev. C. Didham M. A. 

Part II. Psalm XXVI -XXXVI. (Williams & Norgate. 10 sh.) 
The Book of Psalms. A New Translation , with critical and explanatory 
Notes. By the Rev. J. J. S. Pe rowne M. A. (Bell. Vol. I. 18 sh.) 
The New Testament authorised Version revised by II. Alford D. D. 
(Strahan. 1 sh. 6 d.) 

The New Testament with a brief Commentary. By variois Authors. 

(Society for promoting Christian knowledge. Vol. I. 4 sh.) 

The four Gospels in the original Greek, with Notes and Illustrations. By 
Ch. Words wortli I). D. Bishop of Lincoln. (Rivingtons. L. 1. 1 sh.) 
John or the Apocalypse of the New Testament. By P. A. D esprez B. D. 
(Longmans. 8 sh. 6 d.) 

Catena Aurea. Commentary on the four Gospels , collected out of the 
Works of the Fathers. S. Thomas Aquinas. (J. Parker. 
6 Vols. L. 2. 2 sh.) 

Professor Lightfoot on the Epistle to the Philippians. 8. (Macmillan. 12 sh.) 
I^ctures on the first and second Epistle of Peter. By J. Lillie D. D. 
(Hodder. 12 sh.) 

Commentary, Exegetical aud Critical on the Acts of the Apostles. By 
Rev. P. Gloag D. D. 2 Vol. (Clark. 21 sh.) 

Langet Commcntaries on the Old and New Testament under the Editor- 
ship of Dr. Ph. Schaff. Genesis. 1 Vol. Proverbs, Ecclesiastes 
and Song of Solomon. 1 Vol. Romans. 1 Vol. Thessalonians, 
Timothy, Titus, Philemon and Hebrews. 1 Vol. Peter, John, James 
and Jude. 1 Vol. (Clark.) 

Archbishop Trench’s Notes on the Miracles of our Lord. (Macmillan. 12 sh.) 
Horae Apocalypticac. By Rev. E. B. Elliott M. A. (Secley. L. 2. 16 sh.) 
Commentary on the Epistle to the Hebrews. By F. Delitzsch D. D. 
Translated by the Rev. T. L. Kings bury. (Cläre. 10 sh. 6 d.) 


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432 


Bibliographie englisch-theologischer Schriften. 


III. Historische Theologie. 

Stevens (Dr. Abel), Ilistory of Methodism. Yol. III. (Tegg. 5 sh.) 

The Hugenots, the Settlements, Churches and Industries in England 
and Ireland. By S. Smiles. (J. Murray. 6 sh.) 

The Holy Eastern Church. A populär Outline of ats Ilistory, Doctrioes, 
Liturgies etc. By Rev. Dr. Littledale. (Hayes. 3 sh. 6 d.) 

Bede’s Ecclesiastical Ilistory. A new Translation. By the Rev. L. Gidley. 
(J. Parker.) 

Wesley’s John Place in Church Ilistory by R. Denny-Ublin. (Ri- 
vingtons, London. 5 sh. 6 d.) 

A Ilistory of the Diocese of St. Asaph by D. R. T h o m a s M. A. Part L 
(London, J. Parker. 15 sh.) 

The Church of the Restoration by J. S tough ton D. D. 2 Yols. (Hodder 
& Stoughton. 25 sh.) 

The Ecclesiastical Ilistory of England from the opening of the long 
Parlament to the death of 0. Cromwell. By J. Stoughton D. D. 
2 Vols. (Hodder. 28 sh.) 

The Church in Wales past and present. By the Rev. D.W. Thomas. 
( Skeffington. 1 sh.) 

Ilistory oAachfield Cathedral from its Foundation to the present Time 
including full descriptions of its Architecture and Monuments. 
(London, Longman, Green & Co. 4. 15 sh.) 

Ilistory of the College of St.-John Cambridge. By J. Baker B. D. 
(Rivingtons. 2 Vols. 24 sh.) 

E. A. Freeman’s Ilistory of the Cathedral Church of Wells. (Mac- 
millan. 3 sh. 6 d.) — 

The Testimony of the Catacombs and other Monuments of Christian 
Art, from the second to the eighteenth Century', upon Questions 
of Doctrines now disputed in the Church. By the Rev. W. B. Mar- 
riott M. A. (Ilatchard. 9 sh.) 

The Early Years of Christianity. By E. 1). Pressen ce D. D. (Hod- 
der. 12 sh.) 

Jesus Christ: Ilis Times, Life and Work. By E. D. Pressense. 
(Hodder. 9 sh) • 

Ecce Deus: Essays on the Life and Doctrine of Jesus Christ. By 
J. Parker D. D. (Hodder. 5 sh.) 

The Ilistory of the Church in the Eighteenth and Niueteenth Centuries. 
By K. S. llagenbach D. D. Translated by J. T. Hurst D. D 
( Hodder. 24 sh.) 

A Ilistory of the Christian Church during the Reformation. By Arch- 
deacon Hardwich. Reviscd by T. Procter M. A. (London, Mac- 
millan. 10 sh. 6 d. 


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Bibliographie englisch-theologischer Schriften. 


433 . 


A History of the Christian Church. Middle Ages from Gregory the Great 
to the Excomraunication of Luther. By Archdeacon Hardwich, edi- 
ted by F. Procter M. A. With four Maps. (Macmillan & Co. 
10 sh. 6 d.) 

Life and Remains of Robert Lee D. D. Minister of Old Greyfriars. By 
R. H. Story. 2 Vols. 8. (London, Hunt & Blaokett.) 

Religious Thought in England from the Reformation to the End of the 
last Century. By the Rev. J. Hunt. Vol. I. (Strahan. 16 sh.) 
Religious Life in Germany during the Wars of Independence. By W. B a u r. 
(Strahan. 16 sh.) 

Daybreak in Spain Rise of Protestantism in Spain). By Rev. J. A. 
Wylie L. L. D. (Cassel. 6 sh.) 

A Puritans Diary during the Reign of Charles I. The Common-place 
Book of Neheraiah Wellington. 2 Vols. (Bentley. 21 sh.) 

Sketch of the History of the Church of England to the Revolution of 
1688. By T. F. Short D. D. Lord Bishop of S. Asaph. (Longmans. 
7 sh. 6 d.) 

History of the Karaite Jews. By W. II. Rule D. D. (Longmans.) 
The Days that are Past. A Manual of Early Church History. By Rev. 

W. Baird M. A.) (Gardner. 2 sh. 6 d.) 

The See of Rome in the Middle Ages. By Rev. 0. J. Reichel M. A. 
(Longmans. 18 sh.) 

The Pope and the Council. By Janus. (Rivingtons. 7 sh. 6 d.) 

The Fall of Babylon, as foreshadowed in History and Prophecy. By 
the Rev. J. Cumming. I). D. (Bentley. 6 sh.) 

Egypt’s Place in Universal History. By Baron Bunscn D. C. L. Trans- 
lated by C. H. Cottrell M. A. With Additions in Vol. I and V 
by S. Birch L. L. I). 5 Vols. (Longmans. L. 8. 14 sh. 6 d.) 

S. Anselm by the Rev. R. W. Church M. A. (Macmillan. 4 sh. 6 d.) 
A Memoir of II. Hoare M. A. By J. B. Sweet. (Rivingtons. 8. 12 sh.) 
The Life of Cardinal Pole. By W. T. Hook D. D. Dean of Chester. 
(London, R. Bentley. 8. 15 sh.) 

Memoir of the Rev. J. Keble M. A. By the R. Hon. Sir J. T. Coleridge. 

3. Edit. (Oxford and London, J. H. Parker. 10 sh. 6 d.) 

Memoir of the Right. Rev. J. Strachan D. D. L. L. D. tirst Bishop of 
Toronto. By A. N. Bethane D. D. (Rivingtons. 10 sh.) 
Ignatius Loyola and the Early Jesuits. By S. Rose. (Longmans. 10 sh.) 
Hugh Latimer. By the Rev. R. Dernaus M. A. (Rel. Tract. Society. 
7 sh. 6 d.) 

Walter Kerr Hamilton , Bishop of Salisbury. A Sketch etc. By H. P. 
Liddon M. A. (Rivingtons. 2 sh. 6 d.) 


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.434 


Bibliographie englisch-theologischer Schriften. 


IV. Schriften dogmatischen, symbolischen, 
irenischen und ethischen Inhalts. 

The Blessed Sacrament of the Lord’s Supper regarded from a Layman’s 
point of view. By Daniel Biddle. (Williams & Norgate. 5 sb.i 
The Doctrine of the Atonement as taught by the Apostles etc. By 
G. Smeaton D. D., Professor of Exegetical Theology. (Clark. 
10 sh. 6 d.) 

The scriptural Doctrine of Hades. By the Rev. G. Bar the D. D. 
( Longmans. 5 sh.) 

Present-Day Papers or prominent questions in Theology. Edited by 
A. Ewing, Bishop of Argyll and the Isles. (Macmillan. 7 sh. 6d.) 
The Doctrine of Reconciliation to God by Jesus Christ. By the Rer. 

W. II. Frcmantle. (Rivingtons. 2 sh.) 

The Bampton Lectures for 1870 : Christianity as taught by St. Paul. 

By the Rev. D. Irons. (J. Parker.) 

The Church’s Creed or the Crown’s Creed by E. S. Foul k es B. P. 
1 sh. 6 d. 

The Roman Index and its Late Proceedings by E. S. Foulkes B. D. 
1 sh. 6 d 

Is the Western Church under Anathema? By B. S. Foulkes. (Simp* 
kins. 1 sh.) 

Eirenicon Part. III. Is Healthful Reunion impossible? By the Rev. E. B. 
Pusey D. D. (J. Parker. 6 sh.) 

John Wesley in Company with High Churchmen. (Church Press Com- 
pany. 4 sh.) 

The Grammar of Assent. By J. H. Newman D. D. (Burns. 8 sh. 6 d) 
How shall we conform to the liturgy of the Church of Englaud? By 
G. Robertson Canon of Canterbury. (J. Murray. 9 sh.) 

Church Problems considered by Nonconformists in a series of Essays 
edited by H. R. Reynolds D. D. (Ilodder & Staughton. 14 sh.) 
The Validity of Iloly Orders of the Church of England. By the Rev. 
Dr. Lee. (Hayes. 17 sh.) 

The Athanasian Creed and Modern Thought. By the Rev. F. M. Gor- 
mann M. A. (Longmans. 3 sh.) 

Life in the Light of God’s Word. By W. Thompson D. D. L ord 
Archbishop of York. (J. Murray. 5 sh.) 

A Dictionary of Doctrinal and Ilistorical Theology by various writers, 
by the Rev. J. II. Blunt. Part. 1. (A-K.) 21 sh. 

The Visible Unity of the Catholic Church maintained against opposite 
Theories: with an explanation of certain passages in Ecclesiasticsl 
History erroneously appealed to in their support. By M. J. Rh ödes 
M. A. (Longmans. 2 Vols. 21 sh.) 


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Bibliographie englisch-theologischer Schriften. 435 

Oecumunicily in relation to the Church of England. Four Letters — 
I. On the Catholicity of the Anglican Church. II. On the Claims 
of England versus Rome etc. By A. L. Lindsay (Earl of Craw- 
ford). (J. Murray. (5 sh.) 

The Evidence of the Papacy as derived from the Holy Scriptures etc. 

By the Hon. C. Lindsay. (Longmans. 12 sh. 6 d.) 

Ullmann, Dr. C. The Sinlessness of Jesus. (Clark.) 

The Prophecies of our Lord and Ilis Church. By W. IIo ff mann I).D. 
(Ilodder. 7 sh. 6 d.) 

God in the History, or the Progress of Man’s Faith etc. By the late 
Bunseu D. D. Translated from the German by Susauna Wink- 
worth. Vol. III. (Longmans.) 

History of the Rise and Iufluencc of the Spirit of Rationalisra in Europe. 

By W. E. Lecky M. A. 2 Yols. (Longmans. 28 sh.) 

The Truth and the Church. By Rev. W. A. O’Connor. (Simpkiu. 5 sh.) 
Lettres from Rome and the Council. By Quirinus. Reprinted from 
the »Allgemeine Zeitung.« ( Rivingtous.) 

Confession and Absolution sanctioned by the Anglican and Roman Cliur- 
ches respectively. By S. Ilobson L. L. B. (Seelev. 1 sh. 6 d.) 
The Ethics of Conformity and Subscription. By II. Sidgwick M. A. 
(Williams & Norgate. 1 sh.) 

A Critical History of the Athanasian Creed. By the Rev. I). Water- 
land D. D. Revised and corrccted by the Rev. J. R. King M. A. 
( Parker. 5 sh.) 

Endless Sufferings not the Doctrine of Scripture. By Rev. S. Davis 
M. A. (Longmans. 3 sh.) 

Church Doctrine — Bible Truth. By Rev. M. Fr. Sadl er M. A. (Bell. 
5 sh.) 

The Analogy of the Faith. By Rev. H. T. Adams on B. D. (Hamilton. 
4 sh. 0 d) 

The Scriptural Doctrine of Hades. By Rev. G. Bartle D. D. (Long- 
man. 5 sh.) 

Papers on the Doctrine of the English Church. concerning the Eucha- 
ristie Presence. By an English Presbyter. (Macintosh. 1 sh.) 
Christianity and Hinduism: Their Pretensions compared and various 
Questious of Indian Religion and Literature. By the late Rev. 
R. Williams D. D. (Bell. 10 sh. 6 d.) 

Rational Godliness: After the Mind of Christ. By Rev. R. Williams 
D. D. (Bell. 10 sh. 6 d.) 

8t. Thomas Aquinas on the Incarnation, a digest of his Doctrine. 
(Hayes. 0 sh.) 

The Kiss of Peace; or England and Rome at One in the Eucharist. 
By G. F. Gobb. (llayes. 7 sh. 6 d.) 


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I 


436 Bibliographie englisch-theologischer Schriften. 

Santa Clara on the 39 Articles. (Hayes. 7 sh. 6 d.) 

St. Thomas Aquinas on the Sacraments. (Hayes. 7 sh.) 

Walker’s Ritual Reason Why. 450 points explained. (Hayes. 4 sh.) 

Essays on Reunion. By English, Roman and Greek Contributors. 
Introductory Essay by Dr. Pusev. (Hayes. 6 sh.) 

The Theology of the New Testament. By C. F. Schmid D. D. Trans- 
lated by G. H. Venables. 4 Vol. (Clark. 42 sh.) 

Mediaeval Philosophy, or a Treatise of Moral and Metaphysical Phik 
sophy. By Professor Maurice. (Macmillan. 2 sh. 6 d.) 

History of European Morals from Augustus and Charlemagne. By 
W. E. Lecky M. A. 2 Vols. (Longmans. 28 sh.) 

The Origin and Development of Religious Belief. By S. Barry-Gould 
M. A. Part II. Christianity. (Rivingtons. 15 sh.) 

The Witness of St-Paul to Christ; being the Boyle Lectures for 1S69. 
With an Appendix on the Credibility of the Acts in reply to the* 
Recent Strictures of Dr. Davidson. By the Rev. S. Leathes M.A. 
Professor of Ilebrew Kings College London. (Rivingtons.) 

The Origin and Development of Religious Belief. By S. B. Gould 
M. A. II Vol. (Rivingtons. 30 sh.) 

Reasons of Faith; or the Order of the Christian argument develojtfd 
and explained. By G. S. Drew M. A. (Longmans. 6 sh.) 

Prophecy a Preparation for Christ. Eight Lectures by R. P. Smith 
D. D. (J. Parker. 12 sh.) 

The Prophetie Spirit in its Relation to Wisdom and Madness, by Re* 
A. Glissold M.A. (Longmans. 5 sh.) 

Apostolical Succession not a Doctrine of the Church of England; aa 
historical Essay etc. by Cantab. (Longmans. 5 sh.) 

V. F a t r i s t i k. 

The Shepherd of Hermas. Translated into English , with an Introduction 
and Notes. By C. H. Hoolc M. A. (Rivingtons. 4 sh. 6 d.) 

S. ^Clement of Rome. The two Epistles to the Corinthians. A Revised 
Text with Introduction and Notes. By the Rev. Professor Light* 
foot. (Macmillan. 8 sh. 6 d.) 

The Christian Fathers. Lives of Ignatius — Polycarp — Justin etc. 
(Society for Promoting Christian Knowledge. 3 sh. 6 d.) 

The Complete Works of Tertullian, translated P. Holmes D. D. an d 
S. Thelwall M. A. 4 Vols. (Clark. 42 sh.) 

The Clementine Homilies and the Apostolic Constitutions. ( Clark. 
10 sh. 6 d.) 


_Pigitiz£ri-by 


_ 3gle 




Bibliographie englisch -theologischer Schriften. 


437 


VI. Pastoralt heologie. 

A Charge delivered to the Diocese of Oxford at his Eighth Visitation 
Nov. 11 1869. By Samuel Lord Bishop of Oxford. (London, J. Parker. 
4 d.) 

Addresses and Candidates for Ordination on the Questions in the Ordi- 
nation Services. By Sam. Lord Bishop of Oxford. (London, J. Parker. 

6 sh.) 

Pastor in Parochia by the Rev. W. W. II o w M. A. (London, W. Gard- 
ner. 3 sh. 6 d.) 

A Manual of Pastoral Visitation. By a Parish Priest. (J. Parker. 4 sh.) 
A Charge of his primary Visitation. By Ch. Words worth D. I)., 
Bishop of Lincoln. (Rivingtons. 2 sh.) 

Diocesan Progress. An Address to the Clergy and Laity. By the Bishop 
of Gloucester. (Longmans. 6 d.) 

The Archdeacon’s Visitation: Its Origin, its Use etc. By the Ven. 

Ch. C. Clerke D. D. Archdeacon of Oxford. (J. Parker. 1 sh.) 
Letjers of Spiritual Coimsels and Guidance. By the Rev. J. Keble M. A. 
Edited by R. F. Wilson M. A. (Parker. 6 sh.) 

VII. Predigten und Erbauungsschriften. 

The Sinfulness of little Sins, by the Bishop of London. (Skeffington. 1 sh.) 
Sermons for the Time. By the Rev. A. Wolfte M. A. (Longmans. 

7 sh. 6 d.) 

Dr. J. C. Vaughan Lectures on the Revelation of St. John. 2 Vols. 
(Macmillan & Co.) 

Bishop T e m p 1 e ’s Enthronement Sermon. The three spiritual Revelations. 
Plain Lectures on the Book of Job. By the Rev. I). Veysie. (London. 
J. Parker. 8 sh. 2 d.) 

Notes for Lectures on Confirmation. By C. J. Vaughan D. D. (Mac- 
millan. 1 sh. 6 d.) 

The Bampton Lectures for 1868. The Administration of the Holy Spirit 
in the Body of Christ. By George Mob er ly D. C. L. Lord Bishop 
of Salisbury. ( London , J. Parker. 7 sh. 6 d.) 

The Sermons of Herbert Lossinga first Bishop of Norwich (A. 1050 — 1119) 
now first edited from a MS. in the Library of the University of 
Cambridge etc. By E. M. Goulburn D. D. Dean of Norwich. 
( London , J. Parker.) 

Hollowness and Narrowness and Fear : Warnings from the Jewish Church. 
Three Lectures delivered at Cuddesdon Theological College by B. J. 
Hann ah D. C. L. ( London , J. Parker. 2 sh ) 

Four Sermons preached before the University of Cambridge. By the 
Lord Bishop of Carlisle. (London, Bell. 4 sh.) 


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438 


Bibliographie englisch -theologischer Schriften. 


Personal Responsibility of Man and the Prophet of the Lord — Their 
Message to Their Own Age and to Our’s. Sermons preaehed dnring 
% the Season of Lent 18G8 and 18G9 in Oxford, by the Bishop of 
Oxford ; the Dean of Ely ; H. L. Mansel 1). D.; Ii. W. Barrows B.D.; 
the Archbishop of York; E. B. Pusey D. D.; the Bishop of Lincoln 
etc. 2 Vols. (London, J. Parker. 12 sh. 6 d.) 

Masterpieces of Pulpit Eloquencc, Ancient and Modern with historieal 
Sketches of preaching etc. by II. C. Fish D. D. (Hodder. 21 shj 

Krummacher, Dr. F. W. The Snffcring Saviour. (Clark. 3 sh. Gd.) 

Tholnck, Dr. A. Light from the Cross. (Clark. 5 sh.) 

Sermons at the London »Mission«. By Rev. W. J. E. Ben net, (Bares. 
7 sh. G d.) 

A Sermon, preaehed at the Chapel Royal. By the Bishop of Exeter. 
36 Southampton Street Strand. 1 sh.) 

Sermons on Reunion. By English, Roman and Greek Contributors 
(Ilayes. 5 sh.) 

State of the blcssed Dead. By Dean A 1 f o r d. ( Ilodder. 1 sh. G d.) 

Jacob, Sermons preaehed before the University of Cambridge in Lent 
1870. By Rev. J. Moorehouse. (Macmillan. 3 sh. G d.) 

The Perfect Man. Sermons by Rev. II. Jones M. A. ( Rivingtons. 
3 sh. 5 d.) 

Sermons preaehed in Ilexham Abbey Church. By Rev. J. W. Hooper. 
(Nisbet. G sh.) 

The Resurrection of the Body. A Sermon by E. Bickersteth D. D. 
( Rivingtons. I sh ) 

Dean Stanley’s Fnneral Sermon on Charles Dickens , preaehed in West- 
minstor Abbey, June 19th. (Macmillan. 1 sh) 

Lessons of Life and Godliness. By the Rev. Dr. Vaughan. (Mac- 
millan. 3 sh. 6 d.) 

The Parables of Jesus, practically set forth. By the Rev. G. F. De 
Teissier B. D. (Gardner. 5 sh.) 

Six Lent Sermons on Job, by Rev. J. E. Kemp. (Skeffington. 2 sh. 6d > 

Last Words in the Parish Church of Doncaater, by C. J. Vaughan D.D 

The Sheltering Vine. Selection by the Countess of Northesk. With an 
Introduction by Archbishop Trench. 2 Vols. (Hatchard. 10 sh. 6 d.) 

A Devotional Commentary on the Gospels Narrative. By Rev. j. Wil- 
liams- B. D. Eight Volumes each 5 sh. (Londoir, Rivingtons.) 

The Treasury of David: containing ^ui Original Exposition of the Book 
of Psalms etc. By C. II. Spurgeon. Vol. I. Psalm I— XXVI- 
( Passmore.) 


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Bibliographie englisch-theologischer Schriften. 439 

VIII. Liturgik. 

A Ilistory of the Book of Common Prayer with a nationale of its 
Offices. By F. Procter M. A. (Macmillan. 10 sh. G d.) 

The First Book of Common Prayer of Edward VI. and the Ordinal of 
1549 together with the Order of the Communion of 1548 by II. B. 
Wal ton M. A. (Ri vingtons. 6 sh.) 

Sketches of the Rites and Customs of the Greco Russian Church by 
II. C. Roman off. (Rivingtons. 7 sh. G d.) 

Anglo-Saxon Witness on Four alleged requisites for Holy Communion 
etc. By Rev. J. Baron M. A. (Rivington. 5 sh.) 

The Priest’s Prayerbook with a briet* Pontifical etc. cdited by two 
Clergymen. (J. Masters. 7 sh. 6 d.) 

St. John Chrysostom’s Liturgy. Translated by H. G. Romano ff. 
( Rivingtons.) 

A Paper on the proposed new Lectionary. By Rev. G. D. W. 0 m m a n n e y. 
(Parker. 6 d.) 

Liturgy of the Church of Sarum. Translated by C. Walker. (Ilayes. 7 sh.) 
The Divine Liturgy of the Armenian Church of St. Gregory the Illumi- 
nator. Translated from the Armenian, with an Introduction and 
Notes. By Rev. S. C. M a I a n M. A. (Nutt. 1 sh. 6 d.) 

The Rubrical Determination of the Celebrants Position. By II. B. W a 1- 
ton M. A; (Masters. 2 sh. 6 d.) 

Plain Words about Ritual and Parish Work. By Rev. J. S. B. Monsell 
D. D. (Bell. 5 sh.) 

The Revision of the Lectionary. By the late Rev. Dr. Ncale. (Hayes. 
1 sh.) 


IX. Iv i r c h e n r e c h t. 

The Royal Supremacy in matters Ecclesiastical in Pre-Reformation 
Times; Bishop Gardiner’s Oration on true Obedience with Bishop 
Bonners Preface. By B. A. Heywood M. A. Trin. Coli. Cambridge. 
(London, Longm&n, Green & Co. 8. 3 sh. G d.) 

Church Membership in Church Principles. By the Rev. R. F. Smith 
M. A. (London, Simpkin, Marshall & Co. 8. 5 sh. G d.) 

Two Churchtopics of 1869. The appointment of Bishops and the Judg- 
ment of Privy Council. »Martin v. Maconochic« by the Rev. A. J. 
Street B. A. (Gloucester E. Nest. G d.) 

Protest of the Bishops against the Consecration of Dr. Temple with a 
letter to the Bishop of London. By the Rev. J. W. Burgon M. A. 
(London , J. Parker. 1 sh.) 

Church Key, Belfry and Organ Key. With legal Cases and Opinions 
etc. By Rev. W. H. Pinnock L. L. D. (Parker. 5 sh.) 


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440 


Bibliographie englisch-theologischer Schriften. 


The Existing Mode of Electing Bishops, and any Alteration that may 
be made herein consistent with the Union of Church and State. 
By E. M. Goulburn D. D. Dean of Norwich. (London, J. Parker. 
1 sh. G d.) 

Church Synods; their Authority and Constitution. Two Sermons by the 
Rev. A. Dawson M. A. (Hodges. 6 d.) 

Defence of the Rev. Charles Yoysey B. A. , Vicar of Healaugh , on the 
Hearing of the Charge of Heresy, preferred against him in Chancery 
Court of York on the 1. Dec. 18G9. (London, Trübner.) 

The Divine Law of Marriage according to Levit. XYin. By Rev. 

R. W. Greaves M. A. (Seeley. 1 sh.) 

Questions suggested by the Judgment of the Arches’ Court in the Bennet 
Case. (Macintosh. 6 d.) 

X. Poesie und Kunst. 

Lyra Apostolica. (Mozley. G sli.) 

Church Poetry ou Christian Thoughts in old and modern Time. (Moiler. 
5 sh.) 

The Psalter in English Verse. By the Rev. J. Keble. M. A. (Parker. 
G sh.) 

Lyra Innocentium. Thoughts in Verse on Christian Children etc. By 
the Rev. J. Keble M. A. (Parker. 7 sh. 6 d.) 

Carmina Crucis. By Dora Greenwell. (Bell. 5 sh.) 

Christ in Song. Ilyinns of Immanuel sclected from all Ages with Notes. 

By P. Schaff I). D. (Sampson Low. 8 sh. 6 d.) 

Bishop Hebers Hymns. (Sampson. 7 sh. G d.) 

Poems. By F. W. H. Myers. Containing St. Paul, St. John and other 
Poems. (Macmillan. 4 sh. 6 d.) 

Poems chiefly Sacred, by the Rev. C. H. Ramsden. (Macintosh. 
4 sh. 6 d.) 

Evenings with the Sacred Poe ts, by F. Saun der s. (Bentley. 10 sh. 6 d.) 
Progressive Hebrew Course and Music of the Bible. By P. J. War- 
schauski. (Longmans. 5 sh. G d.) 

The Passion of our Lord Jesus Christ pourtrayed by Albert Dürer. 

Edited by II. Cole. 4. (Bell. 12 sh. 6 d.) 

Ecclesiastical Art in Germany. By Dr. W. Lübke. (Clark. L. 1. 1 sh.) 

XI. Statistik. 

A new Map showing the Dioceses of England and Wales. (Stanford. 
16 sh.) 

Crockford’s Clerical Directory for 1870. (Cox. 15 sh.) 


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Bibliographie englisch -theologischer Schriften. 


441 


XII. Zeitschriften. 

The Academy. No. V. Doctrine of Development of the Bible, by 
II. N. 0 x e n h a m. Alexandre’s Oraeula Sibyllina, by A. H i 1 g e n f e 1 d. 

No. VI. History of the University of Innsbruck, by M. Pattison. 

No. VII. Rothe’s Theologial Ethics, by J. Gibb. The Vatican Sep- 
tuagint, by J. A. Hort. Vestiges of the Anglo-Hebrews, by A. Neu- 
baur. Frankens Jerusalem. Talmud by the Same. 

No. VIII. Ewald's History of Israel, by Professor Diestel. 

No. IX. Newman’s Grammar of Assent, by M. Pattison. Volkmar 
on the Gospels, by Prof. Holtzmann. On some Quotations from 
the Old Testament in the New, by A. Neubaur. 

No. X. Lightfoot’s S. Clements ofRome, by Prof. Lipsius. Maret’s 
du Concile General, by H. N. Oxenham. On Psalm LXIX, by 
I). Weir. 

No. XI. AI. Arnold’s S. Paul’s Protestantism , by H. Lavrence. 
Schrader’s Introduction to the Old Testament, by T. R. Cheyne. 
Rothe’s Dogmatik, by J. Gibb. 

No. XII. Mahommedan Critical Theology, by Prof. Nöldeke. The 
Authropomorphism of Onkelos, by A. Neubaur. Hübners Sixtus 
the Fifth, by G. Waring. 

No. XIII. Taylor on St. John’s Gospel, by W. Sanday. Stoughtons 
History of the English Church, by M. Pattison. 

The British Quart er ly Review. No. 102. Prophecy in the Critical 
Schools on the Continont. Evangelical Nonconformity under the 
Plantagenets. 

The British and Foreign Evangelical Review. No. LXXIII. 
The two Purifications of the Temple. M. Bains and the Foundation 
of Jansenism. Free Will and Crace. John Jewel. Dr. Merle d’Au- 
bigne on the Council and Infallibility., 

The Christian Observer, conducted by Members of the (Church 
of England. 

Febniary. The Inspiration of Holy Scripture. Autobiography of Dr. 
F. W. Krummacher. Science and the Bible. 

April. The Ministry of the Church a Witness for the Resurrection. 
Dr. Hook’s Lives of the Archbishops of Canterbury. Archbishop 
Lycurgos and the Eastern Church. 

May. The Church of Ireland and its new Constitution. Protestant 
non-established Episcopal Churches : No. I. The Protestant Episcopal 
Church in the United States. Stoughton’s Ecclesiastical History of 
England. Dr. Lightfoot on the Epistle to the Philippians. Evidence 
from modern Scientific Discovery towards the plenary Inspiration 
of Scripture. 

Vierteljahr»8chrifr. IV. 3. 29 


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442 


Bibliographie englisch-theologischer Schriften. 


June. Scripture or Tradition as the Rule of Faith. On the Revision 
of the Authorized Version of the Bible. Protestant non-established 
Episcopal Churches: No. II. The Church in Canada. 

August. On foreign Missions. Religious Life in Germany. Protestant 
non-established Episcopal Churches : No. III. Colonial Churches in 
the Southern Hemisphere. 

September. Herod, Herodias, and tbeir Victim, a Biblical Study 
On Separation between the Younger and the Eider Evangelien!*. 
Protestant non-established Episcopal Churches: No. IV. The Church 
of the United Brethren, or Unitas Fratrum. 

October. Recent Works on French Protestantism. The Ecelesiastica] 
Polity of Nonconformity. f)r. Pusey’s Eirenicon. 

November. The Ritual Commission and its Results. Protestant non- 
established Episcopal Churches: No. V. The Episcopal Church in 
Scotland. The four Gospels. 

December. Special Hindrances to the Work of the Ministry. Apo- 
stolical Succession in the Church of England. The Parocbial Council. 

The Contemporary Review. January. The Precursors of J. Hass 
in Bohemia , by Rev. A. H. W r a t i s 1 a w. The Dean of CanterburyV 
N. Testament, by W. G. Humphry. Indian Tlieism and its Rela- 
tion to Christianity , by S. D. Co 11 et. 

April. A Chapter of Accidents in Comparative Theology, by Prot. 
Max Müller. The Science ofMorals, by Prof. H. Calderwood. 
Dr. R. Williams and his Place in Contemporary Religious Thought 
by Rev. J. Owen. Early Oriental History hy Prof. Rawlinson. 
On a Form of Confraternity suited to the present Work of the 
Englisli Church , by Canon Wes tcott. The Churches of England. 

May. Dr. Newman’s Grammar of Assent, by Rev. F. D. Maurice. 
Nature-Development and Theology. The Church and the A ge, by 
the Dean of Canterbury. 

June. Three broad Church Catholics — Döllinger , Froschammer and 
Janus, by Rev. J. Hunt. Church Tendencies in Scotland, by 
H. A. Page. M. Arnold, ou S. Paul and his Creed. 

July. Catholicisra in Bavaria, by a Bavarian Catholik. Matthew. 

— -'“Arnold and the Nonconformists , by R. W. Dale. Dr. Pusey and 
the Ultramontanes, by J. Hunt. 

August. The Athanasian Creed, by A. P. Stanley D. D. The Brahms 
Somaj and the Religious Future of lndia, by W\ H. Fremantle. 
The Moabite Stone, by Prof. Rawlinson. 

September. The Constitution of the disestablialied Church of Ireland. 
by C. P. Reichel D. D. Prof. Hurley’s Lay Sermops, by Prof. 
Calderwoot. Dean Stanley’s Essay’s on Church and State. 


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Bibliographie englisch-theologischer Schriften. 


445 


October. The Papacy and National Life, by Prof. Froschammer. 
A few more Words on the Athanasian Creed, by Prof. Maurice. 

November. The Athanasian Creed , by the Dean of Westminster. The 
Christian Ministry not a Priesthood, by G. A. Jacob D. D. 

The Edinburgh Review. No. 267. Froude’s History of Queen 
Elizabeth. J. Calvin in Church and State. The Pre-Christian Cross. 
No. 268. Renan’s St. Paul. No. 270. Baron Httbner’s Sixtus V. 
Cox’s Aryan Mythology. 

The Journal of Philology. Edited by W. G. Clark M. A. — 
No V. F. J. A. Hort on the End of the Epistles to the Romans. 
J. P. Norris on the Chronology of S. John V and VI. W. A. Wright, 
Note on the »Arzareth« of 4 Ksdr. XIII , 45. C. Taylor, a Theory 
of Job XIX, 25— 27. 

No. VI. Notes on the Hebrew wonl rp* C. Taylor. Romans V, 12. 
G. Ainslie. Notes on 1. Thess. IM. 3. A. H. Wratislaw. Notes on 
the Ignatian Controversy. J. B. Lightfoot. 

The North British Review. No. 102. Babylouian and Assyrian 
Libraries. No. 103. The Church Policy of Constantine. 

The Quarterly Review. No. 255. Lecky’s History of European 
Morals. Papal Infallibility. — No. 235. The Church and the A ge. 
I)r. Newman’s Grammar of Assent. 

The Theological Review. No. 26. The Jewish Messiah, by S. Da- 
vidson D. I). Reuchlin, by H. B. Drummont B. A. 

No. 29. The Apostles Creed, by J. K. Carp enter. Buddhism and 
Christianity, by Ä. A r m s t r o n g. Practical Aspects of the Doctrine 
of Immortality , by Presbyter Anglicanus. R. Williams in Memoriam. 
by C. K. Paul. ‘ 

No. 30. Irenaeus and the fourth Gospel, by S. Davidson L. L. D. 
Erasmus and the Reformation, by R. B. Drummond. The Gram- 
mar of Assent, by J. H. Thom. Immortality and Modern Thought, 
by J. Owen. The Nestorian Christians, by W. J. Lampert. 

No. 31. The Sibyl, by W. M. C. Call M. A. The Religious Problem 
in National Education , by Viscount A m b e r 1 y. Bishop Ellicott on 
Biblical Revision, by J. R. Beard D. 1>. Spinoza, by J. F. Smi tb. 

Union Review: January. 1. Some Features of Catholicism. 2. The 
Constitutional Church of France. 3. Cathedrals of the Future. 
4. Concilium Delectorum Ordinalium. 

March. 1 . Life of Faber. 2. T. Cranmer. 3. The Dean of Canter- 
bury on the Christianity of the Future. 

Westminster Review. No. 70. John Wesley’s Cosmogony. 

June. Unpublished Letters written by S. Coleridge. 

July. Unpublished Letters written by S. T. Coleridge. Roman Catho- 
licism Present and Future. 


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Vierteljahr sschrift 

für deutsch- und englisch-theologische Forschung und Kritik. 

Band IV. Heft 1. 

Abhandlungen. Assyrische Forschungen. Von A. Scheuchzer. — Der 
Todesgedanke Jesu. Von E. Graf. — Beiträge zum bessern Verständ- 
niss der »Ascensio Moysis«. Von Dr. M. Heidenheim. 1. Einleitende 
Bemerkungen. 2. Ueber das Citat im Judasbriefe. 3. Erklärung 
schwieriger Stellen. 

Mittheilungen. Schriftauslegungen. Von Dr. M. Heidenheim. 1. Feber 
Gen. 47, 3. 2. Feber das Citat aus Psalm 40, 7 im Hebräerbriefe. 
3. Ueber das Citat Jes. 61, 1 im Lucasevangelium. — Samaritanische 
Festhymnen. Von Dr. M. Heidenbeim. 1. Midrasch des Priesters 
Abraham. 2. Midrasch des Priesters Tobiah’s. — Zur Logoslehre 
der Samaritaner. Von Dr. M. Heidenheim. 

Kritik. Schatz des liturgischen Chor- und Gemeindegesanges in <ter 
deutschen evangelischen Kirche. Von Dr. L. Schöberlein. 

£3?* Oie neue Ausgabe der samaritanischen Version des Pentateuchs. 


Band IV. Heft i. 

Abhandlungen. Die Apocalypse des Apostels Paulus. Von Dr. P. Zin- 
gerle. — Die samaritanischen Legenden Mosis. Von Dr. Leitner. — 
Bemerkungen zu den Legenden Mosis. Von l)r. Hoidenheim. — Da* 
Hinscheideu Mosis. Von Dr. M. Heidenbeim. 

Mittheilungen. Die hebräischen Evangelien des Vaticans, nebst Fac- 
simile. Von Dr. M. Ileidenheim. — Gebete der samaritanischen Hohen- 
priester Markah und Amram. Von Dr. M. Heidenbeim. — Erklärungen 
schwieriger Stellen des samaritan. Targums. Von Dr. M. Heidenheim. 
— Actenstücke zur neuesten Kirchengeschichte. A. Sclireiben des 
griecli. Patriarchen zu Constantinopel au den Erzbischof von Canter- 
bury. B. Encyclica der anglikan. bischöflichen Synode. C. Schreiben 
des Erzbischofs von Canterbury. 

Kritik. Macray’s Annals on tke Bodleian library. — Malans, Plea for 
the authorised Version. — Hurts History of Rationalism. — Seebohm. 
the Oxford Reformers. — Wordsworth’s History of the Church of 
Ireland. — The Doctrine of the Church of England. — Liddon's 
Bampton Lectures. — Colqhoun’s Church Association Lectures. — 
Haddan’s Apostolical Succession. — Moore’s thoughts on preaching. — 
Good’s Sermons. — The Christian Observer. 


l>rork von 1 >h v i «1 Btfrhli in Zürich. 


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ABHANDLUNGEN. 


Vierteljah rgsohri ft . 


30 


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Google 



I. 

Die altjüdische Schriftauslegung der Psalmen. 

Von 

Dr. £8. $fibrnl)fhn. 


Psalm I — XXI. 

In der neuern Zeit ist es ganz besonders Delitzsch, der 
in seinen Commentaren auch hie und da die altjüdische 
Auslegung berücksichtigt, während die meisten Ausleger nur 
sehr spärlichen Gebrauch von den Erklärungen der Rabbinen 
machen. Freilich stammt die alte Schrifterklärung aus einer 
Zeit, wo man weniger mit kritischer Sorgfalt den Text zu deu- 
ten versuchte, als dieses jetzt der Fall ist. Geben wir aber 
auch dieses gerne zu, so können wir doch nicht verkennen, 
dass noch mancher schöner Gedanke, wenn auch oft im 
Gewände der Allegorie gekleidet, in den Midraschen ver- 
graben liegt. Für den christlichen Theologen müssen aber 
diese Erklärungen um so wichtiger sein, weil die ganze exeget. 
Atmosphäre des neuen Testamentes die altjüdische ist. Wer 
will es läugnen , dass Paulus nie aufgehört hat , die Schrift 
so auszulegen, wie er es in der Schule Gamaliers erlernt 
hatte. Dieses beweist uns jede Seite seiner Sendschreiben, 
und seine Argumente, sowie seine Auslegungen, würden uns 
heimischer erscheinen, wenn wir die alten Quellen fleissiger 
zu Rathe zögen. 

Ausserdem dürfte aus dem Schutte der Midraschen noch 
so manche verlorengegangene Lesart wiederum ans Licht 
gezogen werden. 

Aber ganz besonders werden die Mittheilungen aus dem 
alten Schriftthume dazu geeignet sein, einen Beitrag zur 
Geschichte der Schriftauslegung zu liefern. Es ist der 

30 * 


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M. Heidenheim. 


sogenannte »Midrasch Tehillim«, worin viele dieser Aus- 
legungen aufbewahrt sind und woraus wir hier das Wich- 
tigste ausheben. 


P s a 1 m I. 

1. Dem Inhalte dieses ganzen Psalmen nach zu urtbeilen, 
wäre es passender gewesen, hätte David statt »Gesegnet ist 
der Mann u. s. w.« gesagt: Verflucht sei der Mann, welcher 
in dem Rathschlusse des Frevlers wandelt u. s. w. Allein 
David schwebte die Ausdrucksweise der heil. Schrift vor. 
So wird z. B. Gen. 7, 2 gesagt: Von dem reinen Vieh nimm 
je sieben , und von dem , welches n i c h t r e i n ist u. s. w. 
Es ist dieses eine Umschreibung, um nicht von dem Worte 
»unrein« Gebrauch zu machen. So. werden auch in dem 
Abschnitte, wo von den reinen und unreinen Thieren die 
Rede ist, immer die Reinheitszeichen der unreinen Thiere 
genannt Vom Kameele heisst es z. B. nicht, es spalte nicht 
die Klaue, sondern es sei wiederkäuend (Lev. 11, 4). Ebenso 
(Lev. 11, 7) heisst es von dem Schweine, es spaltet die Klaue. 

Jose bar Abin sagte : Heil dem Manne , welcher wandelt 
im Rathschlage der Frommen, wird nicht gesagt; aber nicht 
ist die Stelle so zu verstehen , als wandle er im Rathschlage 
der Frevler, sondern da er nicht im Rathschlage der 
Frevler wandelt, so ist es selbstverständlich, dass er- im 
Rathschlage der Frommen wandelt. 

Josuah S. Korchas sagt: Im Psalmbuche kommt »Asohre« 
zwanzigmal vor, was dem »Hoj« (Wehe) im Jesajas ent- 
spricht, welches ebenfalls zwanzigmal dort vorkomrat. Mich 
wundert es , sagt Rabbi , dass Josuah nur 20 Aschre in den 
Psalmen gezählt. Dieses Wort kommt 22 Mal vor und ent- 
spricht den 22 Buchstaben im Alphabete. 

Nach einer andern Erklärung bezieht sich dieser Vers 
auf Adam und ist so zu verstehen: Heil mir, wäre ich 
nicht im Rathschlage der Schlange gewandelt u. s. w. 

2. Rabbi Levi sagt: Dieses bezieht sich auf die sechs 
Gebote, welche Gott Adam anempfohlen hatte. 


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449 


Die altjüdische Schriftauslegung der Psalmen. 

3. Es steht hier nicht Pitt} »gepflanzt« , sondern 
»festgestellt« , denn wenn auch alle Winde der Welt ihn 
anwehen, so vermögen sie nicht ihn von seiner Stelle zu 
bewegen. 

So fasst auch das Targum das Wort auf und übersetzt 
darum 3^ 

Aber auch auf Nouh kann die Stelle gedeutet werden, 
denn er wandelte nicht im Rathschlusse der Frevler, d. i. 
mit der Generation Enoschs, der Sündfluth und dem der 
Sprachverwirrung. Er war in der Arche wie ein im Wasser 
festgestellter Baum. Ferner wird die Stelle auf Abraham 
u. A. gedeutet. 

2 b. Man fragte Rabbi Josan, zu welcher Zeit man die 
griechische Sprache studiren dürfe? Seine Antwort war, 
zu einer Zeit, da es weder Tag noch Nacht ist, denn es 
heisst »studire (in der Lehre) Tag und Nacht.« Er sagte 
ihm , man darf seinen Sohn auch keine Handwerke erlernen 
lassen, falls er hierdurch vom Studium der Lehre abge- 
halten wird, denn es heisst: »Wähle das Leben« (d. i. die 
Lehre . . .) 

3. »Und er ist gleich dem an Wasserbächen 
gepflanzten Baum.« 

Jose erklärte diesen Vers wie folgt: Die Sache gleicht 
einem Menschen, der ein wüstes Land durstig durchwanderte. 
Er fand einen Baum und ejne Quelle darunter, seine Früchte 
waren süss und sein Schatten angenehm. Er ass von seinen 
Früchten, trank von seinem Wasser und schlief unter sei- 
nem Schatten und erquickte sich. Als er Weggehen wollte, 
sagte er: Baum, womit soll ich dich segnen? Soll ich dir 
Quellen, süsse Früchte und Schatten wünschen? Alle diese 
hast du ja! Darum wünsche ich, dass alle Schösslinge, 
welche von dir gepflanzt werden, dir gleich sein mögen. 
Ebenso sprach Gott zu Abraham: Wenn ich sage: mache 
mich bekannt, du hast ja (meinen Namen) kund gethan u.s. w. 
Darum wünsche ich, dass deine Sprösslinge dir gleichen 
mögen. (Pirke Rabbi Elieser.) 


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450 M. Heidenheim. 

Psalm II. 

Rabbi Isak sagte: Wenn ein Mensch den andern fragt, 
warum thust du das? so erzürnt er; dennoch fragen die 
Frommen: warum toben die Heiden, und werden dennoch 
nicht gestraft? Warum? weil 'sie diese Frage nicht zu ihrem, 
sondern zum Wohle Israels aufwerfen. 

2. Gegen Gott und seinen' Gesalbten. Dieses 
gleicht einem Räuber, der lauernd hinter dem Palaste des 
Königs steht und sagt: Sobald ich den Sohn des Königs 
finde, will ich ihn ergreifen, ihn umbringen und kreuzigen 
und ihn einen schweren Tod sterben lassen. Aber der heilige 
Geist spottet seiner! Er, der im Himmel sitzt, lacht. 

3. Schon früher wurde dieser Gegenstand besprochen im 
Gesetze der Torah, im Gesetze der Propheten und im 
Gesetze der Ketubim. In der Torah heisst es: Mein erst- 
geborner Sohn Israel (Exod. 4, 22), in den Propheten : siebe 
mein Knecht (Jes. 52, 13), in den Kethuhim: es spricht mein 
Herr zu meinem Herrn (Ps. 110, 1. Jehovah sprach zu mir: 
mein Sohn bist du). Rabbi Huna sagt im Namen Rabbi 
Achas, die Leiden zerfallen in drei Theile, einer derselben 
fallt dem Könige Messias zu. Und wenn seine Stunde kommt, 
sagt der Heilige, gelobt sei er, zu ihm: Es liegt mir ob, 
mit ihm einen Bund zu schliessen, und darum sagt er: 
»heute habe ich dich gezeugt.« 

Es lehren unsere Rabbinen , Gott spricht zu dem Messias, 
der zukünftig, möge es bald in unseren Tagen geschehen, 
offenbar werden wird: Fordere von mir, und ich will dir 
geben, was du verlangest, denn es heisst Ps. 2: Fordere 
von mir. Nachdem aber der Messias S. Josephs sah , dass 
er umgebracht werden sollte, sprach er zu ihm (Gott): 
Herr der Welt, nichts als Leben verlange ich von dir. Bevor 
du dieses verlangst, erwiedert er (Gott) ihm, hat dein Vater 
David auf dich geweissaget, denn es heisst: Leben verlangte 
er von dir, lange Tage gäbest du ihm in Ewigkeit (Ps. 21, 5). 

Du zertrümmerst sie mit. dem eisernen Stabe. D. i. der 
Messias S. Josephs, welcher mit dem Stabe herrscht, denn 


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Die altjüdische Schriftauslegung der Psalmen. 451 

es heisst: Nicht soll das Scepter weichen von Juda, bis 
Schiloh kommt (Gen. 49, 10). 

12. Küsset den Sohn. Das Wort »Bar« wird in der 
Bedeutung von »Waizen« genommen und auf Israel gedeutet. 

Küsset die Hand desjenigen Sohnes, welchem die Gewalt 
gegeben ist über Alle und dem Alles dienen muss, dass 
er nicht zürne. Denn man hat ihn gekrönet mit Gerechtig- 
keit und Barmherzigkeit, so dass er den, der es verdient 
hat, bestrafe, dem andern aber, der es würdig ist, Barm- 
herzigkeit erweise. Aller Segen von oben und unten kommt 
auf diesen Sohn und krönet ihn (Sohar zu Deut. f. 109 c. 436). 

Damit sein Zorn nicht entbrenije. Es gleicht 
dieses einem Könige, der gegen die Bewohner des Landes 
erzürnte, da gingen die Bewohner zum Sohne des Königs, 
um ihn zufrieden zu stellen , damit er seinen Vater besänf- 
tige. Der Sohn that dieses, und als die Bewohner dem 
Könige dafür danken wollten, sagte er: Wendet euch an 
den Sohn, denn wäre er nicht gewesen, so hätte ich die 
ganze Landschaft vernichtet. Denn einst wird Gott den 
Völkern, wenn sie ihm danken wollen, sagen: Ware Israel 
nicht gewesen, so hättet ihr auch keine Stunde bestanden. 

Psalm III. 

Warum steht der Abschnitt Absalom’s nahe bei dem über 
den Krieg Gog’s und Magog’s? Damit soll nur angezeigt 
werden, dass ein böser Sohn schlimmer sei als der Krieg 
Gog’s und Magog’s (Jalkut 4624). »Mismor Ledavid« das ist 
es , was die Schrift sagt : Nicht kennt ein Mensch u. s. w. 
(Hiob 28, 13.) Rabbi Elasar sagt, die Abschnitte der Torah 
wurden nicht der Ordnung nach mitgetheilt; wäre dieses ge- 
schehen, so hätte der darin Lesende die Todten erwecken und 
Wunder thun können. Darum blieb die Ordnungsfolge der 
Lehre verborgen, bei dem Heiligen, gelobt sei er, ist sie offen- 
bar, denn es heisst »und wer liest gleich mir« (Jes. 44, 7). 

Wann .recitirte David diesen Psalm? Als er weinend 
den Oelberg bestieg; wie konnte er aber, wenn er weinte, 


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M. Heidenheim. 



den Ausdruck »Mismor« gebrauchen? Die Sache gleicht 
einem Schuldner, welcher einen Schuldschein zu zahlen hatte. 
Bevor er diesen gezahlt, war er traurig, aber nachdem er 
die Zahlung geleistet hatte , freute er sich. So auch David. 
Als der Heilige, gelobt sei er, ihm kund that: Siehe, ich 
werde Böses wider dich aufrichten aus 1 ) der Mitte deines 
Hauses« (2. Sam. 12, 11), war er betrübt, denn er dachte 
vielleicht ist es ein Knecht oder ein »Mamser« , von denen 
keiner sich meiner erbarmen wird. Nachdem er aber sah, 
dass es sein Sohn Absalom war, begann er einen Hymnus 
zu sprechen. 

Ein Skeptiker fragte Rabbi Simon S. Chananiah’-s: Es 
steht in der Schrift: ein Psalm David’s, als er vor seinem 
Sohne Absalom floh, und es steht wiederum ein Psalm David’s, 
als er vor Saul floh. Welcher von diesen beiden Psalmen 
sollte zuerst stehen? Gewiss der auf Saul Bezug habende. 
Und wie kommt es, dass der Absalomspsalm voran steht? 
Euch, antwortete Simon, welche ihr die »Semuchin« (d. h. 
die innere Ordnung der Schriftenlage zu begründen) nicht 
erkläret, sind Texte schwierig, uns aber, die wir die Ord- 
nung der Texte erklären, sind sie nicht schwierig, denn 
es heisst, die nahestehenden 2 ) (Schriftstücke) sind für ewig 
angeordnet. 

8. Die Zähne der Frevler zerbrachst du, lies nicht 
»welche du zerbrochen«, sondern »welche du gross 

gemacht«. < 

Psalm IV. 

Mit drei Lobesbezeichnungen wurde dieser Psalm ge- 
sprochen: »Nizuach«, »Nigun« und »Mismor«. Nigon der 
Neginoth bezeichnet die Prophetensprache, denn es heisst: 
»Und es war, als der Harfenspieler 3 ) spielte, kam die Hand 
Jehova’s über ihn« (2. Reg. 3, 15). 

*) Die Variante -pn« nur hier. 

*) »Samuchim« feststehend, ist hier in der Bedeutung von »nabe 
stehen« genommen. 

s ) »nagen« = »neginoth«. 



Die altjüdische Schriftauslegung der Psalmen. 


453 


2. »Gott meiner Gerechtigkeit« Rabbi Jehuda 
sagt: Dir kommt es zu mich zu rechtfertigen. Warum? 
Weil ich dem Stamme Juda’s angehöre, darum erhöre mein 
Gebet Denn es heisst: »Höre, Jehova, äfcf die Stimme 
Juda’s« (Deut 33, 7). Die Rabbinen sagen: Es spricht die 
Gemeinde Israels: Gott meiner Gerechtigkeit, du kannst 
mich rechtfertigen, wenn ich kein Verdienst habe, lass mir 
(dennoch) Gerechtigkeit widerfahren! 

8. Du hast mir Freude ins Herz gegeben. Ob- 
schon die Nationen der Welt nur die sieben noachitischen 
Gebote beobachten, hast du ihnen Frieden gegeben, um 
wie viel mehr uns, die wir die 613 Gebote beobachten! 
Josuah S. Levi’s sagt, es gleicht dieses einem Könige, wel- 
cher eine Mahlzeit bereitere und Wanderer einlud und sie 
an der Thüre seines Palastes, bis zum Eintritte, stehen 
liess. Da sahen sie Hunde mit Fasanen, Kalbsköpfen u. s. w. 
im Maule' herauskommen. Da sprachen die Gäste: wenn 
den Hunden solche Speisen dargeboten werden, wie köstlich 
muss die eigentliche Mahlzeit sein! (Also sind die Nicht- 
israeliten 1 ) den Hunden gleich.) 

Psalm V. 

Alte Ausleger bezogen diesen Psalm auf die Wanderungen 
Israels durch die Wüste. Nechiloth = Nachaliel (Num.21, 19). 
Samuel S. Nachmani’s deutet »Nachaloth« auf die beiden 
Reiche, welche David zu Theil wurden, das eine in dieser 
und das andere in jener Welt. Josua S. Levi’s erklärt das 
»Hanchiloth« nach den einzelnen Buchstaben. Das He = 5 
= den fünf Büchern Mosis , das Nun , 50 = den 50 Tagen 
zwischen, dem Passah und Wochenfeste. Das Jod, 10 = den 
10 Geboten, das Lamed, 30 = den 30 Frommen, welche 
in der Welt sein müssen. 

') Epikoros wird im Talmud fcicht nur von den Epikuräern ge- 
braucht, sondern auch Freidenker und Sektirer werden so genannt. An 
unserer Stelle ist es aber auf Nichtisraeliten zu beziehen. Die Parabel 
ist eine passende Parallele zu Marc. 7, 28. 


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M. Heidenheim. 


Samuel rechnet diesen Psalm zu den Adamspsalmen, 
weil Adam ja die Erde zuerst im Besitze (Nachal, Nechi- 
loth) hatte. 

1. Jehuda deutet diesen Vers auf die vier Weltreiche: 
Meine Worte höre (in Babel), achte auf meine Klage (in 
Medien), merke auf die Stimme meines Schreiens (in Javan), 
denn zu dir bete ich (in Edomj. 

Psalm VI. 

Scheminith wegen der Beschneidung, welche am 
achten Tage (Schemini) zu vollziehen ist. Oder auf die acht 
Reiche (vgl. Dan. 2, 32. 33), oder auf die dem Tempel- 
instrumente zur Zeit des Messias zuzufugende achte Saite 
zu deuten. R. Juda will aus P& 16, 11 herausdeuten, das 
Tempelinstrument sei nur ein siebensaitiges gewesen, weil 
(Ps. 16, 11) nicht »Sovea« sättigen, sondern »Scheva« sieben 
zu lesen sei. 

2. Judan sagt im Namen Ami’s, die Gemeinde Israels sagt 
vor Gott: Herr der Welt, obschon du in deiner Lehre ge- 
schrieben hast: »wen Gott liebt, den züchtigt er« (Prov.3,12) 
so züchtigo mich nicht. Und obschon es heisst: »Heil 
dem Manne, welchen Gott züchtigt« (Ps. 94, 12), so züch- 
tige mich nicht. Rabbi Jochanan vergleicht die Sache mit 
einem Könige, welcher einen Sohn hat, für den er zwei 
böse Censoren hält. So oft das Land ihn erzürnt t züchtigt 
er es durch dieselben. Einmal widersetzte sich eine Pro- 
vinz , und er wollte die beiden Censoren senden , um sie m 
strafen. Da redeten sie ihn'fleheüd an und sprachen: 
Herrsche du über uns, aber nicht die beiden Censoren! 
So sprachen auch die Israeliten : Herr der Welt, in deinem 
Zorne weise uns nicht zurecht, und in deinem Grimme 
züchtige uns nicht. Gott aber antwortete: wozu sind denn 
der Zorn und der Grimm da? Israel antwortet: Schütte 
deinen Grimm aus über die Heiden (Ps. 79, 6). Und Gott 
nimmt ihr Flehen auf u. s. w. 

3. »Sei mir gnädig, denn ich welke dahin.« Dieses gleicht 


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Die altjüdische Schriftauslegung der Psalmen. 455 

einem Menschen , den die Räuber gefangen genommen und 
jeglicher von ihnen schlägt ihn mit Stöcken , mit Steinen 
und mit den Fäusten, und nachdem sie ihn entlassen und er 
sein Haus erreicht, legt er sich aufs Bett, sprechend : meine 
Gebeine sind verdorrt. Auf diese Weise behandeln die Völ- 
ker der Welt Israel unter jeder Monarchie mit mannigfachen 
Verhängnissen und Unterjochungen. 

4. »Es bebet meine Seele, wie lange noch?« Es gleicht 
dieses , sagt R. Kahana , einem Kranken , der auf den Arzt 
wartet. Er erwartet ihn in der vierten , fünften und achten 
Stunde, aber erst beim Sonnenuntergänge langt er an. Da 
sagt er: hättest du noch ein wenig gezögert, so wäre meine 
Seele ausgegangen. Ebenso sagte David : Meine Seele bebet 
sehr; aber du, Gott, der du der Arzt bist, säumest zu mir 
zu kommen. 

11. Beschämt und heftig erschüttert werden sie.« Am 
Tage des Gerichts nimmt Gott die Gerechten und zeigt 
ihnen die leeren Räume der Hölle, sprechend: Hier sind 
noch leere Räume ; da ihr jedoch gute Werke getban habt, 
so ererbet ihr das Paradies. Den Frevlern zeigt er die 
leeren Räume im Paradiese, sprechend: Weil ihr gesündigt, 
wird euch die Hölle zu Theil. 

Psalm IX. 

Almuth laben. Das Geheimniss dem Sohne, d. h. nur 
dem Sohne, d. i. Israel, that er das Geheimniss kund. So 
z. B. das Geheimniss der rothen Kuh, deren Bereiter unrein 
werden, während die Asche der Kuh die Unreinen rein 
macht. Nach einer andern Erklärung bezieht sich dieses 
Geheimniss auf das Weitende, denn es heisst: der Tag der 
Rache ist in meinem Herzen aufbewahrt (Jes. 63, 4). Nach 
einer andern Auslegung sind darunter die geheimen Sünden 
des Sohnes (Israels) zu verstehen, welche Gott am Ver- 
söhnungstage verzeiht. 

7. »Die Feinde hören auf, aber ihre Trümmer bestehen 
ewiglich.« So z. B. Constantinus, der Constantinopel , Ale- 



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456 


M. Heidenheim. 




xander, der Alexandrien, Antiochus,. der Antioch, Felix, 
der Felicia erbaute. 

14. »Canneni« ist mit drei Nun geschrieben, was auf drei 
böse Könige hindeutet, oder auf Sisera, Hamon und Amalek. 

18. Die Bösewicbte kehren zum Scheol zu- 
rück. Rabbi Elieser sagt: Alle Heiden sind von dem An- 
theile an der jenseitigen Welt ausgeschlossen. (Also ganz 
die Ansicht Paulus’, Röm. 1, 20 ff.) Rabbi Josua modifizirt 
indessen diesen Ausspruch dahin, es seien hierunter die 
Frevler der Heiden zu verstehen, da im Texte nicht 
»Hagojim« , sondern einfach »Gojim« stehe. 

P s a 1 m X. 

1. »Herr, warum stehst du fern?* Ein Philosoph 
richtete die folgende Frage an Gamaliel: Kann Jemand 
von euch behaupten, dass Gott euch erlösen werde? Ja, 
antwortete Gamaliel. Philos. Aber es steht ja geschrieben : 
(Hos. 7,5) er hat sich ihrer entledigt. Wer ist es, der die 
Entlassung gibt, nicht der Mann, sondern die Frau (vgl 
Deut. 25, 9. 10)! Gott hat also uns aufgegeben, aber nicht 
wir ihn , und darum sageu wir : Herr, warum stehst du uns 
ferne ? 

Psalm XI. 

1. Bezieht sich auf das Exil Israels, worüber die Natio- 
nen sich freuten. Da aber hier nicht 'TU , sondern TTÜ steht, 
so muss dieser Spottruf als n^ch unten und oben gehend 
erklärt werden. »Wie der Vogel aus seinem Neste, so ent- 
flieht ein Mann aus seinem Wohnorte.« Der Mann ist 
Gott (Exod. 15, 3) und der Wohnort ist der Tempel 
(Ps. 132, 14). Somit ist dieser Spottruf auf Gott zu deuten, 
der ja bildlich »Fels« = »euer Berg« genannt wird. Spot- 
tend also sagen die Völker: »Euer Fels ist wie ein Vogel 
weggeflogen.« 

3. »Denn sie die Grundlagen sind niedergerissen. Wasthut 
der Gerechte?« Die Grundlagen, d. i. der Eben Schethiah, 
worauf der Tempel stand. 


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Die altjüdische Schriftauslegung der Psalmen. 


457 


4. Obwohl aber der Tempel zerstört ist, so bleibt den- 
noch die Schechina daselbst. 

5. »Gott ist in seinem heiligen Tempel.« Auch jetzt noch 
ist Gott in seinem Tempel, obschon er zerstört ist, so ver- 
weilt die Schechinah noch hinter der Westmauer ; denn es 
heisst: »Siehe, er steht hinter unsere? Mauer« (Hhl. 2, 9). 

Psalm XII. 

Hilf, o Herr, denn der Fromme hat aufgehört. 
Ein prophetischer Ausspruch auf die Zeit Hadrians sagt: 
was hat diese Nation für ein Verdienst, dass sie bestehen 
kann? Es gibt unter ihnen Gerechte und solche, die sich 
mit dem Studium der Lehre abmühen. Hierauf unterjochte 
er das Volk, und sie hörten auf in der Lehre zu studiren. 
Dieses voraussehend, sagte David: Hilf, Herr, denn der 
Fromme hat aufgehört! 

9 . mV? cro i. »Kerem« »Weinberg«, wenn Gott den ver- 
achteten (seluth) Weinberg d. i. Israel erheben wird u. s. w. 
Zu lesen wäre demnach st. »Keram« »Kerem«. Seluth = Sal 
rabbinisch niedrig, verachtet. 

Psalm XIII. 

1. Gott bezahlt nach demselben Masse. Viermal heisst 
es in der Schrift wie lange! »Wie lange weigert ihr euch, 
die Gebote zu beobachten (Exod. 16, 28). Wie lange wollt 
ihr widerspenstig sein (Num. 14, 11), und wie lange wollt 
ihr mir nicht glauben (ib.) , wie lange soll die Gemeinde 
dieses Böse thun? (Num. 14, 27.) Diesem entsprechend wird 
Gott Israel den vier Monarchien (Babel, Medien, Griechen- 
land und Rom) überliefern, und sie werden viermal das wie 
lange rufen. Wie lange wirst du unser vergessen (Babylon), 
wie lange willst du dein Angesicht vor uns verbergen (Medien), 
wie lange soll ich meine Augen richten (Griechenland), 
wie lange soll sich der Feind wider mich erheben (Rom)? 


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458 


M. Heidenheim. 


Psalm XIV. 

1. Nabal, der Thor, ist auf Esra zu deuten, weil er viele 
Schandthaten (Nabluth verglichen mit Nabal) verübte. Oder 
man kann auch Laban = Nabal darunter verstehen. 

4. »Wissen nicht alle Uebelthäter, die das Brod meines 
Volkes verzehren?« Samuel deutete diesen Vers auf die 
Nationen, welche, als sie in den Tempel einzogen, die für 
das tägliche Opfer bestimmten Lämmer schlachteten nnd 
assen, und auch das Schaubrod verzehrten. 

7. »Möchte doch aus Zion Israels Heil kommen.« Zwei- 
mal kommt dieser Ausdruck vor, denn zweimal, am Morgen 
und Abend, sagen die Kinder: »Hilf uns, Herr unsers 
Heils.« (Hoschienu klingt fast wie Hosanna und das erinnert 
an das Hosanna, welches die Kinder im Tempel anstimmten 
(Matt. 21, 15). 

Psalm XV. 

»Herr, wer kann sich in deinem Zelte auf- 
h alten.« Es spricht Jehova, von dem es heisst, in Zion 
habe er ein Feuer und in Jerusalem einen Kalkofen (Jes. 31,9). 
Ferner heisst es: Ich werde euch eine Feuermauer ringsum 
sein (Secharjah 2, 9). Wenn Feuer von aussen und die 
Glorie von innen ist, wer kann sich im Tempel aufhalten? 
Nur Gott allein kann darin weilen, denn von ihm kann 
nur gesagt werden, er wandelt vollkommen und übt Ge- 
rechtigkeit, denn es heisst »der Fels, vollkommen ist sein 
Werk« (Deut 33, 1). 

Psalm XVI. 

8. »Ich habe mir Jehovah stets vorgesetzt« 
d. i. was die Schrift (vom Könige) sagt (Deut. 17, 8): Er 
schrieb sich zwei Exemplare der Torah, wovon er das eine 
mitnehme, wenn er ausgeht, und das andere in seinem 
Schatzhause bewahre. Die Torah , welche er mit sich tragt, 
soll er gleich einem Amulette an seinen Arm hängen, denn 
es heisst: »ich habe Jehovah mir stets vorgesetzt« 

10. Darum freut sich mein Geist und froh- 
locket mein Herz. Mein Herz erfreut sich an den Wor- 



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Die altjüdischc Schriftauslegung der Psalmen. 


459 


ten der Lehre und es frohlocket meine Ehrbegier, dass 
derKönig Messias einst von mir erstehen wird. 
Denn es heisst: über jede Ehre ist eine Decke ausgebreitet 
(Jes. 4. 5). 

11. Denn nicht wirst du meine Seele der Hölle 
überlassen. Gott wird Gerechter genannt (vgl. Jer. 3, 1 1), 
ebenso David (Ps. 86, 2) »Deinen Gerechten wirst du nicht 
die Grube sehen lassen.« (Auch der Midrasch hat die Lesart 
JTtr wie Apostelgesch. 2, 31.) 

Psalm XVII.. 

2. Von dir geht mein Urtheil aus. David sagte 
zu Gott : Ich bin König und du bist König ; es geziemt auch 
nur dem Könige, dass er den König richte; darum heisst 
es : von dir geht mein Urtheil aus. 

7. Du errettest deine Frommen wunderbar. 
Wenn der Mensch seines Weges geht, schreiten Engel ihm 
voran und rufen: Machet Platz vor dem Ebenbilde Gottes! 

13. Auf, Herr, komm zuvor ihm, streck’ ihn 
nieder! Fünfmal rief David im Psalmbuche: Auf, Herr! 
Viermal wegen der vier Reiche, die, wie er es im heiligen 
Geiste voraussah , Israel unterjochen werden. Aber das 
fünfte Mal wegen des Königs Gog und Magog, der Israel 
mit Gewalt überfallen wird ; -darum rief er aus : »Auf, Herr, 
erhebe deine Hand« (Ps. 10, 12). 

14. Von den Menschen mit deinem Arme u. s.w. 
»Mimthim« nimmt der Midrasch in der Bedeutung von 
»Helden« und verweist auf Deut 2, 34, und bezieht die 
Stelle auf Nebucadnezar. 

Die Söhne werden gesättigt. Dieses geht auf 
Remus und Romulus, denen Gott eine Wölfin gesendet, 
die sie säugte, bis sie heranwuchsen und grosse Könige 
wurden. 

15. »Durch Gerechtigkeit werde ich dein Angesicht 
schauen.« Beachten wir, welche Macht die Gerechtigkeit 
(d. h. das Almosenspenden) übt. Wenn Jemand dem Armen 



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460 


M. Heidenhehn. 


einen Heller gibt, so erlangt er hierdurch das Angesicht 
der Schechina zu schauen. Will eine Fürstin den König 
sehen, so schmückt sie sich mit einer Krone. Ganz das- 
selbe bewirkt das Almosengeben ; darum sagt David : Durch 
Gerechtigkeit (d. h. Almosen) werde ich dein Angesicht 
schauen. 

Psalm XVHI. 

1. »Dem Diener Gottes.« Wer Busse thut. heisst ein 
Diener Gottes. Wer sich einen Diener nennt, den nennt 
auch Gott einen Diener. Abraham nannte sich Diener, »ziehe 
nicht vorüber vor deinem Knechte« (Gen. 18, 3), und Gott 
nennt ihn Diener: »Wegen Abrahams meines Dieners« 
(Gen. 26, 24). Jakob nannte sich Diener: »Zu geringe bin 
ich für alle die Gnaden , welche du deinem Diener erwiesen 
hast« (Gen. 32, 11). Gott nannte ihn Diener: »Fürchte dich 
nicht, mein Diener Jakob« (Jes. 44, 2) u. s. w. ' 

lb. »Da er gesprochen hatte die Worte dieses Liedes 
vor Gott.« Rabbi Judan sagte: das ist es, was geschrieben 
steht: »Einem Zeichen gleich war ich Vielen« (Ps. 71,7). 
Es sprach David: gleich wie ich nicht einen Gesang ange- 
stimmt habe , bis ich verschmäht wurde , *) Vier vor mir *) 
und auch die Fingermänner 3 ) vor mir gefallen waren; 
ebenso werden auch die Israeliten keinen Gesang anstim- 
men, bis sie verschmäht wurden, Vier vor ihnen gefallen 
sind, und bis sie die Fingermänner getödtet haben. Das 
heisst also, wie ein Vorzeichen war ich Vielen (den Israe- 
liten). Ebenso wird es sich zutragen zur Zeit der Ankunft 
des Messias. Nicht wird man dann einen Gesang anstimmen, 
1) bis der Messias verschmäht wird, denn es heisst: 
»Die da verschmäht haben die Fusstritte deines Gesalbten* 
(Ps. 89, 52) ; 2) bis der Mann der Finger vor ihm gefallen 
ist. Dieses ist das sündhafte Reich, denn es heisst: »Und 
die Zehen einiger von ihnen waren von Eisen u. s. w.« 
(Dan. 2, 42); 3) bis die vier Reiche vor ihm gefallen sind, 


*) 1. Sam. 17, 25. *) 2. Sam. 2, 22. ») 2. Sam. 21, 20. 

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Die altjüdische Schriftauslegung der Psalmen. 461 

denn es heisst: »Und ich werde alle Völker gegen Jerusalem 
zur Schlacht einsammeln« (Sah. 14,2). »Dann wird Jehovah *) 
ausziehen und gegen sie streiten« (ib. 14, 3). In jener Stunde 
wird ein neuer Gesang angestimmt, denn es heisst: »Singet 
Jehovah ein neues Lied« (Ps. 98, 1). 

Nach einer andern Auslegung hat man Ps. 98, 2 auf fol- 
gende Weise zu erklären. Rabbi Simon sagt: Wer einen 
Gesang anstimmt, dem ist ein Wunder gewirkt worden, 
seine Sünden wurden ihm vergeben und er ist 
eine neue Creatur 2 ) (PltiTin PP^O) geworden. Als 
den Israeliten ein Wunder gewirkt wurde und sie einen 
Gesang anstimmten, wurden ihnen alle ihre Sünden ver- 
geben, denn es heisst: »Und Moses zog Israel aus dem 
Schilfmeere, d. h. er hat sie gezogen (SFOrittf) aus ihren 
Sünden« 3 ) (Exod. 15, 22). Am Meere sündigten sie, denn 
es heisst: »Und am Schilfmeere waren sie widerspenstig« 
(107, 7). Ebenso findest du es auch in den Tagen Debo- 
rah’s und Barak’s. Auch damals wurde den Israeliten ein 
Wunder gewirkt und sie stimmten einen Lobgesang an 
(Jud. 5, 1 ff.) Und woher weisst du , dass ihnen auch damals 
die Sünden vergeben wurden , denn es heisst darauf: »Und 
die Israeliten thaten (wiederum) Böses in den Augen Gottes« 
(Jud. 6, 1). So geschah es auch an David , denn ihm wurde 
ein Wunder gewirkt und er stimmte einen Lobgesang an 
(2. Sam. 22, 1). Woher weisst du aber, dass ihm damals 
die Sünden vergeben wurden? Weil es darauf heisst: Und 
dieses sind die letzten Werke (Thaten) Dävid’s (2. Sam. 23, 1). 
Daraus ist zu schliessen, dass ihm die früheren Thaten 
vergeben wurden. 

*) Also sind ihm Jehovah und Messias eine und dieselbe Persön- 
lichkeit, da ja der Messias die vier Reiche zerstören soll. 

*) Also auch im alten Judenthume wird die Wiedergeburt als Folge 
der Sündenvergebung gelehrt, und was Simon hierüber vorträgt, muss 
schon zur Zeit Christi eine bekannte Lehre gewesen sein , wie diess aus 
Joh. 3, 10 zu schliessen. Die uns hier aufbewahrte altjüdische Lehre 
beweist, wie gerechtfertigt der Vorwurf war. 

•) Das stimmt also ganz zu 1. Cor. 10, 2. 

Vlerteljfthrsschrift. IV. 4. ^1 


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462 


M. Heidenheim. 


»Ich will dich lieben, Gott, meine Stärke.« 
□PH ist hier »lieben« zu übersetzen, da das Targum zu 
Deut. 6, 5 rorttfl durch DPnFVI wiedergibt. Andere Erklä- 
rungen sind die folgenden: Ich verkündige dich, du Bans- 
herziger und Gnädiger , und ich will dich mit Barmherzig- 
keit gegen deine Geschöpfe erfüllen und ich liebe dich 
deiner Geschöpfe halber! 

5. Lies nicht sondern die Bedrängnisse 

umflatterten mich wie ein Vogel. Andere betrachteten es 
als Denominativum von »Bedrängnisse befielen mich, 

wie ein Wagen mit Rädern.« Noch viel weitere Spielereien 
gestatten sich Andere , indem sie es geradezu von PL23 »hin 
und herwenden« ableiten und David sagen lassen: «Nach 
dieser und jener Seite hin habe ich mich gewendet und 
keinen Erlöser ausser dir gefunden.« Ferner ward: das 
Ganze auf die Leiden gedeutet, welche durch Babel, Medien, 
Javan und Edpm über Israel verhängt werden. 

8. Elias wird hier mehrfach als den Rabbinen erschei- 
nend und Fragen an sie richtend angeführt. So z. B. fragt 
er den Rabbi Nehory: Warum sendet Gott Stürme? Weil 
der Zehente nicht gehörig verabreicht wird. Warum, fragt 
Elias abermals den genannten Lehrer, schuf Gott die Wür- 
mer? Deren Schöpfung, antwortete Nehory, war eine Noth- 
wendigkeit, denn so oft die Geschöpfe sündigen, blickt Gott 
auf das Gewürm und sagt: ich erhalte ja Geschöpfe, die 
nutzlos sind, um wie viel mehr muss ich die Menschheit 
erhalten 1 welche nützlich ist. 

9 — 12. Wenn irgend ein Passus in dieser alten Aus- 
legung uns überzeugen kann, wie weit sich der eine oder 
der andere dieser Erklärer durch kühne Bemerkungen fort- 
reissen liess, so ist es dieser. Jehovah muss mit Pharaoh 
einen Wettkampf anstellen. Als Reiter kann er den König 
Egyptens nur dann erst besiegen, als er sein Pferd mit 
einem Cherub vertauschte. Anständiger und weniger gottes- 
lästerlich wäre es gewesen, hätte man sich die folgende 
Parabel, welche das Ganze scldiesst, vorangestellt: »Einst 


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Die altjQdische Schriftauslegung der Psalmen. 


463 


führten die Sabbäer die Kinder des Königs in die Gefan- 
genschaft. Da nahmen seine Diener den Wagen und setzten 
ihnen nach; aber der König sagte: Wenn ich warte, bis 
sie den Wagen herausbringen, so geben meine Söhne zu 
Grunde. Was that der König? Er nahm ein Pferd aus dem 
Stalle und verfolgte die Feinde. So that Gott, er nahm 
einen Cherub von seinem herrlichen Throne, ritt auf dem- 
selben und stritt mit den Egyptern, denn es heisst: er 
ritt auf einem Cherub.« 

12. »Finstere Wasser, dicke Wolken.«' Nehemiah sagt: 
die Erde wird von dem Oceane bewässert. Sind aber die 
Wasser des Oceans nicht salzig? wendete Rabbi Josua ein. 
Sie werden aber durch die Wolken versüsst, antwortete 
Nehemiah. Warum heissen sie Schechakim? fragte Resch 
Lakish. Weil diese mit jenen vermischt